Die Fauna des Süsswassers

in ihren Beziehungen zu der des Meeres.

Von Dr. =Otto Zacharias= in Plön (Holstein).

Unter den vielen bemerkenswerten Thatsachen, welche die in neuerer

Zeit mit so grossem Eifer betriebene Erforschung der Binnenseen zu

Tage gefördert hat, ist das unzweifelhafte Vorkommen mariner Tiere

im süssen Wasser eine der interessantesten. Besonders waren es

+italienische+ Seen, in denen man zuerst jene überraschende Entdeckung

machte. So beherbergt z. B. der weitab vom Meere gelegene Gardasee

drei Fischspezies, welche marinen Gattungen angehören: 1) einen

heringsartigen Fisch (_Alosa finta_), zu dessen nächsten Verwandten

die sog. „Maifische“ zählen; 2) eine Meergrundel (_Gobius_) und 3)

einen Schleimfisch (_Blennius vulgaris_). Ausserdem kommt in demselben

Wasserbecken ein Krebs (_Palaemonetes_) vor, von dem der bekannte

Berliner Zoologe +E. v. Martens+ sagt: „Er steht unserer Ostseegarneele

(_Palaemon squilla_) nahe, unterscheidet sich aber von ihr durch

geringere Grösse und durch die Gestalt des Schnabels“. Auch in den

Kraterseen von Albano und Nemi kommt dieser kleine Krebs zugleich mit

der schon erwähnten _Blennius_-Art vor.

Unter den +schweizerischen+ Seen ist es der von Genf (Lac Léman),

welcher in den Muschelkrebschen _Acanthopus resistans_ (= _Cytheridea

lacustris_ Sars) und _Acanthopus elongatus_ (= _Limnicythere relicta_

Lillj.) zwei Tierformen enthält, die der marinen Gruppe der Cytheriden

sehr nahe verwandt sind und deren Anwesenheit im Süsswasser uns daher

überrascht.

Die +skandinavisch-finnischen+ Seebecken besitzen ebenfalls in ihrer

Fauna eine Anzahl von Krustern (_Mysis relicta_, _Pontoporeia affinis_,

_Idotea entomon_ u. s. w.), welche Vertreter von im Meere lebenden

Gattungen sind.

Ganz ähnliche Thatsachen liegen für die grossen +kanadischen+ Seen

in Nordamerika vor. Wir begegnen dort den nämlichen Krebsen wie in

Skandinavien und ausserdem noch zwei Fischen (_Triglops_-Arten),

welche weit mehr die Charaktere von Meeres- als diejenigen von

Süsswasserfischen besitzen.

Diese Befunde, welche sich aus anderen Seengebieten leicht vermehren

liessen, haben in der Folge dazu geführt, die Theorie der sogenannten

„Reliktenseen“ aufzustellen. Darunter versteht man solche Seen,

welche für die Reste einer ehemaligen Meeresbedeckung angesprochen

werden. Man fühlte sich befugt, diesen Ursprung hauptsächlich

denjenigen Wasserbecken beizumessen, in denen man die oben angeführten

Krustaceen und Fische (bezw. andere zu marinen Gattungen gehörige

Tiere) vorgefunden hatte. Ausser Stande oder nicht daran gewöhnt, das

Vorhandensein solcher Fremdlinge auf eine andere Weise zu erklären, als

dadurch, dass dieselben Überbleibsel (Relikte) einer vormaligen, an

Ort und Stelle heimisch gewesenen Meeresfauna seien, zog man hieraus

den weiteren Schluss, dass in einer nicht sehr weit zurückliegenden

Periode der Erdgeschichte eine mehrmalige Andersverteilung von Land und

Wasser stattgefunden haben müsse, wobei Einsenkungen der Festländer mit

Meerwasser angefüllt oder Fjorde direkt vom Meere abgesperrt worden

wären, so dass in den so entstandenen Seebecken gewisse marine Spezies

zurückblieben, und dem durch Regengüsse sich immer mehr aussüssenden

Wasser allmählich angepasst wurden.

Diese Ansicht war sehr lange Zeit in Geltung, und zum Teil ist sie

es auch noch heute. Aber bei näherer Prüfung dieses „faunistischen

Arguments“ für den marinen Ursprung einer Anzahl von Binnenseen

zeigt es sich, dass dasselbe weder vor der geologischen noch vor der

zoologischen Kritik Stand hält.

