Verlag des Vereins der Bücherfreunde

1891

Hermann Heiberg.

Unter den großen Verdiensten, die der Träger dieses vielgefeierten

Namens sich erworben, steht nicht in letzter Linie das: in jenen

drangvollen Zeiten, als eine kraftvolle Gegenwartskunst mit einer

schwächlichen Nachklangskunst zusammenprallte, der neuen Dichtung in den

weiteren Kreisen des bis dahin gleichgültig gebliebenen Publikums Bahn

gebrochen zu haben.

Es geschah dies durch seine Bücher „Plaudereien mit der Herzogin von

Seeland“ und „Apotheker Heinrich.“

Aber wie, Heiberg ein Bahnbrecher? Er war allerdings sehr viel weniger

ein solcher, als die, welche das Wort Realismus auf ihre Fahne

geschrieben hatten. Er — so wenig wie Theodor Fontane — brach auch

keineswegs so ganz mit der Vergangenheit, wie jene es zu thun meinten;

er — so wenig wie Theodor Fontane — stellte keine großartigen, langatmigen

und langweiligen Programme auf; er — so wenig wie Theodor

Fontane — spielte sich als Begründer einer ganz neuen, noch nie

dagewesenen Poesie auf. Dafür vollbrachten Theodor Fontane und Hermann

Heiberg realistische Thaten; sie waren unter den ersten in Deutschland,

welche die Wirklichkeitskunst begründeten. In den siebziger Jahren

erschien ganz im Stillen Fontanes „L'Adultera“; Heiberg schrieb 81 seine

graziösen, entzückenden Plaudereien und zwar nur, „um seine mißmutigen

Gedanken zu töten,“ keineswegs aber, am allerwenigsten, um Belegstücke

zu liefern, welche die einzige Berechtigung des neuen Dogmas darthun

sollten.

Er schrieb sie freilich gerade in der Zeit, als jener heiße Kampf

entbrannte; doch hat das vielleicht nicht so sehr den maß- und

geschmackvollen Realismus, der seine Dichtungen kennzeichnet,

hervorgerufen, als sein durch seine Vergangenheit geschärfter

Wirklichkeitssinn. Er _war_ Realist, er wurd' es nicht erst. Denn er

hatte gelebt, und er hatte erlebt, eh' er die Feder ergriff; er war ein

reifer Mann, als er sein erstes Buch schrieb; er erfüllte buchstäblich

die Forderung der Concourts, (wenn ich nicht irre, waren es die beiden

Brüder, welche sie aufstellten,) daß man erst vierzig Jahre zählen

müsse, bevor man sich Realist nennen dürfe. Aber Realist! Meines Wissens

hat sich Heiberg nie so genannt, und da seine Bücher nicht „die einzige

Berechtigung des Realismus“ beweisen wollten, da er sich nicht auf ein

einseitiges Dogmenverkünden und Dogmenbeweisen kapriziert hatte, sondern

in Wahrheit nichts anderes als _wirken_, nämlich die Sinne und die Seele

des Lesers nach seinem Willen regieren, sie mit den Bildern und

Vorstellungen, welche seine Ideen forderten, füllen wollte — etwas, was

bis jetzt alle Dichter seit Homer, ohne Ausnahme, erstrebten —, so nahte

seinen Büchern das Publikum sich unbefangen und ohne jegliche

Voreingenommenheit. Dem Publikum ist es nämlich in der That ja ganz

gleichgültig, wer vor ihm steht, ob es ein Idealist, Romantiker, Realist

oder was immer sei — als ob überhaupt die Wirklichkeit diese Gegensätze

so scharf begrenzt anseinanderhielte! — es will nur eins: es will

bezwungen sein; der Leser wünscht zu fühlen, daß der Künstler Gewalt

über ihn habe, er will sein Gefangener sein...

Heiberg bezwang das Publikum; er fesselte es mit Rosenguirlanden in

seinen entzückenden Plaudereien; aber aus seinen folgenden Büchern — ich

denke hier besonders an den „Apotheker Heinrich“ — langte es mitunter

zugleich wie ein Paar grauer Schattenarme, die sich Einem unvermerkt um

den Hals schlangen, fester und fester... und die uns mit unheimlicher

Gewalt tiefer und tiefer in das Buch und seine Geschichten hineinzusehen

zwangen, bis langsam sich die Spannung löste und ein hinreißender Humor

uns den Alp von der tiefaufatmenden Brust wälzte... Was sag' ich? in das

Buch? In das Leben, in das Leben, wie es ist! In allen seinen folgenden

Arbeiten, wenn auch in einzelnen bisweilen die Kraft des Dichters

nachzulassen schien, steckte ein Element der Ursprünglichkeit, ein

naives, leidenschaftliches Ergreifen der Dinge, wie es Einem lange nicht

vorgekommen. Und dabei doch wieder: man fühlte sich so wohl bei Heiberg;

er hat etwas Aristokratisches, Vornehmes, Weltmännisches; bei ihm

vereinigte sich Weltton mit Frische, heitere Laune mit einer

schneidenden Satire. Auch seine berückendsten Schilderungen waren durch

einen goldechten Humor verklärt. Dieser Humor gerade ist das

Auszeichnende der schriftstellerischen Persönlichkeit Heibergs: nicht

viele Dichter der gegenwärtigen Zeit können sich zu diesem

Erlösungsmittel durchringen, sie werden immer zwischen den

schmerzvollsten Gegensätzen hin und her geschleudert, und erleichtert

seufzen sie auf, wenn ihnen ein Begünstigter begegnet, und horchen auf

ihn, um zu lernen, wie man das schwere Leben leicht nimmt.

Und dringender wurde nun allgemach das Fragen: Wer ist dieser Mann? Wo

kommt er her? Nicht müßige Neugierde blos war es, die so forschte. Denn,

um es mit einem groben und beschränkten Wort zu sagen: Was Einer ißt,

das ist er. Meine Leser verstehen sicher, was ich meine.

Man erfuhr nach und nach folgendes.

Hermann Heiberg ist am 17. November 1840 in Schleswig, der jetzigen

Provinzialhauptstadt, als Sohn eines Rechtsanwalts geboren. Die

Heibergs, eine angesehene Patrizierfamilie, spielten in der kleinen

Stadt seit langem eine große Rolle. Heibergs Mutter, die noch lebt,

entstammt dem gräflichen Hause Baudissin-Knoop. Er verlebte eine sehr

glückliche Jugend, man ließ ihm als Knaben Luft und Licht ... und er war

ein frischer, fröhlicher Junge, kein Stuben- und Ofenhocker. Seine

Jugend wirft denn auch einen lichten, lachenden Schein in all seine

Bücher,... er ist einer der größten und naturwahrsten Kinderdarsteller

der Gegenwart, ebenso wie er die Kleinstadt, in der eben seine Jugend

dahinfloß, meisterhaft zu vergegenwärtigen weiß. Nachdem Heiberg das

Gymnasium seiner Vaterstadt durchlaufen hatte, wollte er das Studium der

Rechte ergreifen; doch verhinderten die damaligen Wirrnisse in

Schleswig-Holstein und andere Umstände die Ausführung dieses

Entschlusses. Heiberg ward Kaufmann und zwar Buchhändler. Seine

Lehrjahre, die er später im „Januskopf“, diesem vortrefflichen

Buchhändlerroman, geschildert hat, absolvierte er in Kiel. Dann

übernahm er in Schleswig die selbständige Leitung einer von seinem Vater

begründeten, aber bisher von fremder Hand verwalteten Buchhandlung, die

er wenige Jahre später, nachdem er inzwischen ein Jahr in Köln gewesen,

als Eigentum an sich brachte. Nach dem Krieg von 1866 verkaufte er sein

aufblühendes und mit einer eigenen Druckerei versehenes Geschäft, um

nach Berlin zu übersiedeln. Hier ward er vorerst geschäftlicher Leiter

der Nordd. Allg. Ztg., dann der Spenerschen Zeitung, doch bald wurde der

energische und tüchtige Mann in die Direktion der Preußischen

Bankanstalt berufen. In seiner neuen Stellung sammelte er die

vielseitigsten Erfahrungen, zumal sie ihn zu häufigen und ausgedehnten

Reisen durch Deutschland, die Schweiz, Holland, Belgien, Dänemark,

Frankreich und England veranlaßte. Wo ist ein Schriftsteller mit einer

so eigentümlichen und bewegten Vergangenheit, ein Schriftsteller, der

als thätiger Mann im Leben stand, nicht es als müßiger Zuschauer

beobachtete?... Die Bank liquidierte; er stellte sich auf eigne Füße und

beschäftigte sich vorwiegend mit der Einleitung zur Finanzierung von

Eisenbahn- und Tramway-Unternehmungen; erhielt auch einige male allein

oder im Verein mit anderen bedeutsame Vertretungen — so war er z.B.

einmal vorübergehend Bevollmächtigter der chinesischen Regierung für

eine Finanzierung in London —, zog sich aber endlich doch, mehrfach um

die Früchte seines Fleißes und seiner Geschicklichkeit gebracht und

grenzenlos angewidert von allem, was „Geschäft“ heißt, zurück. Im Jahre

1881 schrieb er dann, „um meine mißmutigen Gedanken zu töten,“ wie er

sagt, jene reizenden „Plaudereien mit der Herzogin von Seeland.“ Der

große Erfolg, den dieses anmutige und originelle Buch fand, ermunterte

ihn zum Weiterschaffen, und so lebt er denn noch jetzt als

Schriftsteller in Berlin W., an der Seite einer liebenswürdigen Frau,

mit der er sich 1865 vermählt hat, umgeben von einem blühenden

Kinderkreis, rastlos und erfolgreich thätig.

Hiermit legt der Verein der Bücherfreunde der deutschen Leserwelt sein

neuestes Werk vor.

* * * * *

Es war Herbstzeit, doch bisher hatte kein Sturm die Bäume ihrer Blätter

entkleidet. Wohin das Auge blickte, sah es noch Laub, aber die Wälder

hatten doch ihr Aussehen bereits verändert: wundervolle kupferrote und

in scharfem Eiergelb prangende Farben tauchten neben dem Grün, das der

Sommer gezeigt, auf, und wie mit Silber bedeckt erschien ein einzelner

Baum, der, hoch die andern überragend, emporstrebte aus einem

parkartigen Gehölz, welches das versteckt und düster gelegene Erbgut

Falsterhof rings umgab.

An einem solchen Herbsttage, um die Dämmerung, wandte sich ein Mann, der

eben die Dreißig zurückgelegt hatte, in die zu dem Gute führende

Kastanienallee.

Aber bald hemmte er seine Schritte und horchte gespannt nach dem Hofe

hinüber. Als von dort das Gebell eines Hundes an sein Ohr schlug,

änderte er, den unheimlich klugen Mund in dem scharfknochigen, bartlosen

Gesicht bewegend, die Richtung, zwängte sich durch zwei eine stille,

große Wiese flankierende Feldsteine hindurch und ging, wiederholt

vorsichtig um sich schauend, auf einem Umwege dem Gehöft zu.

Nach zehn Minuten hatte er ein zur Linken des Herrenhauses sich

hinstreckendes, dichtes Gehölz erreicht, durchschritt es, bis er an

einen Gemüsegarten gelangte, und schlich dann an einem diesen

begrenzenden Wirtschaftsgebäude entlang. Hier übersprang er, den

gebahnten Weg verlassend, einen mit Brennesseln bestandenen Graben und

befand sich zuletzt nur noch wenige Schritte entfernt von einem hier

emporragenden Flügel des Gutshauses.

Es war ein wohl über zwei Jahrhunderte alter, aus breiten, starken

Backsteinen abgeführter, verwitterter Bau, umrankt von Epheu und

Schlinggewächsen, und dem Auge um so unfreundlicher und düsterer

erscheinend, als die Fenster tief eingeladen waren, und große Bäume ihn

beschatteten.

Vor zwei Monaten war, über siebzig Jahre alt, der Besitzer von

Falsterhof, Klaus von Brecken, gestorben, und seit vierzehn Tagen

kämpfte seine ebenso alte Frau Marianne, geborene Sand, mit dem Tode.

