„Wie heißt du noch? Wie ist dein anderer Name?“
Noch ein verängstigter Blick, und das Mädchen rannte, so schnell es nur
konnte, davon. Ich fühlte es wie Lähmung in meinen Gliedern, aber ich
eilte dem Kinde nach. Bei einer Tornische holte ich es ein und faßte es am
Arm.
„Fürchte dich nicht, Luise. Ich tue dir nichts.“
Das Mädchen brach in Tränen aus.
„Sperren Sie mich nicht ein!“
„Warum soll ich dich denn einsperren?“
„Weil ich – weil ich – die Schuhbänder – Sie sind ein Geheimer ...“
Das Kind weinte noch lauter.
„Hallo! Seht nur da! Was hat denn der mit dem Mädel? Warum weint denn det
Mädel? Haut ihn! Das is so eener! Wird er gleich das Kind in Ruh’ lassen!“
Ich war im Nu von einer Rotte Menschen umstellt. Einige Rowdies nahmen
eine drohende Haltung an, Männer murrten, ein Weib kreischte mich an:
„Pfui über so ’nen Spitzel – ’n armes Mächen, wat sich ’n paar Jroschen
verdient, feste zu nehmen ...“
„Is ja jar keen Jeheimer, is ja ’n solcher! Haut ihn!“
Die kleine Luise entschlüpfte mir, ein Schutzmann kam breit wie ein
Hilfskreuzer auf die Gruppe zugesegelt, die alsbald um ihn und mich einen
mehrfachen Belagerungsring schloß.
„Was ist los?“ fragte der Gesetzeshüter.
„Er hat ’n kleines Jöhr belästigt – er hat ’n Kind jemißhandelt – er hat
ihr blutig jeschlagen – er hat jesagt, er is ’n Jeheimer, aber er is ’n
Lump.“
Der Schutzmann stand wie ein Fels.
„Wer sind Sie?“
Ich zog eine Legitimationskarte heraus.
„Was ist geschehen, Herr Doktor?“ fragte der Schutzmann, nachdem er die
Karte gelesen.
„Doktor – ’n Doktor is er – amputieren will er ihr – Versuchskarnickel
braucht er, det Schwein ...“
„Ruhe!“ donnerte der Schutzmann. „Was ist geschehen?“
„Ich will es gern sagen“, antwortete ich, „aber nicht vor diesen Leuten,
die die Sache nichts angeht.“
Ein wüstes Geschrei antwortete mir; immer mehr Volk sammelte sich an.
„Kommen Sie in Ihrem eigenen Interesse mit mir“, riet der Sicherheitsmann.
„Jawohl!“ sagte ich, und wir durchbrachen die Kette.
Niemand konnte mich schützen, daß ich ein paar Püffe und Stöße erhielt.
Ein Trupp johlte hinter uns her, wurde aber durch ein Pferd, das auf der
Straße gefallen, in seinem Interesse abgelenkt, und ich war mit dem
Schutzmann allein. Wir traten in einen Hauseingang, und ich gab ihm eine
kurze Aufklärung. Als er den Namen der Pflegeeltern Luises gehört hatte,
sagte der Schutzmann:
„Der Mann is ’n Tagedieb und die Frau ’ne Schlampe. Da sehen Sie man, daß
Sie det Wurm da abkriejen.“
Ich dankte ihm, und wir trennten uns. Einen Augenblick überlegte ich noch,
ob ich zuvor einen Rechtsanwalt zu Rate ziehen solle, aber dann ging ich
direkt nach Luises Wohnung. Ein Hinterhaus von vielen Stockwerken. Auf dem
Hofe spielten Kinder im Staub der Stubendecken, die geklopft wurden. Die
Treppe war dunkel und schmutzig. Im dritten Stockwerk las ich den Namen
von Luises Pflegeeltern. Ich läutete zweimal, dann kam ein zaghafter
Kindertritt, die Tür wurde geöffnet, ein entsetzter Schrei, die Tür flog
wieder zu. Ich läutete abermals. Ein großer, starker Mann erschien. Er
trug einen Christusbart, ziemlich lange Haare und stak in einem schwarzen,
wenig sauberen Rock. Später erfuhr ich, daß der Mann „Prediger“ bei
irgendeiner neuen Sekte war.
Er wollte mich erst mit einer hochmütigen Miene mustern, aber plötzlich
wurde sein Gesicht scheinheilig freundlich, und mit ölglatter Stimme sagte
er:
„Ah, Herr Oberkommissar, ich hab schon gehört – weiß schon – der Herr
Polizeiinspektor haben meine Pflegetochter beim Handel erwischt – aber ich
kann bei meiner Ehre versichern – Herr Inspektor ich bin unschuldig – ich
verbiete dem Mädel aufs strengste – haben es ja auch gottlob nicht nötig –
aber sehen Sie, Herr Inspektor, so’n hergelaufenes Kind von schlechter
Abkunft, das man so aus purem Mitleid (ich bin Oberprediger bei der
Gemeinde der Jünger von Kapernaum), das man so aus christlicher
Barmherzigkeit aufzieht und das doch nicht gerät, weil der Feind sein
Unkraut unter den Weizen sät, das stiehlt sich nun ’n Jroschen, kauft sich
Schuhbänder oder Streichhölzer oder was weiß ich und verkauft sie, um zu
naschen – natürlich nur, um zu naschen ...“
Das Geschwafele erstarb an meiner wortlosen Ruhe.
„Was wünschen der Herr Inspektor – ich würde den Herrn Inspektor gern in
die Wohnung bitten, aber meine Frau ist zufällig heute noch nicht mit dem
Aufräumen fertig ...“
Da sprach ich endlich.
„Sie irren – ich bin kein Polizeimann – ich bin der Onkel der kleinen
Luise.“
„Sie sind – Sie sind – ach so – ach so – der sind Sie ...“
Er brach in ein meckeriges Lachen aus.
„Ich will Sie zur Rechenschaft ziehen, Sie schlechter Kerl!“ rief ich
außer mir.
„Sie wollen mich – was wollen Sie?“
Sein Gesicht veränderte sich. Eine zynische Frechheit machte sich auf
seinen Zügen breit.
„Was wollen Sie!“ brüllte er. „So ’n Balg – so ’n unsauberer Balg – und
Sie wollen noch – ah, wenn Sie mir was zu sagen haben, schreiben Sie es
mir; ich bin für Sie nicht zu sprechen – verstehen Sie – für Sie nicht zu
sprechen; denn ich bin ein anständiger Mensch!“
Die Tür fiel ins Schloß. Ich blieb allein stehen; ich fürchtete, nun würde
die kleine Luise drin zu schreien anfangen.
Aber es blieb still. Nur eine Tür krachte noch zu.
Da eilte ich die schmutzige Stiege hinab.