FUSSNOTE:

[361: Zu Joh. Schindel vergl. Anzeiger 1878, Nr. 1, Sp. 1.]

Der kultur- und kunstgeschichtliche Inhalt der Darstellungen in

Miniaturen, Handzeichnungen, Gemälden, Holzschnitten u. s. w. in den

Sammlungen des germanischen Museums.

[Illustration: Fig. 1.]

Die Sammlung der Handschriften, die mit Miniaturen und Handzeichnungen

ausgestattet sind, welche das germanische Museum besitzt, kann sich

zwar nicht mit den ähnlichen Beständen alter, großer Bibliotheken,

jene der Handzeichnungen nicht mit älteren Kunstsammlungen messen.

Als das germanische Museum begründet wurde, war die Zeit zum Sammeln

nach beiden Richtungen vorüber. Was etwa noch in den Handel kam,

wurde meist mit Preisen bezahlt, die es unserer Anstalt unzugänglich

machten. So ist nach den genannten beiden Richtungen hin der Bestand

der freih. von Aufseß’schen Sammlungen nicht sehr wesentlich gemehrt

worden. Nichtsdestoweniger ist denn doch Manches vorhanden, was in

künstlerischer Beziehung als eine Perle bezeichnet werden kann, die

zwischen anderen Sachen wie in einer goldenen Fassung steckt, und

die verschiedenen Darstellungen enthalten außerordentlich reiches

Material zur Kulturgeschichte. Glücklicher ist das Museum in Bezug

auf die gedruckten Bücher mit Illustrationen aus dem 15. und 16.

Jahrh., wie in Bezug auf Holzschnitte und Kupferstiche, nach welchen

Richtungen mit Glück umfassende Erwerbungen hatten gemacht werden

können. Selbst in Bezug auf Gemälde waren die Bemühungen des Museums

von günstigerem Erfolge vor allem dadurch begleitet, daß die kgl.

bayer. Staatsregierung aus ihren Beständen dem Museum Vieles überließ.

So sind auch auf diesem Gebiete manche „Perlen“ der Sammlung des

Museums einverleibt worden. Vor allem war aber bei der Auswahl die

kulturgeschichtliche Bedeutung der Bilder maßgebend, und manches Bild

ist zur Erläuterung kunstgeschichtlicher Fragen von Wichtigkeit, wenn

es auch als Kunstwerk nicht den ersten Rang einnimmt.

[Illustration: Fig. 2.]

So ist reiches wissenschaftliches Material in den bildlichen

Darstellungen aufgehäuft, das alle Gebiete der Kunst- und

Kulturgeschichte berührt. Ebensolches aber befindet sich auch in den

Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg, die, im germanischen Museum

bewahrt, eine Gemäldesammlung, eine Sammlung von Handzeichnungen,

Kupferstichen und Holzschnitten umfassen, zu der kostbare plastische

Werke, Glasgemälde u. v. A. hinzukommen, die neben ihrem Kunstwerthe

auch kunstgeschichtliche Bedeutung haben, und deren Darstellungen

gleichfalls eine Fülle kulturgeschichtlich interessanter Beiträge für

die wissenschaftliche Forschung bieten. Freilich ist unter allen diesen

Schätzen von Darstellungen auch Manches, was nicht gerade als neu

gelten kann, aber doch immerhin nicht zu unterschätzende neue Beispiele

und Belege für Folgerungen gibt, die bereits aus anderen Quellen

gezogen sind. Insofern der Anzeiger die Aufgabe hat, unbekanntes

Quellenmaterial zur Veröffentlichung zu bringen, und in erster

Linie auf den Bestand des Museums eingehen und daraus bringen soll,

was in irgend einer Beziehung interessant ist, liegt allerdings die

Veranlassung nahe, nunmehr die bildlichen Quellen zur Kulturgeschichte

einmal eingehend zu prüfen und daraus Manches zu veröffentlichen.

Allerdings wird dabei nicht die Veranlassung vorliegen, zu jedem Bilde

eine umfassende Erläuterung zu geben. Wie so manche schriftliche Quelle

genügend für sich spricht und der Fachmann auch ohne Erläuterung sie

gerne hinnimmt, so auch hier. Nur weil unser Blatt nicht ausschließlich

einem bestimmten Kreise von Gelehrten angehört, sondern Vertreter

der verschiedensten Fächer, selbst absolute Laien zu seinen Freunden

zählt, müssen wir dann und wann nicht den Kunstgelehrten, nicht den

Forscher auf dem Gebiete der Waffen und Trachten oder anderer Zweige

der Kulturgeschichte, sondern die Laien darauf aufmerksam machen, wie

Manches, was ihnen im Einzelnen unbedeutend erscheint, doch für die

wissenschaftliche Forschung werth ist, beachtet zu werden.

