AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
AUSSENSEITER
DER GESELLSCHAFT
– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
HERAUSGEGEBEN VON
RUDOLF LEONHARD
BAND 8
VERLAG DIE SCHMIEDE
BERLIN
RAVACHOL UND DIE
PARISER ANARCHISTEN
VON
ARTHUR HOLITSCHER
VERLAG DIE SCHMIEDE
BERLIN
EINBANDENTWURF
GEORG SALTER
BERLIN
Copyright 1925 by Verlag Die Schmiede Berlin
Der ewige Zwiespalt, der offenkundige unlösbare Widerspruch, der die
Theoretiker einer revolutionären politischen Richtung von Jenen trennt,
die diese Richtung in die direkte, persönlich unerbittliche Aktion
umsetzen, kam wohl selten mit solcher Vehemenz zum Ausdruck wie gerade
in der Periode „der anarchistischen Attentate“, von der hier die Rede
sein wird.
Ich habe „anarchistisch“ gesagt, aber es ist nicht offenbar, es steht
keineswegs unumstößlich fest, es ließe sich wohl darüber streiten, ob
die Männer, die von 1891 bis 1894 in Frankreich jene Attentate verübten,
Anarchisten waren. Politische Aktionen ähnlicher Art, individuelle
Aktionen, die nur scheinbar durch ein System zusammengehalten sind,
grenzen in ihrem Wesen nahe an Verzweiflungstaten von Menschen, die aus
ihrem rein persönlichen Erleben heraus und nur bedingt aus den Motiven
einer, vom politischen Gesichtspunkt als notwendig erkannten Richtung
handeln. Wenn Aktionen dieser Art sich im Laufe der Zeiten gleichen, so
kann man doch aus der Geschichte den ewig wechselnden Namen der
politischen Richtung verfolgen, die jeweils mit diesen Aktionen
verknüpft, ihnen eine Art Rechtfertigung zu geben scheint. Die Taten der
Nihilisten in Rußland, der Sozialisten in den Anfangsjahrzehnten der
Arbeiter-Organisation, der Anarchisten in Frankreich, sie entsprangen
alle der Not des aufgewühlten Zeitgewissens. Im Grunde waren sie
Manifestationen des stetig gleichbleibenden, seit Urzeiten in die
Menschenseele versenkten revolutionären Triebes: das _Unrecht_ aus der
Welt zu schaffen. Die Auflehnung des Individuums gegen den Staat, der
Kampf gegen die Gesellschaft, die das mitgeborene Recht des Individuums
schmälert und vernichtet.
In seinem grundlegenden Werk „_Der Anarchismus_“ gibt _Paul Eltzbacher_
ein kurzes Résumé der theoretischen Grundlagen der anarchistischen
Lehren und ich will hier einen Abschnitt zitieren, der für den, wenn
auch losen Zusammenhang der anarchistischen Theorie mit den Taten der
Anarchisten, über die hier berichtet werden soll, wesentlich und
wissenswert ist:
„Der Anarchismus,“ sagt Eltzbacher, „ist die rechtsphilosophische
Verneinung des Staates, d. h. diejenige Art der rechtsphilosophischen
Staatslehre, welche den Staat verneint.
Eine anarchistische Lehre kann nicht vollständig sein, ohne anzugeben,
auf was für einer Grundlage sie ruht, was für einen Zustand sie im
Gegensatz zum Staate bejaht, und wie sie sich den Übergang zu diesem
Zustande denkt. Eine Grundlage, eine bejahende Seite und eine
Vorstellung von dem Übergang zu dem, was bejaht wird, sind notwendige
Bestandteile jeder anarchistischen Lehre. Mit Beziehung auf diese
Bestandteile lassen sich folgende _Arten des Anarchismus_ unterscheiden.
1. Der Grundlage nach: der _genetische Anarchismus_, welcher als
höchstes Gesetz menschlichen Verhaltens nur ein _Naturgesetz_ anerkennt
und der _kritische Anarchismus_, welcher als höchstes Gesetz
menschlichen Verhaltens eine Norm betrachtet; als Unterarten des
kritischen Anarchismus der _idealistische Anarchismus_, dessen höchstes
Gesetz eine Pflicht, und der _eudämonistische Anarchismus_, dessen
höchstes Gesetz das Glück ist; und endlich als Unterarten des letzteren
der _altruistische Anarchismus_, für den das Glück der Gesamtheit, und
der _egoistische_, für den das Glück des Einzelnen höchstes Gesetz ist.
2. Nach dem im Gegensatz zum Staat bejahten Zustande lassen sich
unterscheiden: der _föderalistische Anarchismus_, welcher für unsere
Zukunft ein geselliges Zusammenleben der Menschen nach der Rechtsnorm,
daß Verträge erfüllt werden müssen, bejaht, und der _spontanistische
Anarchismus_, welcher für unsere Zukunft ein geselliges Zusammenleben
nach einem nichtrechtlichen Gesetz bejaht.
3. Nach der Vorstellung von dem _Übergang zu dem bejahten Zustande_
lassen sich unterscheiden:
Der _reformistische Anarchismus_, welcher sich den Übergang vom Staat zu
dem im Gegensatz zu ihm bejahten Zustand _ohne Rechtsbruch_ denkt, und
der _revolutionäre Anarchismus_, welcher sich diesen Übergang _als
Rechtsbruch_ denkt. Als Unterarten dieses revolutionären Anarchismus:
der _renitente Anarchismus_, der sich den Rechtsbruch ohne Anwendung von
Gewalt denkt, und der _insurgente Anarchismus_, der sich ihn unter
Anwendung von Gewalt denkt.“
Eltzbacher, der das Ergebnis seiner wissenschaftlichen Abhandlung
besonders aus den Schriften von sieben der hervorragendsten Theoretiker
der anarchistischen Lehre, nämlich _Godwin_, _Proudhon_, _Stirner_,
_Bakunin_, _Kropotkin_, _Tucker_ und _Tolstoj_ schöpft, schreibt zu
diesen letzteren Arten des Anarchismus, nämlich dem _renitenten_
Anarchismus, der sich den Rechtsbruch ohne Anwendung von Gewalt denkt,
die Namen: Tucker und Tolstoj, und zu dem _insurgenten_ Anarchismus, der
sich den Rechtsbruch _aktiv_ und _unter Anwendung von Gewalt denkt_, die
Namen Stirner, Bakunin, Kropotkin. –
Unter diesen dreien war es besonders _Kropotkin_, der sich eine klare
Vorstellung von der Anwendung der Gewalt, der Propaganda durch die Tat
gemacht hat. Es ist dies nicht weiter zu verwundern, denn Kropotkin war
es ja, neben Bakunin und Tolstoj, der die Gewalt der zaristischen
Unterdrückung, der grausamen Bekämpfung der Freiheit des Individuums am
tiefsten, am eigenen Leben, an der eigenen Seele, an der Freiheit des
Körpers und des Gedankens erfahren hat.
