Bei Werner

Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich mich plötzlich im Krankenhaus des

Doktor Werner, meines alten Genossen, befand. Es war das

Kreiskrankenhaus eines der nördlichen Gouvernements, das mir schon lange

aus Werners Briefen bekannt war. Das Gebäude befand sich einige Werst

von der Gouvernementsstadt entfernt, war äußerst schlecht geleitet,

stets überfüllt, hatte zum wirtschaftlichen Verwalter einen großen

Betrüger und verfügte über ein zahlenmäßig geringes, stark

überarbeitetes Personal. Doktor Werner sah sich gezwungen, zusammen mit

der äußerst liberalen Kreisverwaltung einen erbitterten Kampf gegen den

wirtschaftlichen Verwalter zu führen, gegen die von diesem äußerst

schlecht geleiteten Baracken, gegen den Bau der Kirche, den der

Verwalter um jeden Preis beendigen wollte, sowie um die angemessene

Entlohnung der Angestellten usw. Die Kranken starben aus Schwäche statt

zu gesunden, wurden infolge der schlechten Luft und ungenügenden Nahrung

von der Tuberkulose befallen. Werner selbst hätte natürlich schon längst

das Krankenhaus verlassen, würden ihn nicht ganz besondere, mit seiner

revolutionären Vergangenheit zusammenhängende Umstände dort festgehalten

haben.

Mich ließen alle diese Reize des Krankenhauses kalt. Werner war ein

ausgezeichneter Genosse und zögerte nicht, mir seine Bequemlichkeit zu

opfern. Er überließ mir in der großen Wohnung, auf die er als erster

Arzt ein Anrecht besaß, zwei Stuben; in der anstoßenden dritten wohnte

ein junger Feldscher, in der vierten, die dem Schein nach der

Krankenpflege diente, verbarg sich ein verfolgter Genosse. Freilich

umgab mich keine besondere Behaglichkeit, und die Aufsicht, der ich

unterworfen war, dünkte mich trotz dem großen Taktgefühl des jungen

Genossen weit stärker ausgeprägt und fühlbarer, als auf dem Mars. Doch

war mir all dies völlig gleichgültig. Doktor Werner verabreichte mir

ebenso wie die Aerzte auf dem Mars fast keine Medizin, gab mir nur

bisweilen ein Schlafmittel ein und sorgte vor allem dafür, daß ich Ruhe

habe und mich wohl fühle. Allmorgendlich und allabendlich suchte er mich

nach dem Bad auf, das mir der fürsorgliche Genosse zu bereiten pflegte.

Doch dauerte sein Besuch stets nur wenige Minuten, und er beschränkte

sich auf die Frage, ob ich nichts brauche. In den langen Monaten meiner

Krankheit hatte ich mir das Sprechen fast abgewöhnt und begnügte mich

damit, nein zu sagen, oder aber überhaupt keine Antwort zu geben. Seine

Fürsorge jedoch störte mich, denn ich fühlte, daß ich eine derartige

Behandlung gar nicht verdiene und daß ich ihm dies eigentlich mitteilen

müßte. Schließlich gelang es mir auch mit Anstrengung aller Kräfte, ihm

zu bekennen, daß ich ein Mörder und Verräter sei und daß durch meine

Schuld die ganze Menschheit zugrunde gehen müsse. Er widersprach nicht,

lächelte bloß und kam von da an häufiger.

Allmählich übte die Umgebung auf mich eine heilsame Wirkung aus. Der

Schmerz krampfte mir weit weniger stark das Herz zusammen, die Qual

verblaßte, die Gedanken wurden beweglicher, ihre Färbung wurde heller.

Ich _begann das Zimmer zu verlassen_, im Garten und im Hain zu

spazieren. Irgendeiner der Genossen hielt sich immer in meiner Nähe auf;

das war peinlich, doch begriff ich sehr wohl, daß man einen Mörder nicht

frei umhergehen lassen könne. Bisweilen sprach ich auch mit den

Genossen, freilich nur über gleichgültige Dinge.

