Am 10. August

Ich könnte das beste, glücklichste Leben führen, wenn ich nicht ein

Tor wäre. So schöne Umstände vereinigen sich nicht leicht, eines

Menschen Seele zu ergetzen, als die sind, in denen ich mich jetzt

befinde. Ach so gewiß ist's, daß unser Herz allein sein Glück macht.

--ein Glied der liebenswürdigen Familie zu sein, von dem Alten geliebt

zu werden wie ein Sohn, von den Kleinen wie ein Vater, und von Lotten!

--dann der ehrliche Albert, der durch keine launische Unart mein Glück

stört; der mich mit herzlicher Freundschaft umfaßt; dem ich nach

Lotten das Liebste auf der Welt bin!--Wilhelm, es ist eine Freude, uns

zu hören, wenn wir spazierengehen und uns einander von Lotten

unterhalten: es ist in der Welt nichts Lächerlichers erfunden worden

als dieses Verhältnis, und doch kommen mir oft darüber die Tränen in

die Augen.

Wenn er mir von ihrer rechtschaffenen Mutter erzählt: wie sie auf

ihrem Todbette Lotten ihr Haus und ihre Kinder übergeben und ihm

Lotten anbefohlen habe, wie seit der Zeit ein ganz anderer Geist

Lotten belebt habe, wie sie, in der Sorge für ihre Wirtschaft und in

dem Ernste, eine wahre Mutter geworden, wie kein Augenblick ihrer Zeit

ohne tätige Liebe, ohne Arbeit verstrichen, und dennoch ihre

Munterkeit, ihr leichter Sinn sie nie dabei verlassen habe.--Ich gehe

so neben ihm hin und pflücke Blumen am Wege, füge sie sehr sorgfältig

in einen Strauß und--werfe sie in den vorüberfließenden Strom und sehe

ihnen nach, wie sie leise hinunterwallen.--Ich weiß nicht, ob ich dir

geschrieben habe, daß Albert hier bleiben und ein Amt mit einem

artigen Auskommen vom Hofe erhalten wird, wo er sehr beliebt ist. In

Ordnung und Emsigkeit in Geschäften habe ich wenig seinesgleichen

gesehen.

Die Leiden des jungen Werther — Band 1 · 第 32 / 41 题