Aber höret mich weiter. Ist einer unecht geboren,

Sei er ruhig darüber, was kann er weiter zur Sache?

Denn ich meine nur so, versteht mich. Wird sich ein solcher

Nur mit Demut betragen und nicht durch eitles Benehmen

Andre reizen, so fällt es nicht auf, und hätte man unrecht,

Über dergleichen Leute zu reden. Es macht die Geburt uns

Weder edel noch gut, noch kann sie zur Schande gereichen.

Aber Tugend und Laster, sie unterscheiden die Menschen.

Gute, gelehrte geistliche Männer, man hält sie, wie billig,

Hoch in Ehren, doch geben die bösen ein böses Exempel.

Predigt so einer das Beste, so sagen doch endlich die Laien:

Spricht er das Gute und tut er das Böse, was soll man erwählen?

Auch der Kirche tut er nichts Gutes, er prediget jedem:

Leget nur aus und bauet die Kirche; das rat ich, ihr Lieben,

Wollt ihr Gnade verdienen und Ablaß! so schließt er die Rede,

Und er legt wohl wenig dazu, ja gar nichts, und fiele

Seinetwegen die Kirche zusammen. So hält er denn weiter

Für die beste Weise zu leben, sich köstlich zu kleiden,

Lecker zu essen. Und hat sich so einer um weltliche Sachen

Übermäßig bekümmert, wie will er beten und singen?

Gute Priester sind täglich und stündlich im Dienste des Herren

Fleißig begriffen und üben das Gute; der heiligen Kirche

Sind sie nütze, sie wissen die Laien durch gutes Exempel

Auf dem Wege des Heils zur rechten Pforte zu leiten.

Aber ich kenne denn auch die Bekappten; sie plärren und plappern

Immer zum Scheine so fort und suchen immer die Reichen,

Wissen den Leuten zu schmeicheln und gehn am liebsten zu Gaste.

Bittet man einen, so kommt auch der zweite; da finden sich weiter

Noch zu diesen zwei oder drei. Und wer in dem Kloster

Gut zu schwatzen versteht, der wird im Orden erhoben,

Wird zum Lesemeister, zum Kustos oder zum Prior.

Andere stehen beiseite. Die Schüsseln werden gar ungleich

Aufgetragen. Denn einige müssen des Nachts in dem Chore

Singen, lesen, die Gräber umgehn; die anderen haben

Guten Vorteil und Ruh und essen die köstlichen Bissen.

Und die Legaten des Papstes, die äbte, Pröpste, Prälaten,

Die Beguinen und Nonnen, da wäre vieles zu sagen!

Überall heißt es: Gebt mir das Eure und laßt mir das Meine.

Wenige finden sich wahrlich, nicht sieben, welche der Vorschrift

Ihres Ordens gemäß ein heiliges Leben beweisen.

Und so ist der geistliche Stand gar schwach und gebrechlich.

Oheim! sagte der Dachs: ich find es besonders, Ihr beichtet

Fremde Sünden. Was will es Euch helfen? Mich dünket, es wären

Eurer eignen genug. Und sagt mir, Oheim, was habt Ihr

Um die Geistlichkeit Euch zu bekümmern, und dieses und jenes?

Seine Bürde mag jeglicher tragen, und jeglicher gebe

Red und Antwort, wie er in seinem Stande die Pflichten

Zu erfüllen strebt; dem soll sich niemand entziehen,

Weder Alte noch Junge, hier außen oder im Kloster.

Doch Ihr redet zu viel von allerlei Dingen und könntet

Mich zuletzt zum Irrtum verleiten. Ihr kennet vortrefflich,

Wie die Welt nun besteht und alle Dinge sich fügen;

Niemand schickte sich besser zum Pfaffen. Ich käme mit andern

Schafen, zu beichten bei Euch und Eurer Lehre zu horchen,

Eure Weisheit zu lernen; denn freilich muß ich gestehen:

Stumpf und grob sind die meisten von uns und hättens vonnöten.

