III. die Logik des Begriffs.

Erstes Buch

Die Lehre vom Seyn.

Womit muß der Anfang der Wissenschaft gemacht werden?

In neuern Zeiten erst ist das Bewußtseyn entstanden, daß es eine

Schwierigkeit sey, einen Anfang in der Philosophie zu finden, und der

Grund dieser Schwierigkeit so wie die Möglichkeit, sie zu lösen, ist

vielfältig besprochen worden. Der Anfang der Philosophie muß entweder

ein Vermitteltes oder Unmittelbares seyn, und es ist leicht zu zeigen,

daß es weder das Eine noch das Andere seyn könne; somit findet die eine

oder die andere Weise des Anfangens ihre Widerlegung.

Das Princip einer Philosophie drückt wohl auch einen Anfang aus, aber

nicht sowohl einen subjektiven als objektiven, den Anfang aller Dinge.

Das Princip ist ein irgendwie bestimmter Inhalt,—das Wasser, das Eine,

Nus, Idee,—Substanz, Monade u.s.f., oder wenn es sich auf die Natur des

Erkennens bezieht und damit mehr nur ein Kriterium als eine objektive

Bestimmung seyn soll Denken, Anschauen, Empfinden, Ich, die

Subjektivität selbst, so ist es hier gleichfalls die Inhaltsbestimmung,

auf welche das Interesse geht. Das Anfangen als solches dagegen bleibt

als ein Subjektives in dem Sinne einer zufälligen Art und Weise, den

Vortrag einzuleiten, unbeachtet und gleichgültig, somit auch das

Bedürfniß der Frage, womit anzufangen sey, unbedeutend gegen das

Bedürfniß des Princips, als in welchem allein das Interesse der Sache

zu liegen scheint, das Interesse, was das Wahre, was der absolute Grund

von Allem sey.

Aber die moderne Verlegenheit um den Anfang geht aus einem weiteren

Bedürfnisse hervor, welches diejenigen noch nicht kennen, denen es

dogmatisch um das Erweisen des Princips zu thun ist, oder skeptisch um

das Finden eines subjektiven Kriteriums gegen dogmatisches

Philosophiren und welches diejenigen ganz verleugnen, die wie aus der

Pistole, aus ihrer innern Offenbarung, aus Glauben, intellektueller

Anschauung u.s.w. anfangen, und der Methode und Logik überhoben seyn

wollten. Wenn das früher abstrakte Denken zunächst nur für das Princip

als Inhalt sich interessirt, aber im Fortgange der Bildung auf die

andere Seite, auf das Benehmen des Erkennens zu achten getrieben ist,

so wird auch das subjektive Thun als wesentliches Moment der objektiven

Wahrheit erfaßt, und das Bedürfniß führt sich herbei, daß die Methode

mit dem Inhalt, die Form mit dem Princip vereint sey. So soll das

Princip auch Anfang und das, was das Prius für das Denken ist, auch das

Erste im Gange des Denkens seyn.

Es ist hier nur zu betrachten, wie der logische Anfang erscheint; die

beiden Seiten, nach denen er genommen werden kann, sind schon genannt,

entweder als Resultat auf vermittelte, oder als eigentlicher Anfang auf

unmittelbare Weise. Die in der Bildung der Zeit so wichtig erscheinende

Frage, ob das Wissen der Wahrheit ein unmittelbares, schlechthin

anfangendes Wissen, ein Glauben, oder aber ein vermitteltes Wissen sey,

ist an diesem Orte nicht zu erörtern. Insofern solche Betrachtung

vorläufig angestellt werden kann, ist dieß anderwärts (in m. Encykl.

der philos. Wissenschaf. 3te Ausg. im Vorbegr. §. 61. ff.) geschehen.

