Es war zu jener Zeit, da in unserem Lande der gewaltige Zusammenbruch
seinen Anfang nahm, jener Zusammenbruch, der noch heute weiter geht und
der sich, meiner Ansicht nach, dem unvermeidlichen, drohenden Ende
nähert.
Die ersten blutigen Tage erschütterten dermaßen das gesellschaftliche
Bewußtsein, daß alle den raschen und leuchtenden Ausgang des Kampfes
erwarteten; es schien, als wäre das Aergste bereits geschehen, als könne
es gar nichts Aergeres mehr geben. Niemand vermochte sich vorzustellen,
wie unerbittlich starr die knochige Gespensterhand sei, die alles
Lebendige erdrosselt hat und auch noch heute in ihrer verkrampften
Umarmung festhält.
Die Erregung des Kampfes durchströmte die Massen. Die Seelen der
Menschen eilten unbändig der Zukunft entgegen, die Gegenwart verschwamm
in einem rosigen Nebel, die Vergangenheit entschwand irgendwo, in weiten
Fernen, wurde aus den Augen verloren. Alle menschlichen Verhältnisse
waren unsicher und verschwommen, wie noch nie zuvor.
In jenen Tagen ereignete sich all das, was mein Leben verwandelte und
mich aus der Sturzflut des proletarischen Kampfes fortriß.
Trotz meiner siebenundzwanzig Jahre war ich in der Arbeiterpartei einer
der »Alten«. Es wurden mir sechs Jahre der Arbeit angerechnet,
unterbrochen durch ein Jahr Gefängnis. Früher als manch anderer fühlte
ich das Nahen des Sturmes, und ging ihm auch gelassener entgegen. Es war
nötig, weit mehr als bisher zu arbeiten, dennoch gab ich meine Studien
nicht auf; besonders interessierten mich die Fragen der Struktur der
Materie. Doch war dies nicht nur platonisch, sondern ich schrieb auch
für wissenschaftliche Zeitschriften, verdiente auf diese Art mein Brot.
Zu jener Zeit liebte ich, oder glaubte zumindest zu lieben.
In der Partei war ihr Name Anna Nikolajewna.
Sie gehörte der anderen, der gemäßigteren Richtung unserer Partei an.
Ich erklärte mir dies aus der Weichheit ihres Charakters, sowie aus der
allgemeinen Verworrenheit der politischen Verhältnisse unseres Landes.
Obgleich sie älter war als ich, hielt ich sie dennoch nicht für einen
völlig geklärten Charakter. Doch irrte ich.
Bald nachdem wir einander näher gekommen waren, zeigte sich die
Verschiedenheit unserer Charaktere auf schmerzlichste Art. Allmählich
bildeten sich die tiefsten gedanklichen Widersprüche aus, die sich
sowohl auf unsere Stellung zur revolutionären Arbeit, als auch auf unser
persönliches Verhältnis bezogen.
Sie war unter der Fahne der Pflicht und des Opfers zur Revolution
gekommen -- ich unter der Fahne des eigenen freien Verlangens. Sie hatte
sich der großen proletarischen Bewegung als Moralistin angeschlossen,
suchte darin die Befriedigung höherer Sittlichkeit -- ich hingegen
gehörte der Bewegung als Amoralist an, als Mensch, der das Leben liebt,
dessen höchste Blüte ersehnt und sich jener Bewegung zuwendet, die den
zur Entwicklung und Blüte führenden Weg der Geschichte verkörpert. Für
Anna Nikolajewna war die proletarische Ethik heilig in sich selbst, ich
jedoch betrachtete diese als nützliche Anpassung, die im Klassenkampf
wohl unerläßlich sei, aber vergänglich wie der Kampf selbst, und bloß
aus der Lebensordnung geboren. Anna Nikolajewna erwartete von der
sozialistischen Gesellschaft ausschließlich eine Umwandlung und
Erneuerung der proletarischen Klassenmoral, während ich behauptete, daß
das Proletariat schon heute die Vernichtung jeglicher Moral anstrebe und
daß das sozialistische Gefühl, indem es die Menschen zu Kameraden der
Arbeit, der Freude und des Leids mache, nur dann völlig ungehemmt
herrschen könne, wenn es den Fetisch-Mantel der Sittlichkeit von sich
werfe. Aus dieser Meinungsverschiedenheit entstanden gar häufig
Widersprüche über die Wertung politischer und sozialistischer Faktoren,
Widersprüche, die zu schlichten unmöglich war.
