Loli wurde rot. »Was fällt dir ein!«

»Nun so beweise mir's, daß du keiner bist.«

»Soll ich mit dir balgen?«

»Nein, das tut ihr Mädel ja auch. Anders sollst du mir's zeigen, daß du

kein Junge bist.« Er sah sie von der Seite an und lächelte wie im Spott.

»Pfui, du bist ungezogen,« rief Loli entrüstet. »Ich dachte, daß du ein

feiner Junge bist. Und vor dir hätte ich knixen sollen.«

»Nun, sei nicht böse und verzünde mich nicht gleich bei deiner Mutter.

Dann ist's aus mit unseren Spaziergängen. Sieh, Loli, diesen kleinen

Gefallen könntest du mir schon tun, damit ich sehe, daß du einer

Freundschaft auch etwas zu Liebe tust. Und damit ich ganz sicher bin,

daß du kein Junge bist.« Er lachte, als scherze er. Sie waren schon im

Walde, der hinter den großen Holzplätzen, die würzig in der Sonne

dufteten, hinanstieg. Es war dunkel und still um sie. Loli sah blaß und

erschrocken aus. »Ihr Jungen seid böse,« sagte sie.

»Hat denn schon einer das von dir verlangt?«

»Ja,« sagte sie. »Aber ich habe es nicht getan. Es waren fünf, alle

meine Vettern. Hinter der Scheune bei Onkel Rudolf. Sie baten so, aber

ich tat es nicht. Du hättest sie sehen sollen, sie wurden böse.«

»Willst du nun, daß auch ich böse werde? Und ich bin doch nur einer, da

ist es dir doch leichter. Dann wollen wir doch auch Freunde werden. Im

Winter fahren wir dann Schlitten, wenn ich zu den Ferien komme. Bitte,

Loli!« Seine Augen, die groß, grau und tief umschattet waren, leuchteten

flehend in die ihren. »Einen Augenblick nur! Hier, siehst du, hinter

diesem dicken Stamm. Hier sieht es niemand.«

Loli sah den hübschen Jungen, vor dem ihre Mutter sich verneigt hatte,

sie leicht und dennoch herrisch an der Schulter berühren. Das

Sonnengeflimmer rieselte grünlich durch die Zweige. Es war so still um

sie her. Man hörte nur des Knaben erregten Atem. Da hieß das Äußerste

seines Wunsches ihre Händchen seiner Bitte willfahren. Er kniete vor

ihr. Ihre Haut war weißer als der Schnee. Er krampfte seine Fäuste ins

Moos. Da raschelte ein Vogel auf. Loli erschrak. Bebend fiel die Hülle.

Adalbert war auf dem Waldboden niedergesunken, vergrub sein Gesicht.

Dann sprang er auf. Nun liefen sie aus dem Wald, als fürchteten sie

Verfolger. Seine Überlegenheit war geschwunden.

Die folgenden Tage umgaben ihn die Kameraden. Adalbert schien ein

anderer. Er war heiter und beweglich, beinahe rauflustig. Dann wieder

verschwand er aus dem Freundeskreise. Er wollte sich abseits halten, um

Loli wieder, ohne daß es die anderen gewahrten, zu einem Waldspaziergang

aufzufordern. Es hätte ihm schon genügt, sie zu sehen, die Hand, die

seinen Wunsch erfüllt, leicht zu berühren, unmerklich an ihr Röckchen

anzustreifen. Aber immer war einer der Jungen hinter ihm her und es war

ihm, als dürfe er keinen auf seine Fährte bringen. Er haßte sie alle in

diesen Tagen, weil sie wie er vielleicht ein Gleiches erreicht hätten.

Wenn ihm etwas lieb war, bekam es die Glorie der Heiligkeit. Es war

nicht Neid, der ihn ängstlich seine Sammlung verschließen hieß. Er

fühlte sich als Kronhüter.

Da geschah es, daß einer der Knaben vom Scharlachfieber ergriffen wurde.

Er reiste, noch ehe die Krankheit sich entschieden geäußert, nach Hause,

aber bald darauf erkrankte auch Adalbert. Er war in diesen Tagen in

seinen Kräften sehr herabgekommen gewesen, hatte wenig geschlafen und

gegessen. Nachdem der Ausschlag geschwunden war, stellten sich

Folgekrankheiten ein. Er magerte ab. Das Fieber hatte ihn fast

aufgezehrt. Die Schwäche löschte das Feuer der eben erwachten Sinne, die

noch in den Phantasien der ersten Krankheitsnächte aufgeflammt waren.