In seinem Buche: „_Worte eines Empörers_“ gibt er eine klare Darstellung
des Propagandisten der Tat, wie er auch über die Notwendigkeit einer
solchen Propaganda, über das Verhältnis der Tat zur Idee, des Täters zur
Allgemeinheit, des begrenzten Ereignisses zur Zukunft Wesentliches
aussagt. Er betont, daß es Aufgabe derjenigen sei, die den Gang der
Entwicklung vorhersehen, die Geister auf die bevorstehende Revolution
vorzubereiten.
„Die Anarchisten,“ sagt er weiter, „sind heute noch eine Minderheit,
aber ihre Zahl wächst täglich, wird immer wachsen und am Vorabend der
Revolution zur Mehrheit werden. Vor allem aber ist das Ziel der
Revolution allgemein bekannt zu machen, damit die Massen von der Idee
ergriffen werden. In Wort und Tat ist dieses Ziel zu verkünden, bis es
durchaus volkstümlich wird, so daß es am Tage der Erhebung in aller
Munde ist.“
„Diese Aufgabe,“ sagt Kropotkin, „ist größer und wichtiger, als man im
allgemeinen annimmt. Denn wenn das Ziel auch einigen wenigen deutlich
vor Augen steht, so ist es doch ganz anders mit den fortwährend von der
Bourgeoispresse bearbeiteten Massen.“
„Der Geist der Empörung,“ sagt Kropotkin ferner, „muß geweckt werden. Es
müssen das Unabhängigkeitsgefühl und die wilde Kühnheit erwachen, ohne
die keine Revolution zustande kommt. Zwischen der friedlichen Erörterung
von Übelständen und dem Aufruhr, der Empörung liegt ein Abgrund,
derselbe Abgrund, der beim größten Teil der Menschheit die Überlegung
von der Tat, den Gedanken vom Willen scheidet. Das Mittel, um diese
beiden Wirkungen zu erzielen, ist: beständiges, unablässiges Handeln
der Minderheiten, denn,“ so meint er: „Mut, Ergebenheit,
Aufopferungsfähigkeit seien ebenso ansteckend wie Feigheit,
Unterwürfigkeit und Angst.“
(Wie sehr Kropotkin in diesen Äußerungen sich als reiner Theoretiker
erweist, erhellt aus der Rolle, die er etwa ein Dritteljahrhundert nach
der Veröffentlichung der „Worte“ gelegentlich der großen
bolschewistischen Revolution Rußlands gespielt hat. Kropotkin hat, als
Anarchist kommunistischer Observanz, in idealistischer Weise und der
gegebenen Wirklichkeit fremd, den Bolschewismus als Mittel zur
Herbeiführung der endlichen Freiheit verkannt. Er hat den „Mut, die
Ergebenheit, die Aufopferungsfähigkeit“ der kleinen initiierenden Gruppe
der Bolschewiki nicht in voller Weise zu würdigen verstanden. Wenn er
sagt, daß diese Eigenschaften ebenso ansteckend seien wie Feigheit,
Unterwürfigkeit und Angst, so hat er im Grunde das Wesen der
bürgerlichen Seele auch nicht bis in seine Tiefen ergründet – denn er
hätte sonst jene kleine Gruppe, die in der Tat Mut, Ergebenheit und
Aufopferungsfähigkeit gegen eine Welt von Feigheit, Unterwürfigkeit und
Angst repräsentierte, wirkungsvoller durch die Macht seiner
Persönlichkeit unterstützen müssen, als er es in Wahrheit getan hat.)
„Welche Formen soll die Propaganda annehmen?“ fragt Kropotkin weiter.
„Jede, die durch die Lage der Dinge, durch Gelegenheit und Neigung
vorgezeichnet wird. Bald mag sie ernst, bald scherzhaft, aber immer muß
sie kühn sein. Bald mag sie von einer Mehrheit, bald von einem Einzelnen
ausgehen. Niemals darf sie ein Mittel unbenutzt, niemals eine Tatsache
des öffentlichen Lebens unbeachtet lassen, um die Geister in Spannung zu
erhalten, der Unzufriedenheit Nahrung und Ausdruck zu geben, den Haß
gegen die Ausbeuter zu schüren, die Regierung lächerlich zu machen, ihre
Ohnmacht darzutun. Vor allem aber muß sie, um die Kühnheit und den Geist
der Empörung zu wecken, immerfort durch das Beispiel predigen.“
Und weiter heißt es: „Männer von Herz, die nicht nur reden, sondern
handeln wollen, reine Charaktere, die Gefängnis, Verbannung und Tod
einem Leben vorziehen, das ihren Grundsätzen widerspricht, kühne
Naturen, die wissen, daß man wagen muß, um zu gewinnen – das sind die
verlorenen Posten, die den Kampf eröffnen, lange, bevor die Massen reif
sind, offen die Fahne der Empörung zu erheben und mit den Waffen in der
Hand das Recht zu suchen. Mitten in dem Klagen, Schwätzen, Erörtern
erfolgt durch einen oder mehrere eine aufrührerische Tat, die die
Sehnsucht Aller verkörpert.“
Schließlich aber kommt Kropotkin auf die Wirkung und somit das
praktische Ergebnis dieser Propaganda zu sprechen, indem er resumiert:
„_Eine einzige Tat macht in wenigen Tagen mehr Propaganda als tausend
Broschüren._ Eine Tat gebiert die andere; Gegner schließen sich dem
Aufruhr an; die Regierung wird uneins, Härte verschärft den Streit;
Zugeständnisse kommen zu spät: _Die Revolution bricht aus._“
* * * * *
Die Spannweite zwischen den angeführten Theorien des Anarchismus und den
Motiven der Propagandisten durch die Tat, wenn man die im Folgenden zu
behandelnden Individuen so nennen darf, ist eine beträchtliche; auch die
eingestandene Auffassung, die diese letzteren von ihrer anarchistischen
Gesinnungspflicht öffentlich kundgegeben haben, entfernt sich von der
eben zitierten Darstellung Kropotkins, in der wir das grundlegende
Bekenntnis eines aktiven Revolutionärs zu sehen haben. Immerhin lassen
sich bei den Geständnissen dieser Propagandisten, in der Motivierung
ihrer Taten vor Gericht, Abstufungen wahrnehmen, welche mehr oder
weniger deutlich ihre Stellung zu der Idee des Anarchismus kundgeben.
Die geringere oder weitere Entfernung ihrer emotionellen Motivierung von
jenem nüchternen und festen Gesetz der Notwendigkeit der
Propagandaaktion, wie sie Kropotkin dargelegt hat, ist weniger an dem
Temperament als an dem Bildungsgrade der Propagandisten zu messen.
Es wäre verkehrt, die Menschen, von deren Taten ich berichten will, als
Verbrecher anzusehen. Verbrecher darf sie nur jener nennen, der sich mit
den Anschauungen der Gesellschaft, wie sie heute besteht, identifiziert.