Hier mag daraus nur dieß angeführt werden, daß es Nichts giebt, nichts

im Himmel oder in der Natur oder im Geiste oder wo es sey, was nicht

ebenso die Unmittelbarkeit enthält, als die Vermittelung, so daß sich

diese beiden Bestimmungen als ungetrennt und untrennbar und jener

Gegensatz sich als ein Richtiges zeigt. Was aber die wissenschaftliche

Erörterung betrifft, so ist es jeder logische Satz, in welchem die

Bestimmungen der Unmittelbarkeit und der Vermittelung und also die

Erörterung ihres Gegensatzes und ihrer Wahrheit vorkommt. Insofern

dieser Gegensatz in Beziehung auf Denken, Wissen, Erkennen, die

konkretere Gestalt von unmittelbarem oder vermitteltem Wissen erhält,

wird die Natur des Erkennens überhaupt, sowohl innerhalb der

Wissenschaft der Logik betrachtet, als dasselbe in seiner weitern

konkreten Form, in die Wissenschaft vom Geiste, und in die

Phänomenologie desselben fällt. Vor der Wissenschaft aber schon über

das Erkennen ins Reine kommen wollen, heißt verlangen, daß es außerhalb

derselben erörtert werden sollte; außerhalb der Wissenschaft läßt sich

dieß wenigstens nicht auf wissenschaftliche Weise, um die es hier

allein zu thun ist, bewerkstelligen.

Logisch ist der Anfang, indem er im Element des frei für sich seyenden

Denkens, im reinen Wissen gemacht werden soll. Vermittelt ist es

hiermit dadurch, daß das reine Wissen die letzte, absolute Wahrheit des

Bewußtseyns ist. Es ist in der Einleitung bemerkt, daß die

Phänomenologie des Geistes die Wissenschaft des Bewußtseyns, die

Darstellung davon ist, daß das Bewußtseyn den Begriff der Wissenschaft,

d.i. das reine Wissen, zum Resultate hat. Die Logik hat insofern die

Wissenschaft des erscheinenden Geistes zu ihrer Voraussetzung, welche

die Nothwendigkeit und damit den Beweis der Wahrheit des Standpunkts,

der das reine Wissen ist, wie dessen Vermittelung überhaupt, enthält

und aufzeigt. In dieser Wissenschaft des erscheinenden Geistes wird von

dem empirischen, sinnlichen Bewußtseyn ausgegangen; und dieses ist das

eigentliche unmittelbare Wissen; daselbst wird erörtert, was an diesem

unmittelbaren Wissen ist. Anderes Bewußtseyn, wie der Glaube an

göttliche Wahrheiten, innere Erfahrung, Wissen durch innere Offenbarung

u.s.f. zeigt sich bei geringer Überlegung sehr uneigentlich als

unmittelbares Wissen aufgeführt zu werden. In jener Abhandlung ist das

unmittelbare Bewußtseyn auch das in der Wissenschaft Erste und

Unmittelbare, somit die Voraussetzung; in der Logik aber ist dasjenige

die Voraussetzung, was aus jener Betrachtung sich als das Resultat

erwiesen hatte,—die Idee als reines Wissen. Die Logik, ist die reine

Wissenschaft, d.i. das reine Wissen in dem ganzen Umfange seiner

Entwickelung. Diese Idee aber hat sich in jenem Resultate dahin

bestimmt, die zur Wahrheit gewordenen Gewißheit zu seyn, die Gewißheit,

die nach der einen Seite dem Gegenstande nicht mehr gegenüber ist,

sondern ihn innerlich gemacht hat, ihn als sich selbst weiß,—und die

auf der andern Seite das Wissen von sich als von einem, das dem

Gegenständlichen gegenüber und nur dessen Vernichtung sey, aufgegeben,

dieser Subjektivität entäußert und Einheit mit seiner Entäußerung ist.

Daß nun von dieser Bestimmung des reinen Wissens aus der Anfang seiner

Wissenschaft immanent bleibe, ist nichts zu thun, als das zu betrachten

oder vielmehr mit Beiseitsetzung aller Reflexionen, aller Meinungen,

die man sonst hat, nur aufzunehmen was vorhanden ist.

Das reine Wissen als in diese Einheit zusammengegangen, hat alle

Beziehung auf ein Anderes und auf Vermittelung aufgehoben; es ist das

Unterschiedslose; dieses Unterschiedslose hört somit selbst auf, Wissen

zu seyn; es ist nur einfache Unmittelbarkeit vorhanden.

Die einfache Unmittelbarkeit ist selbst ein Reflexionsausdruck, und

bezieht sich auf den Unterschied von dem Vermittelten. In ihrem wahren

Ausdrucke ist daher diese einfache Unmittelbarkeit das reine Seyn. Wie

das reine Wissen nichts heißen soll, als das Wissen als solches, ganz

abstrakt, so soll auch reines Seyn nichts heißen, als das Seyn

überhaupt; Seyn, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und

Erfüllung.

