GERICHTLICHES

Wie wenn ein Marder in einen Taubenschlag eingebrochen ist, so war es.

Alles flatterte wirr durcheinander in Aufregung und Angst. Alle Höfe

öffneten sich, von Mund zu Mund flog die Kunde, auf dem Forellenhof sei

ein Raubmörder ertappt worden, aber entwichen. Der lange Ignaz! Die Weiber

kreischten und schauten neugierig aus Fenstern und Türen, die Männer

wagten sich mit Stöcken bewaffnet fünfzig Meter vors Haus, ihre Frauen

jammerten von der Haustür aus über diese Tollkühnheit und riefen die

Männer zurück – es war abscheulich! Der Löw’ ist los, und alles verliert

den Verstand. Nur einige Mutige stürmten hinaus, den Unhold zu fangen,

taten sich zu Gruppen zusammen, bewaffneten sich in der Eile, so gut sie

konnten.

Ich schüttelte in der nebligen Abendluft erst meine Gedanken zurecht,

sagte mir, daß die Verfolgung bei dieser Rabenfinsternis ganz aussichtslos

sei, und ging nach der Direktion, um den Direktor zu sprechen. Er war

nicht zu finden. Dafür traf ich den Geheimpolizisten an. Er stand am

Telephon. Nach Waltersburg telephonierte er, nach dem Neustädter Bahnhof,

nach zehn anderen Stationen im Umkreis, nach der Provinzialhauptstadt.

Immer dasselbe: „Im Ferienheim Waltersburg hat sich unter dem falschen

Namen Ignaz Scholz, genannt der lange Ignaz, der Raubmörder

Fleischergeselle Josef Wiczorek aufgehalten. Ist soeben nach erfolgter

Verhaftung entwichen.“

Darauf folgte genaue Beschreibung und Aufforderung zur abermaligen

Verhaftung.

Ich saß ganz zerschlagen auf dem Schreibtischstuhl unseres Direktors, der

immer noch nicht aufzufinden war, und hörte zu, wie „Herr Steiner“

telephonierte. Er schnarrte mit seiner scharfen Polizeistimme die Schande

meines lieben Ferienheims in alle Winde. Endlich war er fertig. Er wandte

sich an mich.

„Herr Doktor, Sie sind der verantwortliche Leiter dieses Sanatoriums?“

„Nur vom ärztlichen Standpunkt aus verantwortlich.“

„Und wer trägt die Verantwortung für die gesetzliche Ordnung?“

„Mister Stefenson und in seiner Vertretung Direktor von Brüning.“

„Wo ist der Direktor?“

„Ich weiß es nicht.“

„Wo ist Mister Stefenson?“

„In Amerika.“

Der Polizeimann notierte alles in seinem Buch.

„Was ist Ihnen von diesem angeblichen Knecht Ignaz Scholz bekannt, Herr

Doktor?“

Ich sagte ihm, daß mir dieser Knecht Ignaz allerdings persönlich stark

unsympathisch gewesen sei, daß ich aber – außer einigen Grobheiten oder

auch Roheiten, die er begangen – keine Veranlassung gehabt habe, den

Menschen für einen Verbrecher zu halten, zumal mir der Bauer Barthel, dem

ich vertraue, erklärt habe, er kenne Ignaz von Jugend auf als ehrlichen

Menschen.

„Dieser sogenannte Ignaz hieß laut Anmeldung Scholz?“

„Jawohl, Ignaz Scholz.“

„Hm! Wenn einer schon Scholz heißt! Jeder Scholz verkrümelt sich unter der

Masse der Scholze wie ein Körnlein im Sand des Meeres. Ich möchte Sie

bitten, Herr Doktor, mich vorläufig nicht zu verlassen.“

„Das soll doch nicht heißen ...“

„Das soll nur heißen, daß ich Ihrer in jedem Augenblick bedürfen könnte.“

Der Ton, den der Polizist anschlug, verletzte mich, aber ich fühlte mich

ganz wehrlos, als der Mann seine amtlichen Vollmachten vor mir

ausbreitete.

„Ich möchte nur bemerken, Herr Doktor, daß ein Kurort wie der Ihrige, wo

niemand unter seinem wahren Namen auftreten darf, ein geradezu großartiger

Schlupfwinkel für verfolgte Verbrecher ist.“

Was sollte ich erwidern? Daß in jedem Kurort, in Zoppot, Ostende, Abbazia

sich jeder Mensch ohne Legitimation unter irgendeinem Namen niederlassen

könne? Ich unterließ es.