Das wußte der Mann, der hier horchend still stand und sich so Gewißheit

verschaffen wollte über Verlauf oder Ende der Krankheit.

Das Schlafzimmer der Greisin lag nach hinten hinaus; es schaute mit

seinen Fenstern auf einen jetzt von dem Fremden betretenen, von Gebüsch

eingefriedigten kleinen Rasenfleck. Monate konnten vergehen, bevor es

jemandem einfiel, diesen abgeschiedenen Winkel zu beschreiten; so war

denn der Späher sicher, daß niemand ihn beobachten werde.

Nun drückte er sich hart an die Mauer, bestieg einen an sie gelehnten

Feldstein und schaute ins Innere des Hauses.

Eben fuhr der Abendwind durch Gebüsch und Bäume und fing sich stürmisch

in dieser Ecke. Aber Tankred von Brecken, der Besitzerin Neffe, kümmerte

sich nicht darum.

Mit Luchsaugen beobachtete er, was drinnen im Krankenzimmer vorging. In

einem hohen Bett mit verblichenen, grünseidenen Gardinen lag die alte

Frau mit gefalteten Händen; eine Lampe brannte auf dem Tisch mitten im

Zimmer; daneben Medizinflaschen, Gläser, Leinewand, Schwämme und

Schachteln.

Alte, schwere Möbel standen ringsum; ihr Äußeres bekundete Gediegenheit

und Wohlhabenheit; so ernsthaft schauten sie drein, als empfänden sie,

was sich hier abspielte, als hörten sie das Röcheln der Kranken, als

sähen sie das blasse, schmerzverzehrte Angesicht einer jungen Frau, die

sich in einen großen, seidenbezogenen Lehnsessel niedergelassen hatte

und nun schon seit zwei Tagen und Nächten von der Sterbenden, ihrer

Mutter, nicht gewichen war.

Vor einigen Jahren hatte Theonie Cromwell ihren Mann, einen jungen

Ingenieur, nach dreimonatlicher Ehe verloren und war dann zu ihren

Eltern nach Falsterhof zurückgekehrt. Sie hatte kaum je einen Blick in

die Welt gethan, denn seit ihrer Geburt war sie nur zweimal für kurze

Zeit vom Gute fortgewesen. Gouvernanten hatten ihren Unterricht

geleitet; als sehr spät geborenes, einziges Kind hatten ihre Eltern sie

nicht missen wollen und jene Methode der Erziehung zur Anwendung

gebracht, die, einem unbewußten Egoismus entspringend, mehr den Eltern

selbst als den Kindern zu gute kommt.

Was sich jetzt diesem jungen Leben eröffnete, war schmerzlich genug.

Theonie war zwar Erbin des großen Besitzes, aber stand völlig allein in

der Welt da. Der einzige Verwandte, den sie besaß, war Tankred von

Brecken, derselbe, der eben versteckt ins Krankenzimmer spähte. Aber

schon bei der ersten, vor vier Monaten erfolgten Begegnung mit ihm hatte

sich ihrer eine unauslöschliche Abneigung gegen ihn bemächtigt. Tankred

war glatt, höflich und zuvorkommend, aber sein Antlitz, das Theonie an

die Züge eines Verbrechers erinnerte, von dem sie einmal ein Bild in

einem Buche gesehen hatte, schuf in ihr ein Urteil über seinen

Charakter, von dem sich ihre Vorstellungen nicht zu lösen vermochten.

Tankred war der einzige Sohn eines jüngeren Bruders des verstorbenen

Herrn von Brecken, der alles durchgebracht und zuletzt von den

Wohlthaten des Besitzers von Falsterhof gelebt hatte. Auch Tankreds

Mutter lag unter der Erde, man sagte, aus Gram über die Verkommenheit

ihres Sohnes, der früher als Schreiber auf adligen Gütern thätig gewesen

war, aber nirgend seine Stellung hatte behaupten können und sich

zuletzt — gleich nach dem Ableben seiner Mutter — auf Falsterhof

eingefunden hatte. Hier saß er nun schon seit Monaten umher, erklärte,

sich trotz seiner Bemühungen keine neue Thätigkeit verschaffen zu

können, und fand in Theonies Mutter, die ganz von seiner Art und seinem

Wesen eingenommen war, genügenden Rückhalt, um sein Faulenzerleben

fortzusetzen.

Ganz allmählich hatte er sich zum Herrn der Situation in Falsterhof zu

machen gewußt; er bewohnte die Zimmer des verstorbenen Hausherrn,

rauchte dessen zurückgelassene Zigarren, bediente sich seiner Pfeife

und schritt mit seinem Feldstock über das Gut.

Taschengeld steckte ihm die Tante zu, und bevor ihre Krankheit sie

ergriffen, hatte sie sogar darauf Bedacht genommen, daß ihm bei Tisch

nichts vorgesetzt wurde, was er nicht mochte, und daß ihm

Bequemlichkeiten zu teil wurden, wie man sie nur älteren und besonders

geschätzten Personen verschafft.

Tankred sprach mit solcher Offenheit über sein Vorleben, drückte eine

anscheinend so ehrliche Reue darüber aus, seinen Eltern Kummer bereitet

zu haben, legte einen solchen Abscheu davor an den Tag, in alte,

schlechte Gewohnheiten zurückzuversinken, und wußte seine Tante in so

geschickter Weise zu umschmeicheln, daß die Frau sich völlig umgarnen

ließ und alle ihre Vernunft, die ihr doch bisweilen etwas anderes

zuflüsterte, gefangen gab.

„Du bist nun einmal durch Tankreds Vorleben gegen ihn eingenommen,

Theonie!“ hatte sie ihrer anfangs noch schüchterne Einwendungen

machenden Tochter gesagt. „Menschen können sich doch ändern! Diesen

jungen Mann haben die Lebenserfahrungen früh weise gemacht. Ich glaube

an seinen ehrlichen Willen und an sein Herz und bin überzeugt, daß er

fortan nur grade und gute Wege gehen wird.“

Am Tage vor dem Eintritt ihrer Krankheit hatte Frau von Brecken sogar

fallen lassen, daß es vielleicht ein guter Plan sei, Tankred zum

Oberverwalter des Gutes und des Vermögens einzusetzen, ihm auf diese

Weise Thätigkeit und Erwerb zu geben und die Pflichten natürlicher

Rücksicht gegen den einzigen Verwandten zu üben, den sie noch auf der

Welt besäßen.

Mit allen Zeichen höchsten Schreckens hatte Theonie dem zugehört.

„Mutter, ich bitte Dich, welch ein Gedanke! Schrieb uns nicht Tante noch

sechs Wochen vor ihrem Tode, daß Tankred wegen Veruntreuung vom Grafen

Thorley auf Rinteln entlassen sei? Soll ich den Brief hervorholen, in

welchem sie, daran verzweifelnd, jemals einen braven Menschen aus ihm zu

machen, seinen Charakter schildert? Steht es dort nicht geschrieben, daß

man sich um so mehr vor ihm hüten müsse, als er ein großer Künstler in

der Verstellung sei, daß er die Herzen der Menschen umstricke, sich

ihnen füge und anbequeme, aber stets ein verstecktes Ziel dabei im Auge

habe? So lautet das Urteil der eigenen Mutter, und Du, die Du doch

erschrocken warst über sein plötzliches, unaufgefordertes Erscheinen

hier, schwörst nun auf seine Tugend und denkst sogar daran, unser

Eigentum seiner Hand anzuvertrauen? Ich wollte, der schreckliche Mensch

wäre erst aus dem Hause, ja, mir scheint, wir müßten eher große Opfer

bringen, um ihn für immer von uns zu entfernen, als daß wir darüber

sinnen, ihn an uns zu fesseln. Weißt Du, was ich glaube? Nicht nur zu

Unehrlichkeiten, zu leichtfertigen Streichen ist er fähig, sondern unter

Umständen zu einem Verbrechen!“

„Theonie! Theonie!“ rief die alte Dame entsetzt und für ihren Neffen

Partei nehmend. „Welche Gedanken! Meine Schwägerin, Deine Tante, war

eine kalte, mißtrauische Natur. Sie erzog ihren Sohn lediglich aus

Pflichtgefühl. Liebe empfand sie weder für ihn, noch für ihren

verstorbenen Mann. Obgleich sie seine Mutter war, war ihr Urteil im

schlechten Sinn getrübt. Sie ließ überhaupt keinem etwas Gutes, sie sah

stets nur die Schattenseiten der Menschen. Tankred wurde leichtsinnig

und genußsüchtig, weil sein Vater ihm ein trauriges Beispiel gab, und

die Mutter ihm nie einen Funken Liebe zeigte, aber er ist nicht

verdorben, nicht schlecht, berechnend oder gar verbrecherisch. Grade

Menschen wie Tankred bringt man oft am sichersten zur Umkehr, wenn man

ihnen Vertrauen schenkt. Ihr ersticktes Ehrgefühl erwacht dann, und sie

bestreben sich, zu zeigen, daß sie doch im Grunde etwas anderes sind,

als wofür man sie hält.“ — —

Nachdem Tankred fast eine Viertelstunde seine Tante und Kousine

belauscht hatte, wich er zurück und schien auf Grund der von ihm

gemachten Beobachtungen zu einem Entschluß gelangt zu sein. Aber rasch,

wie von einem plötzlichen Anruf umgestimmt, wandte er sich wieder um,

als nun eben ein Schrei aus dem Innern durch Fenster und Mauern drang

und ihn belehrte, daß in diesem Augenblick sich etwas Entscheidendes

zugetragen habe. Er sah, als er wieder ins Gemach spähte, daß seine

Kousine sich mit allen Anzeichen des Schreckens und Schmerzes über ihre

Mutter herabbeugte und der offenbar ihre letzten Seufzer aushauchenden

Greisin behülflich war, die Todesqual leichter zu überwinden. Das

Stöhnen und Ächzen, das Tankred aufgescheucht hatte, wiederholte sich;

schrecklich verzerrten sich die Züge der Sterbenden, und kaum fünf

Minuten später hatte Frau von Brecken ihren Geist aufgegeben.

Rasch wie der Blitz verschwand nun der Kopf Tankreds vom Fenster. Mit

wenigen Sätzen hatte er den kleinen Wiesenplan und den Graben

übersprungen, und bald befand er sich, wieder den Weg durch das Gehölz

einschlagend, abermals in der Allee.

* * * * *

Vor einer Stunde war die alte Frau von Brecken beerdigt. Eben war

Theonie von dem Begräbnis zurückgekehrt und sank nun in ihren oben im

Hause belegenen Gemächern an dem Tisch nieder und ließ das Haupt auf den

ausgestreckten Armen ruhen. In ihrem Innern hatte nichts anderes Raum

als der Schmerz, verstärkt durch das Gefühl einer grenzenlosen

Vereinsamung und — Furcht.

Außer ihr wohnten in dem großen Hause nur zwei Mädchen und ein bejahrter

Diener ihres verstorbenen Vaters, ein zuverlässiger, aber eigentümlicher

alter Mann, der etwas schwerhörig war. Das Haus des Pächters von

Falsterhof lag fast eine Viertelstunde entfernt hinter dem Park, und der

Pächter selbst war einer jener streng redlichen, aber plump graden

Menschen, die man respektiert, aber nicht eben liebt. Da er

unverheiratet war, führte ihm seine alte Schwester die Wirtschaft, und

auch sie war wenig zugänglich.

Im Herrenhaus befanden sich zur Linken im Parterre die gemeinsamen

Wohngemächer, die sich bis in den Flügel ausdehnten; zur Rechten lagen

die Räume, in denen jetzt Tankred sich breit machte, und oben

Fremdengelasse und Theonies Zimmer. Im andern Flügel waren die Küche und

die Gesindezimmer. Man mußte eine breite, beschnittene Hecke

durchschreiten, wenn man von der Hinterfront des Hauses in das Gehölz

gelangen wollte, welches sich dort düster hinstreckte. Auch vorn standen

große, die Zimmer verdunkelnde Linden, und den Hof begrenzte der durch

Stakete eingefriedigte Gemüsegarten mit hohen Gebüschen. So drang denn

nie Licht, kaum Helle in die unteren Gemächer, und das Herrenhaus machte

von außen und innen einen unheimlich düsteren, melancholischen Eindruck.