In letzterer Hinsicht hat es sich nämlich herausgestellt, dass es

eine grosse Anzahl von Tieren giebt, welche ebenso gut im süssen wie

im Brack- oder Salzwasser leben können. Zunächst ist hierbei an die

allbekannten +Wanderfische+ (Lachs, Aal, Scholle u. s. w.) zu erinnern,

die sich gleich gut im Meere wie in den Flussläufen aufzuhalten

vermögen. Dann bieten aber auch die +Mollusken+ bemerkenswerte

Beispiele dafür dar, dass manche Arten einen recht erheblichen Wechsel

des Salzgehalts im Wasser vertragen können. So lebt eine kleine

Meerschnecke (_Hydrobia ulvae_) in dem beinahe ganz süssen Wasser der

inneren Ostsee; sie ist aber ebenso zahlreich in der Nordsee zu finden.

_Neritina fluviatilis_, eine Bewohnerin grosser Flüsse und Binnenseen,

wurde 1887 von Prof. +M. Braun+ auch in der Wismarer Bucht angetroffen.

Noch anpassungsfähiger ist aber die weitverbreitete Wandermuschel

(_Dreyssena polymorpha_). Ursprünglich nur in Südosteuropa, namentlich

im kaspischen Meere vorkommend, ist sie durch den Verkehr in den

Schiffahrtskanälen seit 1825 von einem Flusssystem zum anderen (über

Ostpreussen) nach Norddeutschland eingewandert, und hat sich von da

flussaufwärts verbreitet, so dass sie nunmehr in der Saale bei Halle,

im Neckar bei Heilbronn und im Rhein bei Basel angetroffen wird. Diese

Verschleppung geschieht sehr leicht, weil sich die Muschel mittels

ihrer Byssusfäden (vergl. diesen Band S. 126 u. 130) an Flosse und

Lastkähne anheftet und auf solche Art als blinder Passagier weite

und bequeme Reisen machen kann. Sie vermag im Brackwasser ebenso gut

auszudauern wie in rein süssen Gewässern.

Was die +Krebstiere+ anlangt, so sind dieselben der Mehrzahl nach

allerdings streng in Süss- und Salzwasserbewohner geschieden, aber

es giebt unter letzteren auch Formen, wie z. B. _Mysis vulgaris_,

die in fast vollkommen süssem Wasser zu existieren vermögen. Auf der

Westerplatte bei Danzig fand ich diese eigentlich dem Meere angehörige

Art in einem nur Spuren von Salz enthaltenden Tümpel.

Parasitische Kruster, welche auf Aalen, Lachsen und Stören schmarotzen,

sind gegen den Wechsel von Meer- und Flusswasser ganz unempfindlich.

Von den spaltfüssigen Krebsen (vergl. Band I dieses Werkes S. 349) soll

_Diaptomus castor_, der in kleinen Lachen und Teichen des Binnenlandes

lebt, auch an der Ostseeküste vorkommen.

Von den +Hohltieren+ (Cölenteraten) vermag der See-Keulenträger

(_Cordylophora lacustris_) ebenso gut im Brackwasser wie im

gewöhnlichen Flusswasser sein Leben zu fristen. Unser kleiner

Süsswasserpolyp (_Hydra_) stirbt dagegen sehr bald, auch wenn er nur in

ganz schwaches Salzwasser gebracht wird.

+Medusen+ als Süsswasserbewohner waren bis in die neueste Zeit herein

gänzlich unbekannt. Da entdeckte Dr. +J. Kennel+ in vollkommen

ausgesüssten Strandseen auf der Insel Trinidad (1882) eine winzige

Spezies dieser echten Meerestiere. Mit Recht hebt anlässlich dieses

wichtigen Fundes der genannte Forscher hervor, dass dem Vorkommen einer

Qualle im Süsswasser gegenüber nicht einzusehen sei, weshalb irgend

einem anderen Meeresbewohner die Möglichkeit eines Wechsels seines

Lebenselements, bezw. der Übergang aus dem Salzwasser in das Süsswasser

verschlossen sein sollte.

