III.

Der Gimpelkönig.

1.

Da wo das Erzgebirge an das Voigtland grenzt, ist ein Landstrich, in

welchem fast jeder dritte Ort sich auf »grün« endigt. Die Leute dort

sagen, das rühre von den vielen Vogelherden her, die es da giebt. Denn

»'s Grün« heißt der Platz, worauf der Vogelherd angelegt ist. Die

vielen Vogelherde aber deuten auf die Hauptpassion der Bewohner; die

Gegend ist weithin bekannt als Vogelstellerdistrikt. Der hat auch einen

Vorort -- Wellersgrün nennen wir ihn, obgleich er auf der Landkarte

anders lautet; doch »grünt« er sich wenigstens.

Da hauste bei Menschengedenken ein Mann, der hatte sich vom

Bürstenbinder, Krämer und Achtelhufengutsbesitzer zum Potentaten der

Gimpel emporgeschwungen. Die Einleitung läßt schon ahnen, daß hier

nicht von jener adamitischen Gimpelspecies die Rede ist, welcher das

goldene Gefieder von den Händen leichtfertiger Evastöchter gerupft zu

werden pflegt, sondern von dem niedlichen Sängervolke, dessen Heimath

der grüne Tannenwald ist, und das den Wellersgrünern von jeher ihre

gesuchtesten Virtuosen in der Tonkunst lieferte. Gottfried Unger --

so hieß unser Mann -- hatte keine Ahnung von jener uneigentlichen

Gimpelspecies; ihm war Gimpel gleichbedeutend mit Genie, und darum

war er stolz auf den Königstitel, welchen ihm seine Heimathgenossen

ertheilt hatten, weil er im Fangen und Abrichten der kleinen Waldsänger

eine Meisterschaft besaß, die man einer wunderbaren Herrschaft über

diese Thiere zuschrieb. So berühmt vor allen seinen vogelstellenden

Landsleuten war König Gottfried, daß seine Zöglinge nicht allein in

ferne Gegenden verschrieben wurden, sondern daß auch nicht selten

Bewohner der benachbarten Städte nach Wellersgrün lediglich in der

Absicht wallfahrteten, den »Gimpelkönig« und seinen Hof zu sehen.

Gewisse Leute wollten zwar behaupten, diese Besucher zöge noch etwas

ganz Anderes nach dem schmucken gelben Hause am hüpfenden Wasserfall

des »Grünbächels«, als König Ungers Hofkapelle -- nämlich die

Prinzessin des kleinen Reiches, das über alle Beschreibung nette

und herzige Hannchen, Ungers eheleibliche neunzehnjährige Tochter.

Aber wenn dies auch vielleicht hinsichtlich des jüngeren Theiles der

Wallfahrer seine Richtigkeit hatte, so doch bestimmt nicht in Ansehung

der vielen gesetzten Männer, die sich darunter befanden; für die war

es interessant genug, Herrn Gottfried umringt von seinem gefiederten

Hofstaat zu sehen.

Man denke sich eine große, weißgetünchte, vom Scharwerksmaurer unter

der Decke mit einer Guirlande von Phantasieblumen geschmückte Stube,

deren fünf Fenster rechts und links mit Reihen vollbesetzter Vogelbauer

garnirt sind. Das der Stubenthür gegenüber befindliche Fenster ist mit

Epheu eingefaßt, eine Reihe Blumentöpfe mit Balsaminen, Muskat- und

Rosenkrautstöcken bedeckt das Bret, und die Bauer zu beiden Seiten

zeichnen sich durch Größe und Zierlichkeit aus. Hier hausen die Gimpel

-- sie sind der hohe Adel des Ungerschen Reiches; die andern in den

unansehnlichen Behältern, die Quäker, Finken, Meisen, Zeisige und

dergleichen, sind das gemeine Volk. Vom künstlerischen Gesichtspunkte

aus betrachtet, sind jene die Solosänger, diese die Choristen. Vor

dem solchergestalt ausgezeichneten Fenster steht ein kleiner Tisch und

vor diesem ein Lederpolsterstuhl -- das ist der Thron des Monarchen,

da sitzt er, ein stattlicher Funfziger, den einen Arm auf den Tisch

gestemmt, mit dem andern die Meerschaumpfeife haltend, der er sparsam

abgemessene Wolken entzieht und giebt seinen Lieblingen Audienz.

Solches geschieht, indem er einen Bauer nach dem andern von seinem

Nagel herunternimmt, ihn vor sich auf den Tisch setzt und eine Melodie

intonirt, worauf der Bewohner des Bauers sofort einfällt und die Weise

zu Ende führt. Auf diese Weise wird der Zuhörer nach und nach mit einer

Blumenlese von Melodieen erfreut, die vom »Freund, ich bin zufrieden«

bis zum »Frisch auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!« fast alle

Rhythmen des Liedergesanges umfassen. Freilich wird dem fremden Zuhörer

der Genuß dieses Concertes durch das wirre Durcheinander des Chores

verdorben, denn es ist kaum möglich, vor dem Zwitschern, Zirpen und

Wirbeln der Quäker, Zeisige, Finken u. s. w. den schulgerechten Gesang

der Solisten zu vernehmen. Meister Ungers Gehör aber unterscheidet

diesen recht wohl, ja für dasselbe dient der gemeine Chor den edlen

Concertisten nur zur Folie, wie dies ja auch bei mancher musikalischen

Kunstanstalt der Nichtgimpel der Fall ist.

Wer den ehrenwerthen Meister so unter seinen Vögeln sah, oder wer gar

seinen Lehrstunden beiwohnte, der mußte die heitere Gemüthsruhe, die

unerschöpfliche Geduld desselben bewundern, und war es eine Frau, die

ihn so beobachtete, so konnte sie kaum umhin, Frau Unger um ein solches

Lamm von einem Eheherrn zu beneiden. Allein sowie Herr Gottfried seinen

Vögeln den Rücken gewendet hatte, war er ein ganz anderer Mensch, da

keifte und nörgelte er im Hause herum, bis es seiner Gattin glücklich

gelang, ihn auf den Vogelherd oder in die Schänke zu spediren.

Vielleicht wurde das Maß von Geduld, so ihm die Vorsehung verliehen,

von seinen Zöglingen so vollständig absorbirt, daß ihm für den Verkehr

mit Menschen nichts davon übrig blieb. Niemand konnte im Umgange

reiz- und verletzbarer sein, und in ganz Wellersgrün gab es keinen

Menschen, der so schwer zu versöhnen war wie er, zumal wenn ihm Jemand

sein Steckenpferd unsanft berührte. Kam er doch seit vielen Jahren

schon nicht mehr in die Ortskirche, weil der Pfarrer sich einmal von

der Kanzel gegen das Vogelstellen auszusprechen gewagt hatte; da der

hierdurch schwerbeleidigte Gimpelkönig aber doch ein guter Christ

sein wollte, so ging er entweder nach Schönheide oder Hundshübel zum

Gottesdienst. Desto fleißiger besuchte er eine der Ortsschänken, nicht

nur weil der Inhaber derselben seine Liebhaberei theilte, sondern

auch weil dies der Ort war, wo er fortwährend Gelegenheit hatte,

neue »Stückla« für seine Gimpel zu hören. Zu seiner Ehre muß gesagt

werden, daß er sich fast nie betrank; sein gewöhnliches Getränk

war das heimische »Einfache«, worauf er höchstens zum Schluß einen

»Eibenstöcker« setzte, den er seinen Magendoctor nannte.

Hausdespoten werden von ihren Familien nicht mit Rosenketten in ihren

vier Pfählen festgehalten -- der Ungerschen Familie war, als hätte sich

ein böser Wind gelegt, sobald sich ihr Haupt auf den Vogelherd oder

in die Schänke verfügt hatte. Da wurde es erst gemüthlich im Hause.

Mutter und Tochter krochen aus Küche, Stall und Keller hervor und

reiheten sich mit den beiden »Gimpelprinzen« um den Ofen; oft kam dazu

auch der Geselle mit dem Lehrjungen. Da wurde nun gescherzt, erzählt

oder gesungen, ohne daß jedoch dabei die Hände feierten. Sonntags

traktirte Frau Unger das ganze Hausgesinde mit einem Nachmittagskaffee

und »Hefenkloß«, in welchem die Rosinen nicht fehlen durften, und

wer zur rechten Zeit bei ihr einsprach, war ein frohwillkommener

Gast. Manches arme Dorfkind hatte regelmäßig das Glück, keins aber

regelmäßiger, als das »Rußbuttenlobel«, ein alter Junggeselle, der

in seiner Jugend mit Rußbutten durchs Land gezogen und seit er zu

solchem Erwerb invalid geworden, in die Stelle eines Vice-Tag- und

Nachtwächters von Wellersgrün eingerückt war. Diese wichtige Person

war für das Ungersche Haus noch mehr, als ihr Titel besagte: sie war

zugleich Historienbuch, Liedersammlung, Ortschronik und Zeitung. Daher

geschah es, daß, sobald »Rußbuttenlobels« wohlbekannter Amtsspieß an

der Ungerschen Hausthür lehnte, -- denn die Schwelle durfte dieses

polizeiliche Attribut nicht überschreiten, das wäre eine Verletzung

der Wellersgrüner Habeascorpusakte gewesen, -- eine Nachbarin nach der

andern in die Gimpelresidenz »hutzen«[1] eilte, um das Neueste aus der

Tagesgeschichte zu erfahren.

[1] Hutzen heißt im Obererzgebirge soviel als: einen kurzen Besuch im

Hauskleide machen.

So war es auch am Trinitatisfeste des Jahres Eintausend Achthundert

und --Zig. Der Hausherr saß beim Einfachen in der obern Schänke;

die Hausfrau mit ihren Kindern und Hausgenossen am Kaffeetisch, und

»Rußbuttenlobel« trat mit seinem »Helf Gott!« in die Stube. Nachdem

er von allen Seiten freundlich bewillkommt und von Hannchen an den

Tisch gezogen worden, hieß es rechts und links: »Was hat's Neues in

der alten Welt?« Lobel warf sich in die Brust, that einen Zug aus

der ihm vorgesetzten Tasse, einen kräftigen Biß in den »Hefenkloß«

und sagte: »So in einem Athem, Ihr guten Leut', läßt sich das nicht

erzählen.« Darauf leerte er die Tasse und ließ den Hefenkloß mit großer

Schnelligkeit zwischen seinen Kinnladen verschwinden. Alle Anwesenden

hefteten die Augen auf den Anfangspunkt dieser Werkzeuge; doch Lobel

richtete seine Blicke, eh' er sprach, nach der Thür, als erwarte er

noch einige Ohren für seine Zeitung. Er wartete nicht vergebens --

der Spieß war gesehen worden -- ehe fünf Minuten vergingen, war ein

halbes Dutzend Nachbarinnen versammelt, von denen sich die eine ein

Loth Kaffee, die andere ein Gebind Zwirn, die dritte für einen Pfennig

Pfeffer zum schicklichen Behelf nahm, und der Bericht -- den wir mit

Beseitigung der Mundart wortgetreu wiedergeben -- begann:

»Es geht arg her in der alten Welt, Ihr guten Leut'! Der Franzos

draußen ist wieder einmal kollerig, aber ob's ihm unter der Mütze fehlt

oder in den Schuhen, das weiß der Himmel, und in Welschland wollen sie

auch gescheidt werden, ob's ihnen aber von der hohen Obrigkeit erlaubt

wird, das weiß der Zeitungsschreiber nicht, wie soll's Rußbuttenlobel

wissen! Aber der Russ' dahinten scheert sich den Teufel darum, ob's

in Polen Wölfe giebt oder nicht -- er hat einen gar guten Magen, das

wissen wir von Anno dreizehn, da haben die Kosacken gefressen, was

ihnen zwischen die Zähne kam; übrigens ist es oben im Sibirienland

fast so kalt wie in Karlsfeld, wie die Polaken zu erzählen wissen und

viele andere Ehrenleut', die dort auf dem Zobelfang waren -- Du mußt

aber hübsch aufpassen, Heinerle, sonst bleibst zeitlebens ein dummer

Junge, und die Rosinen mußt Du nicht aus dem Hefenkloß bohren -- und in

England werden sie nächstens mit Dampf in den Mond fahren, ich wollte,

sie wären schon alle droben gewesen, eh' sie unserm armen Gebirge sein

Klöppelwesen ruinirten -- daß sich Gott erbarm'! meine Schwester hat

gestern in der Stadt schon wieder zwei Pfennige weniger bekommen für

die Elle Borten! Item: der Papst ist gestorben, der Tod kann's aber

machen, wie er will, er wird nicht fertig mit der Gesellschaft, es ist

schon wieder ein neuer da -- meiner Hühner halben! -- ich wollte nur,

ich hätte ein paar Fuder von den Feigen und Apfelsinen, die dieses

Jahr in Welschland gewachsen sind, und könnte sie in Wellersgrün

verzehren. Doch daß ich nicht Eins über dem Andern vergesse -- Friedel,

Du wirst gleich Dein Schälchen hinunterstoßen, 's wär' schad' um den

eingebrockten Hefenkloß, aber der Steingutmacher will auch leben --

in Lindengrün hat eine Bergmannsfrau Vierlinge gehabt; da fleckt's!

jedoch aber im Dänemarkschen -- 's muß wohl um Buxtehude herum liegen,

dort bin ich nicht gewesen -- da will der Königsstamm aussterben --

geht mir auch nicht besser, bin Rußbuttenlobel der Erste und Letzte

und habe nichts auf meinem Gewissen, als den armen Handwerksburschen,

den ich verarretirt und aus dem Dorfe verbannt habe, weil er ins

Lieben-Konrads Haus fechten kam, obwohl mein Spieß vor der Thür

lehnte; da konnte der dumme Teufel doch denken, daß die Polizei nicht

weit war und ihn erwischen würde; aber gedauert hat mich der Schelm,

mein' Seel'. Wie gesagt, es geht arg zu in der alten Welt -- aber Ihre

Hefenklöß' sind delicat, Frau Dore! -- wenn's nicht bald anders wird

mit der Menschheit, glaub' ich, der Pfannenstieler Pfarrer, der zu den

Heiligen gehört, behält Recht -- der sagt, das Ende aller Dinge sei

vor der Thür. Nun meinetwegen! ich hab' Nichts zu verlieren als den

Spieß und vier Zeilen Erdäpfel auf des Richters Feld; wegen des armen

ausgewiesenen Handwerksburschen werd' ich nicht gleich in die Hölle

fahren, wiewohl 's nicht christlich war. Ja, arg geht's zu in der Welt

-- aber im Ungerhaus giebt's gute Hefenklöß', das ist auch gewiß!«

Er wischte sich mit dem Aermel seiner Manchesterjacke den Schweiß von

der Stirn, nahm einen frischen Hefenkloß, überlieferte ihn seinen

Kauwerkzeugen, schlürfte eine zweite Tasse Kaffee und begann auf die

Frage: »Ist das Alles?« von Neuem:

»Das war's Auswärtige; nun kommt das Einheimische, und das ist das

Wichtigste.« -- Er berichtete nun, wo ein Todesfall vorgekommen und zu

erwarten, ein Kind geboren, eine Hochzeit vor der Thür, ein Hausbau in

Angriff genommen war und dergleichen mehr, endlich schloß er: »Doch nun

das Beste! Was denkt Ihr, daß das Allerneueste ist?«

Alle sahen ihn gespannt an.

»Gelt, Ihr wißt's nicht?« sagte er nach einer Pause. »Nun so hört: mein

Vetter, der Sacher Heinrich, ist diesen Mittag aus der Fremde gekommen!«

Das schien in der That eine unerwartete und wichtige Neuigkeit zu sein,

denn alle Anwesenden gaben Zeichen der Ueberraschung und des Interesses

von sich -- Niemand aber lebhaftere, als Hannchen, denn die stieß einen

lauten Schrei aus und wurde roth wie eine Erdbeere bis in den Nacken

hinein.

»Nicht wahr, Jungfer Hannel,« bemerkte der Erzähler, »das ist Wasser

auf Ihre Mühle?«

Alle blickten die Gefragte an. Diese warf dem Frager einen zürnenden

Blick zu und eilte zur Thür hinaus.

»Da hat man's,« sagte Lobel, »alte Liebe rostet nicht!«

»'s war auch gar ein feiner Bursch, der Sacher Heinrich,« meinte eine

der Nachbarinnen.

»Ihr solltet ihn erst jetzt sehen,« versetzte Lobel, »jetzt sticht

er alle Wellersgrüner Bursche aus, sowohl was Ansehen als Manieren

betrifft; ich sollt's nicht sagen, weil's mein leiblich Schwesterkind

ist -- aber wahr bleibt wahr. Er ist aber auch ein Stück in der Welt

herumgekommen, wie Keiner in Wellersgrün -- sogar in Welschland ist

er gewesen, und in Frankreich hat er fast zwei Jahre gearbeitet -- da

kann's Hannel bald hören, wie das auf Französisch heißt:

-- keine von Allen

Hat so mir gefallen

Wie Hannchen, schön' Hannchen, lieb' Hannchen,

mein Hannchen allein.«

»Laß Er das Geplapper, Lobel!« gebot Frau Unger. »Vor drei Jahren, wie

Sein Vetter in die Fremde ging, war mein Hannel noch ein Kind, und wer

weiß, ob der Sacher Heinrich jetzt noch an die Tändelei denkt. Mein

Hannel hat sie längst vergessen; und nun treib' Er mir das Mädel nicht

wieder aus der Stube mit solchem Spaß! -- Aber sehen möcht' ich den

Sacher Heinrich, das gesteh' ich.«

»Ich auch« -- »ich auch« -- hieß es von mehren Seiten und

Rußbuttenlobel schloß mit der Aeußerung: »Er wird schon kommen und sein

Schätzel grüßen.«

Jetzt schlugen ferne Trompetenklänge an die Ohren der Gesellschaft.

»Das hätt' ich bald über dem Sacher Heinrich vergessen,« sagte die

inkarnirte Dorfzeitung, »in der obern Schänke ist heute Musik -- sie

blasen schon zusammen. Also munter, ihr jungen Leut'!«

Diese Mahnung galt den ledigen Personen im Zimmer und man säumte nicht,

ihr nachzukommen, denn das junge Volk tanzt in Wellersgrün so gern wie

überall im lieben Gebirge. Bald war Frau Unger mit ihren Kindern allein

daheim. Denn auch Rußbuttenlobel mußte von Amtswegen in die Schänke.

Wie er, den kürzesten Weg nehmend, aus der Hinterthür in den Ungerschen

Grasgarten trat, fand er Hannchen dort in sich versunken stehen. Er

schlich sich nahe und sah, wie sie einer Sternblume die Blättchen nach

einander ausriß und dazu halblaut sagte: »Er liebt mich -- von Herzen

-- mit Schmerzen -- klein Wenig -- gar nicht -- er liebt mich -- --« Da

fiel das letzte Blatt und Rußbuttenlobel ging mit den Worten vorüber:

»Ei freilich! Komm Sie nur in die Schänke, Jungfer; da ist er auch.«

2.

In der Schänke ging es laut. Aus dem ganzen Dorfe strömten die Gäste

herbei, die Alten nach der Schänkstube im Erdgeschoß, die Jungen nach

dem darüber gelegenen Tanzboden. Nur ein Trupp munterer Bursche, aus

deren Mitte ein fast elegant gekleideter Jüngling hoch emporragte,

folgte dem Zuge der Alten. Als er in die Schänkstube trat, gerieth

die ganze anwesende Gesellschaft in Bewegung. »Der Sacher Heinrich!«

lief's von Mund zu Munde, und bald fand sich der feingekleidete Mensch

umdrängt von Solchen, die ihm ihr »Grüß Gott, Heinrich!« und das

Bierglas zum Willkommentrunk entgegenbrachten.

Während er allen in erwünschter Weise Bescheid that, wurde er mehr und

mehr dem Hintergrunde zugeschoben, bis er dicht vor dem »Herrentisch«

stand, an welchem die Angesehenen des Ortes, darunter auch der

»Gimpelkönig«, ihren Platz hatten. Die gleiche Begrüßung ward ihm auch

hier zu Theil; dann rückte man eng zusammen und bemächtigte sich des

Ankömmlings gänzlich, indem man ihn an den Tisch zog und zwischen sich

nahm, daß er weder zur Rechten, noch zur Linken entweichen konnte. Das

war eine große Ehre, und Heinrich wußte sie zu schätzen; -- er zog

seine wohlgefüllte Cigarrentasche, damals in Wellersgrün ein unerhörter

Luxus, präsentirte sie den Umsitzenden und steckte sich selbst einen

der duftenden Glimmstengel an, worauf er sich in Bereitschaft setzte,

auf die mancherlei Fragen, die man an ihn richten würde, bündige

Antwort zu geben. Seine Begleiter pflanzten sich, die dorfüblichen

Pfeifen im Munde, vor dem Tische, dem Freunde gegenüber auf.

An Fragen seitens der Tischgenossen Heinrichs fehlte es nun nicht,

sie waren aber so mannigfaltig und wirr durcheinanderlaufend, daß

der Gefragte gar nicht dazu kommen konnte, sie zu beantworten.

Endlich machte der Wirth den Vorschlag, der Heimkömmling möge seine

Reisegeschichte zum Besten geben, wogegen er sich zu einer »Stütze«

Doppelbier erbot. Der Vorschlag wurde wie das Anerbieten freudig

aufgenommen. Erst that man der »Stütze« alle mögliche Ehre an, und

dann begann Heinrich seine Erzählung. Daraus erfuhren die Zuhörer,

daß der junge Mann, nachdem er vor drei Jahren als Tischlergeselle

das Felleisen genommen, sich nicht lange in den engen Grenzen seines

Vaterlandes gefallen, daß es ihn in die Weite getrieben hatte, um

Menschen und Sitten kennen und etwas Rechtes in seinem Fache zu lernen.

Erst war er nach Wien gewandert, von da hatte es ihn nach Italien

gezogen, wo es ihm aber sehr trübselig ergangen war. Unter unsäglichen

Beschwerden hatte er sich nach der Schweiz durchgeschlagen und nachdem

er hier wieder etwas »zu Federn gekommen«, sich der Hauptstadt

Frankreichs zugewendet. So gut er es nun daselbst getroffen, so mächtig

ihn anfangs das Leben in der ungeheuren Weltstadt angezogen hatte, so

war doch allgemach die Sehnsucht nach der Heimath in ihm wach geworden.