„Was nun?“ drang's unwillkürlich und mit grenzenloser Schwermut aus

Theonies Munde, als sie nach Bekämpfung des ersten Schmerzes das Haupt

emporrichtete und, ihre Gestalt dehnend, sich im Zimmer umschaute.

„Was nun?“ Weit lag die Welt vor ihr, nichts fesselte, hinderte sie,

niemand beschränkte ihre Freiheit, und doch erschien ihr die Ferne, in

die sie schaute, von allen Seiten begrenzt, doch fühlte sie sich

gehemmt, als befände sie sich in einem Gefängnis.

Die Freude am Dasein war ihr, da sie nun den letzten Familienanhalt

verloren hatte, erloschen. Wenn sie sich vorstellte, daß sie ihr ganzes

Leben in Falsterhof verbringen sollte, kam's verzagend über sie, aber

ebenso sehr schrak sie davor zurück, sich anderswo in der Welt

niederzulassen. Alles hatte Reiz und Farbe für sie verloren.

Als zuletzt ihre Gedanken sich wieder dem Nächstliegenden zuwandten, dem

Tag und seinen Bedürfnissen, und auch Tankred vor ihren geistigen Augen

erschien, schüttelte sie sich in Grauen, und all ihr Denken und Sinnen

richtete sich darauf, in welcher Weise sie ihn würde entfernen können.

In den legten Tagen während der schweren, schon hoffnungslosen

Krankheit ihrer Mutter hatte er lügnerischer Weise erklärt, eine Reise

unternehmen zu müssen, da sich ihm unerwartet Ansichten auf eine

Stellung eröffnet hätten.

Vor seinem Fortgang hatte er in seiner schmeichlerischen Weise die

Kranke getröstet: wenn er wiederkomme, werde sie schon ganz die alte

sein, sie sehe bereits wohler aus, viele Jahre seien ihr noch beschert.

Er bedaure, grade jetzt Falsterhof verlassen zu müssen, ihr nicht

Gesellschaft leisten zu können, aber er halte es für seine Pflicht, eine

gute Gelegenheit zur Erlangung einer Stelle nicht vorübergehen zu

lassen. Unter einer Pflege, wie Theonie sie ihr biete, sei die Kranke

besser aufgehoben als unter irgend einer andern; das beruhige ihn.

Und dann hatte er Theonie voll Zärtlichkeit umarmt, sie mit seinem

demütigen Blick gestreift und war abgefahren.

Während sich die alte Dame in Lobsprüchen über ihn erging, dachte

Theonie ihr Teil. Sie durchschaute ihren Vetter; ihr Mißtrauen, ihre

Abneigung verschärften ihre natürliche Menschenkenntnis. Sie war

überzeugt, daß er nur ging, weil es ihn langweilte, bei der Krankheit

und dem Ende der alten Frau zugegen zu sein und Rücksichten zu üben,

durch deren Vernachlässigung er sich in ein schlechtes Licht stellen

würde. Er werde, sie war dessen sicher, erst wiederkehren, wenn alles

vorüber wäre, wenn ihm keine Lasten mehr aufgebürdet werden könnten. Er

wußte auch, daß sie, Theonie, ihn nicht herbeirufen werde.

Tankred kannte nur sich; um seiner Behaglichkeit keinen Abbruch zu

thun, scheute er weder Lüge noch Verstellung. Alles, was ihn irgendwie

genieren konnte, suchte er möglichst aus dem Wege zu räumen. Und in der

That war er erst wieder in Falsterhof eingetroffen, nachdem die Leiche

bereits aus dem Hause geschafft und in der Kirchhofkapelle des eine

Stunde entfernten Gutsdorfes Breckendorf niedergesetzt war.

Nun heuchelte er Überraschung, Trauer und Leid, so spät — zu spät

gekommen zu sein! Aber schon eine Viertelstunde später bemerkte ihn

Theonie, vergnüglich eine Pfeife rauchend, im Park. Sicher hätte ihn das

Herabfallen eines Spatzen vom Dach nicht mehr berührt als der Tod seiner

Verwandten und Wohlthäterin.

Theonie sah alles kommen. Die Stelle hatte er nicht erhalten; nur zu

begreiflich, weil gar keine in Aussicht gestanden, und er auch nicht die

Absicht gehabt hatte, eine anzunehmen. Wenn vier Wochen, wenn acht

Wochen vorüberzögen, würde er sich noch auf Falsterhof befinden, wie

bisher zweimal die Woche in die Stadt Elsterhausen fahren und sich

amüsieren, zu Fuß und Wagen Ausflüge unternehmen, Gutsbesitzer der

Umgegend besuchen und die übrige Zeit essen, trinken, schlafen,

faulenzen und den Herrn spielen.

Und Theonie erwartete mit Sicherheit einen Heiratsantrag von seiner

Seite. Sie und damit Falsterhof zu seinem Eigentum zu machen, war sein

verstecktes Ziel. Nicht gleich — nicht überstürzt — er hatte Zeit zu

warten! Ihre Fragen, ihre Anspielungen, ihre deutlichen Wünsche würde er

umgehen, wohl aber dann und wann ihr dieselben Lügen auftischen wie

ihrer verstorbenen Mutter: daß er sich um Thätigkeit und Verdienst

bewerbe und Aussicht habe, sie zu finden.

Und wenn sie dann erklärte, eher sterben zu wollen, als ihn heiraten,

wenn sie zulegt die Forderung an ihn stellte, Falsterhof zu verlassen,

dann würde die Maske fallen, und sein wahres Gesicht zu Tage treten. Und

dieses Gesicht hatte sie jüngst im Traume gesehen — es war die

Physiognomie eines beutehungrigen Schakals gewesen.

Tankred hatte schreckliche Fäuste, — er zerbrach mit den Fingern einen

eisernen Ring, — er hatte fürchterliche Backenknochen, er besaß die

herkulischen Schultern eines Einbrechers, er hatte in unbewachten

Momenten die Augen eines Raubvogels.

Mitten in ihren Gedanken schnellte Theonie empor und begab sich mit

einer gewissen Hast in das Privatzimmer ihrer Mutter, schloß hinter sich

die Thür in dem düsteren Raum und öffnete die Pultschublade der

Verstorbenen. Sie wollte das, wie sie wußte, hier liegende Testament

ihres Vaters an sich nehmen. Eine plötzliche Unruhe und Angst, daß es

von Tankred beiseite gebracht werden könne, daß es gar schon von ihm aus

der Schublade entfernt sei, hatte sie ergriffen.

Mit zitternden Händen und fliegendem Atem suchte sie. Als sie das

Dokument nicht gleich fand, stockte ihr Herzblut, ihr war, als sei ihre

Furcht schon bestätigt, und wie von einer schrecklichen Last befreit,

hob sich ihre Brust, als sie endlich in einem der Fächer neben anderen

wichtigen Papieren das Gesuchte fand.

‚Mein letzter Wille‘ lasen ihre sich rasch verschleiernden Augen. Mit

den Schriftzügen ihres verdorbenen Vaters traten auch seine Gestalt und

sein Wesen vor ihre Seele, und eine namenlose Sehnsucht nach dem

Dahingeschiedenen bemächtigte sich ihrer.

Ihr Blick durchstreifte das Gemach und ging weiter in das Wohnzimmer.

Dort an dem Tisch hatte er mit seinem freundlichen Gesicht gesessen, und

neben ihm die Unvergeßliche, der Theonie nun eben das letzte Geleit

gegeben. Ihr Leben, viele Einzelheiten ihrer Jugendzeit, die letzten

Jahre, auch die Erinnerung an ihren verstorbenen Mann traten in ihr

Gedächtnis, und abermals kam's über sie wie Gewitterschwüle. Angst und

Grauen bemächtigten sich ihrer Seele und ließen sie nicht.

Der sie sonst anheimelnde, eigene Duft der Räume, der Geruch von

verwelktem Reseda und Rosen legte sich ihr schwer und atembeklemmend auf

die Brust, und als nun die Thürglocke anschlug, und der Hund, der immer

bellte, wenn Tankred ins Haus trat, sich laut rührte, als sie wußte, daß

er eben den Flur beschritten, raffte sie, als habe sie ein Verbrechen

begangen, das Testament an sich, versteckte es mit hastiger Bewegung

unter ihrem Mieder und schloß rasch das Pult.

Dann setzte sie sich aufrecht und horchte gespannt. — Nichts — Tankred

schien sich in den Garten begeben, seine Gemächer nicht betreten zu

haben.

Nachdem sie noch eine Weile zaudernd dagesessen, gingen ihre Blicke bald

auf die Thür, bald auf das nach dem Park sich öffnende Fenster. Und als

sie nun eben zum zweitenmal dorthin schaute, mehr unwillkürlich als

bewußt, schrie sie auf, denn sie sah den scharfknochigen Kopf ihres

Vetters mit luchsartig gespannten Augen ins Zimmer spähen und sie

beobachten. Freilich verschwand sein Gesicht mit Zauberschnelle, als

ihre Blicke sich mit allen Zeichen des Schreckens auf ihn richteten;

doch als sie, entschlossen aufspringend, hinausschaute, um sich zu

vergewissern, ob es Wirklichkeit oder nur ein Bild ihrer Phantasie

gewesen, lagen der kleine Rasenfleck und der Graben mit den hohen

Brennnesseln wie immer einsam und menschenleer vor ihr. Nun schloß sie

die Thür des Kabinets auf, eilte die Treppe zu ihren Gemächern empor und

machte sich, nachdem sie einigermaßen ihre Ruhe zurückgewonnen, an die

Durchsicht des Testaments. —

Theonie war groß und schlank, fast ein wenig zart gebaut, besaß sehr

schöne, regelmäßige Züge, weiße Hände und schmale Füße und jenes

Zurückhaltende in der Erscheinung und im Wesen, das die Männer reizt, in

das Innere einer Frau einzudringen, und sie zu Versuchen anstachelt,

ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie hatte jenes Unpersönliche in ihrem

Blick und in ihrer Art, das leicht zu dem Schluß gelangen läßt, der

damit Behaftete sei nur mit sich beschäftigt, interesselos und hochmütig

oder so sehr durch anderes abgelenkt, daß vorliegende Dinge ihn nicht

fesseln. Aber oft ruht grade unter solcher Oberfläche Feuer und

Leidenschaft; diese Gleichgültigkeit ist dann der Schleier, den man

vorlegt, um unter ihm besser beobachten zu können; vielfach ist's auch

ein Produkt der Erziehung, welche Zurückhaltung als ein Gebot der

Schicklichkeit hinstellt, oder ein angeborener Mangel an Gefallsucht.

Das letztere war bei Theonie der Fall.

Sie besaß eine durchaus reine Seele, aber sie war nicht eben biegsam,

und ihre eigentliche Natur hatte sich nach der kräftigeren,

selbstbewußteren Seite hin bisher nur einmal bethätigen können, und zwar

nach dem Tode ihres Mannes.

Bis dahin war ihr Leben so ruhig, aber auch so ernst verlaufen, wie sie

selbst erschien. Ihr Vater hatte an der Scholle gehangen, in seinem

Willen und Wünschen ging ihre verstorbene Mutter auf; gleichmäßig

dahinfließendes, von Aufregung freies und kaum durch Zerstreuungen

unterbrochenes Dasein war aus eigener Neigung beider Eltern Teil

gewesen, und was sie selbst nicht empfunden und geschätzt, dafür hatten

sie auch bei Theonie keine Neigung vorausgesetzt.

Den Tod ihres Schwiegersohns hatten sie wohl ehrlich beklagt, aber die

Freude, ihre Tochter dadurch wieder gewonnen zu haben, überwog bald den

Schmerz und machte sie weniger empfindlich für die Trauer, die Theonie

um so mehr durchdrang, als sie mit dem Verlust ihres Gatten auch die

Aussicht und Hoffnung auf ein abwechslungreicheres, fröhlicheres und der

Welt mehr zugewandtes Leben begrub.