Eine seiner Lungen schien gefährdet. Im Spätherbst reiste man mit ihm

nach dem Süden, dann in die Schweiz, deren Höhenkuren empfohlen wurden.

Zwei Jahre lang lag er auf Terrassen, den Blick auf enzianfarbigen

Himmel, von Schneekuppen gesäumt. Er las viel, lernte mit seinem

Hauslehrer, einem Hochschulstudenten, der schwächlich war wie er. Lange

Zeit war in der Liegehalle ein Russe sein Nachbar. Der war älter als er

und eine brennende Seele wohnte in ihm. Sie sprachen leise, daß Arzt und

Pflegerin sie nicht hörten, stundenlang. Der Geist war jetzt Herrscher

über Adalbert. Nur ganz selten, wenn er die Augen schloß, müde des

vielen Lichtes, sah er im Waldglanz an einen Baum gelehnt, ein fernes

Bild. Wie im Traum.

Zu dieser Zeit bewegten ihn leidenschaftlich grundsätzliche Fragen. Daß

man sein Vaterland vor allen anderen lieben müsse? Nikolai Karinski tat

es. Nicht etwa daß er seine Nation über die anderen stellte. Rußlands

Seele wolle den anderen dienen, es beugt sich vor der Kultur Europas,

seit Peter sie heimgebracht. Nein, Rußland wäre wie kein anderes Land

fähig, den Wert der anderen Nationen zu erkennen, und dennoch müsse die

Erlösung der Welt von ihm ausgehen. Das Allmenschliche der russischen

Seele sei die große Botschaft an Europa.

Adalbert verstand ihn zuerst nicht. Er meinte, daß Rußland und Zarismus

das gleiche sei: eine ameisenhafte Anhäufung dürftiger Menschen, über

der ewig die Knute des Despotismus drohe. Wie konnte Karinski sein Land

lieben, wie von ihm Erlösung hoffen für die Welt. Und wie kam es, daß er

das seine mit seinen alten Kulturtraditionen, seinen landschaftlichen

Schönheiten nicht über alles lieben gelernt? Liebe fürs Vaterland, das

war ihm nicht viel mehr als ein Schulgegenstand. Während der Reisen, die

er mit seinem Vater unternommen hatte, war er in fremden Ländern

gleichermaßen in Begeisterung entflammt, wenn das Schöne ihm begegnete.

Karinski, der Graf, aber liebte sein Land im Volke, in der einfältigen

Seele des Russen, die durch alle »Fegefeuer der Zweifel« zu Gott ging

und die Barmherzigkeit Christi auf Erden vertrat. Aber Adalbert hatte

immer gehört, daß in Rußland die Korruption zu Hause, Bestechung und

Grausamkeiten alltäglich seien. Dies habe ja das Volk groß gemacht, groß

im Leiden, meinte Karinski. Dies habe die Seele des einzelnen erhöht und

verbrüdert mit dem Niedersten seines Landes. Qualen, unsäglichste Leiden

hatten den russischen Menschen widerstandslos gemacht gegen die

Anfechtungen seiner dunklen Triebe und die Inbrunst seiner Gefühle.

Deshalb sei er tierisch und kindlich, lasterhaft und einfältig zugleich,

deshalb sei er grausam und gottesfürchtig, niedrig und großmütig, im

Glück frevelnd, im Elend edel, eigensüchtig und freigebig, furchtlos bis

zum Aberwitz und zernichtet in Angst und Schrecken. Immer ist er von den

entgegengesetzten Polen seines Wesens abgestoßen und angezogen, Engel

und Teufel, Kind und Verderber. Niemals könne das Gefühl für ihn

erkalten, immer erregt er Bewunderung oder Mitleid, Abscheu oder

Anbetungswürdigkeit.

Und Adalbert sah auf sein eigenes Volk zurück, er dachte an die Arbeiter

seines Vaters, an arme Leute. Ja, auch sie lebten mit Leiden und

seltenen kleinen Freuden, aber er sah nichts, was an ihnen begeistern

konnte. Er erinnerte sich, wie er in seiner früheren Kindheit sich eins

gefühlt mit den Kindern der Werkleute, daß ihn aber sogleich Befremden

überkommen, wenn er einem Erwachsenen aus dem Volke sich gegenübersah.

