Der Enterbte.«

Natürlich war das wieder Spiegelfechterei. Denn als ich hinlief, in

hellem Ärger über meine Pflichtvergessenheit – dem Kranken gegenüber,

der seinen verletzten Fuß aufs Spiel setzte … da war die Lampe im

Verlöschen und wäre ohne Zweifel ohne mich jetzt tot. Ritter Lage hatte

sich also darauf verlassen, daß ich sofort in jähem Mitleid kommen

würde …

11.

Matthias und Fernande Lage sind eingetroffen. Die Urbilder der

»Kümmerlichkeit«.

Dabei ist beider Geist rege, und die Zungen sind scharf geschliffen.

Ohm Matthias wirkt wie »Gift und Operment«. Ich habe, bildlich

gesprochen, mein Väterchen zu Hilfe gerufen, – mich buchstäblich zur

inneren Ruhe erzogen. Haus Lage »flog«. Ich kann mir unmöglich denken,

daß das Spitalweibchen in ihrem Leben viel elektrische Klingeln zur

Verfügung gehabt hat, um dienstbare Geister heranzurufen. Heute zeterte

sie nach dem »Personal« und war sehr ungehalten, als auf ihr Rufen nur

immer _ich_ erschien. Eva hatte ich zur jungen Försterin beurlaubt,

die plötzlich erkrankt ist. Der Fall macht mir rechte Sorgen. Wie gern

wäre ich selbst hingegangen, um zu hören, was ihr zugestoßen ist.

Statt dessen vernehme ich Klagen und Jammertöne zweier unzufriedener

Geister, die eigentlich recht glücklich sein müßten, daß sie nun eine

Heimat haben. Kaum mit einem Augenwink haben sie die Frühlingspracht

da draußen gestreift, als ich sie vom Bahnhof mit unsern munteren

Pferdchen »Hans« und »Fritz« abholte. Und jedes geringfügige Scheuen

der allerdings stark temperamentvollen Tiere quittierte Tante Fernande

mit gellendem Schrei. Ohm Matthias saß dagegen mit stoischer Ruhe auf

seinem Sitz und bemerkte nur bissig, daß bei einem etwaigen Durchgehen

der Pferde ebensogut »spekulative Erben« den Hals brechen könnten, als

er selbst.

[Illustration]

Mein herzliches Lachen schien ihn etwas zu entwaffnen. Ich glaube

nicht, daß Ohm Matthias auch nur das geringste zu vererben hat. –

[Illustration]

Denn er zeterte in seinem Zimmer umher und verlangte eine

»Gästezahnbürste«. Vermutlich muß ich bei diesem zärtlichen Verwandten

ganz und gar umlernen, muß ihm Urbegriffe beibringen. – Aber sie sind

nun wenigstens untergebracht in den beiden sonnigsten Zimmern, die ich

zu vergeben habe. »Nicht standesgemäß«, kritisierten beide. Aber Haus

Lage ist überhaupt nicht »standesgemäß« im landläufigen Sinne. Ein

Vorfahr hat es sogar »seine Tonne« genannt. Der suchte seiner Lebtage

»Menschen«, und da er sie nicht fand, löschte er seine Diogeneslaterne

und zog sich grollend nach Lage zurück. – Es ist schade, daß dieser

Ahn seine Anspruchslosigkeit nicht auf Ohm Matthias und Tante Fernande

vererbt hat, unser Zusammenleben wäre dann ersprießlicher. Auch die

Verschiedenheit der beiden Konfessionen wirkt sich übel aus. Ohm

Matthias macht um die protestantische Kirche einen auffallend weiten

Bogen, als berge sie Gefahren für sein Seelenheil, besucht auch die

Gräber der dort Ruhenden niemals. Er fährt jeden Freitag und jeden

Sonntag mit der Kreisbahn nach N., um Messe und Predigt zu hören, und

kommt stets so unduldsam wieder, daß ich als Parole und Feldgeschrei

ausgegeben habe: »Kein Gespräch über Religion bei Tische!« »Kämpfe um

Luther und Ignaz Loyola werden nur im stillen Kämmerlein unter vier

Augen ausgefochten.« –

Lade ich Pastor Oswald zum Sonntagsbraten ein, so ißt Ohm Matthias auf

seinem Zimmer; und speist Hochwürden Trewes bei uns, der die Seelen

seiner katholischen Schäflein mit Nahrung versorgt, so verschwindet

Tante Fernande in ihre Gemächer. Es ist eine lächerliche Gesellschaft.

