Am folgenden Tage, um vier Uhr morgens, kam der Kapitän, mich
abzuholen. Er trug einen alten, abgetragenen Rock ohne Epauletten,
breite Hosen, eine weiße Fellmütze, mit ausgegangenem, gelbgewordenem
Schafpelz und einen unansehnlichen, asiatischen Säbel über die Schulter.
Der kleine Schimmel, den er ritt, ging mit gesenktem Kopfe in ruhigem
Schritt und schlug beständig mit seinem dünnen Schweife um sich.
Obgleich in der Erscheinung des guten Kapitäns nicht nur wenig
Kriegerisches, sondern auch wenig Schönes lag, sprach aus ihr doch so
viel Gleichgültigkeit gegen alles, was ihn umgab, daß sie unwillkürlich
Achtung einflößte.
Ich ließ ihn nicht einen Augenblick warten, bestieg sofort mein Pferd,
und wir ritten zusammen zum Festungsthore hinaus.
Das Bataillon war uns schon 200 Faden voraus und sah wie eine
schwarze, kompakte, schwankende Masse aus. Nur *daran* konnte man
erkennen, daß es Infanterie war, daß die Bajonette wie dichte, lange
Nadeln zu sehen waren; von Zeit zu Zeit schlugen die Töne eines
Soldatenliedes, einer Trommel oder eines prächtigen Tenors aus der
sechsten Kompagnie, den ich schon oft in der Festung mit Entzücken
gehört hatte, an unser Ohr. Der Weg ging mitten durch einen tiefen und
breiten Engpaß am Ufer eines kleinen Flüßchens entlang, der gerade um
diese Zeit »spielte«, d. h. über die Ufer trat. Scharen wilder Tauben
flatterten um den Fluß: bald setzten sie sich auf das steinige Ufer,
bald beschrieben sie in der Luft schnelle Kreise und entschwanden
unsern Blicken.
Die Sonne war noch nicht zu sehen, aber der Gipfel der rechten Seite
des Engpasses wurde heller und heller. Die grauen und weißlichen
Steine, das gelbgrüne Moos, die taubedeckten Sträucher des Kreuzdorns,
der Mispel und der Korkulme traten mit außerordentlicher Deutlichkeit
und Plastik in dem durchsichtigen, goldigen Licht der aufgehenden Sonne
hervor; dagegen war die andere Seite und der Hohlweg in dichten Nebel
gehüllt, der in rauchartigen ungleichen Schichten wogte, feucht und
düster, und boten ein unbestimmbares Gemisch von Farben: blaßlila, fast
schwarz, dunkelgrün und weiß.
Dicht vor uns an dem dunklen Azur des Horizonts schimmerten in
überraschender Helligkeit die hellweißen, matten Massen der Schneeberge
mit ihren wunderlichen, bis in die kleinsten Einzelheiten schönen
Schatten und Umrissen. Grillen, Heuschrecken und tausend andere
Insekten erwachten im hohen Grase und erfüllten die Luft mit ihrem
hellen, ununterbrochenen Klingen: es war, als ob eine zahllose Menge
winziger Glöckchen in unsern eigenen Ohren tönte. Die Luft duftete nach
Wasser, Gras und Nebel, mit einem Wort, sie duftete nach einem schönen
Sommermorgen. Der Kapitän schlug Feuer und zündete sein Pfeifchen
an, der Geruch des sambrotalischen Tabaks und des Zunders kam mir
außerordentlich angenehm vor.
Wir ritten neben dem Weg einher, um die Infanterie schneller
einzuholen. Der Kapitän schien nachdenklicher als gewöhnlich, ließ
sein daghestanisches Pfeifchen nicht aus dem Munde und stieß bei
jedem Schritt mit den Fersen sein Pferd an, das, von einer Seite
auf die andere schwankend, eine kaum merkliche, dunkelgrüne Spur in
dem feuchten, hohen Grase zurückließ. Unter seinen Füßen flog mit
Gackern und mit dem Flügelschlage, bei dem der Jäger unwillkürlich
zusammenzuckt, ein Fasan auf und stieg langsam in die Höhe. Der Kapitän
schenkte ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit.
Wir hatten das Bataillon beinahe schon eingeholt, als hinter uns
der Hufschlag eines heransprengenden Pferdes hörbar wurde, und in
demselben Augenblick sprengte ein sehr hübscher, junger Bursche in
Offiziersuniform und in einer hohen, weißen Fellmütze vorüber. Als er
uns erreicht hatte, lächelte er, nickte dem Kapitän zu und schwang
sein Peitschchen ... Ich hatte Zeit zu bemerken, daß er mit besonderer
Anmut im Sattel saß und die Zügel hielt, und daß er schöne, schwarze
Augen, eine feine Nase und ein eben sprossendes Schnurrbärtchen hatte.
Besonders hatte mir an ihm gefallen, daß er das Lächeln nicht hatte
unterdrücken können, nachdem er gesehen, daß wir Freude an seinem
Anblick hatten. Aus diesem Lächeln allein hätte man schon schließen
können, daß er noch sehr jung war.
Wohin eilt er? brummte der Kapitän mit mürrischer Miene, ohne den
Tschibuck aus dem Munde zu nehmen.
Wer ist das? fragte ich.
Der Fähnrich Alanin, ein Subaltern-Offizier meiner Kompagnie ... Er ist
erst im vorigen Monat aus dem Kadettenkorps hierher gekommen.
Er geht gewiß zum erstenmal in eine Schlacht? sagte ich.
Darum ist er auch so glücklich ... -- antwortete der Kapitän,
tiefsinnig den Kopf wiegend. O, die Jugend!
Warum sollte er denn nicht froh sein? Ich kann mir wohl denken, daß
das für einen jungen Mann sehr interessant sein muß.
Der Kapitän schwieg einige Minuten.
Ja, ja, ich sage: die Jugend! fuhr er in tiefem Tone fort, wie kann
man sich freuen, ehe man noch etwas gesehen hat? Wenn du erst öfter
ins Feld gezogen bist, wirst du dich nicht mehr freuen. Wir sind
jetzt, sagen wir, zwanzig Offiziere, einer oder der andere fällt oder
wird verwundet, das ist gewiß. Heut gilt es mir, morgen gilt es dir,
übermorgen einem dritten: was giebt es da für einen Grund zur Freude?