Noch weit schärfer zeigte sich unsere Meinungsverschiedenheit, wenn es
sich um unser persönliches Verhältnis handelte. Sie fand, daß die Liebe
zur Nachgiebigkeit, zum Opfer, vor allem aber zur Treue verpflichte,
solange der Bund bestehe. Ich dachte gar nicht daran, eine neue
Verbindung einzugehen, doch vermochte ich die Treue als Pflicht nicht
anzuerkennen. Ja, ich behauptete sogar, daß die Polygamie höher stehe
als die Monogamie, weil sie dem Menschen ein reicheres persönliches
Leben und den Nachkommen mehr Vielartigkeit zu geben vermag. Meiner
Ansicht nach ist die sogenannte Unmöglichkeit der Polygamie nur von den
Widersprüchen der bürgerlichen Ordnung geschaffen, gehört zu den
Privilegien der Ausbeuter und Parasiten, zu deren schmutzigen, sich
zersetzenden Psychologie. Auch hierin muß die Zukunft eine gewaltige
Wandlung bringen. Diese Auffassung erschütterte Anna Nikolajewna aufs
tiefste: sie sah darin einen Versuch, in der Form der Idee die groben
sinnlichen Beziehungen zum Leben zu rechtfertigen.
Trotz allem sah ich, ahnte ich nicht die Unvermeidlichkeit eines
Bruches. Da drang in unser Leben ein von außen kommender Einfluß, der
die Entscheidung beschleunigte.
Um diese Zeit kam in die Hauptstadt ein junger Mann, der den in unseren
Kreisen ungewöhnlichen Decknamen Menni trug. Er brachte aus dem Süden
Berichte und Aufträge mit, die klar erkennen ließen, daß er das völlige
Vertrauen der Genossen besitze. Nachdem er seine Aufgabe erfüllt hatte,
beschloß er, noch einige Zeit in der Hauptstadt zu verweilen, und suchte
uns häufig auf; es schien ihm viel daran gelegen, meine Freundschaft zu
erwerben.
Er war in vielem ein origineller Mensch. Schon sein Aeußeres war
ungewöhnlich. Seine Augen wurden derart von dunklen Brillen verdeckt,
daß ich nicht einmal ihre Farbe kannte, sein Kopf war unproportioniert
groß, seine Gesichtszüge waren schön, doch seltsam unbeweglich und
leblos, sie harmonisierten nicht im geringsten mit der weichen
ausdrucksvollen Stimme und der schlanken, jünglinghaft-biegsamen
Gestalt. Er sprach frei und fließend, und was er sagte, war stets
gehaltvoll. Seine Bildung war äußerst einseitig; dem Beruf nach schien
er Ingenieur zu sein.