Aber beide Verwandte sind einsam, sie haben nie Liebe kennengelernt,

sondern nur Armut, Krankheit und Zurücksetzung. So will ich ihnen von

dem Reichtum abgeben, den ich in mir spüre, und von all dem Äußeren,

das mir ein gütiges Geschick zuwarf.

Eva grollt mit mir, aber das soll mich nicht beirren. Sie möchte

einen stillen, vornehmen Haushalt führen als meine Dienerin und

als Beschließerin von Haus Lage. Die beiden Verwandten dünken sie

Eindringlinge, wunderliche Bilder, unwürdig des Rahmens, der sie

umgibt. Ich aber mit meiner Jugend und stürmenden Kraft will noch

nichts von Stille, Ruhe und Nur-Vornehmheit wissen. »Teich mit

Entengrün« nannte mein Vater solche Beschaulichkeit. Er pflegte Steine

hineinzuwerfen und freute sich, wenn das Wasser sich klärte und Kreise

zog. Ich aber bin meines Vaters Tochter.

Ungeheuer viel Pläne trage ich in mir. Ich muß in Lage bauen. Ein

hübsches Lehrerhaus möchte ich haben. Das Schulhaus ist uralt, die

Lehrersfrau klagt über Ratten und sonstiges Geziefer. Auch kann die

blitzsaubere Frau dem Kalk nicht wehren, der von Wänden und Decken

fällt und von der Schuljugend zertreten und überall herumgetragen wird.

– Ein Lehrerhaus muß schmuck sein, außen und innen.

Wie will er reine Gedanken in die Herzen der Kinder tragen, wenn

seine Wohnstätte unsauber ist? Bisher scheint hier in Lage für den

Lehrer alles gut genug gewesen zu sein. Hei, damit will ich aufräumen.

– Der alte Pfarrer, der im Ruhestand lebt, sieht scheel zu meinen

Erneuerungsgelüsten. Gottlob hat er nicht mehr dreinzureden, und

der junge Pfarrer Oswald ist ganz meiner Ansicht und gibt mir nach

bestem Wissen und Gewissen gute Ratschläge. Vielleicht tut es im

Laufe der Jahre auch einmal der »Ritter Lage«. Wohin man auch hört,

wird er als der Bestkundige der Grafschaft bezeichnet, und auch

aus seinen närrischen Briefen spricht seine Vertrautheit mit allen

hiesigen Verhältnissen. Holland ist also doch nicht so weit, Herr

Vetter Clemens, als Sie mich glauben machen wollen … Zuerst und vor

allem andern aber will ich der Pietät Genüge tun und das Grab von

Brigitte-Jesuliebe Lage instand setzen lassen. Es liegt auf dem

Friedhof hier, aber fern von den andern Gräbern an sehr unwirtlicher

Stelle. Nichts ist angepflanzt rings um die Ruhestatt der letzten

Besitzerin von Haus Lage, ich fand beim Aufräumen einzelne vermoderte

Sträuße, die irgendein dankbares Gemüt ihr heimlich hingelegt haben

mag. Auch kein Kreuz oder Stein bezeichnet das Grab, nur die öde

Nummer, die der Totengräber in seinem Buche vermerkt hat. Ich sprach

mit Eva. Sie zuckte die Achseln und wandte sich ab. –

Eva, Eva, wenn ich spüren sollte, daß du Menschenfurcht kennst! Daß du

um des unduldsamen Eiferns des alten Herrn Pastors willen deine Pflicht

versäumt hast an deiner Herrin, an meiner Wohltäterin! Sie hat dich

gespeist und getränkt und besoldet und ist dir eine gerechte Obrigkeit

gewesen. Sie hat mit dir geweint und gelacht, du hast die Füße unter

ihren gedeckten Tisch gesetzt. Heilig ist solche Gastfreundschaft. »Ein

undankbarer Mensch aber steht unter dem Tier. Denn jedes edle Tier ist

dankbar«, sagt der Philosoph Hilty.