Nicht von ihm, dem Kinde, ging dies aus. Er liebte die arbeitenden Leute

mit ihrem fremden Leben, das ihm unheimlich geheimnisvoll schien. Ihr

Können, ihre Fertigkeiten waren ihm oft unerreichbar und reizvoll

erschienen. Aber sie traten nicht als freie Menschen vor ihn, sie waren

Diener, Sklaven oder mißlaunige Neider, die ihr wahres Gefühl schlecht

verbargen. Wie mußten erst Rußlands Leibeigene hündisch unterworfen

sein, wie unmöglich schien da eine Brüderschaft mit den Armen. Aber das

war es ja, was Karinski so sehr an seinem Volke liebte, daß es seine

eigene Würde bewahrte. Die Demut, die Neidlosigkeit, sie gaben dem

Russen aus dem Volke das Selbstgefühl. Adalbert hatte geträumt dereinst

als Fabriksherr der Wohltäter und Freund seiner Arbeiter zu sein.

Nikolais Reden überzeugten ihn von neuem, daß ihn dieses Bestreben

enttäuschen würde. Sein Widerwille dereinst über Tausende von Menschen

zu herrschen wuchs stetig. Im Volk eine tote Masse zu sehen, die der

Wille der Machthaber bewegt, war ihm unmöglich. Er sah den Einzelnen und

sah die Vielen als Ausdruck einer Wesensart mit Wunsch und Willen, mit

ihrem Eigenleben. Wäre er nicht unter den Arbeitern aufgewachsen, er

hätte sie vielleicht wie eine ihm fremd geartete Masse angesehen, der er

seinen Willen aufzulegen imstande gewesen wäre. Aber viele der Arbeiter

waren seine Spielkameraden und deren Väter. Es fehlte ihm nicht an

Herrschsucht, aber diese kam ihm einzig aus geistiger Überlegenheit oder

Begierde. Eben deshalb kapitulierte sie hier vor seiner Einsicht.

Seines Vaters Tod traf ihn daher zwiefach. Er hatte sich mit dessen

Einverständnis eine mehrjährige Lehrzeit in großen Unternehmen Amerikas

gesetzt. Nun hieß es auf halbem Wege heimkehren. Er brach seinen

Aufenthalt in England ab, wo er zwei Jahre studiert hatte, und begab

sich sogleich nach Hellwang zur Übernahme des Werkes. Er war von seinem

Leiden völlig ausgeheilt, aber anstrengende Tätigkeit machte bald wieder

einen Urlaub notwendig. Als er zurückkehrte, begegnete ihm Lola Ritter,

die Werkdirektorstochter. Sie war aus der Stadt gekommen, in der sie zur

Sängerin ausgebildet wurde. Die Gesangsübungen hatten ihre Muskeln

gekräftigt, so daß sie über ihr Alter entwickelt war. Als Adalbert sie

sah, staunte er. »Sie ist erblüht,« sagte er sich. Er erkannte den

klugen Gesichtsausdruck, die Zartheit der Hände und Füße, ein blaues

Äderchen zwischen den Augenbrauen, die noch immer unruhig waren wie

damals. Seit jener kleinen Episode hatte er wohl Abenteuer mit Frauen

gehabt und hatte mit Freunden die gebräuchlichen Stationen des Lasters

kennen gelernt. Niemals hatte ihn seither eine Leidenschaft erfaßt und

keine andere Neigung hatte das Bild der kleinen Loli verdrängt. Auch

Lola Ritter, die Jungfrau, vermochte das nicht. Aber es war denkbar, das

Kind in seinem erwachsenen Ebenbild stärker zu spüren.

Adalbert Mannsthal war damals zweiundzwanzig Jahre alt, aber auch er

schien älter in seiner Selbständigkeit und er war in jeder Weise

beherrscht und sicher in seinem Auftreten. Als er ihr in Hellwang

begegnete, wo sie die Weihnachtsferien verbrachte, war er sich völlig

klar, daß er sie besitzen würde, daß aber ein dauerndes Verhältnis an

Ort und Stelle unmöglich sei. Warten aber bedeutete ihm nur Genuß. Lola,

die in sich die Weihe der künftigen Sängerin trug, sah die Welt nur

durch das Licht ihrer Kunst. Alles, was sich nicht auf sie beziehen

ließ, war ihrer warmen Lebendigkeit fremd. So schien sie es auch mit der

Liebe zu halten. Sie hatte, vierzehnjährig, mit einem seiner Vettern

eine Freundschaft gehabt, die ihrer Neugier nur wenig mehr zu wünschen

übrig gelassen hatte. Seither war sie gewarnt und hatte sich nur an ihre

Kunstbegeisterung verschwendet. So hatte sie denn auch wieder ihre

ursprüngliche Reinheit zurückgewonnen und war errötet in der Erinnerung

jener Begebenheit im Walde, als ihr nun der Fabriksherr erschienen war.

