Da ging Reineke wieder nach Malepartus, der Feste.

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Reineke Fuchs

Johann Wolfgang Goethe

Inhalt

Erster Gesang

Zweiter Gesang

Dritter Gesang

Vierter Gesang

Fünfter Gesang

Sechster Gesang

Siebenter Gesang

Achter Gesang

Neunter Gesang

Zehnter Gesang

Elfter Gesang

Zwölfter Gesang

Erster Gesang

Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen! es grünten und blühten

Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken

Übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel;

Jede Wiese sproßte von Blumen in duftenden Gründen,

Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.

Nobel, der König, versammelt den Hof; und seine Vasallen

Eilen gerufen herbei mit großem Gepränge; da kommen

Viele stolze Gesellen von allen Seiten und Enden,

Lütke, der Kranich, und Markart, der Häher, und alle die Besten.

Denn der König gedenkt mit allen seinen Baronen

Hof zu halten in Feier und Pracht; er läßt sie berufen

Alle miteinander, so gut die Großen als Kleinen.

Niemand sollte fehlen! und dennoch fehlte der Eine,

Reineke Fuchs, der Schelm! der viel begangenen Frevels

Halben des Hofs sich enthielt. So scheuet das böse Gewissen

Licht und Tag, es scheute der Fuchs die versammelten Herren.

Alle hatten zu klagen, er hatte sie alle beleidigt,

Und nur Grimbart, den Dachs, den Sohn des Bruders, verschont' er.

Isegrim aber, der Wolf, begann die Klage; von allen

Seinen Vettern und Gönnern, von allen Freunden begleitet,

Trat er vor den König und sprach die gerichtlichen Worte:

Gnädigster König und Herr! vernehmet meine Beschwerden.

Edel seid Ihr und groß und ehrenvoll, jedem erzeigt Ihr

Recht und Gnade: so laßt Euch denn auch des Schadens erbarmen,

Den ich von Reineke Fuchs mit großer Schande gelitten.

Aber vor allen Dingen erbarmt Euch, daß er mein Weib so

Freventlich öfters verhöhnt und meine Kinder verletzt hat.

Ach! er hat sie mit Unrat besudelt, mit ätzendem Unflat,

Daß mir zu Hause noch drei in bittrer Blindheit sich quälen.

Zwar ist alle der Frevel schon lange zur Sprache gekommen,

Ja, ein Tag war gesetzt, zu schlichten solche Beschwerden;

Er erbot sich zum Eide, doch bald besann er sich anders

Und entwischte behend nach seiner Feste. Das wissen

Alle Männer zu wohl, die hier und neben mir stehen.

Herr! ich könnte die Drangsal, die mir der Bube bereitet,

Nicht mit eilenden Worten in vielen Wochen erzählen.

Würde die Leinwand von Gent, so viel auch ihrer gemacht wird,

Alle zu Pergament, sie faßte die Streiche nicht alle,

Und ich schweige davon. Doch meines Weibes Entehrung

Frißt mir das Herz; ich räche sie auch, es werde, was wolle.

Als nun Isegrim so mit traurigem Mute gesprochen,

Trat ein Hündchen hervor, hieß Wackerlos, redte französisch

Vor dem König: wie arm es gewesen und nichts ihm geblieben

Als ein Stückchen Wurst in einem Wintergebüsche;

Reineke hab auch das ihm genommen! Jetzt sprang auch der Kater

Hinze zornig hervor und sprach: Erhabner Gebieter,

Niemand beschwere sich mehr, daß ihm der Bösewicht schade,

Denn der König allein! Ich sag Euch, in dieser Gesellschaft

Ist hier niemand, jung oder alt, er fürchtet den Frevler

Mehr als Euch! Doch Wackerlos' Klage will wenig bedeuten.

Schon sind Jahre vorbei, seit diese Händel geschehen;

Mir gehörte die Wurst! ich sollte mich damals beschweren.

Jagen war ich gegangen; auf meinem Wege durchsucht ich

Eine Mühle zu Nacht; es schlief die Müllerin; sachte

Nahm ich ein Würstchen, ich will es gestehn; doch hatte zu dieser

Wackerlos irgendein Recht, so dankt' ers meiner Bemühung.

Und der Panther begann: Was helfen Klagen und Worte!

Wenig richten sie aus, genug, das übel ist ruchtbar.

Er ist ein Dieb, ein Mörder! Ich darf es kühnlich behaupten,

Ja, es wissens die Herren, er übet jeglichen Frevel.

Möchten doch alle die Edlen, ja selbst der erhabene König

Gut und Ehre verlieren: er lachte, gewänn er nur etwa

Einen Bissen dabei von einem fetten Kapaune.

Laßt Euch erzählen, wie er so übel an Lampen, dem Hasen,

Gestern tat; hier steht er! der Mann, der keinen verletzte.

Reineke stellte sich fromm und wollt ihn allerlei Weisen

Kürzlich lehren, und was zum Kaplan noch weiter gehöret,

Und sie setzten sich gegeneinander, begannen das Kredo.

Aber Reineke konnte die alten Tücken nicht lassen;

Innerhalb unsers Königes Fried und freiem Geleite

Hielt er Lampen gefaßt mit seinen Klauen und zerrte

Tückisch den redlichen Mann. Ich kam die Straße gegangen,

Hörte beider Gesang, der, kaum begonnen, schon wieder

Endete. Horchend wundert ich mich, doch als ich hinzukam,

Kannt ich Reineken stracks, er hatte Lampen beim Kragen;

Ja, er hätt ihm gewiß das Leben genommen, wofern ich

Nicht zum Glücke des Wegs gekommen wäre. Da steht er!

Seht die Wunden an ihm, dem frommen Manne, den keiner

Zu beleidigen denkt. Und will es unser Gebieter,

Wollt ihr Herren es leiden, daß so des Königes Friede,

Sein Geleit und Brief von einem Diebe verhöhnt wird,

O, so wird der König und seine Kinder noch späten

Vorwurf hören von Leuten, die Recht und Gerechtigkeit lieben.

Isegrim sagte darauf. So wird es bleiben, und leider

Wird uns Reineke nie was Gutes erzeigen. O! läg er

Lange tot, das wäre das beste für friedliche Leute;

Aber wird ihm diesmal verziehn, so wird er in kurzem

Etliche kühnlich berücken, die nun es am wenigsten glauben.

Reinekens Neffe, der Dachs, nahm jetzt die Rede, und mutig

Sprach er zu Reinekens Bestem, so falsch auch dieser bekannt war.

Alt und wahr, Herr Isegrim! sagt' er, beweist sich das Sprichwort:

Feindes Mund frommt selten. So hat auch wahrlich mein Oheim

Eurer Worte sich nicht zu getrösten. Doch ist es ein leichtes.

Wär er hier am Hofe so gut als Ihr, und erfreut' er

Sich des Königes Gnade, so möcht es Euch sicher gereuen,

Daß Ihr so hämisch gesprochen und alte Geschichten erneuert.

Aber was Ihr übels an Reineken selber verübet,

Übergeht Ihr; und doch, es wissen es manche der Herren,

Wie Ihr zusammen ein Bündnis geschlossen und beide versprochen,

Als zwei gleiche Gesellen zu leben. Das muß ich erzählen;

Denn im Winter einmal erduldet' er große Gefahren

Euretwegen. Ein Fuhrmann, er hatte Fische geladen,

Fuhr die Straße, Ihr spürtet ihn aus und hättet um alles

Gern von der Ware gegessen; doch fehlt' es Euch leider am Gelde.