[Illustration: Fig. 3]

Soweit es sich hier um die bildlichen Quellen handelt, die aus

Handschriften geschöpft sind, liegt für uns keine Veranlassung vor, die

literarische Bedeutung der betreffenden Handschriften zu beleuchten.

Zum Theil ist dies schon geschehen; denn wir werden auf manchen Codex

zurückzukommen haben, der bereits im Anzeiger besprochen, oder an

anderer Stelle von competenten Gelehrten gewürdigt worden ist. So weit

dies noch nicht geschehen, mögen literargeschichtliche Forscher dies

noch thun. Nur wo sich etwa aus dem textlichen Inhalte eine Erklärung

für die kulturgeschichtliche Bedeutung ergibt, haben wir Veranlassung,

darauf einzugehen.

Es dürfte wol kaum ein Gebiet der Kulturgeschichte sein, für welches

nicht neue Quellen aus unseren bildlichen Darstellungen erschlossen

werden. Welche Fülle schöner Motive liegt in so vielen Initialen,

und welche Beiträge zur Kunstgeschichte vom 10. bis 17. Jahrh. liegen

darin! Welche reiche Quelle für die Geschichte der Trachten, des

Schmuckes, der Waffen fließt aus diesen Bildern! Welche merkwürdige

Illustration erhält das häusliche Leben auf der Burg, im Kloster, wie

im Bürgerhause! Das Leben auf den Strassen der Stadt, wie auf der

Landstrasse wird beleuchtet; Handel und Verkehr treten uns vor Augen.

Zur Geschichte der Mechanik bieten sich die interessantesten Beiträge.

Die christliche Ikonographie, die Heraldik erhalten Förderungen.

Es würde nun allerdings die Versuchung nahe liegen, chronologisch oder

nach einzelnen Gebieten das gesammte Material systematisch vorzunehmen;

wir fürchten jedoch, daß nur der jeweilige Fachmann dadurch befriedigt

würde, glauben dagegen, daß die Mehrzahl der Leser uns mehr Dank wissen

wird, wenn wir, dem Charakter einer Zeitschrift entsprechend, eine

etwas bunte Reihe folgen lassen.

Die Fülle des Materials erstreckt sich aus fast alle Zeiten vom 10.-17.

Jahrh. -- allerdings ist die älteste Zeit weniger reich vertreten als

die spätere -- und auf alle Gebiete des Lebens. Wir greifen hier in

Fig. 1 nur ein Motiv heraus. Es ist einem hebräischen Manuscripte,

einer Hagada vom 14.-15. Jahrh. entnommen: ein Zug wandernder Leute,

wie sie oft die Landstraßen bevölkert haben mögen, zu Fuß, zu Pferd und

zu Wagen, von bewaffneten Fuhrleuten geleitet, theilweise selbst Waffen

tragend, die Frauen hinter den Männern auf dem Pferde, die Kinder,

soweit sie nicht selbst schon mit dem Stabe wandern, auf dem Kopf und

in Rückenkörben getragen, das Gepäck theils in Ballen auf dem Kopfe

der Wanderer, theils auf Maulthiere geladen. Es ist kein Kunstwerk,

das uns in den rohen Zeichnungen entgegentritt, die im Originale noch

roher coloriert sind; aber welch lebendiges Bild zeigt sich uns, sicher

werth, als Beitrag zur Kulturgeschichte veröffentlicht zu werden. Und

solcher Bilder sind es genug! Es ist gleichfalls eine außerordentlich

flüchtige Zeichnung aus der ersten Hälfte des 15. Jahrh. in Fig. 2 aus

einem Manuscripte von Konrads von Würzburg trojanischem Kriege, die

uns das Beladen eines Schiffes, das Leben am Meeresufer zeigt. Aber

auch mehr in das Einzelne führt uns manche Zeichnung. Ist es nicht eine

reizende Zeichnung (Fig. 3), die eines Doppelpokales mit dem Monogramm

IM., das Israel von Meckenen führt, wobei der kulturgeschichtliche

Werth nicht berührt wird durch die Frage, ob die Zeichnung von der Hand

dieses Meisters herrührt.

[Illustration: Fig. 4.]

Die interessanten Vorlagen für Goldschmiede, Gürtler und andere

Handwerker aus dem 16. Jahrh. erfreuen sich gerade heute besonderer

Beachtung von Seite der Propaganda für Veredelung des Kunstgewerbes;

sie sind aber auch interessante Beiträge zur Kulturgeschichte. Die in

Fig. 4 abgebildete Schnalle, welche Theodor de Bry gestochen, läßt uns

lebhaft wünschen, daß jede andere Einzelheit der Tracht uns ebenso

genau gezeichnet vorläge, so dass manche Frage der Kostümgeschichte

gelöst wäre, welche heute noch offen ist.

