Ich sah ihr in die flammenden Augen und sagte: „Ich werde es tun.“

Nun faßte sie mich an den Händen; ihr ganzer Körper bebte.

„Eine Gnade!“ wiederholte sie. „Ich bin so verlassen, und ich habe das

Kind so lieb!“

Sie ließ mich los, legte einen Arm über die Augen, trat ein wenig zurück

und stand so ein Weilchen still da. Plötzlich begann sie bitterlich zu

weinen.

„Was ist Ihnen, Magdalena?“

„Es geht nicht; es geht nicht!“ schluchzte sie; „wenn Sie – wenn Sie

wüßten, wer ich bin, würden Sie mir das Kind nicht übergeben. Ich bin eine

– eine schlechte Frau!“

Ich ging zu der Unglücklichen, legte einen Arm um ihre Schultern und sagte

erschüttert:

„Du bekommst das Kind doch, obwohl ich weiß, wer du bist!“

Sie prallte zurück.

„Sie wissen – wer ich ...“

„Ja, Käthe, ich hab dich erkannt!“

Da warf sie die Arme in die Luft, stieß einen Schrei aus und verschwand um

den Felsen in den Wald.

Ich eilte ihr nach und holte sie mit Mühe ein.

„Wenn Joachim mich erkennt, schlägt er mich tot!“ wimmerte sie.

„Er erkennt dich nicht. Niemand kennt dich außer mir. Und ich werde dich

schützen!“

Sie mußte sich an mir festhalten, als ich sie zur Klause zurückführte.

Dort setzte ich sie auf die Bank vor der Haustür und streichelte ihren

Scheitel.

„Jetzt sind Sie wieder Magdalena, und ich bin wieder der Herr Doktor. Wir

kennen uns nicht. Das, was jetzt hier geschah, ist nicht gewesen! Morgen

früh bringe ich das Kind. Beruhigen Sie sich, Magdalena, fürchten Sie

nichts, ängstigen Sie sich nicht. Das Kind darf sich ja nicht wundern. Es

soll ja eine heitere, zufriedene Pflegerin haben. Auf Wiedersehen!“

Ich ließ sie allein.

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Meine Mutter hat sich um Luise wenig mehr gekümmert. Sie hat wohl sicher

Tag und Nacht an das Kind gedacht, aber nicht nach ihm gefragt. Sie hat

keine Freude an dem Mädchen, sie liebt es nicht; sein Dasein aber regt sie

auf, läßt sie leiden.

Die Mutter kommt kaum alle zwei oder drei Wochen einmal zu mir heraus. Ich

glaube nicht, daß sie an meiner Schöpfung viel Freude hat. Sie ist von

stockkonservativer Natur; alles Neue erscheint ihr verdächtig.

Ein- oder zweimal hat die Mutter aber doch Luise flüchtig wiedergesehen.

Sie ist dann in schwere Aufregung geraten. Und eines Septembertags, kurz

nachdem das Kind in der Genovevenklause untergebracht worden war, sagte

die Mutter zu mir:

„Ich quäle mich mit dem Gedanken, ob es nicht unrecht ist, Joachim die

Anwesenheit seines Kindes zu verheimlichen.“

„Quäle dich nicht, Mutter! Joachim hat bis jetzt dem Kinde seine

Anwesenheit auch verheimlicht, ja das Kind nicht einmal wissen lassen, daß

er überhaupt existiert.“

„Du sprichst immer recht lieblos von deinem Bruder!“

„Ich spreche so, wie ich nach seinem Verhalten sprechen muß!“

Sie wandte sich beiseite, und ihre feine Gestalt zitterte in Zorn und

Trotz.

„Ich werde Joachim aufklären!“ sagte sie bestimmt.

„Das wirst du nicht tun, liebe Mutter! Du wirst mit mir warten, bis

Joachim menschlich wieder so weit ist, sich von ferne wenigstens seiner

Vaterpflicht zu erinnern und sich einmal zu erkundigen, was aus seiner

Tochter geworden ist. Laß ihn! Er macht jetzt Ferien von seinem völlig

verfehlten Ichleben.“

„Er ist schuldlos an seinem Unglück!“

„Nein! Er ist nicht ohne Schuld.“

„Fritz!“

„Er ist nicht ohne Schuld gegen sich selbst; denn er hat sich durch seinen

maßlosen Haß viel tiefer ins Unglück gebracht, als ein kluger Mensch, der

sich beherrschen kann, nötig hatte, und er hat sich gegen sein Kind

schäbig benommen.“

„Das ist unerhört, was du zu behaupten wagst. Nun werde ich Joachim

bestimmt aufklären.“

„Tue es nicht, Mutter, ich rate dir gut. Joachim wird jetzt noch nicht mit

dem Kinde zusammenleben wollen.“

„Nun, so müßte man eben das Mädchen vorläufig noch nach einer guten

Pension bringen.“

„Das würde nicht geschehen; sondern wenn eine Trennung nötig wäre, würde

Luise hierbleiben, und Joachim würde von mir entlassen werden.“

„Entlassen?“

„Ja, es hat sich so gefügt, daß Joachim gegenwärtig mein Angestellter ist.

Er hat einen sehr kurzfristigen Vertrag.“

„Du bist maßlos hochmütig und lieblos!“

„Ich handle so, wie es mir mein Herz und meine Vernunft vorschreiben.“

„Berufe dich nicht auf dein Herz“, sagte sie, „du hast keines!“

Und sie ging.

Ich habe in den folgenden Tagen seelisch gelitten. Nicht nur der Mutter

wegen, die ich liebe und mit der ich mich so wenig verstehe, sondern auch,

weil ich rundum Leute sehe, die sich von der Last ihres Alltagslebens

befreit in Ferienruhe des Daseins erfreuen und ich selbst mittendrin stehe

im Ichleben, im Familienjammer.

Und da dämmerte mir, daß es gut sei, wenn ich selbst der Liebe fernbliebe,

daß ich in freiem, ungestörtem Zölibat meiner großen Idee am besten dienen

könne, Herz und Sinne zwar leer von manchem Glück bleiben würden, aber Arm

und Fuß frei von jeder auch noch so goldenen Kette, frei zum

Vorwärtsschreiten und Handeln.

Zur Mutter ging ich nach drei Tagen. Ich sprach freundlich zu ihr und

sagte ihr, daß ich ihre Natur und ihr Handeln ja begriffe und verstände.

Sie schüttelte zwar das schöne Köpfchen, aber sie ließ sich von mir

küssen, und ich stieg fröhlich den Berg wieder hinan. Ich kann nicht lange

traurig sein; mein Herz wendet sich ab vom Kummer, wie eine Pflanze sich

abwendet vom sonnenleeren Nordhimmel.

Ferien vom Ich · 第 29 / 45 题