Aber bald fand sie ihm gegenüber die alte treuherzige Art wieder, die er

an ihr so froh empfunden hatte. Sie erzählte ihm, wie sie damals um sein

Fenster geschlichen sei, als er krank gelegen, alle Warnungen

mißachtend, daß sie sich kindisch gewünscht, statt seiner zu erkranken.

Wie sie gewartet habe, daß er dann zurückkehre, und daß sie sehr

bestürzt gewesen, ihn während seines kurzen Aufenthaltes in der Stadt,

ehe er nach England gereist sei, nicht gesehen zu haben. Seither gab es

immer junge Leute, die ihr gut wären, aber sie sei nun schon zu

erwachsen, um diese Dinge auf die leichte Achsel zu nehmen, und außerdem

lenke dies alles vom Studium ab. Adalbert fühlte sich leicht und

beruhigt, wenn sie bei ihm war. Unbewußt schien etwas an ihm gezehrt zu

haben, das nun in des Mädchens Gegenwart schwand. Es war ihm

gleichgültig, was sie sprach. Am liebsten hörte er sie von ihrer

Kinderzeit erzählen. Zwei Tage nach ihrer Begegnung trafen sie sich

heimlich zu einem Spaziergang und er lenkte ihre Schritte zu jener

Stelle im Walde, die seinen Träumen so oft Nahrung gegeben. Sie erriet

seine Absicht auf halbem Wege. Scham hinderte sie, ihm eine andere

Richtung vorzuschlagen. Sie wollte sich lieber den Anschein geben, alles

vergessen zu haben. Am nämlichen Platz blieb er stehen und zündete sich

eine Zigarette an. Sein Blick brannte in dem ihren. Sie sprachen über

gleichgültige Dinge. »Nun muß ich zurück,« sagte er. Sie traten den

Heimweg an.

Wenige Tage nach ihrer Rückkehr zur Stadt sandte er ihr (sie wohnte bei

ihrer Großmutter) ein Billet zu einem Konzert. Er erwartete sie dann

nach Schluß und bat sie, mit ihm zu nachtmahlen. Sie dankte mit

Begeisterung für das seltene Fest; die Einladung zum Nachtmahl nahm sie

an, für den Fall, als ihr ein baldiges Zuhausesein möglich wäre, damit

ihre Großmutter nicht in Sorge sei. Sie verbrachten einen Abend, der

Lola überzeugte, daß der junge Fabriksherr nicht zu fürchten sei. Bald

sandte er ihr wieder eine Karte ins Theater unter dem Vorwand, daß die

Trauer ihn verhindere, sie selbst zu benützen. Mählich waren es Stücke,

zu denen er sie lud, die nicht nur Lolas Kunstbegeisterung erregten.

Nach den Vorstellungen speisten sie in einem stillen, vornehmen Lokal.

Wenig nach elf war sie zu Hause. Vor den Osterfeiertagen verabredete er

mit Lola wieder eine gemeinsame Fahrt nach Hellwang. Er bat sie, ihn in

seiner Wohnung zu erwarten, da er nicht gewiß sei, wann er abkommen

würde. Keinesfalls sollte sie eine Ankunftsstunde ankündigen, da

möglicherweise ein Hindernis eintreten könne. Lola war nach fünf Uhr

gekommen. Sie trat in ein kleines palastartiges Haus. Der Diener bat

sie, seinen Herrn zu erwarten. Als sie, noch ein wenig betäubt, sich in

dem Zimmer umsah, hörte sie draußen die Eingangstür ins Schloß fallen.

Sie war allein. Der Raum, in dem sie sich befand, war in einer ihr

fremden Art eingerichtet. Hohe Kasten mit groß gemusterten Vorhängen

verbargen Bücher und Sammlungen. In einer Kristallkugel, die in einer

Sofaecke von der Decke herabhing, spiegelte sich regenbogenfarben der

Glanz der verscheidenden Sonne. Jenseits der vornehmen Straße lag die

Mauer eines Parkes, eben ergrünende Bäume streckten ihre Zweige hervor.

