O ich glaube wohl, daß ich Schneid genug in mir habe. Der half mir über
das widerliche Gefühl der tiefen Abneigung hinweg, das in mir aufstand,
als Förster Nordstamm mir gemeldet wurde. Dann schlug es jäh in Mitleid
um. Denn ich bin ja eine Frau, die Menschen und Tiere nicht leiden
sehen kann. Und wie ein erbarmungslos durch Busch und Dorn gehetztes
Wild sah der Jägersmann aus. Stoßweise, gequält gab er mir seinen
Bericht. Der Schmied hatte ihm aufgelauert. Mit einer Peitsche war er
über ihn hergefallen. Eine breite, rote Spur zog sich quer über sein
blasses Gesicht.
»Ich bin geschändet,« stöhnte er, »ich kann mich nie wieder vor jemand
blicken lassen.«
»Nicht _mehr_ geschändet, als Gese Tönnings und ihre Eltern«, sagte ich
laut.
Da schlug er beide Hände vor sein Gesicht. »Warum hat man sie mir nicht
vor vier Jahren gegeben?« klang es verbissen. »Da sollte die Gese zu
gering für die Erbförsterei sein. Meine Mutter hat’s nicht gelitten,
die Rika mußte es werden. Da ist die Gese leichtsinnig geworden, hat’s
trotzdem mit mir gehalten. Schlecht ist sie nicht, – schlecht nicht.
Gnädiges Fräulein haben es selbst gesehen, daß sie das Kleine von
meiner Frau gehegt hat. Und wenn ich mir nicht das Leben genommen hab’,
als meine Frau starb, und ich mir sagen mußte, ich hab’ sie auf dem
Gewissen, so ist mir die Gese in den Arm gefallen, als ich das Gewehr
losdrücken wollte …«
»Toben Sie nicht so«, wies ich ihn zurecht, denn seine Stimme war immer
lauter geworden. »Es ist viel Schuld und Wirrnis gekommen, – doch
es kann wohl geschlichtet werden. Aber trauen Sie wirklich der Gese
Tönnings zu, daß sie der Erbförsterei wohl ansteht?«
»Der Erbförsterei!« sagte er verbittert. »Dem Begriff ist schon mancher
von meiner Sippe geopfert worden. Viel Glück ist da nicht gesehen
worden in dem Hause. Und als ich’s hineinbringen wollte, da schloß man
die Tür vor ihm zu.«
»Wenn Sie meinen, daß Gese Tönnings dies Glück ist, so will ich Ihnen
helfen«, sagte ich fest. »Ihr Kind soll im Vaterhause geboren werden.«
»Das leidet mein Vater nicht, und nicht der Schmied.«
»Das wollen wir sehen.« Ich stand auf, und Förster Nordstamm tat
desgleichen. Er sah unschlüssig zu mir herüber, aber die Hand konnte
ich ihm nicht reichen, ich legte sie fest in die Falten meines Kleides.
Da wandte er sich und ging langsamen, schweren Schrittes durch den Park
dem Walde zu. – Ich setzte mich wieder still in den großen Ohrenstuhl
und faltete die Hände über meinen Knien. Es ward eine Stunde der
tiefsten Einkehr in mich selbst. –
So stark wie nie zuvor mußte ich meiner Eltern gedenken, meiner Mutter
Pauline, die so ganz Liebe war und doch gar keine Überschwenglichkeiten
kannte. Und meines Vaters, der wiederum die ganze Welt mit einer
großen, nachsichtigen, verstehenden Liebe umfaßte, »himmelhoch
jauchzend« und »zum Tode betrübt« sein konnte und über allem nie die
große Linie vergaß. An seiner starken Hand führte er mich allem Schönen
entgegen, zeigte mir jede kunstvolle Pflanze, jede prächtige Rose, die
im großen Gewächshause der Welt aufblühte, und ließ mich doch auch an
keinem Wiesenkräutlein vorbeigehen, das meiner Entwicklung von Nutzen
sein konnte. Und seine köstlichen Gedanken und Wahrsprüche, erlesen und
erlebt, die er meinem Verständnis nahebrachte! Die mir alle nur den
einen Weg zur inneren Ruhe wiesen, den Weg der _Liebe_. – Den Weg, den
die Erde nicht kennt, _nur_ die Liebe.
Auch das rechtfühlende Herz suchte er in mir schlagen zu lassen. Er
pries es als den Mittelpunkt der ganzen Welt und meinte, daß vor der
Echtheit eines solchen rechten Fühlens sich das Weltgeschehen ordne. –
In all dieses Versenken meiner eigenen Seele in tiefe, besinnliche
Stille schrillte das Glöcklein von Haus Lage und brachte mir einen
Besuch.