Hier ist das Seyn das Anfangende, als durch Vermittelung und zwar durch

sie, welche zugleich Aufheben ihrer selbst ist, entstanden,

dargestellt; mit der Voraussetzung des reinen Wissens als Resultats des

endlichen Wissens, des Bewußtseyns. Soll aber keine Voraussetzung

gemacht, der Anfang selbst unmittelbar genommen werden, so bestimmt er

sich nur dadurch, daß es der Anfang der Logik des Denkens für sich,

seyn soll. Nur der Entschluß, den man auch für eine Willkür ansehen

kann, nämlich daß man das Denken als solches betrachten wolle, ist

vorhanden. So muß der Anfang absoluter oder was hier gleichbedeutend

ist, abstrakter Anfang seyn; er darf so nichts voraussetzen, muß durch

nichts vermittelt seyn, noch einen Grund haben; er soll vielmehr selbst

Grund der ganzen Wissenschaft seyn. Er muß daher schlechthin ein

Unmittelbares seyn, oder vielmehr nur das Unmittelbare selbst. Wie er

nicht gegen Anderes eine Bestimmung haben kann, so kann er auch keine

in sich, keinen Inhalt enthalten, denn dergleichen wäre Unterscheidung

und Beziehung von Verschiedenem aufeinander, somit eine Vermittelung.

Der Anfang ist also das reine Seyn.

Nach dieser einfachen Darlegung dessen, was zunächst nur zu diesem

selbst Allereinfachsten, dem logischen Anfang, gehört, können noch

folgende weitere Reflexionen beigebracht werden; doch können sie nicht

sowohl zur Erläuterung und Bestätigung jener Darlegung, die für sich

fertig ist, dienen sollen, als sie vielmehr nur durch Vorstellungen und

Reflexionen veranlaßt werden, die uns zum Voraus in den Weg kommen

können, jedoch, wie alle andere vorangehende Vorurtheile, in der

Wissenschaft selbst ihr Erledigung finden müssen, und daher eigentlich

zur Geduld hierauf zu verweisen wären.

Die Einsicht, daß das Absolut-Wahre ein Resultat seyn müsse, und

umgekehrt, daß ein Resultat ein erstes Wahres voraussetzt, das aber,

weil es Erstes ist, objektiv betrachtet, nicht nothwendig, und nach der

subjektiven Seite, nicht erkannt ist,—hat in neuern Zeiten den Gedanken

hervorgebracht, daß die Philosophie nur mit einem hypothetischen und

problematischen Wahren anfangen, und das Philosophiren daher zuerst nur

ein Suchen seyn könne, eine Ansicht, welche Reinhold in den spätern

Zeiten seines Philosphirens vielfach urgiert hat, und der man die

Gerechtigkeit widerfahren lassen muß, daß ihr ein wahrhaftes Interesse

zu Grunde liegt, welches die spekulative Natur des philosophischen

Anfangs betrifft. Die Auseinandersetzung dieser Ansicht ist zugleich

eine Veranlassung, ein vorläufiges Verständniß über den Sinn des

logischen Fortschreitens überhaupt, einzuleiten; denn jene Ansicht

schließt die Rücksicht auf das Fortgehen sogleich in sich. Und zwar

stellt sie es so vor, daß das Vorwärtsschreiten in der Philosophie

vielmehr ein Rückwärtsgehen und Begründen sey, durch welches erst sich

ergebe, daß das, womit angefangen wurde, nicht bloß ein willkürlich

Angenommenes, sondern in der That Theils das Wahre, Theils das erste

Wahre sey.

Man muß zugeben, daß es eine wesentliche Betrachtung ist,—die sich

innerhalb der Logik selbst näher ergeben wird,—daß das Vorwärtsgehen

ein Rückgang in den Grund, zu dem Ursprünglichen und Wahrhaften ist,

von dem das, womit der Anfang gemacht wurde, abhängt, und in der That

hervorgebracht wird.—So wird das Bewußtseyn auf seinem Wege von der

Unmittelbarkeit aus, mit der es anfängt, zum absoluten Wissen, als

seiner innersten Wahrheit, zurückgeführt. Dieß Letzte, der Grund, ist

denn auch dasjenige, aus welchem das Erste hervorgeht, das zuerst als

Unmittelbares auftrat.—So wird noch mehr der absolute Geist, der als

die konkrete und letzte höchste Wahrheit alles Seyns sich ergiebt,

erkannt, als am Ende der Entwickelung sich mit Freiheit entäußernd und

sich zur Gestalt eines unmittelbaren Seyns entlassend,—zur Schöpfung

einer Welt sich entschließend, welche alles das enthält, was in die

Entwickelung, die jenem Resultate vorangegangen, fiel, und das durch

diese umgekehrte Stellung, mit seinem Anfang in ein von dem Resultate

als dem Principe Abhängiges verwandelt wird. Das Wesentliche für die

Wissenschaft, ist nicht so sehr, daß ein rein Unmittelbares der Anfang

sey, sondern daß das Ganze derselben ein Kreislauf in sich selbst ist,

worin das Erste auch das Letzte, und das Letzte auch das Erste wird.