»Frühling,« dachte sie und es fuhr ihr ein süßer Schauer durch die

Glieder. Wo blieb er nur? Es war bald sechs Uhr. Zweieinhalb Stunden

hatten sie Fahrzeit. Die Türen der beiden Nebenzimmer waren geöffnet. In

dem einen stand ein übermächtig großes Bett, große Kasten, eine Tür mit

einem gerafften Vorhang ließ einen Baderaum sehen. Im anderen Zimmer

stand ein Flügel, kostbare Bilder hingen an den Wänden. Lola erinnerte

sich jetzt, daß Adalbert ihr einmal gesagt habe, er lebe mit seiner

Tante in dem Hause, das seine Familie seit vielen Jahren inne hatte. Von

einem Umzug hatte er ihr nichts erzählt. Wenn sie ihm etwas mitzuteilen

hatte, schrieb sie ihm in sein Bureau. Plötzlich befiel sie jetzt in der

fremden Behausung heftige Sehnsucht nach seiner beruhigenden Gegenwart.

Es war dunkel geworden, als draußen Adalbert die Tür aufsperrte. Er bat,

zu entschuldigen. Nun sei es ja wohl zu spät, hinauszufahren, zumal für

sie, denn augenblicklich könnte er auch nicht fort. Ob sie ihm nicht ein

wenig vorsingen wolle, er würde sie begleiten, und ob sie sich bei der

Großmutter abgemeldet hätte. Er war sehr unruhig. Schließlich setzte er

sich neben sie, nahm ihre Hände, küßte sie und meinte, es wären noch

ganz der kleinen Loli Hände. Dann wieder sprang er auf und sagte, er

wolle den Wagen für den Morgen bestellen, und ob ihre Großmutter nicht

gestört sei, wenn sie so zeitig das Haus weckte. Lola hatte kaum Zeit zu

antworten, da bat er sie, mit ihm zu nachtmahlen. Es war von einem

gedeckten Tischchen, das immer bereit stand, nur ein Deckel zu heben.

Sie aßen und Lola erschien alles unwirklich, zauberhaft. Nach dem Essen

bat er sie, die Nacht bei ihm zu verbringen, dies wäre doch weitaus

bequemer, niemand würde etwas erfahren und auch von ihm brauche sie

nichts zu fürchten. Sie durchblätterten Bücher, er zeigte ihr nicht ganz

einwandfreie Bilder, sie tranken Likör, setzten sich an den Flügel, aber

Unruhe jagte sie von dort wieder auf. Schließlich bat er sie, sich zu

legen, da sie früh am Morgen aufbrechen mußten. Er selbst würde sich auf

dem Sofa des Bücherzimmers zurecht machen, er wolle ihr nur brüderlich

behilflich sein. Sie lachte und lachte immer wieder in Verlegenheit und

Ungeduld. Ein starkes Licht brannte in ihren Augen. Er öffnete, kaum

ihre Haut berührend, die Knöpfe ihres Kleides. Dann entfernte er sich

mit seltsamem Lächeln. Als er sein Lager aufgesucht hatte, hörte er ein

leises Schreiten. Er schloß einen Augenblick die Augen. Dann hielt er

sie still in den Armen. Sie blieben schlaflos aneinandergeschmiegt, bis

drüben im Park die Vögel zu singen begannen. Sie konnte sich kaum

erheben, die unerfüllte Begierde lag ihr lähmend in den Gliedern. In

seinen Augen flammte ein böses und gleichfalls beseligtes Licht. Sie war

ihm verfallen. Er wußte es.

Während der Osterfeiertage sah er sie nicht. In den ersten Tagen des

Juli traf er, nach einer kleinen Reise, wieder in Hellwang ein. Als er

Lola begegnete, war er herzlich und artig. Er machte spät abends

Spaziergänge und ließ sie das wissen. Einmal trat sie plötzlich aus dem

Dunkel auf ihn zu. Ein Mann tauchte auf und verscheuchte sie. Eines

Tages fragte er sie -- er sprach sie niemals allein, ob sie nicht wieder

im Walde gewesen wäre, an jener Stelle, wo sie vor Jahren ihm ein Bild

gezeigt, die heilige Elisabeth, die sich eines Sünders erbarmt. Sie

antwortete leise, sie würde nachts dort sein. Er verbarg sich, ließ sie

warten. Und dann, als sie schon müde ins Moos hinsank, kam er zu ihr und

nahm sie ohne Zärtlichkeit. Er reiste bald darauf ab. Als er wiederkam,

sagte sie ihm, daß sie guter Hoffnung sei. Da ging er zu ihrem Vater und

hielt um ihre Hand an. Alles sollte vorläufig geheim bleiben.