„Kommen Sie!“

Das war Befehlston. Ich blieb sitzen. Der Gewaltige wollte wohl eben ein

strenges Wort sagen, da wurde die Tür aufgerissen, und Piesecke trat ein.

Flugs stand der „Geheime“ stramm und schlug die Hacken zusammen. Piesecke

sah schlimm aus. Er hatte ein verschwollenes Auge, und sein Anzug war

schmutzig und zerrissen. Trotzdem nahm er dem Polizeimann gegenüber eine

echte Herrenhaltung an und sprach in einem so völlig veränderten Ton, daß

ich seine Stimme nicht wiedererkannte:

„Mann, wie kommen Sie dazu, den Knecht im Forellenhof zu verhaften?“

„Melde Euer Hoheit untertänigst, der Knecht Ignaz ist identisch mit dem

Fleischergesellen Josef Wiczorek, der am 17. Februar dieses Jahres seinen

Meister ermordet und beraubt hat.“

„Woher wissen Sie das?“

„Die Verdachtsgründe häuften sich: das Signalement des Steckbriefes

stimmt, eine Prüfung der Fingerabdrücke gab die Gewißheit.“

Piesecke sah den Mann durchdringend an.

„Ich kenne Sie! Als Kriminalbeamter haben Sie nicht allzuviel getaugt; da

sind Sie dazu auserlesen worden, Späherdienste am Hofe zu leisten. Auch

jetzt sind Sie hierhergekommen, um mich zu beobachten. Ich habe Sie

gestellt; Sie sagten mir, Sie seien nur des Knechtes wegen da. Aber das

ist Schwindel. Sie sind meinetwegen da. Ja oder nein? Diese Geschichte mit

dem Knecht ist nur Ausrede.“

„Ich darf Euer Hoheit darüber keine Auskunft erteilen.“

Piesecke lachte verächtlich.

„Unser Hausminister hat patente Leute. Am dritten Tage, als Sie da waren,

habe ich Sie erkannt trotz Ihres falschen Namens und Ihrer Maske. Also

berichten Sie nach Hause, es sei mir völlig egal, ob Sie hier seien oder

nicht; falls Sie mir zu lästig fielen, so könnte ich mich vergessen und

Ihnen gelegentlich die Peitsche um die Ohren knallen.“

Der Polizeimann wurde dunkelrot.

„Haben Sie verstanden, was Sie dem Minister berichten sollen?“

„Zu Befehl, Hoheit!“

„Wenn Sie nun dazu ausersehen sind, mich zu belauern, wie kommen Sie dazu,

hier eine außerhalb Ihrer Bestimmungen liegende polizeiliche Handlung, wie

die Verhaftung dieses Knechtes, vorzunehmen?“

„Ich berichtete meinen Verdacht an den Ersten Staatsanwalt und erhielt die

nötigen Vollmachten.“

„Dagegen läßt sich wohl nichts tun?“

Diese Frage war an mich gerichtet.

„Nein – nichts!“

„Wie urteilen Sie über diesen Fall, Herr Doktor?“

„Es ist ein Unglück für unsere junge Anstalt. Aber es liegt uns natürlich

fern, der Festnahme eines Verbrechers irgendwelche Hindernisse zu

bereiten.“

„Selbstverständlich! Ich begreife nur den Bauern Barthel nicht. Er ist

doch ein ehrlicher Mann, und er hat doch versichert, den langen Ignaz von

Jugend auf zu kennen. Haben Sie dafür eine Erklärung, Herr Doktor?“

„Nein! Ich bin um so bestürzter, als Barthel mir nach der Verhaftung eben

sagte: ich möge ihm nicht zürnen, er habe nicht anders gekonnt. Ich sage

das ganz offen vor Ihnen, Herr Kommissar, damit Sie sehen, daß von hier

aus nichts verschleiert wird.“

Der Kommissar verneigte sich.

„Hoheit“ preßte die Lippen aufeinander.

„Hm! Ich will nicht wünschen, daß dem guten Barthel da eine Tragik

erwachse, daß dieser sogenannte Ignaz vielleicht ein Freund oder gar ein

naher Verwandter von ihm ist, den er in seiner Gutmütigkeit versteckt hat.