Da beredetet Ihr den Oheim, er legte sich listig

Grade für tot in den Weg. Es war, beim Himmel, ein kühnes

Abenteuer! Doch merket, was ihm für Fische geworden.

Und der Fuhrmann kam und sah im Gleise den Oheim,

Hastig zog er sein Schwert, ihm eins zu versetzen; der Kluge

Rührt' und regte sich nicht, als wär er gestorben; der Fuhrmann

Wirft ihn auf seinen Karrn und freut sich des Balges im voraus.

Ja, das wagte mein Oheim für Isegrim; aber der Fuhrmann

Fuhr dahin, und Reineke warf von den Fischen herunter.

Isegrim kam von ferne geschlichen, verzehrte die Fische.

Reineken mochte nicht länger zu fahren belieben; er hub sich,

Sprang vom Karren und wünschte nun auch von der Beute zu speisen.

Aber Isegrim hatte sie alle verschlungen; er hatte

Über Not sich beladen, er wollte bersten. Die Gräten

Ließ er allein zurück und bot dem Freunde den Rest an.

Noch ein anderes Stückchen! auch dies erzähl ich Euch wahrhaft.

Reineken war es bewußt, bei einem Bauer am Nagel

Hing ein gemästetes Schwein, erst heute geschlachtet; das sagt' er

Treu dem Wolfe: sie gingen dahin, Gewinn und Gefahren

Redlich zu teilen. Doch Müh und Gefahr trug jener alleine.

Denn er kroch zum Fenster hinein und warf mit Bemühen

Die gemeinsame Beute dem Wolf herunter; zum Unglück

Waren Hunde nicht fern, die ihn im Hause verspürten

Und ihm wacker das Fell zerzausten. Verwundet entkam er,

Eilig sucht' er Isegrim auf und klagt' ihm sein Leiden

Und verlangte sein Teil. Da sagte jener: Ich habe

Dir ein köstliches Stück verwahrt, nun mache dich drüber

Und benage mirs wohl; wie wird das Fette dir schmecken!

Und er brachte das Stück, das Krummholz war es, der Schlächter

Hatte daran das Schwein gehängt; der köstliche Braten

War vom gierigen Wolfe, dem ungerechten, verschlungen.

Reineke konnte vor Zorn nicht reden, doch was er sich dachte,

Denket euch selbst. Herr König, gewiß, daß hundert und drüber

Solcher Stückchen der Wolf an meinem Oheim verschuldet!

Aber ich schweige davon. Wird Reineke selber gefordert,

Wird er sich besser verteidigen. Indessen, gnädigster König,

Edler Gebieter, ich darf es bemerken: Ihr habet, es haben

Diese Herren gehört, wie töricht Isegrims Rede

Seinem eignen Weibe und ihrer Ehre zu nah tritt,

Die er mit Leib und Leben beschützen sollte. Denn freilich

Sieben Jahre sinds her und drüber, da schenkte mein Oheim

Seine Lieb und Treue zum guten Teile der schönen

Frauen Gieremund; solches geschah beim nächtlichen Tanze;

Isegrim war verreist, ich sag es, wie mirs bekannt ist.

Freundlich und höflich ist sie ihm oft zu Willen geworden,

Und was ist es denn mehr? Sie bracht es niemals zur Klage,

Ja, sie lebt und befindet sich wohl, was macht er für Wesen?

Wär er klug, so schwieg' er davon, es bringt ihm nur Schande.

Weiter sagte der Dachs: Nun kommt das Märchen vom Hasen!

Eitel leeres Gewäsche! Den Schüler sollte der Meister

Etwa nicht züchtigen, wenn er nicht merkt und übel bestehet?

Sollte man nicht die Knaben bestrafen, und ginge der Leichtsinn,

Ginge die Unart so hin, wie sollte die Jugend erwachsen?

Nun klagt Wackerlos, wie er ein Würstchen im Winter verloren

Hinter der Hecke; das sollt er nur lieber im stillen verschmerzen,

Denn wir hören es ja, sie war gestohlen; zerronnen

Wie gewonnen; und wer kann meinem Oheim verargen,

Daß er gestohlenes Gut dem Diebe genommen? Es sollen

Edle Männer von hoher Geburt sich gehässig den Dieben

Und gefährlich erzeigen. Ja, hätt er ihn damals gehangen,

War es verzeihlich. Doch ließ er ihn los, den König zu ehren;

Denn am Leben zu strafen, gehört dem König alleine.

Aber wenigen Danks kann sich mein Oheim getrösten,

So gerecht er auch sei und übeltaten verwehret.

Denn seitdem des Königes Friede verkündiget worden,

Hält sich niemand wie er. Er hat sein Leben verändert,

Speiset nur einmal des Tags, lebt wie ein Klausner, kasteit sich,

Trägt ein härenes Kleid auf bloßem Leibe und hat schon

Lange von Wildbret und zahmem Fleische sich gänzlich enthalten,

Wie mir noch gestern einer erzählte, der bei ihm gewesen.

Malepartus, sein Schloß, hat er verlassen und baut sich

Eine Klause zur Wohnung. Wie er so mager geworden,

Bleich von Hunger und Durst und andern strengeren Bußen,

Die er reuig erträgt, das werdet Ihr selber erfahren.

Denn was kann es ihm schaden, daß hier ihn jeder verklaget?

Kommt er hieher, so führt er sein Recht aus und macht sie zuschanden.

Als nun Grimbart geendigt, erschien zu großem Erstaunen

Henning, der Hahn, mit seinem Geschlecht. Auf trauriger Bahre,

Ohne Hals und Kopf, ward eine Henne getragen,

Kratzefuß war es, die beste der eierlegenden Hennen.

Ach, es floß ihr Blut, und Reineke hatt es vergossen!

Jetzo sollt es der König erfahren. Als Henning, der wackre,

Vor dem König erschien, mit höchstbetrübter Gebärde,

Kamen mit ihm zwei Hähne, die gleichfalls trauerten. Kreyant

Hieß der eine, kein besserer Hahn war irgend zu finden

Zwischen Holland und Frankreich; der andere durft ihm zur Seite

Stehen, Kantart genannt, ein stracker, kühner Geselle;

Beide trugen ein brennendes Licht; sie waren die Brüder

Der ermordeten Frau. Sie riefen über den Mörder

Ach und Weh! Es trugen die Bahr zwei jüngere Hähne,

Und man konnte von fern die Jammerklage vernehmen.

Henning sprach: Wir klagen den unersetzlichen Schaden,

Gnädigster Herr und König! Erbarmt Euch, wie ich verletzt bin,

Meine Kinder und ich. Hier seht Ihr Reinekens Werke!

Als der Winter vorbei, und Laub und Blumen und Blüten

Uns zur Fröhlichkeit riefen, erfreut ich mich meines Geschlechtes,

Das so munter mit mir die schönen Tage verlebte!

Zehen junge Söhne, mit vierzehn Töchtern, sie waren

Voller Lust zu leben; mein Weib, die treffliche Henne,

Hatte sie alle zusammen in Einem Sommer erzogen.

Alle waren so stark und wohl zufrieden, sie fanden

Ihre tägliche Nahrung an wohlgesicherter Stätte.