Also hatten sie sich dem Hofe des Königs genähert.

Reineke sagte: So ist es gewagt! und nahm sich zusammen.

Und sie begegneten Martin, dem Affen, der hatte sich eben

Aufgemacht und wollte nach Rom; er grüßte die beiden.

Lieber Oheim, fasset ein Herz! so sprach er zum Fuchse,

Fragt' ihn dieses und jenes, obschon ihm die Sache bekannt war.

Ach, wie ist mir das Glück in diesen Tagen entgegen!

Sagte Reineke drauf da haben mich etliche Diebe

Wieder beschuldigt, wer sie auch sind, besonders die Krähe

Mit dem Kaninchen; sein Weib verlor das eine, dem andern

Fehlt ein Ohr. Was kümmert mich das? Und könnt ich nur selber

Mit dem Könige reden, sie beide solltens empfinden.

Aber mich hindert am meisten, daß ich im Banne des Papstes

Leider noch bin. Nun hat in der Sache der Dompropst die Vollmacht,

Der beim Könige gilt. Und in dem Banne befind ich

Mich um Isegrims willen, der einst ein Klausner geworden,

Aber dem Kloster entlief, von Elkmar, wo er gewohnet.

Und er schwur, so könnt er nicht leben, man halt ihn zu strenge,

Lange könn er nicht fasten und könne nicht immer so lesen.

Damals half ich ihm fort. Es reut mich; denn er verleumdet

Mich beim Könige nun und sucht mir immer zu schaden.

Soll ich nach Rom? Wie werden indes zu Hause die Meinen

In Verlegenheit sein! Denn Isegrim kann es nicht lassen,

Wo er sie findet, beschädigt er sie. Auch sind noch so viele,

Die mir übels gedenken und sich an die Meinigen halten.

Wär ich aus dem Banne gelöst, so hätt ich es besser,

Könnte gemächlich mein Glück bei Hofe wieder versuchen.

Martin versetzte: Da kann ich Euch helfen, es trifft sich! Soeben

Geh ich nach Rom und nütz Euch daselbst mit künstlichen Stücken.

Unterdrücken laß ich Euch nicht! Als Schreiber des Bischofs,

Dünkt mich, versteh ich das Werk. Ich schaffe, daß man den Dompropst

Grade nach Rom zitiert, da will ich gegen ihn fechten.

Seht nur, Oheim, ich treibe die Sache und weiß sie zu leiten;

Exequieren laß ich das Urteil, Ihr werdet mir sicher

Absolviert, ich bring es Euch mit; es sollen die Feinde

Übel sich freun und ihr Geld zusamt der Mühe verlieren:

Denn ich kenne den Gang der Dinge zu Rom und verstehe,

Was zu tun und zu lassen. Da ist Herr Simon, mein Oheim,

Angesehn und mächtig; er hilft den guten Bezahlern.

Schalkefund, das ist ein Herr! und Doktor Greifzu und andre,

Wendemantel und Losefund hab ich alle zu Freunden.

Meine Gelder schickt ich voraus; denn, seht nur, so wird man

Dort am besten bekannt. Sie reden wohl von Zitieren:

Aber das Geld begehren sie nur. Und wäre die Sache

Noch so krumm, ich mache sie grad mit guter Bezahlung.

Bringst du Geld, so findest du Gnade; sobald es dir mangelt,

Schließen die Türen sich zu. Ihr bleibet ruhig im Lande;

Eurer Sache nehm ich mich an, ich löse den Knoten.

Geht nur nach Hofe, Ihr werdet daselbst Frau Rückenau finden,

Meine Gattin; es liebt sie der König, unser Gebieter,

Und die Königin auch, sie ist behenden Verstandes.

Sprecht sie an, sie ist klug, verwendet sich gerne für Freunde.

Viele Verwandte findet Ihr da. Es hilft nicht immer,

Recht zu haben. Ihr findet bei ihr zwei Schwestern, und meiner

Kinder sind drei, daneben noch manche von Eurem Geschlechte,

Euch zu dienen bereit, wie Ihr es immer begehret.

