Theonie Cromwell geb. von Brecken.‘ —

Zunächst begab sich Grete nach dem völligen Bruch mit ihrem Manne auf

ihr Schlafzimmer und suchte die Einsamkeit. Sie warf sich in einen

Sessel und starrte vor sich hin. Wozu befand sie sich überhaupt auf der

Welt? Welchen Zweck hatten Leben und Dasein? Waren das Weltall, die

Erde, alle Geschöpfe, die darauf wohnten, nur durch einen Zufall

entstanden? Und wenn nicht, wenn ein umfassender Geist das alles

geschaffen, welche Absicht verfolgte er mit dem Ganzen und mit der

einzelnen Kreatur? Fragen, auf die es keine Antwort gab, die zu stellen

auch müßig war, deren Unlösbarkeit aber die Qual und den Lebensüberdruß,

der Grete erfaßt hatte, erhöhten. Und doch gingen allmählich ihre

Gedanken wieder zurück auf das, was greifbar war, auf das, mit dem sie

sich nun einmal abgefunden hatte, und an die Stelle dieser gänzlichen

Öde ihres Innern trat — wie umgekehrt dem Glücksrausch die Ernüchterung

zu folgen pflegt — ein Gefühl von Sehnsucht und Hoffnung, eine Weichheit

der Seele. Aber auch eine gewisse Kraft bemächtigte sich ihrer.

War denn schon alles verloren, hatte sie ein Recht gehabt, so völlig zu

verzweifeln, selbst ihr Bild im Spiegel mit Abscheu zu betrachten? Nein!

Und nicht zu untersuchen galt es, wer schuld sei, daß ihr Herz spröder

als dasjenige anderer war, daß ihr Ich sich vordrängte, sondern die

Harmonie ihres Innern zurück zu gewinnen, glücklich zu sein, darauf kam

es an! Und um glücklich zu sein, mußte man andere glücklich machen, das

hatte sie als notwendig erkannt aus dem Zerwürfnis mit ihrer Mutter,

deren Leid und Kummer auch sie elend machte. Und ferner: Nichts war

verderblicher, als vor dem Unglück den Nacken zu beugen.

Ein Vers fiel ihr ein, den sie einst gelesen, der sich ihrem Gedächtnis

eingeprägt hatte:

Feiger Gedanken

Bängliches Schwanken,

Ängstliches Zagen,

Weibisches Klagen

Wendet kein Elend, macht dich nicht frei.

Allen Gewalten

Zum Trotz sich erhalten,

Nimmer sich beugen,

Kräftig sich zeigen.

Rufet die Arme der Götter herbei!

Ja, das war das Richtige! Und zweierlei wollte sie: zunächst zu ihrer

Mutter gehen und versuchen, sie zu versöhnen, und dann, nachdem das

geschehen, alles aufbieten, um die Ehe mit Tankred zu lösen. Es ging

doch nicht in der Weise, wie sie es sich vorgestellt, wie sie es

Hederich gegenüber geäußert hatte. Halbe Verhältnisse waren von allem

das schlechteste. Sie wollte eine vollständige Scheidung herbeiführen,

und wenn sie darum kämpfen sollte mit den letzten, äußersten Kräften

und — Opfern.

Opfern? — Da regte sich doch wieder ein Teufel in ihr. Opfer bedeuteten

Geld! Von ihrem Besitz hergeben? Bequemlichkeiten entbehren? Die Frau

atmete tief auf. Ein abermaliger Kampf begann, ein unendlich schwerer.

Ihre guten Vorsätze stritten heiß mit ihrem Egoismus. —

Einige Stunden später stieg Grete die Treppe zu ihrer Mutter hinauf. Da

sie den Diener nicht oben fand, ward sie unschlüssig, was sie thun

sollte. So fremd war sie ihren Eltern schon geworden, daß sie zauderte,

ohne Anmeldung bei ihnen einzutreten. In diesem Augenblick öffnete Frau

von Tressen die Thür und rief über den Korridor nach dem Diener.

„Ich suchte ihn auch, Mama —“ erklärte Grete.

„Grete, Du?“ ging's in maßlosem Erstaunen aus dem Munde der Frau.

Statt zu antworten, nickte die Angeredete und ergriff fast stürmisch

ihrer Mutter Hand.

„Ich möchte Dich sprechen, in wichtiger Angelegenheit sprechen, Mama!“

begann sie, schritt neben ihr ins Wohnzimmer und ließ sich an dem

Fenster, an welchem ihre Mutter zu sitzen pflege, mit einem Versöhnung

erbittenden, weichen Ausdruck nieder.

„Nicht wahr, Ihr geht nicht? Ihr bleibt?“ fuhr sie drängend fort. „Ich

komme, um Euch darum zu bitten. Sieh, es ist alles aus zwischen mir und

meinem Mann —“

Frau von Tressen, die mit größter Überraschung zugehört, fuhr bei dem

legten Satz unwillkürlich in die Höhe.

„Ich will los von ihm!“ fuhr Grete von Brecken kurz und entschieden

fort. „Ich habe eingesehen, daß wir nicht für einander passen. Wir

ergänzen uns nicht, es ist auch etwas geschehen, was es mir unmöglich

macht, ferner neben ihm zu leben. Helft nur, daß ich mich wieder von ihm

trenne.“

Und nun entwickelte Grete Frau von Tressen ihre Pläne.

Sie wollte bereits am folgenden Tage nach dem Süden abreisen, und ihre

Eltern sollten sie begleiten. In Elsterhausen hatte sie die Absicht,

vorher mit dem Rechtsbeistand die Form der Scheidungsklage zu

besprechen. Er sollte persönlich mit Tankred verhandeln.

In Frau von Tressens Brust erhob sich bei all diesen Mitteilungen ein

Sturm von Empfindungen. Dieser plötzliche Entschluß in so bestimmter

Form, diese Wandlung erschien ihr bei Gretes ganzer Veranlagung, bei der

Stellung, die sie bisher zu Tankred eingenommen, und bei der

Nüchternheit ihrer Auffassung so außerordentlich, sie verrieten so

ungewöhnliche Vorgänge, daß Frau von Tressen vor allem in Grete drang,

sich ihr ganz anzuvertrauen.

„Es war schon lange etwas in mir,“ entgegnete die Frau. „Ich wollte es

mir aber nicht eingestehen; und weil dem so war, zwang ich mich nicht

nur äußerlich, für Brecken Partei zu nehmen. Oft war's mir denn wieder

auch, als sei dies das Rechte. Aber wenn eine Szene zwischen Dir und mir

stattgefunden, hatte ich, trotzdem es anders erschien, heftige Kämpfe in

mir zu bestehen, ich lehnte mich halb gegen Dich, halb gegen mich selbst

auf. Diese Zwistigkeiten zeitigten allmählich den Gedanken in mir, daß

es so nicht weiter gehen könne. Ich war auch nicht blind für das, was

sonst um mich her vorging.“

In dieser und ähnlicher Weise erörterte Grete ihrer Mutter die einzelnen

Vorgänge, die Empfindungen, die sie dabei gehabt, und zuletzt die durch

Theonies Schreiben an den Tag gebrachte Entdeckung von Tankreds

Fälschung. Die letzte Mitteilung versetzte Frau von Tressen in eine

furchtbare Aufregung.

Am Schluß legte Grete, gedrängt von ihrem Gefühl, einen besonders

zärtlichen Ausdruck in ihre Worte. Sie zeigte der über ihre Wandlung

bewegten Mutter, daß nicht nur ihr Ich gesprochen, als sie zu dem

Entschluß gelangt war, sondern daß auch die Liebe zu ihr einen Anteil

daran gehabt hatte.

Als die Mittagsstunde herannahte, und Grete sich in das Speisezimmer

begab, um noch einmal Umschau zu halten, trat ihr Peter entgegen und

meldete seiner Herrin, daß Herr von Brecken bereits vor einer Stunde

fortgeritten sei und hinterlassen habe, daß er wahrscheinlich nicht zu

Tisch komme.

Dies veranlaßte Grete, sich zu ihren Eltern hinaufzubegeben, um sie zu

bitten, gleich heute wieder das Mittagsessen unten einzunehmen.

Als sie beisammen saßen, ward die Reise erörtert, und Grete erklärte,

daß sie bereits an diesem Abend oben im Hause schlafen wolle.

„Am besten, wir packen schon heute, fahren morgen früh gleich ab und

begeben uns nach Elsterhausen und dann nach Erledigung unserer

Rücksprache mit dem Rechtsanwalt nach Hamburg.“

Frau von Tressen, weniger eilfertig, redete auf die junge Frau ein,

nichts zu überstürzen, vielmehr noch einige Tage abzuwarten. Ein so

wichtiger Entschluß bedürfe der Überlegung; auch um der Menschen willen

sei es ratsam, es so einzurichten, daß nichts Auffälliges in ihrer

Abreise gefunden werden könne.

„Ist dann Eure Trennung nachher eine Thatsache, findet sich die Welt

rasch damit ab. Weshalb nicht vermeiden, daß sie sich schon vorher mit

unseren Angelegenheiten befaßt?“

Aber obgleich Grete ihrer Mutter nicht unrecht geben konnte, blieb sie

doch bei ihrem Willen und fügte sich nur darin, sich nicht heute schon

in auffallender Weise von Brecken zu trennen, damit dem Dienstpersonal

der Anlaß zu Gesprächen entzogen werde.

„Ich thu's, obgleich ich eine Stimme in mir höre, die mir abmahnt,“

sagte sie. „Übrigens bin ich begierig, wie er sich bei seiner Rückkehr

zu mir stellen, was er erwidern wird, wenn ich ihm erkläre, wir wollten

uns auf Reisen begeben.“

„Thue auch das nicht,“ riet Frau von Tressen. „Er wird Dich zu hindern

suchen. Füge Dich heute scheinbar, und dann laß uns morgen ohne

Rücksicht handeln.“ —

Es war sechs Uhr, als Brecken nach Hause kam. Er hatte stark getrunken.

Grete hörte schon bei seinem Eintritt ins Haus seine roh polternde

Stimme und bald nachher ein Schreien und Toben und zuletzt ein Geräusch,

als sei ein Mensch die Treppe hinuntergestürzt.

Als sie erschrocken, aber auch gereizt über diesen Lärm, die Thür

öffnete, sah sie ihren Mann mit wutentstellten Gebärden am Treppenabsatz

stehen. Er hatte Peter die Treppe hinabgeworfen und rief dem

Unglücklichen noch schwere Drohworte nach: Augenblicklich solle er sich

packen, das Haus verlassen, oder er werde ihn fortpeitschen lassen.

„Nein, er bleibt!“ erklärte Grete in äußerster Empörung, und nur mit

Mühe sich bezwingend. „Hier ist keine Spelunke, in der gerauft wird,

und ich will nicht, daß der Mensch wie ein Hund davongejagt wird.“

Nach diesen Worten beugte sie sich hinab und rief Peter, der

Hautabschürfungen und Knochenverletzungen davongetragen zu haben schien,

zu, er möge in sein Zimmer gehen, dort das Nötige für sich thun und

später zu ihr kommen.

Aber nun wandte sich Tankreds Wut gegen seine Frau.

Er überschüttete sie, ohne Rücksicht auf die Hausbewohner zu nehmen, mit

lauten, kreischenden Worten und erhob zuletzt die Hand und rief:

„Und nun in Dein Zimmer! Es wird überhaupt Zeit, daß ich hier ein

anderes Regiment einführe, den Durchstechereien, Sentimentalitäten und

Auflehnungen ein Ende mache, kurz mit der Weiberwirtschaft oben und

unten gründlich aufräume. Ihr sollt mich jetzt von einer anderen Seite

kennen lernen. — Nun, hörst Du nicht? Marsch, vorwärts, oder —“

Und als Grete nicht that, was er wollte, vielmehr furchtlos ihm Trotz

bot, ergriff er sie und schleuderte sie gegen die Thür. Und nun ertönte

ein furchtbarer, markerschütternder Aufschrei — und dann folgte etwas,

das allen Plänen und Reisegedanken für jetzt und immer ein Ende machte.

* * * * *

Drei Tage später war's. Ein neues lebendes Wesen und — eine Tote.

Indem die Frau ihrem Kinde ein zu frühes Dasein gegeben, hatte sie ihr

eigenes eingebüßt, und unversöhnt mit dem Manne, dem sie einst in der

Leidenschaft der Sinne und unter den Einwirkungen ihrer berechnenden

Natur die Hand gereicht, war sie nach furchtbaren Leiden und Kämpfen

dahin gegangen, wo es kein Erwachen mehr giebt.

Grauen, Schrecken und Entsetzen durchwehte die Räume, die Dienstboten

schlichen ängstlich flüsternd einher, und Frau von Tressen, die keinen

Augenblick von dem Krankenlager ihrer Tochter gewichen war, schien wie

vernichtet.

Sie schleppte sich treppauf treppab, um entweder oben nach ihrem mit

gichtischen Schmerzen behafteten Mann zu sehen oder unten sich um das

kleine Wesen zu kümmern.

Und wenn sie dann mit ihrem Blick das starre Antlitz der Toten streifte

oder Brecken nicht ausweichen konnte, der ihr begegnete, als ob sie Luft

sei, aber an das Totenbett der von ihm Gemordeten mit heuchlerischer

Miene herantrat, dann ergriff sie ein so wahnsinniger Schmerz, und die

Leidenschaften regten sich in ihr mit solcher Gewalt, daß sie wie

zerschmettert zusammensank und in Angst, Kummer und Empörung aufschrie.

Und Gedanken kamen und lösten sich ab, und ihre Seele weinte.

Nein! Es war nicht möglich! Ihr Kind konnte nicht tot sein, es durfte

nicht Wahrheit sein. Die Qual, der Lebensjammer waren zu fürchterlich.

Jetzt erst fühlte sie, wie grenzenlos sie ihre Grete geliebt hatte, aber

auch mit welcher Blindheit sie geschlagen gewesen, daß sie einer

Verbindung ihrer Tochter mit Brecken Vorschub geleistet hatte.

Ohne jegliche Empfindung war dieser Mensch. Sie sah's ihm an, daß er

nicht erwarten konnte, daß die Leiche aus dem Hause kam, daß das

‚Gejammer‘ ein Ende nahm, daß er ganz allein Herr wurde im Hause und sie

verjagen konnte für immer. Und sein Gehirn arbeitete in der Überlegung,

welchen Nutzen er für sich aus diesem Vorfall ziehen konnte.

Kein Zweifel, er würde Holzwerder für seinen Sohn in Anspruch nehmen,

auf die Gütergemeinschaft hinweisen und sich mehr noch als früher

benehmen, als sei er alleiniger Inhaber der Herrschaft.

Seinen Schwiegervater hatte er während dieser Tage nicht einmal besucht,

mit Frau von Tressen hatte er kein Wort geredet, selbst in der ersten

Stunde nach Gretes Tod war keine Silbe über seine Lippen gekommen. Nur

dem Arzt gegenüber hatte er eine widerliche Komödie gespielt, damit er

die Eindrücke hinaustrage in die Umgegend.

Und die Frau hatte recht in all ihren Annahmen. Nachdem die Beisetzung

der Leiche in Breckendorf stattgefunden hatte, ging Brecken, sich die

Hände reibend, im Zimmer auf und ab und dankte dem Schicksal, das es

doch trotz allerlei Widerwärtigkeiten so gut mit ihm meinte.

Nur eins machte ihm Sorge: wem er das Kind anvertrauen sollte. Die da

droben würden es wahrscheinlich in Anspruch nehmen, aber er würde sie

kurz und bündig abweisen. Dieses Kind war sein Kapital, und es aus den

Händen geben, hieß mit dem Feuer spielen. Gewiß, der Balg war ihm

unbequem, aber diese Gêne mußte er schon mit in den Kauf nehmen.

Und Breckens gute Stimmung wurde noch erhöht durch etwas sehr

Erfreuliches, das an sein Ohr gedrungen war. Herr von Streckwitz lag

fast aussichtslos darnieder; es schien jede Möglichkeit ausgeschlossen,

daß er am Leben blieb. Theonie war nicht einmal bei dem Begräbnis

gewesen, sie hatte sich bei Frau von Tressen entschuldigt.