Sein Meister hatte ihn zum Werkführer über fünfzig Arbeiter, ja zu

seinem Eidam machen wollen, aber da war plötzlich das Verlangen nach

der lieben Heimath so mächtig geworden, daß er es keinen Tag mehr in

Paris ausgehalten und »Knall und Fall« den Wanderstab zur Heimkehr

ergriffen hatte. Die mancherlei kleinen Reiseabenteuer, welche in

Heinrichs Erzählung vorkamen, verliehen derselben eine solche Würze,

daß Einer von seinen Zuhörern nach Leerung der vom Wirth gespendeten

Stütze gleich eine zweite bringen ließ. Heinrich schloß mit den Worten:

»So bin ich denn nun glücklich wieder in Wellersgrün und denk' auch

da zu bleiben, denn das können Sie mir glauben, werthe Landsleut',

so schön es draußen sein mag, es bleibt doch wahr, wie man bei uns

spricht: »d'rham is d'rham.« Da schüttelten ihm alle Umsitzenden die

Hand, tranken auf sein Wohl, lobten seinen Entschluß und sicherten ihm

zu seiner Niederlassung im Orte allen möglichen Beistand zu.

»An meiner Fürsprache beim Handwerk soll's ihm nicht fehlen, Heinrich!«

sagte unter andern der Obermeister von der Zunft der vereinigten

fünfzehn Handwerke.

»Und Credit, wie Empfehlungen nach Schneeberg und Auerbach finden Sie

bei mir,« versprach der Krämer, oder wie er sich nannte, Kaufmann

des Oberdorfes. Der Förster eröffnete ihm die besten Aussichten auf

unbeschränkten Nutzholzcredit und der Zimmermeister wollte ihm sein

mütterliches Häuschen herrichten, daß es eine Art hätte. Zuletzt war

auch von einer Frau die Rede, und von mehr als einer Seite ließ man

merken, daß er ein ganz annehmbarer Schwiegersohn wäre.

»Mit dem Heirathen,« sagte jedoch Heinrich, »hat es bei mir noch Zeit.

Vor der Hand drängt's mich nicht, denn meine Mutter ist, Gott sei Dank!

noch rüstig, und übrigens -- kommt Zeit, kommt Rath!« Dabei warf er

aber einen anhaltenden Seitenblick nach Meister Unger und nach einer

Pause richtete er an diesen die Frage: »Wie geht's daheim, Meister

Unger? Ist die Frau sammt den Kindern wohlauf?«

»Was soll's mit denen für Noth haben?« war die Antwort. »Man sorgt und

schafft doch genug für sie! Nun, Er besucht uns doch, Heinrich -- Er

wird sich freuen, wenn Er meine Gimpel sieht und hört.«

Heinrich lächelte und blies eine starke Wolke vor sich hin.

»Ei, Heinrich!« sagte der Schänkwirth, »wir waren ja ehedem auch ein

Vogelfreund und suchten als Steller Unsersgleichen -- wir werden jetzt

das edle Vergnügen doch auch wieder treiben?«

»Da sei Gott vor!« erwiederte der Gefragte. »Ich bedaure, daß ich

jemals ein Vöglein seiner Freiheit beraubt habe -- halten Sie mir's zu

Gute, lieben Leute! -- aber ich muß Ihnen sagen: mir erscheint es jetzt

geradezu sündlich, das Vogelfangen.«

Dem Gimpelkönig entsank die Pfeife, der Wirth wurde kirschbraun im

Gesicht und der eine und andere der Tischgenossen rief: »Wie so? Was

sagt er? Sündlich?«

»Ja -- nehmen Sie mir's nicht übel!« erwiederte der junge Mann fest,

»so erscheint es mir, und lassen Sie sich sagen warum? Lassen Sie

sich erzählen, wie ich zu dieser Ansicht gekommen bin. Sie wissen,

daß ich früher auch meinen Vogel gestellt habe, wie Einer, und der

Meister Unger da muß mir bezeugen, daß im Lernen der Gimpel Keiner

ihm gleich kam als ich -- es hat manchen kleinen Wettstreit zwischen

uns gegeben, aber in aller Freundschaft -- und wie ich in die Fremde

ging, that mir nichts so weh, als daß ich meine Vögel da lassen

mußte; ich hätte sie lieber mitgenommen, wenn es gegangen wäre. Zog

ich dann auf meiner Wanderschaft durch einen Wald und hörte einen

Reiterfinken schlagen oder eine Amsel singen, so zuckte es mir in

allen Gliedern, ich ärgerte mich, daß ich gar kein Stellzeug bei mir

hatte, aber dessenungeachtet schlich ich den Vögeln wohl stundenlang

nach und so kam es oft, daß ich über einer mäßigen Tagereise zwei,

auch drei Tage zubrachte. Das war viel Zeitverlust und Verlust an

Geld obendrein. Nach und nach verlor sich zwar das Erpichtsein aufs

Vogelstellen etwas, ganz aber konnte ich's doch nicht los werden

und wenn der liebe Sonntag kam, ging ich vogelstellen, statt in die

Sonntagsschulen, welche einsichtsvolle Menschenfreunde zur Fortbildung

des Handwerkerstandes weit und breit ins Leben gerufen haben. So ging

es, bis ich ins Welschland kam. Da hatt' ich das Unglück, der Polizei

verdächtig zu werden: statt für einen ehrlichen Handwerksburschen sah

sie mich für einen geheimen Revolutionär an -- ich wurde verhaftet und

nach Padua ins Gefängniß gebracht. Im Gefängniß, ihr lieben Leute,

lernt man erst Jesum Christum erkennen. Vier Wochen mußte ich einsam

in einem schauerlichen Loche sitzen -- ach! ich dachte, der liebe Herr

Gott habe in seinem Zorn die Tage plötzlich zu Jahren ausgesponnen, so

fürchterlich lang wurde mir die Zeit. Da fielen mir alle meine Sünden

ein -- und auch mein Vogelstellen. Da dachte ich, wie meine armen

Vöglein der Verlust ihrer Freiheit geschmerzt haben müsse, und ich

mußte es als eine Strafe vom lieben Gott erkennen, daß ich jetzt auch

in einem Käfig steckte, der freilich nicht von schwachem Draht oder

Holz, sondern aus gewaltigen Steinen erbaut war. Als ein Tag nach dem

andern dahinschlich, ohne daß ich erlöst wurde oder eine Vertröstung

auf baldige Erlösung erhielt, wurde ich lebenssatt, die Verzweiflung

übermannte mich, mehr als einmal war ich nahe daran, mit dem Kopfe

wider die Wand zu rennen und ihn zu zerschmettern; nur der Gedanke an

meine gute Mutter hielt mich davon zurück. Dann fielen mir meine Vögel

immer wieder ein und ich dachte: so wie dir jetzt, so ist es auch den

armen Thierlein zu Muthe gewesen, da sie deine Gefangenen waren! Du

sahest wohl ihr ängstlich Flattern an der Leimruthe, im Netz oder im

Bauer, du hörtest ihr kläglich Schreien, bemerktest ihre traurigen

Mienen -- und doch ließest du sie im Käfig, getrennt von ihren Jungen,

oder das Männchen von seinem Weibchen; sie mußten ihr herbes Loos

tragen -- so füge nun auch du dich in dein Schicksal! Des Nachts

aber kamen schreckhafte Träume; da verwandelten sich meine ehemaligen

Gefangenen in gräuliche Riesenvögel, die mit ihren furchtbaren

Schnäbeln nach mir hackten oder mich mit ihren Krallen packten und

an den Rand eines schauerlichen Abgrundes rissen, bei dessen Anblick

ich entsetzt aufschrie und erwachte. Da betete ich in meiner Angst zu

Gott und schwur, nie wieder eines seiner für die Freiheit geborenen

Geschöpfe dieses ersten Lebensgutes zu berauben -- denn das sag'

ich aus Erfahrung: es giebt kein köstlicheres Gut im Leben als die

Freiheit, und ein Raub an diesem Gute wider ein Geschöpf Gottes verübt

ist ein Frevel schwarz wie der Mord --«

»Einen Eibenstöcker!« rief der Gimpelkönig, und Heinrich, ohne auf

dessen unwirsches Gesicht zu achten, fuhr fort:

»Endlich ward ich frei -- mir war, als läge ein Zeitraum von Jahren

zwischen Verlust und Wiedergewinn meiner Freiheit, und ich konnte kaum

gehen, so hatte die Haft mich angegriffen. Als ich mich außerhalb der

Stadt fand, kniete ich auf offenem Felde nieder und dankte Gott, daß

ich wieder fessellos unter seinem Himmel und auf seiner Flur athmete,

und wiederholte meinen Schwur, nie wieder Hand an ein lebendiges Wesen

zu legen, um es seiner angeborenen Freiheit zu berauben. Darauf zog

ich viele Tage durch herrlich bebaute Gegenden -- aber so mannigfach

und üppig alle Gewächse erschienen, so reizend die goldenen Früchte

aus den dunkelgrünen Kronen der Bäume schimmerten, so schwellend die

Matten, so gestaltenreich die Höhen sich in Aug' und Seele drängten, so

fehlte ihnen doch ein Reiz, den ich mit Wehmuth vermißte: die Schwärme

singender Vögel, welche unsere Heimathwälder beleben. Wichen sie vor

mir als vor einem Feind oder einem Verfluchten, dessen Ohr nimmer werth

war, sich an ihren Melodieen zu weiden?«

»Noch einen Eibenstöcker!« unterbrach Meister Unger den Erzähler

abermals.

»Willst Du schon nach Hause?« fragte der Obermeister der fünfzehn

Handwerke.

»Nein,« erwiederte der Gefragte, »es wird mir blos übel von dem

Gemähre --«

»Ruhig!« riefen mehre Stimmen, »erzähl' weiter, Heinrich!«

»Ja, erzähl' Er weiter, Mosje Sacher!« stimmte der Förster bei -- aus

Seiner Geschichte kann Mancher 'was lernen!«

Dies beabsichtigte Heinrich eben und rücksichtslos, wie immer

jugendliche Verkündiger ernster Wahrheiten, fuhr er fort: »Bald traf

ich mit einem Landsmann zusammen, einem Maler, der desselben Weges zog

wie ich, und als die Rede gerade auf den von mir wahrgenommenen Mangel

an Singvögeln in der paradiesischen Gegend kam, fragte ich ihn nach der

Ursache dieser Erscheinung. Er antwortete mir, daß nur die furchtbaren

Nachstellungen der Menschen nach und nach die Wälder und Fluren dieses

Striches von den kleinen Sängern entblößt hätten. Da dacht' ich an

meine Heimath und den hier getriebenen Vogelfang, und mir war bange

darum, daß da auch eintreten möchte, was ich dort zu beklagen fand.

Später gingen wir durch eine große Kastanienpflanzung, die fast ganz

abgestorben war. Die wenigen noch grünen Bäume waren mit Schaaren von

Raupen bedeckt. Es war ein trauriger Anblick -- ich dachte an alle

die Arbeit, die hier vergebens aufgewendet, an alle die Hoffnungen,

welche vernichtet waren. Offenbar war die Pflanzung ein Opfer des

Raupenfraßes, und ein Landmann, den mein Gefährte fragte, bestätigte

dies. »So rächt sich jetzt an den Kindern, was ihre Väter gesündigt

haben,« sagte der Maler, »hätten diese die Singvögel nicht von Wald und

Flur vertilgt, so hätte das zerstörende Insekt nie so mächtig werden

können, als es hier geworden.« Ich schrieb mir das hinter die Ohren und

will's auch mein Leben lang nicht vergessen. Und ich hab' noch viel

über den Gegenstand nachgedacht, und es ist mir immer klarer geworden,

daß das Wegfangen der Singvögel eine Sünde sei und daß ein Vogelsteller

Gott nimmermehr gefallen, ja schwerlich in den Himmel kommen könne.«

»Hoho!« rief der Schänkwirth, »wer's glaubt, wird selig.«

»Nein, der ist ein Esel!« polterte Meister Unger.

