Nach diesem Selbstbekenntnis, das in der trockenen und stilistisch
geschraubten Redeweise eines gebildeten Autodidakten und ganz unter dem
Einfluß der amerikanischen Traktate genau so über der Welt und im
eigenen Selbstbewußtsein schwebt, egozentrisch, voll bitterer Milde
gegenüber der Vergangenheit, voller Vertrauen auf die Zukunft, die nur
noch Gutes bringen kann, darf es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß
Emil Strauß von einem wirklich fast wunderbar zu nennenden Erlebnis
überrascht und gewandelt wurde.
Wenn man seine frühere Existenz kennt, dieses Leben des Freibeuters, der
mit zynischer Gelassenheit und voller Verachtung über die einfachsten
Regeln bürgerlicher Konvention hinwegschreitet, als seien sie für ihn
nicht vorhanden, der mit guten Witzen und großen Gesten die Tätigkeit
der Polizei verlacht und verhöhnt, der die Ordnung haßt und die Freiheit
über alles liebt, sein Leben aufs Spiel setzt, um wieder frei atmen zu
können. Der noch trotz seiner glänzenden und aufrichtigen Rede vor den
Geschworenen den Plan zu einer gewaltsamen und groß angelegten Flucht
gleichzeitig im verworrenen und zwiespältig beherrschten Herzen wälzen
konnte. Dieses Kind der dunklen Großstadt, dessen Ehrgeiz und Ruhm es
waren, nie besiegt worden zu sein ... bedenkt man dieses Leben und seine
jetzige Wandlung, so steht man vor einem Rätsel.
Es gibt da noch, wie das bei einem solchen Ereignis leicht begreiflich
ist, eine andere Version:
Die Bekehrung und Versenkung des reuigen Sünders in die Stimme des Herrn
und die Lehre der Christian Science seien nichts anderes als eine groß
angelegte Finte. Er wiegt die Behörden und Wächter in Sicherheit, kein
Laut, kein Seufzer dringt aus seiner Brust. Gedanken schlummern in
seinem tausendfach versiegelten Herzen, von deren Gründlichkeit niemand
etwas ahnt.
Eines Tages aber wird es so weit sein. Dann werden alle Fäden in seiner
Hand zusammenlaufen, und das große Spiel um den letzten Einsatz kann
beginnen. Nur die alleräußerste Vorsicht und die jahrelange Übung einer
eisernen und überlegenen Energie kann dieses Tempo des Zuchthauses
ertragen. Eines Tages wird Emil Strauß aus dem Kerker verschwunden sein
und wenige Wochen später ein großer Einbruch mit wilder Kletterei über
Dächer und Mauern hinweg die Berliner aus dem Schlaf wecken und sie an
die Existenz dieses gewaltigen Räubers unliebsam erinnern.
Ich glaube, daß diese Meinung vollkommen falsch und ohne die Einsicht in
die Zusammenhänge dieses Geistes gedacht ist.
Denn die jetzige Situation des Sträflings bedeutet zwar in menschlicher
Hinsicht eine fürchterliche und unübersehbare Qual. Seine ästhetische
und selbstbewußte Art wird unter den Greueln der Gefängnismauern täglich
und stündlich gemartert werden. Kein Leid wird an ihm vorübergehn, von
den Qualen der Einsamkeit und Öde bis zur bittersten sexuellen Not
werden Tage und Nächte über ihn fallen, die ein einziger Geißelhieb
sind.
Andererseits aber erlebte er die Erfüllung seiner frühesten Sehnsucht.
Bedeutung und Hilfe ward ihm zuteil. Menschen der guten Gesellschaft
nahmen sich seiner an. Anerkannten seine Qualitäten. Der schreckliche
Stachel der Minderwertigkeit, der mangelnden Anerkennung ward aus seinem
überempfindsamen Fleisch genommen. Eigentlich hat er erreicht, was er
sein ganzes Leben lang wollte: Anerkennung und Bewunderung. Glauben und
Hoffnung. Bei sich und andern.
Denn seine Freunde sind, wie er, Anhänger der Christian Science und
treten für ihn ein mit Rat und Tat. Er wurde aufgenommen in einen Kreis
gutmütiger und kameradschaftlicher Menschen. Das Gefühl, das ihn
jahrelang peinigte, ausgestoßen und ungerecht verfolgt zu werden,
außerhalb von Recht und Gesetz leben zu müssen, mußte ihn verlassen
zugunsten eines warmen und sicheren Heimatgefühles.
Das ist das eigentliche Wunder und der Halt seiner jetzigen Existenz.
Nicht so sehr die innere Erleuchtung als vielmehr die soziale
Geborgenheit trotz seines Gewandes, trotz seiner Vergangenheit läßt ihn
den Gedanken an eine Flucht verwerfen.
Im Grunde war er immer ein bürgerlich orientierter, ehrgeiziger Mensch,
dessen Begabung nur in falsche und verrückte Bahnen gedrängt wurde. Nie
hat er den eigenen Wert innerhalb einer möglichen, sehr liberalen und
sehr sozialen Gesellschaft außer acht gelassen. Es war der Traum seines
Lebens, einmal vor die Welt treten zu können und ihr seine berechtigte
Anklage ins Gesicht schleudern zu dürfen, und dann Zuflucht und
Bedeutung in einer anderen zu finden.