Daß sie fernerhin wieder auf Falsterhof leben und hier sterben werde,

stand für sie außer Frage. Das Glück, das ihr kurze Zeit gelächelt,

hatte sie schnell wieder verlassen, denn daß sie noch einmal einen Mann

lieben könnte, hielt sie für undenkbar. —

Als die Mittagsglocke nach alter Weise ertönte, war Theonie eben mit dem

Durchsehen des Testaments fertig und ging nun hinab, nun hinab, um im

Gartenzimmer mit Tankred das Diner einzunehmen.

Als sie in die Thür trat, schritt ihr Vetter mit dem Ausdruck tiefer

Teilname auf sie zu und drückte wortlos einen Kuß auf ihre Hand. Sie

litt es nur halb; bei seiner Berührung war's ihr, als ob ein böses Tier

sich ihr genähert habe, und nur mit Aufbietung ihres ganzen Willens

vermochte sie, ihm unbefangen zu begegnen.

„Ich fuhr nicht mit Dir zusammen vom Kirchhof zurück, Theonie,“ hub

Tankred, nachdem er sich niedergelassen, an, „weil Pastor Höppner noch

den Wunsch hatte, mich zu sprechen. Als ich an den Wagen eilen wollte,

um Dir dies mitzuteilen, warst Du schon fort. Aber vielleicht wünschtest

Du auch allein zu fahren?“

Die letzten Worte sprach Tankred mit Berechnung, und in sein Auge trat

trotz seiner gefügigen Mienen ein lauernder Ausdruck. Er wußte seit

seinem ersten Eintritt ins Haus, wie Theonie zu ihm stand; nur der

Wunsch, daß es anders sein möge, verwischte bisweilen sein klares

Urteil. So war es auch heute.

„Ja,“ erwiderte Theonie mit denselben fast unbeweglichen Ernst, mit dem

sie ihm begegnet war seit dem Beginn der Krankheit ihrer Mutter, „ich

hatte allerdings das Bedürfnis, mich abzuschließen, und hätte Dich sogar

gebeten, mich allein fahren zu lassen.“

Er nickte und besann sich. Dann sagte er, ihrer stummen Frage, ob er

mehr Suppe begehre, durch Hinreichen des Tellers entsprechend,

einschmeichelnd: „Ich bin also beruhigt, Theonie. Freilich würde ich

glücklicher sein, wenn Du den Wunsch gehabt hättest, in meiner Nähe zu

sein. Ich hätte dann doch einmal empfunden, daß Du ein etwas warmes

Gefühl für mich besitzest.“

„Nein, ich besitze es nicht!“ gab die Frau ehrlich zurück.

Nie war Theonie ihrem Vetter bisher so begegnet. Wohl war sie ihm stets

ausgewichen, aber über ihre Lippen war noch keine Silbe gedrungen, die

auf Freundschaft oder Abneigung hätte schließen lassen können.

Ihn erschreckte deshalb ihre Offenheit nicht wenig, und er horchte

gespannt auf. Wollte sie fortan aus ihrer stummen Abwehr heraustreten?

Wollte sie rasch und ohne Rücksicht das Band zwischen sich und ihm

durchschneiden? Er mußte es wissen, es drängte ihn heiß, und statt ihre

Worte zu umgehen oder etwa in leichter Weise darauf zu antworten, sagte

er unvermittelt: „Weshalb hassest Du mich, Theonie? An dem Begräbnistage

Deiner Mutter sei einmal aufrichtig gegen mich. Vielleicht gelingt es

mir doch, Dir eine bessere Meinung von mir beizubringen.“

Sie gab keine Antwort, sie benutzte das Eintreten Freges, des Dieners,

und sagte mit dem gehobenen Ton, mit dem man dem Alten bei seiner

Schwerhörigkeit begegnen mußte:

„Es fehlt ein Löffel, Frege! Auch bringen Sie eine Flasche Wein.“ —

Als der Diener gegangen, sah sie ihres Vetters Auge auf sich gerichtet

mit jenem Blick, der zur Rede auffordert, und senkte das ihrige.

„Nun? Du willst mir nicht antworten, Theonie?“

Jetzt begegnete sie einem schreckenerregenden Ausdruck in seinem

Gesicht; deutlicher Haß spiegelte sich in seinen Mienen, obschon er sie

rasch wieder glättete.

Da ging's durch ihr Inneres, ob's nicht, um zum Ziel zu gelangen, klüger

sei, sich auch zu verstellen, wie er es that. Eine nicht zu bannende

Furcht kam über sie; so sehr lag sie unter dem Druck ihrer bangen

Ahnungen, daß sie aufatmete, als Frege wieder ins Zimmer trat und

zunächst den Löffel brachte. Sobald sich die Thür hinter ihm

geschlossen, sagte Theonie, vorsichtig jedes Wort wägend, aber auch die

Gelegenheit ergreifend, ihren Vetter über ihre Absichten nicht im

Unklaren zu lassen:

„Den Haß, von dem Du sprichst, habe ich keine Ursache, gegen Dich zu

empfinden. Da wir aber sehr verschiedene Naturen sind, werden wir uns,

glaube ich, nie recht verstehen und deshalb besser thun, von einander zu

bleiben.

Ich werde nicht vergessen, daß Du mein Verwandter bist, und werde die

sich daraus ergebenden Rücksichten so lange gegen Dich üben, wie Du sie

mir erweisest. Hoffentlich ist Dir das Schicksal auf Deinem späteren

Lebenswege günstig, und Du bedarfst meiner hinfort nicht. Sollte es aber

doch früher oder später der Fall sein, so sprich Dich gegen mich aus.

Ich werde Deine Wünsche zu erfüllen suchen, sofern sie meine Kräfte und

die Grenzen, die ich nur stecken muß, nicht überschreiten.“

Als Theonie mit ihrer Rede innehielt, neigte Tankred mit einem

gemischten Ausdruck schlecht unterdrückter Enttäuschung und dankbarer

Erkenntlichkeit kurz das Haupt und sagte: „Ich danke Dir für Deine

Gesinnungen. Daß Du jemals in die Lage geraten könntest, ‚meiner‘ zu

bedürfen, hältst Du wohl nicht für denkbar Theonie? Umfaßt der Reichtum

denn allein die Mittel, mit dem sich ein Mensch dem anderen hülfreich

erweisen kann?“

„Ich werde Dich nie um etwas bitten,“ entgegnete die Frau kalt, und von

der klug beobachteten Grenze zwischen Offenheit und Rücksicht, die sie

eben noch inne gehalten, abweichend. Aber sich ihres Fehlers bewußt

werdend, fügte sie rascher hinzu: „weil ich überhaupt niemandem etwas

schuldig sein möchte.“

In dem Gesicht des Mannes rührte sich nichts, obschon es in ihm wühlte.

„Du äußertest vorher, Theonie, daß wir nach Deiner Ansicht besser

thäten, uns fern von einander zu halten. Habe ich daraus den Schluß zu

ziehen, daß Du wünschest, ich solle Falsterhof verlassen? Ist dem so,

dann werde ich so bald wie möglich gehen, doch möchte ich Dich bitten,

mir noch so lange Aufenthalt bei Dir zu gewähren, bis ich eine Stellung

gefunden habe. Du wirst sagen, daß das nach den bisherigen Erfahrungen

lange dauern kann, aber endlich wird sich doch wohl etwas aufthun. Wenn

ich die Mittel hätte,“ — jetzt kam Tankred auf das, was ihm schon lange

auf den Lippen lag, — „würde ich mir selbst ein Eigentum erwerben oder

eine Pachtung zu übernehmen suchen, aber ich armer Teufel —“

„Du hast keinen Wein mehr. Darf ich Dir einschenken? Nein, hier ist eine

andere Flasche, bitte! — Ich möchte, um Deine Frage zu beantworten,

Falsterhof bald verlassen und mich auf einige Zeit zu den Verwandten

meines verstorbenen Mannes begeben. Natürlich werde ich Rücksicht auf

deine Wünsche nehmen,“ entgegnete Theonie, kühl ausweichend.

„Das ist eine deutliche Antwort, Theonie. Sagen wir also, Du erlaubst

mir, noch acht Tage zu bleiben.“

Sie gab keine Erwiderung.

„Ist das zu lange?“

„O — nein— “ Es kam sehr zögernd heraus, und diesmal wußte Theonie, was

sie sprach. Und doch, um seine Enttäuschung, die er nicht zu verbergen

vermochte, zu mildern, knüpfte sie rasch an den Schluß seiner vorherigen

Rede an und fügte hinzu:

„Du sprachst von Mitteln, deren Du bedürftest. Auch ohne diesen Hinweis

hätte ich Dich noch vor Deinem Fortgang gebeten, eine Summe, über die

ich verfügen kann, von mir anzunehmen. Sonst ist in dem Testament meines

Vaters alles so festgestellt, daß ich nur über die Zinsen zu disponieren

habe.“

Tankred horchte auf. Was er vernahm, klang seinem Ohr nur zum Teil

angenehm. Wenn sie die Wahrheit sprach, — und er vertraute ihr, obschon

er als Gewohnheitslügner selten annahm, daß andere redlich

verfuhren, — so konnte ihm nur aus einer Heirat mit Theonie ein Nutzen

erwachsen, wie er ihn im Auge hatte, und daß an eine solche nicht zu

denken, war ihm eben klar geworden.

Es kam nun darauf an, zu erfahren, über welche Summe Theonie

testamentarisch verfügte, und wie viel sie ihm davon zuzuwenden geneigt

sei. Sicher würde die Gabe um so geringer ausfallen, als er die wenige

Sympathie, die sie für ihn empfand, noch weiter verscherzte. Wollte er

ihrem guten Willen alles anheim geben, so mußte er die Krallen auch

ferner einziehen und sie geschickt umschmeicheln. Freilich, vielleicht

erlangte er mehr durch Drohung, durch Gewalt —? Das mußte abgewartet

werden. Vor keinem Mittel schreckte er zurück, zunächst aber wollte er

es im guten versuchen. Je nach dem Umfange der Schenkung, die sie ihm

anbieten würde, wollte er sein Verfahren einrichten.

„Du bist sehr freundlich, Theonie, und ich danke Dir nochmals von ganzem

Herzen,“ hub Tankred an. „Jede Unterstützung ist natürlich für mich von

Wert, da ich nichts besitze. — Hoffentlich fandest Du durch das Testament

alle Deine Wünsche erfüllt?“

Die letzten Worte sprach der Mann mehr, um glatte Reden zu machen, als

daß er sich etwas dabei gedacht hätte. Theonie aber nahm sie auf und

sagte:

„Du meinst? Ich verstehe nicht —“

„Nun, ich wollte sagen, Du erhieltest dadurch die Unabhängigkeit, nach

der Du verlangst.“

Sie schüttelte den Kopf, und scheinbar arglos, aber diesmal mit leiser

Berechnung, stieß sie heraus:

„Alles bleibt, wie es war. Kunth, der Pächter, zahlt wie früher die

Pacht an unsern Advokaten, und ich habe die Verfügung über die Zinsen,

wie zuletzt meine Mutter. Was mein Vater an barem Gelde erspart hat, das

heißt, das, was er nicht dazu verwandte, um Falsterhof schuldenfrei zu

machen, ist mein Eigentum, und ich kann darüber nach meinem Gutdünken

verfügen. Ich wollte Dir davon die Hälfte zuwenden, die andere den armen

Verwandten meines verstorbenen Mannes überweisen. Ich kann ja das Geld

entbehren, da ich mich mit den Zinsen reichlich einzurichten vermag.“

„Wie hoch schätzt man eigentlich den Wert von Falsterhof?“ fragte

lauernd Tankred, nachdem er ihre Rede mit leichtem, seinen Dank

ausdrückenden Kopfneigen bestätigt hatte, in einem äußerlich

uninteressierten Ton.