Und dann beschäftigten sich die Gedanken des Mannes auch mit dem

Nächstkommenden: wann nun die oben Holzwerder verlassen würden, was die

Frau vorbringen, welche Vorschläge sie wegen des Kindes machen werde.

Der nächste Tag mußte Entscheidendes herbeiführen.

Aber die ganze folgende Woche verging noch, ohne daß die Schwiegereltern

sich rührten. Frau von Tressen hatte das Kind ohne jede Rücksprache mit

Tankred zu sich hinaufgenommen, eine Amme, und was sonst erforderlich,

war besorgt, sie ließ wie früher unten kochen und sich oben bedienen und

machte keinerlei Miene, in ihren bisherigen Gewohnheiten eine Änderung

herbeizuführen oder gar Vorbereitungen zu ihrem und ihres Mannes

Fortgang zu treffen. Das regte Brecken dermaßen auf, daß er schon

wiederholt einen Brief aufgesetzt hatte, um damit die Alten aus ihrem

Schlupfwinkel herauszutreiben.

Aber wenn er ihn hinaufschicken wollte, kamen ihm doch wieder Bedenken,

ob es weise sei, noch mehr Anlaß zu Gesprächen zu geben. Er hatte eine

Unterredung zwischen zwei Holzaufsehern belauscht, aus der hervorging,

daß man ihn für den Tod seiner Frau verantwortlich zu machen geneigt

war, und daß sich Gerüchte verbreitet hatten, die mit der Erbschaftsakte

von Theonie in Verbindung standen.

Die Worte: „So was mit Papieren soll nicht richtig sein“ waren an sein

Ohr gedrungen, und besonders letzteres hatte doch einen solchen Eindruck

in ihm hervorgerufen und war zugleich eine solche Mahnung zur Vorsicht

für ihn gewesen, daß er im Fluge nach Hause geeilt war, um das

Falsifikat, das er bis jetzt noch immer in seinem Schreibtisch verborgen

gehalten hatte, zu verbrennen.

Wo kamen aber diese Gerüchte her? Entweder von Falsterhof oder von

Hederich.

Dieser Hederich, wie er ihn haßte! Nur Rücksicht auf Grete hatte

verhindert, daß Tankred nicht längst seine Absicht, ihm den Laufpaß zu

geben, zur Ausführung gebracht hatte.

Zunächst ließ er ihn nun am Ende der Woche in sein Privatzimmer rufen.

Seit Gretes Beisetzung hatten sie einander nicht gesehen. Hederich war

damals sichtlich tief ergriffen, seine Mienen kummervoll gewesen, und

bei der Grabrede Höppners hatte er geweint wie ein Kind. Das hatte

Brecken einerseits sehr geschmacklos gefunden, und andrerseits hatte es

ihn geärgert. Auch die Pastorin Höppner hatte sich angestellt, als sei

der Weltuntergang gekommen. Durch diese Beweise der Wertschätzung, die

man Grete entgegentrug, sah er sich selbst herabgesetzt. Diese Trauer

erschien ihm wie eine gegen ihn gerichtete Demonstration. —

Es war eine Stunde vor Mittag, als Hederich mit bedrückter Miene zu

seinem Herrn ins Zimmer trat. Er war noch tief bewegt durch die

Geschehnisse: Gretes Tod, die Trauer und den Schmerz der Familie

Tressen, Theonies Sorge, sowie auch durch das infolge der Sachlage sich

kund thuende niedergeschlagene Wesen Carins.

In Hederich war inzwischen alles erloschen, was er bisher noch für

Brecken übrig gehabt. Auch hatte ihn eine völlige Gleichgültigkeit

erfaßt, welche Meinung Brecken über ihn, den Untergebenen, habe, ob er

ihm gar die Thür weisen werde.

Brecken ekelte ihn über die Maßen an; es ging ihm jetzt, wie es Carin

lange ergangen, wie es sich allen, die mit dem Manne in Berührung kamen,

am Ende aufdrängte.

Anders als sonst klang deshalb auch der Ton, in dem Hederich sagte:

„Sie wünschten mich zu sprechen?“

„Ja, allerdings, setzen Sie sich und warten Sie!“ warf Tankred, den

diese kurze Art äußerst reizte, mit verletzender Nichtachtung hin und

trat, als ob er noch etwas zu besorgen habe, ins Nebenzimmer.

Hederich stiegen die Blutwellen zum Kopf. Nicht mit dem geringsten

seiner Arbeiter hatte er jemals so gesprochen. Wenn er sich auch keines

zuvorkommenden Tones bedient hatte, war er doch höflich gewesen. Tankred

aber behandelte ihn wie einen zur Rede zu stellenden Bedienten. Und da

plötzlich kam Hederich ein Entschluß, ein fester, unabänderlicher.

Er war es sich selbst schuldig und schuldig dem Andenken Gretes, die er

geliebt hatte, und die der Rohheit dieses Menschen zum Opfer gefallen

war, er war es auch der Welt schuldig, diesem rüden Habenichts, diesem

Ehe- und Erbschleicher einmal zu sagen, was er von ihm dachte, und

wenn's geschehen war, das Haus zu verlassen für immer.

Unter solchen Gedanken setzte er sich nicht, sondern stand aufrecht da

mit stolzer Miene, als Brecken zurückkehrte.

„Nun? Setzen Sie sich doch! Haben Sie denn solche Eile? Ich denke, meine

Angelegenheiten haben den Ihrigen vorzugehen, Herr Verwalter —“

„Ohne Zweifel! Aber ich komme, um Ihnen zu sagen, daß ich heute meinen

Posten verlassen will, und da habe ich wohl keine Aufträge mehr von

Ihnen entgegen zu nehmen. Ein Vertrag zwischen mir und Herrn von Tressen

hat nie existiert, wohl aber ist die Abrede getroffen, daß wir jeden Tag

gegenseitig das Recht haben, unser Verhältnis zu lösen. Von diesem Recht

mache ich nun, und zwar in dieser Stunde, Gebrauch!“

„So, das sind ja sehr hübsche Dinge! Und Sie meinen, das ginge alles nur

so, wie Sie sich das ausdenken: Ich mag nicht mehr, und damit basta! Was

ist denn der Grund, mein Geschätzter, daß Sie sich die Erlaubnis nehmen,

in solcher Weise jede Rücksicht außer acht zu lassen und mir zu

begegnen, als habe ich bisher ein Gnadenbrod aus Ihrer Hand

entgegengenommen? Ist es die saubere Gesellschaft da oben, oder das

intrigante Frauenzimmer Carin auf Falsterhof, die Ihren sonst doch so

wenig hellen Kopf plötzlich erleuchtet hat? Ja, ja! Es ist wirklich

nicht zu glauben, welchen Einbildungen bezüglich ihrer Vortrefflichkeit

sich dieser ganze Kreis hingiebt. Jeder hält sich für einen Gott, und,

bei Licht besehen, ist's nichts weiter, als eine sich pharisäerhaft an

die Brust schlagende, außerordentlich wenig, fast nichts leistende, aber

dem Klatsch und dem zu Gerichtsitzen munter fröhnende Gesellschaft. Nun,

antworten Sie, welche Gründe haben Sie, sich plötzlich in die Brust zu

werfen, als wären Sie ein Cäsar? Wissen Sie, lieber Herr, was Sie thun

sollten? Ihren Klatschweibermund im Zaum halten, mit dem Sie schon so

viel Unheil angerichtet haben. So, und nun erwarte ich Ihre Erklärung!“

Diese in einem maßlos impertinenten Ton gesprochenen Worte, diese

Ausfälle, welche Hederich in solcher Stärke nicht im entferntesten

erwartet hatte, die Brecken aber nach dem Grundsatz angewandt hatte, daß

der Angreifer im Kampfe stets im Vorteil ist, machten den mit seinen

Fehlern sehr ernst zu Rate gehenden Mann zunächst ganz fassungslos. Auch

gaben sie seinem ursprünglichen Entschluß eine völlig andere Richtung.

Er konnte, wie er sah, nur verlieren, wenn er sich noch irgendwie mit

Brecken einließ. Er sagte deshalb, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend,

ernst und würdevoll:

„Nach Ihren Auseinandersetzungen ist es, ganz abgesehen von der

Berechtigung oder Nichtberechtigung meiner Kündigung und deren Ursachen,

für mich absolut ausgeschlossen, ferner auch nur einen Augenblick in

Ihren Diensten zu bleiben. Sollten Sie mir aber irgend etwas, drum und

dran, in den Weg legen, so weiß ich, wo ich Schutz und Recht finden

kann, und werde davon sehr ausgiebig für mich und andere Gebrauch

machen. Das wollen Sie festhalten. So, und nun Gott befohlen, Herr von

Brecken. Mich sehen Sie auf Holzwerder nicht wieder!“

Nachdem Hederich gegangen war, zündete Tankred die ihm bei dem Gespräch

ausgegangene Zigarre an, indem er ein bereits gebrauchtes Schwefelholz

in die Kaminflamme hielt. Während er sich mit dem Anbrennen mühte,

überdachte er das eben Geschehene. Was er dem Manne hingeschleudert, das

hatte doch gut gesessen! Nun konnte Hederich erzählen, wie er, Brecken,

über die ganze Idiotengesellschaft dachte.

Aber seltsam! Durch diese Gedanken gelangte der Mann zum erstenmal zu

einem völlig klaren Nachdenken über sich selbst. Während er da in seinem

Lehnsessel hockte, murmelte er:

„Ich besitze Gaben, durch die ich Großes schaffen könnte, aber sie

bleiben wirkungslos, da ich sie nur in den Dienst meines eigenen Ichs

stelle. Mein Egoismus bringt mir Vorteile, aber auch Nachteile, weil

sich mit meiner Eigenliebe Eitelkeit, Jähzorn und Mangel an Mäßigung

verbinden. Was meine Verstellungskunst mir Günstiges schafft, wird durch

mein Ungestüm meist wieder aufgehoben.“

Und eine ängstliche Stimme erhob sich in seinem Innern, die flüsterte,

es sei nur Schein, daß Gretes Tod, das Zerwürfnis mit Tressens, der

Fortgang Hederichs, die Krankheit Streckwitz's ihm förderlich werden

würden. Freilich schoben seine Hoffnungen solchen Gedanken rasch wieder

beiseite. Was konnte ihm anderes aus alle dem entstehen, als die

Erfüllung seiner Wünsche? Und das Gute üben, war langweilig und öde,

und durch die Entäußerung seines Ichs ward der Mensch nichts weiter, als

der Sklave seiner Umgebung. Er aber wollte nicht nur herrschen und

befehlen, sondern auch besitzen. Und das war nicht zu erreichen, wenn er

sich moralisierend in Sack und Asche hüllte. —

* * * * *

Am Abend dieses Tages saß Hederich bei Tressens im Wohnzimmer. Er war

gekommen, um Abschied zu nehmen; am nächsten Vormittag wollte er das Gut

verlassen, unterwegs auf Falsterhof vorgucken und sich dann nach

Elsterhausen begeben.

Der Rest der Ruhe, die ihnen noch geblieben war, wurde Tressens durch

diese Nachricht genommen. Mit Hederichs Fortgang verloren sie den

letzten Halt, und nun war es auch für sie nicht mehr zweifelhaft, daß

sie Holzwerder aufgeben müßten. In diesen Trauertagen hatten sie einen

Entschluß überhaupt nicht fassen können. Bei ihren Überlegungen sprach

bald alles für ihren Fortzug, und bald wieder alles dagegen. Was sollte

aus dem Kinde werden, dem lebendigen Andenken an die Tochter? Wenn sie

blieben, würde die Großmutter in seinem Anblick wenigstens Trost und

eine Ablenkung von der Trauer finden, und sie behaupteten auch eher ihre

zweifellos gefährdeten Rechte. Es stand ja alles für sie in Frage. Aber

dann drängte es sich ihnen wieder auf, daß es doch unmöglich sei, mit

einem solchen Menschen, einem Fälscher, ferner unter einem Dache zu

wohnen. Ihnen graute beiden bei seinem Anblick, und es war ihr

sehnlicher Wunsch, nie wieder mit ihm in Berührung zu gelangen.

Herr von Tressen wollte vor einem entscheidenden Schritt nach

Elsterhausen fahren, um mit dem Rechtsanwalt zu sprechen, aber bisher

hatte ihn sein Leiden noch immer daran verhindert. So schuf die Lage

Unschlüssigkeit und Zweifel, und nicht nur das furchtbare Ereignis, der

jäh eingetretene Tod Gretes, machte ihre Herzen krank, sondern auch die

Zukunft lastete mit ihren furchtbaren Sorgen auf ihnen.

„Drum und dran, machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt, gnädige

Frau!“ erklärte Hederich, nachdem er Bericht über seine Begegnung mit

Brecken erteilt und dann Tressens Angelegenheiten zur Sprache gebracht

hatte. „Ich rate, verlassen Sie Holzwerder. Machen Sie gar keinen

Versuch, den Knaben mit sich zu nehmen; es ist doch vergeblich; aber

klagen Sie, sobald Ihr Schwiegersohn die Ihnen zugesicherte Rente nicht

bezahlt. Er wird sie Ihnen sicher vorenthalten, aber dann müssen alle

Mittel in Bewegung gesetzt, und auch eine Eingabe an die Behörde muß

gemacht werden, daß ihm als einer vertrauensunwürdigen Person die

Vormundschaft über das Kind genommen wird. Gern würde ich in Ihrem

Interesse mit ihm geredet haben, aber jetzt wird er mich gar nicht mehr

anhören, und — drum und dran — ich halte, abgehen von meiner Abneigung,

jemals wieder mit dem Schurken zu sprechen, eine Einmischung meinerseits

auch für gänzlich aussichtslos.“

„Nun, so will ich mich selbst aufraffen,“ entschied Frau von Tressen mit

blitzendem Auge, und plötzlich wie verwandelt. „Morgen vormittag werden

wir im klaren darüber sein, was wir zu erwarten haben, aber wir werden

dann auch wissen, was wir zu thun haben, wenn dieser Erbärmliche seine

Rolle weiter spielt!“

* * * * *

Der Sommer war schon eine Weile ins Land gekommen. In dem Pfarrgarten in

Breckendorf dufteten die Blumen, die Bäume und Gebüsche prangten in

Kraft und Schönheit, und wohin der Blick sich wandte, sah er

blütenschwere Zweige, und wohin das Ohr sich neigte, vernahm es

Zwitschern und Singen fröhlicher Vögel. Ein sanfter Regen, der über

nacht herabgefallen, hatte den durch längere Dürre hervorgerufenen Staub

verwischt und das müde Träumen der Natur in frisches Leben verwandelt,

in dem sich nun die neuen Triebe kräftig hervordrängten. Und freudiges

Leben erfüllte auch die Herzen der Bewohner des Pfarrhauses; Frau

Höppner lief in Haus, Hof, Küche und Keller umher und sah nach dem

Rechten, und neben ihr trippelte Lene oder stürmte jauchzend durch die

Gartenwege, und hinter ihr her sprang bellend der Hausspitz. Der Pastor

schien endlich mit aller Krankheit aufgeräumt zu haben; sein Aussehen

war frisch, und seine guten Augen schauten hell und klar.

Die beiden Gatten ernteten die Früchte ihrer Herzensgüte durch

Zufriedenheit und Wohlbefinden, und da nun auch das auf ihre Anregung in

Breckendorf erbaute Armen-Krankenhaus sich seiner Vollendung soweit

näherte, daß die Einweihung vor der Thür stand, durchströmte sie ein

Gefühl der Freude und Ungeduld, als sei ihnen ein großes Fest bereitet.

Das Jahr hatte sonst viel trauriges gebracht, Sorge, Krankheit und

Sterben ringsum. Auch Herrn von Streckwitz hatte keine menschliche

Sorgfalt retten können; noch einmal war das Glück wie eine helle Sonne

vor Theonies Thür erschienen, aber nur zu schnell war es wieder

verschwunden. Der Tod hatte der Frau das Liebste vom Herzen gerissen.

