IX

Ei, wohin? ... Zurück! Wo willst du hin? rief ich den Rekruten an, der

seine Reservelunte unter den Arm genommen hatte und mit einem Stöckchen

in der Hand mit größter Kaltblütigkeit dem Wagen folgte, auf dem der

Verwundete fortgeführt wurde.

Der Rekrut aber warf mir nur einen trägen Blick zu, brummte etwas

vor sich hin und ging weiter, so daß ich einen Soldaten hinschicken

mußte, um ihn zurückzubringen. Er nahm sein rotes Mützchen ab, lächelte

tölpelhaft und sah mich an.

Wo hast du hinwollen? fragte ich.

Ins Lager.

Warum das?

Wie? ... Welentschuk ist verwundet, sagte er wieder lächelnd.

Was geht das dich an? Du hast hierzubleiben.

Er sah mich erstaunt an, dann drehte er sich kaltblütig um, setzte

seine Mütze auf und ging auf seinen Platz.

[Illustration: Gedankenwechsel]

Der Kampf war im allgemeinen ein glücklicher. Die Kosaken hatten,

wie es hieß, einen vortrefflichen Angriff gemacht und drei Tataren

eingebracht; die Infanterie hatte sich mit Holz versorgt und zählte im

ganzen sechs Verwundete; bei der Artillerie war der Mannschaft nur der

eine, Welentschuk, und zwei Pferde verloren gegangen. Dafür hatte man

etwa drei Werst Waldes ausgeholzt und den Platz so gesäubert, daß man

ihn nicht wieder erkannte; an der Stelle des dichten Waldsaums, den man

früher dort gesehen hatte, öffnete sich eine ungeheure Wiesenfläche,

bedeckt von rauchenden Wachtfeuern, von Kavallerie und Infanterie, die

sich auf das Lager zu bewegte. Obgleich der Feind nicht aufhörte, uns

mit Geschütz- und Gewehrfeuer zu verfolgen, bis an das Flüßchen und den

Kirchhof, den wir des Morgens durchschritten hatten, vollzog sich der

Rückzug glücklich. Meine Gedanken waren schon bei der Kohlsuppe und der

Hammelrippe mit Grütze, die meiner im Lager harrten, als die Nachricht

kam, der General habe befohlen, am Flüßchen eine Schanze aufzuschütten

und bis morgen das dritte Bataillon des K.-Regiments und den Zug der

vierten Batterie dort lagern zu lassen. Die Wagen mit dem Holz und den

Verwundeten, die Kosaken, die Artillerie, das Fußvolk mit den Gewehren

und dem Holz über den Schultern -- alles zog mit Lärmen und Gesang an

uns vorüber. Auf allen Gesichtern lag Begeisterung und Freude, wie

sie die überstandene Gefahr und die Erwartung der Ruhe hervorgerufen

hatten. Nur wir und das dritte Bataillon mußten auf diese angenehmen

Gefühle noch bis morgen warten.

X

Während wir, die Artilleristen, um die Geschütze beschäftigt waren,

während wir die Protzkasten, die Pulverkasten aufstellten und den

Pferden die Fußstricke lösten, hatte die Infanterie schon die Gewehre

zusammengestellt, die Wachtfeuer hergerichtet, aus Ästen und Maisstroh

Hütten gebaut und angefangen die Grütze zu kochen.

Es begann zu dämmern. Am Himmel zogen blauweiße Wolken hin. Die

Dunkelheit hatte sich in einen feinen feuchten Nebel verwandelt und

netzte den Boden und die Mäntel der Soldaten; der Gesichtskreis wurde

enger, und die ganze Umgegend hüllte sich in düstere Schatten. Die

Feuchtigkeit, die ich durch die Stiefel hindurch und im Nacken fühlte,

die ununterbrochene Bewegung und das nie verstummende Gespräch, an

dem ich keinen Anteil nahm, der lehmige Boden, auf dem meine Füße

ausglitten und der leere Magen brachten mich in die drückendste,

unangenehmste Stimmung, nach einem Tage physischer und moralischer

Ermattung. Welentschuk wollte mir nicht aus dem Sinn. Die ganze

einfache Geschichte eines Soldatenlebens drängte sich unabweislich

meiner Phantasie auf.

Seine letzten Augenblicke waren ebenso klar und ruhig gewesen wie

sein ganzes Leben. Er hatte zu ehrlich und einfach gelebt, als daß

sein einfältiger Glaube an ein zukünftiges, himmlisches Dasein in dem

entscheidenden Augenblicke hätte schwanken können.