„Ich weiß es nicht. Ich verstehe von dergleichen wenig und habe mich nie

darum bekümmert. Ich freue mich nur, daß ich so viel habe, daß ich

sorgenfrei leben und anderen Gutes erweisen kann. Darin wird in Zukunft

ein Teil meiner Lebensaufgabe bestehen. Denn was sonst vor mir liegt,

ist einsam und recht freudlos.“

Tankred hatte die Frage nach dem Wert von Falsterhof nur aufgeworfen, um

seiner Kousine Sinn für Vermögensverhältnisse zu prüfen und danach

wieder die Wahrhaftigkeit ihrer übrigen Angaben zu bemessen. Er wußte,

daß für das Gut schon vor langen Jahren über viermalhunderttausend

Thaler geboten waren, und ihn ärgerte nur, daß sein verstorbener Onkel,

der pedantische Philister, die Hypotheken abgelöst hatte, statt Geld

anzusammeln.

Er brannte vor Neugierde, zu erfahren, wie groß die Summe sei, die

Theonie zugefallen war. Aber da sie, trotz ihrer Offenheit in allem

übrigen, damit nicht hervortrat, mußte er sich gedulden. Er sah keine

Möglichkeit, ohne sich durch eine direkte Frage bloßzustellen, dem, was

ihn beschäftigte, gesprächsweise auf die Spur zu kommen. Aber sein

Entschluß verstärkte sich: Wenn die Abfindung, die Theonie ihm bieten

würde, bedeutend war, wollte er Falsterhof verlassen, war's aber ein

Bettel in seinen Augen, so blieb er, um mit List oder Gewalt seine

geheimen Pläne zu verfolgen.

* * * * *

Als Tankred sich nach Tisch in des Onkels niederließ und bei der

angesteckten Pfeife die gegenwärtigen und kommenden Dinge nochmals

überlegte, drängte sich ihm auch die Sorge für das Nächstliegende auf.

Seine Tante hatte seit Beginn ihrer Krankheit nicht wieder gefragt, ob

er Geld bedürfe, und sein Barvorrat war ihm schon seit acht Tagen fast

ganz ausgegangen. Die Kosten für seine letzte Reise hatte Frege

bestritten, den er mit Hinweis auf die alte Dame um Geld angegangen war.

Abgesehen von dieser Schuld, die ihn an sich zwar durchaus nicht

drückte, denn er hatte die Mittel zur Befriedigung seiner Gelüste bisher

in der Welt stets genommen, wo er sie gefunden, die ihm aber wegen

seiner Stellung im Hause peinlich war, fehlten ihm die Mittel für das

Notwendigste. Er konnte nicht einmal ins Dorf in den Krug gehen, und der

Vorrat an Tabak und Zigarren aus dem Nachlaß des alten Onkels ging auch

zu Ende.

Die letzten Monate auf Falsterhof hatten ihn anspruchsvoller gemacht, er

fand manches an seiner Toilette auszusetzen, und allerlei Bedürfnisse

regten sich in ihm, die er früher aus Mangel an Geld notgedrungen hatte

unterdrücken müssen.

Natürlich! Je früher er Theonie seinen Entschluß kund gab, Falsterhof

zu verlassen, desto eher gelangte er in Besitz von Geld. Seine

Genußsucht und seine Ungeduld überwogen häufig seine Klugheit und

Selbstbeherrschung; auch in diesem Falle ging's ihm durch den Sinn,

lieber rasch zu nehmen, was er bekommen konnte, als den langen und

ungewissen Weg der Intrigue einzuschlagen. Aber dann überlegte er

wieder, wie groß der Unterschied sei zwischen dem, was er erreichen

werde, wenn er möglichst lange mit seiner Abreise zögerte, und dem, was

Theonie ihm jetzt wahrscheinlich bieten werde.

Er glaubte, seine Kousine ganz zu durchschauen. Wenn die Ungeduld sie

erfaßte, würde sie vielleicht die Abfindungssumme höher normieren. Also

warten, trotz allem warten!

Als er sich später in den Park hinaus begab und dort gegen seinen Willen

sein Gehirn wieder zu arbeiten begann, packte ihn plötzlich das

Mißtrauen, und ihn ergriff ein ungeduldiges Verlangen, einen Einblick in

das Testament zu gewinnen.

Dieser Gedanke beschäftigte ihn auch noch, als er sich im Stall von dem

Kutscher Klaus des alten Onkels Pferd satteln ließ und einen Spazierritt

unternahm.

In jedem Fall beschloß er, nachdem an diesem Abend sich alles in

Falsterhof zur Ruhe begeben, in der Tante Wohnzimmer zu schleichen und

nachzuforschen, ob er nicht etwa mit einem seiner Schlüssel zum Inhalt

der Schublade gelangen könne, an der er Theonie heute hatte hantieren

sehen.

Als er diesen Entschluß gefaßt hatte, hielt er unwillkürlich sein Pferd

an und warf einen Blick in die Gegend. Vor ihm — er befand sich auf einer

Anhöhe — lag im Thal das Gut Holzwerder, das einem Herrn von Treffen

gehörte. Die weißen Wände des Herrenhauses schauten malerisch aus dem

Grün hervor, und namentlich hoben sich links und rechts emporsteigende

Tannenwälder reizvoll von der übrigen Umgebung ab.

Tankred erinnerte sich der Mitteilungen seiner Tante über die

Verhältnisse der Familie Tressen. Diese waren eigentümlicher Art. Herr

von Tressen und seine Frau besaßen eigentlich nichts, alles gehörte der

Tochter. Von deren Gelde lebten sie, und schon oft war in der

Nachbarschaft die Frage ausgeworfen worden, wovon Tressens wohl

existieren sollten, wenn Grete von der Linden, die Tochter des

ursprünglichen Besitzers von Holzwerder und ersten Gatten der jetzigen

Frau von Tressen, einmal heiraten würde.

Während Tankred von Brecken noch auf der Höhe verharrte und nun eben

seinen nach den überhängenden Zweigen eines Knickes schnappenden Fuchs

wehrte, erklang hinter ihm das Geräusch von Schritten, und als er sich

zur Seite wandte, hörte er die Worte sagen: „Nicht wahr, es ist schön

hier? — Guten Abend.“

Der Mann, der sie sprach, hatte ein breites, ausdrucksvolles Gesicht,

ja, zwei Linien um den Mund waren so scharf, daß sie sich beim Sprechen

eingruben, als seien sie künstlich in die Haut gemeißelt. Der untere

Teil des Gesichts erhielt dadurch fast das Aussehen einer Maske, aber

die buschigen Augen blickten ruhig, und die energische Stirn, an die das

Haar schon etwas grau sich anschmiegte, zeigte keine Spur des Alters.

Der Fremde trug sich wie ein Verwalter oder Pächter, und er war auch der

Verwalter von Holzwerder.

„Ist wohl ein großer Besitz?“ hub Tankred, den Worten des Mannes durch

Kopfnicken beistimmend, an. „Ist dort unten am Fluß nicht die Scheide

zwischen Falsterhof und Holzwerder?“

„Ja, mein Herr — Ah —“ unterbrach er sich, als Tankred unter Nennung

seines Namens den Hut lüftete und sein Pferd in Bewegung setzte, „sehr

angenehm — Haben schwere Trauer drüben gehabt? Ja, ja, alles fegt die

Zeit zuletzt weg. Drum und dran —.“ Dieselben Worte wiederholte der Mann

noch mehrmals, ohne Beziehung zu seiner Rede und fuhr fort: „Aber um auf

Ihre Frage zu kommen, Herr von Brecken. Ja, da ist die Grenzscheide. Vor

langer Zeit gehörten die Güter zusammen, alles gehörte der Familie von

der Linden.

„Dann hat also diese an die Breckens verkauft?“

„So ist es! Die Lindens besaßen noch mehr Güter. Es war die reichste

Familie — drum und dran — in der Umgegend: aber der Großvater des

Letztverstorbenen wußte schon nicht zu wirtschaften, und“ — nun

erschienen die tiefen Falten — „so hat sich's nach und nach

abgebröckelt.“

„Aber immerhin ist wohl Holzwerder noch ein großes Gut?“ forschte

Tankred neugierig.

Der Mann zog die Nase und den Mund, er antwortete auch nicht gleich und

sagte erst nach einer Pause ausweichend:

„Ja, groß ist der Besitz — doch haben wir auch Lasten, — drum und

dran — ja, ja, gewiß, mancher würde die Finger lang ausstrecken, wenn er

Fräulein Grete von der Linden wäre.“

„Grete von der Linden?“ setzte Tankred an, als ob ihm die Verhältnisse

völlig fremd wären.

„Ja, sie ist die Besitzerin. Die alten Herrschaften leben aber auch auf

dem Gut. Übrigens, da kommt grade das gnädige Fräulein mit ihrer

Gesellschafterin her.“

In der That bogen zwei Frauengestalten um die Ecke, und Tankred sah eine

schlank gewachsene, in gesunder, zarter Fülle prangende Blondine. Grete

von der Linden, und eine etwas ältere Dame mit einem feinen,

geistvollen, aber blassen Gesicht vor sich.

Es erfolgte eine Begrüßung, doch Tankred, dem plötzlich ein berechnender

Gedanke durch den Kopf schoß, beschränkte sich nicht allein auf diese

Artigkeit, sondern ließ sich von dem Verwalter Hederich vorstellen.

Bald nahmen alle den Weg tiefer in das Thal hinab, und ein lebhaftes

Gespräch entspann sich zwischen Tankred, der die ganze Kunst seiner

Verstellung aufbot, um der Fremden zu gefallen, und der letzteren,

welches damit endete, daß sie ihn einlud, baldigst auf Holzwerder einen

Besuch abzustatten.

„Meine Eltern,“ erklärte sie, „sind seit einigen Wochen verreist. Dies

ist auch der Grund, weshalb sie sich nicht zum Begräbnis Ihrer Frau

Tante eingefunden haben. Sie kehren aber heute abend zurück und werden

sich sehr freuen, Ihre Bekanntschaft zu machen.“

Als dann an einer Wegbiegung Tankred den Fuchs, den er bisher hatte im

Schritt gehen lassen, anhielt und Miene machte, sich zu verabschieden,

ward er durch den etwas steifen und, wie ihm scheinen wollte,

mißtrauischen Blick der Gesellschafterin betroffen, während ihm

Hederich, der Verwalter, mit derber Zutraulichkeit die Hand schüttelte

und bat, daß Tankred auch ihm bei seinem demnächstigen Besuch nicht

vorbeigehen möge. — „Drum und dran — es wird mir eine große Ehre sein,

wenn Sie bei nur eingucken möchten, Herr von Brecken.“

Und dann setzte Tankred, noch einen verlangenden Blick auf die leicht

errötende Grete von der Linden werfend, sein Pferd in Trab.

„Ein eigenes Geschöpf,“ murmelte er im Weiterreiten. „Schön, sehr

selbständig und — klug. Aber auch kalt! Sie hat etwas im Auge, das

unnatürlich ist für ihr Alter. Nun, ich werde ja sehen — heute abend will

ich Theonie einmal über sie ausfragen.“

Als Tankred mit schon sinkendem Abend nach Falsterhof zurückkehrte, fiel

ihm auf, wie einsam, düster und abgeschlossen doch eigentlich der Besitz

belegen war: Der Pächterhof weit ab, in dem großen Hause die wenigen

Menschen, und außer ihnen nur in einem Katen neben dem Park der

zwiefache Funktionen besorgende Kutscher und Gärtner Klaus.

Und den Mann überfiel's, daß einmal in der Nacht Unwillkommene ins Haus

eindringen und stehlen und — morden könnten — ihn und Theonie —! Und bei

dem Gedanken an Mord dachte er, wie es wohl werden würde, wenn man

Theonie von fremder Hand erschlagen im Bette fände, wenn kein Glied der

Breckenschen Familie mehr auf der Welt sei — außer ihm — —!?

Unter solchen Vorstellungen warf er dem herbeieilenden Klaus die Zügel

des Fuchses zu, öffnete die Hausthür und trat, begleitet von dem

impertinenten Klingelton und dem Bellen des „verfluchten Köters“ Max,

dem er einen Fußtritt versetzte, in den Flur.

Die gnädige Frau hätten sich schon in ihr Zimmer zurückgezogen, sie

lassen sich entschuldigen, erklärte Frege, und leuchtete Tankred

zunächst in seine Gemächer und dann ins Speisezimmer, wo letzterer den

Tisch für sich gedeckt fand.

