Unsere Truppen hatten schon den Aul besetzt, und nicht eine Seele war
vom Feinde zurückgeblieben, als der General mit seinem Gefolge, in das
auch ich mich gemischt hatte, herangeritten kam.
Die langen, reinlichen Hütten mit den flachen Lehmdächern und den
hübschen Schornsteinen lagen auf unebenen, steinigen Hügeln zerstreut,
zwischen denen ein kleines Flüßchen hinfloß. Auf der einen Seite
schimmerten im hellen Sonnenlicht die grünen Gärten mit den ungeheuren
Birnen- und Pflaumenbäumen; auf der andern ragten sonderbare Schatten
empor, senkrechtstehende hohe Steine eines Kirchhofs und lange hölzerne
Stangen, an deren Enden Kugeln und buntfarbige Fähnlein befestigt
waren. (Das waren die Gräber der Dshigiten.)
Die Truppen standen in Reih und Glied vor dem Thore.
Eine Minute später zerstreuten sich die Dragoner, Kosaken, Fußgänger
mit sichtlicher Freude durch die schiefen Gassen, und der öde Aul war
im Augenblick belebt. Da wird ein Dach niedergerissen, schlägt eine
Axt gegen das starke Holz, und die Bretterthür wird erbrochen; hier
wird ein Heuschober, ein Zaun, eine Hütte in Brand gesteckt, und dichte
Rauchwolken steigen in Säulen in die klare Luft empor. Da schleppt
ein Kosak einen Sack Mehl und einen Teppich; ein Soldat trägt mit
freudestrahlendem Gesicht aus der Hütte ein blechernes Waschbecken und
einen Fetzen Tuch heraus; ein anderer müht sich mit ausgebreiteten
Armen zwei Hennen einzufangen, die gackernd um den Zaun herumflattern;
ein dritter hat irgendwo einen ungeheuren Topf mit Milch entdeckt, er
trinkt daraus, und wirft ihn dann mit schallendem Lachen zu Boden.
Das Bataillon, mit dem ich die Festung N. verlassen hatte, war auch
im Aul. Der Kapitän saß auf dem Dach einer Hütte und blies aus seinem
kurzen Pfeifchen die Rauchwölkchen seines *sambrotalischen* Tabaks mit
so gleichgültiger Miene in die Luft, daß ich bei seinem Anblick vergaß,
daß ich mich in einem feindlichen Aul befinde und das Gefühl hatte, als
sei ich hier völlig zu Hause.
Ach, auch Sie hier? sagte er, als er mich bemerkte.
Die hohe Gestalt des Leutnants Rosenkranz tauchte bald hier, bald
dort im Aul auf: er war ununterbrochen in Thätigkeit und hatte das
Aussehen eines Menschen, der von einer Sorge sehr in Anspruch genommen
ist. Ich sah, wie er mit feierlicher Miene aus einer Hütte herauskam;
ihm folgten zwei Soldaten, die einen alten Tataren gebunden führten.
Der Alte, dessen ganze Kleidung ein buntes Beschmet, das in Lumpen
herabhing, und zerfetzte Beinkleider bildeten, war so gebrechlich,
daß seine fest auf dem Rücken zusammengeschnürten knochigen Arme sich
kaum an den Schultern zu halten schienen, und seine krummen, nackten
Beine sich nur mit Mühe vorwärts bewegten. Sein Gesicht, ja sogar
ein Teil seines rasierten Kopfes war von tiefen Furchen durchzogen.
Der schiefgezogene, zahnlose Mund, den ein grauer, kurzgeschnittener
Schnurrbart und Backenbart umgab, bewegte sich unaufhörlich, als ob er
etwas kaute; aber aus den roten, wimperlosen Augen leuchtete noch das
Feuer und prägte sich deutlich des Alters Gleichgültigkeit gegen das
Leben aus.
Rosenkranz fragte ihn mit Hilfe des Dolmetschs, warum er nicht mit den
andern geflohen sei.
Wohin soll ich fliehen? sagte er und blickte ruhig nach der Seite.
Wo die andern hingeflohen sind, bemerkte jemand.
Die Dshigiten sind mit den Russen in den Kampf gezogen, aber ich bin
ein alter Mann.
Fürchtest du dich denn nicht vor den Russen?
Was können mir die Russen thun? Ich bin ein alter Mann, sagte er wieder
und sah teilnahmslos in dem Kreise umher, der sich um ihn gebildet
hatte.
Als ich wieder zurückkehrte, sah ich, wie dieser alte Mann ohne Mütze
mit gebundenen Händen zitternd hinter dem Sattel eines Linienkosaken
saß und mit demselben leidenschaftslosen Ausdruck um sich sah. Er war
zum Austausch der Gefangenen unentbehrlich.
Ich kletterte auf das Dach und ließ mich neben dem Kapitän nieder.
Der Feind scheint nicht stark an Zahl gewesen zu sein, sagte ich zu
ihm, denn ich wollte seine Meinung hören über den eben beendeten Kampf.