Grüß Gott, sagte Nikolajew, indem er auf mich zutrat, wollen Sie sich

gefälligst zum Kapitän bemühen, er bittet Sie, mit ihm Thee zu trinken.

Ich drängte mich, so gut es ging, zwischen den zusammengestellten

Gewehren und Wachtfeuern hindurch, ging, Nikolajew folgend, zu Bolchow

und dachte mit Vergnügen an das Glas heißen Thees und an die fröhliche

Unterhaltung, die meine düsteren Gedanken vertreiben würden.

Gefunden? ertönte Bolchows Stimme aus der Maishütte, in der ein

Flämmchen schimmerte.

Ich habe ihn hergebracht, Euer Wohlgeboren, antwortete Nikolajew in

tiefem Baß.

Bolchow saß im Zelt auf einem trockenen Filzmantel mit aufgeknöpftem

Rock und ohne seine Pelzmütze. Neben ihm brodelte ein Ssamowar und

stand eine Trommel mit allerlei Imbiß. In dem Fußboden steckte ein

Bajonett mit einem Licht.

Wie? sagte er mit Stolz und ließ seinen Blick über seinen gemütlichen

Haushalt schweifen. In der That war es in dem Zelt so hübsch, daß

ich beim Thee der Feuchtigkeit, der Dunkelheit und des verwundeten

Welentschuk ganz vergaß. Wir kamen in ein Gespräch über Moskau, über

Dinge, die in gar keiner Beziehung zum Kriege und zum Kaukasus standen.

Nach einem jener Augenblicke des Schweigens, die bisweilen selbst die

belebtesten Unterhaltungen unterbrechen, sah mich Bolchow lächelnd an.

Ich muß glauben, unser Gespräch von heute morgen ist Ihnen sehr

sonderbar vorgekommen? sagte er.

Oh nein, warum das? Es schien mir nur, als seien Sie allzu offenherzig.

Es giebt eben Dinge, die wir alle wissen, von denen man aber nie

sprechen darf.

Warum nicht? Wenn es irgend eine Möglichkeit gäbe, dieses Leben selbst

mit dem abgeschmacktesten und ärmlichsten Leben, nur ohne Gefahr und

ohne den Dienst, zu vertauschen, ich würde mir's keinen Augenblick

überlegen.

Warum gehen Sie nicht nach Rußland? sagte ich.

Warum? wiederholte er. O, wie lange habe ich schon daran gedacht.

Ich kann jetzt nicht eher nach Rußland zurück, als bis ich den

Wladimirorden, den Annenorden um den Hals und den Majorsrang bekommen,

wie ich es erwartete, als ich herging.

Warum aber, wenn Sie sich, wie Sie sagen, für den hiesigen Dienst

untauglich fühlen?

Wenn ich mich aber noch weniger fähig fühlte, nach Rußland so

zurückzukehren, wie ich hergekommen bin? Das ist auch eine von den

Überlieferungen, die in Rußland von Mund zu Mund gehen, denen Passek,

Sljepzow und Andere Dauer gegeben haben, daß man nur nach dem Kaukasus

zu gehen braucht, um mit Belohnungen überschüttet zu werden. Und von

uns erwarten und verlangen das alle; und ich bin nun zwei Jahre hier,

habe zwei Expeditionen mitgemacht und habe nichts bekommen. Aber ich

besitze doch soviel Eigenliebe, daß ich um keinen Preis von hier

fortgehe, ehe ich Major bin, den Wladimir- und den Annenorden um den

Hals bekomme. Ich habe mich schon so in diesen Gedanken hineingelebt,

daß es mich wurmt, wenn Gnilokischkin eine Auszeichnung bekommt, und

ich nicht. Und dann, wie soll ich in Rußland meinem Starosten, dem

Kaufmann Kotjelnikow, dem ich mein Getreide verkaufe, meiner Tante

in Moskau und all den Herren vor die Augen treten, wenn ich nach

zweijährigem Dienste im Kaukasus ohne jede Auszeichnung zurückkomme?

Freilich mag ich von diesen Herrschaften nichts wissen, und sie werden

sich gewiß auch sehr wenig um mich kümmern; aber der Mensch ist nun

einmal so beschaffen, daß ich von ihnen nichts wissen mag, und doch um

ihretwillen meine schönsten Jahre vergeude, all mein Lebensglück, all

meine Zukunft zerstöre.

Sewastopol · 第 81 / 86 题