Reichen Mönchen gehörte der Hof, uns schirmte die Mauer,

Und sechs große Hunde, die wackern Genossen des Hauses,

Liebten meine Kinder und wachten über ihr Leben;

Reineken aber, den Dieb, verdroß es, daß wir in Frieden

Glückliche Tage verlebten und seine Ränke vermieden.

Immer schlich er bei Nacht um die Mauer und lauschte beim Tore,

Aber die Hunde bemerktens; da mocht er laufen! sie faßten

Wacker ihn endlich einmal und ruckten das Fell ihm zusammen;

Doch er rettete sich und ließ uns ein Weilchen in Ruhe.

Aber nun höret mich an! es währte nicht lange, so kam er

Als ein Klausner und brachte mir Brief und Siegel. Ich kannt es:

Euer Siegel sah ich am Briefe; da fand ich geschrieben:

Daß Ihr festen Frieden so Tieren als Vögeln verkündigt.

Und er zeigte mir an: er sei ein Klausner geworden,

Habe strenge Gelübde getan, die Sünden zu büßen,

Deren Schuld er leider bekenne. Da habe nun keiner

Mehr vor ihm sich zu fürchten, er habe heilig gelobet,

Nimmermehr Fleisch zu genießen. Er ließ mich die Kutte beschauen,

Zeigte sein Skapulier. Daneben wies er ein Zeugnis,

Das ihm der Prior gestellt, und, um mich sicher zu machen,

Unter der Kutte ein härenes Kleid. Dann ging er und sagte:

Gott dem Herren seid mir befohlen! ich habe noch vieles

Heute zu tun! ich habe die Sext und die None zu lesen

Und die Vesper dazu. Er las im Gehen und dachte

Vieles Böse sich aus, er sann auf unser Verderben.

Ich mit erheitertem Herzen erzählte geschwinde den Kindern

Eures Briefes fröhliche Botschaft, es freuten sich alle.

Da nun Reineke Klausner geworden, so hatten wir weiter

Keine Sorge, noch Furcht. Ich ging mit ihnen zusammen

Vor die Mauer hinaus, wir freuten uns alle der Freiheit.

Aber leider bekam es uns übel. Er lag im Gebüsche

Hinterlistig; da sprang er hervor und verrannt uns die Pforte;

Meiner Söhne schönsten ergriff er und schleppt' ihn von dannen,

Und nun war kein Rat, nachdem er sie einmal gekostet;

Immer versucht' er es wieder, und weder Jäger noch Hunde

Konnten vor seinen Ränken bei Tag und Nacht uns bewahren.

So entriß er mir nun fast alle Kinder; von zwanzig

Bin ich auf fünfe gebracht, die andern raubt' er mir alle.

O, erbarmt Euch des bittern Schmerzes! er tötete gestern

Meine Tochter, es haben die Hunde den Leichnam gerettet.

Seht, hier liegt sie! Er hat es getan, o! nehmt es zu Herzen!

Und der König begann: Kommt näher, Grimbart, und sehet,

Also fastet der Klausner, und so beweist er die Buße!

Leb ich noch aber ein Jahr, so soll es ihn wahrlich gereuen!

Doch was helfen die Worte! Vernehmet, trauriger Henning:

Eurer Tochter ermangl es an nichts, was irgend den Toten

Nur zu Rechte geschieht. Ich lass ihr Vigilie singen,

Sie mit großer Ehre zur Erde bestatten; dann wollen

Wir mit diesen Herren des Mordes Strafe bedenken.

Da gebot der König, man solle Vigilie singen.

Domino placebo begann die Gemeine, sie sangen

Alle Verse davon. Ich könnte ferner erzählen,

Wer die Lektion gesungen und wer die Responsen;

Aber es währte zu lang, ich lass es lieber bewenden.

In ein Grab ward die Leiche gelegt und drüber ein schöner

Marmorstein, poliert wie ein Glas, gehauen im Viereck,

Groß und dick, und oben darauf war deutlich zu lesen:

»Kratzefuß, Tochter Hennings des Hahns, die beste der Hennen,

Legte viel Eier ins Nest und wußte klüglich zu scharren.

Ach, hier liegt sie! durch Reinekens Mord den Ihren genommen.

Alle Welt soll erfahren, wie bös und falsch er gehandelt,

Und die Tote beklagen.« So lautete, was man geschrieben.

Und es ließ der König darauf die Klügsten berufen,

Rat mit ihnen zu halten, wie er den Frevel bestrafte,

Der so klärlich vor ihn und seine Herren gebracht war.

Und sie rieten zuletzt: man habe dem listigen Frevler

Einen Boten zu senden, daß er um Liebes und Leides

Nicht sich entzöge, er solle sich stellen am Hofe des Königs

An dem Tage der Herrn, wenn sie zunächst sich versammeln;

Braun, den Bären, ernannte man aber zum Boten. Der König

Sprach zu Braun, dem Bären: Ich sag es, Euer Gebieter,

Daß Ihr mit Fleiß die Botschaft verrichtet! Doch rat ich zur Vorsicht:

Denn es ist Reineke falsch und boshaft, allerlei Listen

Wird er gebrauchen, er wird Euch schmeicheln, er wird Euch belügen,

Hintergehen, wie er nur kann. Mitnichten, versetzte

Zuversichtlich der Bär: bleibt ruhig! Sollt er sich irgend

Nur vermessen und mir zum Hohne das mindeste wagen,

Seht, ich schwör es bei Gott! der möge mich strafen, wofern ich

Ihm nicht grimmig vergölte, daß er zu bleiben nicht wüßte.

Zweiter Gesang

Also wandelte Braun auf seinem Weg zum Gebirge

Stolzen Mutes dahin, durch eine Wüste, die groß war,

Lang und sandig und breit; und als er sie endlich durchzogen,

Kam er gegen die Berge, wo Reineke pflegte zu jagen;

Selbst noch Tages zuvor hatt er sich dorten erlustigt.

Aber der Bär ging weiter nach Malepartus; da hatte

Reineke schöne Gebäude. Von allen Schlössern und Burgen,

Deren ihm viele gehörten, war Malepartus die beste.

Reineke wohnte daselbst, sobald er übels besorgte.

Braun erreichte das Schloß und fand die gewöhnliche Pforte

Fest verschlossen. Da trat er davor und besann sich ein wenig;

Endlich rief er und sprach: Herr Oheim, seid Ihr zu Hause?

Braun, der Bär, ist gekommen, des Königs gerichtlicher Bote.

Denn es hat der König geschworen, Ihr sollet bei Hofe

Vor Gericht Euch stellen, ich soll Euch holen, damit Ihr

Recht zu nehmen und Recht zu geben keinem verweigert,

Oder es soll Euch das Leben kosten; denn bleibt Ihr dahinten,

Ist mit Galgen und Rad Euch gedroht. Drum wählet das Beste,

Kommt und folget mir nach, sonst möcht es Euch übel bekommen.

Reineke hörte genau vom Anfang zum Ende die Rede,

Lag und lauerte still und dachte: Wenn es gelänge,

Daß ich dem plumpen Kompan die stolzen Worte bezahlte?

Laßt uns die Sache bedenken. Er ging in die Tiefe der Wohnung,

In die Winkel des Schlosses, denn künstlich war es gebauet:

Löcher fanden sich hier und Höhlen mit vielerlei Gängen,

Eng und lang, und mancherlei Türen zum öffnen und Schließen,

Wie es Zeit war und Not. Erfuhr er, daß man ihn suchte

Wegen schelmischer Tat, da fand er die beste Beschirmung.