Der Feind? wiederholte er verwundert. Es hat ja gar keinen Feind
gegeben. Nennt man das etwa einen Feind? ... Abends werden Sie sehen,
wenn wir den Rückzug antreten, dann sollen Sie sehen, wie sie uns
begleiten werden: wie sie da hervorkommen werden! fügte er hinzu und
zeigte mit dem Glase nach dem Waldwege, den wir des Morgens gegangen
waren.
Was ist dort? fragte ich beunruhigt und unterbrach den Kapitän, indem
ich auf die Don'schen Kosaken hinzeigte, die sich unweit von uns
gesammelt hatten.
Aus ihrer Schar klang etwas wie das Weinen eines Kindes herüber und die
Worte: eh, schlagt nicht ... halt ... man könnte es sehen ... hast du
ein Messer, Ewstignjeïtsch? ... Gieb das Messer her ...
Sie teilen etwas, die verfluchten Kerle, sagte der Kapitän ruhig.
Aber in demselben Augenblick kam plötzlich mit glühendem, erregtem
Gesicht der hübsche Fähnrich um die Ecke gestürmt und stürzte, mit den
Armen durch die Luft fahrend, auf die Kosaken zu.
Rührt ihn nicht an, schlagt ihn nicht! rief er mit kindlicher Stimme.
Als die Kosaken den Offizier erblickten, gingen sie auseinander und
ließen einen weißen Ziegenbock los. Der junge Fähnrich wurde äußerst
verlegen, murmelte etwas vor sich hin und blieb mit verlegener Miene
vor ihnen stehen. Als er mich und den Kapitän auf dem Dache erblickte,
errötete er noch mehr und kam in hüpfenden Schritten zu uns heran.
Ich glaubte, sie wollten ein Kind töten, sagte er mit schüchternem
Lächeln.
X
Der General ritt mit der Reiterei voraus. Das Bataillon, mit dem ich
die Festung N. verlassen hatte, blieb in der Nachhut. Die Kompagnie des
Kapitäns Chlopow und des Leutnants Rosenkranz rückten gleichzeitig aus.
Die Prophezeiung des Kapitäns ging vollständig in Erfüllung. Wir hatten
kaum den schmalen Waldweg betreten, von dem er gesprochen hatte, als
von beiden Seiten unaufhörlich Bergbewohner zu Pferde und zu Fuß
vorüberhuschten, und in solcher Nähe, daß ich ganz deutlich sah, wie
einige zusammengekauert, die Büchse in der Hand, von einem Baum zum
andern hinüberrannten.
Der Kapitän entblößte sein Haupt und bekreuzte sich andächtig;
einige alte Soldaten thaten das Gleiche. Im Walde hörte man wildes
Kriegsgeschrei und die Worte: »Iaj, giaur! uruß iaj!« Knatternde kurze
Büchsenschüsse folgten einer dem andern, und die Kugeln pfiffen von
beiden Seiten. Die Unseren erwiderten schweigend im Lauffeuer. Nur
selten hörte man in ihren Reihen Bemerkungen wie die: »*Er*[O] feuert von
da, *er* hat es leicht, hinter den Bäumen versteckt, *Kanonen* müßten wir
haben ...« u. s. w.
[O] *Er* ist ein Sammelname, unter dem die kaukasischen Soldaten den
Feind im Allgemeinen zu verstehen pflegen.
Die Geschütze rückten in die Schlachtlinie ein. Nach einigen
Kartätschensalven schien der Feind zu ermatten, aber nach einem kurzen
Augenblick und mit jedem Schritt, den die Truppen machten, wurde das
Feuer, das Geschrei und das Kriegsgeheul wieder stärker.
Wir hatten uns kaum 300 Faden von dem Aul zurückgezogen, als die
feindlichen Kugeln pfeifend über unsern Häuptern zu schwirren begannen.
Ich sah, wie ein Soldat von einer Kugel hingestreckt wurde ... Aber
wozu die Einzelheiten dieses schrecklichen Bildes wiedererzählen, da
ich doch selbst viel dafür gäbe, wenn ich es vergessen könnte.
Leutnant Rosenkranz selbst schoß, ohne auch nur einen Augenblick
zu unterbrechen, aus seiner Büchse, schrie mit heiserer Stimme die
Soldaten an und sprengte im vollen Lauf von einem Flügel zum andern. Er
war ein wenig blaß, und das stand seinem kriegerischen Gesicht sehr gut.
Der hübsche Fähnrich war entzückt. Seine schönen schwarzen Augen
strahlten vor Kühnheit, seinen Mund umspielte ein leichtes Lächeln;
immer wieder kam er zu dem Kapitän herangeritten und bat um die
Erlaubnis, mit Urrah im Sturme vorzugehen.
Wir werfen sie zurück, sagte er mit innerer Überzeugung. Wahrhaftig,
wir werfen sie zurück.