»Es ist dummes Zeug,« sagte der Obermeister der Fünfzehnerzunft,

»schmeckt nach Pfaffen -- fort damit!«

»Ja, fort damit!« schrie der Gimpelmonarch. »Wirth, noch einen

Eibenstöcker! Das fehlt noch, daß so ein Gelbschnabel uns Mores lehren

will!«

»Der Sacher hat aber Recht,« erklärte der Förster.

»Bei Euch Grünröcken,« erwiederte Unger, das ihm gereichte Glas

Branntwein hinabstürzend, »Ihr möchtet nur allein im Walde Herr sein,

es soll kein anderer Mensch sein Vergnügen darin haben. -- Weiß Er

was, Sacher: geh' Er lieber hin, wo Er hergekommen ist, wir brauchen

in Wellersgrün keine Neuerer und Weltumstürzer, wie Er ist -- geh' Er

wieder nach Paris, wo dergleichen hingehören!«

Heinrich schwieg, aber seine jüngern Freunde drangen jetzt ungestüm auf

den Gimpelkönig ein. »Das leiden wir nicht,« schrieen sie, -- »das ist

schändlich, ein Wellersgrüner Kind so zu behandeln!«

»Ein Wechselbalg mag er sein und kein Wellersgrüner!« rief Meister

Unger, aber sogleich saß ihm ein Schlag im Gesicht.

»Ums Himmelswillen, keine Schlägerei!« rief Heinrich und warf sich

zwischen den Angegriffenen und die Angreifer -- da fuhr ein Bierglas

durch die Luft, im Nu war die Schänkstube in ein Schlachtfeld

verwandelt, wo zwischen zwei an Stärke fast gleichen Parteien ein

erbitterter Faustkampf geführt wurde. Die Ursache des Kampfes selbst,

Heinrich, gab sich alle Mühe, ihn beizulegen -- umsonst; -- er bat, er

flehete, er weinte -- er ließ sich sogar von dem ergrimmten Gimpelkönig

einen Schlag versetzen, ohne ihn zu erwiedern, -- es war vergebens,

der Kampf wurde nur erbitterter -- bis »Rußbuttenlobel« außerhalb

eines Fensters erschien, sich durch den offenen Flügel auf die innere

Brüstung schwang und mit vorgehaltenem Spieß ausrief: »Ruhe! im Namen

der Obrigkeit, Ruhe! eh' Ihr's Euch versehen werdet, ist der Gensd'arm

hier!«

Das wirkte. Die Parteien trennten sich; die Anhänger Heinrichs meinten,

man müsse ja nicht bei den »Dickköpfen« sein, und alsbald zogen sie ab

und hinauf auf den Tanzboden, wo sie, namentlich dem weiblichen Theile

der Gesellschaft, ganz willkommen waren. Heinrich nahm aber traurig in

einem Seitenzimmer Platz, und während seine Kameraden walzten, versank

er in tiefes Sinnen.

3.

Eine geraume Weile saß Heinrich gedankenvoll allein, als er seine

Schulter von einer Hand berührt fühlte und aufblickend Rußbuttenlobel

neben sich sah. Heinrich reichte ihm stumm das Glas dar; Lobel trank

daraus, gab ihm die Hand und sagte:

»Es war eine Finte mit dem Gensd'arm, Vetter! Ich wollt' Euch nur

auseinander haben.«

»Ich danke Dir, Vetter!« erwiederte Heinrich -- »ach, ich möchte weinen

wie ein Kind über diesen Empfang in der Heimath. Wie hab' ich mich in

der Fremde draußen auf diesen Tag gefreut -- und nun muß er mir so

verdorben werden!«

»Wie konntest Du auch dem Meister Unger so auf sein bestes Hühnerauge

treten?« sagte Lobel. »Hast Du denn gar nicht ans Hannel gedacht?

Drunten sitzt der alte Vogelfried nun, und tobt und schimpft auf Dich,

und sagt ganz unverholen, er wisse wohl, daß Du ein Auge auf seine

Tochter hättest, aber eher woll' er sie dem Rußbuttenlobel -- also mir

-- geben, denn so einem Neuerer und Weltverbesserer, wie Du wärest.

Wenn das arme Hannel dies wüßte!«

»Ei was wird die sich darum härmen!« erwiederte Heinrich, »wer weiß,

will sie noch etwas wissen von mir! Damals, wie ich mit ihr ging,

war sie noch ein halbes Kind und ich selbst hinter den Ohren nicht

trocken, und inzwischen sind drei Jahre vergangen -- ich hab' ihr nie

geschrieben -- Lobel, lassen wir das Mädel sein -- ich weiß ja auch

nicht, ob sie heute noch nach meinem Sinne wäre!«

»Sieh sie nur einmal, Heinrich!« fiel der Andere ein, »ich wette meinen

Spieß gegen was du willst, sie gefällt dir jetzt noch besser, denn

sonst -- ach, die Augen werden Dir übergehen, wenn Du sehen wirst,

wie das voll und schlank, und blumig und samig geworden ist, so voll

Lieblichkeit, daß man's immer anschauen und drüber beten und fluchen

vergessen möchte! Komm mit; sie erwartet Dich!«

»Wo?«

»Daheim, bei ihrer Mutter.«

»Wo denkst Du hin, Lobel! Nach dem, was hier vorgefallen ist, kann

nicht die Rede davon sein, daß ich die Schwelle des Unger'schen Hauses

betrete. Ich hätte nach dieser Geschichte lieber Lust, wieder in die

Fremde zu gehen.«

»Und Deine alte Mutter zu verlassen -- und das traute Hannel! Du

denkst, das Mädel hat Dich vergessen? Das weiß ich besser. Denk'

nur, wie ich vorhin zum Kaffee unten war, da erzählt' ich der ganzen

Gesellschaft, daß Du da wärest. Da schrie sie laut auf, wurde über und

über roth, und als ich sie mit Dir aufzog, rannte sie zur Thür hinaus.

Und als ich darauf fortging, stand sie im Grasgarten hinter ihrem

Hause, und ließ sich von der Käseblume sagen, ob Du sie liebtest. Und

als die Blume sagte: er liebt Dich, kreuzte sie die Hände über das

wonnige Herzchen und sah mit entzückten Augen gen Himmel. Sieh, so

liebt sie Dich -- und Du -- ja, die Blume spricht wahr: Du liebst sie,

du willst Dir's nur nicht gestehen.«

»Du irrst Dich, Vetter -- ich gestehe, daß ich mich des herzigen Kindes

gern erinnere, aber mein Herz schlägt ganz ruhig dabei. Wie ist es --

wird sie nicht zum Tanz kommen?«

»Seit Du fort warst, ist sie äußerst wenig zur Musik gewesen -- aber

heute, da sie weiß, daß Du wieder da bist, wird sie wohl kommen.«

»Gut -- warten wir das ab -- sehen möcht' ich sie wohl, aber in ihres

Vaters Haus komm' ich nicht.«

»Und mußt doch einmal Hochzeit darin machen.«

»Still davon, Vetter! Das ist vorbei! -- Da, laß frisch einschenken!«

Der Tanz war eben zu Ende; die Tänzer stürmten, soweit es der Platz

zuließ, ins Zimmer, wo Heinrich saß. Die Freunde tranken ihm zu und

als die Musik von Neuem begann, drangen sie in ihn zu tanzen. Er ließ

sich endlich bewegen, aufzustehen, ging langsam nach der Saalthür

und musterte den anwesenden Mädchenflor. Es schien nicht, daß ihn

Eine anzog -- er stand unschlüssig da -- auf einmal öffnete sich die

gegenüber befindliche Thür des Haupteingangs. -- »Da kommt sie,«

flüsterte Lobel hinter Heinrich, der die eintretende Gestalt anstarrte.

War das wirklich das Kind, mit dem er einst harmlos »Liebstens«

gespielt hatte? War diese vollaufgeblühte Jungfrau, diese gebietende

und doch so leicht daher schwebende Gestalt mit dem Zaubergrübchen im

rosigen Kinn, dem schwellenden Purpurmund und den meertiefen Augen

wirklich die stille Mädchenknospe, die einst an seinem Herzen geruht

hatte, sorglos träumend in der sicheren Hut seines reinen Sinnes? Was

damals nur Ahnung gewesen, das war jetzt Licht, Fülle, Leben -- was

einst dulden konnte, daß der Jüngling harmlos mit ihm tändelte, das

forderte jetzt Achtung, Verehrung, Liebe. Eine süße Bestürzung, ein

minutenlanges Schwanken zwischen Staunen und Entzücken und dann ein

Aufflammen des ganzen Feuers, das in seiner Brust verborgen glühte

-- dann stand er vor ihr mit der stummen, aber tiefen Huldigung, die

noch jeder männliche Geist dem Weibe darbrachte, dessen Liebreiz sein

Herz rührte. Seine Verneigung vor ihr, die Schüchternheit, mit der

er die ihm ebenso schüchtern gebotene Hand nahm, die ehrerbietige

Art, mit welcher er sie »Jungfer Hannchen« anredete -- das waren die

äußeren Zeichen dieser Huldigung; andere hatte der, trotz seinen

weiten Wanderungen und seinem Verkehr mit Welschen und Franzosen,

einfach gebliebene Gebirgssohn nicht. Und sie? Sie fand ihn freilich

nicht in so bedeutsamer Weise verändert, wie er sie -- der Schritt

vom einundzwanzigjährigen zum vierundzwanzigjährigen Jüngling ist

kein so großer, wie der vom fünfzehn- zum achtzehnjährigen Mädchen

-- aus dem Flaum um den Mund war ein zierlicher Bart geworden, eine

weitere äußerliche Veränderung fiel ihr nicht auf. Erst war es ihr

gewesen, als müsse sie ihm so frei und munter entgegenhüpfen wie sonst

-- aber mit einemmal empfand sie ihm gegenüber eine unaussprechliche

Beklemmung, ihre Hand zitterte in der seinen und außer dem großen,

strahlenden Blick, mit dem sie ihn begrüßt hatte, wagte sie ihm keinen

mehr ins Gesicht zu thun, wenn sie merkte, daß sein Auge auf ihr ruhte.

So standen sie lange da und wer weiß, wie lange sie es so getrieben

hätten, wäre nicht ein junger Mann im lichtblauen Rock auf sie

zugekommen und hätte da Hannchen nicht schnell Heinrichs Arm genommen

und ihm zugeflüstert: »Wir wollen tanzen, sonst fordert mich Der auf

und ich kann ihn doch nicht leiden!« Da flog Heinrich mit ihr in den

Reihen und tanzte nach Jahren wieder den ersten heimathlichen Walzer.

Vergessen war alles vorhin Vorgefallene -- Athem wehete in Athem --

Puls schlug an Puls -- Blick flammte in Blick. -- »Mein Hannchen« klang

es herüber -- »mein Heinrich« flüstert' es hinüber -- und als der

Walzer zu Ende war, führte der glückliche Tänzer sein Mädchen mit dem

Entschlusse aus dem Saale, nimmer wieder von der Heimath und seinem

Hannchen zu weichen.

