II

Am folgenden Tage, um vier Uhr morgens, kam der Kapitän, mich

abzuholen. Er trug einen alten, abgetragenen Rock ohne Epauletten,

breite Hosen, eine weiße Fellmütze, mit ausgegangenem, gelbgewordenem

Schafpelz und einen unansehnlichen, asiatischen Säbel über die Schulter.

Der kleine Schimmel, den er ritt, ging mit gesenktem Kopfe in ruhigem

Schritt und schlug beständig mit seinem dünnen Schweife um sich.

Obgleich in der Erscheinung des guten Kapitäns nicht nur wenig

Kriegerisches, sondern auch wenig Schönes lag, sprach aus ihr doch so

viel Gleichgültigkeit gegen alles, was ihn umgab, daß sie unwillkürlich

Achtung einflößte.

Ich ließ ihn nicht einen Augenblick warten, bestieg sofort mein Pferd,

und wir ritten zusammen zum Festungsthore hinaus.

Das Bataillon war uns schon 200 Faden voraus und sah wie eine

schwarze, kompakte, schwankende Masse aus. Nur *daran* konnte man

erkennen, daß es Infanterie war, daß die Bajonette wie dichte, lange

Nadeln zu sehen waren; von Zeit zu Zeit schlugen die Töne eines

Soldatenliedes, einer Trommel oder eines prächtigen Tenors aus der

sechsten Kompagnie, den ich schon oft in der Festung mit Entzücken

gehört hatte, an unser Ohr. Der Weg ging mitten durch einen tiefen und

breiten Engpaß am Ufer eines kleinen Flüßchens entlang, der gerade um

diese Zeit »spielte«, d. h. über die Ufer trat. Scharen wilder Tauben

flatterten um den Fluß: bald setzten sie sich auf das steinige Ufer,

bald beschrieben sie in der Luft schnelle Kreise und entschwanden

unsern Blicken.

Die Sonne war noch nicht zu sehen, aber der Gipfel der rechten Seite

des Engpasses wurde heller und heller. Die grauen und weißlichen

Steine, das gelbgrüne Moos, die taubedeckten Sträucher des Kreuzdorns,

der Mispel und der Korkulme traten mit außerordentlicher Deutlichkeit

und Plastik in dem durchsichtigen, goldigen Licht der aufgehenden Sonne

hervor; dagegen war die andere Seite und der Hohlweg in dichten Nebel

gehüllt, der in rauchartigen ungleichen Schichten wogte, feucht und

düster, und boten ein unbestimmbares Gemisch von Farben: blaßlila, fast

schwarz, dunkelgrün und weiß.

Dicht vor uns an dem dunklen Azur des Horizonts schimmerten in

überraschender Helligkeit die hellweißen, matten Massen der Schneeberge

mit ihren wunderlichen, bis in die kleinsten Einzelheiten schönen

Schatten und Umrissen. Grillen, Heuschrecken und tausend andere

Insekten erwachten im hohen Grase und erfüllten die Luft mit ihrem

hellen, ununterbrochenen Klingen: es war, als ob eine zahllose Menge

winziger Glöckchen in unsern eigenen Ohren tönte. Die Luft duftete nach

Wasser, Gras und Nebel, mit einem Wort, sie duftete nach einem schönen

Sommermorgen. Der Kapitän schlug Feuer und zündete sein Pfeifchen

an, der Geruch des sambrotalischen Tabaks und des Zunders kam mir

außerordentlich angenehm vor.

Wir ritten neben dem Weg einher, um die Infanterie schneller

einzuholen. Der Kapitän schien nachdenklicher als gewöhnlich, ließ

sein daghestanisches Pfeifchen nicht aus dem Munde und stieß bei

jedem Schritt mit den Fersen sein Pferd an, das, von einer Seite

auf die andere schwankend, eine kaum merkliche, dunkelgrüne Spur in

dem feuchten, hohen Grase zurückließ. Unter seinen Füßen flog mit

Gackern und mit dem Flügelschlage, bei dem der Jäger unwillkürlich

zusammenzuckt, ein Fasan auf und stieg langsam in die Höhe. Der Kapitän

schenkte ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit.

Wir hatten das Bataillon beinahe schon eingeholt, als hinter uns

der Hufschlag eines heransprengenden Pferdes hörbar wurde, und in

demselben Augenblick sprengte ein sehr hübscher, junger Bursche in

Offiziersuniform und in einer hohen, weißen Fellmütze vorüber. Als er

uns erreicht hatte, lächelte er, nickte dem Kapitän zu und schwang

sein Peitschchen ... Ich hatte Zeit zu bemerken, daß er mit besonderer

Anmut im Sattel saß und die Zügel hielt, und daß er schöne, schwarze

Augen, eine feine Nase und ein eben sprossendes Schnurrbärtchen hatte.

Besonders hatte mir an ihm gefallen, daß er das Lächeln nicht hatte

unterdrücken können, nachdem er gesehen, daß wir Freude an seinem

Anblick hatten. Aus diesem Lächeln allein hätte man schon schließen

können, daß er noch sehr jung war.

Wohin eilt er? brummte der Kapitän mit mürrischer Miene, ohne den

Tschibuck aus dem Munde zu nehmen.

Wer ist das? fragte ich.

Der Fähnrich Alanin, ein Subaltern-Offizier meiner Kompagnie ... Er ist

erst im vorigen Monat aus dem Kadettenkorps hierher gekommen.

Er geht gewiß zum erstenmal in eine Schlacht? sagte ich.

Darum ist er auch so glücklich ... -- antwortete der Kapitän,

tiefsinnig den Kopf wiegend. O, die Jugend!

Warum sollte er denn nicht froh sein? Ich kann mir wohl denken, daß

das für einen jungen Mann sehr interessant sein muß.

Der Kapitän schwieg einige Minuten.

Ja, ja, ich sage: die Jugend! fuhr er in tiefem Tone fort, wie kann

man sich freuen, ehe man noch etwas gesehen hat? Wenn du erst öfter

ins Feld gezogen bist, wirst du dich nicht mehr freuen. Wir sind

jetzt, sagen wir, zwanzig Offiziere, einer oder der andere fällt oder

wird verwundet, das ist gewiß. Heut gilt es mir, morgen gilt es dir,

übermorgen einem dritten: was giebt es da für einen Grund zur Freude?

Sewastopol · 第 61 / 86 题