Daher ergiebt sich auf der andern Seite als ebenso nothwendig,

dasjenige, in welches die Bewegung als in seinen Grund zurückgeht, als

Resultat zu betrachten. Nach dieser Rücksicht ist das Erste ebenso sehr

der Grund, und das Letzte ein Abgeleitetes; indem von dem Ersten

ausgegangen und durch richtige Folgerung auf das Letzte, als auf den

Grund, gekommen wird, ist dieser Resultat. Der Fortgang ferner von dem,

was den Anfang macht, ist nur als eine weitere Bestimmung desselben zu

betrachten, so daß das Anfangende allem Folgenden zu Grunde liegen

bleibt, und nichts daraus verschwindet. Das Fortgehen besteht nicht

darin, daß nur ein Anderes abgeleitet, oder daß in ein wahrhaft Anderes

übergegangen würde;—und insofern dieß Übergehen vorkommt, so hebt es

sich ebenso sehr wieder auf. So ist der Anfang der Philosophie, die in

allen folgenden Entwickelungen gegenwärtige und sich erhaltende

Grundlage, das seinen weiteren Bestimmungen durchaus immanent

Bleibende.

Durch diesen Fortgang denn verliert der Anfang das, was er in dieser

Bestimmtheit, ein Unmittelbares und Abstraktes überhaupt zu seyn,

einseitiges hat; er wird ein Vermitteltes, und die Linie der

wissenschaftlichen Fortbewegung macht sich damit zu einem Kreise.

—Zugleich ergiebt sich, daß das, was den Anfang macht, indem es darin

das noch Unentwickelte, Inhaltlose ist, im Anfange noch nicht wahrhaft

erkannt wird, und daß erst die Wissenschaft, und zwar in ihrer ganzen

Entwickelung, seine vollendete, inhaltsvolle und erst wahrhaft

begründete Erkenntniß ist.

Darum aber, weil das Resultat erst als der absolute Grund hervortritt,

ist das Fortschreiten dieses Erkennens nicht etwas Provisorisches, noch

ein problematisches und hypothetisches, sondern es muß durch die Natur

der Sache und des Inhaltes selbst bestimmt seyn. Weder ist jener Anfang

etwas Willkürliches und nur einstweilen Angenommenes, noch ein als

willkürlich Erscheinendes und bittweise Vorausgesetztes, von dem sich

aber doch in der Folge zeige, daß man Recht daran gethan habe, es zum

Anfange zu machen; nicht wie bei den Konstruktionen, die man zum Behuf

des Beweises eines geometrischen Satzes zu machen angewiesen wird, es

der Fall ist, daß von ihnen es sich erst hinterher an den Beweisen

ergiebt, daß man wohlgethan habe, gerade diese Linien zu ziehen, und

dann in den Beweisen selbst, mit der Vergleichung dieser Linien oder

Winkel anzufangen; für sich an diesem Linienziehen oder Vergleichen

begreift es sich nicht. So ist vorhin der Grund, warum in der reinen

Wissenschaft vom reinen Seyn angefangen wird, unmittelbar an ihr selbst

angegeben worden. Dieß reine Seyn ist die Einheit, in die das reine

Wissen zurückgeht, oder wenn dieses selbst noch als Form von seiner

Einheit unterschieden gehalten werden soll, so ist es auch der Inhalt

desselben. Dieß ist die Seite, nach welcher dieß reine Seyn, dieß

Absolut-Unmittelbare, ebenso absolut Vermitteltes ist. Aber es muß

ebenso wesentlich nur in der Einseitigkeit, das Rein-Unmittelbare zu

seyn, genommen werden, eben weil es hier als der Anfang ist. Insofern

es nicht diese reinen Unbestimmtheit, insofern es bestimmt wäre, würde

es als Vermitteltes, schon weiter Geführtes, genommen; ein Bestimmtes

enthält ein Anderes zu einem Ersten. Es liegt also in der Natur des

Anfangs selbst, daß er das Seyn sey, und sonst nichts. Es bedarf daher

keiner sonstigen Vorbereitungen, um in die Philosophie hineinzukommen,

noch anderweitiger Reflexionen und Anknüpfungspunkte.