Madame Oswald war es, die so gut in den Urväterhausrat von Lage paßt.
Wenn sie mit ihrem weißen, stillen Gesicht und den mütterlichen Augen
im alten Ohrenstuhl sitzt, wirkt sie recht wie ein Bild des Friedens.
Heute freilich nicht. Heute war sie voll Unrast, und diese teilte sich
mir so stark mit, daß ich allen guten Gedanken Valet geben mußte und
recht aufgeregt und zwiespältig wurde. Nicht so, nicht so. Ich kann
da nicht folgen. Ich vermag es nicht, eine so schwerwiegende Frage
wie meine Verheiratung in Hast zu erledigen. Ich kenne die Liebe
nicht, und glaube es der alten Frau, daß so tiefe Achtung und ein so
großes Vertrauen, wie ich es Pastor Oswald entgegenbringe, wohl Gründe
sein können, auf denen man ein Haus ohne Reue aufbaut. Aber etwas
erwartungsvoller müßte doch mein Herz schlagen, wenn wirklich das
Glück geschritten käme. Ich freue mich gewiß, wenn ich Oswald begegne,
habe eine schöne Sicherheit, wenn er neben mir schreitet, oder mir
gegenüber sitzt, und auch ein bewunderndes Gefühl für seine überlegene
Geistigkeit. –
Genügt dies schon? Wie werte ich jenes andere, das
Himmelhochjauchzende, Zumtodebetrübte, das die Dichter Glück nennen?
Oder sind wir überhaupt nicht zum Glück geboren, sondern nur zur
Pflicht? Und ist stärkste Pflichterfüllung zugleich höchstes Glück?
Ich konnte Madame Oswald keine befriedigende, abschließende Antwort
geben. Auch hielt mich ein leises Befremden davon zurück. Daß Pastor
Konrad Oswald nicht selbst um mich warb, sondern die Mutter schickte.
Ist das Hamburger Sitte? Aber wir beiden Hauptbeteiligten sind nicht
mehr so jung, daß wir Vertreter brauchten. Gewiß ist alles gut gemeint,
aber ich vermisse das Unmittelbare. Können sich zwei gereifte Menschen
nicht auch ein ehrliches Nein sagen? Es hätte ja auch nicht unbedingt
ein Nein sein müssen. Ich bin nur nicht für die Hast eines raschen
Verlöbnisses. Nicht nur das Ziel ist schön, auch der Weg zum Ziele. –
Er muß tausend Wunder bergen, und die Prinzessin Ohnearg aus dem Hause
Weißnichts bedarf ihrer. Bedarf eines langen, langen Wanderweges bis
zur leuchtenden Wunderlampe. Aber ich glaube nicht, daß Pastor Oswald
mir diesen Weg zeigen kann. Vielleicht müßte ich ihn an irgendeiner
Wegecke stehenlassen und einsam und befreit weiterwandern …
In seiner alten Mutter war ein Drängen, das seltsam von ihrer
beherrschten Vornehmheit abstach und ihr das Ausgeglichene nahm, das
mich sonst so entzückt hatte. So schieden wir beide unfroh voneinander,
und hätten uns doch gern in Fried und Freude festgehalten. Ich sah
der feinen Gestalt, die mit dem Schwebeschritt der Krinolinenzeit
dahinwippte, lange nach. Eine sorgende, sorgliche Mutter ging von mir,
– und ich bin elternlos. – –
Ritter Lage schreibt: »Man wird die kleine Gitti ihrem Schicksal
überlassen müssen. Sie will, scheint es, ohne guten Rat verständiger
Vettern gehen, trotzdem sie noch, sozusagen, im Steckkissen liegt. Nun
dann Glück zu! Mir kommt das Liedchen in den Sinn:
»Wer winters an den Lenz schon denkt,
Der Hecken lauter Rosen schenkt,
Geht mutig-froh und schnelle.«
Die kleine Gitti mit ihrer Eulenspiegelnatur wird sich den braven
Pastor schon zurechtdenken … Übrigens ist er weit mehr, als nur brav,
– ist ein aufrechter Mann und guter Hirte. Aber aus all den Handlungen
der selbständigen Regenschirmbase habe ich meine Folgerungen gezogen.
Diese treffen hart, aber zum Glück nur mich selbst. –
Leb’ wohl, Gitti! Leb’ wohl!