Ei, wohin? ... Zurück! Wo willst du hin? rief ich den Rekruten an, der
seine Reservelunte unter den Arm genommen hatte und mit einem Stöckchen
in der Hand mit größter Kaltblütigkeit dem Wagen folgte, auf dem der
Verwundete fortgeführt wurde.
Der Rekrut aber warf mir nur einen trägen Blick zu, brummte etwas
vor sich hin und ging weiter, so daß ich einen Soldaten hinschicken
mußte, um ihn zurückzubringen. Er nahm sein rotes Mützchen ab, lächelte
tölpelhaft und sah mich an.
Wo hast du hinwollen? fragte ich.
Ins Lager.
Warum das?
Wie? ... Welentschuk ist verwundet, sagte er wieder lächelnd.
Was geht das dich an? Du hast hierzubleiben.
Er sah mich erstaunt an, dann drehte er sich kaltblütig um, setzte
seine Mütze auf und ging auf seinen Platz.
[Illustration: Gedankenwechsel]
Der Kampf war im allgemeinen ein glücklicher. Die Kosaken hatten,
wie es hieß, einen vortrefflichen Angriff gemacht und drei Tataren
eingebracht; die Infanterie hatte sich mit Holz versorgt und zählte im
ganzen sechs Verwundete; bei der Artillerie war der Mannschaft nur der
eine, Welentschuk, und zwei Pferde verloren gegangen. Dafür hatte man
etwa drei Werst Waldes ausgeholzt und den Platz so gesäubert, daß man
ihn nicht wieder erkannte; an der Stelle des dichten Waldsaums, den man
früher dort gesehen hatte, öffnete sich eine ungeheure Wiesenfläche,
bedeckt von rauchenden Wachtfeuern, von Kavallerie und Infanterie, die
sich auf das Lager zu bewegte. Obgleich der Feind nicht aufhörte, uns
mit Geschütz- und Gewehrfeuer zu verfolgen, bis an das Flüßchen und den
Kirchhof, den wir des Morgens durchschritten hatten, vollzog sich der
Rückzug glücklich. Meine Gedanken waren schon bei der Kohlsuppe und der
Hammelrippe mit Grütze, die meiner im Lager harrten, als die Nachricht
kam, der General habe befohlen, am Flüßchen eine Schanze aufzuschütten
und bis morgen das dritte Bataillon des K.-Regiments und den Zug der
vierten Batterie dort lagern zu lassen. Die Wagen mit dem Holz und den
Verwundeten, die Kosaken, die Artillerie, das Fußvolk mit den Gewehren
und dem Holz über den Schultern -- alles zog mit Lärmen und Gesang an
uns vorüber. Auf allen Gesichtern lag Begeisterung und Freude, wie
sie die überstandene Gefahr und die Erwartung der Ruhe hervorgerufen
hatten. Nur wir und das dritte Bataillon mußten auf diese angenehmen
Gefühle noch bis morgen warten.
X
Während wir, die Artilleristen, um die Geschütze beschäftigt waren,
während wir die Protzkasten, die Pulverkasten aufstellten und den
Pferden die Fußstricke lösten, hatte die Infanterie schon die Gewehre
zusammengestellt, die Wachtfeuer hergerichtet, aus Ästen und Maisstroh
Hütten gebaut und angefangen die Grütze zu kochen.
Es begann zu dämmern. Am Himmel zogen blauweiße Wolken hin. Die
Dunkelheit hatte sich in einen feinen feuchten Nebel verwandelt und
netzte den Boden und die Mäntel der Soldaten; der Gesichtskreis wurde
enger, und die ganze Umgegend hüllte sich in düstere Schatten. Die
Feuchtigkeit, die ich durch die Stiefel hindurch und im Nacken fühlte,
die ununterbrochene Bewegung und das nie verstummende Gespräch, an
dem ich keinen Anteil nahm, der lehmige Boden, auf dem meine Füße
ausglitten und der leere Magen brachten mich in die drückendste,
unangenehmste Stimmung, nach einem Tage physischer und moralischer
Ermattung. Welentschuk wollte mir nicht aus dem Sinn. Die ganze
einfache Geschichte eines Soldatenlebens drängte sich unabweislich
meiner Phantasie auf.
Seine letzten Augenblicke waren ebenso klar und ruhig gewesen wie
sein ganzes Leben. Er hatte zu ehrlich und einfach gelebt, als daß
sein einfältiger Glaube an ein zukünftiges, himmlisches Dasein in dem
entscheidenden Augenblicke hätte schwanken können.
