Unsere Verblüffung ließ Pieter das letzte Wort. –

An einem Sonntag im November.

Um im Glück zu versinken und alle Seligkeiten der ganzen weiten

Welt in sich zu spüren, bedarf es nicht des Wonnemonats Mai, und

auch nicht der Rosen von Schiras. Es kann ein grauer, verhangener,

sturmgepeitschter Novembertag sein, an dem die Sonne sich verkrochen

hat hinter Regenwolken, wie eine mürrische Alte hinter einem Berg von

grauer Strickwolle. Und es kann ein kleiner, krummer, unterernährter

Junge an Krücken gehumpelt kommen und uns ein gelbes Büttenpapier

bringen … siehe, es ist das Glück! Der Brief vom Ritter Lage war dem

armen Pieter Dinkel, der heute seinen schlechten Schmerzenstag hatte,

mehrfach in den von Schmutz bekrusteten Novemberschnee gefallen, aber

in meinen Augen war alles schneeweiß, was mir die kleine verbogene

Jungshand reichte, und die einzigen Schattenstriche bildeten die

steilen, aufrechten, deutlichen Schriftzüge des geliebten Absenders. –

Pieter Dinkel schulterte seine Krücken, weil er sich dann einbildete,

er sei ein kerzenschlanker Soldat und werde von der andern Ehrenwache

abgelöst, und meldete, wie es ihm wohl vorgesagt war, kurz und

militärisch: »Empfehlung von Baron ter Mählen, in einer Stunde wäre er

hier.«

»Es ist gut, Pieter Dinkel.«

Er humpelte zu Clemens-Hartmut, ich verhielt auf meinem Platz, bis ich

das doppelte Kinderlachen hörte, dann stürmte ich in mein Zimmer.

Blumen holte ich mir vom Fenstersims auf meinen Tisch, weiße, duftende

Hyazinthen, warmleuchtenden gelben und lila Krokus, lachend blaue

Amaryllis. Und verteilte sie und stellte dazwischen

Anemon’ und Pulsatille,

O wie schläft mein Wald so stille,

Pulsatill’ und Anemone

Flocht ich mir zur Blumenkrone.

Und mitten unter die Blumen legte ich den Brief, – seinen Brief mit

den Spuren der lieben Lager Erde. – Dies Verzögern des Zieles war ein

kindisches Spiel voll fröhlicher Erwartung und spannendem Reiz.

»Du!« sagte ich still-selig zu dem gelben Büttenpapier. »Bist du wieder

bei mir, Ritter Lage?«

»Meine Gitti! Man berichtete mir nach Holland, daß mein geliebtes,

weißes Licht von Lage überall Lachen und Liebe hintrage und in alles

Elend der traurigen Katen lindernd hineinleuchte. Und so sah ich Dich

immer vor mir, wie Du die vertrauten Wege gingst, Leid im Herzen und

doch immer Freude gebend. Wo nahmst Du sie her? Aus dem Grunde Deiner

tiefen Seele, denn unter all Deiner eigenen Not ruht bei Dir ein

Nibelungenschatz von Freude. –

Weißt Du noch, daß ich Dir schrieb, das letzte Opfer dürftest Du nicht

verlangen, Du Starke, Gesunde, Nimmermüde: mich am Boden liegen zu

sehen, krank und gekrümmt. Mich, den Du so treulich den ›Ritter‹ Lage

nennst, mich, der einst geträumt und gehofft, die Rüstung, in der sich

der Knabe scherzend verbarg, würde sich einmal prall und beengend um

des Mannes Muskeln schließen …

Gitti, ich bring’ Dir das letzte Opfer. Und bitte Dich: Komm zu mir!

Zeige mir unsern Sohn Clemens-Hartmut. Ich möchte ihn sehen, mit ihm

sprechen, Dich an seiner Seite. Auf seinen zwei jungen Augen ruht

unser Geschlecht, Gitti, wir sind verantwortlich für dieses Reis am

alten Stamm. Man sagt mir, daß seine Augen schön, offen, gütig und

wahrhaftig sind. Wie die Deinen, Gitti. – Man hat mir auch von Blauaug

und Schwarzaug auf der wüsten Insel Satafuna-Siribisi erzählt, und der

Lagesche Humor grüßte mich bis zum hellen Lachen. Ihr beiden Kinder

werdet mir noch mehr zutragen, und der sieche Mann wird noch einmal

Freude trinken. – Denn meine gütige Gitti wird es über sich gewinnen,

nicht vor mir zu erschrecken. Sie wird es nicht einmal ihren Augen

erlauben, sich für die Dauer eines Atemzuges zu verdunkeln, weil ihr

Licht mein Leben bedeutet. –

Der graue Alltag und sein Licht · 第 57 / 71 题