Bei Menni

Die erste Zeit lebte ich bei Menni in der Fabrikstadt, deren Mittelpunkt

und Basis das große chemische, sich tief unter der Erde erstreckende

Laboratorium bildete. Der sich über der Erde befindende Teil der Stadt,

der, zwischen Parken und Anlagen erbaut, etwa zehn Quadratkilometer

einnahm, beherbergte etwa hundert Arbeiterhäuser, die von den

Laboratoriumsarbeitern bewohnt wurden, sowie das große Versammlungshaus,

das Konsumwarenhaus und die Verbindungsstation, die diese Stadt mit der

ganzen umgrenzenden Welt verband. Hier war Menni der Leiter der Arbeit;

er lebte in einem der Gemeinschaftsgebäude, nahe dem Abstieg zum

Laboratorium.

Das erste, was mich bei der Natur des Mars verblüffte und woran ich mich

nicht recht gewöhnen konnte, war die rote Farbe der Pflanzen. Dieser

Farbstoff, seiner Substanz nach dem Chlorophyll der irdischen Pflanzen

äußerst ähnlich, spielte auch hier in der Natur eine völlig analoge

Rolle: er schuf das Gewebe der Pflanzen aus dem Sauerstoff der Luft und

der Kraft des Sonnenlichtes.

Der vorsorgliche Netti schlug mir vor, Schutzbrillen zu tragen, um das

Auge vor der ungewohnten Reizung zu bewahren. Ich weigerte mich, dies zu

tun.

»Diese Farbe trägt auch unsere sozialistische Fahne«, sagte ich. »Ich

muß daher mit Ihrer sozialistischen Natur vertraut werden.«

»Wenn dem so ist, so müssen Sie wissen«, warf Menni ein, »daß auch bei

der Erdflora der Sozialismus besteht, freilich auf eine verborgene Art.

Die Blätter der Erdpflanzen besitzen eine rote Färbung, maskieren diese

bloß durch eine starke grüne Farbe. Es genügt, Brillen anzulegen, die

das grüne Licht verschlingen und das rote Licht abstoßen, damit auch

Ihre Wälder und Felder, gleich den unseren, rot erscheinen.«

Ich darf nicht Zeit und Platz vergeuden, indem ich die eigenartigen

Formen der Pflanzen und Tiere auf dem Mars beschreibe, noch die reine

und durchsichtige Atmosphäre, die zwar äußerst dünn, aber dennoch voller

Sauerstoff ist, noch den tiefen, dunklen, grünlichen Himmel, mit der

mageren Sonne und den winzigen Monden, mit dem doppelt so hellen Abend-

und Morgenstern -- der Venus und der Erde. Alldies, damals seltsam und

fremdartig, deucht mich heute, durch die Erinnerung verklärt, schön und

teuer. Aber es stand mit der Aufgabe meiner Sendung nur in losem

Zusammenhang. Die Menschen, die Verhältnisse, in denen sie lebten, dies

war für mich wichtig, und sie waren selbst in dieser märchenhaften

Umgebung das Allerphantastischste, das Allerrätselhafteste.

Menni wohnte in einem nicht sonderlich großen zweistöckigen Haus, das

sich der Architektur nach nicht von den übrigen Gebäuden unterschied.

Der originellste Zug dieser Architektur bestand in dem durchsichtigen,

aus riesenhaften himmelblauen Platten gebildeten Dach. Unter diesem Dach

befanden sich die Schlaf- und Wohnzimmer. Die Marsbewohner verbrachten

ihre Mußestunden in dieser blauen Beleuchtung, schätzten deren

beruhigenden Einfluß, und fanden die Farbe, die jenes Licht auf den

Gesichtern hervorruft, keineswegs unangenehm, wie es bei uns der Fall

gewesen wäre.