Wer aber auf dem Standpunkt beharrt, daß die Gesellschaft, in der wir
leben, geändert werden muß, daß sie auf _revolutionäre_ Weise aus ihren
Fugen gebracht werden muß, weil eine evolutionäre die Widerstände
stärkt, statt sie zu vermindern, wer eine freiere, glücklichere,
utopistische Form der Gesellschaft in der Zukunft erkannt hat und
vorbereiten will – wird die anarchistischen Propagandisten nicht als
Verbrecher, sondern als Pioniere einschätzen müssen. Wenn auch ihre
Taten zuweilen das Draufgängertum blindwütigen, rücksichtlosen
Vernichtens von Leben und Eigentum erkennen lassen, so wurzeln diese
Taten doch in einer anderen Sphäre. Folgt man dem Ursprung der Revolte
dieser „Attentäter, Bombenwerfer, Mörder und Räuber“, dieser „Feinde der
Menschheit“, – so findet man in der Ursache ihrer Empörung die Elemente
der sozialen Ungerechtigkeit, der Unterdrückung, des Elends der
Herkunft, ebenso der ursprünglichen Blutmischung, wie der sozialen
Lebensbedingungen im Elternhaus, der Erziehung – – über all diesem aber
den _Zug der Zeit_.
Der soziale Unfriede manifestiert sich am deutlichsten und
entscheidendsten in Charakteren, die nicht erst die langsame Disziplin
der sozialistischen Parteiorganisation durchmachen können. Er
manifestiert sich in explosiver Form. Seit den Attentaten 1891-94 hat
die revolutionäre Organisation der Massen ungeheure Fortschritte
gemacht. Durch die Organisation aber ist augenscheinlich der
revolutionäre Trieb in den Individuen zurückgedrängt worden, wenn nicht
verkümmert. Organisation bedeutet: Abwälzung der Verantwortung des
Einzelnen auf eine hinter ihm stehende, ihn schützende größere Masse,
und in diesem Sinne fragt es sich, ob die Propaganda durch die Tat des
Einzelnen heute noch stark genug sein könnte, die Organisation, d. h.
die Massen in Bewegung zu setzen. Das Ergebnis besonders der deutschen
Revolution, dieser Revolution eines überorganisierten Proletariats,
antwortet auf diese Frage: Nein.
Besonderen Aufschluß über Wesen und Wirkung der Propagandaaktion des
Einzelnen gibt die Legende, die sich um Namen, Tat, das Leben eines
solchen Einzelnen im Volke bildet. Die Tat des Individuums, das sich von
der Gesamtheit ablöst, übt auf die Masse, in deren Interesse diese Tat
getan worden ist, einen außerordentlichen Zauber, eine starke
Suggestionskraft aus. Dies hat auch Kropotkin erkannt. Ob aber diese
Suggestion, wie Kropotkin meint, eine _aktive Tat der Gesamtheit_
hervorrufen kann, bleibt dahingestellt. Jedenfalls bemächtigt sich das
Bedürfnis der Massen nach Romantik des Lebens des revolutionären
Propagandisten und hüllt es in eine Glorie ein.
Der Name _Ravachol_, der hier öfters erwähnt werden wird, ist auf diese
Art, wie ein Symbol der Empörung, Sprichwort im französischen Volke
geblieben.
Dieser Name _Ravachol_, fremdartig, einprägsam und populär, deckt eine
ganze Epoche des revolutionären Lebens Frankreichs. Man kann nach
anderen Epochen Umschau halten, Epochen, in denen sich große
Staatsaktionen, bedeutsame Erlebnisse des Volkes abgespielt haben, und
wird finden, daß diese in ihrer Gesamtwirkung bedeutsamen Zeitläufte von
keinem einzigen Namen gedeckt werden, wo die Epoche des insurgenten
Anarchismus von 1891-94 in Paris durch den Namen _Ravachol_ gedeckt ist.
Neben diesem Namen büßen jene anderen aus derselben Epoche: Vaillant,
Henry, Caserio einen wesentlichen Teil ihrer Bedeutung ein, obzwar sie
für die Epoche von äußerster Bedeutung geblieben sind, obzwar sie sich
sogar mit den Idealen des aktiven Anarchismus (jedenfalls in dem Fall
Vaillant und Henry) inniger berühren als dies bei Ravachol der Fall ist.
Dieser aber galt und gilt als der _Initiator_, als der Erwecker jener
Epoche, als Der, dessen Tat den revolutionären Instinkt, den immer
gärenden latenten Instinkt zur Menschheitsbefreiung in dem französischen
Volke für eine Zeit entfesselt und aufgerichtet hat.
* * * * *
1891-94.
Die Zeit der Attentate von Ravachol, Vaillant, Henry, Caserio. Die Zeit
des Prozesses der Dreißig.
Die Zeit des Panama-Skandals. Eine Epoche der politischen Korruption,
der Hochkonjunktur des bürgerlichen rücksichtslosen Genußlebens, der
stärksten Konzentration von Industrie- und Finanzkapital zur Ausbeutung
der arbeitenden Massen.
Es war die Zeit vor der Reinigung der Atmosphäre durch die Aktion für
den Kapitän Dreyfus, die Zeit der Präsidentschaft Sadi-Carnots, die das
Regime des alten Grévy abgelöst hatte.
Jules Grévys Präsidentschaft, in deren Zeit die Beängstigung des
republikanischen Frankreichs durch den General Boulanger fiel, versank
im Sumpf des Wilson-Skandals. Kaum hatte die denkwürdige
Schnäbele-Affäre an der elsässischen Grenze die Gefahr eines Krieges
zwischen Frankreich und Deutschland für einen Augenblick aufleben
lassen, da wurde das Interesse des Volkes durch eben jenen Skandal unter
dem Namen Wilson auf den Zustand der bedrohten bürgerlichen Republik
abgelenkt. Wilson, Schwiegersohn des Präsidenten Grévy, hatte für gutes
Geld die Ehrenlegion an Leute verschachert, die alles, nur nicht die
Ehre Frankreichs repräsentierten. Als nun diese übelriechenden
Machenschaften aufgedeckt wurden, blieb Grévy, der von den Geschäften
seines Schwiegersohnes keine Ahnung hatte, nichts übrig, als zu gehen.
Er verließ seinen Posten ohne das Odium des geringsten persönlichen
Makels.
Sadi-Carnot, sein Nachfolger aber übernahm ein so ziemlich außer Rand
und Band geratenes bürgerliches Gemeinwesen. Carnots Regierungsantritt
war durch die Notwendigkeit, mit des Generals Boulanger Agitation
aufzuräumen, belastet. Die Republik war durch den doppelten, sozusagen
konzentrischen Angriff von orleanistischer Seite wie vonseiten ihrer
eigenen bürgerlichen Korruption in schwerste Bedrängnis geraten. Wilsons
Tat deckte ja nur einen Zipfel von dem ungeheuren Schmutz auf, in dem
die Republik Frankreich zu versacken drohte. Sadi-Carnots Regierungsära
hatte außer der Aufglättung des Ehrenlegionsskandals mit üblen Affären
ähnlicher Art zu schaffen, die hervorragende Mitglieder des Pariser
Magistrates durch ihre Geschäfte mit dem Crédit Foncier, in Verbindung
mit dem Comptoir d’Escompte, kompromittierten. Zur gleichen Zeit
explodierte überdies, wie ein Kloakenrohr, die Affäre des Panamakanals
über dem öffentlichen Leben Frankreichs, und der Unflat, der sich auf
solche Weise über das politische Leben des Landes ergoß, blieb auf der
ganzen Regierungsepoche von Sadi-Carnot haften, die man mit diesem
Skandal identifizierte.
