ERZÄHLUNG DES PAPSTES INNOCENZ III.

Weit vom Weihrauch und den Meßgewändern kann ich sehr leicht mit Gott reden

in dieser schmucklosen Kammer meines Palastes. Hierher komme ich, um an

mein Alter zu denken, ohne daß mir die Arme gestützt werden. Während der

Messe erhebt sich mein Herz, und mein Körper strafft sich; das Funkeln des

geweihten Weines erfüllt meine Augen, und mein Geist ist gesalbt mit den

kostbaren Ölen; aber an diesem einsamen Ort meiner Kirche darf ich mich

unter meiner irdischen Ermüdung beugen. _Ecce homo!_ Denn durch den Prunk

der Hirtenbriefe und Bullen kann die Stimme seiner Priester wahrlich nicht

bis zum Herrn dringen und sicherlich gefallen ihm weder Purpur, noch

Kleinodien, noch Bilder; aber in dieser kleinen Zelle hat er vielleicht

Mitleid mit meinem unvollkommenen Gestammel. O Herr, ich bin sehr alt, sieh

mich hier weißgekleidet vor Dir. Mein Name ist Innocenz, und Du weißt, daß

ich nichts weiß. Verzeihe mir mein Papsttum, denn es ist eingesetzt worden,

und ich erdulde es. Nicht ich habe seine Ehrungen befohlen. Ich sehe Deine

Sonne lieber durch diese runde Scheibe, als in dem prächtigen Widerschein

meiner Kirchenfenster. Laß mich seufzen wie andere Greise und Dir dieses

bleiche, gefurchte Antlitz zuwenden, das ich mühsam aus den Wogen der

ewigen Nacht erhebe. Die Ringe gleiten von meinen dürren Fingern, so wie

die letzten Tage meines Lebens dahingleiten.

Mein Gott! Ich bin Dein Stellvertreter hier, und ich strecke Dir meine

hohle Hand entgegen, voll des reinen Weines Deines Glaubens. Es gibt große

Verbrechen. Es gibt sehr große Verbrechen. Wir können von ihnen

lossprechen. Es gibt große Ketzereien. Es gibt sehr große Ketzereien. Wir

müssen sie unerbittlich bestrafen. In dieser Stunde, da ich vor Dir kniee,

weiß, in dieser weißen, schmucklosen Zelle, leide ich, o Herr, unter einer

großen Angst, denn ich weiß nicht, ob Richten über Verbrechen und

Ketzereien zu meinem prunkhaften Papsttum gehört oder in diese, durch einen

kleinen Lichtkreis erhellte Zelle, in der ein alter Mann schlicht die Hände

faltet. Und ich bin auch unruhig wegen deiner Grabstätte; sie ist immer

noch von Ungläubigen umgeben. Man hat sie ihnen noch nicht abnehmen können.

Niemand hat Dein Kreuz nach dem Heiligen Lande getragen. Wir sind in

Untätigkeit versunken. Die Ritter haben ihre Waffen niedergelegt und die

Könige können nicht mehr befehlen. Und ich, Herr, klage mich an und schlage

gegen meine Brust: ich bin zu schwach und zu alt.

Jetzt, Herr, höre auf dies zitternde Flüstern, das aus dieser kleinen Zelle

meiner Kirche zu Dir dringt und rate mir. Seltsame Nachrichten haben mir

meine Diener gebracht, von Flandern und Deutschland bis zu den Städten

Marseille und Genua. Unbekannte Sekten entstehen. Durch die Städte hat man

nackte Frauen laufen sehen, die nicht redeten. Diese stummen schamlosen

Weiber zeigten empor zum Himmel. Mehrere Wahnsinnige haben auf den Märkten

den nahen Untergang gepredigt. Die Einsiedler und umherziehenden Mönche

sind voller Aufregung. Und mehr als siebentausend Kinder sind, ich weiß

nicht durch welche Zauberei, aus den Häusern gelockt worden. Siebentausend

befinden sich auf der Landstraße und tragen das Kreuz und den Pilgerstab.

Sie haben nichts zu essen; sie haben keine Waffen, sie sind unfähig und

machen uns Schande. Sie verstehen nichts von jeder wirklichen Religion.

Meine Diener haben sie befragt. Sie antworten, daß sie nach Jerusalem

gehen, um das Heilige Land zu erobern. Meine Diener haben ihnen gesagt, daß

sie nicht über das Meer kommen würden. Sie antworteten, das Meer würde sich

teilen und austrocknen, um sie hindurchzulassen. Die guten Eltern, die

fromm und klug sind, bemühen sich, sie zurückzuhalten. Sie aber zerbrechen

die Riegel bei Nacht und übersteigen die Mauern. Viele sind Söhne von

Adligen und Kurtisanen. Es ist ein Jammer. Herr, alle diese Unschuldigen

werden dem Schiffbruch und den Anbetern Mohammeds preisgegeben. Ich sehe,

wie der Sultan von Bagdad von seinem Palast aus nach ihnen späht. Ich

zittre davor, daß die Seeleute sich ihrer Leiber bemächtigen, um sie zu

verkaufen.