Und versagte man Euch das Recht, so sollt Ihr erfahren,

Was ich vermag. Und wenn man Euch druckt, berichtet mirs eilig!

Und ich lasse das Land in Bann tun, den König und alle

Weiber und Männer und Kinder. Ein Interdikt will ich senden,

Singen soll man nicht mehr, noch Messe lesen, noch taufen,

Noch begraben, was es auch sei. Des tröstet Euch, Neffe!

Denn der Papst ist alt und krank und nimmt sich der Dinge

Weiter nicht an, man achtet ihn wenig. Auch hat nun am Hofe

Kardinal Ohnegenüge die ganze Gewalt, der ein junger

Rüstiger Mann ist, ein feuriger Mann von schnellem Entschlusse.

Dieser liebt ein Weib, das ich kenne; sie soll ihm ein Schreiben

Bringen, und was sie begehrt, das weiß sie trefflich zu machen.

Und sein Schreiber Johannes Partey, der kennt aufs genauste

Alte und neue Münze; dann Horchegenau, sein Geselle,

Ist ein Hofmann; Schleifenundwenden ist Notarius.

Bakkalaureus beider Rechte, und bleibt er nur etwa

Noch ein Jahr, so ist er vollkommen in praktischen Schriften.

Dann sind noch zwei Richter daselbst, die heißen Moneta

Und Donarius; sprechen sie ab, so bleibt es gesprochen.

So verübt man in Rom gar manche Listen und Tücken,

Die der Papst nicht erfährt. Man muß sich Freunde verschaffen!

Denn durch sie vergibt man die Sünden und löset die Völker

Aus dem Banne. Verlaßt Euch darauf, mein wertester Oheim!

Denn es weiß der König schon lang, ich laß Euch nicht fallen;

Eure Sache führ ich hinaus und bin es vermögend.

Ferner mag er bedenken, es sind gar viele den Affen

Und den Füchsen verwandt, die ihn am besten beraten,

Und das hilft Euch gewiß, es gehe, wie es auch wolle.

Reineke sprach: Das tröstet mich sehr; ich denk es Euch wieder,

Komm ich diesmal nur los. Und einer empfahl sich dem andern.

Ohne Geleit ging Reineke nun mit Grimbart, dem Dachse,

Nach dem Hofe des Königs, wo man ihm übel gesinnt war.

Neunter Gesang

Reineke war nach Hofe gelangt, er dachte die Klagen

Abzuwenden, die ihn bedrohten. Doch als er die vielen

Feinde beisammen erblickte, wie alle standen und alle

Sich zu rächen begehrten und ihn am Leben zu strafen,

Fiel ihm der Mut; er zweifelte nun, doch ging er mit Kühnheit

Grade durch alle Baronen, und Grimbart ging ihm zur Seite.

Sie gelangten zum Throne des Königs, da lispelte Grimbart:

Seid nicht furchtsam Reineke, diesmal; gedenket: dem Blöden

Wird das Glück nicht zuteil, der Kühne sucht die Gefahr auf

Und erfreut sich mit ihr; sie hilft ihm wieder entkommen.

Reineke sprach: Ihr sagt mir die Wahrheit, ich danke zum schönsten

Für den herrlichen Trost, und komm ich wieder in Freiheit,

Werd ichs gedenken. Er sah nun umher, und viele Verwandte

Fanden sich unter der Schar, doch wenige Gönner, den meisten

Pflegt' er übel zu dienen; ja, unter den Ottern und Bibern,

Unter Großen und Kleinen trieb er sein schelmisches Wesen.

Doch entdeckt' er noch Freunde genug im Saale des Königs.