All diese Skandalaffären verbreiteten, wie erklärlich, große Erbitterung
und Haß unter den arbeitenden Schichten der Bevölkerung, denen die
Verrottung des Bürgertums, der sie ausbeutenden Klassen, der regierenden
und der Finanz, offenbar geworden war.
Eine Reihe von Streiks bezeichnet die beginnende Unruhe der arbeitenden
Schichten Frankreichs jener Zeit. In den Industriebezirken war diese
Unruhe natürlich am stärksten wahrzunehmen, doch schlug sie ihre Wellen
nach Paris, der Metropole, die ja von jeher das Zentrum jeder
Manifestation des französischen Volkswillens war, die den Pulsschlag der
französischen Energie in allen Phasen der Geschichte vernehmbar
aufgedeckt hat.
Noch hatten die Streiks nicht das Stadium der akuten Revolte erreicht –
da brachte ein Ereignis sozusagen den entscheidenden Schwung in die
gesamte revolutionäre Bewegung.
Im Mai 1890 wurde in dem kleinen Ort Le Raincy bei Paris eine Werkstatt
entdeckt, in der Russen Explosivstoffe und Höllenmaschinen hergestellt
hatten. Wenige Monate später wurde der russische General Seliwerstow,
ehemaliger Polizei-Präfekt von St. Petersburg, auf den Boulevards durch
einen Polen, namens Padlewski, getötet. Padlewski gelang es, mit Hilfe
französischer revolutionärer Sozialisten, die Flucht zu ergreifen. Diese
Tat lenkte die Aufmerksamkeit des Publikums und der Regierung auf die
unzweifelhaft gärenden Elemente der französischen Arbeiterbevölkerung,
die sich schon in den mannigfachen Streiks deutlicher werdend, an die
Oberfläche gewagt hatten. Es kam der _1. Mai 1891_, und mit diesem Datum
beginnt die Ära der anarchistischen Attentate, von der hier die Rede
sein soll.
* * * * *
An diesem 1. Mai 1891 fanden an vielen Orten Manifestationen ernster
Art, Zusammenstöße zwischen Arbeitern und der Polizei statt. In Lyon,
Marseille, Nantes und Charleville kam es zu Konflikten, wobei
gelegentlich die Truppen von der Polizei zu Hilfe gerufen worden waren.
Die beiden bedeutungsvollsten und für die Entwicklung der Dinge
wesentlichsten Ereignisse aber waren die von _Fourmies_ und von
_Clichy_. Man kann sagen, daß diese beiden Ereignisse, die von Fourmies
und von Clichy, den revolutionären Trieb unter den radikalen Elementen
der französischen Arbeiterschaft, vor allem unter den Propagandisten der
Tat, entfesselt haben.
_Fourmies_ ist eine kleine Industriestadt in der Nähe von Avesnes im
Departement Nord und bildet den Mittelpunkt eines großen
Industriebezirkes, in dem hauptsächlich Glasbläsereien und Spinnereien
sich befinden. Ein lokaler Streik, der in Fourmies um die Zeit der
Maifeier ausbrach, drohte bald derartige Dimensionen anzunehmen, daß der
Unterpräfekt der Kreisstadt Avesnes, Isaac, Infanterie zur Unterdrückung
der Unruhen herbeizurufen für gut befand. Die Truppen wurden von einem
Major Chapu befehligt, der, als aus der Menge Steine gegen die Soldaten
geworfen wurden, den Befehl zum Feuern gab. Nach wenigen Augenblicken
bedeckte eine Menge von Toten und Verletzten das Pflaster. Man zählte 40
Schwerverwundete; 2 Männer, 4 Frauen und 3 Kinder waren getötet worden.
Um die gleiche Stunde spielte sich in Clichy, der nördlichen
Arbeitervorstadt von Paris, ein wesentlich harmloseres Ereignis ab,
welches aber, da es den revolutionären Kern Paris berührte, vielleicht
von erheblicheren Folgen begleitet war, als das Ereignis von Fourmies,
das immerhin die Geister noch lange im Banne hielt.
Eine kleine Gruppe von Anarchisten hatte in einem kleinen Café eine
Versammlung abgehalten, bei welcher Gelegenheit die Korruption der
bürgerlichen Republik in gehöriger Weise ihre Kritik abbekam. Nach
Schluß der Versammlung begaben sich die Teilnehmer der Versammlung auf
die Straße. Es war nicht das erste Mal, daß in den Straßen von Paris
eine Gruppe von Menschen unter Vorantragung einer roten Fahne sich
vorwärts bewegte, aber diesmal schien die Polizei strenge Weisung
erhalten zu haben, jede Manifestation revolutionärer Art unnachsichtig
zu unterdrücken. An einer Straßenkreuzung stürzten sich daher die
Polizisten auf die Frau, die die Fahne trug, und auf die kleine Gruppe
von Menschen, die hinter ihr her marschierte. Revolverschüsse fielen –
von beiden Seiten – und das war das Neue an der ganzen Angelegenheit.
Die Polizei verhaftete eine Anzahl von Menschen, brachte sie auf die
Wache, wo die Gefangenen in übelster Weise zugerichtet wurden. Im
französischen Volksmund heißt diese Prozedur: „passer à tabac“, und die
Art und Weise, wie die Gefangenen bei dieser Gelegenheit „vertobakt“
wurden, schien die Gemüter der unteren Schichten von Paris in besonders
starkem Maße aufgebracht zu haben.
Die Polizei behielt drei der Verhafteten, die vor das Gericht gestellt,
in den nächsten Wochen abgeurteilt wurden. Während einer von den dreien
straflos entlassen wurde, erhielten die beiden anderen ungewohnt harte
Strafen, die tatsächlich in keinem Verhältnis zu dem Vergehen standen,
dessen sie beschuldigt waren, namentlich: der Arbeiter _Decamp_ 5 Jahre
Zwangsarbeit, der Arbeiter _Dardare_ 3 Jahre Zwangsarbeit. Das Urteil
der Jury fiel nach Wunsch des Staatsanwaltes aus, der für die
Angeklagten die höchste zulässige Strafe verlangt hatte. Wenn die Jury
auch mildernde Umstände in Anwendung gebracht sehen wollte, weigerte
sich der Präsident des Gerichtshofes doch, diesem Begehren stattzugeben.
