Guy de Malpasse

Das Reisen war damals noch nicht, was es heute ist. Kleine Fahrten,

zumal in der Provinz, galten schon als Abenteuer. Die Lokomotive hatte

noch etwas von der Hexenmaschine. Die Bürger von Louvais wunderten sich

nicht wenig, dies fremdartige kleine Wesen am Bahnhof zu erblicken, wie

es gewandt sich ein Billett nach Balogne löste und ohne ihrer zu achten

längs der Geleise auf und ab wanderte. Arabella fühlte selbst oft mit

Erstaunen diese Unabhängigkeit in sich, die sie, die Zarte, mit Kraft

und Sicherheit ausstattete, überraschende Entschlüsse fassen ließ, ohne

daß ihnen bewußte Erwägungen vorangegangen waren. Gleichzeitig aber

entsprang diese Freiheit einer Unterwürfigkeit für mystisch vorbestimmte

Wege und Ziele ihres Lebens und ihr Gewissen war daher ohne Schranken

und Reue. Diese scheinbar nebelhaften Vorgänge, ein Teil ihrer

wesentlichsten Art, waren ihr nun viel klarer und selbstverständlicher

und erfüllten sie mit zuversichtlicher Ruhe, denn sie überzeugte sich,

daß diese heimlichen Gebote ihr Gewissen selbst waren, das für sie

dachte und erwog und befahl, ehe ihr ein Urteil zufiel. Sie erfuhr, daß

stets alle Mittel bereit waren, diese Gebote zu fördern und zu erfüllen.

Was andere Zufall und Wunder nennen, war ihr natürlich und es schien ihr

gegeben diese Wunder anzuziehen. Am Großen und Kleinen erlebte sie dies

und war bedient von jenen unbewußten Witterungen und Ahnungen, die Givo

ihr gedeutet hatte. Dies auch war es, was sie Lichtsuchern als ein

astrales Wesen erscheinen ließ, das mühelos besaß, um was sie selbst

sich in Geisteskämpfen mühten. Ihr war es gegeben in den göttlich

wissenden Lichtsphären zu wandeln, wiewohl das tägliche Leben sie umgab,

eine Aeonin im lebendigen Leben zu sein. Fremde lasen ihr diese

Besonderheit von der Kinderstirn, ein Heiliges haftete ihr an, dem

Halbkind, das schon durch alle Feuer der Sinnenlust gegangen war.

Ein Herr, kein Bürger, ein Gutsbesitzer vielleicht, sprach sie an. Er

war schlank, schwarzbärtig, korrekt gekleidet. Ein Diener hielt sich in

seiner Nähe auf. »Madame, darf ich Ihnen in irgendeiner Weise behilflich

sein? Mein Bedienter wird Ihr Gepäck versorgen.« Vögelchen erwachte aus

ihren Träumereien.

»Danke,« sagte sie. »Ich fahre nur nach Balogne, von dort aus will ich

nach Quesdon. Dahin finde ich wohl einen Wagen.«

»Man geht eine Stunde zu Fuß bis an die Dünen,« sagte der Herr.

»Ach, das Meer!« rief sie. Sie hatte bisher nicht daran gedacht, daß sie

es sehen sollte. Der Fremde lächelte. Sie sah erst jetzt, wie klug und

ernst er aussah. Schwermut lag hinter weltmännischer Haltung verborgen,

ein fast düsterer Blick, anders als Givos wissendes Schauen betrachtete

sie, das neugierige flammende Auge eines Künstlers.

»Sie haben in Louvais übernachtet, darf man fragen, wo? Ich habe im

besten Gasthof geschlafen. Sie waren nicht dort, wie schade! Sie sind ja

fremd hier, eine Ausländerin, wie ich vermute.«

»Ich schlief bei den Ursulinerinnen in Louvais.« Wieder lächelte er,

aber unmerklich, schon mit der Absicht, sie nicht zu verletzen.

»Wie schade, daß Sie nach Quesdon fahren, ich reise nach Paris. Wie

hübsch wäre es gewesen Ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen. Sie haben

den bessern Teil erwählt. Jetzt ist es schön am Meer. Ich komme von

Etretat und spüre noch seinen Hauch in der Seele. Wäre ich doch dort

geblieben, aber ich bin voll Unrast, mich jagt es umher, es jagt, es

kreist --. Unzählige Briefe erwarten mich, Verabredungen,

Korrekturbogen, meine Verleger, mir graut davor --.« Er sprach es wie zu

sich selbst. Und wie in plötzlicher Nervosität: »Francois, wir haben

vergessen, unsere Goldfische zu füttern.«

Arabella sah plötzlich in der morgenhellen Landschaft nur seine düster

flammenden Augen, diesen dennoch warmherzigen und gequälten Blick,

hinter dem es noch wie Erinnerung an Schönheit und Lebensfreude

aufzuckte. Sie empfand Mitleid mit der Unrast, die sie aus seinen Nerven

knistern fühlte. »Sie sind krank?« fragte sie. »Sie sollten Ruhe

suchen.« Ein Ausstrahl ihres Herzens war in ihrer Stimme.

»Ja,« sagte er. »Ich bin müde, müde. Und man quält mich? Wenn Sie in

Paris sind, rufen Sie mich zu sich, kleine Fremde. Ich spare Ihnen eine

freie Stunde.« Er reichte ihr seine Karte: Guy de Malpasse.

»Der Dichter?« fragte sie.

»Um Gotteswillen, ja,« sagte er. »Sie haben doch nichts von mir

gelesen?«

»Nein, ich habe nur kürzlich Ihre Bücher auf dem Regal meiner

Vorsteherin abgestaubt.«

»Lassen Sie es daran bewenden oder lassen Sie lieber den Staub darauf

liegen. Ich schreibe nichts für Elfen aus Fremdland.« Sein Zug setzte

sich in Bewegung. Sein Blick flackte über sie hin, zurück in die

Landschaft, zu La Guilette mit seinen _carrés normands_, dem

Goldfischteich, den Erdbeerbeeten, den weißen Pappeln.

Vögelchen · 第 39 / 74 题