Ich verließ die Soldaten, während sie darüber sprachen, wie die Tataren
davongesprengt waren, als sie die Granate erblickt, und weshalb sie
hier herumritten, und ob wohl ihrer viele im Walde wären, ging mit
dem Kompagnieführer wenige Schritte davon, setzte mich unter einen
Baum, und erwartete die aufgewärmten Klopse, die er mir angeboten
hatte. Der Kompagnieführer Bolchow war einer von den Offizieren,
die man im Regiment die »Bonjours« nannte. Er besaß Vermögen, hatte
früher in der Garde gedient und sprach französisch. Aber trotzdem
hatten ihn die Kameraden gern. Er war recht gescheit und besaß Takt
genug, um einen Petersburger Rock zu tragen, gut zu Mittag zu speisen
und französisch zu sprechen, ohne das Offizierskorps übermäßig zu
beleidigen. Wir sprachen über das Wetter, über die Kriegsereignisse und
die gemeinsamen Bekannten unter den Offizieren und gewannen aus den
Fragen und Antworten und aus der Auffassung der Dinge die Überzeugung,
daß wir in unseren Ansichten ziemlich übereinstimmten, und so gingen
wir unwillkürlich zu einem vertraulicheren Gespräch über. Im Kaukasus
pflegt, wenn Menschen einer Gesellschaftsklasse sich begegnen, wenn
auch unausgesprochen, so doch ziemlich klar, die Frage aufzutauchen:
weshalb sind Sie hier? und auf diese meine unausgesprochene Frage
schien mein Genosse die Antwort geben zu wollen.
Wann wird dieser Feldzug ein Ende nehmen! sagte er träge -- langweilig!
Ich langweile mich nicht, sagte ich. Im Stabe ist's ja noch
langweiliger.
Ach, im Stabe ist es zehntausendmal schlimmer, sagte er wütend. Aber
nein, wann wird das alles ein Ende nehmen?
Aber was soll denn, nach Ihrer Meinung, ein Ende nehmen? fragte ich.
Alles, ganz und gar! ... He, Nikolajew, sind die Klopse fertig? fragte
er.
Warum haben Sie eigentlich im Kaukasus Dienste gesucht, sagte ich, wenn
Ihnen hier so wenig gefällt?
Wissen Sie warum? antwortete er mit entschlossener Offenheit, weil es
so hergebracht ist. In Rußland giebt es doch eine besondere Tradition
vom Kaukasus, als sei hier das gelobte Land für unglückliche Menschen
jeder Art.
Ja, das hat etwas Wahres, sagte ich, die meisten von uns ...
Was aber das Beste ist, unterbrach er mich, wir alle, die wir dieser
Tradition gemäß nach dem Kaukasus gehen, verrechnen uns entsetzlich,
und ich kann ganz und gar nicht einsehen, warum wir nach einer
unglücklichen Liebe oder bei zerrütteten Verhältnissen lieber in
den Kaukasus gehen, um Dienste zu nehmen, als nach Kasanj oder nach
Kaluga. In Rußland stellt man sich den Kaukasus als etwas Erhabenes
vor, mit ewig jungfräulichen Gletschern, mit reißenden Strömen, mit
Dolchen, Filzmänteln, Tscherkessenmädchen -- alles das hat etwas
Grauenerregendes, in Wirklichkeit aber liegt darin nichts Lustiges.
Wenn sie wenigstens wüßten, daß wir nie zu dem jungfräulichen Eise
gelangen, ja, daß es gar kein Vergnügen ist, dahin zu kommen, und daß
der Kaukasus in Provinzen geteilt ist: in Stawropol, in Tiflis u. s. w.
...
Ja, sagte ich lachend, wir sehen in Rußland den Kaukasus mit ganz
anderen Augen an als hier. Haben Sie das schon einmal an sich erfahren?
Wenn man Verse liest in einer Sprache, die man nicht gut versteht,
stellt man sie sich viel hübscher vor, als sie sind.
Ich weiß wahrhaftig nicht. Aber mir mißfällt der Kaukasus im höchsten
Grade, unterbrach er mich.
Oh nein, der Kaukasus ist für mich auch jetzt schön, nur in anderem
Sinne.
Er mag vielleicht auch schön sein, fuhr er mit einer gewissen
Gereiztheit fort. Ich weiß nur, daß ich mir im Kaukasus nicht gefalle.
Aber warum das? sagte ich, um doch etwas zu sagen.