Grüß Gott, sagte Nikolajew, indem er auf mich zutrat, wollen Sie sich
gefälligst zum Kapitän bemühen, er bittet Sie, mit ihm Thee zu trinken.
Ich drängte mich, so gut es ging, zwischen den zusammengestellten
Gewehren und Wachtfeuern hindurch, ging, Nikolajew folgend, zu Bolchow
und dachte mit Vergnügen an das Glas heißen Thees und an die fröhliche
Unterhaltung, die meine düsteren Gedanken vertreiben würden.
Gefunden? ertönte Bolchows Stimme aus der Maishütte, in der ein
Flämmchen schimmerte.
Ich habe ihn hergebracht, Euer Wohlgeboren, antwortete Nikolajew in
tiefem Baß.
Bolchow saß im Zelt auf einem trockenen Filzmantel mit aufgeknöpftem
Rock und ohne seine Pelzmütze. Neben ihm brodelte ein Ssamowar und
stand eine Trommel mit allerlei Imbiß. In dem Fußboden steckte ein
Bajonett mit einem Licht.
Wie? sagte er mit Stolz und ließ seinen Blick über seinen gemütlichen
Haushalt schweifen. In der That war es in dem Zelt so hübsch, daß
ich beim Thee der Feuchtigkeit, der Dunkelheit und des verwundeten
Welentschuk ganz vergaß. Wir kamen in ein Gespräch über Moskau, über
Dinge, die in gar keiner Beziehung zum Kriege und zum Kaukasus standen.
Nach einem jener Augenblicke des Schweigens, die bisweilen selbst die
belebtesten Unterhaltungen unterbrechen, sah mich Bolchow lächelnd an.
Ich muß glauben, unser Gespräch von heute morgen ist Ihnen sehr
sonderbar vorgekommen? sagte er.
Oh nein, warum das? Es schien mir nur, als seien Sie allzu offenherzig.
Es giebt eben Dinge, die wir alle wissen, von denen man aber nie
sprechen darf.
Warum nicht? Wenn es irgend eine Möglichkeit gäbe, dieses Leben selbst
mit dem abgeschmacktesten und ärmlichsten Leben, nur ohne Gefahr und
ohne den Dienst, zu vertauschen, ich würde mir's keinen Augenblick
überlegen.
Warum gehen Sie nicht nach Rußland? sagte ich.
Warum? wiederholte er. O, wie lange habe ich schon daran gedacht.
Ich kann jetzt nicht eher nach Rußland zurück, als bis ich den
Wladimirorden, den Annenorden um den Hals und den Majorsrang bekommen,
wie ich es erwartete, als ich herging.
Warum aber, wenn Sie sich, wie Sie sagen, für den hiesigen Dienst
untauglich fühlen?
Wenn ich mich aber noch weniger fähig fühlte, nach Rußland so
zurückzukehren, wie ich hergekommen bin? Das ist auch eine von den
Überlieferungen, die in Rußland von Mund zu Mund gehen, denen Passek,
Sljepzow und Andere Dauer gegeben haben, daß man nur nach dem Kaukasus
zu gehen braucht, um mit Belohnungen überschüttet zu werden. Und von
uns erwarten und verlangen das alle; und ich bin nun zwei Jahre hier,
habe zwei Expeditionen mitgemacht und habe nichts bekommen. Aber ich
besitze doch soviel Eigenliebe, daß ich um keinen Preis von hier
fortgehe, ehe ich Major bin, den Wladimir- und den Annenorden um den
Hals bekomme. Ich habe mich schon so in diesen Gedanken hineingelebt,
daß es mich wurmt, wenn Gnilokischkin eine Auszeichnung bekommt, und
ich nicht. Und dann, wie soll ich in Rußland meinem Starosten, dem
Kaufmann Kotjelnikow, dem ich mein Getreide verkaufe, meiner Tante
in Moskau und all den Herren vor die Augen treten, wenn ich nach
zweijährigem Dienste im Kaukasus ohne jede Auszeichnung zurückkomme?
Freilich mag ich von diesen Herrschaften nichts wissen, und sie werden
sich gewiß auch sehr wenig um mich kümmern; aber der Mensch ist nun
einmal so beschaffen, daß ich von ihnen nichts wissen mag, und doch um
ihretwillen meine schönsten Jahre vergeude, all mein Lebensglück, all
meine Zukunft zerstöre.