Die beiden Arbeiter wanderten ins Zuchthaus, ihr Gedenken lebte in den
Gemütern der Pariser Arbeiterschaft unter dem Stichwort der „_Märtyrer
von Clichy_“ fort.
Die öffentliche Meinung des rasch lebenden Paris hatte diese Märtyrer
und ihre Leiden, wie das Schandurteil des Gerichtes, das sie zu diesem
Leiden verurteilte, bald vergessen – aber die revolutionäre
Arbeiterschaft hatte sie nicht vergessen. Immerhin verging ein halbes
Jahr, ehe sie, und zwar auf eklatante Weise gerächt wurden.
Im März 1892 erfolgten innerhalb weniger Tage drei Ereignisse, die mit
dem Prozesse von Decamp und Dardare zusammenhingen, und die den
sogenannten anarchistischen Terror von 1892-94 einleiteten.
Am 11. März explodierte eine Bombe im Hause des Monsieur Benoit,
Präsidenten des Gerichtshofes, der die beiden Arbeiter verurteilt hatte;
am 15. richtete eine Explosion in der Lobau-Kaserne beträchtlichen
Schaden an; am 27. März aber flog ein Teil des Hauses, in dem Monsieur
Bulot, der Staatsanwalt, wohnte, in die Luft. Auf solche Weise rächte
die Revolution sich an den Vertretern der Staatsgewalt für den 28.
August 1891, an dem die Märtyrer von Clichy ihre ungerechte Strafe
empfangen hatten.
* * * * *
Besonders die Explosion bei Monsieur Benoit, der in einem vornehmen
Hause am Boulevard St. Germain wohnte, und jene andere Explosion, die in
der Rue de Clichy das Haus des Staatsanwaltes Bulot arg beschädigte,
zeigten dem aufschreckenden Volke von Paris, daß ein Wille, ein Plan
hinter diesen Attentaten steckte. Das war es, was am meisten Schrecken
unter der Bevölkerung, besonders dem Magistrat und den Personen der
Regierung verbreitete. Man sah sich plötzlich einer ungekannten,
ungreifbaren, augenscheinlich effektiven Macht gegenübergestellt, die
durch eine _Idee_ geleitet wurde, gleich jener, in deren Dienste man
selber stand. Es war die Idee der _Gewalt_, Gericht gegen Gericht,
Meinung gegen Meinung, Schicksal gegen Schicksal. Das _Volk_ hatte
gesprochen, das stumme, unterdrückte wurde in einer Folge von schrillen
Aufschreien plötzlich laut. Und diese Schreie tönten mitten durch den
Lärm des genießerischen Paris, durch die taumelnden Boulevards. Sie
verkündeten _Revolution_.
Man mußte sich vor der Revolution schützen. Wo aber sie fassen? Die drei
Explosionen bedeuteten dem zynisch leichtlebigen, jede Beängstigung
leichtfertig zum Nervenkitzel degradierenden Paris eine Warnung und
ernste Beunruhigung.
Rascher als man ahnte, entblößte sich die Wurzel des revolutionären
Triebes. Kaum drei Tage nach dem letzten Attentat, dem der Staatsanwalt
zum Opfer fallen sollte, wurde in einem Restaurant am Boulevard Magenta
der Täter verhaftet. Und das kam so. –
Der Kellner des Restaurants Véry, jenes Restaurants am Boulevard
Magenta, bediente am 27. März einen Mann, der sich mit ihm in ein
Gespräch eingelassen hatte. Der Mann frug den Kellner, ob er Soldat
gewesen sei? Der Kellner antwortete „Nein“ und bemerkte, er freue sich
darüber, dem Dienst entronnen zu sein, worauf der Gast ihm den Rat gab,
fleißig anarchistische Zeitungen zu lesen und im Gespräch die Bemerkung
fallen ließ, daß sich vor einigen Stunden in der Clichy-Straße eine neue
Explosion ereignet hätte, die von größerer Wirkung als die neuliche am
Boulevard St. Germain gewesen sei. Es seien diesmal zahlreiche Personen
verwundet worden. – Kurze Zeit, nachdem der Gast gegangen war, brüllten
die Zeitungsjungen die aufregenden Einzelheiten des neuerlichen
Attentates über den Boulevard Magenta. Als der Gast drei Tage später
wieder im Restaurant Véry erschien, schickte der Kellner insgeheim nach
der Polizei. Die Polizei verhaftete den Gast des Restaurants Véry: es
war Ravachol.
* * * * *
Wer aber war _Ravachol_? Der Prozeß vor den Assisen, der sich kaum einen
Monat nach der Verhaftung Ravachols in Paris abspielte, setzte eine der
merkwürdigsten Gestalten des revolutionären Frankreichs ins volle Licht
der Öffentlichkeit.
Ravachol war zur Zeit seiner Verhaftung 32 Jahre alt; ein kleiner
untersetzter Mann von enormen physischen Kräften, dabei von einer
gewissen Sentimentalität beherrscht, die sich in seinem Verhältnis zu
der Frau, mit der er zusammenlebte, wie auch in seinen Anschauungen über
die Pflicht, die der Einzelne seinen leidenden Mitmenschen, besonders
wehrlosen Frauen und hungrigen Kindern gegenüber hat, manifestierte.
Gleichzeitig mit einer aufs höchste entwickelten Zielbewußtheit und
Energie in bezug auf die Aktion, die unternommen werden mußte, um das
Unrecht, das die Gesellschaft an dem leidenden Mitmenschen verübte, aus
der Welt zu schaffen.
Ravachol war das eheliche Kind seines Vaters. Sein richtiger Name war
Franz August Königstein, aber Ravachol hatte den Namen seiner Mutter
angenommen, weil er es ablehnte, in Frankreich als ein Deutscher
herumzulaufen. Seine Kindheit und frühen Mannesjahre spielten sich im
Geburtsort der Mutter, dem Städtchen St. Chamond ab, in dem sich
verschiedene Fabriken befinden, Stahlwerke, Glasbläsereien, Seiden- und
Bänderwirkereien, wie überhaupt dieses ganze Gebiet der oberen Loire
einen der werktätigsten Industriebezirke Frankreichs bildet.
Ravachol, der nicht schwerer als die gesamte andere Bevölkerung unter
der Ausbeutung der Arbeiter dieser Gegend litt, betätigte sich Jahre
lang in verschiedenen Fabriken, zuletzt als Färber, wobei er sich
wahrscheinlich einige grundlegende Kenntnisse in der Chemie anzueignen
verstand. (Diese Kenntnisse hat er später bei der Vorbereitung seiner
Attentate gehörig zu verwerten gewußt.) Bald bekam er das Elendsdasein,
das die Genossen in den Fabriken allzu willig ertrugen, satt. Seinem
phantastischen und ungezügelten Temperament entsprach weder die harte
Fron, die aussichtslose stupide Folge der täglichen eintönigen
Arbeitslast, noch das langsame unabsehbare Spiel der Reformen, zu denen
die Organisationen die Arbeiterschaft zu drillen unternommen hatten.