Dort in dem heimlichen Winkel des Nebenzimmers, wo Heinrich vorhin

allein gesessen, nahmen sie jetzt miteinander Platz, und nun ging es an

ein Fragen und Erzählen und Händedrücken und -- was weiß ich! -- Zum

Beschluß erklärte Heinrich dem entzückt aufhorchenden Mädchen noch, daß

er in vier Wochen Meister würde und wenn's nach seinem Willen ginge,

müßte Hannchen in einem Vierteljahr sein liebes Weibchen sein. Da kam

»Rußbuttenlobel« und flüsterte: »Kinder! seid »a Bissel« auf Eurer

Hut vor dem Kunz-Karl-Fried -- wenn er kommt und will mit Ihr tanzen,

Jungfer Hannel, so schlag' Sie's ihm nicht ab; Sie weiß, er hat ein

Aug' auf Sie, und wenn Sie ihn beleidigt, so geht er hinunter zum Alten

und verdirbt Euch die Freude! Ich muß jetzt einmal ins Dorf schauen --

seid gescheidt!« Damit verschwand er.

»Was?« sagte Hannchen, »mit dem Kunz soll ich tanzen? Nimmermehr! Ich

will nur mit Dir tanzen, Heinrich!«

»Doch,« erwiederte dieser, »doch möcht' ich Dir rathen, ihm wenigstens

+einen+ Tanz zu gönnen. Du bist ihm vorhin schon ausgewichen -- ein

zweites Mal nimmt er's gewiß sehr übel, und dann -- ich muß Dir sagen,

daß ich bei Deinem Vater in Ungnade gefallen bin -- wenn ihm der Kunz

hinterbringt, daß wir beisammen sind, so reißt er uns wohl auseinander.«

»So wollen wir fortgehen -- ich sage Dir, ich kann und darf nicht mit

diesem Menschen tanzen, Du wirst schon noch erfahren, warum --«

»So laß uns noch den nächsten Reihen zusammentanzen,« sagte Heinrich,

»damit ich wenigstens einmal bestelle -- man möchte mich sonst für

einen Lump halten -- dann gehen wir spazieren.«

Das Paar erhob sich -- aber da stand der Gemiedene schon vor ihnen

und bat Hannchen um den nächsten Tanz. Diese schmiegte sich an den

Geliebten und ward von ihm dem Unliebsamen im Fluge entführt. »Einen

Walzer!« rief Heinrich den Musikern zu, ein Achtgroschenstück auf das

Orchesterpult werfend. Schnell war der Tanz im Gange und Kunz hatte das

Nachsehen.

Inzwischen fuhr in der Schänkstube Meister Unger fort, dem so unberufen

aufgetretenen Gegner des Vogelstellens in tiefster Seele zu grollen

und dann und wann diesem Groll durch ein derbes Wort Luft zu machen.

»Ich hab' ihm aber doch eins gegeben, daran er denken wird,« sagte er

endlich und ließ sich den vierten »Eibenstöcker« geben und noch einen

-- und wieder einen -- da wurde er immer aufgeregter, bis der junge

Kunz-Müller von Neuhahn -- eben jener Karl-Fried -- hereintrat und sich

dem »Herrentische« näherte. Er war ein guter Kunde des Gimpelkönigs;

als ihn dieser daher zu Gesicht bekam, sänftigte sich sein Zorn etwas,

er reichte ihm freundlich die Hand und zog ihn an seine Seite. »Na, wie

ist's, Karl-Fried,« redete er den Platznehmenden an, »wollt Ihr meinen

Wallheim noch haben? Wenn nicht, so wandert er nach Kirchberg, wo mir

Einer fünf Thaler und Tuch zu einem Rock und ein Paar Lödelschuh dafür

geboten hat.« Der Wallheim war aber einer seiner gefiederten Schüler,

darum so genannt, weil er das Mantellied aus Holtei's »Lenore« sang.

»Was der Wollklopper giebt, kann ich auch noch zahlen,« erwiederte der

Müller, »ich nehme den Vogel für einen Doppellouisd'or, aber den Bauer

müßt Ihr zugeben.«

»Für eine Metze Heugesäm' -- topp! -- Wirthschaft, ein Fläschel zum

Leihkauf!« rief der Verkäufer. Während der Wirth dem Befehl nachkam,

flüsterte der Müller dem Vater Hannchens etwas ins Ohr.

»Da soll doch gleich --« der Fluch erstarb dem empörten Vater auf der

Zunge; er sprang auf und eilte zur Thür. Der Ohrenbläser rannte ihm

bestürzt nach. »Lieber Meister Unger!« bat er, »seid nicht so hitzig!

macht kein Aufsehen! -- ich bin dem Hannel gut -- und weil wir einmal

darauf zu reden kommen, so will ich Euch nur sagen, daß es mein Wunsch

ist, Euer Schwiegersohn zu werden.«

Der Alte vergaß seinen Zorn für einen Augenblick. »Wirklich,

Karl-Fried? Ist das Euer Ernst?« fragte er erfreut. »Warum habt Ihr mir

das nicht schon längst gesagt?«

»Je nun -- ich hatte immer das Herz nicht -- das Hannel that so apart

gegen mich.«

»Ich will ihr das Apartthun schon einstreichen,« erklärte Meister

Unger. »Ihr wißt, in meinem Hause bin ich Herr, da gilt, was ich will.

Ihr werdet mein Schwiegersohn, Karl-Fried, oder ich will zeitlebens

keinen Vogel mehr fangen! Jetzt aber will ich meinen Nickel vom

Tanzboden holen, wenn sie mit dem »Leimtiegel« karessirt.«

Er eilte fort und stand in wenig Augenblicken vor den Liebenden, die

bei der eben eingetretenen Tanzpause sich in ihren Plauderwinkel

zurückgezogen hatten.

»Du gehst augenblicklich mit mir in die Schänkstube oder nach Hause!«

herrschte der Vater der Tochter zu.

Hannchen, an unbedingten Gehorsam gegen die Eltern gewöhnt, erhob

sich und erklärte, nach Hause gehen zu wollen, wenn sie nicht auf dem

Tanzboden bleiben dürfe. Heinrich stand auf und sagte: »Verzeihen Sie

mir, Meister Unger, wenn ich Sie beleidigt habe -- es war bestimmt

nicht meine Absicht --«

»Mit Ihm hab' ich gar nichts zu reden,« versetzte Jener, »und Er hat

nichts mit meiner Tochter zu reden, merk' Er sich das, und wenn Er dem

Mädel nachläuft, so will ich's Ihm schon einstreichen!«

Das liebende Paar wäre dem Ergrimmten gern um den Hals gefallen, wenn

der Ort eine solche Scene gestattet hätte. Mit feuchten Augen fügte

sich Hannchen in den Befehl ihres Vaters. Er wollte sie mit in die

Schänkstube nehmen, allein sie machte sich los und ging weinend nach

Hause.

Heinrich hatte ihr mitgetheilt, auf welche Weise er dazu gekommen

war, den Vater so gegen sich zu erbittern, und sie kannte diesen zu

gut, um nicht zu wissen, wie ernst und dauernd diese Erbitterung sein

mußte. Aber so tief sie darum den Vorfall beklagte, so konnte sie doch

dem Geliebten nicht Unrecht geben, daß er so freimüthig als Anwalt

der armen Vöglein aufgetreten war, und wiewohl sie bisher über das

Unrecht, das in der Liebhaberei des Vogelstellens lag, noch wenig

nachgedacht hatte, so war es ihr doch sofort einleuchtend, und mit

dem Feuer eines edlen Gemüthes faßte sie den lebhaftesten Abscheu

dawider. Es beunruhigte sie sogar, daß sie ihren Vater zuweilen nach

dem Vogelherd begleitet, Beeren für denselben gesammelt, auch wohl,

wenn er selbst abwesend war, an seiner Statt den Herd besorgt hatte.

Sie beschloß, sich künftig solchen Aufträgen nur gezwungen zu fügen.

Daheim angelangt, fiel sie ihrer Mutter weinend um den Hals und gestand

ihr ihr Glück und ihr Leid. Frau Unger tröstete die Bekümmerte,

billigte ihre Liebe, ermahnte sie zur Geduld und versprach ihr, Alles

aufzubieten, um ihr den Weg zur Hochzeit zu ebnen.

Den folgenden Tag gab es zwei Brautwerbungen im Ungerschen Hause.

Die eine kam schriftlich an die Hausfrau, Rußbuttenlobel war ihr

Ueberbringer und Heinrich ihr Absender -- die andere brachte

Kunz-Karl-Fried in Person bei dem Hausherrn an. Dieser saß indeß

nicht auf dem hohen Pferde wie gestern; er war mit einem Rausche

heimgekommen, und dessen schämte er sich heute vor seiner Familie. Er

nahm daher den ihm so lieben Werber etwas kleinlaut auf und schob, um

seine stillzürnende Ehehälfte zu begütigen, ihr die Entscheidung über

diese Angelegenheit zu. Frau Unger aber entschied so: »Meister Kunz,

Er hat schon Sein Theil -- heirath' Er das arme Mädel, dem Er die Ehre

genommen!« Verblüfft vernahm der reiche Bewerber diesen Bescheid,

stotterte etwas von dem Unpassenden, ein so armes Ding wie die

Gemeinte zu seiner Frau zu machen, und zog sich, als ihm hierauf Frau

Unger eine tüchtige Lection in Wellersgrüner Hochdeutsch gegeben, mit

dem erhandelten Gimpel zurück, jedoch ohne seine Hoffnung auf Hannchens

Besitz ganz aufzugeben, da er auf seinen Geldsack und Meister Jobsts

Gunst pochte.

Ganz andern Bescheid trug Rußbuttenlobel von Frau Unger heim. Zwar auf

eine schriftliche Erwiederung des schriftlichen Antrages konnte die

Gute sich nicht einlassen, da es zu ihrer Jugendzeit in Wellersgrün

noch nicht Sitte gewesen war, daß ein Mädchen schreiben lernte --

aber der freundlichste Gruß und die herzlichste Zusage legte sie dem

Liebesboten in den Mund, und dieser war nicht der Mann, der eine Silbe

fehlen ließ, wenn er etwas auszurichten hatte. »Was die Einwilligung

meines Alten betrifft,« hatte die wackere Frau gesagt, »so wird es zwar

etwas Zeit und Mühe kosten, sie zu erlangen, aber einmal muß er doch Ja

sagen.«

»Du lieber Gott!« rief Heinrich, als er dies vernahm, »heute über

zwanzig Jahre ist auch »einmal!« Da kann mir's gehen, wie dem

Lautersgrüner Pastor, -- der hat sich mit seinem Schatz auch zwanzig

Jahre geschleppt und wie er endlich zu der Pfarre gekommen, daß er hat

heirathen können, sind sie beide halb stumpf gewesen!«

»Ich denk', so soll's Dir nicht gehen,« tröstete Lobel, »der alte

Gimpelkönig hat zwar einen harten Kopf, aber ich glaub', er ist mürb'