Auch aus Einfalt hatten sich oft in diesen Mäandern

Arme Tiere gefangen, willkommene Beute dem Räuber.

Reineke hatte die Worte gehört, doch fürchtet' er klüglich,

Andre möchten noch neben dem Boten im Hinterhalt liegen,

Als er sich aber versichert, der Bär sei einzeln gekommen,

Ging er listig hinaus und sagte: Wertester Oheim,

Seid willkommen! Verzeiht mir! ich habe Vesper gelesen,

Darum ließ ich Euch warten. Ich dank Euch, daß Ihr gekommen,

Denn es nutzt mir gewiß bei Hofe, so darf ich es hoffen.

Seid zu jeglicher Stunde, mein Oheim, willkommen! Indessen

Bleibt der Tadel für den, der Euch die Reise befohlen,

Denn sie ist weit und beschwerlich. O Himmel! wie Ihr erhitzt seid!

Eure Haare sind naß und Euer Odem beklommen.

Hatte der mächtige König sonst keinen Boten zu senden,

Als den edelsten Mann, den er am meisten erhöhet?

Aber so sollt es wohl sein zu meinem Vorteil; ich bitte,

Helft mir am Hofe des Königs, allwo man mich übel verleumdet.

Morgen, setzt ich mir vor, trotz meiner mißlichen Lage,

Frei nach Hofe zu gehen, und so gedenk ich noch immer.

Nur für heute bin ich zu schwer, die Reise zu machen.

Leider hab ich zu viel von einer Speise gegessen,

Die mir übel bekommt; sie schmerzt mich gewaltig im Leibe.

Braun versetzte darauf. Was war es, Oheim? Der andre

Sagte dagegen: Was könnt es Euch helfen, und wenn ichs erzählte!

Kümmerlich frist ich mein Leben; ich leid es aber geduldig,

Ist ein armer Mann doch kein Graf! und findet zuweilen

Sich für uns und die Unsern nichts Besseres, müssen wir freilich

Honigscheiben verzehren, die sind wohl immer zu haben.

Doch ich esse sie nur aus Not; nun bin ich geschwollen.

Wider Willen schluckt ich das Zeug, wie sollt es gedeihen?

Kann ich es immer vermeiden, so bleibt mirs ferne vom Gaumen.

Ei! was hab ich gehört! versetzte der Braune, Herr Oheim!

Ei! verschmähet Ihr so den Honig, den mancher begehret?

Honig, muß ich Euch sagen, geht über alle Gerichte,

Wenigstens mir; o schafft mir davon, es soll Euch nicht reuen!

Dienen werd ich Euch wieder.--Ihr spottet, sagte der andre.

Nein, wahrhaftig! verschwor sich der Bär, es ist ernstlich gesprochen.

Ist dem also, versetzte der Rote: da kann ich Euch dienen,

Denn der Bauer Rüsteviel wohnt am Fuße des Berges.

Honig hat er! Gewiß, mit allem Eurem Geschlechte

Saht Ihr niemal so viel beisammen. Da lüstet' es Braunen

Übermäßig nach dieser geliebten Speise. O führt mich,

Rief er, eilig dahin! Herr Oheim, ich will es gedenken,

Schafft mir Honig, und wenn ich auch nicht gesättigt werde.

Gehen wir, sagte der Fuchs: es soll an Honig nicht fehlen.

Heute bin ich zwar schlecht zu Fuße; doch soll mir die Liebe,

Die ich Euch lange gewidmet, die sauern Tritte versüßen.

Denn ich kenne niemand von allen meinen Verwandten,

Den ich verehrte, wie Euch! Doch kommt! Ihr werdet dagegen

An des Königes Hof am Herren-Tage mir dienen,

Daß ich der Feinde Gewalt und ihre Klagen beschäme.

Honigsatt mach ich Euch heute, so viel Ihr immer nur tragen

Möget.--Es meinte der Schalk die Schläge der zornigen Bauern.

Reineke lief ihm zuvor, und blindlings folgte der Braune.

Will mirs gelingen, so dachte der Fuchs: ich bringe dich heute

Noch zu Markte, wo dir ein bittrer Honig zuteil wird.

Und sie kamen zu Rüsteviels Hofe; das freute den Bären,

Aber vergebens, wie Toren sich oft mit Hoffnung betrügen.

Abend war es geworden, und Reineke wußte, gewöhnlich

Liege Rüsteviel nun in seiner Kammer zu Bette,

Der ein Zimmermann war, ein tüchtiger Meister. Im Hofe

Lag ein eichener Stamm; er hatte, diesen zu trennen,

Schon zwei tüchtige Keile hineingetrieben, und oben,

Klaffte gespalten der Baum fast ellenweit. Reineke merkt' es,

Und er sagte: Mein Oheim, in diesem Baume befindet

Sich des Honigs mehr, als Ihr vermutet; nun stecket

Eure Schnauze hinein, so tief Ihr möget. Nur rat ich,

Nehmt nicht gierig zu viel, es möcht Euch übel bekommen.

Meint Ihr, sagte der Bär, ich sei ein Vielfraß? mitnichten!

Maß ist überall gut, bei allen Dingen. Und also

Ließ der Bär sich betören und steckte den Kopf in die Spalte

Bis an die Ohren hinein und auch die vordersten Füße.

Reineke machte sich dran, mit vielem Ziehen und Zerren

Bracht er die Keile heraus: nun war der Braune gefangen,

Haupt und Füße geklemmt; es half kein Schelten noch Schmeicheln.

Vollauf hatte der Braune zu tun, so stark er und kühn war,

Und so hielt der Neffe mit List den Oheim gefangen.

Heulend plärrte der Bär, und mit den hintersten Füßen

Scharrt' er grimmig und lärmte so sehr, daß Rüsteviel aufsprang.

Was es wäre? dachte der Meister und brachte sein Beil mit,

Daß man bewaffnet ihn fände, wenn jemand zu schaden gedächte.

Braun befand sich indes in großen ängsten; die Spalte

Klemmt' ihn gewaltig, er zog und zerrte, brüllend vor Schmerzen.

Aber mit alle der Pein war nichts gewonnen; er glaubte

Nimmer von dannen zu kommen; so meint' auch Reineke freudig.

Als er Rüsteviel sah von ferne schreiten, da rief er:

Braun, wie steht es? Mäßiget Euch und schonet des Honigs!

Sagt, wie schmeckt es? Rüsteviel kommt und will Euch bewirten!

Nach der Mahlzeit bringt er ein Schlückchen, es mag Euch bekommen!

Da ging Reineke wieder nach Malepartus, der Feste.

Aber Rüsteviel kam, und als er den Bären erblickte,

Lief er, die Bauern zu rufen, die noch in der Schenke beisammen

Schmauseten. Kommt! so rief er: in meinem Hofe gefangen

Hat sich ein Bär, ich sage die Wahrheit. Sie folgten und liefen,

Jeder bewehrte sich eilig, so gut er konnte. Der eine

Nahm die Gabel zur Hand, und seinen Rechen der andre,

Und der dritte, der vierte, mit Spieß und Hacke bewaffnet,

Kamen gesprungen, der fünfte mit einem Pfahle gerüstet.

Ja, der Pfarrer und Küster, sie kamen mit ihrem Geräte.