Die +plötzliche+ Versetzung von Meerestieren in gewöhnliches Brunnen-

oder Flusswasser erweist sich nach den bisherigen Erfahrungen für die

meisten als todbringend. Nicht so aber -- wie die Experimente des

Franzosen +Beudant+ zeigen -- eine allmählich vorgenommene Verdünnung

des Meerwassers mit gewöhnlichem Wasser. Auf die letztere Weise gelang

es, zahlreiche Arten von marinen Weichtieren an fast vollständig

ausgesüsstes Seewasser zu gewöhnen. Allerdings wird die Beweiskraft

dieser Versuche dadurch geschmälert, dass bei denselben die Frage

unberücksichtigt geblieben ist, ob die betreffenden Mollusken, welche

für sich selbst den Aussüssungsprozess gut überstanden, nun auch fähig

gewesen wären, sich in dem neuen Medium fortzupflanzen. Von der Auster

wissen wir z. B., dass dieselbe in erwachsenen Individuen, ohne Schaden

zu erleiden, einen Aufenthalt im süssen Wasser verträgt. Aber trotzdem

wollen keine Austernbänke in der salzarmen Ostsee fortkommen, woraus

zu schliessen sein dürfte, dass es die junge Brut ist, die einen

stärkeren Salzgehalt zu ihrem Gedeihen nötig hat, als er in jenem

grossen Binnenmeere zu finden ist.

Dem gegenüber kann nun freilich der Umstand angeführt werden, dass wir

auf Grund geologischer Erwägungen die heutigen Süsswassermollusken von

marinen Voreltern herleiten müssen, welche nach dem Auftauchen der

Kontinente aus dem Urmeere in die Flussläufe einwanderten und hier sich

veränderten Lebensbedingungen anbequemten. Eine andere Entstehungsweise

für die gegenwärtigen Bewohner unserer süssen Gewässer vermögen wir

überhaupt nicht anzunehmen, und eben darum müssen auch die Mollusken

unserer binnenländischen Wasserwelt als die Nachkommen von Schnecken

und Muscheln des Meeres betrachtet werden.

Ein Beispiel dafür, wie dies einstmals vor sich gegangen sein mag,

haben wir an den Verhältnissen, welche der Ortoire-Fluss im Süden

der Insel Trinidad noch heute darbietet. Hier wird, nach +Kennels+

Beobachtungen[111], die Einwanderung von Meerestieren durch die

Thatsache begünstigt, dass die schwache Strömung täglich zwei Mal durch

die Flutwelle zum Stehen gebracht wird, und dass dann der Übergang

aus dem Meerwasser in das brackische und süsse ein ausserordentlich

allmählicher ist. In bedeutender Höhe des Flusslaufes (12 engl.

Meilen von dessen Mündung entfernt) und weit oberhalb der Grenze des

Brackwassers fand +Kennel+ förmliche Anhäufungen von Tieren, denen

man sonst nur im Meere begegnet; so namentlich mächtige Bänke von

einer Miesmuschelart, frei schwimmende marine Borstenwürmer, und

einige Spezies von Seekrebsen -- also eine unleugbare Meeresfauna im

süssen Wasser. Es besteht natürlich nicht der Schatten eines Zweifels

darüber, dass alle jene Tiere zuerst mit der Flut in den Ortoire-Fluss

hineingeraten sind, und sich hier -- weil sie den allmählichen Wechsel

im Salzgehalt auszuhalten vermochten -- dauernd angesiedelt haben. In

ganz analoger Weise haben wir uns auch die erstmalige Einwanderung

von Meeresbewohnern in das süsse Wasser der Flüsse und der damit in

Verbindung stehenden Seen geschehen zu denken.

Prof. +Milnes Marshall+ hat unlängst[CXVI] geltend gemacht, dass viele

das Meer bewohnende wirbellose Tiere schon deshalb unfähig wären in das

Süsswasser einzuwandern, weil sie das Ei als sehr kleine, bewimperte

Larven verlassen, welche ganz ausser Stande seien, gegen irgend welche

Strömung anzukämpfen. Es könnten daher -- nach seiner Ansicht -- nur

solche Formen, welche sich von dem freischwimmenden Larvenzustand

emanzipiert haben und welche das Ei in ansehnlicher Grösse und Stärke

verlassen, dem Leben im Süsswasser angepasst werden. Diese Erklärung

mag im allgemeinen wohl das Richtige treffen; indessen zeigt uns die

neuerdings von +E. Korschelt+[120] zum Gegenstande einer speziellen

Untersuchung gemachte Entwickelung von _Dreyssena polymorpha_, dass

diese ursprünglich marine Muschel das freischwimmende Larvenstadium

(_Trochophora_) beibehalten hat. Dieser Nachweis ist von hohem

Interesse. Die Larven sind sehr klein und sie machen beim ersten

Anblick den Eindruck von Infusorien. Wenn sich das Mundsegel (_Velum_)

