X.

Nach diesem Selbstbekenntnis, das in der trockenen und stilistisch

geschraubten Redeweise eines gebildeten Autodidakten und ganz unter dem

Einfluß der amerikanischen Traktate genau so über der Welt und im

eigenen Selbstbewußtsein schwebt, egozentrisch, voll bitterer Milde

gegenüber der Vergangenheit, voller Vertrauen auf die Zukunft, die nur

noch Gutes bringen kann, darf es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß

Emil Strauß von einem wirklich fast wunderbar zu nennenden Erlebnis

überrascht und gewandelt wurde.

Wenn man seine frühere Existenz kennt, dieses Leben des Freibeuters, der

mit zynischer Gelassenheit und voller Verachtung über die einfachsten

Regeln bürgerlicher Konvention hinwegschreitet, als seien sie für ihn

nicht vorhanden, der mit guten Witzen und großen Gesten die Tätigkeit

der Polizei verlacht und verhöhnt, der die Ordnung haßt und die Freiheit

über alles liebt, sein Leben aufs Spiel setzt, um wieder frei atmen zu

können. Der noch trotz seiner glänzenden und aufrichtigen Rede vor den

Geschworenen den Plan zu einer gewaltsamen und groß angelegten Flucht

gleichzeitig im verworrenen und zwiespältig beherrschten Herzen wälzen

konnte. Dieses Kind der dunklen Großstadt, dessen Ehrgeiz und Ruhm es

waren, nie besiegt worden zu sein ... bedenkt man dieses Leben und seine

jetzige Wandlung, so steht man vor einem Rätsel.

Es gibt da noch, wie das bei einem solchen Ereignis leicht begreiflich

ist, eine andere Version:

Die Bekehrung und Versenkung des reuigen Sünders in die Stimme des Herrn

und die Lehre der Christian Science seien nichts anderes als eine groß

angelegte Finte. Er wiegt die Behörden und Wächter in Sicherheit, kein

Laut, kein Seufzer dringt aus seiner Brust. Gedanken schlummern in

seinem tausendfach versiegelten Herzen, von deren Gründlichkeit niemand

etwas ahnt.

Eines Tages aber wird es so weit sein. Dann werden alle Fäden in seiner

Hand zusammenlaufen, und das große Spiel um den letzten Einsatz kann

beginnen. Nur die alleräußerste Vorsicht und die jahrelange Übung einer

eisernen und überlegenen Energie kann dieses Tempo des Zuchthauses

ertragen. Eines Tages wird Emil Strauß aus dem Kerker verschwunden sein

und wenige Wochen später ein großer Einbruch mit wilder Kletterei über

Dächer und Mauern hinweg die Berliner aus dem Schlaf wecken und sie an

die Existenz dieses gewaltigen Räubers unliebsam erinnern.

Ich glaube, daß diese Meinung vollkommen falsch und ohne die Einsicht in

die Zusammenhänge dieses Geistes gedacht ist.

Denn die jetzige Situation des Sträflings bedeutet zwar in menschlicher

Hinsicht eine fürchterliche und unübersehbare Qual. Seine ästhetische

und selbstbewußte Art wird unter den Greueln der Gefängnismauern täglich

und stündlich gemartert werden. Kein Leid wird an ihm vorübergehn, von

den Qualen der Einsamkeit und Öde bis zur bittersten sexuellen Not

werden Tage und Nächte über ihn fallen, die ein einziger Geißelhieb

sind.

Andererseits aber erlebte er die Erfüllung seiner frühesten Sehnsucht.

Bedeutung und Hilfe ward ihm zuteil. Menschen der guten Gesellschaft

nahmen sich seiner an. Anerkannten seine Qualitäten. Der schreckliche

Stachel der Minderwertigkeit, der mangelnden Anerkennung ward aus seinem

überempfindsamen Fleisch genommen. Eigentlich hat er erreicht, was er

sein ganzes Leben lang wollte: Anerkennung und Bewunderung. Glauben und

Hoffnung. Bei sich und andern.

Denn seine Freunde sind, wie er, Anhänger der Christian Science und

treten für ihn ein mit Rat und Tat. Er wurde aufgenommen in einen Kreis

gutmütiger und kameradschaftlicher Menschen. Das Gefühl, das ihn

jahrelang peinigte, ausgestoßen und ungerecht verfolgt zu werden,

außerhalb von Recht und Gesetz leben zu müssen, mußte ihn verlassen

zugunsten eines warmen und sicheren Heimatgefühles.

Das ist das eigentliche Wunder und der Halt seiner jetzigen Existenz.

Nicht so sehr die innere Erleuchtung als vielmehr die soziale

Geborgenheit trotz seines Gewandes, trotz seiner Vergangenheit läßt ihn

den Gedanken an eine Flucht verwerfen.

Im Grunde war er immer ein bürgerlich orientierter, ehrgeiziger Mensch,

dessen Begabung nur in falsche und verrückte Bahnen gedrängt wurde. Nie

hat er den eigenen Wert innerhalb einer möglichen, sehr liberalen und

sehr sozialen Gesellschaft außer acht gelassen. Es war der Traum seines

Lebens, einmal vor die Welt treten zu können und ihr seine berechtigte

Anklage ins Gesicht schleudern zu dürfen, und dann Zuflucht und

Bedeutung in einer anderen zu finden.