Auch die Köchin des Pfaffen (sie hieß Frau Jutte, sie konnte

Grütze bereiten und kochen wie keine) blieb nicht dahinten,

Kam mit dem Rocken gelaufen, bei dem sie am Tage gesessen,

Dem unglücklichen Bären den Pelz zu waschen. Der Braune

Hörte den wachsenden Lärm in seinen schrecklichen Nöten,

Und er riß mit Gewalt das Haupt aus der Spalte; da blieb ihm

Haut und Haar des Gesichts bis zu den Ohren im Baume.

Nein! kein kläglicher Tier hat jemand gesehen! es rieselt'

Über die Ohren das Blut. Was half ihm, das Haupt zu befreien?

Denn es blieben die Pfoten im Baume stecken; da riß er

Hastig sie ruckend heraus; er raste sinnlos, die Klauen

Und von den Füßen das Fell blieb in der klemmenden Spalte.

Leider schmeckte dies nicht nach süßem Honig, wozu ihm

Reineke Hoffnung gemacht; die Reise war übel geraten,

Eine sorgliche Fahrt war Braunen geworden. Es blutet'

Ihm der Bart und die Füße dazu, er konnte nicht stehen,

Konnte nicht kriechen, noch gehn. Und Rüsteviel eilte, zu schlagen,

Alle fielen ihn an, die mit dem Meister gekommen;

Ihn zu töten, war ihr Begehr. Es führte der Pater

Einen langen Stab in der Hand und schlug ihn von ferne.

Kümmerlich wandt er sich hin und her, es drängt' ihn der Haufen,

Einige hier mit Spießen, dort andre mit Beilen, es brachte

Hammer und Zange der Schmied, es kamen andre mit Schaufeln,

Andre mit Spaten, sie schlugen drauflos und riefen und schlugen,

Daß er vor schmerzlicher Angst im eignem Unflat sich wälzte.

Alle setzten ihm zu, es blieb auch keiner dahinten;

Der krummbeinige Schloppe mit dem breitnasigen Ludolf

Waren die Schlimmsten, und Gerold bewegte den hölzernen Flegel

Zwischen den krummen Fingern; ihm stand sein Schwager zur Seite,

Kückelrei war es, der dicke, die beiden schlugen am meisten.

Abel Quack und Frau Jutte dazu, sie ließens nicht fehlen;

Talke Lorden Quacks traf mit der Butte den Armen.

Und nicht diese Genannten allein, denn Männer und Weiber,

Alle liefen herzu und wollten das Leben des Bären.

Kückelrei machte das meiste Geschrei, er dünkte sich vornehm:

Denn Frau Willigetrud am hinteren Tore (man wußt es)

War die Mutter, bekannt war nie sein Vater geworden.

Doch es meinten die Bauern, der Stoppelmäher, der schwarze

Sander, sagten sie, möcht es wohl sein, ein stolzer Geselle,

Wenn er allein war. Es kamen auch Steine gewaltig geflogen,

Die den verzweifelten Braunen von allen Seiten bedrängten.

Nun sprang Rüsteviels Bruder hervor und schlug mit dem langen,

Dicken Knüttel den Bären aufs Haupt, daß Hören und Sehen

Ihm verging, doch fuhr er empor vom mächtigen Schlage.

Rasend fuhr er unter die Weiber, die untereinander

Taumelten, fielen und schrien, und einige stürzten ins Wasser,

Und das Wasser war tief. Da rief der Pater und sagte:

Sehet, da unten schwimmt Frau Jutte, die Köchin, im Pelze,

Und der Rocken ist hier! O helft, ihr Männer! Ich gebe

Bier zwei Tonnen zum Lohn und großen Ablaß und Gnade.

Alle ließen für tot den Bären liegen und eilten

Nach den Weibern ans Wasser, man zog aufs Trockne die fünfe.

Da indessen die Männer am Ufer beschäftiget waren,

Kroch der Bär ins Wasser vor großem Elend und brummte

Vor entsetzlichem Weh. Er wollte sich lieber ersäufen,

Als die Schläge so schändlich erdulden. Er hatte zu schwimmen

Nie versucht und hoffte sogleich das Leben zu enden.

Wider Vermuten fühlt' er sich schwimmen, und glücklich getragen

Ward er vom Wasser hinab, es sahen ihn alle die Bauern,

Riefen: Das wird uns gewiß zur ewigen Schande gereichen!

Und sie waren verdrießlich und schalten über die Weiber:

Besser blieben sie doch zu Hause! da seht nun, er schwimmet

Seiner Wege. Sie traten herzu, den Block zu besehen,

Und sie fanden darin noch Haut und Haare vom Kopfe

Und von den Füßen und lachten darob und riefen: Du kommst uns

Sicher wieder, behalten wir doch die Ohren zum Pfande!

So verhöhnten sie ihn noch über den Schaden, doch war er

Froh, daß er nur dem übel entging. Er fluchte den Bauern,

Die ihn geschlagen, und klagte den Schmerz der Ohren und Füße,

Fluchte Reineken, der ihn verriet. Mit solchen Gebeten

Schwamm er weiter, es trieb ihn der Strom, der reißend und groß war,

Binnen weniger Zeit fast eine Meile hinunter;

Und da kroch er ans Land am selbigen Ufer und keichte.

Kein bedrängteres Tier hat je die Sonne gesehen!

Und er dachte den Morgen nicht zu erleben, er glaubte

Plötzlich zu sterben und rief. O Reineke, falscher Verräter!

Loses Geschöpf!. Er dachte dabei der schlagenden Bauern,

Und er dachte des Baums und fluchte Reinekens Listen.

Aber Reineke Fuchs, nachdem er mit gutem Bedachte

Seinen Oheim zu Markte geführt, ihm Honig zu schaffen,

Lief er nach Hühnern, er wußte den Ort, und schnappte sich eines,

Lief und schleppte die Beute behend am Flusse hinunter.

Dann verzehrt' er sie gleich und eilte nach andern Geschäften

Immer am Flusse dahin und trank des Wassers und dachte:

O wie bin ich so froh, daß ich den tölpischen Bären

So zu Hofe gebracht! Ich wette, Rüsteviel hat ihm

Wohl das Beil zu kosten gegeben. Es zeigte der Bär sich

Stets mir feindlich gesinnt, ich hab es ihm wieder vergolten.

Oheim hab ich ihn immer genannt, nun ist er am Baume

Tot geblieben; des will ich mich freun, solang ich nur lebe.

Klagen und schaden wird er nicht mehr!--Und wie er so wandelt,

Schaut er am Ufer hinab und sieht den Bären sich wälzen.

Das verdroß ihm im Herzen, daß Braun lebendig entkommen.

Rüsteviel, rief er, du lässiger Wicht! du grober Geselle!

Solche Speise verschmähst du? die fett und guten Geschmacks ist,

Die manch ehrlicher Mann sich wünscht, und die so gemächlich

Dir zu Handen gekommen. Doch hat für deine Bewirtung

Dir der redliche Braun ein Pfand gelassen! So dacht er,

Als er den Braunen betrübt, ermattet und blutig erblickte.

Endlich rief er ihn an: Herr Oheim, find ich Euch wieder?

Habt Ihr etwas vergessen bei Rüsteviel? sagt mir, ich lass ihm

Wissen, wo Ihr geblieben. Doch soll ich sagen, ich glaube,

Vieles Honig habt Ihr gewiß dem Manne gestohlen,

Oder habt Ihr ihn redlich bezahlt? wie ist es geschehen?

Ei! wie seid Ihr gemalt? das ist ein schmähliches Wesen!