Denn als Proletarier muß er zugleich Sozialist sein. Es ist die gelebte
und tausendmal erfahrene Philosophie seines Leidens. Solange die Wertung
des Menschen nach Erbschaft und Kapital von oben herab dekretiert wird,
muß ich kämpfen.
Im gleichen Augenblick, wo er die Möglichkeit einer sozial gerechten und
zugleich menschlich bereiten Atmosphäre spürte, also das sozialistische
Ideal, wenn auch nur annähernd, aber seinem persönlich grüblerischen
Temperament adäquat verwirklicht sah, brach er den Kampf ab und ging zur
anderen, als richtig erkannten Partei über.
In Wirklichkeit also fand er nichts Neues, sondern nur sein eigenes
Lebensbild. Kehrte gestärkt und bestätigt zu seiner Philosophie heim.
Weder die Welt des Verbrechers noch die bürgerlich unaufrichtige und
stachlicht umhegte Welt Europas hat ihn gefangen.
Über der sichtbaren hat er sich eine unsichtbare, nur esoterischen
Geistern zugängliche Welt ersonnen. Im Bogen weicht er allem aus, was
ihn von diesem Weg der Selbstbetrachtung und Selbsterhaltung abbringen
könnte.
Dabei arbeitet er mit staunenswerter Energie und Begabung an seiner
eigenen Vollendung.
Jetzt lernt er Latein. Von seinen Mitgefangenen ließ er sich die
schmalen Streifen Klosettpapier geben, die an der Schnur hängen bleiben.
Darauf schreibt er mit winzigen Buchstaben die Vokabeln, legt diese
Wortstreifen während der Arbeit neben sich und lernt. Sein
Bildungshunger ist grenzenlos.
Aber er hat auch Erfolge.
So ist es ihm gelungen, eine wichtige Erfindung auf elektrotechnischem
Gebiet zu machen, die in diesen Tagen dem Patentamt vorgelegt wurde und
die Aussicht auf Verwirklichung hat.
Eine ganze Reihe technischer Probleme beschäftigt ihn. Das Reich der
Zahlen und Ströme durchwandert sein begabter Geist mit der gleichen
Behendigkeit und Tiefsinnigkeit, wie das des Glaubens und der Wunder.
Auch seine dichterische Kraft ist keineswegs erlahmt. Eine ganze Anzahl
schöner und formvollendeter Gedichte ist so erstanden, und seine Briefe
gehören an Gedankentiefe, Sachlichkeit und menschlichem Ernst zum
Schönsten überhaupt, was er erdachte.
Eine ganze Anzahl geistig hochstehender Menschen nimmt sich seiner
liebevoll an. Dieser merkwürdige Außenseiter hat wirklich das Wunder
vollbracht, in der heutigen, abgehetzten und vergrämten Generation
nachhaltigen Eindruck zu machen und einen Kreis von Menschen um seine
Spur zu scharen, der in Liebe und Teilnahme zu ihm steht.
Der Traum seines Lebens ist natürlich nicht zu Ende. Wie er selbst
sagte, daß er hoffe, daß hinter diesem Blatt noch andere folgen werden,
so geht auch seine Hoffnung unbeirrbar ihren Weg.
Der Tag der Freiheit muß auch ihm einmal leuchten.
Es gilt, ihn zu erleben.
Dann will er in Amerika das wahre Leben beginnen, wo seine Freunde, die
Anhänger der christlichen Wissenschaft nach Millionen zählen. Auf diesen
Tag hat er seine ganze Hoffnung konzentriert und wir wollen wünschen,
und sind sogar gewiß, daß sie nicht zuschanden wird.
Wie ein sonderbarer Heiliger leuchtet das Bild dieses verirrten und
gestraften Menschen vor uns. Wer sich mit diesem merkwürdigen Leben, das
so gar nicht in unsere Berechnung von der Wichtigkeit der Materie paßt
und doch ganz ihr entsprungen scheint, einmal befaßt hat, wird es nicht
mehr los. Wie auch alle bestätigen, die mit Strauß in nähere Berührung
kamen. Es geht eine unwiderstehliche Kraft von ihm aus, die fesselt und
anzieht und einen nicht mehr freigibt.
Weil er die Inkarnation unserer eigenen Problematik verkörpert: Von der
Unruhe und dem Vorbeileben wegzukönnen in den Frieden einer so oft und
heiß erkannten und gewünschten Innerlichkeit.
Ein Yogha, ein indischer Fakir zu werden, über den die Zeit und der böse
Raum keine Gewalt mehr haben. Der dieses Leben kraft seines Willens zu
einem Traum hinabdrückt und aufsteigt in die gewählte, erlittene und
erkannte Freiheit.
So wird über die Zufälligkeit seiner Taten und seines bösen Ruhmes
hinweg auch in diesem Leben die aller Natur innewohnende symbolische
Güte und Größe klar.