Nun hockte sie wieder einsam und in Schmerz versunken in ihrem großen

Hause oder wanderte todesbetrübt durch den Park.

Auch in ihm haltender Sommer seine Reize in verschwenderischer Fülle

entfaltet. Die Vögel sangen, und aus der Ferne erklangen Laute

ländlichen Lebens: Wiehern der Pferde, Peitschenknallen und einmal

fröhliches Singen. Aber die Frau hörte davon nichts, und wenn's ihr Auge

und ihr Ohr einmal ausnahmen, so mahnte es sie nur um so

schmerzerregender an das, was sie verloren hatte.

Auch auf Gretes Eltern, die alten Tressens, die inzwischen nach

Klementinenhof gezogen waren, hatte sich von neuem das Ungemach gesenkt.

Am verflossenen Ersten des Monats war die Zahlung, die Brecken den

Schwiegereltern zu leisten hatte, ausgeblieben. In einem

eingeschriebenen Briefe hatte er ihnen erklärt, sich zu ferneren Raten

nicht mehr verstehen zu können. Falls Tressens es angebracht finden

sollten, dagegen Einspruch zu erheben, werde er mit Ruhe die

gerichtliche Entscheidung erwarten.

Frau von Treffen hatte nach jenem Besuche Hederichs mit Brecken

gesprochen. Kurz und entschieden hatte sie erklärt, was sie wollte, und

ebenso kurz und entschieden ablehnend hatte er geantwortet, und dabei

waren sogar furchtbare Worte von seiner Seite gefallen:

Daß alles so gekommen, daran sei sie ganz allein schuld. Die alte

Geschichte von der Unfrieden stiftenden Schwiegermutter habe sich hier

wieder einmal bewahrheitet. Wenn sie und ihr Mann gleich nach der

Wiederkehr des jungen Paares von der Hochzeitsreise Holzwerder verlassen

hätten, so wäre nie Streit entstanden, und Grete lebte heute noch. Daß

er die Schuld an ihrem Tode trage, sei lächerlich. Er habe allerdings

eine Szene mit ihr gehabt, wie sie aber hundertmal zwischen Eheleuten

vorkomme, und daran sterbe keine Frau. In gleichem Zustande seien

anderen schon viel schwerere Dinge zugestoßen, ohne daß sie üble Folgen

davon getragen hätten. Aber jede Krankheit schließe die Möglichkeit

eines traurigen Ausganges in sich, und so sei es hier gekommen. Sein

Kind gebe er nicht her. Er behalte es bei sich, denn er sei sein

natürlicher Vormund.

In dem Vertrage, den er mit Grete getroffen, sei alles nötige

vorgesehen; dagegen finde sich in dem zwischen ihr und ihren Eltern

geschlossenen Abkommen kein Passus, in dem auf den jetzt eingetretenen

Fall Bedacht genommen wäre. Er sei indes als Nutznießer des Besitzes

nicht abgeneigt, ihnen bis zur Mündigkeit des Knaben eine monatliche

Rente auszuzahlen, vorausgesetzt, daß Tressens sich den Bedingungen

unterwürfen, die er stellen müsse.

Zu diesen Bedingungen gehörte in erster Linie, daß sie Holzwerder

räumten, und ferner, daß sie sich verpflichteten, in die Erziehung des

Kindes in keiner Weise einzugreifen.

Sobald ihm aber je auf Tressens zurückzuführende Anschuldigungen und

Verleumdungen, beispielsweise, daß er an Gretes Tod Schuld trage, oder

der Unsinn, daß er ihnen und Grete seinerzeit ein anderes Dokument als

das von Theonie ausgefüllte vorgelegt habe, zu Ohren kämen, werde er

keinerlei Zahlung mehr leisten und überhaupt jede Erinnerung an einst

mit den Schwiegereltern gepflogene Beziehungen auslöschen. Das sei sein

unabänderlicher Wille und sein letztes Wort. Und schriftlich verpflichte

er sich überhaupt zu nichts, sie besäßen keinerlei Rechte, sondern seien

lediglich auf seine freigebige Hand angewiesen.

Nach diesen kaltherzigen Erklärungen hatte er freilich auch wieder eine

versöhnliche Stimmung geheuchelt und Frau von Tressen ersucht, einmal

ohne Voreingenommenheit zu prüfen, ob's nicht besser sei, daß sie sich

trennten, ob er anders handeln könne bezüglich des eigenen Kindes; er

zeige doch jetzt, daß er wahrlich kein selbstsüchtiger Mensch sei. Es

habe sich die Mär gebildet, er sei eine unaufrichtige, harte,

egoistische Natur. Was er denn gethan habe? Seine Ehe mit Grete sei eine

glückliche gewesen, bis sie, Frau von Tressen, durch ihr vieles

Hineinreden die Gedanken und das Herz der Frau verwirrt habe. Unter

seiner Verwaltung habe sich Holzwerder nach jeder Richtung hin gehoben,

und wenn er nicht allen Leuten sympathisch sei, so komme das doch nur

daher, weil er seinen eigenen Weg gehe; zu nahe getreten sei er

niemandem. Freilich, wie man ihn anrufe, so antworte er. Und Tankred

hatte mit der Versicherung geschlossen, daß, wenn er auch nichts

schriftlich geben wolle, wenigstens jetzt nicht, so könne Frau von

Tressen doch darauf bauen, daß er schon um Gretes willen, die er so sehr

geliebt habe, sein Wort halten werde. —

Und so war es denn gekommen. Tressens hatten, dem Rat ihres

Rechtsanwaltes folgend, Holzwerder verlassen, und die Großmutter hatte

das Kind in Tankreds Händen lassen müssen. Gegen einen solchen Menschen

gab's eben keine anderen Waffen, als richterliche Entscheidung, und eine

solche hatte der Justizrat geraten aufzuschieben, bis sich Brecken eines

Bruchs seiner Zusage schuldig mache. Mit dem Ausbleiben der monatlichen

Zahlung war nun dieser Augenblick gekommen. Aber wie lange konnte ein

Prozeß währen, und wovon sollten Tressens, die sehr verwöhnten Menschen,

in der Zwischenzeit leben? Eine Weile würde es wohl gehen, da sie Kredit

besaßen, so lange nicht bekannt wurde, daß sie mittellos geworden; aber

am Ende vermochte selbst der Genügsamste sich auf die Dauer ohne Geld

nicht einzurichten. Der Gedanke, andere Menschen um Unterstützung

angehen zu müssen, trieb Tressens eben so sehr das Blut zum Herzen, wie

Empörung darüber, daß der Schurke nun auch noch diesen Akt von

Niederträchtigkeit gegen sie ausgeübt hatte.

Mit Tankreds Absagebrief in der Hand war Frau von Tressen zum Justizrat

nach Elsterhausen gefahren, um seine Hülfe in Anspruch zu nehmen. Er

hatte sich erboten, vorher noch einmal mündlich mit Brecken Rücksprache

zu nehmen, ihm einerseits ins Gewissen zu reden und ihm andrerseits

klar zu machen, daß er einen Prozeß unmöglich gewinnen könne.

Freilich willigten Tressens nur ungern darein. Dem Menschen noch ein

gutes Wort geben, hieß sich erniedrigen; ihr Stolz und ihr Selbstgefühl

bäumten sich dagegen auf.

Aber leben! Dieses Wort beugt die stolzesten Seelen, die starrsten

Nacken. Die Notwendigkeit ist ein Weib mit eisernem Rückgrat. —

Es war mitten im Juli, als Rechtsanwalt Brix sich nach Holzwerder auf

den Weg machte, und gegen die elfte Stunde vormittags traf er auf dem

Gutshofe, den er seit langer Zeit nicht mehr gesehen, ein.

Die seitdem eingetretenen Veränderungen fielen ihm sofort auf: von der

vornehmen Sauberkeit, der peinlichen Ordnung und dem herrschaftlichen

Anstrich, die Holzwerder in der Tressenschen Zeit ausgezeichnet hatten,

war nichts mehr zu entdecken. Alles war in den Dienst der Nützlichkeit

gestellt. Dem Schönheitssinn waren keine Rechte mehr eingeräumt, denn zu

beiden Seiten der Wirtschaftsgebäude lagen jetzt Misthaufen, zwischen

dem Pflaster des Auffahrtsweges wucherte das Unkraut, und die früher

sorgfältig geharkt und mit Kies bestreut gewesenen Wege zeigten die

Radspuren schwerer Wagen und glichen einer seit Jahren vernachlässigten

Chaussee.

Die Fenster des Schlosses bis auf die zur Linken im Parterre liegenden

waren verhängt, und die Farbe, welche die Winter- und Herbststürme von

den Wänden gewaschen hatten, war nicht erneuert worden. Die

Instandhaltung des Hofes, des Gartens, des Parks und der

Wirtschaftsgebäude kostete Geld, und Geldausgeben war dem völlig zum

Geizhals gewordenen Brecken ein Greuel.

Als Brix in das Schloß eintrat, hantierte Tankred in einem abgenützten

Hausrock im Flur und hämmerte selbst an einem wackelig gewordenen

Tischbein; neben ihm stand ein Leimtopf und sonstiges Tischlergerät. Er

konnte sich nicht mehr entschließen, einen Handwerker auf den Hof kommen

zu lassen; sobald auch nur die geringste Ausgabe in Frage kam, überlegte

er, ob er ihr nicht ausweichen könne.

Beim Anblick des Justizrats verfinsterten sich anfänglich seine Züge,

dann aber nahm er rasch eine zuvorkommende Miene an und nötigte den

unerwarteten Gast in sein Arbeitsgemach.

Hier zeigte sich noch die ursprüngliche Eleganz; der Fußteppich wies

zwar starke Spuren des Gebrauches auf, aber Ordnung und Kunstsinn traten

überall dem Auge entgegen.

Denn bei dem, was einmal solid und reich ausgestattet, wo nur der Staub

zu entfernen war, da trachtete der Mann ängstlich, es zu erhalten. Der

Geiz äußert sich eben auf verschiedene Weisen; oft sieht er hundert

Dinge, oft ist er blind.

„Ich komme,“ hub Brix an, „um über das unseren gemeinsamen Freunden von

Ihnen zugesandte Schreiben zu sprechen. Ich weiß nicht, Herr von

Brecken, worauf sich Ihre Sinnesänderung stützt, aber ich weiß, daß Ihre

Schwiegereltern durch Sie bereits in die allerpeinlichste Lage versetzt

worden sind. Noch einige Wochen weiter, und sie müssen darben, wenn sie

nicht ihre Schmuck- und Silbersachen verkaufen sollen. Ich richte einen

Appell an Ihre Einsicht und bitte Sie, den alten Status freiwillig

wieder eintreten zu lassen.“

Brix hielt inne und erwartete auf diese kurzen, die Sachlage darlegenden

Worte eine Erwiderung.

Statt deren erhob sich Brecken, zog aus seinem Sekretär einige

Aktenstücke hervor und breitete sie auf dem Tisch aus.

„Hier ist das Abkommen, das meine verstorbene Frau mit ihren Eltern

geschlossen hat, und hier das Gutachten eines Hamburger Advokaten, dem

ich die Sache vorgelegt habe. Dem letzteren zufolge besitzen Tressens

keine, auch nicht die geringsten Rechte auf eine Rente. Wollen Sie

gefälligst durchlesen, was Ihr Kollege hier niedergeschrieben hat?“

Nach diesen Worten sah Brecken den Justizrat mit kaltem Blick und mit

einem Ausdruck an, als stehe hier eben nur eine rein geschäftlich zu

behandelnde Angelegenheit in Frage.

„Meine Ansicht über die Berechtigung Ihrer Schwiegereltern, die Rente

von Ihnen zu fordern, kann selbst eine Entscheidung des höchsten

Gerichtshofes nicht ändern, Herr von Brecken,“ entgegnete mit kühler

Abwehr der Justizrat. „Es ist daher wertlos, daß ich die Auffassung

meines Kollegen in dieser Sache studiere. Ich komme ja auch nicht

deshalb, sondern um an Ihr menschliches und verwandtschaftliches Gefühl

zu appellieren. Ich möchte einen Vergleich anstreben, durch den das

wahrlich für die Außenwelt nicht erhebende Schauspiel eines Prozesses

zwischen Ihnen und den Eltern Ihrer verdorbenen Frau Gemahlin vermieden

wird. Wie nun, wenn Sie Ihre Sache vor den Gerichten verlieren? Sie

haben dann eine Unsumme von Kosten noch drauf zu zahlen! Und es wird

doch sicher einen höchst peinlichen Eindruck hervorrufen, wenn man

erfährt, daß Sie Ihren Schwiegereltern die notwendigsten Subsidien

verweigert, ja, sie gezwungen haben, die Mildthätigkeit Fremder in

Anspruch zu nehmen.“

Brecken hatte mit unbeweglichem Gesicht zugehört. Nachdem der Justizrat

aber geendet, stieß er, alle dessen Worte umgehend, heraus:

„Es ist ja nicht zu erschwingen, monatlich eine solche Summe zu zahlen!

Warum können die Leute sich nicht einschränken? Mit der Hälfte werden

sie auch leben können!“

Ah! Das war's also! Dem Justizrat wurde alles klar. Der Schurke hatte

die Sache lediglich aus Geiz eingefädelt. Er wollte durch dieses

Vorgehen die Hälfte sparen, und wenn man darauf nicht einging, dann — nun

dann mochte es auf einen Prozeß ankommen!

Aber daß er damit kein Glück haben werde, sah Brecken freilich sehr bald

ein.

„Wenn Sie annehmen, Herr von Brecken,“ erwiderte der Justizrat, „daß

Herr und Frau von Tressen sich in diesem Sinne vergleichen würden, so

muß ich Ihnen sofort erklären, daß davon nicht die Rede sein kann. Sie

denken nicht daran, etwas von ihren Rechten aufzugeben, würden vielmehr,

wenn Sie auf dem — entschuldigen Sie — unmenschlichen Standpunkt beharren,

in der Klage beantragen, daß ihnen die Vormundschaft über Ihren Sohn

übertragen und die Nutznießung des Vermögens zugesprochen wird. Und

wenn wir das erstreiten sollten, wie würden dann die Sachen für Sie

stehen?“

Brecken lachte höhnisch.

„Was Sie da sagen, glauben Sie ja selbst nicht, Herr Justizrat. Mit

Gespenstern schreckt man Kinder und Feiglinge, aber keine Männer. Ich

lebte mit meiner Frau in Gütergemeinschaft, folglich gehört mir nach

ihrem Ableben Holzwerder. In dem zwischen uns geschlossenen Abkommen,

das Ihnen ja sehr wohl bekannt ist, wurde für den Fall einer

Nachkommenschaft bestimmt, daß jeder von uns bis zur Mündigkeit unserer

Kinder die Nutznießung des Vermögens behalten, später aber Ansprüche auf

eine Rente haben sollte. Meine Frau, die in eigentümlichen Anschauungen

steckte, wollte das so, und ich gab ihr nach, obgleich wir uns dadurch

selbst die Verfügung über das Vermögen entzogen. Für die mir

eingeräumten Rechte stipulierte sie auch besondere Rechte für ihre

Kinder. Gleichviel, es wurde so abgemacht. Wer mir aber bei diesem

Sachverhalt mein Recht auf Besitz, Verwaltung und Vormundschaft

absprechen will, der muß den klaren Verstand verloren haben.“

„So würde es allerdings auf den ersten Blick scheinen,“ warf Brix ein.