»Aber du liebst mich ja nicht,« sagte sie, als sie allein waren. Seine

Werbung schien ihr unwahrscheinlich.

»Nein, ich liebe dich nicht,« antwortete er. »Ich liebe die kleine

Loli.«

Lola war in den folgenden Tagen recht wunderlich. Sie aß wenig und

magerte ab. Stundenlang stand sie vor dem Spiegel und versuchte allerlei

Verkleidungen. Ihre Mutter überraschte sie, als sie eben im Begriffe

war, den Saum ihres Rockes zu kürzen. Sie ging mit hängendem Zopf umher,

sang Kinderlieder und kramte in ihren alten Schulheften. Eines Tages

mischte sie sich unter die Schulkinder und war eben daran, eines der

Klassenzimmer zu betreten, als ihr Vater bestürzt hinzukam. Gewaltsam

mußte sie aus dem Schulgebäude entfernt werden. Zu Hause befiel sie ein

hysterisches Kichern, dann heftige Weinkrämpfe. Allmählich beruhigte sie

sich und lag willenlos in unheimlichem Schweigen. Als Adalbert sie zu

sprechen kam, weigerte sie sich des Wiedersehens, sie ließ ihm sagen:

Loli sei tot. Man brachte sie in eine Nervenheilanstalt. Dort wurde die

traurige Hoffnung auf das Kind zunichte. Die Verlobung ward aufgelöst.

Der Direktor avancierte. Adalbert ging auf Reisen, um Karinski zu

treffen.

»Nun, wie stehst du mit deinen Fabriksleuten?« fragte ihn der Graf.

»Meine erste Tat war, die Tochter eines Werkdirektors zu verführen und

ihren Verstand zu verwirren,« erwiderte er.

»Gib es auf, ein Herr zu sein,« riet Karinski.

Adalbert verfiel in Schwermut, wenn er an Lola Ritter dachte. Er wußte

nun, daß er die kleine Loli getötet hatte. Er fühlte sie nicht mehr wie

ein menschliches Wesen, wie ein Geist und Dämon stand sie unentrinnbar

in seinem Leben. Mit jener Armen, deren Verstand getrübt war, hatte sie

nichts mehr gemein. Lola Ritter wurde jedoch bald aus der Anstalt

entlassen und es zeigten sich keine Symptome mehr. Sie versuchte wieder

zu singen, aber die Stimme, so schön sie auch ansetzte, brach mißfarben

ab. Adalbert bat den Direktor, ihr eine Rente aussetzen zu dürfen.

Später verheiratete sie sich.

Mannsthal wußte jetzt: das Geld kauft los von Gewissensschuld. Mit Geld

kann man zerbrochene Seelen leimen und Jungfräulichkeit vergüten, ein

schlechtes Gewissen beruhigen. Aber eben deshalb verachtete er es und

fühlte sich gemeiner als der Arme, der seine Schuld austragen muß ein

Leben lang, Armut ist ihm Warnung und Verhängnis. Hätte er Lola

geheiratet? Vielleicht -- weil seine Eitelkeit es gefordert hätte, nicht

als Verführer gezeichnet zu sein. Aber er wußte, er konnte diese Heirat

nur zum Schein eingehen. Seine Mittel erlaubten ihm, an anderen Orten zu

leben als seine Frau, Abenteuern nachzustreben und sich der Ehe zu

entledigen. Für ihn war sie nicht der eiserne Ring, der den Armen in das

Leben des Gefährten einkettet. Und er fühlte sich nicht verantwortlich

für die Einrichtungen des Staates.