in stark wimpernder Bewegung befindet, könnte man sie auch für kleine

Rädertiere halten. Die Schwärmzeit dieser winzigen Wesen beläuft sich

auf etwa acht Tage. +Korschelt+ konstatierte, dass sie im Tegeler See

bei Berlin ungefähr Ende Juni erscheinen und die oberen Wasserschichten

in Menge bevölkern. Im Grossen Plöner See waren sie nach meiner eigenen

Wahrnehmung in diesem Sommer (1891) während der Zeit vom 5. bis 10.

Juli ebenfalls massenhaft vorhanden, und zwar durchweg im freien Wasser

des ganzen, mächtigen Sees bis zu 2 _m_ Tiefe. Prof. +F. Blochmann+ hat

auch im Warnowflusse (bei Rostock) Dreyssena-Larven angetroffen, und

hiermit wird eine Erklärung für die schnelle Verbreitung dieser Muschel

gegeben. Denn offenbar können jene winzigen Wimperlarven innerhalb

der achttägigen Schwärmzeit ausserordentlich weit von der Strömung

fortgetragen werden. Das erstaunlich üppige Gedeihen der _Dreyssena_ in

manchen Gewässern zeigt übrigens, dass sich die zarten Larven derselben

in unseren Flüssen und Binnenseen sehr wohl befinden müssen.

[CXVI] „Über Rekapitulation in der Embryologie.“ Rede zur Eröffnung

der biologischen Sektion in der British Association

(Jahresversammlung) zu Leeds. 1890.

Handelt es sich um die Erklärung des Vorhandenseins von Tieren marinen

Charakters in solchen Seebecken, die heutzutage nicht mehr mit einem

Flusssystem zusammenhängen, sondern eine völlig isolierte Lage haben

(wie z. B. zahlreiche schwedische und finnische Seen), so hat man sich

vor Augen zu halten, dass die hydrographischen Verhältnisse Nord- und

Mitteleuropas am Schlusse der Eiszeit ganz andere waren, als sie jetzt

sind.

Die Flussläufe weiter Länderstrecken sind gegenwärtig nur schwächliche

Abbilder früher ungleich wasserreicherer und breiterer Stromrinnen.

Hindernisse, welche sich heute in Gestalt von Wasserfällen und

Stromschnellen der Tiereinwanderung entgegenstellen, waren ehedem

überhaupt nicht oder doch nur in geringerem Massstabe vorhanden.

Zwischen jetzt getrennten Flusssystemen bestanden Verbindungskanäle;

seeartige Erweiterungen der Flüsse existierten in weit grösserer

Anzahl als unter den heutigen erdgeschichtlichen Verhältnissen und

bildeten Etappen für die Wanderung der im Süsswasser sich ansiedelnden

Meeresfauna. In den breit ausgewaschenen Thälern des baltischen

Landrückens erkennen wir noch deutlich die alten Verbindungen der jetzt

getrennten, ehemals aber zu einem gewaltigen Urstromsystem vereinigten

ostdeutschen Flüsse, durch welche die Gewässer der Weichsel, der Oder

und der Elbe vereinigt zur Nordsee abflossen.

Es ist ein Verdienst des Greifswalder Professors der Erdkunde +Rud.

Credner+, diese Momente zuerst nachdrücklich betont und zum Gegenstande

einer umfangreichen Monographie gemacht zu haben[112], aus welcher der

Zoolog die Mahnung schöpfen kann, dass er auf blosse Tierfunde hin

nicht berechtigt ist, irgend einen See für den Rest einer vorzeitlichen

Meeresbedeckung anzusehen. Nur wenn aus den +geologischen+

Verhältnissen zugleich mit hervorgeht, dass wir es wirklich mit einem

abgesperrten Fjord oder einer einstmaligen Meeresbucht zu thun haben,

liegt Sicherheit dafür vor, dass wir in der anwesenden marinen Fauna

keine späteren Einwanderer, sondern wirklich von der Meeresflut selbst

hierher getragene und nach dem Rückzuge des Wassers in loco verbliebene

Lebewesen vor uns haben. Ein See, der die vollgültige geologische

Legitimation für seinen marinen Ursprung aufzuweisen vermag, ist dann

ein echter Reliktensee im Gegensatz zu den vielen anderen ebenso

bezeichneten Wasseransammlungen, die zu einer marinen Tierwelt nur

dadurch gekommen sind, dass an das salzfreie Element bereits gewöhnte

Meerbewohner aktiv oder passiv in sie einwanderten.