Und Sie, Kommissar, Sie brauchen mir das von vorhin nicht übermäßig

übelzunehmen. Schreiben Sie also dem Minister: Se. Hoheit ist bei besserer

Gesundheit und hat daher einen Aufpasser nicht mehr nötig. Jetzt will ich

Sie nicht mehr aufhalten. Wohin wollen Sie zunächst?“

„Nach dem Forellenhof zurück, den Bauer Barthel zu vernehmen oder

eventuell ebenfalls zu verhaften.“

„Schön, wir werden Sie begleiten, wenn Ihnen das zulässig erscheint.“

„Ich bitte untertänigst um die Begleitung, Hoheit.“

Der Kommissar öffnete die Tür, stand stramm, und „Hoheit“ ging in lässig

vornehmer Haltung an ihm vorbei.

Ein kleiner Anlaß von draußen aus der alten Welt, und durch die

Bauernjacke schimmerte der hochgeborene Herr. Ich aber als Arzt freute

mich trotz meiner gedrückten Stimmung, als ich sah, daß durch seine

Gesundung langsam aus dem Piesecke wieder ein Prinz wurde, ja, ich hätte

das Wort „Piesecke“ jetzt nicht zu sagen, nicht einmal zu denken gewagt.

Im Forellenhof war schwerste Bestürzung. Die dicke Susanne lag kurz und

krampfhaft weinend in einem Korbstuhl; die Frauen bemühten sich um sie.

Barthel war nicht zu Hause. Auf dem Tisch standen noch die Rosen, an den

Wänden hingen die Asternkränze.

„Welch ein entsetzlicher Abschluß!“ klagte Eva.

Ich betrachtete die Fingerabdrücke an der Wand. Sie waren deutlich. Der

lange Ignaz hatte, ehe er sich an die Wand lehnte, das Kohlenfeuer

besorgt. Der Kommissar trat zu mir und dem Prinzen und sagte:

„Es tut mir leid; aber ich muß zurück zur Direktion und von den Behörden

telephonisch auch die Verhaftung des der Begünstigung dringend

verdächtigen und verschwundenen Bauern Barthel fordern.“

Der Prinz kniff den Mund zusammen. Dann sagte er:

„Tun Sie das! Wenn ich mich auch hier getäuscht habe, glaube ich an nichts

mehr auf der Welt. Dann soll alles zum Deibel gehen!“

Er schaute mich mit halbem Blick an. Da sagte ich:

„Ich werde morgen früh mit Einverständnis unseres bevollmächtigten

Direktors den von Ew. Hoheit unterzeichneten, bis Mai verpflichtenden

Revers vernichten, und Ew. Hoheit steht ohne alle Weiterungen frei, die

Anstalt zu verlassen.“

Er antwortete nicht. Ich dachte daran, daß er durch seinen Kniefall vor

der schönen Hanne, durch eine ganz direktionslose Tat, den Anlaß zu all

diesen Scherereien geschaffen hatte. Und er dachte wahrscheinlich selbst

daran; denn er sagte:

„Ich weiß, daß ich noch lange nicht geheilt bin; aber ich kann wohl

überhaupt keine Heilung finden. Weil ich keine Treue finde!“

Ich wandte mich ab, trat zum Tisch und zerpflückte gedankenlos eine Rose.

Da tat sich die Tür auf. Barthel erschien. Verstört. Als er den Kommissar

sah, wollte er zurück, aber der Polizist war bereits an seiner Seite.

Susanne begann zu schreien, und ich war froh, als sie und alle Frauen das

Zimmer verlassen mußten.

Als wir allein waren, wurde Barthel verhaftet. Er sank ganz gebrochen auf

die Bank am Ofen.

„Die Schande! Die Schande! Ach, hätt’ ich es nicht getan!“

Der Kommissar schritt zum sofortigen Verhör.

„Barthel, Sie haben behauptet, den Knecht Ignaz von Jugend auf zu kennen.

Ist das wahr?“

Barthel rührte sich nicht.

„Heißt dieser Knecht in Wahrheit Ignaz Scholz?“

In Barthels Gesicht kam ein verstockter Ausdruck. Er schwieg.

„Wollen Sie mir nicht Rede stehen, Barthel?“

Keine Antwort.

„Sie machen sich unglücklich. Warum antworten Sie nicht?“

„Ich kann nicht!“

Nun wandte ich mich an Barthel.

„Lieber Barthel, denken Sie nicht ein ganz klein wenig an den guten Ruf

unserer Kuranstalt? Habe ich es nicht immer gut mit Ihnen gemeint? Warum

bereiten Sie mir diese schwere Ungelegenheit?“

Da begann er zu weinen.