Die Arbeitszimmer, das Hauslaboratorium, sowie der Verbindungsraum lagen

im unteren Stockwerk; große Fenster ließen gewaltige Wogen des

beunruhigenden roten Lichtes, das von den Blättern der Parkbäume

ausging, in die Räume fluten. Dieses Licht, das in der ersten Zeit bei

mir eine unruhige und verwirrte Stimmung hervorrief, erregte bei den

Marsbewohnern eine gewohnte, der Arbeit günstige Erregung.

In Mennis Arbeitszimmer befanden sich viele Bücher und die

verschiedensten Schreibgeräte, angefangen vom einfachen Bleistift bis

zum Druckphonographen. Dieser Apparat besaß einen äußerst komplizierten

Mechanismus: jedes deutlich ausgesprochene Wort wurde sofort vermittels

eines Hebels auf der Schreibmaschine wiedergegeben und von dieser, je

nach Bedarf, auf die Setzmaschine gebracht.

Auf Mennis Schreibtisch stand das Porträt eines mittelgroßen

Marsbewohners. Die Gesichtszüge erinnerten lebhaft an Menni, doch

eignete ihnen ein Ausdruck strenger Energie und kalter Entschlossenheit,

ja fast der Grausamkeit, die Menni fehlte, dessen Gesicht nur einen

ruhigen, festen Willen ausdrückte. Menni erzählte mir die Geschichte

dieses Mannes.

Er war ein Ahne Mennis, ein großer Ingenieur. Er lebte vor der sozialen

Revolution, zur Zeit der großen Kanalbauten. Dieses grandiose Werk wurde

nach seinen Plänen und unter seiner Leitung ausgeführt. Sein erster

Gehilfe, der ihm den Ruhm und die Macht neidete, zettelte gegen ihn

Intrigen an. Einer der Hauptkanäle, an dem einige hunderttausend

Menschen arbeiteten, mußte in einer sumpfigen, ungesunden Gegend

begonnen werden. Viele tausend Arbeiter starben und erkrankten,

allgemeine Unzufriedenheit gärte. Zur gleichen Zeit, als der

Oberingenieur mit der Zentralregierung des Mars Besprechungen pflog, um

für die Familien der bei dem Bau verstorbenen Arbeiter und für jene, die

durch Krankheit an weiterer Arbeit gehindert wurden, Pensionen

durchzusetzen, agitierte der erste Gehilfe im Geheimen wider ihn, hetzte

zum Streik für die Forderung, die Arbeit an einen anderen Ort zu

verlegen, was bei dem jetzigen Stand der Arbeit unmöglich war, weil

dadurch der ganze Plan des großen Werkes und des Ingenieurs zerstört

worden wäre. Als der Ingenieur dies erfuhr, berief er den ersten

Gehilfen zu sich, verlangte von ihm eine Aufklärung und tötete ihn auf

der Stelle. Vor Gericht verschmähte der Ingenieur jegliche Verteidigung,

beschränkte sich auf die Erklärung, daß er seine Handlung für völlig

gerecht und notwendig halte. Er wurde zu vielen Jahren Gefängnis

verurteilt.

Doch stellte sich gar bald heraus, daß keiner seiner Nachfolger die

Kraft besaß, die gigantische Organisation der Arbeit durchzuführen.

Mißverständnisse entstanden, Raub und Betrug, gewaltige Verwirrung; der

ganze Apparat des Werkes war nahe daran zugrunde zu gehen, die Ausgaben

wuchsen in die Hunderte von Millionen, unter den Arbeitern gärte heftige

Unzufriedenheit, die bereits fast zu Aufständen führte. Die

Zentralregierung wandte sich in aller Eile an den früheren Ingenieur,

bot ihm Begnadigung und Wiedereinsetzung ins Amt an. Er wies die

Begnadigung zurück, willigte jedoch ein, vom Gefängnis aus die Arbeit zu

leiten.

Durch die Berichte seiner Revisoren wurden die Vorgänge an der

Arbeitsstelle rasch aufgeklärt. Hundert Ingenieure und Unternehmer

wurden fortgejagt und vor Gericht gestellt. Der Arbeitslohn wurde

erhöht, ein neues System für die Lieferung der Nahrung, Kleidung und

Werkzeuge eingeführt, der Arbeitsplan revidiert und verbessert. Bald war

die Ordnung wieder völlig hergestellt, der gewaltige Apparat arbeitete

rasch und genau, wie ein gehorsames Werkzeug in der Hand des Meisters.