Reineke kniete vorm Throne zur Erden und sagte bedächtig:

Gott, dem alles bekannt ist und der in Ewigkeit mächtig

Bleibt, bewähr Euch, mein Herr und König, bewahre nicht minder

Meine Frau, die Königin, immer, und beiden zusammen

Geb er Weisheit und gute Gedanken, damit sie besonnen

Recht und Unrecht erkennen; denn viele Falschheit ist jetzo

Unter den Menschen im Gange. Da scheinen viele von außen,

Was sie nicht sind. O hätte doch jeder am Vorhaupt geschrieben,

Wie er gedenkt, und säh es der König! da würde sich zeigen,

Daß ich nicht lüge und daß ich Euch immer zu dienen bereit bin.

Zwar verklagen die Bösen mich heftig; sie möchten mir gerne

Schaden und Eurer Huld mich berauben, als wär ich derselben

Unwert. Aber ich kenne die strenge Gerechtigkeitsliebe

Meines Königs und Herrn, denn ihn verleitete keiner

Je, die Wege des Rechtes zu schmälern; so wird es auch bleiben.

Alles kam und drängte sich nun, ein jeglicher mußte

Reinekens Kühnheit bewundern, es wünscht' ihn jeder zu hören;

Seine Verbrechen waren bekannt, wie wollt er entrinnen?

Reineke, Bösewicht! sagte der König: für diesmal erretten

Deine losen Worte dich nicht, sie helfen nicht länger

Lügen und Trug zu verkleiden, nun bist du ans Ende gekommen.

Denn du hast die Treue zu mir, ich glaube, bewiesen

Am Kaninchen und an der Krähe! Das wäre genugsam.

Aber du übest Verrat an allen Orten und Enden;

Deine Streiche sind falsch und behende, doch werden sie nicht mehr

Lange dauern, denn voll ist das Maß, ich schelte nicht länger.

Reineke dachte: Wie wird es mir gehn? O hätt ich nur wieder

Meine Behausung erreicht! Wo will ich Mittel ersinnen?

Wie es auch geht, ich muß nun hindurch, versuchen wir alles.

Mächtiger König, edelster Fürst! so ließ er sich hören:

Meint Ihr, ich habe den Tod verdient, so habt Ihr die Sache

Nicht von der rechten Seite betrachtet; drum bitt ich, Ihr wollet

Erst mich hören. Ich habe ja sonst Euch nützlich geraten,

In der Not bin ich bei Euch geblieben, wenn etliche wichen,

Die sich zwischen uns beide nun stellen zu meinem Verderben

Und die Gelegenheit nützen, wenn ich entfernt bin. Ihr möget,

Edler König, hab ich gesprochen, die Sache dann schlichten;

Werd ich schuldig befunden, so muß ich es freilich ertragen.

Wenig habt Ihr meiner gedacht, indes ich im Lande

Vieler Orten und Enden die sorglichste Wache gehalten.

Meint Ihr, ich wäre nach Hofe gekommen, wofern ich mich schuldig

Wußte groß- oder kleiner Vergehn? Ich würde bedächtig

Eure Gegenwart fliehn und meine Feinde vermeiden.

Nein, mich hätten gewiß aus meiner Feste nicht sollen

Alle Schätze der Welt hierher verleiten; da war ich

Frei auf eigenem Grund und Boden. Nun bin ich mir aber

Keines übels bewußt, und also bin ich gekommen.

Eben stand ich, Wache zu halten; da brachte mein Oheim

Mir die Zeitung, ich solle nach Hof. Ich hatte von neuem,

Wie ich dem Bann mich entzöge, gedacht, darüber mit Martin

Vieles gesprochen, und er gelobte mir heilig, er wolle

Mich von dieser Bürde befrein. Ich werde nach Rom gehn,

Sagt' er, und nehme die Sache von nun an völlig auf meine

Schultern, geht nur nach Hofe, des Bannes werdet Ihr ledig.

Sehet, so hat mir Martin geraten, er muß es verstehen:

Denn der vortreffliche Bischof, Herr Ohnegrund, braucht ihn beständig;

Schon fünf Jahre dient er demselben in rechtlichen Sachen.