War der Honig nicht guten Geschmacks; Zu selbigem Preise

Steht noch manches zu Kauf! Doch, Oheim, saget mir eilig,

Welchem Orden habt Ihr Euch wohl so kürzlich gewidmet,

Daß Ihr ein rotes Barett auf Eurem Haupte zu tragen

Anfangt? Seid Ihr ein Abt? Es hat der Bader gewißlich,

Der die Platte Euch schor, nach Euren Ohren geschnappet.

Ihr verloret den Schopf, wie ich sehe, das Fell von den Wangen

Und die Handschuh dabei. Wo habt Ihr sie hängen gelassen?

Und so mußte der Braune die vielen spöttischen Worte

Hintereinander vernehmen und konnte vor Schmerzen nicht reden,

Sich nicht raten noch helfen. Und um nicht weiter zu hören,

Kroch er ins Wasser zurück und trieb mit dem reißenden Strome

Nieder und landete drauf am flachen Ufer. Da lag er,

Krank und elend, und jammerte laut und sprach zu sich selber:

Schlüge nur einer mich tot! Ich kann nicht gehen und sollte

Nach des Königes Hof die Reise vollenden, und bleibe

So geschändet zurück von Reinekens bösem Verrate.

Bring ich mein Leben davon, gewiß, dich soll es gereuen!

Doch er raffte sich auf und schleppte mit gräßlichen Schmerzen

Durch vier Tage sich fort, und endlich kam er zu Hofe.

Als der König den Bären in seinem Elend erblickte,

Rief er: Gnädiger Gott! Erkenn ich Braunen? Wie kommt er

So geschändet? Und Braun versetzte: Leider erbärmlich

Ist das Ungemach, das Ihr erblickt; so hat mich der Frevler

Reineke schändlich verraten! Da sprach der König entrüstet:

Rächen will ich gewiß ohn alle Gnade den Frevel.

Solch einen Herrn wie Braun, den sollte Reineke schänden?

Ja, bei meiner Ehre, bei meiner Krone! das schwör ich,

Alles soll Reineke büßen, was Braun zu Rechte begehret.

Halt ich mein Wort nicht, so trag ich kein Schwert mehr, ich will es geloben!

Und der König gebot, es solle der Rat sich versammeln,

Überlegen und gleich der Frevel Strafe bestimmen.

Alle rieten darauf, wofern es dem König beliebte,

Solle man Reineken abermals fordern, er solle sich stellen,

Gegen Anspruch und Klage sein Recht zu wahren. Es könne

Hinze, der Kater, sogleich die Botschaft Reineken bringen,

Weil er klug und gewandt sei. So rieten sie alle zusammen.

Und es vereinigte sich der König mit seinen Genossen,

Sprach zu Hinzen: Merket mir recht die Meinung der Herren!

Ließ' er sich aber zum drittenmal fordern, so soll es ihm selbst und

Seinem ganzen Geschlecht zum ewigen Schaden gereichen;

Ist er klug, so komm er inzeiten. Ihr schärft ihm die Lehre;

Andre verachtet er nur, doch Eurem Rate gehorcht er.

Aber Hinze versetzte: Zum Schaden oder zum Frommen

Mag es gereichen, komm ich zu ihm, wie soll ichs beginnen?

Meinetwegen tut oder laßt es, aber ich dächte,

Jeden andern zu schicken, ist besser, da ich so klein bin.

Braun, der Bär, so groß und stark, und konnt ihn nicht zwingen,

Welcher Weise soll ich es enden? O! habt mich entschuldigt.

Du beredest mich nicht, versetzte der König: man findet

Manchen kleinen Mann voll List und Weisheit, die manchem

Großen fremd ist. Seid Ihr auch gleich kein Riese gewachsen,

Seid Ihr doch klug und gelehrt. Da gehorchte der Kater und sagte:

Euer Wille geschehe! und kann ich ein Zeichen erblicken

Rechter Hand am Wege, so wird die Reise gelingen.

Dritter Gesang

Nun war Hinze, der Kater, ein Stückchen Weges gegangen;

Einen Martins-Vogel erblickt' er von weitem, da rief er:

Edler Vogel! Glück auf. o wende die Flügel und fliege

Her zu meiner Rechten! Es flog der Vogel und setzte

Sich zur Linken des Katers, auf einem Baume zu singen.

Hinze betrübte sich sehr, er glaubte sein Unglück zu hören,

Doch er machte nun selber sich Mut, wie mehrere pflegen.

Immer wandert' er fort nach Malepartus, da fand er

Vor dem Hause Reineken sitzen, er grüßt' ihn und sagte:

Gott, der reiche, der gute, bescher Euch glücklichen Abend!

Euer Leben bedrohet der König, wofern Ihr Euch weigert,

Mit nach Hofe zu kommen; und ferner läßt er Euch sagen:

Stehet den Klägern zu Recht, sonst werdens die Eurigen büßen.

Reineke sprach: Willkommen dahier, geliebtester Neffe!

Möget Ihr Segen von Gott nach meinem Wunsche genießen.

Aber er dachte nicht so in seinem verrätrischen Herzen;

Neue Tücke sann er sich aus, er wollte den Boten

Wieder geschändet nach Hofe senden. Er nannte den Kater

Immer seinen Neffen und sagte: Neffe, was setzt man

Euch für Speise nur vor? Man schläft gesättiget besser;

Einmal bin ich der Wirt, wir gingen dann morgen am Tage

Beide nach Hofe: so dünkt es mich gut. Von meinen Verwandten

Ist mir keiner bekannt, auf den ich mich lieber verließe.

Denn der gefräßige Bär war trotzig zu mir gekommen.

Er ist grimmig und stark, daß ich um vieles nicht hätte

Ihm zur Seite die Reise gewagt. Nun aber versteht sichs,

Gerne geh ich mit Euch. Wir machen uns frühe des Morgens

Auf den Weg: so scheinet es mir das beste geraten.

Hinze versetzte darauf. Es wäre besser, wir machten

Gleich uns fort nach Hofe, so wie wir gehen und stehen.

Auf der Heide scheinet der Mond, die Wege sind trocken.

Reineke sprach: Ich finde bei Nacht das Reisen gefährlich,

Mancher grüßet uns freundlich bei Tage, doch käm er im Finstern

Uns in den Weg, es möchte wohl kaum zum besten geraten.

Aber Hinze versetzte: So laßt mich wissen, mein Neffe,

Bleib ich hier, was sollen wir essen? Und Reineke sagte:

Ärmlich behelfen wir uns; doch wenn Ihr bleibet, so bring ich

Frische Honigscheiben hervor, ich wähle die klärsten.

Niemals eß ich dergleichen, versetzte murrend der Kater:

Fehlet Euch alles im Hause, so gebt eine Maus her! Mit dieser

Bin ich am besten versorgt, und sparet das Honig für andre.

Eßt Ihr Mäuse so gern? sprach Reineke: redet mir ernstlich;

Damit kann ich Euch dienen. Es hat mein Nachbar, der Pfaffe,

Eine Scheun im Hofe, darin sind Mäuse, man führe

Sie auf keinem Wagen hinweg: ich höre den Pfaffen

Klagen, daß sie bei Nacht und Tag ihm lästiger werden.

Unbedächtig sagte der Kater: Tut mir die Liebe,

Bringet mich hin zu den Mäusen! denn über Wildbret und alles

Lob ich mir Mäuse, die schmecken am besten. Und Reineke sagte:

Nun wahrhaftig, Ihr sollt mir ein herrliches Gastmahl genießen.