Nicht nötig, erwiderte der Hauptmann ruhig, wir müssen zurückgehen.
Die Kompagnie des Kapitäns hielt den Waldesrand besetzt und erwiderte
das feindliche Feuer liegend. Der Kapitän, in seinem abgetragenen
Überrock und in seiner zerzausten Mütze, hatte seinem Paßgänger,
einem Schimmel, die Zügel hängen lassen und seine Beine in dem kurzen
Steigbügel zusammengezogen; so stand er schweigend an einer und
derselben Stelle. (Die Soldaten wußten so gut, was sie zu thun hatten,
und führten es so gut aus, daß man ihnen nicht zu befehlen brauchte.)
Von Zeit zu Zeit nur erhob er seine Stimme lauter und schrie die
an, die die Köpfe emporhoben. Die Gestalt des Kapitäns hatte wenig
Kriegerisches an sich, dafür aber lag in ihr soviel Aufrichtigkeit
und Schlichtheit, daß sie mich außerordentlich berührte. »Das heißt
wahrhaft tapfer«, sprach es unwillkürlich in mir.
Er war *ganz so, wie ich ihn immer sah*. Dieselben sicheren Bewegungen,
dieselbe ruhige Stimme, derselbe Ausdruck von Gradheit in seinem
unschönen, aber schlichten Gesicht. Nur in dem Blick, der leuchtender
war, als gewöhnlich, konnte man an ihm die Aufmerksamkeit eines
Menschen beobachten, der ruhig seiner Sache hingegeben ist. Es sagt
sich leicht: *ganz so wie immer*; aber wie mannigfache Abstufungen habe
ich bei andern wahrnehmen können: der eine will ruhiger, der andere
ernster erscheinen, ein dritter heiterer als gewöhnlich; an dem Gesicht
des Kapitäns aber konnte man merken, daß er gar nicht begreifen konnte,
warum man etwas scheinen sollte.
Der Franzose, der bei Waterloo sagte: »_La garde meurt, mais ne se
rend pas_« und andere, besonders französische Helden, die denkwürdige
Worte gesprochen haben, waren tapfer und haben wirklich denkwürdige
Worte gesprochen; aber zwischen ihrer Tapferkeit und der Tapferkeit des
Kapitäns ist der Unterschied, daß er, wenn sich auch ein großes Wort,
gleichviel bei welcher Gelegenheit, in der Seele meines Helden geregt
hätte, er es -- davon bin ich überzeugt -- nicht ausgesprochen hätte:
erstens, weil er gefürchtet hätte, durch das große Wort selbst, wenn
er es aussprach, das große Werk zu zerstören; zweitens, weil, wenn
ein Mensch die Kraft in sich fühlt, ein großes Werk zu vollbringen,
jedes Wort überflüssig ist. Dies ist nach meiner Meinung das besondere
und große Merkmal der russischen Tapferkeit; und wie soll demnach ein
russisches Herz nicht bluten, wenn man unter unseren jungen Kriegern
fade französische Phrasen hört, die es dem veralteten französischen
Rittertum gleich zu thun streben? ...
Plötzlich erklang von der Seite, wo der hübsche Fähnrich mit seinem
Zuge stand, ein vereinzeltes und schwaches Urrah. Ich sah mich um bei
dem Rufe und erblickte etwa 30 Mann, die mit dem Gewehr in der Hand und
dem Sack auf dem Rücken mit Mühe und Not über ein bebautes Ackerfeld
liefen. Sie stolperten, kamen aber doch alle mit lautem Geschrei
vorwärts. Ihnen voraus sprengte mit gezücktem Säbel der junge Fähnrich.
Alles verschwand im Walde.
Nach einem Kriegsgeschrei und Gewehrknattern von mehreren Minuten kam
aus dem Walde ein scheues Pferd hervorgestürzt, und am Saum erschienen
Soldaten, die die Gefallenen und Verwundeten heraustrugen; unter den
Letzteren war der junge Fähnrich. Zwei Soldaten hielten ihn unter den
Arm gestützt. Er war bleich wie ein Tuch, und sein hübsches Köpfchen,
auf dem nur ein Schatten jener kriegerischen Begeisterung sichtbar war,
die es eine Minute vorher beseelt hatte, war schrecklich zwischen den
Schultern eingesunken und hing auf die Brust herab. Auf dem weißen Hemd
unter dem aufgeknöpften Rock sah man einen kleinen blutigen Fleck.
Ach, welch ein Jammer, sagte ich unwillkürlich und wandte mich von
diesem traurigen Schauspiel ab.
Oh ja, es ist bejammernswert, sagte der alte Soldat, der mit düsterer
Miene, den Ellbogen auf das Gewehr gestützt, neben mir stand. Er
fürchtet sich vor nichts, wie kann man nur so sein! fügte er hinzu
und blickte unverwandt zu dem Verwundeten hinüber. Er ist noch nicht
gescheit und hat es büßen müssen.
Fürchtest du dich denn? fragte ich.
Etwa nicht?