Und so kam ich hieher und finde Klagen auf Klagen.

Das Kaninchen, der äugler, verleumdet mich; aber es steht nun

Reineke hier: so tret er hervor mir unter die Augen!

Denn es ist freilich was leichtes, sich über Entfernte beklagen

Aber man soll den Gegenteil hören, bevor man ihn richtet.

Diese falschen Gesellen, bei meiner Treue! sie haben

Gutes genossen von mir, die Krähe mit dem Kaninchen:

Denn vorgestern am Morgen in aller Frühe begegnet'

Mir das Kaninchen und grüßte mich schön; ich hatte soeben

Vor mein Schloß mich gestellt und las die Gebete des Morgens.

Und er zeigte mir an, er gehe nach Hofe; da sagt ich:

Gott begleit Euch! Er klagte darauf. Wie hungrig und müde

Bin ich geworden! Da fragt ich ihn freundlich: Begehrt Ihr zu essen?

Dankbar nehm ich es an, versetzt' er. Aber ich sagte:

Geb ichs doch gerne. So ging ich mit ihm und bracht ihm behende

Kirschen und Butter: ich pflege kein Fleisch am Mittwoch zu essen.

Und er sättigte sich mit Brot und Butter und Früchten.

Aber es trat mein Söhnchen, das jüngste, zum Tische, zu sehen,

Ob was übriggeblieben: denn Kinder lieben das Essen;

Und der Knabe haschte darnach. Da schlug das Kaninchen

Hastig ihn über das Maul, es bluteten Lippen und Zähne.

Reinhart, mein andrer, sah die Begegnung und faßte den äugler

Grad an der Kehle, spielte sein Spiel und rächte den Bruder.

Das geschah, nicht mehr und nicht minder. Ich säumte nicht lange,

Lief und strafte die Knaben und brachte mit Mühe die beiden

Auseinander. Kriegt er was ab, so mag er es tragen,

Denn er hatte noch mehr verdient; auch wären die Jungen,

Hätt ich es übel gemeint, mit ihm wohl fertig geworden.

Und so dankt er mir nun! Ich riß ihm, sagt er, ein Ohr ab;

Ehre hat er genossen und hat ein Zeichen behalten.

Ferner kam die Krähe zu mir und klagte: die Gattin

Hab er verloren, sie habe sich leider zu Tode gegessen,

Einen ziemlichen Fisch mit allen Gräten verschlungen;

Wo es geschah, das weiß er am besten. Nun sagt er: ich habe

Sie gemordet; er tat es wohl selbst, und würde man ernstlich

Ihn verhören, dürft ich es tun, er spräche wohl anders.

Denn sie fliegen, es reichet kein Sprung so hoch, in die Lüfte.

Will nun solcher verbotenen Taten mich jemand bezüchten,

Tu ers mit redlichen, gültigen Zeugen: denn also gehört sichs,

Gegen edle Männer zu rechten; ich müßt es erwarten.

Aber finden sich keine, so gibts ein anderes Mittel.

Hier! Ich bin zum Kampfe bereit! Man setze den Tag an

Und den Ort. Es zeige sich dann ein würdiger Gegner,

Gleich mit mir von Geburt, ein jeder führe sein Recht aus.

Wer dann Ehre gewinnt, dem mag sie bleiben. So hat es

Immer zu Rechte gegolten, und ich verlang es nicht besser.

Alle standen und hörten und waren über die Worte

Reinekens höchlich verwundert, die er so trotzig gesprochen.

Und es erschraken die beiden, die Krähe mit dem Kaninchen,

Räumten den Hof und trauten nicht weiter ein Wörtchen zu sprechen,

Gingen und sagten untereinander: Es wäre nicht ratsam,

Gegen ihn weiter zu rechten. Wir möchten alles versuchen,

Und wir kämen nicht aus. Wer hats gesehen? Wir waren

Ganz allein mit dem Schelm; wer sollte zeugen? Am Ende

Bleibt der Schaden uns doch. Für alle seine Verbrechen

Warte der Henker ihm auf und lohn ihm, wie ers verdiente!