Daß der Anfang, Anfang der Philosophie ist, daraus kann eigentlich auch

keine nähere Bestimmung oder ein positiver Inhalt für denselben

genommen werden. Denn die Philosophie ist hier im Anfange, wo die Sache

selbst noch nicht vorhanden ist, ein leeres Wort oder irgend eine

angenommene ungerechtfertigte Vorstellung. Das reine Wissen giebt nur

diese negative Bestimmung, daß er der abstrakte Anfang seyn soll.

Insofern das reine Seyn als Inhalt des reinen Wissens genommen wird, so

hat dieses von seinem Inhalte zurückzutreten, ihn für sich selbst

gewähren zu lassen und nicht weiter zu bestimmen.—Oder indem das reine

Seyn als die Einheit zu betrachten ist, in die das Wissen, auf seiner

höchsten Spitze der Einigung mit dem Objekte, zusammengefallen, so ist

das Wissen in diese Einheit verschwunden, und hat keinen Unterschied

von ihr und somit keine Bestimmung für sich übrig gelassen.—Auch sonst

ist nicht Etwas, oder irgend ein Inhalt vorhanden, der gebracht werden

könnte, um damit den bestimmteren Anfang zu machen.

Aber auch die bisher als Anfang angenommmene Bestimmung des Seyns

könnte weggelassen werden, so daß nur gefordert würde, daß ein reiner

Anfang gemacht werde. Dann ist nichts vorhanden, als der Anfang selbst,

und es wäre zu sehen, was er ist.—Diese Stellung könnte zugleich als

ein Vorschlag zur Güte an diejenigen gemacht werden, welche Theils

damit, daß mit dem Seyn angefangen werde, aus welchen Reflexionen es

sey, sich nicht beruhigen und noch weniger mit dem Erfolge, den das

Seyn hat, in das Nichts überzugehn,—Theils überhaupt nicht anders

wissen, als daß in einer Wissenschaft mit der Voraussetzung einer

Vorstellung angefangen werde,—einer Vorstellung, welche hierauf

analysirt werde, so daß nun das Ergebniß solcher Analyse den ersten

bestimmten Begriff in der Wissenschaft abgebe. Indem wir auch dieß

Verfahren beobachteten, so hätten wir keinen besondern Gegenstand, weil

der Anfang als des Denkens, ganz abstrakt, ganz allgemein, ganz Form

ohne allen Inhalt seyn soll; wir hätten somit gar nichts, als die

Vorstellung von einem bloßen Anfang als solchem. Es ist also nur zu

sehen, was wir in dieser Vorstellung haben.

Es ist noch Nichts, und es soll Etwas werden. Der Anfang ist nicht das

reine Nichts, sondern ein Nichts, von dem Etwas ausgehen soll; das Seyn

ist also auch schon im Anfang enthalten. Der Anfang enthält also

Beides, Seyn und Nichts; ist die Einheit von Seyn und Nichts; —oder ist

Nichtseyn, das zugleich Seyn, und Seyn, das zugleich Nichtseyn ist.

Ferner Seyn und Nichts sind im Anfang als unterschieden vorhanden; denn

er weißt auf etwas Anderes hin;—er ist ein Nichtseyn, das auf das Seyn

als auf ein Anderes bezogen ist; das Anfangende ist noch nicht; es geht

erst dem Seyn zu. Der Anfang enthält also das Seyn als ein solches, das

sich von dem Nichtseyn entfernt oder es aufhebt, als ein ihm

Entgegengesetztes.

Ferner aber ist das, was anfängt, schon, eben so sehr aber ist es auch

noch nicht. Die Entgegengesetzten, Seyn und Nichtseyn sind also in ihm

in unmittelbarer Vereinigung; oder er ist ihre ununterschiedene

Einheit.