„Ich kann es nicht mehr ändern. Verzeihen Sie mir ...!“

Ein Knecht wurde aufgefordert, ein Pferd vor einen Wagen zu schirren.

Darauf fuhr der Kommissar mit Barthel nach dem Waltersburger

Amtsgerichtsgefängnis. Frau Susanne lag in Schreikrämpfen, auch die

anderen Frauen weinten laut. Ich verließ den Forellenhof. In allen Stuben

unserer Ferienanstalt brannte Licht. Ich wußte, in den meisten erörterte

man die sofortige Abreise. Ich ging nach der Direktion. Der Direktor war

noch immer nicht aufzufinden. So setzte ich mich in seinen

Schreibtischstuhl und starrte ohne eigentlich klare Gedanken ins Licht der

Lampe. Draußen kehrten kleine Trupps von Verfolgern zurück. Sie hatten von

dem Flüchtling nichts entdeckt, wie zu erwarten gewesen war. Kurz nach

zehn Uhr läutete das Telephon. Verbindung von Neustadt.

„Der polizeilich gesuchte Josef Wiczorek, _alias_ Ignaz Scholz, ist

soeben, als er in einen Wagen vierter Klasse des neun Uhr siebenundvierzig

Minuten hier abgehenden Personenzuges steigen wollte, verhaftet

worden ...“

Ich sandte nach dem Prinzen, bestellte einen Wagen, und wir fuhren nach

Neustadt. Auf der Polizei wurde uns weiter keine Auskunft erteilt, als daß

Wiczorek eingesperrt sei und wir alles Weitere abzuwarten hätten.

Wir blieben in Neustadt über Nacht. Am nächsten Morgen stand in der

„Neustädter Umschau“ ein Artikel mit der zentimetergroß gedruckten

Überschrift „Kuranstalt Waltersburg ein Hehlernest???“

Mit der ganzen Niederträchtigkeit, deren der vertrottelte Redakteur dieses

Blättchens fähig war, hetzte er gegen unsere Anstalt. Alle

Spießerinstinkte, alle Philisterbedenken, alles Kopfschütteln

beschränkter, phantasieloser Köpfe wurde gegen die Grundidee unserer

Kuranstalt wieder lebendig; die Schimpferei begann wieder, der alte

lendenlahme Spott humpelte neu auf den Plan. Der Artikel endete

schließlich mit einer schamlosen Denunziation:

„Das Gesetz, das bei uns in Neustadt heilig gehalten wird, verbietet uns,

zu behaupten, daß sich die ‚Kuranstalt Waltersburg Ferien vom Ich‘ infolge

ihrer mehr als eigentümlichen Einrichtungen, wie Verbot, den eigenen Namen

zu führen, die eigene Kleidung zu tragen usw., zu einem Zufluchtsort

lichtscheuen Gesindels auswächst. Immerhin wird der aufsehenerregende

Fall, daß sich ein Raubmörder auf einem der besuchtesten ‚Höfe‘ des

‚Ferienheims‘ mit Wissen des Bauern monatelang verstecken und daselbst

allerhand Roheiten ausüben konnte, zu schwersten Bedenken Anlaß geben,

denen sich auch die Behörden nicht werden verschließen können.“

Ich sah unser Heim aufs schwerste bedroht, sah eine fürchterliche Waffe in

der Hand unserer Feinde. Eben wollte ich den Fall an Stefenson kabeln, da

wurden wir zur Polizei beschieden. Es handelte sich, wie uns eröffnet

wurde, um eine Konfrontation mit dem gestern Verhafteten, der plötzlich

behaupte, weder der gesuchte Raubmörder Josef Wiczorek noch der Knecht

Ignaz Scholz zu sein.

Da mich der Polizeibeamte persönlich kannte, hatte ich nicht notwendig,

mich zu legitimieren, wurde aber aufgefordert, Herrn Pieseckes

Persönlichkeit festzustellen, und zwar nach seinem wahren Namen und Stand,

nicht nach dem Pseudonym, das er bei uns führte. So sagte ich: „Se. Hoheit

Prinz Ernst Friedrich von ...“

„Ist das – ist das Ihr Ernst, Herr Doktor?“ fragte der Beamte nicht ohne

Bewegung.