Denn als Proletarier muß er zugleich Sozialist sein. Es ist die gelebte

und tausendmal erfahrene Philosophie seines Leidens. Solange die Wertung

des Menschen nach Erbschaft und Kapital von oben herab dekretiert wird,

muß ich kämpfen.

Im gleichen Augenblick, wo er die Möglichkeit einer sozial gerechten und

zugleich menschlich bereiten Atmosphäre spürte, also das sozialistische

Ideal, wenn auch nur annähernd, aber seinem persönlich grüblerischen

Temperament adäquat verwirklicht sah, brach er den Kampf ab und ging zur

anderen, als richtig erkannten Partei über.

In Wirklichkeit also fand er nichts Neues, sondern nur sein eigenes

Lebensbild. Kehrte gestärkt und bestätigt zu seiner Philosophie heim.

Weder die Welt des Verbrechers noch die bürgerlich unaufrichtige und

stachlicht umhegte Welt Europas hat ihn gefangen.

Über der sichtbaren hat er sich eine unsichtbare, nur esoterischen

Geistern zugängliche Welt ersonnen. Im Bogen weicht er allem aus, was

ihn von diesem Weg der Selbstbetrachtung und Selbsterhaltung abbringen

könnte.

Dabei arbeitet er mit staunenswerter Energie und Begabung an seiner

eigenen Vollendung.

Jetzt lernt er Latein. Von seinen Mitgefangenen ließ er sich die

schmalen Streifen Klosettpapier geben, die an der Schnur hängen bleiben.

Darauf schreibt er mit winzigen Buchstaben die Vokabeln, legt diese

Wortstreifen während der Arbeit neben sich und lernt. Sein

Bildungshunger ist grenzenlos.

Aber er hat auch Erfolge.

So ist es ihm gelungen, eine wichtige Erfindung auf elektrotechnischem

Gebiet zu machen, die in diesen Tagen dem Patentamt vorgelegt wurde und

die Aussicht auf Verwirklichung hat.

Eine ganze Reihe technischer Probleme beschäftigt ihn. Das Reich der

Zahlen und Ströme durchwandert sein begabter Geist mit der gleichen

Behendigkeit und Tiefsinnigkeit, wie das des Glaubens und der Wunder.

Auch seine dichterische Kraft ist keineswegs erlahmt. Eine ganze Anzahl

schöner und formvollendeter Gedichte ist so erstanden, und seine Briefe

gehören an Gedankentiefe, Sachlichkeit und menschlichem Ernst zum

Schönsten überhaupt, was er erdachte.

Eine ganze Anzahl geistig hochstehender Menschen nimmt sich seiner

liebevoll an. Dieser merkwürdige Außenseiter hat wirklich das Wunder

vollbracht, in der heutigen, abgehetzten und vergrämten Generation

nachhaltigen Eindruck zu machen und einen Kreis von Menschen um seine

Spur zu scharen, der in Liebe und Teilnahme zu ihm steht.

Der Traum seines Lebens ist natürlich nicht zu Ende. Wie er selbst

sagte, daß er hoffe, daß hinter diesem Blatt noch andere folgen werden,

so geht auch seine Hoffnung unbeirrbar ihren Weg.

Der Tag der Freiheit muß auch ihm einmal leuchten.

Es gilt, ihn zu erleben.

Dann will er in Amerika das wahre Leben beginnen, wo seine Freunde, die

Anhänger der christlichen Wissenschaft nach Millionen zählen. Auf diesen

Tag hat er seine ganze Hoffnung konzentriert und wir wollen wünschen,

und sind sogar gewiß, daß sie nicht zuschanden wird.

Wie ein sonderbarer Heiliger leuchtet das Bild dieses verirrten und

gestraften Menschen vor uns. Wer sich mit diesem merkwürdigen Leben, das

so gar nicht in unsere Berechnung von der Wichtigkeit der Materie paßt

und doch ganz ihr entsprungen scheint, einmal befaßt hat, wird es nicht

mehr los. Wie auch alle bestätigen, die mit Strauß in nähere Berührung

kamen. Es geht eine unwiderstehliche Kraft von ihm aus, die fesselt und

anzieht und einen nicht mehr freigibt.

Weil er die Inkarnation unserer eigenen Problematik verkörpert: Von der

Unruhe und dem Vorbeileben wegzukönnen in den Frieden einer so oft und

heiß erkannten und gewünschten Innerlichkeit.

Ein Yogha, ein indischer Fakir zu werden, über den die Zeit und der böse

Raum keine Gewalt mehr haben. Der dieses Leben kraft seines Willens zu

einem Traum hinabdrückt und aufsteigt in die gewählte, erlittene und

erkannte Freiheit.

So wird über die Zufälligkeit seiner Taten und seines bösen Ruhmes

hinweg auch in diesem Leben die aller Natur innewohnende symbolische

Güte und Größe klar.