Herr, erlaube mir, mit Dir zu reden nach den Geboten der Religion. Dieser

Kreuzzug der Kinder ist kein frommes Werk. Mit ihm kann man nicht das

heilige Grab für die Christenheit gewinnen. Er vermehrt die Zahl der

Landstreicher, die an der Grenze des erlaubten Glaubens herumirren. Unsere

Priester können ihn nicht beschützen. Wir müssen glauben, daß diese armen

Geschöpfe vom Bösen besessen sind. Sie laufen herdenweise auf den Abgrund

zu wie die Säue im Gebirge. Wie du weißt, Herr, bemächtigt sich der Böse

gern der Kinder. Einst erschien er in Gestalt eines Rattenfängers und

lockte mit dem Klange seiner Pfeife alle Kleinen aus der Stadt Hameln. Wie

manche erzählen, ertranken alle diese Unglücklichen im Weserfluß; andere

behaupten, daß er sie im Innern eines Berges einschloß. Du mußt befürchten,

daß Satan alle unsere Kinder den Martern derer entgegenführt, die nicht

unseren Glauben haben. Herr, du weißt, daß es nicht gut ist, wenn der

Glauben sich neugestaltet. Sobald er im feurigen Dornbusch erschien,

ließest Du ihn im Tabernakel einschließen. Und als er Deinen Lippen auf

Golgatha entfloh, befahlst Du, daß er in den Kelch und die Monstranz

eingeschlossen werde. Diese kleinen Propheten werden das Gebäude Deiner

Kirche erschüttern. Das muß ihnen verboten werden. Willst Du die empfangen,

die nicht wissen, was sie tun, ohne Rücksicht auf Deine Geweihten, die in

Deinem Dienst ihre Chorhemden und Stolen trugen, die den schweren

Versuchungen widerstanden, um Dich zu gewinnen? Wir müssen die Kindlein zu

Dir kommen lassen, aber auf dem Wege Deines Glaubens. Herr, ich spreche mit

Dir nach Deinen Geboten. Diese Kinder werden umkommen. Laß es nicht

geschehen, daß unter Innocenz ein neues Blutbad unter den Unschuldigen

stattfindet.

Vergib mir jetzt, mein Gott, daß ich unter der Tiara Dich um Rat gefragt

habe. Mich ergreift die Greisenschwäche. Betrachte meine armen Hände

. . Ich bin ein sehr alter Mann. Mein Glaube ist nicht wie der der ganz

Kleinen. Das Gold dieser Zellenwände ist durch die Zeit verblichen; sie

sind weiß. Der Schein Deiner Sonne ist weiß. Auch mein Kleid ist weiß, und

mein verdorrtes Herz ist rein. Ich habe nach Deinem Gebot gesprochen. Es

gibt Verbrechen. Es gibt sehr große Verbrechen. Es gibt Ketzereien. Es gibt

sehr große Ketzereien. Mein Haupt zittert vor Schwäche: vielleicht darf man

weder strafen noch lossprechen. Das vergangene Leben macht uns in unseren

Entschlüssen schwanken. Ich habe nie ein Wunder gesehen. Erleuchte mich.

Ist dieses ein Wunder? Welch Zeichen hast Du ihnen gegeben. Ist die Zeit

gekommen? Willst Du, daß ein sehr alter Mann, wie ich, gleich sei in seiner

Weiße Deinen kleinen arglosen Kindern? Siebentausend! Wenn auch ihr Glaube

unwissend ist, willst Du die Unwissenheit von siebentausend Unschuldigen

bestrafen? Auch ich werde Innocenz, der Unschuldige, genannt. Herr, ich bin

unschuldig wie sie. Bestrafe mich nicht in meinem hohen Alter. Die langen

Jahre meines Lebens haben mich gelehrt, daß diese Herde von Kindern keinen

Erfolg haben kann. Ist dies dennoch ein Wunder, Herr? Meine Zelle bleibt

friedlich, wie bei anderen Andachten. Ich weiß, es ist nicht nötig, Dich

anzuflehen, damit Du Dich offenbarst. Aber ich flehe zu Dir von der Höhe

meines Greisenalters, von der Höhe Deines Papsttums. Belehre mich, denn ich

weiß nicht. O Herr, es sind Deine kleinen Unschuldigen. Und ich, Innocenz,

ich weiß nicht, ich weiß nicht.

Der Kinderkreuzzug · 第 14 / 20 题