Die Analyse des Anfangs gäbe somit den Begriff der Einheit des Seyns

und des Nichtseyns,—oder in reflektirterer Form, der Einheit des

Unterschieden—und des Nichtunterschiedenseyns,—oder der Identität der

Identität und Nichtidentität. Dieser Begriff könnte als die erste,

reinste d.i. abstrakteste, Definition des Absoluten angesehen

werden;—wie er dieß in der That seyn würde, wenn es überhaupt um die

Form von Definitionen und um den Namen des Absoluten zu thun wäre. In

diesem Sinne würden, wie jener abstrakte Begriff die erste, so alle

weitern Bestimmungen und Entwickelungen nur bestimmtere und reichere

Definitionen dieses Absoluten seyn. Aber die, welche mit dem Seyn als

Anfang darum nicht zufrieden sind, weil es in Nichts übergeht, und

daraus die Einheit des Seyns und Nichts entsteht, mögen zusehen, ob sie

mit diesem Anfange, der mit der Vorstellung des Anfangs anfängt, und

mit deren Analyse, die wohl richtig seyn wird, aber gleichfalls auf die

Einheit des Seyns und Nichts führt, zufriedener seyn mögen, als damit,

daß das Seyn zum Anfange gemacht wird.

Es ist aber noch einen weitere Betrachtung über dieses Verfahren zu

machen. Jene Analyse setzt die Vorstellung des Anfangs als bekannt

voraus; es ist so nach dem Beispiele anderer Wissenschaften verfahren

worden. Diese setzen ihren Gegenstand voraus, und nehmen bittweise an,

daß jedermann dieselbe Vorstellung von ihm habe, und darin ungefähr

dieselben Bestimmungen finden möge, die sie durch Analyse, Vergleichung

und sonstiges Raisonnement von ihm da und dorther beibringen und

angeben. Das aber, was den absoluten Anfang macht, muß gleichfalls ein

sonst Bekanntes seyn; wenn es nun ein Konkretes, somit in sich

mannigfaltig Bestimmtes ist, so ist diese Beziehung, die es in sich

ist, als etwas Bekanntes vorausgesetzt; sie ist damit als etwas

Unmittelbares angegeben, was sie aber nicht ist; denn sie ist nur

Beziehung als von Unterschiedenen, enthält somit die Vermittelung in

sich. Ferner tritt am Konkreten die Zufälligkeit und Willkür der

Analyse und des verschiedenen Bestimmtes ein. Welche Bestimmungen

herausgebracht werden, hängt von dem ab, was jeder in seiner

unmittelbaren zufälligen Vorstellung vorfindet. Die in einem Konkreten,

einer synthetischen Einheit, enthaltene Beziehung ist eine nothwendige

nur, insofern sie nicht vorgefunden, sondern durch die eigenen Bewegung

der Momente, in diese Einheit zurück zu gehen, hervorgebracht ist;—eine

Bewegung, die das Gegentheil des analytischen Verfahrens ist, eines der

Sache selbst äußerlichen, in das Subjekt fallenden Thuns.

Hierin ist auch das Nähere enthalten, daß das, womit der Anfang zu

machen ist, nicht ein Konkretes, nicht ein solches seyn kann, das eine

Beziehung innerhalb seiner selbst enthält. Denn ein solches setzt ein

Vermitteln und Herübergehen von einem Ersten zu einem Anderen innerhalb

seiner, voraus, wovon das einfachgewordene Konkrete das Resultat wäre.

Aber der Anfang soll nicht selbst schon ein Erstes und ein Anders seyn;

ein solches das ein Erstes und ein Anderes in sich ist, enthält bereits

ein Fortgegangenseyn. Was den Anfang macht, der Anfang selbst, ist

daher als ein Nichtanalysirbares, in seiner einfachen unerfüllten

Unmittelbarkeit, also als Seyn, als das ganz Leere zu nehmen.

Wenn man etwa, gegen die Betrachtung des abstrakten Anfangs ungeduldig,

sagen wollte, es solle nicht mit dem Anfange angefangen werden, sondern

geradezu mit der Sache, so ist diese Sache nichts als jenes leere Seyn;

denn was die Sache sey, dieß ist es, was sich eben erst im Verlaufe der

Wissenschaft ergeben soll, was nicht vor ihr als bekannt vorausgesetzt

werden kann.

Welche Form sonst genommen werde, um einen andern Anfang zu haben, als

das leere Seyn, so leidet er an den angeführten Mängeln. Diejenigen,

welche mit diesem Anfange unzufrieden bleiben, mögen sich zu der

Aufgabe auffordern, es anders anzufangen, um dabei diese Mängel zu

vermeiden.