Natürlich war seines Bleibens, da er seinem Temperament die Zügel
schießen ließ, in den Fabriken der Gegend nicht lange.
Nach einem kleinen mißglückten Versuch, das schöne Silbergeld
Frankreichs durch eigene Stanzapparate herzustellen, unternahm Ravachol
seinen ersten Mord. Er verübte ihn an einem alten alleinstehenden
Edelmann, namens Rivollier, der mit seiner bejahrten Dienerin am Ende
eines Dorfes in der Nähe von St. Chamond hauste. Die Ausbeute an Geld
scheint bei dieser Tat nur eine geringe gewesen zu sein. Nach der Tat
kehrte er an seinen Wohnort zurück, wo er fünf weitere Jahre lebte, ehe
er seine zweite Unternehmung vollbrachte.
Diese war von weitaus geringerer krimineller Bedeutung als die erste.
Eine der vornehmsten aristokratischen Familien der Umgebung, die Familie
der Grafen von Rochetaillée hatte eine Angehörige verloren: eine alte
Dame, von der die Sage ging, sie habe in ihrem letzten Willen den Wunsch
geäußert, mitsamt ihrem wertvollen Schmuck begraben zu werden. Einige
Wochen nach dem Begräbnis der alten Dame wurde das Gewölbe des
Erbmausoleums erbrochen gefunden, die Platten von dem Grabe waren mit
ungeheuerlicher Kraft beiseite geschoben, ein kleines Holzkreuz und eine
geweihte Medaille lagen auf dem Boden neben dem Sarkophag, in dem die
alte Dame ruhte – die, wie man bei dieser Gelegenheit erfuhr, als
einzigen Schmuck eben nur diese beiden kümmerlichen Stücke mit ins Grab
bekommen hatte. Dies war Ravachols zweite Tat.
Die dritte, die er wenige Wochen später, und zwar Mitte Juni 1891
ebenfalls in der Nähe seines Wohnortes verübte, war der Mord an dem
„Eremiten“. Der alte Brunel, von der Bevölkerung der Eremit genannt,
lebte vom Beten, Prophezeien und von der Weiterleitung der Wünsche der
Landbevölkerung an den lieben Gott. Er bekam für diese Betätigung von
den abergläubischen Bauern und Bäuerinnen Lebensmittel, abgelegte
Kleider und Geld. Ravachol dürfte, als er den Alten in seiner Hütte
erwürgte, in allen möglichen Behältern, Pfannen, Matratzen, in allen
Winkeln und Verstecken etwa 5000 Franken erbeutet haben. Dieser Schatz
bestand aus Gold-, Silber- und Kupfermünzen. Die Kupfermünzen ließ
Ravachol liegen, den Rest schleppte er mit, wurde aber von der
Gendarmerie nach kurzer Zeit verhaftet und konnte diesmal nur durch
einen glücklichen Zufall entwischen.
Einige Monate später sehen wir Ravachol mitsamt seinem Freunde und einer
Freundin, bei denen er einige Zeit lang Unterkunft gefunden hatte,
seinen Weg nach Paris nehmen, und zwar nach St. Denis, einem nördlichen
Vorort, der seit langem, auch heute noch als Brennpunkt der
revolutionären Arbeiterbewegung bekannt ist.
Ravachol, der in St. Denis unter dem Namen Louis Léger lebte, trat bald
nach seiner Ankunft mitsamt seinem Freund Jus-Béala einer Gruppe aktiver
Anarchisten bei, die die antimilitaristische Propaganda zur
hauptsächlichsten Aufgabe ihrer Aktivität gemacht hatte. Die Gedanken
dieser Gruppe faßten bald starke Wurzeln in Ravachols Hirn und Herz, und
da ihn ein Zufall binnen kurzem in den Besitz einer großen Menge von
Dynamit-Patronen brachte, unternahm er es, die Märtyrer von Clichy auf
eigene Faust zu rächen. Es war gerade die Zeit, in der das Gedächtnis
von Decamp und Dardare den revolutionären Flügel der Pariser
Arbeiterschaft besonders heftig irritierte. Mit einigen Genossen, unter
denen sich auch der spätere Judas der Gruppe befand, gelang es Ravachol,
jenen Diebstahl von Dynamit-Patronen bei einem Erdbauunternehmer namens
Couézy, in Soisy-sous-Étiolles bei Paris durchzuführen. Nach einer
Version sollen es bloß 120 Patronen gewesen sein, eine andere Version
aber spricht von 400. Jedenfalls erregte der Diebstahl bald die
Aufmerksamkeit der Polizei, die mit voller Energie in allen möglichen
Quartieren, wo Anarchisten wohnten oder vermutet wurden, rund um Paris
Haussuchungen veranstaltete. Ravachol indes war mitsamt seiner Beute
bereits nach einem anderen Vorort von Paris übersiedelt, dem Ort St.
Mandé im Osten der Stadt. Sein Plan stand fest: er war berufen, das
Leiden der ungerecht und allzu hart Verurteilten Decamp und Dardare an
den beiden Personen heimzusuchen, die als Exekutivbeamte des Staates die
größte Schuld zu tragen schienen. So kamen die Explosionen bei Benoit
und Bulot zustande.
Die zweite in der Reihe der Explosionen, nämlich die in der
Lobau-Kaserne war, wie man später erfuhr, das Werk des Anarchisten
_Meunier_, desselben, der am Vorabend des Prozesses gegen Ravachol eine
Bombe in dem Restaurant Véry am Boulevard von Magenta niederlegte, in
dem Ravachol verhaftet worden war. (Dieses Attentat, das Meunier
zusammen mit einem jungen Genossen namens Francis unternommen hatte,
verursachte den Tod des Wirtes Véry und eines zufälligen Besuchers. Es
erregte in Paris ungeheuren Schrecken und Entsetzen, weil man in ihm,
mit Recht, die systematische Fortsetzung der durch Ravachol begonnenen
Aktionen erblickte.)
Meunier wurde erst zwei Jahre später entdeckt, verhaftet und zu
lebenslänglicher Zwangsarbeit deportiert. –
* * * * *
Am 26. April 1892 begann der erste Prozeß gegen Ravachol vor dem
Schwurgericht in Paris; der zweite und letzte Prozeß gegen Ravachol aber
fand zwei Monate später vor dem Schwurgericht in Montbrison statt.
Die Zweiteilung der Anklage hatte außer formal juristischen Gründen auch
noch andere, die angesichts der gefährdeten Lage der Pariser Bevölkerung
als motiviert angesehen werden konnten. Während nämlich in Paris nur die
Dynamit-Anschläge verhandelt wurden, jene beiden letzten Taten
Ravachols, die ja eigentlich keinen Verlust von Menschenleben verursacht
hatten und daher auch keine ausdrückliche Veranlassung zu Todesstrafen
werden mußten, wurde in Montbrison Ravachol zweier vollendeten
Morddelikte sowie des Leichenraubes an der Gräfin angeklagt, und hier
war es schon weitaus plausibler, ein Todesurteil zu fällen.