Es war zu Beginn des Frühlings, und die Wiedergeburt des Lebens ringsum

schwächte ein wenig das Qualvolle meiner Erinnerungen ab; das Zwitschern

der Vögel rief in mir eine gewisse traurige Beruhigung wach, erweckte

den Gedanken, daß wenigstens sie nicht vergehen würden, sondern weiter

leben, und daß nur die Menschen verloren seien. Einmal begegnete mir im

Hain ein Schwachsinniger, der sich unter Aufsicht aufs Feld zur Arbeit

begab. Er empfahl sich von mir mit außerordentlich stolzer Gebärde -- er

litt an Größenwahn, erklärte, er sei ein Gendarm, anscheinend die

höchste Macht, die er während seines Lebens in der Freiheit gekannt

hatte. Zum ersten Mal in meiner ganzen Krankheit mußte ich unwillkürlich

lachen. Ich fühlte, daß mich das Vaterland umgebe, und gleich dem Riesen

Antheus schöpfte ich, wenngleich äußerst langsam, neue Kraft aus der

Heimaterde.

War es -- war es nicht?

Als sich die Gedanken mehr meiner Umgebung zuwandten, verlangte es mich

zu wissen, ob Werner und den beiden anderen Genossen bekannt sei, was

sich mit mir ereignet und was ich getan hatte. Ich fragte Werner, wer

mich ins Krankenhaus gebracht habe? Er erwiderte, ich sei mit zwei ihm

unbekannten jungen Leuten gekommen, die nichts Genaues über meine

Krankheit zu berichten wußten. Sie erklärten, mir in der Hauptstadt

begegnet zu sein. Sie bemerkten, daß ich krank sei, hatten mich bereits

vor der Revolution gekannt und damals durch mich von Doktor Werner

gehört. Deshalb wandten sie sich nun an ihn. Sie reisten noch am

gleichen Tag ab. Bei Werner hatten sie den Eindruck anständiger junger

Menschen erweckt, an deren Worten nicht zu zweifeln war. Er selbst hatte

mich bereits seit etlichen Jahren aus dem Auge verloren und es war ihm

nicht gelungen, über mich Nachricht zu erhalten.

Ich wollte Werner über den von mir begangenen Mord berichten, doch fiel

mir dies furchtbar schwer. War doch die ganze Geschichte unsäglich

kompliziert, mit unzähligen Umständen verknüpft, die sie einem

leidenschaftslos beurteilenden Menschen äußerst seltsam erscheinen

lassen mußte. Ich erklärte Werner die Schwierigkeit und erhielt von ihm

die unerwartete Antwort:

»Das beste wäre es, Sie würden mir jetzt überhaupt nichts erzählen.

Derartiges ist Ihrer Genesung nicht förderlich. Ich will natürlich nicht

mit Ihnen streiten, doch vermag ich an Ihre ganze Geschichte nicht zu

glauben. Sie sind an Melancholie erkrankt, und diese Krankheit veranlaßt

die ehrbarsten anständigsten Menschen, sich allerlei nie begangener

Verbrechen zu zeihen. Das Gedächtnis unterstützt die Phantasie und

erzeugt trügerische, unwahre Erinnerungen. Sie werden mir dies erst dann

glauben, wenn Sie wieder hergestellt sind, deshalb ist es auch besser,

die Erzählung bis zu jenem Zeitpunkt hinauszuschieben.«

Hätte dieses Gespräch einige Monate früher stattgefunden, so hätte ich

zweifellos aus Werners Worten ein großes Mißtrauen und die Verachtung

meiner Person herausgelesen. Jetzt jedoch, da meine Seele bereits nach

Rast und Erholung suchte, faßte ich die ganze Sache anders auf. Es war

mir angenehm, daß mein Verbrechen den Genossen nicht bekannt sei und daß

die Tatsache angezweifelt werden könne. Ich begann von nun an immer

seltener an meine Tat zu denken.