zu machen -- ich hoffe, Du führst Dein Hannel in Kurzem heim, wenn Du

mir folgst.«

»Vetter -- Herzensvetter -- sprich, was soll ich thun?«

»Du mußt den Alten mürb' machen -- mußt mit ihm um die Wette

vogelstellen und Gimpel lernen --«

»Nimmermehr!«

»Versteh mich recht -- Du sollst's nur zum Schein -- sollst selbst

nicht einen einzigen Vogel fangen, aber sollst einen Vogelherd bauen --

dem Alten in den Strich -- und ihm so den Fang verderben, Du weißt ja

Bescheid damit.«

»Man muß auch den Schein des Unrechts meiden, besonders wenn man sich

zu seinem Bekämpfer aufwirft.«

»Auch um dieses Bekämpfens willen ist es gut, wenn Du scheinbar

umlenkst. Du hast es ganz falsch angefangen, daß Du so mit der Thür

ins Haus fielst. Böse Gewohnheiten sind wie Warzen -- Wegschneiden

hilft nicht, man muß sie durch Sympathie vertreiben. Jetzt, wo Du das

ganze vogelstellende Wellersgrün vor den Kopf gestoßen hast, magst

Du noch so schöne Reden wider den Vogelfang halten, Du predigst doch

tauben Ohren. Mach' es einmal ganz anders! Gewinne Dir zuerst den

Eckstein der Vogelstellerzunft, den Gimpelkönig, geh' ihm in seiner

Leidenschaft zu Leibe! Ich verschaffe Dir Gimpel zum Lernen -- und Du

mußt ein paar lernen, vor welchen sich alle Gimpel des Gimpelkönigs

verstecken müssen. Er muß seine Reputation in Gefahr kommen, muß sie

auf Dich übergehen sehen -- so wird er mürbe und kapitulirt!«

»Vetter!« rief Heinrich und schloß die Wellersgrüner Sicherheitspolizei

mit einer Freude in seine Arme, die dieses Institut ihm anderwärts

nicht eingeflößt hatte -- »Vetter! Du bekommst in meinem Hause deinen

Auszug -- Dein Plan ist göttlich -- daß ich nicht selbst darauf

verfiel! -- Aber ich bin zu sehr verliebt, dergleichen auszudenken. --

Vetter, mach' Deine Sach', ich mache die meine!«

4.

Die Zeit des Gimpelfangs war wieder da, und es that auch noth, denn

Meister Ungers Kapelle war durch einen in letzter Zeit ungewöhnlich

starken Absatz sehr zusammengeschmolzen und er mußte rekrutiren.

Hannchen hatte sich längst auf diesen Zeitpunkt gefreut, denn nun lag

ihr Vater zu halben Tagen im Vogelherd und sie konnte den Geliebten

unter den Augen ihrer Mutter täglich bei sich empfangen.

Dieser war inzwischen Meister geworden, erfreute sich einer guten

Kundschaft, und sein Hauswesen war so in den Stand gesetzt, daß er

jeden Tag ein Weibchen heimführen konnte. Bisher war es ihm nur selten

vergönnt gewesen, die dazu Auserkorene auf Augenblicke verstohlen zu

sprechen -- mit welchem Entzücken ging er am ersten Nachmittage,

da Meister Unger auf dem Vogelfang war, frank und frei in das ihm

geöffnete Haus!

Ein Glück war es, daß der »Kunz-Karl-Fried« nicht im Orte hauste, sonst

wäre dem glücklichen Freiersmann die Freude bald wieder versalzen

gewesen; aber die Wellersgrüner konnten ihn immerhin zu seinem

Schätzchen gehen sehen, die hielten das Geheimniß eines liebenden

Paares heilig. Einiges Aufsehen machte es indeß, als man erfuhr, der

Sacher Heinrich, der sich in der Schänke so kräftig gegen den Vogelfang

ausgesprochen, habe jetzt selbst im Niederwellersgrüner Hammerwalde

einen Vogelherd angelegt -- aber auch dies fand man bald in der

Ordnung, indem man es als ein »Blendwerk« deutete, daß der pfiffige

Liebhaber nothgedrungen dem Vater seiner Liebsten vormache, um diesem

die Meinung beizubringen, er wäre gleich ihm selber auf dem Vogelfang,

während er ganz gemüthlich um das Töchterlein freiete. Als aber Meister

Unger die sonderbare Mär von Heinrichs Anstalten zum Vogelstellen

hörte, rieb er sich vergnügt die Hände. »Da hat man das Großmaul!«

sagte er, »wie es außer der Zeit war, da konnt' er gut wider das

Vogelstellen predigen, aber kaum ist die Zeit da, da kann er's selbst

nicht lassen. Ja, lehrt mich das nicht kennen! Was einmal zum Vogelfang

geboren ist, kann sein' Lebtag' nicht davon loskommen! -- Meine Tochter

kriegt er aber nun doch nicht!«

Vier Wochen des herrlichsten Wetters für den Vogelfang gingen in das

Land. Täglich ging Meister Unger ans Werk und täglich kehrte er heim,

ohne mehr zu fangen, als hin und wieder einen »lumpigen Quäker«. Das

edlere Geflügel, wie Grünertse, Zippen, namentlich aber Gimpel, schien

ihm ganz und gar den Rücken gekehrt zu haben. Noch drei gelernte Gimpel

hatte er in seinem Besitz und die Nachfragen nach diesen Sängern

häuften sich wie noch nie. Nach Monatsfrist war er auch nicht um einen

reicher.

Man hätte glauben sollen, das fortwährende Fehlschlagen aller

Bemühungen wäre das Grab von Seiner Majestät Geduld geworden; aber

man hat keinen Begriff von der Geduld eines leidenschaftlichen

Vogelstellers. Meister Unger wurde durch das Mißlingen seiner

Operationen nur um so erpichter, zumal da die Anreizungen von Außen --

Bestellungen auf gelernte und ungelernte Gimpel -- sich mehrten. Aus

diesen Bestellungen ersah er zugleich, welch' ungeheuern Ruf er erlangt

hatte, und er war nicht der Mann, der gegen solchen Ruf gleichgültig

sein, ihn ohne Schmerz verlieren konnte. Davon, daß viele Aufträge

fingirt, ein bloßes Machwerk Rußbuttenlobels waren, hatte er freilich

keine Ahnung. Statt des halben, legte er sich bald den ganzen Tag auf

seine Lieblingsbeschäftigung; es fehlte wenig, so wäre er ganz hinaus

auf den Vogelherd gezogen. Es war aber Alles umsonst -- das Glück

hatte sich entschieden von ihm gewendet. Dagegen mußte er hören, wie

dem Sacher die »rarsten« Vögel zuströmten und wie dieser bereits im

Besitz einer so zahlreichen Gimpelkapelle sei, wie er selbst sie nie

beisammen gehabt. Da wurde dem Gimpelkönig angst und bang um seinen

Ruhm -- wenn jetzt bei seiner Anwesenheit zu Hause ein städtischer

Besuch kam, versteckt' er sich und ließ sich verläugnen, denn er wußte

nicht, wie er seine Armuth an Sängern beschönigen sollte. Er begann an

Zauberei zu glauben, und als er eine Zeitlang weiter nichts fing, galt

es ihm als ausgemacht, daß sein Vogelherd behext sei -- und wer konnte

der Hexenmeister anders sein, als der in Welschland und Frankreich mit

allen Teufelskünsten bekannt gewordene Sacher? -- Der Hexenmeister war

jedoch Niemand als Rußbuttenlobel, welcher sich im Besitz eines Mittels

befand, wodurch der für die Vögel ausgehängte Köder diesen schon von

Weitem verleidet wurde -- eine feine Essenz, womit Lobel in der Nacht

die Beeren, oder worin sonst der Köder bestand, besprengte und dadurch

die Vögel verscheuchte.

Mittlerweile machte der Müller aus Neuhahn vergebliche Versuche,

sich bei Frau Unger sowohl, als bei Hannchen in Gunst zu setzen. Ein

goldener Henkeldukaten an schwarzem Sammethalsbande wurde von ersterer

ohne Antwort zurückgeschickt, und eine schwere goldene Halskette

erfuhr bei Hannchen, die eben keine Danae war, gleiches Schicksal.

Herr Kunz, der nicht begriff, wie ein Frauenzimmer blind gegen die

Reize des Goldes sein könnte, argwöhnte ganz richtig, daß doch wohl der

Sacher Heinrich noch zu dem Hannchen schleiche. Er legte sich in den

Hinterhalt, um darüber ins Reine zu kommen, und brauchte nicht lange

zu lauern, um seinen Verdacht bestätigt zu finden. Eine Stunde später

erfuhr Meister Unger auf dem Vogelherd die Schreckenspost, daß der

Mensch, der an all seinem Unglück schuld war, hinter seinem Rücken in

sein Haus »auf die Freiet« ginge. »Der Mensch bringt mich unter die

Erde!« rief der betrogene Vater aus und das Wasser trat ihm in die

Augen vor Zorn und Schmerz. Er kratzte sich hinter den Ohren, raufte

sich die Haare, lief im Vogelherd auf und ab und fragte: »Was soll

ich thun? Den Vogelherd verlassen und nach Hause eilen, dort Ordnung

zu schaffen? Aber wer weiß, mach' ich nicht gerade heute einen guten

Fang? O ich geplagter Mann! Drin in meinem Hause geht's drunter und

drüber und hier hält mich das Geschäft. -- Herzens-Karl-Fried«, redete

er diesen weinerlich an, »jetzt kann ich unmöglich von hier fort --

Ihr müßt Euch gedulden -- wenn ich nach Hause komme, will ich meinem

Weibsen den Marsch schon machen. Verlaßt Euch auf mich, der Tischler

kommt mir nicht wieder ins Haus!«

Es giebt keine blindere und verkehrtere Leidenschaft als die

Eifersucht einer aufdringlichen Liebe. Kunz begriff nicht, daß eine

angefochtene Liebe nur heißer und fester wird. Als Meister Unger

am Abend seinem »Weibsen den Marsch machte« und Heinrichs Besuche

in seinem Hause streng untersagte, unterwarfen sich zwar Weib und

Kind dem Verbote; aber die wußten schon, wo sie waren: sie waren ja

»d'rham« in Wellersgrün, im lieben Gebirge, wo verfolgte Liebe überall

Schutz findet, wenn nicht unter dem eigenen Dache, so doch in irgend

einem Nachbarstübchen, oder, wenn es sein muß, draußen im schattigen

Tannenwald. »Ihr werdet einander doch dann und wann sehen,« tröstete

die Mutter ihr Kind, »morgen gehst Du zur Muhme Christliebe zu Rocken,

und wenn früh das Rußbuttenlobel kommt, so steck' ich's ihm, dann

erfährt's Dein Heinrich schon.«

Die Bestellungen auf Gimpel, welche Meister Unger erhalten und

angenommen hatte, beliefen sich schon auf ein paar Dutzend, und er

hatte noch immer nur seine alten drei Stück. Man kam und mahnte -- er

vertröstete -- aber seine Hoffnungen auf eine Wendung seines Unsterns

schlugen fehl -- er konnte sein Wort nicht halten -- er stand am

Abgrunde seines Ruhmes. Heinrich hatte eine Menge der begehrten Vögel

und zum Theil schon gelernte -- wenn Ungers Kunden davon erfuhren, so

war er »gepritscht«, und Heinrich trat an seine, so lange mit Ehren

behauptete Stelle. Als er eines Abends glücklos wie immer heimkehrte,

kam ihm wohl der Gedanke, es koste vielleicht nur ein Wort bei dem

Tischler, so ließe dieser ihm einen Theil seiner Herde, und er könne

damit seine Ehre retten -- aber dieses Wort zu sprechen, war ihm

unmöglich. Den Abend darauf schüttete er gegen Rußbuttenlobel, dem

er nicht im mindesten mißtrauete, sein ganzes Herz aus. Der schlaue

Wächter unterließ nicht, auf der einen Seite den Ehrgeiz des alten

Voglers gehörig zu streicheln, auf der andern aber Heinrichs Virtuosen

in das glänzendste Licht zu stellen. In der That war es dem jungen

Tischlermeister gelungen, ein paar Gimpel vorzüglich gut abzurichten;

der eine sang sogar zwei Melodieen: »Kommt a Vogerl g'flogen« und

»Hörst Du nicht die Vöglein singen« -- ohne allen Anstoß und mit einer

Richtigkeit des Zeitmaßes, die Unger seinen Sängern nie beizubringen

wußte. Diesen Vogel taufte Rußbuttenlobel den »Steiermärker« und er

hatte es durch seine Beredtsamkeit bald dahin gebracht, daß Meister

Gottfried von Begierde brannte, den »Steiermärker« zu hören, ja wo

möglich zu besitzen. Lobel äußerte jedoch bescheidene Zweifel in

Bezug auf die Erfüllung des letzten Wunsches, dagegen versprach er zur

Erreichung des ersten behülflich zu sein, nur müsse er abwarten, wenn

Heinrich einmal einen Nachmittag nicht zu Hause wäre, da wolle er dem

Meister den Steiermärker auf den Vogelherd bringen.