Als er sich niederließ, fand er neben dem Kuwert einen Brief, dessen

Inhalt ihn nicht wenig in Erstaunen setzte und beschäftigte.

Aber während er ihn las, waren zwei Augen von denselben Platze aus auf

ihn gerichtet, von dem er damals am Sterbeabend seiner Tante diese und

Theonie beobachtet hatte, und diese Augen, die sonst so ruhig blickten,

als ob sie durch nichts erregt werden könnten, als ob sie nur

Sehvermögen besäßen für den einschränkten Wirkungskreis, der ihrem

Besitzer angewiesen, funkelten drohend und schienen zu sagen: „Einer

wacht über allem, was Du thust und thun wirst. Hüte Dich!“ Die Augen

gehörten dem alten Frege.

* * * * *

Als sich Theonie und Tankred am nächsten Tage beim zweiten Frühstück

zusammenfanden, — Theonie war beim ersten nicht erschienen, — brachte

letzterer nach flüchtiger Erkundigung über ihr Befinden das Gespräch auf

Grete von der Linden und die Familie von Tressen.

„Meine Eltern haben mit unsern Nachbarn nicht viel verkehrt; mit

Tressens, die sich zudem meist in der Stadt aufhalten, fast gar nicht.

Grete von der Linden kenne ich wenig; es heißt, daß sie herrschsüchtig

und für ihre Jahre überreif sein soll. Ich fand sie immer auffallend

schön und auch liebenswürdig, aber, wie gesagt, andere urteilen anders.“

„Und ihre Eltern?“

„Herr von Tressen ist ein Lebemann und jedenfalls ein sehr gutmütiger

Herr; aus Frau von Tressen ist eigentlich noch niemand klug geworden.

Sie gehört zu den Menschen, über deren wirkliches Wesen man sich

zeitlebens den Kopf zerbricht.

In einem Punkt gleicht sie ihrem Gatten durchaus, sie liebt Amüsement

und Wohlleben, und das Wort Sparsamkeit steht nicht in ihrem Lexikon. So

äußerte sich wiederholt meine Mutter, die übrigens Frau von Tressen

trotz ihrer Fehler sehr schätzte und ihre ehrenwerten Gesinnungen

lobte.“

„Weißt Du etwas von den Geldverhältnissen drüben?“

„Ja, man sagt, Herr von Tressen habe das ihm von seiner Frau

mitgebrachte Vermögen bis auf den letzten Pfennig verthan, und beide

lebten schon seit Jahren von Gretes Einkünften. Bis Grete ein bestimmtes

Alter erreicht hatte, soll die Mutter auch testamentarisch Nutznießerin

gewesen sein, seitdem aber keine Ansprüche mehr haben.“

„Ganz recht. Gleiches deutete schon der Verwalter Hederich an. — Wie

beurteilt man ihn denn?“

„Man nennt ihn in der Umgegend ‚Drum und dran‘, weil er diese Worte

stets an passender und unpassender Stelle gebraucht. Er ist ein

einfacher aber sehr braver und von aller Welt geachteter Mann. Mein

Vater hielt große Stücke auf ihn.“

Nun trat eine Pause ein. Tankred dachte darüber nach, wie geschäftsmäßig

Theonie das alles gesprochen habe, wie kühl und temperamentlos sie nicht

nur ihm begegne, sondern sich überhaupt gegen die Menschen zu verhalten

scheine.

Ihn ergriff plötzlich das Verlangen, sie zu zwingen, sich ihm gegenüber

wärmer zu geben, oder er wollte ihr durch Kränkungen vergelten, daß sie

es wagte, ihn gleichsam wie Luft zu behandeln. Alles Schlechte stieg in

dieser gemeinen Seele wechselnd auf. Nichts erboste ihn in seiner

Eitelkeit so sehr, als daß andere Menschen ihn durchschauten. Er wollte,

obgleich er die Selbsterkenntnis besaß, daß er keine Achtung verdiene,

doch als Ehrenmann gelten, angesehen, bewundert werden. Aber während bei

andern Menschen aus der Eitelkeit Ehrgeiz entspringt und sie zu Thaten

anspornt, scheiterte Tankred von Brecken an seiner übermäßigen, mit

Trägheit gepaarten Genuß- und Bequemlichkeitssucht. Mühelos materiell

genießen, stand allein auf seiner Fahne geschrieben; um das zu

erreichen, war ihm jedes Mittel recht.

Am Nachmittag desselben Tages erschienen in einem Einspänner der

Breckendorfer Pastor und seine Frau auf Falsterhof. Sie kamen, um

Theonie zu trösten und ihr Beileid nachträglich noch an den Tag zu

legen.

Der Mann war ein Kind an Einfalt und Herzensgüte. In dem bartlosen

Gesicht glänzten unter einer großen, silbernen Brille ein Paar überaus

freundlicher Augen, und auch ihm hatten die Leute einen Beinamen

gegeben. Er wurde stets Pastor Ja, ja! genannt, weil er schwer nein

sagen konnte und das Wörtchen ‚ja‘ fortwährend gebrauchte.

Sie dagegen war eine Frau von Energie, besaß Humor und Menschenkenntnis

und trat, mit ihres Mannes Schwächen rechnend, sehr häufig handelnd für

ihn ein.

Er predigte auf der Kanzel, sie aber war der eigentliche Pastor in der

Gemeinde, hörte die Leute an, riet, entschied und besorgte manche seiner

Geschäfte.

Neuerdings hatten sie, da sie kinderlos waren, ein Kind angenommen, und

die freundlich gesinnten und schärfer beobachtenden Leute erzählten

allerlei rührende Geschichten von Pastors und der kleinen Lene.

Nachdem der Kaffee eingenommen war, begaben sich die Herrschaften in den

Garten; Tankred bot dem Pastor eine Zigarre an und ging mit ihm, während

Theonie sich der Frau anschloß.

Als die Männer außer Hörweite waren, trat die Pastorin enger an Theonie

heran und sagte, deutlich mit ihrer Frage eine besondere Absicht

verratend:

„Bleibt Ihr Vetter auf Falsterhof, Frau Cromwell? Wird er künftig die

Wirtschaft leiten? Man sagt so in der Umgegend.“

„Das verhüte Gott!“ stieß Theonie herauf. Und „Nein, nein, keineswegs,“

fügte sie hinzu. „Ich bin alleinige Besitzerin von Falsterhof, und mein

Vetter verläßt mich demnächst.“

„Ich fragte nicht aus Neugierde — sondern — aus — andern Gründen, liebe

Frau Cromwell,“ fuhr die Pastorin in warmem Tone fort.

„Nennen Sie mich doch wie früher, Theonie, ich bitte —“ fiel Theonie

ein. Der schwermütige Zug in ihrem Gesicht verschwand, und ihr

eigentliches Antlitz durchstrahlt von Güte und Menschlichkeit, kam zum

Vorschein. Und „Ja, bitte — Sie wollten sagen?“ schloß sie.

„Hier!“ entgegnen die Pastorin entschlossen und zog aus der Tasche ihres

Kleides einen Brief hervor. „Dies fanden wir heut' mittag in meines

Mannes Briefkasten. Lesen Sie! Ich hatte keine Ruhe! Ich trieb meinen

guten Höppner, gleich anspannen zu lassen und mit mir Sie aufzusuchen.“

Theonie nahm das Schreiben aus der Pastorin Hand und las:

‚Da Sie die junge, gnädige Frau auf Falsterhof lieben und ihr

wohlwollen, so helfen Sie und Ihre Frau mit Ihrem Einfluß, Herr Pastor,

daß der Schurke, der sich bei ihr aufhält, daß Tankred von Brecken bald

das Herrenhaus verläßt. Bleibt er, so geschieht etwas Schreckliches.

Das schreibt einer, der ihm nach seinen Beobachtungen das Schlechtere

zutrauen darf.‘

„Wer kann das sein?“ stieß die Pastorin im Übereifer ihres Gefühls

heraus, bevor Theonie noch zu Ende gelesen. Aber sie unterbrach sich, da

sie sah, wie Theonie die Farbe wechselte, ja, daß Totenblässe auf ihre

Wangen trat.

„Also Sie haben auch Veranlassung, ihm zu mißtrauen beste Theonie — liebe

Frau Theonie? Schrecklich! — Bitte, eröffnen Sie sich mir. Und nehmen Sie

meinen Rat an: Begeben Sie sich, sobald etwas vorliegt, nach

Elsternhausen zu Ihrem Sachwalter, Justizrat Brix, und teilen ihm alles

mit.“

„Ich kann nichts sagen — bis jetzt nichts sagen —“ gings zitternd aus

Theonies Munde, „aber mich beherrscht eine schier wahnsinnige Angst und

Unruhe. Ich fürchte mich namenlos vor dem Menschen, und was in des

Unbekannten Briefe steht, entspricht meinen eigenen Eindrücken.“

„Können Sie ihn denn nicht entfernen? Welche Rücksichten leiten Sie?“

„Keine! Aber er geht nicht und wird nicht gehen, trotz seiner Worte.

Seit gestern trage ich mich mit dem Gedanken, ihm unter der Bedingung

seiner Entfernung ein Kapital anzubieten. Ich sprach ihm auch schon

davon, und er wich auch nicht grade aus, aber schien offenbar erst hören

zu wollen, wie hoch die Summe sei. Ich scheue mich auch, ihm so

unmittelbar nach dem Tode meiner Mutter die Thür zu weisen, zumal er mir

bisher keinen direkten Anlaß gab, ihm kalt zu begegnen. Er that eben

nichts, was man ihm vorwerfen könnte. Mich leiten nur die Kenntnis

seines Vorlebens und mein Instinkt; und ein nicht zu beherrschendes

Mißtrauen gegen ihn erfüllt mich. Aber sicher, er geht nicht. Gestern

hat er Grete von der Linden kennen gelernt. Seine Fragen heute beim

Frühstück scheinen darauf hinzudeuten, daß er Absichten auf sie hat.

Schon das wird ihn veranlassen, hier zu bleiben. Ah! — ah — Wie werde ich

die Last von meiner Seele los!“

„Haben Sie keine Ahnung, wer meinem Mann den Brief geschrieben haben

kann?“

Theonie schüttelte den Kopf.

„Keine! Und das ängstigt mich nun auch! Doch still. Ich höre Ihren Mann

und Tankred kommen! Bitte, lassen Sie mir den Brief. Er kann mir

vielleicht nützen —“

Nun erscheinen die beiden Herren wieder. Der Pastor mit seinem harmlos

freundlichen Gesicht, und Tankred daneben, geschmeidig, wenn er sprach,

gelangweilt oder mit lauerndem Ausdruck in den Zügen, wenn er zuhörte

und sich unbeobachtet glaubte.

Jetzt eben schien er sehr wenig angemutet. Der Pastor ließ sich über

sein Töchterchen aus, über Lenes Vorzüge, und sagte mit seiner rollenden

Stimme: „Die Kinderseelen sind noch rein und unverfälscht. Sie haben

keine Hintergedanken, sondern geben sich, wie sie wirklich sind. Sie

können, während wir ‚sie‘ zu erziehen suchen, ‚uns‘ ein Beispiel geben,

nach dieser Richtung ein — Beispiel geben —“

Tankred fand diese Ausführungen eben so sentimental wie geschmacklos und

zog gähnend den Mund.

Gleich aber glätteten sich seine Mienen wieder, und mit allerlei

Artigkeiten und Liebenswürdigkeiten sprach er auf die Pastorin ein. Sie

gehörte, wie er wußte, ebenfalls zu den Menschen, die ihn durchschauten,

und da war's weise, den Versuch zu machen, ihr eine andere Meinung

beizubringen. Auch fühlte Tankred instinktiv, daß die beiden Frauen von

ihm gesprochen hatten, und er wollte den ungünstigen Eindruck, den die

Pastorin etwa durch Theonie empfangen hatte, möglichst zu verwischen

suchen. Es war ihm für seine Pläne von großem Wert, die Menschen ringsum

für sich zu gewinnen.