Der Verbrecher ist nicht allein der Verworfene und Ausgestoßene, der ob

seiner Taten der Strafe und Verachtung anheimfällt. Er ist ein Opfer und

ein Mitglied durch Schuld, die tief unter der Schwelle menschlicher

Erkenntnis lagert, an uns gefesselt. Als habe er einen Teil der

allgemeinen Schuld auf sich genommen und leide jetzt, sich selber fremd,

wie etwa ein stummes Tier leidet. In diesem besonderen Fall aber erfaßte

das Los einen, dem Gott gab sein Leid zu sagen. Weil es tiefer war als

das aller anderen und immer tiefer wurde, je mehr er sich von der

Oberfläche entfernte.

Und immer mehr von unserem Wesen nahm er an und wurde auf dem blutigen

Kreuz-Umweg der Verkündiger der ewigen Weisheit des Ostens:

Ging eine Welt dir verloren, klage nicht, denn sie war nichts;

Hast eine Welt du dir gewonnen, juble nicht, denn es ist nichts.

Nicht das Gespenst des Verbrechers und die literarische Kritik seiner

Taten konnten hier den Ausschlag geben. Denn all das verschwindet hinter

dieser tragischen Figur, die das schlimmste Laster der Menschheit

überwinden mußte, das Mißtrauen. Sondern das Wesentliche, Menschliche in

diesem noch sehr lebendigen und aktiven Leben. Und daß er spüren soll,

daß es entgegen aller Erwartung in dieser vergeßlichen Zeit noch Kräfte

gibt, die tiefer als ein Urteil und eine Tagesmeinung dringen und auch

im Menschen im Sträflingskleid nicht das Tier im Käfig, „den haarigen

Affen“, sondern den Bruder sehn.

In der Sammlung

AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT

– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART. –

erscheinen in kürzester Zeit folgende Bände:

*Band 1:

ALFRED DÖBLIN

DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND IHR GIFTMORD

*Band 2:

EGON ERWIN KISCH

DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS REDL

*Band 3:

EDUARD TRAUTNER

DER MORD AM POLIZEIAGENTEN BLAU

*Band 4:

ERNST WEISS

DER FALL VUKOBRANKOVICS

*Band 5:

IWAN GOLL

DIE ROTE JUNGFRAU GERMAINE BERTON

*Band 6:

THEODOR LESSING

HAARMANN, DIE GESCHICHTE EINES WERWOLFS

*Band 7:

KARL OTTEN

DER FALL STRAUSS

*Band 8:

ARTHUR HOLITSCHER

DER FALL RAVACHOL

*Band 9/10:

P. DREYFUS – PAUL MAYER

RECHT UND POLITIK IM FALL FECHENBACH

Band 11[1]:

L. LANIA-HERRMANN

DER HITLER-PROZESS

Band 12:

THOMAS SCHRAMEK

DER FALL EGLOFFSTEIN

Band 13:

HENRI BARBUSSE

DIE MATROSEN DES SCHWARZEN MEERES

Band 14:

OTTO KAUS

DER FALL GROSSMANN

Band 15:

EUGEN ORTNER

DER FALL BERNOTAT

Band 16:

WALTER PETRY

DER FALL NÄGLER

Band 17:

FRIEDRICH STERNTHAL

DER FALL DER RATHENAUMÖRDER

Band 18:

RENÉ SCHICKELE

DIE CAILLAUXPROZESSE

Band 19:

KARL FEDERN

DER FALL MURRI-BONMARTINI

Band 20:

KURT KERSTEN

DER PROZESS GEGEN DIE MOSKAUER SOZIALREVOLUTIONÄRE

Band 21:

MARTIN BERADT

DER FALL HASSELBACH

Band 22:

F. A. ANGERMAYER

DER FALL DER PARISER AUTOMOBILBANDITEN

Band 23:

WILLY HAAS

DER FALL GROSS

Band 24:

WALTER VON HOLLANDER

DER FALL GRUPEN

Band 25:

MAX FREYHAN

DER JUWELENRAUB IN DER KÖPENICKERSTRASSE

Band 26:

HANS REISER

DER FALL STRASSER

Band 27:

FRANZ THEODOR CSOKOR

DER FALL EISLER

Band 28:

E. I. GUMBEL

EIN POLITISCHER MORD

Band 29:

EDUARD TRAUTNER

DER FALL DES SCHUPOWACHTMEISTERS GERTH

Band 30:

ARNOLT BRONNEN

DER FALL VAQUIER

Band 31:

HERMANN UNGAR

DER FALL ANGERSTEIN

Band 32:

JOSEPH ROTH

DER FALL HOFRICHTER

Die mit * versehenen Bände sind bereits erschienen.

[1] Bei den folgenden noch nicht erschienenen Bänden behält sich der

Verlag Änderungen sowohl der Titel als auch der Reihenfolge usw.

ausdrücklich vor.

Ferner Bände von:

MAX BROD, OTTO FLAKE, WALTER HASENCLEVER, GEORG KAISER, THOMAS

MANN, LEO MATTHIAS, JAKOB WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN

und vielen Anderen.

Der Fall Strauß · 第 15 / 17 题