In Paris, wo als Zeugen gerade jene beiden hohen Justizbeamten, gegen
die Ravachols Attentate gerichtet waren, vorgeladen wurden, lag die
Gefahr nahe, daß sich bei einem Todesurteil der Zündstoff des
revolutionären Hasses wieder kumulieren und zu einer Entladung drängen
könnte. Ein Todesurteil in Montbrison aber konnte sozusagen diesen Haß
und diese Gefahr von Paris geographisch ablenken. Man hat den Pariser
Assisen, als sie Ravachol zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilten,
Feigheit vorgeworfen, aber Erstaunen mischte sich mit Beruhigung.
Ravachol nicht zum Tode verurteilt? Die Rachegier des erschütterten
Bürgertums überwog diesmal nicht die Erleichterung, die man empfand; so
sehr war die öffentliche Meinung durch die Tat Ravachols und Meuniers
eingeschüchtert. Zudem wußte man ja, und es war rechtzeitig verkündet
worden, daß in Montbrison die Morde Ravachols mit dem Todesurteil
gesühnt werden sollten. Dieses Todesurteil hat dann, wie wir sehen
werden, auch wieder eine Reihe von Dynamit-Anschlägen nach sich gezogen.
Sie waren über Frankreich, die Provinz, ja das Ausland verstreut; Paris
selber blieb einstweilen von den Aktionen der Anarchisten verschont.
Während vor dem Pariser Schwurgericht eine Reihe von Angeklagten auf der
Bank neben Ravachol Platz genommen hatte, Jus-Béala, der Freund,
Mariette Soubert, seine Geliebte, der Judas Chaumentin und ein Pariser
Lausbub, _Simon_, genannt _Biscuit_, waren in Montbrison nur Jus-Béala
und Mariette mitangeklagt – diese beiden übrigens, in Paris wie in
Montbrison, freigesprochen.
In Paris verteidigte sich Ravachol mit Festigkeit und nicht ohne Würde.
Er sagte: Ich habe meine Taten aus folgenden Gründen verübt. Herr Benoit
hat Decamp und die anderen zu den höchsten, zulässigen Strafen
verurteilt, während die Jury die geringsten vorgeschlagen hatte. Die
Polizei hat die Verhafteten von Clichy auf schmählichste Weise
mißhandelt. All dies war unerträglich. Ich habe meine Taten begangen, um
die verantwortlichen Lenker, die Staatsjustiz zu belehren, daß ihrer
Härte _unsere_ Härte gegenübersteht. Wohl sind die unschuldigen Opfer
meiner Taten zu beklagen, und ich bin der erste, der sie beklagt, denn
mein Leben war voll von Bitternis; ich bedauere auch, daß hier auf der
Bank neben mir Menschen als Angeklagte sitzen, deren Vergehen nur darin
bestand, daß sie mich gekannt haben! Ich habe im Namen der Anarchie
gehandelt, die eines Tages die große Familie der Menschheit bedeuten
wird, und in jener Zeit wird es keine Hungernden mehr geben. Die
Schreckensakte, die ich begangen habe, sollten ein Signal für das
Bürgertum sein: _daß wir leben_, und daß man uns erkennen solle als das,
was wir sind: die einzigen Verteidiger der Unterdrückten.
Auf die Frage nach den Dynamit-Patronen, die aus seiner Behausung
verschwunden waren, verweigerte Ravachol die Antwort.
_Simon_ der Zwieback dagegen stellte seinen Standpunkt mit aller
Lebhaftigkeit und unbekümmerten Unverschämtheit des vorlauten Gamins
dar, wie ihn die Vorstadt jeder großen Metropole kennt. Er wurde
gleichzeitig mit Ravachol zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt und
beendete sein junges Leben einige Jahre später gelegentlich einer
Revolte in der Strafkolonie. –
Die beiden Monate zwischen dem Pariser Rechtsverfahren und dem vor den
Assisen in Montbrison verbrachte Ravachol in einer Art Käfig, immerfort
von Wächtern umschlichen und beobachtet, körperlich mürbe gemacht, doch
in ungebrochener geistiger Energie. Das Todesurteil löste in ihm nur den
Hochruf auf die Anarchie aus, keine Schwäche. Er wies es zurück, die
Nichtigkeitsbeschwerde an die weltliche Behörde einzureichen, wie er
einige Wochen später, am 10. Juli, im Hofe vor der Guillotine die
„Segnungen der Kirche“, das heißt den Appell an die göttliche Gnade
zurückwies – das Kruzifix, das ihm der Anstaltsgeistliche vorhielt, war
ihm mehr Sinnbild des gekreuzigten Proletariats als Symbol der irdischen
Gerechtigkeit. Es wird berichtet, daß Ravachol einen populären
Gassenhauer sang, während er durch den Gefängnishof zum Blutgerüst
schritt. Die Strophe lautet:
„Pour être heureux, nom de Dieu,
Il faut tuer les propriétaires,
Pour être heureux, nom de Dieu,
Il faut couper les curés en deux,
Pour être heureux, nom de Dieu,
Il faut mettre le bon Dieu dans la merde!“
Schon während des Prozesses, der Ravachol vor die Pariser Assisen
stellte, hatte sich die Legende um seinen absonderlich revolutionär
klingenden Namen gewoben. Die beflügelte, rhythmische Phantasie des
Volkes von Paris bemächtigte sich der Taten und der Gestalt des Rächers
der Armen. Nach der Melodie der „Carmagnole“ entstand um diese Zeit ein
Lied zur Verherrlichung Ravachols. „La Ravachole“. Die erste Strophe
lautet:
„Dans la grande ville de Paris,
Y a des bourgeois bien nourris;
Y a aussi des miséreux,
Qui ont le ventre bien creux.
Ceux-là ont les dents longues –
Vive le son, vive le son,
Ceux-là ont les dents longues,
Vive le son de l’explosion!“
CHORUS:
„Dansons la Ravachole,
Vive le son, vive le son,
Dansons la Ravachole,
Vive le son d’ l’explosion!
Ah, ça ira, ça ira, ça ira,
Tous les bourgeois gout’ront de la bombe!
Ah, ça ira, ça ira, ça ira,
Tous les bourgeois, on les sautera!“
Außerdem entstand in diesen Tagen das lebhaft stampfende, an den Tanz um
die Guillotine der Großen Revolution gemahnende „Dynamit-Lied“:
„Danse, dynamite,
Danse, danse vite,
Dansons, chantons:
Dynamitons, dynamitons!“
Nach Ravachols Verhaftung, während seiner Prozesse, nach seinem Tode
erfolgte eine Reihe von Dynamit-Explosionen, und zwar waren es die
hauptsächlichsten Konzentrationspunkte Frankreichs und des Auslandes, in
denen Gruppen sympathisierender Revolutionäre existierten, die von
solchen Explosionen betroffen wurden.