Kämpfen will er mit uns? das möcht uns übel bekommen.

Nein, fürwahr, wir lassen es lieber. Denn falsch und behende,

Lose und tückisch kennen wir ihn. Es wären ihm wahrlich

Unser fünfe zu wenig, wir müßten es teuer bezahlen.

Isegrim aber und Braunen war übel zumute; sie sahen

Ungern die beiden von Hofe sich schleichen. Da sagte der König:

Hat noch jemand zu klagen, der komme! Laßt uns vernehmen!

Gestern drohten so viele, hier steht der Beklagte! wo sind sie?

Reineke sagte: So pflegt es zu gehn, man klagt und beschuldigt

Diesen und jenen; doch stünde er dabei, man bliebe zu Hause.

Diese losen Verräter, die Krähe mit dem Kaninchen,

Hätten mich gern in Schande gebracht und Schaden und Strafe,

Aber sie bitten mirs ab, und ich vergebe; denn freilich,

Da ich komme, bedenken sie sich und weichen zur Seite.

Wie beschämt ich sie nicht! Ihr sehet, wie es gefährlich

Ist, die losen Verleumder entfernter Diener zu hören;

Sie verdrehen das Rechte und sind den Besten gehässig.

Andre dauern mich nur, an mir ist wenig gelegen.

Höre mich, sagte der König darauf: du loser Verräter!

Sage, was trieb dich dazu, daß du mir Lampen, den treuen,

Der mir die Briefe zu tragen pflegte, so schmählich getötet?

Hatt ich nicht alles vergeben, so viel du immer verbrochen?

Ränzel und Stab empfingst du von mir, so warst du versehen,

Solltest nach Rom und über das Meer; ich gönnte dir alles,

Und ich hoffte Beßrung von dir. Nun seh ich zum Anfang,

Wie du Lampen gemordet; es mußte Bellyn dir zum Boten

Dienen, der brachte das Haupt im Ränzel getragen und sagte

Öffentlich aus, er bringe mir Briefe, die ihr zusammen

Ausgedacht und geschrieben, er habe das Beste geraten.

Und im Ränzel fand sich das Haupt, nicht mehr und nicht minder.

Mir zum Hohne tatet ihr das. Bellynen behielt ich

Gleich zum Pfande, sein Leben verlor er; nun geht es an deines.

Reineke sagte: Was hör ich? Ist Lampe tot? und Bellynen

Find ich nicht mehr? Was wird nun aus mir? O wär ich gestorben!

Ach, mit beiden geht mir ein Schatz, der größte, verloren!

Denn ich sandt Euch durch sie Kleinode, welche nicht besser

Über der Erde sich finden. Wer sollte glauben, der Widder

Würde Lampen ermorden und Euch der Schätze berauben?

Hüte sich einer, wo niemand Gefahr und Tücke vermutet.

Zornig hörte der König nicht aus, was Reineke sagte,

Wandte sich weg nach seinem Gemach und hatte nicht deutlich

Reinekens Rede vernommen, er dacht ihn am Leben zu strafen;

Und er fand die Königin eben in seinem Gemache

Mit Frau Rückenau stehn. Es war die äffin besonders

König und Königin lieb. Das sollte Reineken helfen.

Unterrichtet war sie und klug und wußte zu reden;

Wo sie erschien, sah jeder auf sie und ehrte sie höchlich.

Diese merkte des Königs Verdruß und sprach mit Bedachte

Wenn Ihr, gnädiger Herr, auf meine Bitte zuweilen

Hörtet, gereut' es Euch nie, und Ihr vergabt mir die Kühnheit,

Wenn Ihr zürntet, ein Wort gelinder Meinung zu sagen.

Seid auch diesmal geneigt, mich anzuhören, betrifft es

Doch mein eignes Geschlecht! Wer kann die Seinen verleugnen?