Im Gespräch hatte Menni die Gepflogenheit, einzelne praktische Fragen
auf allgemeine Grundideen zurückzuführen. Befand er sich bei uns, so
geschah es stets, daß die zwischen meiner Frau und mir bestehenden
Charakter- und Meinungsverschiedenheiten irgendwie in den Vordergrund
gelangten, und zwar derart deutlich und scharf, daß wir voller Qual die
Aussichtslosigkeit des Ganzen erkannten. Mennis Weltanschauung glich der
meinen; er verlieh ihr der Form nach voller Vorsicht und Zartheit, dem
Inhalt nach jedoch voller Schärfe und Tiefgründigkeit Ausdruck. Er
verstand es, unsere verschiedenartigen politischen Ansichten derart
geschickt mit der Verschiedenartigkeit unserer Weltanschauung zu
verknüpfen, daß dieser Unterschied als psychologische Notwendigkeit
erschien, ja schier als logische Schlußfolgerung; jegliche Hoffnung der
gegenseitigen Annäherung entschwand, der Möglichkeit, über die
Meinungsverschiedenheiten hinweg, zu irgendetwas Gemeinsamem zu
gelangen. Anna Nikolajewna empfand für Menni eine Art mit lebhaftem
Interesse gemischten Haß. In mir erweckte er große Achtung und ein
unklares Mißtrauen; ich fühlte, daß er ein Ziel verfolgte, wußte jedoch
nicht, welches.
An einem Januartag -- es war bereits gegen Ende Januar -- wurde den
Parteiführern beider Richtungen der Plan einer Massendemonstration
unterbreitet, einer Demonstration, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu
einem bewaffneten Zusammenstoß führen würde. Am Vorabend der
Demonstration erschien Menni bei uns und warf die Frage auf, ob Anna
Nikolajewna entschlossen wäre, falls die Demonstration stattfände,
selbst die Parteiangehörigen anzuführen. Es entstand ein Streit, der
bald einen erbitterten Charakter annahm.
Anna Nikolajewna vertrat die Ansicht, daß ein jeder, der für die
Demonstration gestimmt habe, moralisch verpflichtet sei, in den ersten
Reihen mitzugehen. Ich hingegen behauptete, dies wäre keineswegs
verpflichtend, es müßten nur jene mitgehen, die unentbehrlich oder von
wirklichem Nutzen seien; ich dachte dabei an mich selbst, als an einen
in derartigen Dingen erfahrenen Menschen. Menni ging noch weiter und
erklärte, angesichts des unvermeidlichen Zusammenstoßes mit der
bewaffneten Macht dürften nur redegewandte Agitatoren und
Kampforganisatoren mitgehen; die politischen Führer hingegen hätten bei
der Demonstration nichts zu suchen, Schwächlinge und nervöse Leute
könnten sogar gefährlich werden. Anna Nikolajewna war über dieses Urteil
gekränkt; es schien ihr, als sei es gegen sie gerichtet. Sie brach das
Gespräch ab und zog sich in ihr Zimmer zurück. Auch Menni entfernte sich
bald darauf.
Am folgenden Tage stand ich frühmorgens auf und verließ das Haus, ohne
Anna Nikolajewna gesehen zu haben. Es wurde Abend, ehe ich heimkehrte.
Die Demonstration war von unserem Komitee abgelehnt worden, und soweit
mir bekannt war, hatten auch die Führer der anderen Richtung den
gleichen Beschluß gefaßt. Ich war mit dieser Lösung äußerst zufrieden,
denn ich wußte genau, wie wenig wir auf einen Konflikt mit Waffen
vorbereitet waren, und hielt ein derartiges Vorgehen für eine nutzlose
Kraftvergeudung. Auch glaubte ich, der Entschluß werde Anna Nikolajewnas
Erregung über das gestrige Gespräch ein wenig beschwichtigen ... Daheim
fand ich auf Anna Nikolajewnas Tisch folgenden Brief:
»Ich gehe fort. Je mehr ich mich selbst und Sie begreife, desto klarer
wird mir, daß wir verschiedene Wege gehen und daß wir uns beide geirrt
haben. Es ist besser, wenn wir einander nicht mehr begegnen. Verzeihen
Sie mir.«
Lange durchwanderte ich die Straßen, erschöpft, mit dem Gefühl der Leere
im Kopf und der Kälte im Herzen. Als ich heimkehrte, fand ich einen
unerwarteten Gast vor; am Tisch saß Menni und schrieb einen Brief.