Indes, es hatte den Anschein, als wollte die Welle der anarchistischen
Aktivität abebben, bis an einem Dezembertage des folgenden Jahres, 1893,
ein neues bedeutungsvolles Attentat die Welt über die weitergehende
Gärung des revolutionären Frankreichs belehrte.
* * * * *
Diesmal wies der geheimnisvolle Finger der Volksjustiz auf einen Herd
der Unterdrückung, den Krebsschaden des Klassenstaates, auf das
Exekutivorgan des Willens der Minderheit gegen die großen Massen des
Volkes: das Parlament.
Am 9. Dezember 1893 warf _August Vaillant_ von der Galerie der Pariser
Kammer, des Palais Bourbon, eine Bombe in den Saal, in dem das
Ministerium Casimir-Périer und sämtliche Abgeordnete unter dem Vorsitz
von Dupuy ihre Nachmittagssitzung abhielten.
Die Vorgeschichte dieses Attentates ist in kurzem folgende:
Unmittelbar nach dem Dynamit-Diebstahl in dem Pariser Vorort
Soisy-sous-Étiolles hatte die Regierung, deren Oberhaupt Emile Loubet,
nachmaliger Präsident der Republik war, der Kammer eine Gesetzesvorlage
überwiesen, kraft der jeder, der bei der Verübung eines
Dynamit-Attentates gleich jenem in der Lobau-Kaserne betroffen würde,
die Todesstrafe erleiden sollte. Wie wir gesehen haben, war diese
Gesetzesvorlage nicht imstande, die knapp darauf folgenden
Dynamitanschläge zu verhüten. Gegen Ende 1892 trat das Kabinett Loubet
zurück. Ihm folgte ein kurzlebiges unter der Führung Ribots, das schon
im März 1893 das Zeitliche segnete.
Ribots Nachfolger war Charles Dupuy, konservativer Republikaner von
ausgesprochen reaktionärer Färbung, ein in den Kreisen der
Arbeiterschaft verrufener Mann, verhaßt vor allem wegen eines durch
nichts motivierten Vorgehens gegen die Arbeits-Börse und verschiedene
Gewerkschaftssyndikate im Lande. (Dupuys Vorgehen wurde immerhin Ursache
einer starken Vermehrung der radikalen republikanischen und
sozialistischen Parteien gelegentlich der Wahlen im August-September
1893.)
Die Zusammensetzung der Kammer hatte diesmal den Rücktritt verschiedener
Minister aus dem Kabinett Dupuy zur Folge. Das Kabinett selbst ging in
die Brüche und der 1. Dezember 1893 sah den Aufstieg eines Ministeriums
Casimir-Périer, das sich aber in der Hauptsache infolge des
Trägheits-Gesetzes der Politik immer noch aus gemäßigten, ja
konservativen Elementen zusammensetzte. Dupuy und Casimir-Périer
tauschten nun ihre Plätze. Der letztere überließ den Stuhl des
Kammerpräsidenten dem ersteren, so daß in jener denkwürdigen Sitzung vom
9. Dezember Dupuy im Präsidentschaftssessel der Kammer saß, während auf
dem Ministerpräsidenten-Fauteuil Casimir-Périer seinen Platz eingenommen
hatte. –
Vaillants Bombe war vor allem diesen beiden Männern zugedacht. Durch
einen Zufall explodierte sie aber nicht in dem Raum zwischen Dupuy und
der Ministerreihe, sondern an einem Seitenpfeiler des Balkons, so daß
mehr Besucher der Galerie von den umherfliegenden Nägeln, Eisenstücken
und sonstigen Projektilen verletzt wurden als Mitglieder der Kammer. Im
Augenblick, nachdem der Effekt der Detonation und des Schreckens
überwunden war, sprach Dupuy, der reglos auf dem Präsidentensessel
verharrt war, die legendär und historisch gewordenen Worte: „Die Sitzung
nimmt ihren Fortgang.“
Wer war dieser _Vaillant_, der den Faden zerschnitt, an dem die
Damokles-Bombe des Volkswillens über dem Haupt der Deputierten und
Minister Frankreichs hing?
_Vaillant_, ein uneheliches Kind, hatte das elende Leben des
gesellschaftlichen Parias bis zur Neige gekostet. Mit 14 Jahren auf sich
selber angewiesen, trieb ihn die Not des Lebens von einer Arbeitsstätte
zur anderen. Auf seinen regellosen Wanderungen kam er nach Algier, dann
sogar bis Argentinien, wo er Land aufnahm, ohne sich als Farmer
irgendwie bewähren zu können. In Buenos-Aires erschien zu dieser Zeit
das Anarchistenblatt „La Liberté“, wie um 1893/94 Zentral- und
Südamerika überhaupt ein Mittelpunkt der anarchistischen Weltagitation
genannt werden konnte. Ruhelos wanderte Vaillant von Kontinent zu
Kontinent. Ohne einen Pfennig kehrte er nach Frankreich zurück, mit ihm
seine kleine Tochter Sidonie, die ihm sein frühverstorbenes Weib
hinterlassen hatte. Nach schwierigem Kampf, vom Mißgeschick mehr als
notwendig verfolgt, gelang es Vaillant endlich in Paris einen elenden
Posten in einem kleinen Laden zu ergattern. Von seinem Monatsgehalt,
ganzen 80 Franken, mußte er sich und sein Kind erhalten. Es wird
berichtet, daß er bei seinen Arbeitgebern und im Kreise seiner Genossen
als der arbeitswilligste, dabei nüchternste, rechtschaffenste,
bescheidenste Mensch bekannt gewesen sei, ein Mann von träumerischer und
zarter Veranlagung. Auch in ihm hatte die Idee des Anarchismus Fuß
gefaßt, – nicht mit der Gewaltsamkeit, wie sie das in der wilden,
muskulösen Robustheit Ravachols getan hatte, all sein Sinnen
konzentrierte sich vielmehr in einer verzweifelten Auflehnung gegen das
Unrecht, das den Armen, den Schwachen, den Zarten, den Hilflosen in
dieser Welt der schamlosen Ungerechtigkeit geschieht.
Casimir-Périer, ein Mann von als außerordentlich anerkannten Fähigkeiten
brachte es zuwege, mit seinen politischen Funktionen den Besitz eines
der größten Grubengebiete von Frankreich zu vereinen. Dieses Gebiet von
Anzin, dessen Direktor er war, ehe er die politische Karriere einschlug,
war einer der berüchtigtsten Schauplätze des ewigen erbitterten Kampfes
zwischen den Besitzern und den Arbeitern, zwischen Kapital und
Ausgebeuteten. Und Casimir-Périer, dem man geheime Beziehungen zu den
Royalisten und den Klerikalen, also zur ausgesprochenen Reaktion in
Frankreich nachsagte, figurierte in den sozialistischen und
anarchistischen Zeitungen der Epoche unter dem giftigen Spitznamen des
„Mannes mit den 40 Millionen“ des „Blutsaugers von Anzin“.