„Aber die Ansprüche Ihrer Schwiegereltern können nicht alteriert werden,

denn sie wurden ihnen eingeräumt, damit sie zu leben vermöchten. Und

ferner: Ihre Frau Gemahlin gewährte Ihnen die erwähnten Vorteile aus

zweierlei Ursachen; erstens, weil Sie das Erbe von Falsterhof mit in die

Ehe zu bringen versprachen, und zweitens —“

„Nun?“

„Weil aus dem von Ihnen vorgelegten Dokument ersichtlich war, daß diese

Ihre Behauptung eine begründete sei!“

„Also — was wollen Sie denn weiter?“

„Was ich will? Sie besaßen ja gar keine Anwartschaft auf das Gut Ihrer

Frau Kousine in der von Ihnen vorgelegten Form, und dafür würden wir

Frau Cromwell, Frege und Ihre Schwiegereltern zu Zeugen aufrufen.“

Bei Freges Namen, in dem er eine Anspielung auf die Fälschung erblickte,

zuckte Brecken unwillkürlich zusammen, und die Farbe wich aus seinem

Angesicht. Aber nur für Sekunden ward er eingeschüchtert.

„Ich verstehe Sie nicht,“ warf er dann hin. „Wenn das eine Anspielung

auf ebenso gehässige wie unerhörte Anschuldigungen sein soll, so erwarte

ich Beweise. Behauptungen sind vor Gericht leerer Wind.“

„Aber nicht der Eid, Herr von Brecken! Indes lassen wir das. Ich frage

Sie noch einmal, ob Sie an Ihrer Zusage — Sie gaben doch eine Zusage

betreffs der monatlichen Zahlungen an Ihre Schwiegereltern — festhalten

wollen oder auf deren Zurückziehung bestehen?“

„Ja, ich bestehe darauf. Höchstens würde ich mich bereit erklären,

Tressens statt des Ganzen ein Drittel zu zahlen, und das würde ich ihnen

dann schriftlich geben. Aber nicht, weil ich dazu genötigt bin, sondern

aus Rücksicht auf ihre Lage, die ja allerdings schwierig werden mag.“

Noch einmal sprach Brix eindringlich auf Brecken ein. Als aber alles

nichts half, als sich unzweifelhaft herausstellte, daß der Eigennutz

allein in der Seele dieses Menschen Raum hatte, ward er so sehr von Ekel

erfüllt, daß er sich mit kurzer Verbeugung empfahl und auf den Hof

schritt, um dort seinen Wagen wieder zu besteigen.

Als der Justizrat auf dem Heimwege nach Elsterhausen in die Nähe von

Falsterhof gelangte, kam ihm der Gedanke, gleich dort vorzusprechen, um

in Tressens Interesse mit Theonie zu sprechen. Er ward in diesem

Vorhaben bestärkt, als er gerade Hederich herantraben und in die auf den

Gutshof führende Allee einlenken sah. Nach erfolgter Begrüßung schloß er

sich ihm an, und zehn Minuten später saßen beide bereits in Theonies

Wohnzimmer, und Brix berichtete, was er auf Holzwerder erlebt hatte.

Während er dann auf die traurigen Verhältnisse der alten Tressens zu

sprechen kam, erschien Carin, und Hederich nahm die Gelegenheit wahr,

mit ihr in den Garten hinauszutreten.

Er erzählte, daß er schon am Vormittag bei Tressens gewesen sei und den

Eindruck bekommen habe, daß ihre gemeinsamen Freunde sich geradezu in

Not befänden.

„Sehen Sie, Fräulein Carin, ich komme eigentlich — drum und dran — mit

einer Bitte,“ erklärte Hederich und erhob das glattrasierte Gesicht mit

den treuherzigen Augen zu seiner mit ernster Miene neben ihm

herschreitenden Begleiterin. Doch stockte er, als sie bei seinen Worten

nicht gleich zu ihm aufblickte.

„Ja, bitte, Herr Hederich!“ ermunterte Carin ihn nun weich und

freundlich.

„Ich meine nämlich so, Fräulein Carin: Ich bringe es nicht über die

Lippen, Frau von Tressen zu bitten, daß sie ein Darlehn von mir

annimmt, nein — drum und dran — ich kann es nicht. Und Schreiben ist auch

nicht das Richtige. Wenn Sie vielleicht die Freundlichkeit haben

wollten — ich meine — ich meine — mit Frau von Tressen zu sprechen, daß

ich — ich — Sie verstehen, Fräulein Carin.“

„Ja, ich verstehe, lieber Herr Hederich!“ entgegnete das junge Mädchen,

bewegt durch diese mit so großer Zartheit gepaarte Herzensgüte, und

schaute Hederich voll ins Antlitz. „Ich will auch gern Ihren Wunsch

erfüllen, gleich morgen, wenn Sie wollen. Aber wäre es nicht richtiger,

wenn Sie den Justizrat damit betrauten? Ich gestehe, die rechte Form,

das vorzubringen, ist schwer zu finden, und gerade ich in meiner

Stellung habe weniger das Recht, in einer so delikaten Sache das Wort zu

nehmen, als ein anderer, der den Herrschaften mehr gleichsteht oder

bereits von ihnen ins Vertrauen gezogen ist.“

„Na ja, das ist wohl richtig — obgleich — obgleich, Fräulein Carin —“

erwiderte Hederich und fuhr, einem neuen Gedanken folgend, fort:

„Glauben Sie, daß auch Frau Theonie etwas thun würde, wenn's nötig

wäre?“

„Ich weiß es nicht. Sie spricht über gewisse Dinge nie mit mir. Über

ihren Vetter hat sie sich selbst nach der letzten Auseinandersetzung

nicht anders als mit den Worten geäußert, sie habe jede Verbindung mit

ihm abgebrochen. Daß sie sich für Tressens interessiert, ist indes

zweifellos.“

„Sagen Sie, Fräulein Carin, es ist — drum und dran — hier jetzt wohl recht

öde und einsam für Sie?“ fuhr Hederich, abermals das Gesprächsthema

willkürlich ändernd, fort. „Oft wundere ich mich, wie Sie es aushalten.“

„Ja, es ist auch schwer, Herr Hederich. Seit dem Tode des Herrn von

Streckwitz ist Frau Cromwell so melancholisch, daß sie oft Tage lang

nicht spricht, und wir sehen fast niemanden mehr bei uns.“

„Da sehnen Sie sich denn wohl fort von hier, Fräulein Carin?“

Das Mädchen antwortete nicht gleich, dann aber sagte sie mit tiefem

Ernst:

„Mich hält das Pflichtgefühl und — die Notwendigkeit. Wo sollte ich wohl

hin, Herr Hederich?“

Hierauf fand Hederich keine Worte. Sie waren eben auf die Anhöhe im Park

gelangt, und vor ihnen lag die mit Wiesen, Äckern, Waldungen, kleinen

glitzernden Flüssen und Ortschaften bedeckte, weite Ebene. Während sie

gedankenvoll ins herrliche Land schauten, sagte er:

„Da unten links, wo gerade der Rauch aufsteigt, ist ein kleines Gut zu

kaufen. Elmenried heißt es, Fräulein Carin. Ich hätte es mir schon

zugelegt, wenn — drum und dran —“

„Nun?“ machte Carin verwundert.

„Ach, Fräulein Carin, es geht mir wie Ihnen, ich bin auch einsam, ganz

einsam, und möchte — drum und dran — einen festen Halt haben. Das ist es!

Das hält mich ab!“

„Sie müßten sich eine Frau nehmen, Herr Hederich!“

„Wer will mich? Und wenn ein Mädchen mich wirklich wollte, so möchte

ich sie wohl nicht. Eine, ja eine — die — die —“

Er senkte das Haupt und stöhnte.

Durch das Innere der Verlassenen zog plötzlich ein nie gekanntes Gefühl;

diesem braven Manne anzugehören, ein eigenes Haus und Heim zu besitzen,

nicht mehr abhängig zu sein, ein Ziel, ein rechtes Dasein zu haben!

Welch eine wunderbare Aussicht — welch ein Glück!

Und ergriffen von diesem Gedanken, auch ihm innerlich zugewendet mit

einem warmen, zärtlichen Gefühl, erhob sie das Auge und sagte leise:

„Eine, Hederich? — Also doch eine? Darf man ihren Namen wissen?“

Nun wendete auch er das Antlitz zu ihr, und als ihr liebes, gutes Auge

so freundlich auf ihm ruhte, brach endlich die Scheu, und er stieß

heraus:

„Ja — ich will ihn nennen — drum und dran — denn einmal muß es doch

heraus, und wenn es dann auch nichts damit ist. Ich kann es nicht länger

bei mir behalten, weil es mir das Herz abdrückt. Sie sind es, Fräulein

Carin! Bitte, bitte, nehmen Sie es blos nicht übel — bitte, Fräulein

Carin —“

„Übel nehmen? Kann sich ein Mädchen nicht nur geehrt fühlen, wenn ein

rechtschaffener Mann ihr seine Hand reichen will, und besonders, wenn

auch sie ihm — gut ist — wenn auch sie ihn lieb —“

„Ach — ah — Fräulein Carin!“ ging's stürmisch aus des Mannes Brust. „Ist's

wahr? Ist's möglich? Sie könnten? — Sie wollten wirklich —?“

Und als sie nickte und das Antlitz senkte, da griff er nach ihren

Händen, küßte sie und weinte und schluchzte und streichelte sie, dankbar

wie ein Kind.

Sie aber schüttelte den Kopf und sagte, ihm ehrlich die Hand reichend:

„Nein, nicht so, Hederich. Ich habe zu danken, daß Sie das arme Mädchen

ohne Heimat und Familie bei sich aufnehmen wollen, und seien Sie

versichert, Sie sollen eine treue, gute Frau an mir finden!“

Die Sonne legte sich eben voll und glänzend über die Landschaft, aber

selbst ihr heller Strahl schien dunkel gegen die Lichter, die über des

Mannes Antlitz zogen.

„Fräulein Carin — Fräulein Carin!“ rief er selig, nahm sie in seine Arme

und legte kindlich seinen runden, großen Kopf an ihre Brust. Sie aber

ergriff mit beiden Händen des ehrlichen Menschen Haupt, zog es an sich

und küßte ihn sanft auf den Mund. —

* * * * *

In Tankred von Brecken waren nach der Unterredung mit dem Justizrat Brix

keinerlei Besorgnisse oder Zweifel aufgestiegen, sondern die

Auseinandersetzung hatte sogar seine Zuversicht verstärkt. Er sagte sich

einerseits, daß man ihm keine guten Worte geben würde, wenn man sich

sicher fühlte und sein Entgegenkommen nicht brauchte, und anderseits

schätzte er den Wert der gewonnenen Zeit. Einen Prozeß konnte er mit

einiger Geschicklichkeit mindestens ein Jahr hinziehen, und während

dessen würden seine Schwiegereltern, ohne jegliche Mittel zum Leben,

weich und fügsam werden. Ihre sich immer mehr steigernden Verlegenheiten

konnte er benutzen, um ihre Ansprüche möglichst herabzudrücken.

Natürlich, am liebsten würde er sich seiner Verpflichtung ganz entzogen

haben, aber da er selbst keineswegs überzeugt war, daß die richterliche

Entscheidung zu seinen Gunsten ausfallen werde, so war ihm auch schon

jede Herabminderung der monatlichen Rente willkommen.

Während seine Gedanken in solcher Weise hin- und hergingen, überfiel ihn

der drängende Reiz, sich vor Augen zu führen, wie viel er überhaupt

besitze, und nicht zum erstenmal öffnete er — immer mit derselben

brennenden Gier — seinen Schreibtisch, zog Bücher und Schriftstücke

hervor, rechnete und zählte und weidete seine Augen an den im

Geldschrank niedergelegten Wertpapieren. Dann griff er nach einem Bogen

Papier, ging jeden einzelnen Posten in den vor ihm liegenden

Inventarverzeichnissen und Bilanzen durch und sann, wie er die Ausgaben

noch mehr ermäßigen und die Einnahmen erhöhen könne.

Und dann plötzlich fiel es ihm auf die Seele, daß eine Zeit kommen

werde, in der das alles nicht mehr sein Eigentum sein werde, in der er

in eine ähnliche Lage geraten könne, wie jetzt seine Schwiegereltern.

Und das regte ihn solchergestalt auf, daß er emporsprang und überdachte,

ob er darin nicht doch eine Änderung herbei zu führen vermöge. Nein, es

gab keine in dem gewöhnlichen Sinne. — Nur, wenn Gretes Kind stürbe, dann

— dann — den Mann schauderte; es ergriff ihn, wie schon oft, ein Grausen

vor sich selbst. Nicht die Vorstellung, daß Theonie und sein Sohn eines

Tages sterben könnten, erregte sein Inneres, aber daß diesen beiden

Leben ein gewaltsames Ende gemacht werden könne, das trieb ihm das Blut

ans Herz. Daß doch immer solche Gedanken sich seiner wieder

bemächtigten! Er floh auch heute vor ihnen; er schloß hastig seinen

Schreibtisch, drehte den Schlüssel an dem Geldschrank ab und eilte, in

der Sicherheit, daß draußen andere Eindrücke die ihn peinigend

verfolgenden Gedanken verwischen würden, ins Freie.

Tief sog Tankred von Brecken die Luft ein, aber als er eben den Hof

betreten hatte, wandte er doch noch einmal die Schritte ins Haus zurück,

betrat das Gemach, in dem sein Kind schlief, lüftete den Vorhang von der

Wiege und versicherte sich, daß der Knabe atmete — daß er lebte. — — Lange

stand er vor seinem Kinde und schaute in dessen Züge. Es sah Grete

ähnlich; es hatte denselben scharf geschnittenen, kalten Mund; es werde

auch ihren Charakter haben und das Geld lieben, dachte er. Aber auch ihm

werde es gleichen. — — War's ein Glück für das Kind, zu leben? Nein!

Tankred verachtete das unvollkommene Dasein. Und da er das Leben auf

eine Zufallslaune der Natur schob, da er eines Menschen Existenz nicht

höher achtete, als das einer Fliege, — und ob sie da war in der Schöpfung

oder nicht, welchen Wert hatte das? — wünschte er auch diesem jungen

Wesen den Tod.

Ein Glück für den Knaben, wenn die Erde ihn wieder zurückzog in ihren

Schoß! Ja, die Erde — — aber kein gewaltsames Abschneiden des

Lebensfadens! —

Wie wohl einem solchen Wiegenkinde am leichtesten der Garaus zu machen

wäre? Brecken überlegte. — Am unauffälligsten geschah's jedenfalls durch

Ersticken; — Spuren einer gewaltthätigen Hand waren dann nicht sichtbar.

Man mußte es am Morgen finden, die in der Nacht verschobenen Decken über

sich. Ein Erstickungsanfall, befördert durch Husten! Ja, ja, dergleichen

kam vor! — Oder eine starke Dosis Opium — aber das war schon

gefährlicher. — Der Mann schrak entsetzt zusammen. Nun war er schon

wieder bei so furchtbaren Gedanken, während er doch zurückgeeilt war, um

sich zu vergewissern, daß das Kind lebte. — —

Ein heißes Gefühl kam über ihn! Es war, als sei die einzige Ader, in der

Gefühl für dieses junge Leben vorhanden war, in ihm aufgesprungen. Und

unter dem starken Drange seines rasch pulsierenden Herzens beugte sich

Tankred von Brecken herab und küßte zum erstenmal seinen Knaben auf die

Stirn. Aber der den Säuglingen dumpfe Geruch stieß ihn ab, und die durch

dieses Unbehagen hervorgerufene Reizung der Geruchsnerven, oder weil das

Gefühl überhaupt nur die kurze Kraft eines raschen Blitzes gehabt hatte,

erlosch die zärtliche Empfindung des Mannes im Nu wieder.

Mit dem alten, gleichgültigen Blick sah Brecken den Knaben an und

verließ unter dem Gedanken, daß er es dem Schicksal anheim geben müsse,

ob es seine Pläne fördern wolle, das Gemach.

