Am 10. Mai

Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich

den süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin

allein und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die für solche

Seelen geschaffen ist wie die meine. Ich bin so glücklich, mein

Bester, so ganz in dem Gefühle von ruhigem Dasein versunken, daß meine

Kunst darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen

Strich, und bin nie ein größerer Maler gewesen als in diesen

Augenblicken. Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne

an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht,

und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich

dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der Erde

tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das

Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen,

unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem

Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach

seinem Bilde schuf, das Wehen des Alliebenden, der uns in ewiger Wonne

schwebend trägt und erhält; mein Freund! Wenn's dann um meine Augen

dämmert, und die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele

ruhn wie die Gestalt einer Geliebten--dann sehne ich mich oft und

denke : ach könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papiere

das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, daß es würde der

Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen

Gottes!--mein Freund--aber ich gehe darüber zugrunde, ich erliege

unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.

Die Leiden des jungen Werther — Band 1 · 第 5 / 41 题