Der Verbrecher ist nicht allein der Verworfene und Ausgestoßene, der ob
seiner Taten der Strafe und Verachtung anheimfällt. Er ist ein Opfer und
ein Mitglied durch Schuld, die tief unter der Schwelle menschlicher
Erkenntnis lagert, an uns gefesselt. Als habe er einen Teil der
allgemeinen Schuld auf sich genommen und leide jetzt, sich selber fremd,
wie etwa ein stummes Tier leidet. In diesem besonderen Fall aber erfaßte
das Los einen, dem Gott gab sein Leid zu sagen. Weil es tiefer war als
das aller anderen und immer tiefer wurde, je mehr er sich von der
Oberfläche entfernte.
Und immer mehr von unserem Wesen nahm er an und wurde auf dem blutigen
Kreuz-Umweg der Verkündiger der ewigen Weisheit des Ostens:
Ging eine Welt dir verloren, klage nicht, denn sie war nichts;
Hast eine Welt du dir gewonnen, juble nicht, denn es ist nichts.
Nicht das Gespenst des Verbrechers und die literarische Kritik seiner
Taten konnten hier den Ausschlag geben. Denn all das verschwindet hinter
dieser tragischen Figur, die das schlimmste Laster der Menschheit
überwinden mußte, das Mißtrauen. Sondern das Wesentliche, Menschliche in
diesem noch sehr lebendigen und aktiven Leben. Und daß er spüren soll,
daß es entgegen aller Erwartung in dieser vergeßlichen Zeit noch Kräfte
gibt, die tiefer als ein Urteil und eine Tagesmeinung dringen und auch
im Menschen im Sträflingskleid nicht das Tier im Käfig, „den haarigen
Affen“, sondern den Bruder sehn.
In der Sammlung
AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART. –
erscheinen in kürzester Zeit folgende Bände:
*Band 1:
ALFRED DÖBLIN
DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND IHR GIFTMORD
*Band 2:
EGON ERWIN KISCH
DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS REDL
*Band 3:
EDUARD TRAUTNER
DER MORD AM POLIZEIAGENTEN BLAU
*Band 4:
ERNST WEISS
DER FALL VUKOBRANKOVICS
*Band 5:
IWAN GOLL
DIE ROTE JUNGFRAU GERMAINE BERTON
*Band 6:
THEODOR LESSING
HAARMANN, DIE GESCHICHTE EINES WERWOLFS
*Band 7:
KARL OTTEN
DER FALL STRAUSS
*Band 8:
ARTHUR HOLITSCHER
DER FALL RAVACHOL
*Band 9/10:
P. DREYFUS – PAUL MAYER
RECHT UND POLITIK IM FALL FECHENBACH
Band 11[1]:
L. LANIA-HERRMANN
DER HITLER-PROZESS
Band 12:
THOMAS SCHRAMEK
DER FALL EGLOFFSTEIN
Band 13:
HENRI BARBUSSE
DIE MATROSEN DES SCHWARZEN MEERES
Band 14:
OTTO KAUS
DER FALL GROSSMANN
Band 15:
EUGEN ORTNER
DER FALL BERNOTAT
Band 16:
WALTER PETRY
DER FALL NÄGLER
Band 17:
FRIEDRICH STERNTHAL
DER FALL DER RATHENAUMÖRDER
Band 18:
RENÉ SCHICKELE
DIE CAILLAUXPROZESSE
Band 19:
KARL FEDERN
DER FALL MURRI-BONMARTINI
Band 20:
KURT KERSTEN
DER PROZESS GEGEN DIE MOSKAUER SOZIALREVOLUTIONÄRE
Band 21:
MARTIN BERADT
DER FALL HASSELBACH
Band 22:
F. A. ANGERMAYER
DER FALL DER PARISER AUTOMOBILBANDITEN
Band 23:
WILLY HAAS
DER FALL GROSS
Band 24:
WALTER VON HOLLANDER
DER FALL GRUPEN
Band 25:
MAX FREYHAN
DER JUWELENRAUB IN DER KÖPENICKERSTRASSE
Band 26:
HANS REISER
DER FALL STRASSER
Band 27:
FRANZ THEODOR CSOKOR
DER FALL EISLER
Band 28:
E. I. GUMBEL
EIN POLITISCHER MORD
Band 29:
EDUARD TRAUTNER
DER FALL DES SCHUPOWACHTMEISTERS GERTH
Band 30:
ARNOLT BRONNEN
DER FALL VAQUIER
Band 31:
HERMANN UNGAR
DER FALL ANGERSTEIN
Band 32:
JOSEPH ROTH
DER FALL HOFRICHTER
Die mit * versehenen Bände sind bereits erschienen.
[1] Bei den folgenden noch nicht erschienenen Bänden behält sich der
Verlag Änderungen sowohl der Titel als auch der Reihenfolge usw.
ausdrücklich vor.
Ferner Bände von:
MAX BROD, OTTO FLAKE, WALTER HASENCLEVER, GEORG KAISER, THOMAS
MANN, LEO MATTHIAS, JAKOB WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN
und vielen Anderen.