Nachdem er kurze Umschau auf dem Hofe gehalten, trat er in den

Pferdestall, wo in einem gesonderten Raum ein bereits seit längerer Zeit

erkranktes Wagenpferd vom Tierarzt behandelt wurde, und das Befinden der

grauen Stute Liese beschäftigte Tankred in der nächsten Stunde mehr als

irgend eines sonstigen lebendigen Wesens Sein oder Nichtsein. — —

Bald nach dem Mittagsschlaf meldete ihm die Haushälterin, — die männliche

Dienerschaft hatte Brecken entlassen und außer dieser Frau nur noch die

Kindeswärterin und ein Mädchen behalten, — daß Herr Pastor Höppner auf

dem Flur warte und den Herrn zu sprechen wünsche.

„Pastor Höppner?“ wiederholte Brecken, wenig angeheimelt, schritt aber

hinaus und nötigte den unerwarteten Besuch in sein Arbeitszimmer.

„Welche besonderen Umstände verschaffen mir das Vergnügen, Sie einmal

wieder auf Holzwerder zu sehen, sehr geehrter Herr Pastor?“ begann er

mit schmeichlerischer Freundlichkeit, rückte einen Stuhl heran und griff

nach einer Kiste Zigarren, von denen er dem vielfach dienernden und

seinen Dank ausdrückenden Pastor anbot.

Da Höppner schon glücklich war, wenn er überhaupt nur rauchen konnte,

von der Güte einer Zigarre aber nichts verstand, so hatte ihm Brecken

aus der sogenannten ‚Leutekiste‘ angeboten; sich selbst aber hatte er

eine andere und bessere angezündet, nachdem er den Gast vorher mit Feuer

bedient.

Höppner begann mit der Erklärung, daß er in der Nähe zu thun gehabt und

die Gelegenheit ergriffen habe, Herrn von Brecken einmal Guten Tag zu

sagen. Er fügte hinzu, daß auch seine Frau ihn ermuntert habe, in

Holzwerder vorzugucken, und Brecken war nach dieser beiläufig

eingestreuten Bemerkung sicher überzeugt, daß die Frau den Mann

abgesandt habe, um ihm wegen Tressens ins Gewissen zu reden. Höppner

ging aber doch nicht gleich aufs Ziel los, sondern leitete das Gespräch

durch die Frage ein, ob Herr von Brecken bereits das Neueste vom Neuen

gehört habe.

Nein, er sei durch sein zurückgezogenes Leben mit dem, was sich draußen

ereigne, wenig bekannt, erwiderte Brecken, gab aber seinem unverhohlenen

Erstaunen Ausdruck, als nun Höppner ihm die Verlobung Hederichs mit

Carin mitteilte.

Dann freilich erging er sich in spöttischen Bemerkungen und äußerte,

ohne auf Höppners Zartgefühl irgend welche Rücksicht zu nehmen, diese

Verlobung komme ihm vor, als verbände sich ein Kameel mit einer

Bachstelze.

„O, o — o —“ machte Höppner abwehrend und strich mit dem Mittelfinger

durch den ihm unter dem Kinn sitzenden Bart, fand aber dann den Übergang

zu der Angelegenheit, die ihn hergeführt hatte. Er sagte:

„Da wir nun einmal zusammensitzen und plaudern, Herr von Brecken, möchte

ich Sie bitten, mich einmal einen Augenblick wegen Ihrer verehrten

Schwiegereltern anzuhören. Wie ich zu meinem großen Leidwesen gehört

habe, sind schwere Differenzen zwischen Ihnen ausgebrochen. Die Schrift

mahnt uns Menschen —“

Aber weder von dem, was in der Schrift stand, noch von anderem begehrte

Tankred von Brecken zu hören; er unterbrach Pastor Höppner jäh und

sagte, seine starkknochige Hand auf dessen Rechte legend:

„Es hilft da kein Intervenieren, verehrter Herr Pastor. Schon war

Justizrat Brix bei mir, um einen Vergleich anzubahnen, aber da meine

Schwiegereltern einen solchen dahin auffassen, daß sie nach wie vor auf

der ganzen Rente bestehen, so ist eben nichts zu machen. Natürlich

werden da wieder die ungeheuerlichsten Gerüchte ausgesprengt; aber das

Zutreffende ist allein, daß ich einfach nicht so viel zahlen kann, weil

die übrigen Lasten, die auf dem Gute liegen, zu groß sind.“

„So, so? In der That? — Das wäre ja etwas ganz anderes, als was uns

berichtet ist. Frau von Tressen hat meiner Frau —“

„Ja, das ist eben das Unglück, verehrter Herr Pastor, daß meine

Schwiegermutter eine so ausgiebige Phantasie besitzt. Wie es ihr paßt,

so stellt sie es dar. Sie weiß sehr wohl, um was es sich handelt,

aber —“

„Nein, ich versichere Sie, sie weiß es nicht,“ schob Höppner, arglos den

Worten des Mannes nachgehend, ein. „Sie hat doch ein Schreiben von Ihnen

erhalten, dem zufolge Sie die Rentenzahlungen einstellen und Ihre

Schwiegereltern auf die Gerichte verweisen —“

„Ach, das sind ja blos Formsachen! Aber, wie gesagt, stehen Sie von

einem Interventionsversuch ab, er kann doch nichts nützen, denn mit dem,

was ich bieten könnte, würden sie ja doch“ — Brecken betonte seine wie

beiläufig hingeworfenen Worte — „nicht zufrieden sein.“

„Man könnte doch hören!“ fiel Höppner eifrig ein. „Offen gesagt, Herr

von Brecken, ich kam eigentlich nur, um Sie recht herzlich zu bitten,

sich mit Ihren Schwiegereltern auszusöhnen. — Also, wie viel könnten Sie

zahlen?“

Brecken zauderte jetzt doch, zu sprechen, obgleich er nicht mehr

zweifelte, daß der Pastor von Tressens abgesandt sei. Brix hatte er

anfänglich von der Hälfte, dann von einem Drittel geredet; jetzt wollte

er ein Viertel bieten. Das schien ihm selbst zwar ungeheuerlich, aber er

überwand sein Zaudern rasch und sagte:

„Mit fünf- bis sechshundert Mark werden sie nicht zufrieden sein, und

das wäre schon das Äußerste.“

„Das ist ja nur der vierte Teil der abgemachten Summe, Herr von

Brecken!“ stieß Höppner erschrocken heraus und schüttelte in größter

Enttäuschung den Kopf.

Sodann legte er sich aufs Bitten und Zureden und suchte, als ob Rechts-

und Vernunftgründe oder gar solche, bei denen das Herz mitsprach, bei

Brecken hätten verfangen können, auch sonst alles, was etwa günstig auf

ihn hätte wirken können, hervor und schloß mit den Worten:

„Der ewige Gott wird es Ihnen lohnen, Herr von Brecken, wenn Sie die

Hand zum Frieden und zu einer annehmbaren Verständigung bieten!“

„Der ewige Gott hat etwas anderes zu thun, als sich mit solchen Dingen

zu befassen,“ entgegnete Brecken, brutal sprechend. „Nein, er mag seine

Belohnungen behalten, und ich behalte mein Geld. Es ist mir schon lieber

so! —“

„Herr von Brecken! Herr von Brecken!“ stieß Höppner, zum erstenmal die

Devotion in Ton und Miene außer acht lassend, heraus und schüttelte den

Kopf. „Sie werden es noch tief bereuen, so jeder Versöhnung aus dem Wege

gegangen zu sein. Ja, tief bereuen; das sagt mir eine innere Stimme.

Aber da Sie auf Ihrer Absicht beharren, so müssen Sie das mit sich

selbst abmachen und mit dem, der über uns allen thront als ein Richter

unserer Handlungen. Ich weiß, Sie glauben nicht an ein höheres Wesen;

der Gottesbegriff ist für Sie nur eine menschliche Vorstellung. Sie

stehen auf dem Standpunkt, der Zufall regiere das Schicksal der

Gesamtheit der Menschen und jedes einzelnen. Aber das Leben mit allen

seinen Erscheinungen lehrt das Gegenteil. Es giebt eine Vergeltung!

Nicht umsonst hat die Natur ein Gewissen in unsere Brust gelegt. Nichts

für ungut, aber ich möchte sowohl Ihnen wie unseren Freunden in

Klementinenhof dienen; ich möchte Sie bewahren vor Reue und

Seelenunruhe.“

„Ja, ja, ganz gut, bester Herr Pastor; ich erkenne Ihren guten Willen

an, aber Sie vergessen, — ich sehe von Ihren religiösen Mahnungen

ab, — daß in Geldsachen nicht der Wille spricht, sondern das Können. Und

dann, welche Stellung nehmen meine Schwiegereltern gegen mich ein!

Verunglimpfen, verdächtigen Sie mich nicht bei jeder Gelegenheit? Sie

streuen die infamsten Gerüchte über mich aus, reden von Fälschungen, und

was weiß ich; und ich soll das wie ein Lamm über mich ergehen lassen?

Zuletzt schwillt doch jedem der Kamm!“

Die legten Sätze hatte Brecken gesprochen einerseits, um zu sondieren,

ob seine Schwiegereltern bereits entschlossen seien, gerichtlich gegen

ihn vorzugehen, andererseits, um einen Vorwand für seine Handlungsweise

heranzuziehen.

Aus Höppners Antwort und Verteidigung Tressens sah er, daß sein

Mißtrauen ungerechtfertigt gewesen; auch entging ihm nicht, wie erstaunt

der Pastor über die Motivierung seines Vorgehens war. Aber seinen Sinn

änderte das natürlich nicht, und er hielt auch den ‚langweiligen

Salbaderer‘ nicht zurück, als er endlich aufbrach und sich, äußerst

bedrückt über das Mißlingen seines Versuches, empfahl.

Nachdem er aber gegangen, erinnerte sich Brecken, daß ja nun Carin

demnächst Falsterhof verlassen werde, daß dort dann zwei Augen weniger

seien, und daß nun doch vielleicht — Ja! was denn? Brecken griff in die

Zigarrenkiste und entzündete sich eine neue Havanna, um den ihn wie eine

Krankheit verfolgenden Gedanken zu bannen. Abermals hatte er sich bei

der entsetzlichen Überlegung ertappt, wie er dem Schicksal bei einer

Verkürzung der Lebensdauer Theonies zu Hülfe kommen könne — —

* * * * *

Eine geraume Zeit war verflossen, und mit ihr wiederum der Winter ins

Land gezogen.

Das von Höppner begründete Armenhaus hatte seine Pforten geöffnet, in

seinen Räumen befanden sich Kranke und Bedürftige, und wöchentlich

wenigstens einmal begab sich Frau Höppner, meist mit Lene an der Hand,

in das Asyl, um nach dem Rechten zu sehen.

Das Kind kannte alle Insassen und nahm wie ihre Mutter Stellung zu

ihnen; sein Herz regte sich in Mitgefühl, wenn sie leidende Menschen

sah, und ohne es zu wissen, nahm es die Grundsätze in sich auf, die ihre

Pflegemutter den Nebenmenschen gegenüber leiteten.

Hederich hatte seine Carin geheiratet und wohnte auf dem von ihm

vorläufig nur gepachteten kleinen Gütchen Elmenried. Die beiden Leute

genossen das Behagen des Lebens; die junge Frau, endlich befreit von

einem Zwange, der ihrer Natur so sehr widerstand, dem sie sich aber

bereits seit jungen Jahren hatte unterwerfen müssen, atmete beseligt

auf, und die täglichen Beweise von Liebe und Herzensgüte, die sie von

ihrem Manne empfing, gab sie aus innerem Drange zurück, denn sie liebte

ihn mit jener warmen Liebe, die dem Gemüt entspringt und auf Achtung

beruht.

Die vierundzwanzig Stunden des Tages, die durch Thätigkeit ausgefüllt

waren und durch frohen Lebensdrang einen erhöhten Wert empfingen, flogen

für Carin dahin; Haus, Hof, Küche und Keller waren ihrer Aufmerksamkeit

gewidmet, aber sie gab auch, in allen ihren Vorbildern Frau Höppner und

Theonie folgend, ihrem Leben noch einen volleren Inhalt, indem sie sich

ihrer Mitmenschen sorgend annahm und ihren Geist durch Lektüre und Musik

weiter zu bilden suchte. Zwischen den beiden Familien Höppner und

Hederich fand ein sehr lebhafter und inniger Verkehr statt; der Pastor

und Carins Mann fanden sich als Gemütsmenschen zusammen, und die beiden

Frauen begegneten sich durch die Gemeinsamkeit ihrer Lebensanschauung.

Sie waren dem Guten ehrliche Freunde und dem Schlechten energische

Gegner.

Aber während sich bei ihnen durch günstige materielle Verhältnisse,

durch weise Beschränkung im Lebensgenuß und durch Sparsamkeit das Glück

eine feste Stätte bereitete, sah es bei Tressens allmählich immer

trauriger aus.

Die Hülfe Hederichs, die ihnen durch Brix und später auch durch Carin

angeboten worden war, hatten sie ebenso abgewiesen, wie der Pastorin

selbstlose Dienstwilligkeit. So viel Güte und Freundschaft rühre sie,

aber sie würden sich auch so einzurichten wissen, hatten sie erklärt.

Frau von Tressen hatte ihren Schmuck bereits verkauft. Sie wollte, durch

das Leben bezwungen, lieber Überflüssiges entbehren, als den Druck von

Verpflichtungen auf sich laden. Und in ihren Stolz mischte sich auch die

Hoffnung! Der Prozeß war sogleich angestrengt worden, er mußte sich in

einem halben Jahre entscheiden.

Aber bei dieser Voraussetzung hatten Tressens außer acht gelassen, mit

wem sie zu thun hatten. Einmal beantragte Brecken durch seinen Anwalt

Aussetzen des Verfahrens, weil von seiner Seite noch Material

herbeizuschaffen sei, dann wieder wußte er die Termine hinauszuschieben,

indem er Krankheit vorschützte. Einen Formfehler in dem ersten

Klageantrag des Justizrats Brix benutzte er zu einem Protest, und die

Folge von alledem war, daß die Sache nach einem halben Jahre, zumal die

Gerichtsferien dazwischen gekommen, fast noch auf demselben Fleck stand.

Jetzt eben, kurz vor Weihnachten, hatte er eine Reise nach dem Süden

angetreten, und es hieß, daß er nicht vor dem ersten März zurückkehren

werde. —

Eng und enger hatten sich Tressens inzwischen an Theonie angeschlossen.

Mit wärmster Teilnahme hatte letztere sich ihren Verwandten genähert und

gleich bei der ersten Berührung geäußert:

„Wenn ich Ihnen irgend wie nützen kann, verfügen Sie über mich. Es giebt

keine Grenzen meiner Bereitwilligkeit und keinen Freundschaftsdienst,

den ich Ihnen nicht leisten würde.“

Gegenwärtig aber beschäftigte Frau von Tressen noch etwas anderes als

nur die materielle Sorge. Seit dem Abschied von Holzwerder hatte sie ihr

Enkelkind nicht wieder gesehen, und da sie nun erfuhr, ihr Schwiegersohn

sei auf Monate verreist, gab's nur einen Gedanken für sie: Gretes Kind

einmal an ihr Herz zu drücken. Der furchtbare Schmerz um die Verstorbene

suchte nach einer Ablösung, nach einem Ausgleich. Aber die Frau war auch

von Sorge erfüllt, daß dem Knaben, der fremden Händen anvertraut war,

etwas zustoßen könne. Dem Vater schien ein solcher Gedanke nicht

gekommen zu sein, oder völlige Gleichgültigkeit hatte seine Handlungen

bestimmt.

Nicht einmal bei Gelegenheit seiner Reise hatte er seine persönlichen

Empfindungen zurückgedrängt und sich der Großmutter als Pflegerin des

Kindes während seiner Abwesenheit erinnert. Das kleine Wesen stand doch

dem Streit und Unfrieden fern; es war mehr als grausam, das Kind um

dessen willen schädlichen Zufälligkeiten auszusetzen. Aber er wollte es

nicht; er hatte sogar den strengen Befehl hinterlassen, Frau von Tressen

den Eintritt ins Schloß zu verweigern, ihr unter keinen Umständen eine

Berührung mit ihrem Enkelkinde zu gestatten.