Ein origineller Anfang der Philosophie aber kann nicht ganz unerwähnt

gelassen werden, der sich in neuerer Zeit berühmt gemacht hat, der

Anfang mit dem Ich. Er kam Theils aus der Reflexion, daß aus dem ersten

Wahren alles Folgende abgeleitet werden müsse, Theils aus dem

Bedürfnisse, daß das erste Wahre ein Bekanntes und noch mehr ein

unmittelbar Gewisses sey. Dieser Anfang ist im Allgemeinen nicht eine

solche Vorstellung, die zufällig ist, und in einem Subjekte so, in

einem andern anders, beschaffen seyn kann. Denn Ich, dieß unmittelbare

Selbstbewußtseyn, erscheint zunächst selbst Theils als ein

Unmittelbares, Theils als ein in einem viel höhern Sinne Bekanntes, als

eine sonstige Vorstellung; etwas sonst Bekanntes gehört zwar dem Ich

an, aber ist noch ein von ihm unterschiedener, damit sogleich

zufälliger Inhalt; Ich hingegen ist die einfache Gewißheit seiner

selbst. Aber Ich überhaupt ist auch zugleich ein Konkretes, oder Ich

ist vielmehr das Konkreteste,—das Bewußtseyn seiner, als unendlich

mannigfaltiger Welt. Daß Ich Anfang und Grund der Philosophie sey, dazu

wird die Absonderung dieses Konkreten erfordert,—der absolute Akt,

wodurch Ich von sich selbst gereinigt wird, und als abstraktes Ich in

sein Bewußtseyn tritt. Allein dieß reine Ich ist nun nicht ein

unmittelbares, noch das bekannte, das gewöhnliche Ich unsers

Bewußtseyns, woran unmittelbar und für jede die Wissenschaft angeknüpft

werden sollte. Jener Akt wäre eigentlich nichts Anderes, als die

Erhebung auf den Standpunkt des reinen Wissens, auf welchem der

Unterschied des Subjektiven und Objektiven verschwunden ist. Aber wie

diese Erhebung so unmittelbar gefordert ist, ist sie ein subjektives

Postulat; um als wahrhafte Forderung sich zu erweisen, müßte die

Fortbewegung des konkreten Ichs vom unmittelbaren Bewußtseyn zum reinen

Wissen an ihm selbst, durch seine eigene Nothwendigkeit, aufgezeigt und

dargestellt worden seyn. Ohne diese objektive Bewegung erscheint das

reine Wissen, auch als die intellektuelle Anschauung bestimmt, als ein

willkürlicher Standpunkt, oder selbst als einer der empirischen

Zustände des Bewußtseyns, in Rücksicht dessen es darauf ankommt, ob ihn

der Eine in sich vorfinde oder hervorbringen könne, ein Anderer aber

nicht. Insofern aber dieß reine Ich das wesentliche reine Wissen seyn

muß, und das reine Wissen aber nur durch den absoluten Akt der

Selbsterhebung im individuellen Bewußtseyn gesetzt wird, und nicht

unmittelbar in ihm vorhanden ist, geht gerade der Vortheil verloren,

der aus diesem Anfange der Philosophie entspringen soll, daß er nämlich

etwas schlechthin Bekanntes sey, was jeder unmittelbar in sich finde,

und daran die weitere Reflexion anknüpfen könne; jenes reine Ich ist

vielmehr in seiner abstrakten Wesenheit, etwas dem gewöhnlichen

Bewußtseyn Unbekanntes, etwas, das es nicht darin vorfindet. Damit

tritt vielmehr der Nachtheil der Täuschung ein, daß von etwas

Bekanntem, dem Ich des empirischen Selbstbewußtseyns die Rede seyn

solle, indem in der That von etwas diesem Bewußtseyn Fernem die Rede

ist. Die Bestimmung des reinen Wissens als Ich, führt die fortdauernde

Rückerinnerung an das subjektive Ich mit sich, dessen Schranken

vergessen werden sollen, und erhält die Vorstellung gegenwärtig, als ob

die Sätze und Verhältnisse, die sich in der weitern Entwickelung vom

Ich ergeben, im gewöhnlichen Bewußtseyn, da es ja das sey, von dem sie

behauptet werden, vorkommen und darin vorgefunden werden können. Diese

Verwechslung bringt statt unmittelbarer Klarheit vielmehr nur eine um

so grellere Verwirrung und gänzliche Desorientirung hervor; nach Außen

hat sie vollends die gröbsten Mißverständnisse veranlaßt.