Der Nachmittag, wo Heinrich nicht zu Hause war, mußte natürlich bald

kommen, und Rußbuttenlobel zog vergnügt mit dem Käfig, welcher den

Steiermärker beherbergte, hinaus nach Ungers Vogelherd. Der arme Mann

hatte eben wieder einen Schritt näher zum Grabe seines Ruhmes gethan:

er hatte »kein Schwänzel« gefangen und war recht niedergeschlagen, als

Lobel in den Herd eintrat. Dem ehrlichen Boten das Bauer entreißen,

das es verhüllende Tuch wegziehen und den Gimpel nach allen Seiten

betrachten, war eins. Lobel intonirte und der Steiermärker begann.

Lange lange schon war dem Gimpelkönig auf seinem jetzt wackeligen

Throne kein Ohrenschmauß zu Theil geworden, wie in diesem Augenblick.

Es war ihm, als müsse er den Sänger küssen -- er schnalzte mit der

Zunge -- klatschte in die Hände -- er setzte den Vogel vor sich auf die

Bank und kauerte andächtig davor -- am Ende fing er an zu greinen und

sagte: »Mit mir ist's aus -- wenn die Leute dich hören, Steiermärker,

so will kein Mensch von mir einen Gimpel mehr, und ich heiße der

Gimpelkönig nur noch zum Spott! -- Rußbuttenlobel, verschafft mir den

Steiermärker!«

»Das steht nicht in meiner Macht -- Ihr könnt denken, daß mein Vetter

den Vogel auch gern hat -- ja, ich sag' Euch, er hält ihn wie seinen

Augapfel, und wenn er wüßte, daß ich ihn hier herausgetragen hätte --

ich käme ins Teufels Küche!«

»Oho! ich werd' ihn nicht behexen, wie mir der Sacher den Vogelherd

behext hat,« erwiederte Meister Unger. »Lobel! ich bitt' Euch, verhelft

mir zu dem Gimpel da!«

»Ich will dem Heinrich sagen, daß Ihr --«

»Nein! nein! er darf nicht wissen, daß +ich+ den Vogel haben will.«

»Das würde ihm ja doch nicht verborgen bleiben, wenn der Vogel in Eure

Hände käme,« sagte Lobel und versprach alles Mögliche zu thun, um

seinem Vetter den Gimpel feil zu machen.

Von Stund' an war es um den letzten Rest von des Gimpelkönigs

Seelenruhe geschehen. Der Gesang des Steiermärkers klang ihm in den

Ohren, wo er ging und stand. Daheim, auf dem Vogelherd, auf dem Felde,

überall war es ihm, als hörte er's tönen: »Kommt a Vogerl g'flogen,

setzt sich auf mein'n Hut« -- er träumte wachend und schlafend von dem

niedlichen Sänger. Er fing schon an, den Zwiespalt mit dem Eigenthümer

desselben zu beklagen, begann zu bereuen, daß er ihn beleidigt,

geschlagen, aus dem Hause gewiesen -- ach! wenn es ihm nur möglich

gewesen wäre, dem Beleidigten die Hand zur Versöhnung zu bieten! Wie

sich jetzt herausstellte, war es dem Tischler ja mit dem Verdammen des

Vogelfanges gar nicht so ernst gewesen, als man es aufgenommen hatte --

jetzt ließ sich schon mit ihm leben -- aber ihm entgegengehen? -- nein

-- das wäre eine Erniedrigung gewesen, ein solcher Gedanke durfte nicht

aufkommen. »Wenn nur das Rußbuttenlobel käme!« seufzte der Geplagte,

als er wieder leer vom Vogelherd heimkehrte.

Rußbuttenlobel kam.

»Es kann nicht anders sein,« klagte der unglückliche Vogelsteller dem

würdigen Polizeimann, »mein Vogelherd ist behext -- zwei Tage hab' ich

wieder kein Schwänzel gefangen.«

»Das glaub' ich,« sagte Lobel, »in den letzten zwei Tagen ist mein

Vetter beständig auf seinem Herd gewesen, da konntet Ihr nichts fangen,

Meister Unger!«

»Wie so? -- sagt mir's, wie so?«

»So fragt man die Bauern aus, Meister Unger --«

»Lobel, sagt mir's -- es soll Euer Schade nicht sein -- der Sacher kann

hexen, gelt?«

Lobel machte eine geheimnißvolle Miene, rückte seine Mütze, kratzte

sich das Hinterhaupt, nahm den Frager beim Arm und flüsterte ihm ins

Ohr: »Versprecht Ihr mir, daß Ihr mich nicht verrathen wollt, Meister

Unger?«

Dieser schwor »Stein und Bein« und Lobel sagte darauf: »Der Heinrich

hat ein Mittel, alle Vögel eine Stunde im Umkreis an sich zu locken --

ich weiß nicht, worin es besteht, aber so viel kann ich Euch sagen: die

Kraft liegt im Köder -- die Beeren sind in eine Flüssigkeit getaucht,

deren Bereitung ich vergebens erforscht habe, sonst hätte ich Euch

längst ein Fläschchen davon verschafft --«

»Um's Himmelswillen, verschafft mir eins!« unterbrach ihn der

leichtgläubige Hörer.

»Das ist unmöglich, ich müßt' es denn stehlen -- das wäre ein schöner

Streich von einem Polizeimann. Aber hört -- ich weiß einen Weg, Euch

zu helfen. So viel hab' ich nach und nach ausspionirt, daß mein Vetter

vor jedem Fang frische Beeren -- ich glaub', es sind Pfaffenhütle --

nimmt und sie auf dem Vogelherd selbst zubereitet. Ihr müßt sehen, wie

Ihr solche Beeren in Eure Gewalt bekommt. Der Heinrich bleibt nie wie

Ihr einen ganzen Nachmittag auf dem Herd -- er geht stundenlang davon

weg und wieder hin, wie's ihm gelegen ist. Nun dürft Ihr nur einmal

abpassen, wenn er eine solche Pause macht -- da schleicht Ihr -- ja so,

das geht nicht -- eine Mannsperson und eine verheirathete Weibsperson

darf die Beeren, wenn sie einmal geweiht sind, nicht berühren, sonst

verlieren sie ihre Kraft; es muß eine reine Magd sein, welche die

Beeren nimmt -- und auch nicht zu jeder Zeit darf das geschehen,

sondern nur zum Neumond --«

»Ich schick's Hannel,« fiel Meister Unger ein.

»Aber wird die gehen -- wird die ihren Herzensschatz bestehlen?«

»Ei was! -- so was ist kein Diebstahl, dergleichen kommt unter

Jägersleuten vor. Also zum Neumond, sagt Ihr, muß es geschehen?«

»Zu keiner andern Zeit -- all solch Hexenwerk will beim Neumond

getrieben sein.«

»Gut -- wenn haben wir den nächsten Neumond?«

»Uebermorgen.«

»Das ist herrlich! Aber wird da der Sacher gerade auf den Vogelherd

gehen?«

»Und wenn er sonst nie ginge, den Neumond versäumt er nicht. Instruirt

nur's Hannel gut, damit sich's nicht erwischen läßt! Und noch eins, das

ich bald vergessen hätte -- wenn sie hingeht, muß sie stracks nach dem

Herd gehen, darf nicht davor stehen bleiben, sich nicht umsehen und

keinen Laut von sich geben, bis sie bei den Beeren ist, und wenn sie

die hat, muß sie, ohne sich umzusehen, wieder fortgehen. Das schärft

ihr ja recht ein!«

In der Erwartung des Neumonds und des damit verknüpften Hexenstückleins

schlichen dem Gimpelkönig die Stunden langsam dahin. Er hatte jetzt

für nichts mehr Sinn als für den Köderraub, selbst der Steiermärker

trat etwas in den Hintergrund, doch vergaß er ihn nicht ganz, und

als am Vorabend des verhängnißvollen Tages ein Brief von Leipzig an

ihn kam, worin ein Unbekannter anfragte, ob es wahr sei, was man von

dem wunderbaren Gimpel spräche, der zwei Melodieen mit unerhörter

Virtuosität sänge, und ob dem Herrn Unger -- denn sonst könne doch

Niemand im Besitz eines solchen Wunders sein -- das Thier feil wäre --

als Meister Unger diesen Brief gelesen, behauptete der Steiermärker

den gleichen Platz mit dem morgenden Abenteuer. Er konnte unmöglich

schlafen -- als Lobel in der Nähe die zehnte Stunde abrief, schlich er

sich hinaus zu ihm und bat ihn, nach dem Abrufen zu ihm zu kommen und

ein Gläschen »Eibenstöcker« mit ihm zu trinken, denn als Krämer führte

er selbst seinen Magentrost im Laden.

Lobel ließ nicht vergebens auf sich warten. Was die Beiden da mit

einander ausgemacht haben, weiß ich nicht; aber am folgenden Morgen

erschien der Wächter sehr früh bei Heinrich, lachte im ganzen Gesichte

und sagte: »Heinrich, das Eisen ist warm -- nun schmiede zu! Heute oder

nie wird die Komödie aus.«

5.

Nie war der Gimpelkönig seinen Angehörigen milder erschienen, als

am heutigen Tage. Nicht ein einzigesmal ließ er sich als Topfgucker

betreffen, nicht ein einzigesmal keifte er um ein Nichts. Der wackern

Hausfrau widerfuhr das Unglück, daß »der Götzen« in der Röhre anbrannte

-- wenn es nun nichts setzt, dachte sie, so geht ein Wunder vor! Aber

der gestrenge Hausherr verlor kein Wort darum, er setzte sich zu

Tische und verschlang seinen Götzen sammt der verbrannten Rinde in

schweigsamer Hast. Das frohe Staunen der Frau und Kinder war groß.