Ein Vetter seines Vaters und dessen Sohn, die höhere Stellen im Werk

innehatten, räumten ihm mit unverhohlenem Widerwillen eine Machtstellung

ein, die er selbst nur ungern auf sich nahm. Sie warteten, daß er sich

unfähig erweise. Diesen Verhältnissen für einige Zeit völlig entfliehen

zu können, lockte ihn. Er hatte das Werk so sehr geliebt, jede Maschine

war ihm Freund gewesen als Knaben. Aber er hatte gehofft, dies alles

noch lange genießen zu können wie einen großen Konstruierkasten,

spielerisch, da und dort Versuche anstellen zu dürfen, ohne die Lasten

der Verantwortung zu tragen. Was kümmerte ihn der Vertrieb, die Erfolge

der Reisenden, die Preisunterbietungen der Konkurrenz, die

Repräsentation unter den Industriellen. Bestenfalls war er Ingenieur und

Erfinder, und er war es weit weniger als in seiner Knabenzeit, denn nun

lockte ihn das Leben in seiner Vielfalt. Wäre sein Vater am Leben

gewesen, er wäre mählich hineingewachsen in all die Notwendigkeiten und

hätte sie schließlich als selbstverständlich empfunden. Nun aber ließ

ihn sein Hang zum Wesentlichsein erkennen, daß es sich letzten Endes um

Geldverdienen handle, um Zuhäufung des großen Vermögens. Er dachte an

Beteiligung der Arbeiter. Seine erste Tat war gewesen, die Gehalte

aufzubessern, ging er noch weiter, so wurde er beinahe lächerlich. Und

er betrachtete das Unternehmen immer noch als Besitz und Werk des

Großvaters und Vaters. Ein Kongreß im Ausland, dem er als Chef der

großen Firma beiwohnen mußte, war ihm willkommen. Bei diesem Anlaß

lernte er den Neffen eines Teilnehmers kennen, Gilbert von Tirotzky. Mit

seinem märchenhaft schönen Gesicht bezauberte der ihn. Seine Augen waren

zuweilen die eines in seiner Ehre gekränkten Mädchens. Aber

nichts Weibliches war sonst an ihm: er war die Vollendung der

Jünglingsschönheit. Adalbert konnte den Blick nicht von ihm wenden. Es

ergötzte ihn, die heimliche Empörung zu beobachten, die in Gilbert

aufstieg, wenn bei den reichlich tagenden Banketten die Gespräche frei

wurden und sich in saftigen Anekdoten bewegten. Zu Adalberts maßlosem

Erstaunen war der Jüngling, der im Begriffe stand, wie er ein großes

Unternehmen zu leiten, unschuldig wie ein Kind. Da sie die Jüngsten

waren, schien es natürlich, daß sie sich einander näherten. Eine

gemeinsame Reise zur Besichtigung eines Eisenwerkes wurde unternommen.

Als sie Munitionsfabriken besuchten, stieg plötzlich die Vision des

Krieges vor ihnen auf. Sie sahen blutende, hinsterbende Menschen,

eingeäscherte Gegenden, verwüstete Kunstdenkmäler. In ihren Schauern

erinnerten sie sich, daß ihre Unternehmen Munition erzeugten und so den

Kriegsgeist förderten. Derselbe Mannsthal, der wissentlich Lola Ritter

gequält hatte und sich nun heimlich daran machte, Gilberts Reinheit zu

zerstören, derselbe Mensch schwor sich, seine Hand aus einem Unternehmen

zu ziehen, das Vernichtungszwecken der Menschheit sein Hauptaugenmerk

widmete. Derselbe Adalbert auch, der sich mit seinem jungen Freund

stundenlang über die Gedichte des Novalis und Hölderlin, über die

Märtyrer des Mantegna und die Jungfrauen des Botticelli begeistern

konnte, lenkte, wenn sie nachts im selben Zimmer lagen, zielbewußt das

Gespräch auf die Jünglingsliebe, für die er sich entflammt fühlte,

seitdem er Gilbert kannte. Er hütete sich, ihm dies zu beweisen, aber

als sie sich trennten, war sein Freund in Bahnen gelenkt, die ihn

dereinst ins Verderben stürzen sollten. Adalbert befiel eine böse

Nervenkrise. Er litt um Gilbert, um die Erfüllung seiner frevelhaften

Wünsche, die, wie er bald erfuhr, ein anderer erntete. Wie ein Strahl

aus himmlischen Reichen erschien ihm Angele von Tirotzky, Gilberts

kleine Schwester, die er anläßlich des Besuches, den er der Familie auf

ihrem Gute abstattete, kennen lernte. Seltsam, als sie nach vielen

Jahren wieder in sein Leben trat, glaubte er an eine himmlische Sendung,

an eine Mission, die sie an ihm zu vollziehen hatte. Vor dieser

entscheidenden Begegnung traf er sie einmal mit ihrer Mutter in Homburg,

ohne sie sprechen zu können. Von Gilbert aber hatte er schon zur Zeit

jenes Besuches keine Nachricht mehr. In diesen bösen Tagen rettete ihn

vor dem Zusammenbruch ein Miniaturbild auf poliertem Gold, eine alte

Brosche darstellend, die er bei einer Auktion erblickte und die die

erste Erwerbung seiner kostbaren Sammlung wurde. Dieses Bild ähnelte

Loli und Angele und sollte dereinst noch ein deutlicheres Ebenbild

finden. Kenner bezeichneten es als Kopie einer Buchminiatur. Ein leiser

Heiligenschein schimmerte um ein kindliches Haupt.