Da mir bekannt ist, womit ich Euch diene, so laßt uns nicht zaudern.

Hinze glaubt' ihm und folgte; sie kamen zur Scheune des Pfaffen,

Zu der lehmernen Wand. Die hatte Reineke gestern

Klug durchgraben und hatte durchs Loch dem schlafenden Pfaffen

Seiner Hähne den besten entwendet. Das wollte Martinchen

Rächen, des geistlichen Herrn geliebtes Söhnchen; er knüpfte

Klug vor die öffnung den Strick mit einer Schlinge; so hofft' er

Seinen Hahn zu rächen am wiederkehrenden Diebe.

Reineke wußt und merkte sich das und sagte: Geliebter

Neffe, kriechet hinein gerade zur öffnung; ich halte

Wache davor, indessen Ihr mauset; Ihr werdet zu Haufen

Sie im Dunkeln erhaschen. O höret, wie munter sie pfeifen!

Seid Ihr satt, so kommt nur zurück, Ihr findet mich wieder.

Trennen dürfen wir nicht uns diesen Abend, denn morgen

Gehen wir früh und kürzen den Weg mit muntern Gesprächen.

Glaubt Ihr, sagte der Kater, es sei hier sicher zu kriechen?

Denn es haben mitunter die Pfaffen auch Böses im Sinne.

Da versetzte der Fuchs, der Schelm: Wer konnte das wissen!

Seid Ihr so blöde? Wir gehen zurück: es soll Euch mein Weibchen

Gut und mit Ehren empfangen, ein schmackhaft Essen bereiten;

Wenn es auch Mäuse nicht sind, so laßt es uns fröhlich verzehren.

Aber Hinze, der Kater, sprang in die öffnung, er schämte

Sich vor Reinekens spottenden Worten, und fiel in die Schlinge.

Also empfanden Reinekens Gäste die böse Bewirtung.

Da nun Hinze den Strick an seinem Halse verspürte,

Fuhr er ängstlich zusammen und übereilte sich furchtsam,

Denn er sprang mit Gewalt: da zog der Strick sich zusammen.

Kläglich rief er Reineken zu, der außer dem Loche

Horchte, sich hämisch erfreute und so zur öffnung hineinsprach:

Hinze, wie schmecken die Mäuse? Ihr findet sie, glaub ich, gemästet.

Wüßte Martinchen doch nur, daß Ihr sein Wildbret verzehret;

Sicher brächt er Euch Senf: er ist ein höflicher Knabe.

Singet man so bei Hofe zum Essen? Es klingt mir bedenklich.

Wüßt ich Isegrim nur in diesem Loche, so wie ich

Euch zu Falle gebracht, er sollte mir alles bezahlen,

Was er mir übels getan! Und so ging Reineke weiter.

Aber er ging nicht allein, um Diebereien zu üben;

Ehbruch, Rauben und Mord und Verrat, er hielt es nicht sündlich.

Und er hatte sich eben was ausgesonnen. Die schöne

Gieremund wollt er besuchen, in doppelter Absicht: fürs erste

Hofft er von ihr zu erfahren, was eigentlich Isegrim klagte;

Zweitens wollte der Schalk die alten Sünden erneuern.

Isegrim war nach Hofe gegangen, das wollt er benutzen.

Denn wer zweifelt daran, es hatte die Neigung der Wölfin

Zu dem schändlichen Fuchse den Zorn des Wolfes entzündet.

Reineke trat in die Wohnung der Frauen und fand sie nicht heimisch.

Grüß euch Gott! Stiefkinderchen! sagt' er, nicht mehr und nicht minder,

Nickte freundlich den Kleinen und eilte nach seinem Gewerbe.

Als Frau Gieremund kam des Morgens, wie es nur tagte,

Sprach sie: Ist niemand kommen, nach mir zu fragen? Soeben

Geht Herr Pate Reineke fort, er wünscht' Euch zu sprechen.

Alle, wie wir hier sind, hat er Stiefkinder geheißen.

Da rief Gieremund aus: Er soll es bezahlen! und eilte,

Diesen Frevel zu rächen zur selben Stunde. Sie wußte,

Wo er pflegte zu gehn; sie erreicht' ihn, zornig begann sie:

Was für Worte sind das? und was für schimpfliche Reden

Habt Ihr ohne Gewissen vor meinen Kindern gesprochen?

Büßen sollt Ihr dafür! So sprach sie zornig und zeigt' ihm

Ein ergrimmtes Gesicht; sie faßt' ihn am Barte, da fühlt' er

Ihrer Zähne Gewalt und lief und wollt ihr entweichen;

Sie behend strich hinter ihm drein. Da gab es Geschichten--

Ein verfallenes Schloß war in der Nähe gelegen,

Hastig liefen die beiden hinein; es hatte sich aber

Altershalben die Mauer in einem Turme gespalten.

Reineke schlupfte hindurch; allein er mußte sich zwängen,

Denn die Spalte war eng; und eilig steckte die Wölfin,

Groß und stark, wie sie war, den Kopf in die Spalte; sie drängte,

Schob und brach und zog und wollte folgen, und immer

Klemmte sie tiefer sich ein und konnte nicht vorwärts noch rückwärts.

Da das Reineke sah, lief er zur anderen Seite

Krummen Weges herein und kam und macht' ihr zu schaffen.

Aber sie ließ es an Worten nicht fehlen, sie schalt ihn: Du handelst

Als ein Schelm! ein Dieb! Und Reineke sagte dagegen:

Ist es noch niemals geschehn, so mag es jetzo geschehen.

Wenig Ehre verschafft es, sein Weib mit andern zu sparen,

Wie nun Reineke tat. Gleichviel war alles dem Bösen.

Da nun endlich die Wölfin sich aus der Spalte gerettet,

War schon Reineke weg und seine Straße gegangen.

Und so dachte die Frau, sich selber Recht zu verschaffen,

Ihrer Ehre zu wahren, und doppelt war sie verloren.

Lasset uns aber zurück nach Hinzen sehen. Der Arme,

Da er gefangen sich fühlte, beklagte nach Weise der Kater

Sich erbärmlich: das hörte Martinchen und sprang aus dem Bette.

Gott sei Dank! Ich habe den Strick zur glücklichen Stunde

Vor die öffnung geknüpft; der Dieb ist gefangen! Ich denke,

Wohl bezahlen soll er den Hahn! So jauchzte Martinchen.

Zündete hurtig ein Licht an (im Hause schliefen die Leute),

Weckte Vater und Mutter darauf und alles Gesinde,

Rief: Der Fuchs ist gefangen! wir wollen ihm dienen. Sie kamen

Alle, groß und klein, ja selbst der Pater erhub sich,

Warf ein Mäntelchen um; es lief mit doppelten Lichtern

Seine Köchin voran, und eilig hatte Martinchen

Einen Knüttel gefaßt und machte sich über den Kater,

Traf ihm Haut und Haupt und schlug ihm grimmig ein Aug aus.

Alle schlugen auf ihn; es kam mit zackiger Gabel

Hastig der Pater herbei und glaubte den Räuber zu fällen.

Hinze dachte zu sterben; da sprang er wütend entschlossen

Zwischen die Schenkel des Pfaffen und biß und kratzte gefährlich,

Schändete grimmig den Mann und rächte grausam das Auge.

Schreiend stürzte der Pater und fiel ohnmächtig zur Erden.