Die Wärterin war ein braves, mitleidiges Geschöpf, aber die

Haushälterin, die jetzt allein in Holzwerder waltete, und ein Knecht,

durch den deren bisherige weibliche Stütze abgelöst war, und der zum

Schutze der Frauen und des Kindes im Herrenhause schlafen mußte,

befanden sich, da Brecken ihnen Belohnungen zugesagt hatte, wenn sich

während seiner Abwesenheit alles nach seinen Voraussetzungen vollziehen

werde, zu ihm in völliger Abhängigkeit.

Dennoch beschloß Frau von Tressen — es war acht Tage vor

Weihnachten — einen Versuch zu machen. Sie konnte sich dabei der Hülfe

der früheren Haushälterin Hederichs bedienen, die in einer kleinen, von

ihr erworbenen Kate nahe bei Holzwerder wohnte und sich durch allerlei

Hülfsleistungen auf dem Gute und durch Handarbeit ihre dürftige Lage als

Kätnerin verbesserte.

Durch Hederich, der den Vermittler gemacht hatte, war verabredet worden,

daß die alte Hanne Nachricht geben solle, sobald sich die Haushälterin

vom Schloß entfernen würde. Es war wahrscheinlich, daß sie kurz vor dem

Fest nach Elsterhausen fuhr. Dann wollte Hanne das Kindermädchen

veranlassen, sie mit dem kleinen Tankred in ihrer Kate zu besuchen und

so Frau von Tressen Gelegenheit zu geben, ihr Enkelkind zu sehen.

Es vollzog sich auch alles nach Abrede. Frau von Tressen erhielt früh

morgens einen Brief von der Alten, in dem diese meldete, daß ‚die vom

Schloß‘ am Nachmittag nicht anwesend sei, und daß das Mädchen zugesagt

habe, den ‚kleinen Herrn‘ zu ihr zu bringen.

Während Frau von Tressen, in ihren Mantel gehüllt, dahinfuhr, kamen ihr

beim Anblick der Landschaft, bei dem Wiedersehen der vielen, ihr seit

der Jugend vertrauten Einzelheiten so wehmütige Gedanken, auch die

Erinnerung an Grete ward so lebendig in ihr wach, daß ihre Augen sich

wiederholt mit Thränen füllten.

Wo war das Glück von Holzwerder geblieben? Es gab keine Grete mehr;

sie, die Mutter, mußte sich versteckt ihrem früheren Eigentum nähern

und, statt im eigenen Fuhrwerk dahin zu fahren, ein fremdes Gefährt

benutzen, das zu bezahlen ihr in ihrer gegenwärtigen Lage schon ein

Opfer auferlegte. Mit Beginn des Jahres stand sie mit ihrem Manne

thatsächlich dem Nichts gegenüber, und so sehr sich ihr Inneres dagegen

auflehnte, sie mußte jetzt Hülfe bei Freunden suchen. Es lag auch in

ihrer Absicht, nachdem sie den kleinen Tankred wiedergesehen, Theonie

auf Falsterhof aufzusuchen und sich ihr rückhaltlos anzuvertrauen.

Eine Summe für den Unterhalt des nächsten halben Jahres wollte sie von

ihr erbitten. Dann endlich würde doch der Prozeß, und, wie sie annahm,

zu ihren Gunsten entschieden sein.

Als sie an Falsterhof vorüberkam, forschte sie gespannt hinüber. In der

breiten Kastanienallee lag so tiefer Schnee, als sei seit Monaten kein

Wagen dort gefahren, und kein Fußgänger gegangen. Einsam und abgestorben

stieg das Herrenhaus aus der weißen Schneefläche über den kahlen Bäumen

empor. Nirgends ein menschliches Wesen, und selbst aus den dicht

umschneiten Schornsteinen drängte sich nicht einmal ein Leben

verratendes Rauchwölkchen. Es war richtig — die Betrachtung kam der

Frau — daß nicht Geld und Besitz das Glück bedingte. Theonie war die

reichste Frau der Umgegend, jede Laune vermochte sie zu befriedigen; sie

konnte Feste geben, die Fürsten beschämten, und ihr Haus zu einem

Sammelplatz auserlesener Geister machen.

Aber alles das hatte keinen Reiz für sie. Ihr Herz trug zu viel

blutende Wunden. Wenn sie den Mann ihrer Wahl hätte auferwecken können

aus seinem Grabe, sie würde alles dafür hingegeben haben.

Und wie häufig Vergleiche Lichter in sich schließen, aus denen sich eine

leuchtende Hoffnungssonne entwickelt, so war's auch in diesem Falle.

Plötzlich kam's über die Frau mit Sicherheit, daß sie doch noch einmal

wieder auf Holzwerder herrschen, daß sie neben ihrem Enkel stehen und

sich nochmals das Glück des Lebens zurückerobern werde.

Aber freilich, vorläufig fuhr sie im verdeckten Wagen, bekannten

Gesichtern vorsichtig ausweichend, wie ein Dieb ihrer einstigen

Besitzung zu und mußte schon froh sein, wenn sie von ihrem Enkelkinde

einen kurzen Blick erhaschen, es einmal zärtlich in ihre Arme schließen

durfte.

Als Frau von Tressen in die Nähe der Wohnung der alten Hanne gelangt

war, ließ sie den Wagen seitab vom Wege halten und begab sich zu Fuß in

die Kate. Es war ihr sehr auffallend, daß ihr auf ihr Klopfen nicht

gleich aufgethan wurde, und ihre Unruhe verstärkte sich, als sie beim

Betreten des Wohngemaches niemanden anwesend fand.

Während sie noch unschlüssig dastand, kam die alte Hanne, eine kleine

korpulente Person mit watschelnden Bewegungen, atemlos angelaufen. Schon

aus der Ferne winkte sie mit Verzeihung erbittenden Gesten, und als sie,

näher gekommen, Worte fand, erklärte sie, daß der schon seit einiger

Zeit kränkelnde Kleine in der Nacht sehr unwohl geworden sei, daß die

Magd nicht wage, ihn in der Kälte nach der Kate zu bringen, und nichts

anderes übrig bleibe, als daß sich die gnädige Frau ins Schloß bemühe.

Freilich sei das — sie müsse selbst ihr Bedenken äußern — sehr gefährlich.

Man werde die gnädige Frau sehen, ihre Anwesenheit werde sicher Herrn

von Brecken hinterbracht werden, und allen beteiligten Böses daraus

erwachsen. Der Herr kenne ja keine Rücksicht, sobald man sich ihm nicht

bedingungslos füge. Aber trotzdem solle die gnädige Frau selbst

entscheiden.

Frau von Tressen geriet in eine gewaltige Erregung; neben der

Enttäuschung drang die Sorge um den Kleinen auf sie ein. Sie fragte, was

ihm fehle, und als Hanne keine Antwort zu geben imstande war oder

absichtlich auswich, stiegen noch ihre Angst und Besorgnis.

Aber jählings entwickelte sich in ihr ein verzweifelter Entschluß. Sie

wollte das Kind, wenn sein Zustand die Fahrt erlaubte, mit sich nehmen,

es mochte daraus entstehen, was wollte!

So gab sie sich denn äußerlich ein ruhiges Ansehen und befahl Hanne, daß

sie, um jeglichem Gerede auszuweichen, ihr nicht folgen solle; sie wolle

sich vielmehr allein aufs Schloß begeben, um ihr Enkelkind zu sehen.

„Sie haben der Magd doch nicht gesagt, daß ich kommen würde? Sie weiß

nichts von meinem Hiersein?“ schloß sie fragend; und nachdem Hanne dies

verneint hatte, nahm sie Abschied und richtete ihre Schritte über den

Hof nach dem Herrenhause.

Tief herabstimmend waren die Eindrücke, die sie dabei empfing. Was Brix

ihr gemeldet hatte, blieb noch weit hinter der Beschreibung zurück.

Eine völlige Verwahrlosung trat ihr entgegen, wohin sie das Auge wandte,

und insbesondere bei dem Anblick des vernachlässigten Herrenhauses

traten Frau von Tressen unwillkürlich die Thränen in die Augen.

Als sie den Flur beschritt, zeigte sich niemand; Kälte, Öde und Kargheit

wehten sie an, das Haus war wie ausgestorben; auch fand sie die Thür zur

Linken geschlossen. Erst als sie dann zur Rechten pochte, erschien die

Kindesmagd mit dem kranken, mageren, abgezehrten Knaben auf dem Arm und

machte sehr erstaunte Augen, plötzlich eine elegant gekleidete Dame vor

sich zu sehen.

Frau von Tressen aber sah weder ihre fragenden Mienen, noch hörte sie

auf ihre Worte; sie flog auf den Kleinen zu, blickte ihn voll zehrenden

Mitleids an, streichelte und herzte ihn, von tiefer Rührung ergriffen,

immer von neuem und nahm ihn zulegt aus den Händen des Mädchens und

drückte ihn weinend an die Brust.

„Mein Kind — mein süßes, liebes Kind —“ schluchzte die Frau.

Ihr war bei dem Anblick, als sei Grete noch einmal geboren, als habe

sie, wie einst, ihr eigenes Kind in den Armen. Und lassen konnte sie es

nicht wieder. Es war undenkbar!

Sie sprach auf die Magd ein, sie erklärte ihr, wer sie sei, welche

Anrechte sie an den Kleinen habe, welche Qual sie erduldet, und welche

Verantwortung auf ihr laste, da sie nun ihres Kindes Kind so blaß, mager

und krank vor sich sehe.

Sie solle mit ihr gehen, in ihren Dienst treten; keine Nachteile, nur

Vorteile folgten ihr daraus erwachsen, und jetzt gleich wolle sie sie

belohnen. Ihr Schwiegersohn werde unter solchen Umständen ihr Verhalten

gutheißen!

Für die Wirtschafterin werde sie einen Brief zurücklassen und ihr darin

alles erklären. Sie werde sagen, daß sie sie gezwungen habe, ihr zu

folgen.

Zu Frau von Tressens freudiger Überraschung machte die Magd keine

erheblichen Einwendungen. Entweder fühlte sie Mitleid mit der Frau und

dem Kinde, oder sie wünschte selbst, Holzwerder zu verlassen. Die

Langeweile drückte sie, und da ‚die Gnädige‘ die Verantwortung

übernehmen wollte, so sah sie keinen Grund, der Großmutter Weisung einen

Widerstand entgegenzusetzen.

In kaum einer halben Stunde hatte sie auch bereits alle ihre

Habseligkeiten und alles für das Kind Notwendige zusammengepackt und

lief dann nach Frau von Tressens Anweisung fort, um den Wagen zu holen.

Er sollte hinten am Hause halten. Dort wollten sie einsteigen und auf

einem Seitenwege des Parks die Landstraße gewinnen.

Sobald das Mädchen sich entfernt hatte, schloß Frau von Tressen Tankreds

Arbeitszimmer auf, fand hier Papier und einen Rest Tinte und setzte

einige Worte an die Haushälterin auf. Sie erklärte ihr Vorgehen durch

den körperlichen Zustand des Kleinen.

Als sie eben den Brief vollendet hatte, hörte sie draußen Schritte. Ihr

Herz pochte; wahrscheinlich war's der im Hause wohnende Knecht; ihn

hatte sie ganz vergessen.

Aber nur kurze Zeit kämpfte sie mit Unentschlossenheit, dann erhob sie

sich, öffnete die Thür und sah hinaus.

Ein wie ein Jägerbursche gekleideter Mensch mit einem sehr wenig

sympathischen Gesicht stand vor ihr; eben kam er aus dem Kinderzimmer,

wo er offenbar die Magd gesucht hatte.

Nun galt's! Gewalt, Widerstand konnten zu keinem Resultat verhelfen, nur

List vermochte etwas.

„Ah! Da ist jemand!“ begann Frau von Tressen, des Knechtes Frage

zuvorkommend. „Wollen Sie, guter Freund, ein paar Thaler verdienen? Ich

suchte Herrn von Brecken, ich wollte ihm einen Besuch machen. Da ich ihn

nicht finde, möchte ich ein Billet nach Falsterhof gebracht wissen.

Einen Augenblick —“

Und während der Angeredete noch in Überraschung dastand und durch die

Sicherheit des Auftretens der Fremden eingeschüchtert verharrte, steckte

sie einen leeren Briefbogen in ein Kouvert, überschrieb es an Theonie

und überreichte dem Manne das Schreiben zugleich mit zwei Thalern.

„Sie müssen aber sofort hinübereilen! Nehmen Sie den Weg über den Hof.

Ich habe die Magd fortgesandt, da mein Wagen, den ich erwartete, nicht

kam. Sorgen Sie sich nicht um mich. Er muß jeden Augenblick eintreffen,

und inzwischen sehe ich nach dem Kleinen. Der Brief ist nur abzugeben,

ohne Antwort.“

„Zu Befehl! Zu Befehl, gnädige Frau! Soll alles bestens besorgt

werden!“ bestätigte der Mann ebenso arglos wie unterthänig, dienerte und

machte sich rasch davon.

Mit einem tiefen Atemzug ließ sich Frau von Tressen in einen Sessel

sinken. Nach der ungeheuren Erregung kam die Abspannung über sie; aber

sie raffte sich wieder auf und flog zu dem weinenden, offenbar eben von

Schmerzen gepeinigten Kinde, nahm es voll Zärtlichkeit an sich und

suchte es zu beruhigen.

Und dann folgten noch zwanzig Minuten schrecklicher Angst und Unruhe,

Minuten, die der Frau wie Stunden vorkamen. Immer von neuem schaute sie

aus dem Balkongemach auf den Park, ob der Wagen noch nicht erscheine,

und als er endlich an der Ecke sichtbar ward, rang sich ein

Erlösungsschrei aus ihrer Brust.

Aber seltsam! Während ihre Gedanken sich so mit aller Anspannung auf das

Gegenwärtige richteten, wurden andere Vorstellungen plötzlich in ihr

lebendig, und das Widersinnige der Situation und der Gegensatz zwischen

einst und jetzt drangen überwältigend auf sie ein.

Wie wäre es, wenn sie sich in den Besitz des Gutes, nicht nur in den

Besitz des Kindes setzte; wenn sie Brecken bei seiner Wiederkehr mit

Gewalt von Holzwerder entfernte; wenn sie seine Klage wegen

Besitzstörung trotzig abwartete und dem Richter erklärte, sie habe

gehandelt als natürlicher Anwalt ihres Enkelkindes? Da der Vater seine

heiligsten Pflichten gegen das Kind außer acht gelassen, da er zudem ein

Fälscher sei, der sich als solcher in den Besitz des Gutes gesetzt habe,

so beantrage sie die Aberkennung aller Rechte, die er sich angemaßt

habe?!

Ja, das konnte gehen! Wie ein flammend aufhellender Blitz zog's durch

das Gehirn der Frau. — Wen hatte sie zu gewinnen, um ihr Vorhaben ins

Werk zu setzen? Die Menschen im Hause und einen als Inspektor

fungierenden Großknecht, der schon in früheren Zeiten auf Holzwerder

beschäftigt gewesen. Und das konnte nicht fehlen! Wenigstens wollte sie

den Versuch machen! Hederich sollte ihr helfen!

Unter solchen Gedanken bestieg sie, nachdem mit Hülfe des Kutschers

alles aufgepackt war, den Wagen und fuhr, den Hauptweg zunächst

vermeidend, mit dem Kinde in raschem Trabe Klementinenhof zu.

* * * * *

Es war am kommenden Tage bald nach der Tischzeit, als sich Frau von

Tressen zu dem verschobenen Besuch bei Theonie auf den Weg machte.

Der Kleine war inzwischen in Klementinenhof untergebracht, und Herr von

Tressen von allem unterrichtet, ja, sogar schon mit dem Gedanken einer

Besitzergreifung Holzwerders vertraut gemacht. Aber gerade um letztere

zur Ausführung zu bringen, bedurfte es um so mehr der Unterstützung von

Freunden. Ob und wie Frau von Tressen den Justizrat zu Rate ziehen

solle, darüber war sie noch nicht ganz mit sich einig. Wie konnte er

mehr sagen, als was eigener Menschenverstand ihr klar machte? Er würde

das Vorhaben doch vielleicht widerraten, weil's eben eine Gewaltmaßregel

war, und Frau von Tressen wollte keine abmahnende Stimme hören!