Die Ausbeute dieses reichen Schatzes wird, selbst wo Aehnliches aus

andern Quellen schon veröffentlicht ist, doch sicher dem Freunde

der Kulturgeschichte hochwillkommen sein; und so rechnen wir auf

freundliche Aufnahme, wenn wir nach und nach Vieles daraus bringen.

Auch auf die hier gegebenen Beispiele werden wir zurückkommen.

/Nürnberg./ /A. Essenwein./

Raritäten eines schlesischen Kirchenschatzes.

Im Anzeiger von 1874 habe ich bereits einige Inventarien der

Pfarrkirche ad SS. Wenceslaum et Stanislaum zu /Schweidnitz/

veröffentlicht, ohne dabei auf einige Merkwürdigkeiten einzugehen, über

welche ich anderweitige Angaben hier und da verzeichnet gefunden. Die

wichtigeren davon seien nunmehr im Folgenden zusammengestellt.

Unter den Genossenschaften, welche ihre eigenen Kapellen mit

Altarministerien längs der Seitenschiffe genannter Kirche besaßen,

zeichnete sich die Marienbruderschaft der Bürger, wenigstens so lange

der katholische Kultus der herrschende war, durch Mitgliederzahl,

prächtig ausgestattete Kapelle mit (heute trümmerhaftem) großem

Klappaltar, zu der man auf einer herrlichen, steinernen Balustrade

emporstieg, Privilegien, Ablaßbriefe, Kleinodien und Reliquiarien

vornehmlich aus.[362] Die Mehrzahl der letzteren entstammte einer

Schenkung des Ulrich von Hasenberg,[363] Herren „in Budina,“ welche

sein Blutsverwandter, der Breslauer Bischof Jodocus von Rosenberg

(1456-67) durch Urkunde d. d. Neisse Nov. 21. 1464 bestätigte. (Schw.

Pf.-A.) Die von seinen Vorgängern (predecessores) überkommenen

Heiligthümer waren nachstehende: Primo reliquie Christi: de ligno

domini, de mensali dni., de purpura dni., de collumpna flagellacionis,

de pane (!) in cena dni. relicto cum apostolis, de presepe dni., de

loco, ubi Christus crucifixus est, de aurea porta, de terra sancta, de

virga Moisi. (!) Secundo reliquie b. Marie virginis[364]: de capillis

b. Virg. (!), de peplo euisdem... Reliquie apostolorum: Petri, Pauli,

Andree, de tunico Johannis ap. et evang. Bartholomei, Jacobi maioris,

Jacobi, Philippi, Thome, Mathie, Simonis et Jude... Reliquie sctor.

patronorum martirum: Viti, Wenceslai, Sigismundis, Adalberti, Procopii

confessoris, Cosme et Damiani, Ludmille, X milium militum,[365] Georgii

Laurencii... Reliquie confessorum sctor.: Augustini, Dionysii, Antonii,

Erasmi, Martini... Reliquie Virginum: XI M. Virginum, Katherine,

Barbare, Benigne, Apollonie, Marthe, Marie Magdalene.... Reliquiae

Viduarum sctar.: Anne, matris Marie, Hedwigis, de pallio S. Elizabeth.

-- Ueber die Kultgeräthe fanden sich dagegen nur folgende Angaben: „der

silberne Kelch hot an gewicht 2 margh 1/2 lot; der vorgulte.. 4 margk

ehrlich. (gewogen 17. Juli 1555); mehr ein kleyn vorgult pacifical

mit 14 roten corallen; heilthum de sancta cruce, X milia militum.“

Die beiden Kelche renovierte 1629 der Goldschmied Caspar Andris für

3 [Symbol: Reichstaler] 25 gr. Derselbe Meister richtete 1630 die

Monstranz zu, vergoldete den Melchisedek und setzte ein venedisches

Glas hinein (8 [Symbol: Reichstaler] 27 Gr.); 1632 beschlug er

ein für 9 [Symbol: Reichstaler] erkauftes Missale mit Silber, 43

Loth an Gewicht (21 1/2 [Symbol: Reichstaler]).[366] Die 1629 vom

Kannengießer Balth. Beer verfertigten Leuchter wogen 36 [Symbol:

Pfund])[367] (Probationes zum Bürgerchor im Pf.-A.). Was von all dem

noch gegenwärtig vorhanden, hatte ich nicht Gelegenheit festzustellen.