„Nun? Bleiben Sie noch eine Weile auf Falsterhof, Herr von Brecken?

oder verlassen Sie uns?“ hub die Pastorin mit Absicht an und forschte

unbemerkt in seinen Mienen.

Aber Tankred wich aus und sagte, sich mit galanter Liebenswürdigkeit an

Theonie wendend und sie dadurch zwingend, ihm nicht zu widersprechen:

„Wenn meine sehr gütige Kousine die mir gegebene Erlaubnis nicht

zurückzieht, werde ich noch eine Weile bleiben, bis ich eine Thätigkeit

gefunden habe, nach der ich mich wirklich nachgrade sehne.“

„Ja, das Herumhocken ohne Beschäftigung ist niemandem gut, besonders

nicht jungen Leuten,“ bestätigte die Pastorin derb und kurz, Brecken

fest anschauend. „Na, aber nun wird's auch Zeit, zurückzukehren, lieber

Höppner. Was meinst Du? Und haben wir denn nicht die Freude, Sie bald

einmal bei uns zu sehen, liebe Theonie?“ schloß sie und schritt, deren

Zustimmung einholend, mit der jungen Frau voran.

„Auch — Sie — erweisen uns — hoffentlich die Ehre, Herr von Brecken?“

ergänzte, seiner gewohnten Gutmütigkeit nachgebend, der Pastor, obgleich

er wohl wußte, weshalb seine Frau Theonies Vetter nicht aufgefordert

hatte. Er glaubte nie an die Schlechtigkeit der Menschen, redete immer

zum guten und hatte auch heute hingeworfen, daß er auf anonyme Briefe

nichts gebe, daß ihm Herr von Brecken sehr gut gefalle, und kein Grund

vorhanden sei, ihm Übles zuzutrauen.

Nachdem die Gäste sich entfernt hatten, befiel Tankred das Verlangen,

noch ein Stündchen ins Kirchdorf zu gehen und Bier zu trinken. Er hätte

sich gern Höppners angeschlossen, aber kam doch von diesem Gedanken

zurück, weil die Pastorin ihm wegen ihrer Gradheit sehr mißfallen hatte.

Auch beim Abschied war sie ihm wieder sehr von oben herab begegnet,

indem sie unter starker Betonung geäußert hatte, sie hoffe denn, daß er

in kürzester Zeit eine Stellung erhalte, damit er die Lust an der

Arbeit, welche letztere allein glücklich mache, nicht verliere. — Solche

moralisierende Menschen waren ihm in den Tod zuwider.

Aber auch der Gang in den Krug wurde deshalb unmöglich, weil er keinen

Groschen mehr besaß, und die absolute Notwendigkeit drängte sich ihm

auf, Geld herbeizuschaffen. Er beschloß, noch am selben Abend beim Thee

mit Theonie zu sprechen und sie in geschickter Weise um ein Sümmchen

anzugehen.

Unterdessen näherte er sich umherschlendernd dem Stall, trat hinein und

sah dem dort beschäftigten Kutscher Klaus zu.

Da schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, ihn zunächst um einen Thaler

anzusprechen, und sein Komödiantentum äußerst geschickt verwertend,

stieß er heraus:

„Hebbt Se villich en beten Lüttgeld to Hand, Klaus? So wat en Dahler?“

„Ja, Herr von Brecken, dat hev ick,“ entgegnete Klaus mit gutmütiger

Bereitwilligkeit und griff eilig in die Hosentasche und zog einen

schmutzigen ledernen Beutel hervor.

Diesen breitete er fächerartig auf dem Futterkasten aus und holte

allerlei Kleingeld hervor, das er, es einzeln betastend, vor Tankred

hinzählte.

Aber während das geschah, erschien, als ob er etwas suche, Frege mit

seinem verschlossenen Gesicht in der Thür, zog sich jedoch, als habe er

sich vergewissert, daß hier das von ihm Gewünschte nicht zu finden sei,

kurz nickend gleich wieder zurück.

Als Tankred den Parkausgang erreicht hatte und über die Wiese den Weg

zum Kirchdorf nehmen wollte, sah er abermals Frege, und hinterher lief

der Köter Max, der bei Tankreds Anblick ein wütendes Gebell ausstieß.

Da hob Tankred einen Stein auf und warf nach der Bestie, aber so

unglücklich, daß nicht der Hund, sondern der Alte am Bein getroffen

wurde.

In Freges Gesicht erschien ein Ausdruck von Schmerz und dann ein Zug von

Rachsucht, vor dem man erschrecken konnte. Aber Tankred sah es nicht, er

ging pfeifend und mit dem Feldstock des verstorbenen Onkels um sich

fuchtelnd, auf abgekürztem Wege dem Kirchdorf zu. —

Inzwischen überlegte Theonie, durch den Brief und das Gespräch mit der

Pastorin von neuem erregt und beunruhigt, ob es nicht richtig sei, sich

noch heute mit Tankred endgültig auseinanderzusetzen. Sie vermochte

seine Gegenwart nicht mehr zu ertragen. Schon in der letzten Nacht war

sie wiederholt aus dem Schlafe aufgeschreckt, weil sie Schritte zu hören

vermeint und angenommen hatte, es sei ihr Vetter, der komme, um ihr

Gewalt anzuthun. Im höchsten Grade auffallend war es ihr gewesen, daß

sie am Spätnachmittag, als sie den Schreibtisch ihrer Mutter öffnen

wollte, das Schloß verdreht fand. Daß Tankred versucht habe, das Innere

zu untersuchen, war ihr zweifellos. Gelang es nicht, ihn dazu zu

bringen, schon am nächsten Tage Falsterhof zu verlassen, so wollte sie

abreisen und sich zu ihren Verwandten begeben. Unter der nervösen Angst

und Furcht, die sie beherrschten, erhöhte sich ihre Bereitwilligkeit zu

Opfern. Sie wollte ihm alles vorhandene Kapital ausliefern, wenn er sich

verpflichtete, nie wiederzukehren! Aber freilich, was waren

Versprechungen und Zusagen bei diesem Menschen! Und wenn es ihm gelang,

Grete von der Linden heimzuführen, würde er immer in ihrer Nähe bleiben.

Der Aufenthalt auf Falsterhof würde für sie eine Qual werden; sie mußte

am Ende das Erbteil ihrer Eltern verkaufen oder konnte nie dahin

zurückkehren! So gingen ihre Gedanken hin und her.

Und die Einleitung und Form, ihm ihre Absicht kund zu geben, fand sie

auch nicht, so sehr sie ihr Gehirn anstrengte. Freilich, wenn sie ihm

gegenüber saß, Auge gegen Auge, war sie gefaßter, ja, dann empfand sie

kaum einmal Furcht und war nie um Worte verlegen. Auch konnte der Zufall

ihr vielleicht günstig sein.

So beruhigte Theonie sich denn endlich, ließ eins der Mädchen kommen und

befahl denselben, in einem Raume neben ihrem Schlafzimmer ein Bett

aufschlagen. Sie wünsche, da sie sich nicht wohl fühle, nachts

Aufwartung zur Hand zu haben, erklärte sie, und dasselbe äußerte sie

gegen Frege, als er den Abendtisch deckte.

„Aber was ist denn, Frege? Ich sehe, Sie hinken ja, mein guter Alter,“

schloß Theonie mitleidig als sie nun erst bemerkte, daß Frege sich mit

dem einen Bein schwerfällig bewegte.

Der wortkarge Mann sah seine Gebieterin mit einem eigentümlichen Blick

an.

„Von ihm! — Er war's!“ stieß er dann finster und ganz gegen seine

Gewohnheit heftig heraus.

„Er? Wer? Von wem sprechen Sie?“

Noch zögerte Frege, aber dann holte er tief Atem und sagte, die Teller,

die er eben verteilen wollte, absetzend:

„O, liebe gnädige Frau, ich kann es nicht mehr bei mir behalten. Ich muß

sprechen. — Es liegt etwas Schreckliches über Falsterhof — es kommt von

dem jungen Herrn. Ich bitte, hüten Sie sich. — Ja, ja, ich weiß, Sie

denken wie der alte Frege, der bisher nur nicht zu sprechen wagte, weil

er kein Recht hatte zu reden über Sachen, die allein die Herrschaft

angehen.“

„Um Gotteswillen Frege, also Sie auch?“ drang's in Todesschrecken aus

Theonies Munde. „Sprechen Sie! Sagen Sie mir alles, was Sie

wissen. — Aber nicht hier, er kann jeden Augenblick kommen! Gehen wir ins

Wohnzimmer! So, nun — nun —“ hauchte Theonie und sank übermannt von den

Eindrücken in einen Lehnstuhl.

Und da brachte Frege alles, alles, was ihm auf dem Herzen saß, über die

Lippen: Er habe gesehen, daß Tankred am Sterbetage der gnädigen Frau ins

Fenster gespäht und sich dann heimlich wie ein Dieb wieder entfernt

habe. Er habe ihn abermals gesehen, jüngst am Abend, als auch Theonie

seinen Kopf am Fenster bemerkt. Er erzählte von den Geldanleihen, die

Tankred bei ihm gemacht; er wisse auch aus sichrer Quelle, daß er

während der Krankheit der Gnädigen in Hamburg in einem Hotel gewohnt,

sich dort amüsiert habe und gar nicht in der Ost-Priegnitz, wohin er zu

gehen vorgegeben, gewesen sei. Sicher, er gehe mit bösen Absichten um,

er habe etwas Furchtbares im Blick, das nicht täusche.

Sie könnten sich alle des Schrecklichsten von ihm versehen, und schon

seit den letzten Wochen habe er, Frege, stets nachts ein Gewehr zur Hand

gehabt, um für alle Fälle bereit zu sein.

Er habe ihn auch in der vorigen Nacht in das Zimmer der verstorbenen

Gnädigen schlüpfen sehen, und wohl eine halbe Stunde sei er

dringeblieben. Er, der Alte, aber habe sich hinausgeschlichen und von

dem Beobachtungsposten aus, den er ihm selbst abgelauscht, wahrgenommen,

wie Tankred sich am Schreibtisch zu schaffen gemacht. —

Nun ertönte die Glocke draußen, Max schlug an — Herrin und Diener flogen

auseinander, und Theonie eilte wieder ins Speisezimmer.

Fünf Minuten später trat auch Tankred ein. Er hatte sichtlich sehr viel

getrunken, war äußerst gesprächig, und statt der demütigen

Zurückhaltung, mit der er sich sonst zu geben pflegte, legte er eine

unheimliche Lebhaftigkeit an den Tag.

Theonie besorgte mit der gewohnten, ernsten Ruhe den Thee, rückte ihrem

Vetter die Speisen näher und suchte seinen starken Redefluß zu dämpfen,

indem sie erklärte, sie fühle sich sehr angegriffen.

„Trink einmal ein Glas Wein! Das giebt Kraft und andere Gedanken. Du

genießest ja auch nichts Ordentliches,“ entgegnete Tankred und schenkte

trotz Theonies Weigerung deren Glas voll.

„Wozu, da ich doch nicht trinke —?“ wehrte sie herb und in deutlicher

Auflehnung gegen seine zudringliche und laute Art ab.

„Na, es ist ja kein Unglück, wenn ein Glas eingeschenkt und doch nicht

getrunken wird,“ entgegnete Tankred in absprechendem Ton. „Niemals habe

ich leiden können, wenn Damen sich so heftig dagegen wehren, daß man

ihnen Wem einschenkt! Ist's nicht vollkommen gleich, ob er genossen wird

oder nicht? Es liegt etwas Kleinliches und Ungeselliges darin, sich das

Glas nicht füllen lassen zu wollen. Ich möchte sogar sagen, es ist ein

Stück guter Erziehung, daß eine Dame ihren Herrn darin gewähren läßt und

keine Einwendungen erhebt.“

„So bin ich denn nicht gut erzogen,“ entgegnete Theonie schroff. „Ich

finde es unrecht, etwas unnütz zu verthun, so lange es Darbende in der

Welt giebt.“

Tankred wollte eine hämische Bemerkung über Theonies ewig

moralisierendes Wesen machen, ja, es brannte ihm auf der Zunge, zu

sagen: Ihr Breckens seid ein kleinliches, filziges, philisterhaftes

Geschlecht! Aber er glaubte schon ihre Erwiderung zu hören: Lieber dafür

gescholten werden, als aus den Taschen anderer leben. Er sagte deshalb

einlenkend und das Wort Darbende im humoristischen Sinne aufgreifend:

„Na, streiten wir uns nicht, Theonie, während der wenigen Tage, die wir

noch beisammen sind. Und da Du von Darbenden sprichst, ich bin einer.