Von dem Warten auf eine günstige Entwicklung des Prozesses hatte sie

nachgerade genug. Nur in einem Punkte mußte sie doch Brix in Anspruch

nehmen: sie war selbst nicht imstande, eine Eingabe an das zuständige

Gericht aufzusetzen, sie wollte aber auf Grund der Thatsachen sofort mit

Anträgen vorgehen, nicht etwa abwarten, daß Tankred ihr zuvor kam.

Sie hatte die Absicht, zu erklären, daß ihr Schwiegersohn das Leben

ihres Enkelkindes in Gefahr gebracht habe, und zur Erhärtung ihrer

Behauptung wollte sie ein ärztliches Gutachten beibringen; ferner auf

Grund der Fälschung ein beschleunigtes Verfahren in dem Sinne

beantragen, daß die Gütergemeinschaft zwischen dem Breckenschen Ehepaar

sofort für null und nichtig erklärt, und dementsprechend auch Tankred

jegliches materielle Verfügungsrecht über das Vermögen entzogen werde.

Ihre Rückkehr nach Holzwerder endlich wollte sie lediglich als eine

veränderte Entschließung hinstellen, zu der sie auf Grund früherer

Abmachung berechtigt sei.

Hederich war zufolge ihrer Bitte schon am Morgen nach Klementinenhof

gekommen, und er hatte, nachdem sie ihm ihre Absicht kund gethan,

erklärt, daß er mit den maßgebenden Personen auf Holzwerder sofort

sprechen wolle. Also auch das war schon eingeleitet.

Frau von Tressen befand sich in einer thatkräftigen und gehobenen

Stimmung, die durch die Aussicht, ihr Enkelkind fortan bei sich zu

behalten, noch verstärkt ward.

Als sie vor der Thür des Herrenhauses in Falsterhof hielt, trat Frege,

der den Wagen hatte ankommen sehen, sogleich heraus und war ihr beim

Aussteigen behülflich. Wie eben alles auf Falsterhof einen düster

melancholischen Eindruck machte, so auch wieder seine Erscheinung.

Ernst und stumm öffnete der in tiefe Trauer gekleidete Mann die Thür zum

Wohnzimmer und erklärte, daß Frau Cromwell alsbald erscheinen werde.

Frau von Tressen überlief ein inneres Frösteln, als sie sich allein

befand. So unheimlich still und lichtlos war's in dem Raum, alles

starrte sie so stumm und doch zugleich so furchterregend an. Das

einzige, die lautlose Ruhe unterbrechende Geräusch, das Ticken einer

Uhr, klang ihr wie das Pochen eines Totenwurms.

Auch als Theonie kam und sie mit schmerzerregter, wenn auch gütiger

Miene begrüßte, ward ihr Gemüt nicht entlastet, umsoweniger, da die

bleich und abgehärmt aussehende Frau berichtete, daß sie mit ihren

Hausbewohnern eine furchtbare Nacht verlebt habe. Es sei jemand,

sicherlich ein Dieb oder Einbrecher, im Hause gewesen; wenigstens habe

der Hund fortwährend wütend, wie zum Angriff vorgehend, gebellt, und die

Dienerschaft sei aufgeschreckt aus den Betten gestoben, ohne indes etwas

entdeckt zu haben.

Natürlich wirke der Eindruck dieses nächtlichen Vorfalles nach und habe

ihre ohnehin erregten Nerven noch mehr in Aufruhr versetzt.

Nach dieser Frau von Tressen sehr beunruhigenden Erzählung kam Theonie

dann auf deren Angelegenheit, erkundigte sich voll Teilnahme nach Herrn

von Tressens Befinden und lenkte zuletzt das Gespräch auf Holzwerder.

Wohl eine Stunde währte die Unterredung. Frau von Tressen erzählte von

den gestrigen Vorfällen, gedachte ihrer in der Not abgelassenen, Theonie

bisher rätselhaft gebliebenen Botschaft und gelangte zuletzt auf die

durch Brecken hervorgerufene, schwere und allmählich unhaltbar gewordene

Lage.

Theonie erklärte sich ohne Besinnen zur Hülfe bereit, und wenn sie auch,

ihrer Eigenart entsprechend, bei der dann erfolgenden Erörterung der

Zahlungsmodalitäten eine etwas pedantische Umständlichkeit an den Tag

legte, so behandelte sie doch die ganze Angelegenheit mit so viel

Zartgefühl, daß Frau von Tressen jeder Peinlichkeit enthoben ward.

Als sie nach wiederholten warmen Dankesworten zum Fortgehen auf den Flur

getreten war, kam ihr Theonie noch einmal nachgegangen und stellte eine

gleichgültige Frage. Aber es war ihr offenbar nicht um deren

Beantwortung zu thun; etwas anderes bewegte Theonie, das sie

auszusprechen sichtlich Scheu empfand.

Frau von Tressen sah auf die blasse, dunkle Frau mit den unruhig

ängstlichen Augen und ward zum Sprechen gedrängt.

„Es ist irgend etwas, das Sie beschwert, das Sie mir mitteilen möchten,

liebe, verehrte Frau Theonie. Bitte, vertrauen Sie sich mir an. Könnte

ich Ihnen in irgend etwas dienen?“

Und da drängte sich Theonie dicht an die Sprechende heran und flüsterte,

des letzten Satzes Inhalt abwehrend:

„Nein, nein, ich bedarf nichts. Ich danke Ihnen für Ihre Güte. Es ist

etwas anderes, Sie Betreffendes. Ich weiß es nicht, ich habe keinen

greifbaren Anhalt, aber eine Ahnung sagt mir, daß Tankred sich gar nicht

im Süden befindet, sondern sich in der Nähe aufhält, Unheil für uns

brütet und —“

Aber Theonie kam nicht weiter. In demselben Augenblick fiel mit

furchtbarem Getöse ein schwerer Gegenstand oben im Hause zu Boden, und

beide Frauen fuhren entsetzt zusammen.

„Unsagbar, wie ich mich erschrocken habe,“ stieß Theonie, zuerst wieder

Worte gewinnend, heraus. „Sie sehen, wie sehr mich alles alteriert! Und

so wird auch bei Tankred nur meine Phantasie im Spiele sein. Meine

Ahnung ist thöricht. Aber es trieb mich, Sie zu warnen, da doch eine

Möglichkeit vorliegt. In diesem Sinne — ich bitte — fassen Sie meine Worte

auf, liebe Frau von Tressen!“

Es sei oben ein Bild herabgestürzt, hörte noch Frau von Tressen eins der

hinaufgeeilten Mädchen berichten, dann nahm sie Abschied, und wie von

einem unheimlichen Druck befreit, atmete sie auf, als sie einige Minuten

später das düstere und einsame Falsterhof im Rücken hatte. —

Am kommenden Tage stattete Hederich Bericht über den ihm gewordenen

Auftrag ab. Es habe sich, wie er meldete, der Insassen des Schlosses

wegen der Entfernung des Kindes eine ungeheuere Aufregung bemächtigt,

und eben sei die Haushälterin im Begriff gewesen, darüber an Tankred zu

berichten. Dies sei vorläufig unterblieben, aber Neigung, sich Frau von

Tressen unterzuordnen, sei aus Angst nicht vorhanden. Die Leute befänden

sich einem so außerordentlichen Vorfall gegenüber so gut wie ratlos, und

nur der als Inspektor fungierende Peter Wille habe erklärt, er sei

durchaus bereit, wieder in den Dienst seiner früheren Herrschaft zurück

zu treten.

Die letzten Nachrichten kräftigten Frau von Tressens Entschluß so sehr,

daß sie, auch durch ihren Mann ermuntert, noch an demselben Mittag mit

Hederich nach Elsterhausen fuhr, um mit Justizrat Brix zu reden. Der

Justizrat besaß ein altes, am Markt belegenes Patrizierhaus, das er

allein bewohnte, und war eben im Begriff, seinen Nachmittagsspaziergang

anzutreten, als sich die energische Frau bei ihm melden ließ. Ohne lange

Einleitung berichtete sie von allem, was geschehen, und schloß mit der

Erklärung, daß sie die Absicht habe, schon am folgenden Tage von

Holzwerder Besitz zu ergreifen. Mit erstaunlicher Schärfe entwickelte

sie ihm ihren Standpunkt und schloß mit den Worten:

„Was kann uns geschehen, wenn wir dort erst festen Fuß gefaßt haben? Mit

Gewalt kann man uns schon deshalb nicht vertreiben, weil uns nach dem

Abkommen mit unserer Tochter ausdrücklich die freie Wahl gestellt ist,

dort oder anderswo unseren Wohnsitz zu nehmen. Die Gutseinnahmen

deponieren wir zu Händen des Gerichts, bis die Sache entschieden ist;

wir entgehen dadurch der Klage auf ungesetzmäßiges Eingreifen in fremdes

Eigentum, erklären uns aber zu unserem Vorgehen befugt, indem wir

Brecken irgend welche Besitzrechte an Gretes Vermögen abstreiten.“

Frau von Tressen ließ sich auch durch Einwendungen des Justizrats nicht

mehr irre machen; es war, als sei ein völlig anderer Mensch in sie

eingezogen. Durch die Wiedervereinigung mit ihrem Enkelkinde war nicht

nur das Pflichtbewußtsein bei ihr zum Durchbruch gekommen, sondern auch

Mut und Entschlossenheit hatten sich ihm zugesellt.

„Ich hatte mich schon in die Rolle des Ambos gefunden,“ erklärte sie

Brix, „aber jetzt will ich wieder der Hammer sein und will es bleiben

für meinen Enkelsohn. Das Glück streckt die Hände nach mir aus, ich will

sie ergreifen. Nur deshalb stehen wir so oft frierend am Wege, weil wir

die Winke des Schicksals nicht richtig zu deuten verstehen. Indem es die

schlummernden Kräfte in mir von neuem anregt, zeigt es, daß es Gutes mit

mir vor hat. Und da ich nun auch Mittel und Wege dazu besitze, trotze

ich um so mehr einem Schurken, dessen Stärke nur darin besteht, daß man

ihm bisher niemals energischen Widerstand entgegen gesetzt hat. Ich

werde eine Schutzwache auf Holzwerder aufstellen, niemand betritt das

Gut ohne meine Erlaubnis, und wer den Eintritt erzwingen will, den

entferne ich mit Gewalt!“

* * * * *

Es war an einem dunklen und stürmischen Wintertage im Anfang Januar, als

ein einzelner Fußgänger sich um die Nachtzeit Falsterhof näherte, am

Eingange der Gutsallee angekommen, stille stand und sichtlich

unschlüssig, ob er sie betreten oder weiter schreiten solle, ruhelos um

sich blickte. Der Fußgänger war Tankred von Brecken, und was ihn heute

furchtbares beschäftigte, hatte seine Gedanken schon seit vielen, vielen

Wochen ausschließlich in Anspruch genommen. Er hatte Holzwerder

verlassen, weil er endlich die Stimme des Teufels in seinem Inneren zum

Schweigen bringen wollte, die ihm immer von neuem zuflüsterte: Thu's,

und Du wirst Besitzer von Falsterhof! Thu's, und Du wirst Eigentümer

einer halben Million!

Und wenn er sich dies ausmalte, ergriff ihn eine so wahnsinnige Gier,

daß die Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, ihm wie ein Nichts

erschienen, und die That und deren Folgen ihm nicht anders dünkten, als

alles, was die Tageswelle sonst an den Strand wirft. Aber wenn dann

wieder zu anderer Zeit das Wort Totschlag in seinem Innern austönte, und

seine Phantasie sich zu regen begann, dann nahmen statt solcher

gefälligen Vorstellungen Angst, Furcht und Grauen von ihm Besitz, und

die Feigheit — nicht seine bessere Natur, weil sie überhaupt keine Stimme

in ihm besaß — riß ihn zurück und stürzte alle Pläne über den Haufen. Und

wiederum, wenn am Morgen Feigheit und Nüchternheit geredet und das Wort

behalten hatten, fand um mittag die Habgier sich schon wieder ein und

flüsterte, und ihre Stimme wuchs, und sie sprach so lange, bis der Mann

sich abermals da fand, wo er nicht sein wollte, bei ihr in Falsterhof!

Hundertmal war er in Gedanken schon in das Haus eingedrungen, hatte mit

raschem Griff den in der Schlinge gefangenen Hund erwürgt, war leise

hinaufgeschlichen in Theonies Gemach und hatte auch sie mit seinen

Händen erdrosselt. Und dann war er eben so leise wieder

hinausgeschlichen, — noch immer besaß er von seinem damaligen Aufenthalt

den Schlüssel zur Hinterthür — und die Blätter hatten zwar im Park

geraschelt, aber der Mond hatte geschienen wie sonst, und die Felder

hatten tot und empfindungslos dagelegen wie immer, und er war schon

wieder weit, weit fort, als die Hähne krähten, als im Hause alles wach

wurde, die Zofe oben über den Korridor schritt, um die gnädige Frau zu

wecken, das Frühstück unten aufgetragen ward, und doch keine gnädige

Frau erschien, und der blanke Theekessel umsonst den Dampf aus seinem

Halse stieß. — Morgens, mittags und abends, bei den Spaziergängen und

Zerstreuungen, beim Essen, im Theater und in Konzerten, zuletzt auch im

Traume verfolgte Brecken immer nur der eine Gedanke: wie fängst Du es

an, die aus der Welt zu schaffen, durch deren Tod Du Besitzer von

Falsterhof wirst? Besitzer von Falsterhof und Holzwerder! — Es lag ein

Klang in diesen Worten, dem kein anderer vergleichbar war, keine

Harfenmusik, kein Orgelbrausen!

Das Gehirn des Mannes arbeitete unermüdlich wie der Kolben einer

Dampfmaschine. Vorbereitung zur That, Ausführung und Flucht waren bis

ins kleinste überlegt; jeder Zufälligkeit war Rechnung getragen, für

jedes gab es eine Auskunft, eine Antwort, einen Unterschlupf.

Und doch! Schon einmal war er dagewesen und hatte seine Sache so

schlecht gemacht, daß er um eines Haares Breite erwischt wäre. An dem

Hund, an der teuflischen Bestie, hatte es gelegen. Ja, wenn der

überhaupt nicht da wäre, dann würde es ein Kinderspiel sein, Theonie

Cromwell ein für allemal des Atems zu berauben. —

Endlich nach viertelstündigem Hin- und Herwandern war Brecken zu einem

festen Entschluß gelangt. Ja, er wollte! Abermals auf halbem Wege stehen

bleiben, hieß mit den quälerischen Gedanken von neuem beginnen, die

Kosten, die durch seinen Fortgang von Holzwerder hervorgerufen waren,

wegwerfen und die Hauptsache vergessen, daß nämlich Theonie weiterlebte,

und er nichts anderes blieb als der Verwalter des Vermögens seines

Sohnes.

Fast überhastig durchschritt er die Kastanienallee, nahm, bis zur Mitte

angelangt, den bekannten Weg über das Feld in den Park und hielt erst

inne, nachdem er vor dem Hinterhause angelangt war. Zunächst lauschte er

aufmerksam, ob sich irgend etwas rühre.

Das letztemal hatte der Hund sich erst bemerkbar gemacht, als er den

Flur betreten, aber sich dann so wütend gebärdet, daß er ihm nicht hatte

beikommen können; sehr bald darauf waren auch die Hausbewohner wach

geworden. Jetzt hatte Tankred von Brecken eine Schlinge zur Hand; er

hatte sich geübt; mit einem Wurf konnte er das Tier unschädlich wachen.

Der alte Frege hörte bei seiner Schwerhörigkeit sicher nichts; ein

Knecht, den Theonie ins Haus genommen, schlief unten im Keller; das

Mädchen und die Zofe fürchtete er nicht.