Manches mag bei der schwedischen Occupation der Stadt 1642 verloren

gegangen sein.[368]

Unter den Schätzen der Kirche selbst sei zunächst ein historischer

hervorgehoben, der Mantel der Herzogin Agnes († 1392), Gemahlin

Bolko’s II., welcher nach der Tradition 1330 den Grundstein zum Neubau

des Gotteshauses gelegt hatte. Der Mantel war 1644 noch vorhanden

(Inventarium post hostem) und wurde neben den Kelchen, Patenen,

Naviculä, Kaselen etc. im Obergewölbe der Sakristei aufbewahrt. Nach

der Abbildung ihres hölzernen Epitaphs (1757 bei Beschießung der Stadt

zerstört) in Luchs’ Schles. Fürstenbildern 29^c war er blau und mit

Hermelin gefüttert. Hinter diesem Kleidungsstücke steht verzeichnet

(Inv. a. a. O.) ein roth geblümter, alter, sammeter Himmel, eine

Stiftung des Breslauer Bürgers H. Bockewitz, welcher dem Schweidnitzer

Magistrate eine Schuldforderung von 36 Gulden 1483 abtrat „zcu eynem

hymmel, den man czewgen (anfertigen) sal vnd tragen in des heiligen

leychnamsz woch vber dem heyligen sacrament.“ (Stadtb. III, f. 93). An

alten Chorröcken besaß die Kirche 1644 37 Stück. Die Supellex templi

residentiae soc. Jesu von 1651 (Pf.-A.) nennt folgende Kostbarkeiten:

Ein vergoldetes Kreuz mit Reliquien, welches der eingegangenen

Thorkirche St. Wolfgang entnommen war; eine große perlene und von

vergoldetem Draht verfertigte kaiserliche Krone, welche vom Begräbniß

des Grafen Schlick mit dem Spolio bekommen; eine andre dergl. Krone mit

ganz güldenen Spangen von der Leiche der Sibylla v. Pannewitz; einen

silbernen, vergoldeten Kelch mit weißen Zieraten (ist ein Meisterstück,

wägt 4 Mk. 4 Lot) von der Erbschaft des Joh. Fränle; drei Meßgewänder

von Brokat, herrührend aus den Sachen des schwedischen Kapitäns (Caspar

Drostvol?), welche nach Wiedereroberung der Stadt Schweidnitz allhier

gefunden worden und Graf Stahremberg uns zum Gottesdienste assigniret.

Sub voce Reliquiaria und Agnus Dei: Ein Bildnis U. L. Frauen de

Misericordia, welches seliger P. M. Cromerus der Residenz verlassen,

das er mit sich aus /Niederland/ gebracht, dessen Fuß schwarz

gebeizt und mit Reliquien in silbernen Spangen versetzt; im silbernen

Mond ein guter orientalischer Topazius, welcher aus der Schatzkammer

von /Mantua/ herrühret[369]. Bilder: Auf Kupfer gemalet Maria und

Joseph, ein Bild des letzteren „auf Bergamen gemahlt;“ ein Moskowitisch

Altärlein (wovon das Museum schlesischer Alterthümer eine ansehnliche

Zahl enthält,) zusammengelegt, mit dem Bildnis U. L. Frauen und der

griechischen Patriarchen, verlassen von Charis. Joh. Wolffstein;

imagines 4^{or} nostrorum Sanctorum in lanella aurea super lignum

nigrum extensae. Musikalische Instrumente: Drei Posaunen von 1642, eine

Feldtrompete, welche die Schweden aus dem Rathhaus sollen genommen

haben; sie entführten auch die Discantgeige und ein weißes Regal. Der

gen. Wolffstein hinterließ auch: Schöne, gelbe, saubere Frauenhaare zur

Zier U. L. Fr. Bild -- (Bei einer Schnitzerei in einer der südlichen

Kapellen der Breslauer Elisabethkirche haben die Holzfiguren auch

natürliches Haar!) -- und eine blechene Laterne mit Moskowitischem

Glas, welche man zusammenlegt.

Noch gegen Ende des 16. Jahrhunderts war der Reichthum der

Schweidnitzer Pfarrkirche außerordentlich, und der poetische Lobredner

der Stadt Nic. Thomas (Encomion Swidnicii. Lipsiae, 1597. S. 15)

konnte noch sprechen von einer gewaltigen Zahl von Truhen für die

kostbaren Kelche und andere metallische Kultgeräthe, von Kaselen für

jeden Festtag des Jahres, von einem Bilde des Heilands, strahlend

von Gold und mit Smaragd besetzt. Das Schicksal dieser Kostbarkeiten

zu verfolgen, ist mir noch nicht möglich gewesen. Viele mögen bei

dem Uebergange des Gotteshauses in lutherische Hände antiquiert

oder anderweitig verwendet worden oder während der mannigfachen

Kriegsdrangsale[370] der Stadt abhanden gekommen sein.

/Bunzlau./ /Dr. Ewald Wernicke./

Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit (Jg. 26, 1879) Neue Folge · 第 122 / 177 题