Eben so groß, aber minder froh war Hannchens Staunen, als nach dem

Essen der Alte sie ersuchte, sich fertig zu machen, daß sie mit ihm auf

den Vogelherd gehen könne. Was sollte sie auf dem Vogelherd? Sollte

sie an einem Geschäft sich betheiligen, das ihr Heinrich sie als ein

Unrecht verabscheuen gelehrt? Sie machte Ausflüchte, aber umsonst;

sie mußte sich entschließen, und ihre Mutter, von Lobel gestimmt,

forderte sie selbst auf, diesmal dem Vater zu willfahren. »Nimm Dein

Handkörbchen mit!« befahl er beim Fortgehen, und dem nachkommend, trat

sie an seiner Seite den Gang an. Aber statt nach dem Gemeindeholz, wo

der väterliche Vogelherd stand, ging es nach dem Hammerwalde. »Dort ist

ja nicht Dein Vogelherd!« sagte sie stehen bleibend.

»Komm nur!« erwiederte er, »wir machen einen Umweg; dort giebt's viel

Beeren, die mir fehlen, die wollen wir mitnehmen.« Und sie schritten

weiter. »Hannel!« sagte er bald darauf im sanftesten Tone, dessen er

den Seinen gegenüber nur fähig war, »Hannel, Du mußt mir einen Gefallen

thun -- wer weiß, ob ich Dir nicht auch einen thun kann.«

Hannchen, die einer solchen Sprache aus dem Munde ihres Erzeugers gar

nicht mehr gewohnt war, fühlte sich ganz gerührt dadurch und sagte:

»Ich bin Dir ja immer folgsam gewesen -- nur wegen des Kunz-Karl-Fried

war mir's unmöglich, Dir zu gehorchen -- ach, Vater! dringe mir doch

diesen Menschen nicht weiter auf! ich will auch Alles thun, was Du nur

willst.«

»Gut, Du sollst Deinen Willen haben, wenn Du den Kunz nun einmal nicht

leiden kannst -- aber laß mich nun auch meinen Willen haben.«

»Nun?« fragte Hannchen mit erleichtertem Herzen.

»Geh -- hm -- je nun -- Du sollst mit Deinem Körbchen hinübergehen nach

des Sacher Heinrichs Vogelherd -- siehst Du, dort in der Telle liegt

er -- Dort wirst Du viel Lockbeeren finden -- davon sollst Du mir ein

Körbchen voll holen.«

»Die Beeren sind aber ja nicht unser.«

»Das weiß ich wohl -- sie sind dem Sacher -- aber ich muß die Beeren

haben -- wenn Du mir sie nicht holst, so nehm' ich mein Wort zurück und

Du mußt den Kunz-Karl-Fried doch heirathen!«

Hannchen schrak zusammen. Sie hatte als einfaches gebirgisches

Landmädchen keinen rechten Begriff von der Ausdehnung der väterlichen

Gewalt, daher zitterte sie bei dem Gedanken, daß ihr Vater sie wohl

am Ende ebenso gut zu einer Heirath mit dem ihr verhaßten Bewerber

zwingen, als er seine Einwilligung zur Verbindung mit dem Geliebten

verweigern konnte. In der Angst ihres Herzens gehorchte sie ohne

Weiteres. Ihr Vater versicherte, daß sie nicht zu fürchten brauche,

erwischt zu werden, da der Eigner des Herdes erst vor einer Stunde

heimgegangen sei, schärfte ihr noch Rußbuttenlobels Anweisungen ein

und entließ sie mit den Worten: »Ich verberge mich hier im Gebüsch und

erwarte Dich.«

Die Entfernung des Sacherschen Vogelherdes von besagtem Gebüsch betrug

nur zehn Minuten; in spätestens einer halben Stunde mußte Hannchen mit

dem Raube zurück sein. Allein es vergingen Dreiviertelstunden und die

Abgesandte ließ sich nicht wiedersehen. Der Alte harrte in fieberhafter

Aufregung -- an dem glücklichen Erfolge des Unternehmens hing sein

Ruf, seine Ruhe, das Glück seiner Tage, wie er wähnte. Von Minute zu

Minute steigerte sich diese Erregung. Er trat von Zeit zu Zeit aus

seinem Versteck und spähete nach der Gegend des Vogelherdes hinüber

-- aber Hannchen zeigte sich nicht. Endlich übermannte ihn die Unruhe

seines Herzens -- es litt ihn nicht mehr auf dem Platze -- er mußte

sehen, was aus dem Mädchen geworden. Er zog sich in dem Gebüsche, das

den Hammerwald säumte, langsam und vorsichtig nach dem Vogelherde hin.

Jeden Augenblick, wenn ein Vogel im Gebüsch sich regte, glaubte er,

die Tochter käme, aber er fand sich allemal getäuscht. So gelangte er

in die Nähe des Herdes. Keine Spur von einem Menschen rings zu sehen.

Er kroch auf allen Vieren nah an die Einfriedigung -- es war so still

hier wie auf dem Friedhofe. Nur dann und wann drang das Pfeifen eines

Lockvogels aus der Reisighütte des Vogelherdes. Sollte Hannchen etwa da

drinnen und eingeschlafen sein? Er schlich sich hinan -- es war, als

vernähme er ein Flüstern und Murmeln -- er bog einige Zweige zurück,

um ein Guckloch zu erhalten -- Himmel! welch ein Schauspiel öffnete

sich da seinen Blicken! Da saß sie, die Pflichtvergessene, in den Armen

ihres Buhlen; vor ihr stand das Körbchen, halb gefüllt mit Beertrauben,

während eine Menge dergleichen auf Heinrichs Schooß lag. Andere hielt

er in seiner Linken -- aber was that er damit? Er zählte die Beeren

daran -- »fünfundzwanzig,« schloß er halblaut -- »also weiter, mein

Kind! fünfundzwanzig Küsse als Lösegeld!« -- Und die Gefangene? Da

hält sie das Mäulchen hin und zahlt, zahlt so prompt, wie es nur auf

der Wechselbank geschehen kann. Fünfundzwanzig baare Küsse zählt der

erstaunte Vater, dann sieht er, wie die Zahlerin die Traube lächelnd

nimmt und sie in das Körbchen wirft -- mithin hat sie alle Trauben, die

darin liegen, mit solcher Münze ausgelöst! Und weiter muß er sehen, wie

Heinrich schon wieder eine andere Traube ergriffen hat und daran zählt

-- also soll es so fortgehen, bis alle Beeren ins Körbchen gewandert

sind? Welch Vaterauge könnte das mit ansehen?

»Was ist das?« ruft Meister Unger in die Scene hinein und steht einen

Augenblick später zürnend vor dem auseinandergeprallten Paare. Wehe!

welch' ein Wetter wird nun über die Erschrockenen hereinbrechen? --

Doch horch! welch ein Tönen dringt an das Ohr des Ergrimmten und

schmeichelt sich weich und lieblich in seine innerste Seele hinein?

»Kommt a Vogerl g'flogen«, singt der Steiermärker zur Seite seines

Herrn -- wie bezaubert steht der Gimpelkönig da, und lauscht und

lauscht, vergißt Vaterzorn und Kindesungehorsam und hat nur Augen und

Ohren für den kleinen Sänger. Und wie dem ersten Stücklein gar das

andere folgt:

»Hörst du nicht die Vöglein singen

Abends von der Donau her,

Wie sie dir die Botschaft bringen

Daß mein Herz nicht läßt von dir!«

da wird er so gerührt, so von Entzücken hingerissen, daß es ein Blinder

wahrnehmen möchte, geschweige denn die scharfsichtige Liebe. Kaum hatte

der Steiermärker ausgesungen, so ergriff Heinrich den Käfig und reichte

ihn dem Lauschenden mit den Worten: »Nehmen Sie den Vogel, Meister

Unger; er war längst für Sie bestimmt und alle meine Vögel sollen Sie

haben -- seien Sie nur wieder gut mit mir!« Und Hannchen warf sich an

die Vaterbrust und bat mit für den Geliebten und für sich selbst: »Du

siehst, ich that Deinen Willen, aber ich wurde ertappt, und da ich Dir

für mein Leben gern die Beeren verschaffen wollte, an denen Dir so viel

gelegen schien, so unterwarf ich mich der Bedingung, unter welcher ich

sie allein retten konnte: ich löste sie aus.«

»Und das ist Dir gewiß nicht sauer geworden, Du Taubenschnabel!« fiel

ihr der Alte ins Wort. Dann wendete er sich an Heinrich: »Er will mir

den Steiermärker wirklich lassen?« fragte er.

»Den Steiermärker sammt meinem ganzen Reichthum an Gimpeln.«

»Und was will Er dafür haben?«

»Für Geld sind mir die Vögel nicht feil -- schenken Sie mir Ihre

Freundschaft!«

Das war für den Gimpelkönig zu viel. Er fühlte, wie schwer er den

jungen Mann gekränkt hatte -- und doch schenkte derselbe ihm jetzt den

unschätzbaren Steiermärker -- solche Großmuth hätte einen Botokuden

rühren müssen -- er richtete sich in die Höhe und sagte: »Von einem

fremden Menschen kann ich kein Geschenk nehmen, Meister Sacher.«

»O so lassen Sie das Fremdsein zwischen uns aufhören -- machen Sie mich

zu einem Gliede Ihrer Familie -- zu Ihrem Sohne!«

Hannchen umschlang mit dem Bittenden zugleich den mit seinem Ausspruch

Zögernden -- da trat das bis jetzt versteckt gebliebene Rußbuttenlobel

leise hinter ihn, intonirte, und der Steiermärker sang: »Hörst Du nicht

die Vöglein singen.« Da war von einem längern Widerstande gegen die

Bitten der Liebenden keine Rede.

»Wenn Ihr denn durchaus nicht voneinander lassen könnt, so habt Euch in

Gottes Namen!« sprach der Alte, drängte die Glücklichen von sich weg

und schloß dafür den Vogelbauer mit dem Steiermärker in seine Arme.

»Wann soll ich Euch denn die andern dreißig Vögel bringen, Meister

Unger?« fragte Rußbuttenlobel vortretend.

»Ihr auch da, Lobel?« rief der Gefragte.

»Ja,« sagte Lobel; »ich hatte Lunten, daß hier 'was Polizeiwidriges

im Werke wäre, und da gehörte ich auf den Plan. Ich bin nur froh, daß

Alles so abgelaufen ist, denn es ist ein traurig Amt, der Gerechtigkeit

in die Hände zu arbeiten, viel lieber schanz' ich der Geistlichkeit

'was zu.«

Den andern Tag erfuhr ganz Wellersgrün und auch die Neuhahner Mühle

durch die getreue Dorfpost die unerwartete Kunde von der Aussöhnung

der Meister Gottfried und Heinrich und des Letzteren Verlobung mit

Hannchen. Der Verlobung folgte bald die Hochzeit, und als Heinrich

im Besitze seines Schatzes war, ließ er nicht nur seinen Vogelherd

wieder eingehen, sondern bekämpfte auch aufs Neue, jedoch mit mehr

Behutsamkeit und Mäßigung, als jenen Sonntag, die Leidenschaft seiner

Heimathgenossen für den Vogelfang. Der Schwiegervater wurde leichter,

als sich erwarten ließ, durch die Großvaterfreuden bekehrt, und wenn

ihm auch der Steiermärker, so lange er lebte, schon als Vermittler

dieser Freuden lieb und werth blieb, so war sein Vogelherd doch bei

der Taufe seines fünften Enkels bereits verfallen, und es kam ihm fast

wie eine alte Sage vor, daß es einst in Wellersgrün einen Gimpelkönig

gegeben und daß dieser Niemand anders gewesen als er selbst.

Erzgebirgische Geschichten. Erster Band · 第 13 / 14 题