LORELEI

Mein Bruder Joachim guckte über den Gartenzaun. Und als sich die

Gesellschaft auflöste zum Abendspaziergang, fügte es sich leicht, daß Eva

und Annelies, Joachim und ich uns zusammenschlossen. Im Poetenwinkel der

Lindenherberge standen die Fenster offen, da sangen zwei junge Männer zur

Laute:

„Rosenbusch holderblüh,

Wenn i mei Mädle g’sieh –“

Wir blieben stehen und hörten zu. Die Sänger reichten zwei volle Gläser

zum Fenster heraus, und unsere Mädchen nippten daran und lachten.

Annelies hatte meinem Bruder zugetrunken, und es war mir schon

aufgefallen, wie seine sonst so ernsten Augen aufleuchteten. Dann, als der

fröhliche Singsang überging in „Drauß’ ist alles so prächtig, und es ist

mir so wohl“, bemerkte ich, daß Joachim heimlich nach Annelieses Hand

faßte, die ihm das Mädchen traumverloren überließ.

Eva stand ans Fenster gelehnt. Der Duft der Wiese schlug mir schwer in die

Sinne. Glühwürmchen funkelten durchs Gras. Droben im einsamen Hirtenhaus

blies auf seinem Waldhorn der freiwillig Verbannte, dessen Liebesleiden

ich kenne, Eichendorffs traurige Weise:

„Sie hat einen andern genommen,

Ich war draußen in Schlacht und Sieg,

Nun ist alles anders gekommen,

Ich wollt’, es wär’ wieder Krieg!“

Über die Wiese gingen zwei langsam dahin. Die Frau vom Forellenhof, die

sich Magdalena nannte, und die kleine Luise. Das Kind erkannte mich und

eilte auf mich zu. Die Frau blieb abgewandt stehen. Da rief die Kleine:

„Magdalena, Magdalena, kommen Sie doch her! Hier wird so schön gesungen!“

Die Frau schüttelte den Kopf, wandte sich aber doch langsam um. Und ob es

auch schon dämmrig war, der Abend hatte mich scharf sehend gemacht; ich

sah, daß das Weib, das dort einsam auf der Wiese stand, Joachims erste

Frau, Luises Mutter, war.

Der Bruder aber sah sie nicht, und seine Augen waren gehalten, und er

erkannte auch sein Kind noch immer nicht. Langsam tastete wieder seine

weltmüde und doch immer noch glücksuchende Rechte nach der kleinen

Anneliese keuscher Hand.

„Magdalena, kommen Sie hierher!“ rief das Kind abermals und dringend.

Die aber schüttelte den Kopf und ging davon.

Das Kind schmiegte sich an mich; vom Berge her klang noch immer die

Melodie des Eichendorffliedes, und ich sah den Bruder an und hörte aus dem

Klange des Hornes die Worte:

„Ich aber war weit schon gegangen,

Jetzt sieht sie mich nimmermehr.“

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Die Nacht war schwüler als der Abend. Es war, als ob von irgendwoher heiße

Gewitterluft über unsere Häupter getragen würde. Ich saß wach am Fenster.

Als ich heimgekommen war, hatte ich einen Brief von Stefenson gefunden. Er

machte mir Mitteilung, daß er an den Baumeister Bunkert geschrieben habe

und ihm die Leitung unserer ferneren baulichen Unternehmungen übertragen

wolle. Dann kam der inhaltsschwere Satz des Briefes: „Ich verhehle Ihnen

nicht, lieber Freund, daß meine tiefe Neigung für Fräulein Eva Bunkert,

deren ich mir inzwischen ganz klar geworden bin, mich zu dem Angebot an

ihren Vater geleitet hat. Dieser Neigung werden Sie – dessen versichert

mich Ihre ehrliche Freundschaft – immer Rechnung tragen.“

Wie schwül die Nacht war, wie unruhevoll die Seele, schmerzlicher Wünsche,

heißer Angst, tiefer Niedergeschlagenheit voll, da das schöne Traumbild

von Liebe und Glück von drohendem Wetterleuchten überstrahlt an meinem

Himmel stand.

Da bäumte sich der Wille im jungen Herzen auf, und ich sagte mir: Oho,

mein Freund, wie kommst du dazu, mir den Verzicht auf meine junge Liebe zu

befehlen? Steht dieses Recht in unserem Kontrakt? Ist Liebe ein Schacher,

in dem du mich überbieten kannst? Bist du mein Herr und ich dein Sklave,

dem du befehlen kannst: Laß ab von jenem Mädchen, das ich für mich will!

Oder, wenn du es auf die Freundschaft hinausspielen willst: wo war je in

der Welt Freundschaft stärker als Liebe, wo wäre sie im Kampfe mit ihr

nicht unterlegen?

Komm nur zurück, alter Geschäftemacher, und kämpfe um die Braut! Wenn du

zu lange ausbleibst, wirst du sie als die Meine finden und sie mir gewiß

nicht mehr entreißen.