12.

Ich werde mich mit dem alten Pastor noch einmal auseinandersetzen. Er

geht des öfteren um den Friedhof herum, wenn ich darin arbeite, und

sieht mir scharf auf die Finger. Ich habe mir einen tüchtigen Gärtner

und seinen Gehilfen aus der Stadt kommen lassen, damit erst einmal

Ordnung auf dem Gottesacker geschaffen wird. Wie der Friedhof, so das

Dorf und sein Patron. Meine eigene Bequemlichkeit, die Instandsetzung

des Parkes, des Gartens, die Gewächshäuser, – alles dies kann warten,

ich erachte es gering gegen die Pietätspflicht. Am 29. Juni ist der

Geburtstag der Heimgegangenen. Einen Stein will ich dann bestellen, der

Tante Jesuliebes Namen tragen soll.

Jesuliebe!

Ich weiß nicht, ob sie Gott und Gottes Sohn geliebt hat. Sie soll die

Kirche nie besucht haben.

Aber die Armen und Siechen haben mir von ihr erzählt, von ihrer

gebefrohen rechten Hand, die nicht wußte, was die linke tat. So soll

auf dem Stein nur stehen: »… ihre Werke folgen ihnen nach«.

Wenn mir der Ritter Lage nur nicht so viel Rätsel aufgeben möchte! Und

ich wette, wenn ich den nächsten Brief öffne, so steht darin: »Ich bin

gar nicht rätselhaft, verehrte Regenschirmbase.« Sein Gedankenlesen

ist unheimlich. Heute lag sein Brief auf Urahn Joochens Grab im

Walde. Dessen Geburtstag ist heute, das habe ich aus der Urkunde

entnommen, und Ritter Lage nahm natürlich an, daß ich Kranz oder Strauß

niederlegen würde:

»Ich muß abbitten, liebste Regenschirmbase, wie ein ganz armer Sünder.

Glaubte und – fürchtete, daß das rasche, junge Geschöpf dem Wunsche

der Toten schon nachgekommen wähnte (zünd an, Brigitte Lage, zünd an!),

wenn es dem heiligen Clemens alltäglich seine Lampe füllte … Und nun

ist dies Menschenkind so reif, daß es tiefer und weiter gedacht hat,

und so gut, daß es mit _Freuden_ den Hilferuf der Heimgegangenen in die

schöne Tat umsetzt. Wäre ich nicht ein alter, kranker, verbitterter

Mann, der unfroh fern in Holland (?) sitzt …

Aber ich darf doch in Gedanken die kleine, fleißige, tapfere Hand

küssen, die unser altes Lage mit so sicherem Griff gepackt hat. – Doch

kann der alte Mann seinen Rat nicht vorenthalten: Jeder Kraftfahrer

läßt seine Maschine _langsam_ angehen. Bei Brigitte Lage ist noch

zuviel Überschüssiges. Nach diesem Tempo muß der Körper schließlich

Lehrgeld zahlen. (Ich überlege, aus welchem Teich Vetter Ernst der

Hüne und Base Pauline die Bodenständige dies winzige Lebewesen

herausgefischt haben.) Aber zäh ist’s, zäh, das merke ich schon. Und

das braucht Lage. Also langsam! Langsam! Es wäre ein Jammer, wenn das

Maschinchen einen Knacks bekäme.

Der graue Alltag und sein Licht · 第 11 / 71 题