Nun, erstens, weil *er* mich getäuscht hat. Alles das, wovon ich
Heilung hoffte im Kaukasus nach der Tradition, alles hat mich hierher
begleitet, nur mit dem Unterschied, daß all dies früher auf der großen
Vordertreppe war und jetzt auf einer kleinen, schmutzigen Hintertreppe
ist, auf deren einzelnen Stufen ich Millionen kleiner Aufregungen,
Gemeinheiten, Kränkungen finde; zweitens, weil ich fühle, wie ich mit
jedem Tage moralisch sinke, tiefer und tiefer, und vor allem, weil
ich mich für den Dienst in diesem Lande unfähig fühle: ich kann keine
Gefahren ertragen -- kurz, ich bin nicht tapfer ...
Obgleich dies unerbetene Bekenntnis mich außerordentlich in Erstaunen
setzte, widersprach ich nicht, wie mein Genosse offenbar wünschte,
sondern erwartete von ihm selbst die Widerlegung seiner Worte, wie das
immer in solchen Fällen zu sein pflegt.
Sie müssen wissen, ich bin bei dem jetzigen Feldzuge zum erstenmal
im Feuer, fuhr er fort, und Sie können sich nicht vorstellen, was
mir gestern begegnet ist. Als der Feldwebel den Befehl brachte, daß
meine Kompagnie für die Abteilung bestimmt sei, wurde ich bleich wie
Leinewand und konnte vor Erregung kein Wort hervorbringen. Und wüßten
Sie, wie ich die Nacht zugebracht habe! Wenn es wahr ist, daß Menschen
vor Angst grau werden, so müßte ich heute ganz weiß sein, denn
sicherlich hat noch kein zum Tode Verurteilter in einer Nacht so viel
gelitten, wie ich; sogar jetzt fühle ich noch etwas hier drinnen, wenn
mir auch ein wenig leichter ist, als heute Nacht! fügte er hinzu und
bewegte die Faust vor seiner Brust hin und her. Das Lächerlichste ist,
fuhr er fort, daß sich hier das schrecklichste Drama abspielt, und man
selbst Klopse mit Lauch ißt und sich einredet, es sei sehr lustig ...
Giebt's Wein, Nikolajew? fügte er gähnend hinzu.
Das ist *er*, Kameraden, erklang in diesem Augenblick die erregte
Stimme eines Soldaten. Alle Augen richteten sich auf den Saum des
fernen Waldes.
Eine bläuliche Rauchwolke erhob sich vom Winde getrieben in der Ferne
und wurde größer und größer. Als ich begriffen hatte, daß es ein Schuß
des Feindes gewesen, nahm plötzlich alles, was in diesem Augenblick
vor meinen Augen stand, einen neuen, erhabenen Charakter an. Die
zusammengestellten Gewehre, der Rauch der Wachtfeuer, der blaue Himmel,
die grünen Geschützgestelle, Nikolajews verbranntes Gesicht mit dem
großen Schnauzbart -- all dies schien mir zu sagen, daß die Kugel, die
schon aus dem Rauch herausgeflogen war und in diesem Augenblick in der
freien Luft schwebte, vielleicht geradewegs auf meine Brust gerichtet
sein könnte.
Wo haben Sie den Wein hergenommen? fragte ich Bolchow nachlässig,
während im Innersten meiner Seele zwei Stimmen gleich vernehmlich
sprachen: die eine »Herr, nimm meine Seele in Frieden auf«, die
andere »Ich hoffe mich nicht zu bücken, sondern zu lächeln, wenn die
Kugel vorüberkommt«, -- und in diesem Augenblick pfiff etwas wirklich
Unangenehmes über unsere Köpfe hin, und zwei Schritt von uns schlug die
Kugel ein.
Sehen Sie, wenn ich Napoleon oder Friedrich wäre, sagte Bolchow in
diesem Augenblick und wandte sich vollkommen kaltblütig zu mir, hätte
ich unbedingt irgend eine Liebenswürdigkeit gesagt.
Sie haben sie ja auch jetzt gesagt, antwortete ich und konnte nur
mit Mühe die Unruhe verbergen, die die überstandene Gefahr in mir
hervorgerufen hatte.
Nun ja, gesagt schon, aber niederschreiben wird es niemand.
So werde ich es niederschreiben.
Wenn Sie es auch niederschreiben, so geschieht es doch nur zur Kritik,
wie Mischtschenkow sagt, fügte er lächelnd hinzu.
Pfui, du Verfluchte! sagte in diesem Augenblick hinter uns Antonow und
spie ärgerlich zur Seite aus, um ein Haar hätte sie meine Beine gepackt.
Alle meine Bemühungen, kaltblütig zu erscheinen und alle unsere
künstlichen Phrasen erschienen mir plötzlich unerträglich dumm nach
diesem gutherzigen Ausruf.