So wollte ich das Recht auf mein Lebensglück wahren. Aber neben dem Willen

saß der Zweifel. Ich wußte, daß Evas Herz viel mehr zu Stefenson neigte

als zu mir. Ich war wohl für das Glück der Liebe nicht bestimmt. Niemals

im Leben hatte es mir ernsthaft gewinkt. Vielleicht war ich zu scheu, zu

verträumt meinen Lebenspfad gegangen. Auch die kleine Anneliese, die

junge, rote Rose, hatte ich übersehen.

Nun streckte der Bruder die Hand nach ihr, und auf der Wiese stand des

Bruders Weib und sah mit verlorenen Augen nach ihm hin.

Auch da fühlte ich ein böses Wetter aufsteigen.

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Das ist doch ein kostbares Geschenk, das der Herrgott seinen Erdenkindern

machte: die Arbeit. Hast du ein Leid im Herzen, das nicht heilen will, das

dir den Tag grau färbt und deine Nächte qualvoll macht, geh zur Arbeit, zu

der herben, tüchtigen Frau, sie wird dich mit so klaren Augen anschauen,

mit so morgenheller Stimme zu dir sprechen, daß du das Haupt hochheben und

tief atmend einen frischen Luftstrom des Lebens einsaugen wirst; bist du

einem Irrlicht nachgegangen und auf sumpfigem Pfad von Schlingpflanzen

tiefer Verzagtheit umschlungen worden, rufe die Arbeit, die tüchtige Frau,

sie wird dich mit derber Hand herausziehen aus deiner Bedrängnis und dich

wieder auf eine feste Straße stellen; hast du Güter verloren, welcher Art

es immer sei, wende dich an die Arbeit, die reiche Frau, die leere Taschen

und leere Herzen immer neu zu füllen vermag; sind dir alle

Unterhalterinnen des Lebens überdrüssig geworden, laß die Arbeit an deinem

Tisch sitzen bis zum letzten Tage deiner Kraft!

Denn sie ist deine beste Freundin; sie schützt deine Gesundheit, sie

stärkt deine Muskeln; sie würzt dir das Mahl und salzt es, daß es nicht

faule; sie spricht dir alle Tage aufmunternde Worte über deinen Wert ins

Ohr und hütet dich doch vor Übermut durch kleine oder große Mißerfolge;

sie gibt dir für deine Feste das rechte Lachen mit, sie schenkt dir zu

deinem Becher den rechten Durst und schließt dir alle Abende mit leisem

Finger die Lider!

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So bin ich durch die Arbeit über meine Zweifel und Leiden hinweggekommen,

so sind meine Eigenwünsche still geworden und wie kleine Heimatbächlein

hineingerieselt in den großen Strom des Willens zum Dienst der

Allgemeinheit.

Von dem lasse ich mich tragen. Manchmal gluckst noch ein silbernes

Stimmlein alter Sehnsucht auf; aber es verklingt, und ich freue mich der

starken Alltagswelle, die mein Schiff trägt.

Von den Patienten, die zu mir kommen und ihre Lebensberichte vor mir

ausbreiten, haben die meisten an der Liebe gelitten. Männer wie Frauen.

Denn nicht immer sitzt auf dem Felsen am Fluß die Lorelei und in dem

scheiternden Kahn unten der Mann; oft schwimmt die Lore unten, und der

Mann sitzt oben, wenn er sich auch nicht sein „golden Haar“ kämmt, sondern

vielleicht nur einen schwarzen Bart streicht. Die Tragik ist immer die

gleiche: der Kahn kippt um. Steht man dann als Leibes- und Seelenarzt am

Ufer und wirft seinen Rettungsring aus, so ist das ein aufregendes, aber

schönes Geschäft, und ich denke, nach und nach wird sich bei mir die

Aufregung in eine milde Seelenheiterkeit umwandeln. Habe ich so ein

pudelnasses Menschenkind, das im romantischen Rheinstrom der Liebe

verunglückte, ans Land gezogen, so lasse ich es erst ein wenig zu Atem

kommen, und dann forsche ich es langsam aus, ob die (oder der), so auf dem

Felsen gedudelt hat, nicht auch mancherlei Schwächen haben möge, und wird

die Frage ein wenig zähneklappernd bejaht, so frage ich langsam weiter,

bis sich ergibt, daß die (oder der), so auf dem Felsen gedudelt hat,

eigentlich minderwertig, hingegen der (oder die), so in dem Kahn umkippte,

wesentlich wertvoller sei, weshalb die ganze Unglücksfahrt eine Torheit

gewesen, nach welcher man klüger geworden und gottlob ans feste Land und

in trockene Kleider gekommen sei.

In den meisten Fällen hilft meine Methode; sie führt durch das Türlein:

„Er ist es nicht wert, daß ich mich opfere“, in den Garten der Gesundung.

Einige Fälle sind hoffnungslos oder doch so schwerer Art, daß immer nur

auf die Zeit gerechnet werden kann, die ihren langen Geduldfaden spinnt.

Die stehen dann wie verloren und verzürnt in dem lustigen Ferienheim vom

Ich, werden zuerst auf einsame Posten geschickt, wo ihnen kein lauter Ton

wehe tut, aber wo eine kleine feste Pflicht sie aufrecht hält, und

steigen, wenn die Lebenssehnsucht wieder erwacht, Stufe um Stufe ins Tal

zurück.

Ferien vom Ich · 第 26 / 45 题