Was ferner die subjektive Bestimmtheit des Ich überhaupt betrifft, so

benimmt wohl das reine Wissen dem Ich seine beschränkte Bedeutung, an

einem Objekte seinen unüberwindlichen Gegensatz zu haben. Aus diesem

Grunde wäre es aber wenigstens überflüssig, noch diese subjektive

Haltung und die Bestimmung des reinen Wesens als Ich, beizubehalten.

Allein diese Bestimmung führt nicht nur jene störende Zweideutigkeit

mit sich, sondern sie bleibt auch, näher betrachtet, ein subjektives

Ich. Die wirkliche Entwickelung der Wissenschaft, die vom Ich ausgeht,

zeigt es, daß das Objekt darin die perennirende Bestimmung eines

Anderen für das Ich hat und behält, daß also das Ich, von dem

ausgegangen wird, nicht das reine Wissen, das den Gegensatz des

Bewußtseyns in Wahrheit überwunden hat, sondern noch in der Erscheinung

befangen ist.

Es ist hierbei noch die wesentliche Bemerkung in machen, daß wenn an

sich wohl Ich als das reinen Wissen oder als intellektuelle Anschauung

bestimmt und als Anfang behauptet werden könnte, daß es in der

Wissenschaft nicht um das zu thun ist, was an sich oder innerlich

vorhanden sey, sondern um das Daseyn des Innerlichen im Denken, und um

die Bestimmtheit, die ein solches in diesem Daseyn hat. Was aber von

der intellektuellen Anschauung—oder wenn ihr Gegenstand das Ewige, das

Göttliche, das Absolute genannt wird,—was vom Ewigen oder Absoluten im

Anfange der Wissenschaft da ist, dieß kann nichts Anderes seyn, als

erste, unmittelbare, einfache Bestimmung. Welcher reichere Name ihm

gegeben werde, als das bloße Seyn ausdrückt, so kann nur in Betracht

kommen, wie solches Absolute in das denkende Wissen und in das

Aussprechen dieses Wissens eintritt. Die intellektuelle Anschauung ist

wohl die gewaltsame Zurückweisung des Vermittelns und der beweisenden,

äußerlichen Reflexion. Was sie aber mehr ausspricht, als einfache

Unmittelbarkeit, ist ein Konkretes, ein in sich verschiedene

Bestimmungen Enthaltendes. Das Aussprechen und die Darstellung eines

solchen jedoch ist, wie schon bemerkt, eine vermittelnde Bewegung, die

von einer der Bestimmungen anfängt, und zu der anderen fortgeht, wenn

diese auch zur ersten zurückgeht;—es ist eine Bewegung, die zugleich

nicht willkürlich oder assertorisch seyn darf. Von was daher in solcher

Darstellung angefangen wird, ist nicht das Konkrete selbst, sondern nur

das einfache Unmittelbare, von dem die Bewegung ausgeht. Außerdem

fehlt, wenn ein Konkretes zum Anfange gemacht wird, der Beweis, dessen

die Verbindung der im Konkreten enthaltenen Bestimmungen bedarf.

Wenn also im Ausdrucke des Absoluten oder Ewigen oder Gottes (und das

unbestrittenste Recht hätte Gott, daß mit ihm der Anfang gemacht

werde), wenn in deren Anschauung oder Gedanken mehr liegt, als im

reinen Seyn, so soll das, was darin liegt, ins Wissen als denkendes,

nicht vorstellendes erst hervortreten; das was darin liegt, es sey so

reich, als es wolle, so ist die Bestimmung, die ins Wissen zuerst

hervortritt, ein Einfaches; denn nur im Einfachen ist nicht mehr als

der reine Anfang; nur das Unmittelbare ist einfach, denn nur im

Unmittelbaren ist noch nicht ein Fortgegangenseyn von Einem zu einem

Anderen. Was somit über das Seyn ausgesprochen oder enthalten seyn

soll, in den reicheren Formen des Vorstellens von Absolutem oder Gott,

dieß ist im Anfange nur leeres Wort, und nur Seyn; dieß Einfache, das

sonst keine weitere Bedeutung hat, dieß Leere ist also schlechthin der

Anfang der Philosophie.

Diese Einsicht ist selbst so einfach, daß dieser Anfang als solcher,

keiner Vorbereitung noch weiteren Einleitung bedarf; und diese

Vorläufigkeit von Raisonnement über ihn konnte nicht die Absicht haben,

ihn herbeizuführen, als vielmehr alle Vorläufigkeit zu entfernen.

Wissenschaft der Logik — Band 1 · 第 8 / 52 题