Schon seit acht Tagen habe ich keinen Pfennig mehr in der Tasche und

mußte sogar schon den alten Klaus anpumpen —“

Wie? Auch Klaus bist Du um Geld angegangen? wollte Theonie herausstoßen.

Aber auch sie beherrschte sich und sagte, hoffnungsvoll und

versöhnlicher gestimmt durch den von Tankred absichtlich eingeschobenen

und von ihr im Augenblick ernsthaft genommenen Hinweis auf seine baldige

Entfernung:

„Warum hast Du nicht eher gesprochen? Ich bin natürlich bereit, Dir

auszuhelfen. Übrigens können wir vielleicht unsere ganze Geldaffaire bei

dieser Gelegenheit erledigen. Wann gedenkst Du abzureisen? ich meine — es

soll keine Aufforderung darin liegen — ich möcht's nur wissen.“

Tankred wollte mit einem raschen: Morgen, spätestens übermorgen,

erwidern. Er fürchtete, sie könne ihm abermals in dem ausweichen, was zu

erfahren er nicht erwarten konnte. Aber er änderte doch seinen Plan und

sagte, seine Absicht unter einem plumpen Scherz versteckend:

„Von Deiner generösen Hand, beste Theonie, hängt alles ab. Wenn Du mir

kräftig unter die Arme greifst, kann ich ja von anderer Stelle aus meine

Versuche fortsetzen. Freilich,“ schloß er, verliebt sprechend, und

verschlang, durch das hastige Weintrinken plötzlich in eine

leidenschaftliche Erregung geratend, mit seinen Blicken ihre Gestalt,

„Dich nicht mehr zu sehen, Dich lassen zu sollen, Theonie, ist ein

schwerer, fast meine Kraft übersteigender Entschluß.“

Entsetzt sah Theonie empor. Es war das erstemal, daß seine sinnliche

Natur ihr gegenüber zum Ausbruch kam. Diesen Augenblick hatte sie vor

allem gefürchtet, und ihm zu entgehen, darauf waren ihre Gedanken

insbesondere gerichtet gewesen.

Zunächst suchte sie seiner Rede Einhalt zu thun, indem sie seine

Gedanken abzulenken trachtete. Sie reichte ihm, mit kurzer Abwehr den

Kopf bewegend, eine Schale mit Obst.

Aber er setzte sie rasch beiseite, und alles wagend, da der Wein ihm

half, jegliche Scheu abzustreifen, sagte er, sich vornüberbiegend und

sie mit seinen glühenden Augen bannend:

„Höre, Theonie, was ich Dir zu sagen habe. Ich erfuhr von Dir, daß Du

mir nicht geneigt bist. Ich weiß, woher es kommt. Du denkst an mein

Vorleben. Meine Mutter, die mich nicht nur nicht liebte, vielmehr haßte,

obgleich ich doch ihr Sohn war, hat Dich beeinflußt. Aber ich bin ein

anderer geworden, ich möchte es sein, und Du könntest läuternd auf mich

einwirken. Ich bin wohl oft leichtsinnig gewesen und ließ mich von

meinen Leidenschaften fortreißen, aber ich bin nicht schlecht, wie meine

Mutter mich schilderte. Ist es nicht unnatürlich, daß wir uns von

einander abschließen? Wäre es nicht vielmehr den Verhältnissen

entsprechend, wenn wir zusammen hielten? Ich liebe Dich, Theonie. Beim

ersten Sehen hatte ich schon mein Herz an Dich verloren. Aber Deine

Strenge und Zurückhaltung schreckten mich ab, mir ahnte zu meinem

Schmerz, daß Du gegen mich voreingenommen seiest. Sage ehrlich: Was that

ich Dir? Bin ich Dir nicht ehrerbietig begegnet? Geschah während meines

Aufenthaltes hier etwas, was Dir mißfallen mußte? Gewiß, da ich kein

Geld besitze, mir bisher kein Eigentum erwarb, bin ich im Nachteil

selbst bei denen, die sonst den Wert eines Menschen nicht nach seinem

Vermögen bemessen, selbst bei meiner Verwandten, der einzigen, die ich

habe. Ich fände hier auf Falsterhof einen Wirkungskreis, da ich Landmann

bin. Ich könnte es verwalten, den Besitz erhalten und vermehren, mit Dir

gemeinsam arbeiten und genießen, von Dir lernen und empfangen, wenn Du

Dir auch von dem Mißratenen nichts aneignen könntest. Und doch

vielleicht etwas, da er mit so gutem Willen sein neues Leben beginnen

würde. Er wird Dich auf Händen tragen, denn er liebt Dich

leidenschaftlich, Theonie. — Nun, Theonie? Was sagst Du? Hast Du mir gar

nichts zu erwidern?“

Aber sie antwortete nicht. Sie schüttelte sich in Grauen, und er sah es,

und weil ihre Mienen und Bewegungen nicht mißzuverstehen waren, weil es

ihm klar wurde, daß sein Spiel verloren war, daß er trotz der

meisterhaften Maske sie nicht getäuscht hatte, daß sie ihn doch für das

hielt, was er wirklich war, ergriff ihn eine wilde Rachsucht, ein

brennender Haß, eine solche Leidenschaft, daß er sie am liebsten

ergriffen und geschüttelt und ihr zugerufen hätte: Warte, Du hochmütige

Kreatur, die Du es wagst, Dich mit Deinem souveränen Besserhalten über

mich zu stellen, und mir begegnest, als sei ich ein aussätziger

Vagabund! Ich will Dich lehren! Hinab auf die Kniee und bitte, daß ich

Dich zu meinem Weibe mache, oder ich erdrossele Dich mit meinen Fäusten!

Und weil sie solche Gedanken aufblitzen sah in seinen Augen, und weil

ihr ahnte, was er dachte, griff sie in ihrer Angst und Verzweiflung, wie

er, zu List und Verstellung und machte in ihrer Not einen Anlauf auf

seine gemeinen Triebe.

„Es geht nicht, ich kann Dich nicht heiraten, Tankred,“ entgegnete sie,

ihn zum erstenmal bei seinem Vornamen nennend. „Nicht aus Motiven, wie

Du sie hinstellst, sondern weil ich nie wieder einen Mann zu lieben

vermag. Aber gehen wir in Frieden auseinander. Ich bitte Dich,

fünfzigtausend Mark von mir anzunehmen, damit Du Dir etwas kaufen oder

pachten kannst. Sie stehen Dir beim Justizrat Brix zur Verfügung. — Nicht

wahr, Du zürnst mir nicht? Ich bitte Dich.“

Sie sah ihn an. Aber ihr Blick war ihr Verderben. In dem Wechsel der

Leidenschaft packte denselben Mann, der eben noch das Weib hätte töten

mögen, wieder eine wahnsinnige Begierde. Er sah ihr stilles Antlitz,

umrahmt von dem schwarzen Haar, ihren reizenden, in sanfter Fülle

sprossenden Leib und die jetzt so süß und demütig blickenden Augen.

Und das sollte er fortwerfen, weil er's nicht gleich beim ersten Anlauf

errungen hatte? Blieben ihm nicht noch tausend Mittelchen in seinem

Zauberschrank? Hatte überhaupt jemals ein Mensch seinen Künsten auf die

Länge widerstanden? Hatte er nicht alle, wenn er wollte, bezwungen?

„O, Süße!“ rief er aufspringend, sie mit kräftigen Armen umschlingend

und leidenschaftlich küssend, „sei hart und abweisend oder gütig gegen

mich — immer liebe ich Dich gleich heftig. Wehre Dich nicht, fühle an

meinen Küssen, was ich Dir entgegen bringe. Theonie, Theonie, erhöre

mich!“

Theonie wollte in Ohnmacht sinken, sie schwankte, und weiße Farben

traten auf ihre Wangen, dann aber riß sie sich mit schier

übermenschlicher Kraft von ihm los, stieß ihn vor die Brust und floh,

wie von Furien gepackt, hinauf in ihr Zimmer.

* * * * *

Als sich Tankred von Brecken am kommenden Morgen erhob, war ihm der Kopf

wüst, und er fühlte eine grenzenlose Unbefriedigung in sich. Die

Vorgänge des vergangenen Abends traten in sein Gedächtnis, und Ärger.

Unmut und Reue erfüllten sein Inneres.

Von dem ruhigen Wege, den er sich vorgezeichnet, war er abgewichen, weil

ihn seine Sinne bemeistert hatten. Schon so oft, wenn er dem Wein zu

sehr zugesprochen, hatte er Unbesonnenes gethan und die üblen Folgen

tragen müssen.

Er wußte, durch diesen Vorgang büßte er vieles ein, was schon gewonnen

war. Theonie hatte nun eine Handhabe gegen ihn. Bisher war nichts

geschehen, was sie ihm hätte vorwerfen können, denn daß er sie liebte,

konnte kein Verbrechen sein; aber durch die Form seiner Werbung, durch

seine Leidenschaft hatte er seinen Charakter offenbart, hatte er das

Gastrecht in unerhörter Weise verletzt.

Er stellte sich die Folgen vor. Zunächst hatte er sicher jede

Geneigtheit Theonies zu einer milderen Beurteilung seiner Person

verscherzt; von einer freiwilligen Annäherung ihrerseits konnte jetzt

nicht mehr die Rede sein, und wahrscheinlich würde sie sogar Rache üben

und ihm die Auszahlung eines Kapitals verweigern. Der letztere Gedanke

kam dem Manne, weil er selbst so gehandelt haben würde; er blieb jedoch

nicht in ihm haften; wohl aber war er sicher, daß sie nach diesem

Vorfall sich zu keinen größeren Opfern bereit finden würde, im guten

wenigstens nicht. Er überlegte nun, was weise und vorteilhaft für ihn

sein werde.

Zunächst mußte er durch die Künste seiner Verstellung wieder ein

äußerlich gutes Verhältnis zwischen sich und Theonie herstellen, schon

um seines vorläufigen Bleibens willen; dann aber hieß es, sondieren, was

nach dem Geschehenen zu erreichen war.

Wenn er vor sie hintrat und demütig seine Unbesonnenheit eingestand,

ihre Verzeihung erflehte und zugleich erklärte, er wolle Falsterhof

verlassen, dann würde er — das hielt er für ausgemacht — sie zu Opfern am

bereitwilligsten finden. Aber damit gab er alle Vorteile auf, die ihm

noch werden konnten, und schnitt sich die Möglichkeit ab, in Grete von

der Lindens Nähe zu bleiben.

Bei diesem Ende seiner Gedankenreihe angelangt, schlug er sich voll Zorn

und Unmut vor den Kopf, verwünschte seine Leidenschaft und war schon, da

er deren Folgen nicht ausweichen konnte, im Begriff, seine Sache

verloren zu geben, als Frege ins Zimmer trat, das Frühstück servierte

und ihm einen Brief übergab.

Das Schreiben komme vom Baron von Treffen, der Bote warte.

Nachdem Frege sich entfernt hatte, riß Tankred voll Ungeduld den Brief

auf und las:

‚Hochgeehrter Herr von Brecken!

Sie haben unserer Tochter die liebenswürdige Zusage gemacht, uns

besuchen zu wollen. Darauf hin bin ich so frei, Sie zu fragen, ob Sie

ohne das Zeremoniell einer Antrittsvisite, auf die wir gern

verzichten, im engen Familienkreise bei uns eine Suppe essen möchten.

Wir würden darüber außerordentlich erfreut sein und bitten, gütigst

dem Überbringer zu sagen, ob wir Sie um drei Uhr erwarten dürfen.

Todsünden · 第 5 / 23 题