Reineke, wie er auch sei, ist mein Verwandter, und soll ich,

Wie sein Betragen mir scheint, aufrichtig bekennen: ich denke,

Da er zu Rechte sich stellt, von seiner Sache das Beste.

Mußte sein Vater doch auch, den Euer Vater begünstigt,

Viel von losen Mäulern erdulden und falschen Verklägern!

Doch beschämt' er sie stets. Sobald man die Sache genauer

Untersuchte, fand es sich klar: die tückischen Neider

Suchten Verdienste sogar als schwere Verbrechen zu deuten.

So erhielt er sich immer in größerem Ansehn bei Hof, als

Braun und Isegrim jetzt: denn diesen wäre zu wünschen,

Daß sie alle Beschwerden auch zu beseitigen wüßten,

Die man häufig über sie hört; allein sie verstehen

Wenig vom Rechte, so zeigt es ihr Rat, so zeigt es ihr Leben.

Doch der König versetzte darauf: Wie kann es Euch wundern,

Daß ich Reineken gram bin, dem Diebe, der mir vor kurzem

Lampen getötet, Bellynen verführt und frecher als jemals

Alles leugnet und sich als treuen und redlichen Diener

Anzupreisen erkühnt, indessen alle zusammen

Laute Klagen erheben und nur zu deutlich beweisen,

Wie er mein sicher Geleite verletzt und wie er mit Stehlen,

Rauben und Morden das Land und meine Getreuen beschädigt.

Nein! ich duld es nicht länger! Dagegen sagte die äffin:

Freilich ists nicht vielen gegeben, in jeglichen Fällen

Klug zu handeln und klug zu raten, und wem es gelinget,

Der erwirbt sich Vertrauen; allein es suchen die Neider

Ihm dagegen heimlich zu schaden, und werden sie zahlreich,

Treten sie öffentlich auf. So ist es Reineken mehrmals

Schon ergangen; doch werden sie nicht die Erinnrung vertilgen,

Wie er in Fällen Euch weise geraten, wenn alle verstummten.

Wißt Ihr noch? vor kurzem geschahs. Der Mann und die Schlange

Kamen vor Euch, und niemand verstund die Sache zu schlichten;

Aber Reineke fands, Ihr lobtet ihn damals vor allen.

Und der König versetzte nach kurzem Bedenken dagegen:

Ich erinnre der Sache mich wohl, doch hab ich vergessen,

Wie sie zusammenhing; sie war verworren, so dünkt mich.

Wißt Ihr sie noch, so laßt sie mich hören, es macht mir Vergnügen.

Und sie sagte: Befiehlt es mein Herr, so soll es geschehen.

Eben sinds zwei Jahre, da kam ein Lindwurm und klagte

Stürmisch, gnädiger Herr, vor Euch: es woll ihm ein Bauer

Nicht im Rechte sich fügen, ein Mann, den zweimal das Urteil

Nicht begünstigt. Er brachte den Bauer, vor Euern Gerichtshof

Und erzählte die Sache mit vielen heftigen Worten.

Durch ein Loch im Zaune zu kriechen, gedachte die Schlange,

Fing sich aber im Stricke, der vor die öffnung gelegt war,

Fester zog die Schlinge sich zu, sie hätte das Leben

Dort gelassen, da kam ihr zum Glück ein Wandrer gegangen.

Ängstlich rief sie: Erbarme dich meiner und mache mich ledig!

Laß dich erbitten! Da sagte der Mann: Ich will dich erlösen,

Denn mich jammert dein Elend; allein erst sollst du mir schwören,

Mir nichts Leides zu tun. Die Schlange fand sich erbötig,

Schwur den teuersten Eid: sie wolle auf keinerlei Weise

Ihren Befreier verletzen, und so erlöste der Mann sie.

Und sie gingen ein Weilchen zusammen, da fühlte die Schlange

Schmerzlichen Hunger, sie schoß auf den Mann und wollt ihn erwürgen,

Ihn verzehren; mit Angst und Not entsprang ihr der Arme.