Unbedachtsam schimpfte die Köchin: es habe der Teufel

Ihr zum Possen das Spiel selbst angerichtet. Und doppelt,

Dreifach schwur sie: wie gern verlöre sie, wäre das Unglück

Nicht dem Herren begegnet, ihr bißchen Habe zusammen.

Ja, sie schwur: ein Schatz von Golde, wenn sie ihn hätte,

Sollte sie wahrlich nicht reuen, sie wollt ihn missen. So jammert'

Sie die Schande des Herrn und seine schwere Verwundung.

Endlich brachten sie ihn mit vielen Klagen zu Bette,

Ließen Hinzen am Strick und hatten seiner vergessen.

Als nun Hinze, der Kater, in seiner Not sich allein sah,

Schmerzlich geschlagen und übel verwundet, so nahe dem Tode,

Faßt' er aus Liebe zum Leben den Strick und nagt' ihn behende.

Sollt ich mich etwa erlösen vom großen übel? so dacht er.

Und es gelang ihm, der Strick zerriß. Wie fand er sich glücklich!

Eilte, dem Ort zu entfliehn, wo er so vieles erduldet;

Hastig sprang er zum Loche heraus und eilte die Straße

Nach des Königes Hof, den er des Morgens erreichte.

Ärgerlich schalt er sich selbst: So mußte dennoch der Teufel

Dich durch Reinekens List, des bösen Verräters, bezwingen!

Kommst du doch mit Schande zurück, am Auge geblendet

Und mit Schlägen schmerzlich beladen, wie mußt du dich schämen!

Aber des Königes Zorn entbrannte heftig, er dräute

Dem Verräter den Tod ohn alle Gnade. Da ließ er

Seine Räte versammeln; es kamen seine Baronen,

Seine Weisen zu ihm, er fragte: wie man den Frevler

Endlich brächte zu Recht, der schon so vieles verschuldet?

Als nun viele Beschwerden sich über Reineken häuften,

Redete Grimbart, der Dachs: Es mögen in diesem Gerichte

Viele Herren auch sein, die Reineken übels gedenken,

Doch wird niemand die Rechte des freien Mannes verletzen.

Nun zum drittenmal muß man ihn fordern. Ist dieses geschehen,

Kommt er dann nicht, so möge das Recht ihn schuldig erkennen.

Da versetzte der König: Ich fürchte, keiner von allen

Ginge, dem tückischen Manne die dritte Ladung zu bringen.

Wer hat ein Auge zu viel? wer mag verwegen genug sein,

Leib und Leben zu wagen um diesen bösen Verräter?

Seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen und dennoch am Ende

Reineken nicht zu stellen? Ich denke, niemand versucht es.

Überlaut versetzte der Dachs: Herr König, begehret

Ihr es von mir, so will ich sogleich die Botschaft verrichten,

Sei es, wie es auch sei. Wollt Ihr mich öffentlich senden,

Oder geh ich, als käm ich von selber? Ihr dürft nur befehlen.

Da beschied ihn der König: So geht dann! Alle die Klagen

Habt Ihr sämtlich gehört, und geht nur weislich zu Werke

Denn es ist ein gefährlicher Mann. Und Grimbart versetzte:

Einmal muß ich es wagen und hoff ihn dennoch zu bringen.

So betrat er den Weg nach Malepartus, der Feste;

Reineken fand er daselbst mit Weib und Kindern und sagte:

Oheim Reineke, seid mir gegrüßt! Ihr seid ein gelehrter,

Weiser, kluger Mann, wir müssen uns alle verwundern,

Wie Ihr des Königs Ladung verachtet, ich sage, verspottet,

Deucht Euch nicht, es wäre nun Zeit? Es mehren sich immer

Klagen und böse Gerüchte von allen Seiten. Ich rat Euch,

Kommt nach Hofe mit mir, es hilft kein längeres Zaudern.

Viele, viele Beschwerden sind vor den König gekommen,

Heute werdet Ihr nun zum dritten Male geladen;

Stellt Ihr Euch nicht, so seid Ihr verurteilt. Dann führet der König

Seine Vasallen hieher, Euch einzuschließen, in dieser

Feste Malepartus Euch zu belagern; so gehet

Ihr mit Weib und Kindern und Gut und Leben zugrunde.

Ihr entfliehet dem Könige nicht; drum ist es am besten,

Kommt nach Hofe mit mir! Es wird an listiger Wendung

Euch nicht fehlen, Ihr habt sie bereit und werdet Euch retten;

Denn Ihr habt ja wohl oft, auch an gerichtlichen Tagen,

Abenteuer bestanden, weit größer als dieses, und immer

Kamt Ihr glücklich davon und Eure Gegner in Schande.

Grimbart hatte gesprochen, und Reineke sagte dagegen:

Oheim, Ihr ratet mir wohl, daß ich zu Hofe mich stelle,

Meines Rechtes selber zu wahren. Ich hoffe, der König

Wird mir Gnade gewähren; er weiß, wie sehr ich ihm nütze;

Aber er weiß auch, wie sehr ich deshalb den andern verhaßt bin.

Ohne mich kann der Hof nicht bestehn. Und hätt ich noch zehnmal

Mehr verbrochen, so weiß ich es schon: sobald mirs gelinget,

Ihm in die Augen zu sehen und ihn zu sprechen, so fühlt er

Seinen Zorn im Busen bezwungen. Denn freilich begleiten

Viele den König und kommen in seinem Rate zu sitzen;

Aber es geht ihm niemal zu Herzen; sie finden zusammen

Weder Rat noch Sinn. Doch bleibet an jeglichem Hofe,

Wo ich immer auch sei, der Ratschluß meinem Verstande.

Denn versammeln sich König und Herren, in kitzlichen Sachen

Klugen Rat zu ersinnen, so muß ihn Reineken finden.

Das mißgönnen mir viele. Die hab ich leider zu fürchten,

Denn sie haben den Tod mir geschworen, und grade die Schlimmsten

Sind am Hofe versammelt, das macht mich eben bekümmert.

Über zehen und Mächtige sinds, wie kann ich alleine

Vielen widerstehn? Drum hab ich immer gezaudert.

Gleichwohl find ich es besser, mit Euch nach Hofe zu wandeln,

Meine Sache zu wahren; das soll mehr Ehre mir bringen,

Als durch Zaudern mein Weib und meine Kinder in ängsten

Und Gefahren zu stürzen; wir wären alle verloren.

Denn der König ist mir zu mächtig, und was es auch wäre,

Müßt ich tun, sobald ers befiehlt. Wir können versuchen,

Gute Verträge vielleicht mit unsern Feinden zu schließen.

Reineke sagte darnach: Frau Ermelyn, nehmet der Kinder

(Ich empfehl es Euch) wahr, vor allen andern des jüngsten,

Reinharts; es stehn ihm die Zähne so artig ums Mäulchen, ich hoff, er

Wird der leibhaftige Vater; und hier ist Rossel, das Schelmchen,

Der mir ebenso lieb ist. O! tut den Kindern zusammen

Etwas zu gut, indes ich weg bin! Ich wills Euch gedenken,

Kehr ich glücklich zurück und Ihr gehorchet den Worten.

Also schied er von dannen mit Grimbart, seinem Begleiter,

Ließ Frau Ermelyn dort mit beiden Söhnen und eilte;

Unberaten ließ er sein Haus; das schmerzte die Füchsin.

Reineke Fuchs(#2228) · 第 1 / 10 段