Bald waren ihm Namen und Werke Müelichs und Holbeins des Älteren,

Luithard und Berengar, geläufig. Petitot, den Schweizer, die Deutschen

Grahl, Hengel, Glocker, Aldenraths, Graff kannte er, Bouvier, Bossi und

Harper, Füger und die Österreicher Daffinger, Theer, Saar, Peter. Er

kannte alle Manieren, die auf Pergament, Elfenbein, Gold, Silber,

Kupfer. Er reiste in süddeutsche Städte die preziöse Kunst des

sechzehnten Jahrhunderts kennen zu lernen und kaufte und kaufte. Als er

zurückkam, waren seine Nerven scheinbar in Ordnung. Nun arbeitete er im

Werk, drei Jahre lang, fast ohne Unterbrechung. Er musizierte dort,

hatte irgendeine Geliebte und war mit Sammlern und Kunsthändlern in

Verbindung.

Er hatte keine Freunde, nur Genossen, von deren wesentlichem Leben man

ebensowenig wußte wie von dem seinen: Männer, die etwa Beziehungen zu

Courtisanen von Rang hatten und hinter einem Sport oder Spleen sich

verbargen. Adalbert Mannsthal war wohltätig, aber auch dies erfuhr man

nur durch Zufälligkeiten. Seine größte Schöpfung aus späteren Jahren

(als er das Werk schon in eine Aktiengesellschaft verwandelt hatte) war

eine Anstalt für blinde Mädchen. Er besichtigte jeden neuen Zögling,

hatte unter ihnen seine Lieblinge, die er auch zu sich nach Hause nahm.

Mehreren dieser Mädchen ward durch ihn eine musikalische Ausbildung

zuteil. Sein Wesen blieb verborgen. Er genoß den Leumund hoher

Moralität. Seine Heirat mit Frau Ruthland befestigte seinen Ruf. Seine

Scheidung bekräftigte ihn. Ein Mann wie er konnte begreiflicherweise

nicht die Auffassung teilen, die in einer Ehe Entgleisungen duldet.

Mehrere Jahre vor seiner Heirat, nachdem er das Werk umgestaltet, reiste

er ins Ausland, in ferne Weltteile. Einige Zeit schien er verschollen.

Dann arbeitete er an neuen Maschinen und schloß sich einem berühmten

Physiker in bewunderndem Dienst an. Zuweilen lebte er in dem Landhaus am

See, das ihm seine mütterliche Tante vererbt hatte. Er besaß im Seehaus

eine Voliere mit fünfunddreißig Vögeln, die er zum Teil aus fremden

Ländern mitgebracht hatte. Als ein Marder mehr als die Hälfte von ihnen

zerrissen hatte, aß er zwei Tage lang nichts und schenkte den anderen

Tieren die Freiheit. Seine Miniaturensammlung betrieb er mit wachsendem

Eifer. Durch sie lernte er Urbacher kennen, der menschliche Kuriositäten

studiert hatte, aber dessen überdrüssig nunmehr seine Kenntnisse nur

gelegentlich verwertete. Gleichfalls unabhängig, Herr seiner Zeit und

seines Vermögens, war dieser in allerlei Leidenschaften verfallen, die

in Müßiggang und Überfluß gedeihen, aber sein Wesen war durch seine Güte

zwiespältig und durch fixe Vorstellungen skuril geworden. Er konnte

keinen entscheidenden Einfluß auf Mannsthal gewinnen, wiewohl er in das

Verborgene seines Wesens einzudringen imstande war. Hingegen war

Adalbert durch Verstand, Schlauheit, Überredungskunst und durch eine Art

Unwiderstehlichkeit befähigt, Menschen zu beeinflussen, wie es ihm gut

dünkte. Er selbst fragte nicht danach, wie man sein Leben beurteilte.

Äußere Ehrbarkeit hält die Neugier fern. Er trug sie wie ein schützendes

Kleid.

Vögelchen · 第 11 / 74 题