Das ist dein Dank? Das hab ich verdient? so rief er: und hast du

Nicht geschworen den teuersten Eid? Da sagte die Schlange:

Leider nötiget mich der Hunger, ich kann mir nicht helfen;

Not erkennt kein Gebot, und so besteht es zu Rechte.

Da versetzte der Mann: So schone nur meiner so lange,

Bis wir zu Leuten kommen, die unparteiisch uns richten.

Und es sagte der Wurm: Ich will mich so lange gedulden.

Also gingen sie weiter und fanden über dem Wasser

Pflückebeutel, den Raben, mit seinem Sohne; man nennt ihn

Quackeler. Und die Schlange berief sie zu sich und sagte:

Kommt und höret! Es hörte die Sache der Rabe bedächtig,

Und er richtete gleich: den Mann zu essen. Er hoffte,

Selbst ein Stück zu gewinnen. Da freute die Schlange sich höchlich:

Nun, ich habe gesiegt! es kann mirs niemand verdenken.

Nein, versetzte der Mann: ich habe nicht völlig verloren;

Sollt ein Räuber zum Tode verdammen? und sollte nur Einer

Richten? ich fordere ferner Gehör, im Gange des Rechtes;

Laßt uns vor vier, vor zehn die Sache bringen und hören.

Gehn wir! sagte die Schlange. Sie gingen, und es begegnet'

Ihnen der Wolf und der Bär, und alle traten zusammen.

Alles befürchtete nun der Mann: denn zwischen den fünfen

War es gefährlich zu stehn und zwischen solchen Gesellen;

Ihn umringten die Schlange, der Wolf, der Bär und die Raben.

Bange war ihm genug: denn bald verglichen sich beide,

Wolf und Bär, das Urteil in dieser Maße zu fällen:

Töten dürfe die Schlange den Mann; der leidige Hunger

Kenne keine Gesetze, die Not entbinde vom Eidschwur.

Sorgen und Angst befielen den Wandrer, denn alle zusammen

Wollten sein Leben. Da schoß die Schlange mit grimmigem Zischen,

Spritzte Geifer auf ihn, und ängstlich sprang er zur Seite.

Großes Unrecht, rief er: begehst du! Wer hat dich zum Herren

Über mein Leben gemacht? Sie sprach: Du hast es vernommen;

Zweimal sprachen die Richter, und zweimal hast du verloren.

Ihr versetzte der Mann: Sie rauben selber und stehlen;

Ich erkenne sie nicht, wir wollen zum Könige gehen.

Mag er sprechen, ich füge mich drein; und wenn ich verliere,

Hab ich noch übels genug, allein ich will es ertragen.

Spottend sagte der Wolf und der Bär: Du magst es versuchen,

Aber die Schlange gewinnt, sie wirds nicht besser begehren.

Denn sie dachten, es würden die sämtlichen Herren des Hofes

Sprechen wie sie, und gingen getrost und führten den Wandrer,

Kamen vor Euch, die Schlange, der Wolf, der Bär und die Raben.

Ja, selbdritt erschien der Wolf, er hatte zwei Kinder,

Eitelbauch hieß der eine, der andre Nimmersatt, beide

Machten dem Mann am meisten zu schaffen; sie waren gekommen,

Auch ihr Teil zu verzehren, denn sie sind immer begierig,

Heulten damals vor Euch mit unerträglicher Grobheit.

Ihr verbotet den Hof den beiden plumpen Gesellen.

Da berief sich der Mann auf Eure Gnaden, erzählte,

Wie ihn die Schlange zu töten gedenke, sie habe der Wohltat

Völlig vergessen, sie breche den Eid! So fleht' er um Rettung.

Aber die Schlange leugnete nicht: Es zwingt mich des Hungers

Allgewaltige Not, sie kennet keine Gesetze.

Reineke Fuchs(#2228) · 第 6 / 10 段