„Nicht nur sein Ernst, sondern sogar sein Ernst Friedrich“, sagte Piesecke

hohnvoll und hielt dem Beamten seinen Siegelring hin. „Kennen Sie dieses

Wappen?“

Der Beamte sah auf das Wappen mit der Krone, stand auf und verneigte sich

tief.

Da erschienen zwei Gerichtsdiener mit dem Verhafteten.

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Ich faßte mir an den Kopf: ich glaubte eine Wahnvorstellung zu haben. Der

da eintrat, war – Mister Stefenson.

„Stefenson“, rief ich, „Stefenson, wie kommen Sie ...“

„Melde gehorsamst, Herr Rat“, sagte der eine der Gerichtsdiener, „der

Gefangene hat eine Perücke und den Bart abgenommen, hat sich gewaschen und

sieht jetzt auf einmal ganz anders aus als gestern abend.“

„Wer ist dieser Mann?“ fragte der Beamte mit einem Blick auf mich.

„Es ist Mister Stefenson, mein Kompagnon, der Begründer unseres

Ferienheims“, brachte ich heraus.

Ich mußte mich setzen.

„Und wer behaupten Sie selbst zu sein, Verhafteter?“

„Ich behaupte dasselbe wie der Herr Doktor“, sagte dieser gelassen;

„allerdings mit einer kleinen Einschränkung. Ich war und gelte noch als

Mister John Stefenson, Kaufmann aus Neuyork, Chikago, Trinidad; aber ich

habe mich unterdessen auf meine rein deutsche Abstammung besonnen und

heiße mit Genehmigung der hohen deutschen Behörden seit etwa vierzehn

Tagen Johannes Stefan – Stefan, wie meine hanseatischen Vorfahren seit

etwa vierhundert Jahren geheißen haben.“

Der Beamte fing an, an den Fingern abzuzählen:

„Josef Wiczorek – Ignaz Scholz – John Stefenson – Johannes Stefan – und

hier Prinz Ernst Friedrich – ich möchte die Herren ernsthaft darauf

aufmerksam machen, daß das Gericht von Neustadt keine Waltersburger

Spielerei, sondern eine staatliche Behörde ist, die nicht mit sich spaßen

läßt.“

Der Beamte hatte ja ganz recht. Ich beteuerte ihm nochmals, daß ich in dem

Manne, wenn er auch wirklich mit dem gestern verhafteten angeblichen Josef

Wiczorek, _alias_ Ignaz Scholz, identisch sei, zweifelsfrei meinen

Kompagnon John Stefenson wiedererkenne.

„Und Sie wollen in der ganzen Zeit, da sich dieser Mann bei Ihnen

aufhielt, keine Ahnung gehabt haben, wer er eigentlich ist?“

„Ich habe in der Tat von Stefensons Anwesenheit in Waltersburg nicht das

mindeste gewußt, sondern während all der Monate mit Stefenson nach Amerika

telegraphisch und brieflich verhandelt.“

„Sie kennen doch aber die Schrift Ihres Kompagnons?“ fragte der Beamte

weiter. „Waren die amerikanischen Briefe in dieser Schrift geschrieben?“

„Jawohl!“

„Wie ist das möglich?“ wurde der Verhaftete gefragt.

Der zuckte die Achseln und sagte verbindlich:

„Das ist Geschäftsgeheimnis!“

„Wir werden der Sache auf den Grund gehen“, entgegnete der Beamte ernst,

„und Ihnen zeigen, daß hier kein Ort für Maskeraden ist.“

Da wurde zum Glück „Herr Steiner“, unser Geheimpolizist, gemeldet. Der

Kommissar verneigte sich tief vor Piesecke und darauf mit etwa zehn

Prozent dieser Verneigung vor uns anderen insgesamt und sagte:

„Herr Rat, es ist mir soeben auf meine gestrige Meldung von der

zuständigen Staatsanwaltschaft der telegraphische Bescheid zugegangen, daß

der gesuchte Wiczorek vorgestern in Braunschweig verhaftet worden, daß

seine Identität festgestellt ist und auch bereits ein Geständnis vorliegt.

Ich bitte also, den Knecht Ignaz Scholz aus der Haft zu entlassen, da sich

der Verdacht, der zu seiner Verhaftung führte, als unbegründet erwiesen

hat.“

Stefenson lächelte freundlich. Der Richter machte ein enttäuschtes

Gesicht.

Es gab noch allerlei Formelkram zu erledigen, dann wurden wir alle,

Stefenson eingeschlossen, entlassen.

Ferien vom Ich · 第 36 / 45 题