So trat Tankred denn an die Thür, steckte vorsichtig den Schlüssel ins

Loch und drehte um. Nichts rührte sich! — Rasch entzündete er eine

Blendlaterne — aber ein scharfer Stoßwind löschte sie wieder aus; auch

ging's ihm plötzlich eisig über den Nacken, über den Rücken, durch alle

Glieder, und er fühlte ein schier wahnsinniges Kitzeln unter der

Haut. — Was war das? Sicher ein Nervenreiz, hervorgerufen durch die

Kälte, durch die Aufregung; es werde eben so rasch wieder vorübergehen,

wie es gekommen war. Doch nein! Zu dem Kitzeln gesellte sich eine

furchtbare innere Angst, eine solche Angst, daß der Mann zunächst an

nichts anderes dachte, als sich vor sich selbst zu retten. Er griff nach

dem Schlüssel und rüttelte rücksichtslos an dem Schloß, als es sich

nicht gleich lösen wollte. Und da knurrte es drinnen; der Hund schlug an

wie damals; laut, schreckhaft, unheimlich klang's. Und das verschärfte

die entsetzliche Bangigkeit und Unruhe, die Brecken ergriffen, und als

ob Furien hinter ihm losgelassen seien, floh er durch den Park und aus

dem Park über das Feld und erreichte stöhnend, keuchend, atemlos den

Ort, an dem er vor kurzer Frist gestanden und sich schlüssig gemacht

hatte.

Aber dies alles ließ nur blitzartig verschwindende Eindrücke zurück. Bis

zur Verrücktheit jedoch quälte ihn das Kitzeln unter der Haut. — Ein

Arzt! Wo fand er einen Arzt?! Der nächste wohnte in Elsterhausen. Aber

jetzt bei nacht konnte er ihn doch nicht aufsuchen! — Und alle Welt nahm

an, daß er sich im Süden aufhalte, und nun war er plötzlich

da! — Weshalb? — Nein, das ging nicht. Er mußte zurück nach dem kleinen,

westlich liegenden Ort L. und von dort nach Hamburg, wo er sich die

letzten Tage aufgehalten hatte.

Zunächst aber war es nötig, die Nacht durchzumarschieren, um wieder dort

einzutreffen. — So war denn abermals alles umsonst gewesen. — Alles

umsonst!

Und immer entsetzlicher ward das Prickeln, und je mehr er kratzte, desto

fürchterlicher ward es.

„Herr Gott im Himmel! Hilf! Was soll daraus werden?“

Wie? Er rief den Gott an, an den er nicht glaubte, den er bisher

behandelt hatte wie ein Spielzeug?

Am Ende gab's doch ein höheres Wesen, das belohnte und strafte — am Ende

gab's doch eine Vergeltung? War er bisher mit Blindheit geschlagen

gewesen? Siegte doch das Gute, und ging das Böse unter — —?

Plötzlich, in der namenlosen Qual, erhob sich eine Stimme in ihm, die er

zuletzt gehört hatte in seiner Knabenzeit, als er noch gut sein wollte,

Fehler und Vergehen bereute, als noch ein ehrliches Streben ihn

durchdrang, er an sich, an seine Umgebung, an die Menschen glaubte.

Ach, sie hatten ihm schon in seiner ersten Jugend die Illusionen

genommen, mit seinem frühreifen Verstande hatte er durchschaut, wie

gleichgültig er seinem Vater sei, wie wenig seine Mutter ihn liebte, wie

berechnend, wie heuchlerisch die Menschen waren.

Und das Beispiel hatte auf ihn eingewirkt. Er hatte auch eine weiche

Seele und ein für Eindrücke empfängliches Herz besessen, aber allmählich

waren sie erstarrt. Es blieb nur Raum in ihm für Regungen, die auf sein

sich immer widerwärtiger ausbildendes Ich Bezug hatten. Unterstützt

durch eine robuste Gesundheit und durch das ihn begleitende Glück war er

einhergegangen, als könne nie ein Wechsel eintreten; nicht einmal der

Gedanke an die Möglichkeit einer Änderung war ihm gekommen. Er sah, was

in der Welt um ihn her vorging, aber was Schlimmes geschah, das stieß

eben anderen zu, und nicht ihm. — Nun aber fühlte er sich plötzlich

betroffen. Wie wohl die Heilung eines solchen Leidens vor sich ging?

Nie hatte er von ihm gehört. — War's schon die Strafe des Himmels für

seine Schlechtigkeiten? Aber bis jetzt hatte er sich doch nur mit

Absichten getragen, noch war sein Inneres nicht mit einem Mord

belastet. — Mord? Wie das klang! Entsetzliches Wort! — Wie? Hatte er

wirklich Theonie töten wollen? — Plötzlich griff der Mann sich an die

Brust, als ob ein anderes Wesen in ihn eingezogen sei. — Und dann begann

wieder das rasende Kitzeln, und er hätte sich am liebsten nackt im

Schnee gewälzt, um die Feuerpein los zu werden. Einmal brüllte er auf

durch die Nacht, er warf den Blick empor zu den Sternen. Ob's auch

droben so arme, gepeinigte Kreaturen gab? Wie's dort wohl aussah —?

Sterben, sterben, nicht mehr leben! Was nützten nun Holzwerder und Geld

und Besitz, was Falsterhof und Erbschaft?! Befreit zu werden von dieser

Krankheit, dafür wollte der Mann alles hingeben!

So klein, so demütig ward er im Verlauf der Stunden, in denen er wie ein

Rasender dahin jagte, daß er begann, allen alles abzubitten, seinen

Schwiegereltern, Grete, Carin, Hederich, und wie sie alle heißen

mochten. Er wollte mit ihnen in Frieden leben, er wollte sich

bescheiden, gut werden! Aus den Wirkungen des Schmerzes, der Furcht und

der Feigheit schälte sich zum erstenmal etwas heraus, das seinem

besseren Gefühle entsproß. Das kalte Herz erhielt allmählich wieder

Leben.

Ob's wohl anhielt? Ob's nicht wieder verdorrte, wenn die Schmerzen

gewichen waren? Er dachte selbst darüber nach. Nein! Die Mahnung war

nicht umsonst gewesen; sie kam ihm vom Himmel! Er glaubte jetzt an

Gott, er hätte niederstürzen können auf die schneebedeckte Flur und den

Schöpfer anbeten.

Und nun allmählich wich auch ein wenig das entsetzliche Kitzeln; der

Schweiß, in den er geraten war durch das Laufen und die Seelenangst,

öffnete die Poren und besänftigte den Reiz.

Wie der Mann aufatmete, aber wie auch wieder die Gedanken sich

veränderten! Welcher Schwächling er doch war, gleich zu verzagen! Es war

sicher nichts von Bedeutung. Vielleicht war's völlig vorüber, wenn er L.

erreichte. Und was dann? Ja, was dann —?

Er warf den Blick über die Gegend; schon begann's heller zu

werden, der Morgen regte sich. Er hielt inne und atmete auf — und

dann — dann — plötzlich begann von neuem das Jucken, ein solches

kitzelndes Jucken, daß dem Manne der Schaum vor den Mund trat, und er

wieder wie ein mit Stacheln gepeitschtes Tier weiter seinem Ziele

zuraste. — —

* * * * *

In ihrem einstigen Wohngemach im Parterre des Schlosses Holzwerder stand

Frau von Tressen und hörte, was ihr Hederich, der eben ins Zimmer

getreten war, berichtete.

Der Inspektor sei zu allem bereit, ebenso das Mädchen; die Haushälterin

und der Diener aber wollten erst hören, welche Sicherheit die gnädige

Frau ihnen böte, daß sie nicht wegen ihrer Fahnenflucht zur

Verantwortung gezogen würden.

„Also Pflichtgefühl oder Anhänglichkeit an meinen Schwiegersohn leitet

sie nicht?“

„Nein, gnädige Frau! Beide sind Kreaturen, die nur ihren Vorteil im Auge

haben. Übrigens — drum und dran — wo wäre der Durchschnitt anders? Frau

von Tressen kennen doch die Welt so gut wie ich.“

Die Frau bewegte zustimmend den Kopf; dann sagte sie:

„Ich bin dann dafür, beide abzulohnen. So gut wie sie Tankred

verleugnen, können sie auch Untreue gegen mich üben. Ich aber brauche

zuverlässige Menschen. Mit welcher Summe glauben Sie, daß wir sie

abfinden können?“

Hederich zuckte die Achseln.

„Sie werden, wenn Sie sie nicht in Dienst nehmen, erklären, daß die

Kündigung nur von dem ausgehen kann, der sie verpflichtet hat.“

„Ja, ja, ganz richtig!“ bestätigte Frau von Tressen. Und dann fuhr sie

kurz entschlossen fort:

„Ich bitte, lassen Sie sie herunterkommen. Ich werde mit ihnen

sprechen.“

Als die Dienstboten, von Hederich geleitet, in das Zimmer traten, sagte

Frau von Tressen:

„Mein Schwiegersohn hat Sie in Dienst genommen. Für ihn trete ich jetzt

ein und kündige Ihnen Ihre Stellung sofort. Aber ich wünsche, daß Sie

zufrieden von hier gehen, und will Ihnen deshalb ein volles Jahresgehalt

auszahlen. Sind Sie damit einverstanden?“

„Ja, ich bin's,“ sagte der Diener nach kurzem Besinnen, „wenn die

gnädige Frau mir schriftlich erklären, daß das so richtig ist, und Sie

für alles aufkommen.“

„Ja, ich will schriftlich betätigen, daß Ihr durch die Besitznahme des

Gutes meinerseits überflüssig geworden seid, und daß ich Euch auf Grund

meiner Rechte entlassen habe.“

„Dann bin auch ich damit zufrieden!“ erklärte die Haushälterin. „Wann

sollen wir abgehen?“

„Gleich! Ihr könnt noch heute den Lohn empfangen und Holzwerder

verlassen.“

Die beiden nickten, verbeugten sich und verließen das Gemach.

„So, das wäre ja gut und rasch erledigt!“ rief Frau von Tressen,

Hederich vergnügt anblickend. „Jetzt will ich mit Peter Wille das

weitere bereden, namentlich auch den Fall ins Auge fassen, daß mein

Schwiegersohn zurückkehrt. Ich bitte, lieber Hederich, rufen Sie nun

auch ihn, und dann wollen wir uns gleich weiter an die Einrichtung

machen.“ —

Nachdem Frau von Tressen in solcher Weise die Einleitung zu ihren mit so

kühner Entschlossenheit gefaßten Plänen getroffen, griff sie in gleich

entschiedener Weise auch in die übrigen Verhältnisse ein und brachte es

nach wenigen Wochen dahin, daß der Umzug bewirkt war, und sie und ihr

Mann sich in alter Weise in Holzwerder eingewohnt hatten.

Mehrere von Tankred entlassene, aber Tressens aus früherer Zeit ergebene

Leute wurden wieder angestellt, und namentlich ward auch am Hofthor ein

Wächter postiert, der alles, was aufs Gut kam, einer genauen Kontrolle

unterwerfen mußte. Hof, Garten und Gebäude wurden, so weit die

Witterung es erlaubte, und es gegenwärtig bereits von Wert war, in einen

würdigen Zustand zurück versetzt, und endlich griff auch Frau von

Tressen in dem zwischen Brix und ihr verabredeten Sinne in die

Gutsgeschäfte ein.

Durch diese alles umgestaltende und neue Verhältnisse anstrebende

Thätigkeit stellte sich bei Frau von Tressen die alte Lebensfreudigkeit

und Zuversicht wieder ein, ja, sie schien sich auch auf ihre Umgebung zu

übertragen, denn der Kleine erholte sich zusehends, und Herr von Tressen

befand sich infolge der ihm durch das Landleben aufgezwungenen einfachen

Lebensweise wohler und kräftiger als seit vielen Jahren.

Als Tressens zum erstenmale Hederichs, Höppners und Theonie wieder bei

sich in Holzwerder sahen, feierten sie den Tag wie einen Festtag, und

die Gedanken an Brecken, der seit Wochen nichts von sich hatte hören

lassen, traten allmählich ganz zurück. Was konnte er machen? Klagen?

Arrest beantragen? Wohl! Sie warteten das Ergebnis ab.

Würde der Richter einem die Gesundheit und das Eigentum seines Kindes

vernachlässigenden Manne, einem Menschen, der sich durch Fälschung in

Besitz von Rechten gesetzt hatte, solche von neuem bestätigen?

Schwerlich! Die Zeugnisse waren niederdrückender Natur, zum Teil

unanfechtbar. Von ihnen unterstützt, hatte Brix inzwischen die Eingabe

an das Gericht abgehen lassen.

Ganz mit Herzen und Gedanken bei ihren Freunden waren während dieser

Zeit Höppners, Hederich und Carin. Sie legten eine Teilnahme an den

Tag, als sei ihnen selbst ein großes Glück zugefallen; Hederich fühlte

sich auch schon wieder als Verwalter auf Holzwerder, und Frau von

Tressen that nichts die Gutsangelegenheiten betreffendes, ohne seinen

Rat einzuholen. Mit Bewunderung sah er, wie sie alles angriff, wie die

Energie, die sie durch den furchtbaren Schmerz über Gretes Tod verloren

hatte, zurückgekehrt war.

Mit tiefem Kummer aber erfüllte die Freunde das Aussehen und Wesen

Theonies. Ihr Inneres, man sah es, war schwer krank, in ihren Mienen lag

ein so herzzerreißender Ausdruck von Verzicht auf Glück und

Lebensfreude, daß Carin, die mit ganzer Seele an Theonie hing, sich über

die bei der letzten Begegnung empfangenen Eindrücke gar nicht zu

beruhigen vermochte. —

Es war gegen Ende der Woche in der Frühe, als der Inspektor in sehr

aufgeregter Stimmung bei Tressens anklopfte und den Herrschaften einen

von Tankred eingetroffenen Brief überreichte.

In diesem gab der Schreiber seinem Befremden darüber Ausdruck, daß ihm

keine Berichte mehr zugegangen seien, weder von dem Inspektor, noch von

der Haushälterin. Er verlangte solche umgehend und fügte hinzu, daß er

ehestens nach Holzwerder zurückzukehren gedenke. Durch Krankheit sei er

gezwungen worden, den Süden zu verlassen und sich nach Hamburg zu

begeben. Es folgten dann noch einzelne Fragen, und am Schlusse hieß es:

‚Melden Sie mir auch etwas von Frau Cromwell auf Falsterhof und von

Tressens, und lassen Sie Frau Born sogleich telegraphieren, — das Wort

war, weil der Schreiber vielleicht die größeren Kosten scheute,

nachträglich ausgestrichen, und statt dessen ‚schreiben‘ gesetzt, — wie

es dem Kleinen geht.‘

Der Inspektor bat um Verhaltungsmaßregeln; er wußte nicht, was er thun

sollte, und fühlte sich erleichtert, als Frau von Tressen ihm erklärte,

sie werde selbst die Zeilen beantworten und auch alle Maßnahmen treffen.

Und so geschah es; die energische Frau schrieb sogleich mit fester Hand

an ihren Schwiegersohn:

‚Die Zeilen, welche Sie an Herrn Peter Wille gerichtet haben, sind von

demselben meinem Manne, der sich, wie ich selbst, auf Holzwerder

befindet, übergeben worden. Da wir erst dadurch in den Besitz Ihrer

jetzigen Adresse gelangt sind, unterblieb bisher die Mitteilung, daß

wir unser kleines, durch schlechte Pflege äußerst vernachlässigtes,

fast an seinem Leben bedrohtes Enkelkind zu uns genommen und auch die

Verwaltung von Holzwerder, an welchem wir Ihnen alle Rechte

abstreiten, angetreten haben. Ferner zur Nachricht, daß unser

bisheriges Bankhaus in Elsterhausen von uns beauftragt worden ist,

einlaufende Gelder zwar wie früher in Empfang zu nehmen, aber

lediglich zur Verfügung des Gerichts zu halten und fortan Zahlungen an

niemanden, auch an Sie nicht mehr zu leisten.

Todsünden · 第 20 / 23 题