Meine Genesung machte rasche Fortschritte, nur bisweilen übermannte mich

wieder die frühere Qual, doch dauerten diese Anfälle niemals lange.

Werner war offensichtlich mit mir zufrieden, ich wurde auch nicht mehr

so scharf beobachtet. Seiner Ansicht über meine »Phantasien« gedenkend,

bat ich ihn, mir einen typischen Fall meiner Krankheit zum Lesen zu

geben, den er im Krankenhaus beobachtet und niedergeschrieben hatte.

Zögernd und ungern erfüllte er meine Bitte. Er wählte aus den

verschiedensten Krankheitsgeschichten eine und gab sie mir.

In dieser Krankheitsgeschichte wurde der Fall eines Bauern erzählt, den

die Not aus einem entlegenen Dörfchen in eine der größten Fabriken der

Hauptstadt trieb. Das Leben der großen Stadt erschütterte offensichtlich

sein seelisches Gleichgewicht; den Worten seiner Frau zufolge war er

lange Zeit »völlig außer sich«. Dann verging dies, er lebte und

arbeitete wie alle übrigen. Als in der Fabrik ein Streik ausbrach, stand

er auf Seiten der Genossen. Der Streik war lange und hartnäckig, der

Bauer mußte mit Frau und Kindern Hunger leiden. Plötzlich begann er sich

zu grämen, machte sich Vorwürfe, weil er geheiratet und ein Kind gezeugt

habe und überhaupt »gottlos« lebe.

Dann begann er irre zu reden, wurde zuerst ins städtische Spital und von

dort in das Krankenhaus seines Heimatkreises gebracht. Er behauptete

steif und fest, daß er den Streik gebrochen und die Genossen verkauft

habe, sowie jenen »guten Ingenieur«, der im Geheimen den Streik

unterstützte, und der von der Regierung aufgehängt wurde. Zufällig

kannte ich genau die ganze Geschichte des Streiks -- ich arbeitete

damals in der Hauptstadt -- wußte genau, daß bei diesem Streik kein

Verrat vorgekommen, der »gute Ingenieur« nicht bloß nicht gehängt,

sondern nicht einmal verhaftet worden war. Die Krankheit des Arbeiters

endete mit seiner Genesung.

Diese Geschichte verlieh meinen Gedanken eine neue Färbung. In mir wurde

der Zweifel wach, ob ich tatsächlich den Mord begangen, oder aber ob,

wie Werner sagte, »die Phantasie der Melancholie« mein Gedächtnis

beeinflußt habe. Zu jener Zeit waren meine Erinnerungen an das Leben auf

dem Mars seltsam verworren und verblaßt, zusammenhanglos und

unvollständig, und wenngleich das Bild des Verbrechens klar in meinem

Gedächtnis haftete, so verlor es sich doch in den einfachen und scharfen

Eindrücken der Gegenwart. Bisweilen schüttelte ich den kleinlichen,

beruhigenden Zweifel ab, erkannte klar, daß alles _tatsächlich_ so

gewesen und daß es unmöglich sei, dies abzuleugnen. Dann aber kehrten

Zweifel und Sophismen zurück, halfen mir, meine Gedanken von der

Vergangenheit abzuwenden. Die Menschen glauben so gerne das, was ihnen

angenehm ist ... Und wenngleich in der Tiefe meiner Seele die Erkenntnis

lebte, daß diese Auffassung eine Lüge sei, so überließ ich mich ihr

dennoch freudig, wie man sich einem Glückstraum überläßt.

Heute glaube ich, daß meine Genesung ohne diese betrügerische

Autosuggestion nicht so rasch und so völlig erfolgt wäre.

Der rote Stern: Ein utopischer Roman · 第 38 / 48 题