Aber dieser Meister leitete nicht bloß das ganze Werk, sondern arbeitete

auch die Pläne für dessen Fortsetzung in den folgenden Jahren aus,

bereitete gleichzeitig auch noch einen Stellvertreter vor, einen jungen,

energischen, begabten, dem Arbeiterstand entstammenden Ingenieur. Da der

Tag nahte, an dem er aus dem Gefängnis entlassen werden sollte, war

alles so gut vorbereitet, daß der große Meister die Möglichkeit hatte,

das Werk, ohne es zu gefährden, einer anderen Hand zu übergeben. Im

Augenblick, als sich der erste Minister der Zentralregierung dem

Gefängnis näherte, um den Gefangenen freizulassen, tötete dieser sich

selbst.

Während Menni mir dies erzählte, veränderte sich sein Gesicht auf

seltsame Art; es erschien darauf der gleiche unbeugsam strenge Ausdruck,

der seinem Ahnen eignete, und in diesem Augenblick glich er ihm. Ich

fühlte, wie sehr er diesem Ahnen, der hundert Jahre vor seiner, Mennis,

Geburt gestorben war, nahestand und wie gut er ihn begriff.

Das Verbindungsbureau nahm den mittleren Raum des unteren Stockwerkes

ein. Hier befanden sich die Telephone und die optischen Apparate, die

auf jede beliebige Entfernung hin das Bild all dessen wiedergaben, was

sich vor ihrer Linse befand. Einer dieser optischen Apparate verband

Mennis Wohnung mit der Verbindungsstation, und über diese mit allen

Städten des Planeten. Ein anderer stellte die Verbindung mit dem

unterirdischen Laboratorium her, das von Menni geleitet wurde. Dieser

letztere arbeitete unaufhörlich: etliche dünne, gitterartige Platten

zeigten verkleinert das Bild eines hellerleuchteten Saals, wo sich

mächtige Metallmaschinen und gläserne Apparate befanden, an denen

Tausende von Leuten arbeiteten. Ich wandte mich an Menni mit der Bitte,

mich in das Laboratorium zu führen.

»Dies geht nicht«, erwiderte er. »Dort wird mit der noch nicht stabilen

Materie gearbeitet, und wie gering auch immer, dank unserer

Vorsichtsmaßregeln, die Gefahr einer Explosion oder einer Vergiftung

durch unsichtbare Strahlen ist, so besteht trotzdem noch eine gewisse

Gefahr. Sie dürfen sich dieser nicht aussetzen, denn Sie sind hier

einzigartig, und Sie zu ersetzen wäre unmöglich.«

In seinem Privatlaboratorium verwahrte Menni bloß jene Apparate und

Materialien, die zu seinen früheren Experimenten und Untersuchungen in

Beziehung standen.

Im Korridor des untersten Stockwerkes war an der Decke ein Luftschiff

befestigt, mit dem man in jedem Augenblick dorthin fliegen konnte, wohin

es einem beliebte.

»Wo lebt Netti?« fragte ich Menni.

»In einer großen Stadt, auf zwei Luftschiffstunden entfernt. Dort

befindet sich eine große Maschinenfabrik mit etlichen zehntausend

Arbeitern, so daß Netti für seine Untersuchungen weit mehr Material

besitzt, als hier. Wir haben einen anderen Arzt.«

»Ist mir auch nicht gestattet, die Maschinenfabrik zu besuchen?«

erkundigte ich mich.

»Nein; dort droht ja keine besondere Gefahr. Wenn es Ihnen recht ist,

werden wir uns morgen zusammen hinbegeben.«

Wir beschlossen, dies zu tun.

Der rote Stern: Ein utopischer Roman · 第 20 / 48 题