Mit dem Ausdruck „passive Wanderung“ benennt man die verschiedenen

Arten von Verschleppung kleinerer Tiere, welche durch grössere

Organismen, die dabei als Transporteure thätig sind, bewirkt wird. So

wird z. B. ein asselartiges Krebstier (_Idotea entomon_), welches als

ein Hauptrepräsentant der Reliktenfauna zahlreicher skandinavischer

Seen aufgeführt wird, durch Störe, an die es sich anheftet, in den

Flüssen Sibiriens weite Strecken stromaufwärts gebracht. In ähnlicher

Weise sind auch Sturmwinde und wandernde Sumpfvögel wirksam, insofern

sie kleinere Tiere des Meeres oder deren Eier und Jugendformen (mittels

Transports durch die Luft) dem Süsswasser oder zunächst salzärmeren und

der Aussüssung unterworfenen Gewässern zuführen.

Ich war in hohem Grade verwundert, als ich bei einer im Sommer 1884

vorgenommenen Durchforschung der bekannten Hochseen des Riesengebirges

in jedem dieser beiden isoliert gelegenen Wasserbecken eine

_Monotus_-Art antraf. Hierunter sind Strudelwürmer zu verstehen,

die einer im Meere lebenden Gattung angehören. Überraschender Weise

ist dieser Riesengebirgs-_Monotus_ nahe verwandt mit einer im Sunde

zahlreich vorkömmlichen Spezies, welche in der Litteratur unter dem

Namen _Monocelis spinosa_ Jensen aufgeführt wird. Später entdeckte

man die nämliche Spezies, für die ich die Bezeichnung _Monotus

lacustris_ in Vorschlag gebracht habe, auch im Peipus (Russland) und in

mehreren schweizerischen Seen[113]. Charakteristisch für die Biologie

dieses Tierchens ist der Umstand, dass sein Vorkommen auf grosse

und kühltemperierte Wasserbecken beschränkt erscheint. In kleineren

Teichen oder Tümpeln, die sich leicht erwärmen, ist es bis jetzt nicht

aufgefunden worden.

Diese Vorliebe des Süsswasser-_Monotus_ für kalte Seen, und die bereits

hervorgehobene Eigentümlichkeit, dass derselbe mit einer marinen

Spezies des Nordens in nächster Verwandtschaftsbeziehung steht, lassen

die Hypothese nicht ungerechtfertigt erscheinen, dass wir es in dem

eigentümlichen, kälteliebenden Tiere mit einem überlebenden Bewohner

jener zahlreichen Schmelzwasserseen zu thun haben, die sich am Ausgange

der Eiszeit bildeten, und die sowohl unter sich als auch mit dem

nördlichen Meere durch natürliche Zwischenkanäle in Verbindung standen.

In ein derartig zusammenhängendes System von grösseren und kleineren

Wasseransammlungen konnte eine anpassungsfähige Turbellarienform des

Meeres leicht einwandern und eine grosse Verbreitung erlangen. Sie

vermochte aber andernteils, wenn die einzelnen Seen aus Mangel an

Wasserzufuhr verdunsteten, nur an solchen Örtlichkeiten auszudauern,

welche annähernd die nämlichen Lebensbedingungen darboten, wie die von

den Schmelzwässern der nordischen Eisströme gebildeten Gletscherseen.

Auf solche Art erklärt sich auch die merkwürdige sporadische

Verbreitung des _Monotus lacustris_ am ungezwungensten, und es ist

damit gleichzeitig motiviert, dass ich dieses Tier in einer früheren

Publikation als eine fremdartige Erscheinung in unserer Süsswasserfauna

bezeichnet habe. Natürlich halte ich diese Erklärung zunächst für

hypothetisch, aber sie ist, im Anschluss an die oben mitgeteilten

anderweitigen Thatsachen, für den Augenblick entschieden annehmbar[114].

Ein namhafter italienischer Naturforscher, Prof. +Pietro Pavesi+

in Pavia, tritt mit grossem Eifer auch für den marinen Ursprung

der sogenannten „pelagischen“ Fauna unserer Landseen ein, insofern

er die beiden Hauptvertreter dieser vorwiegend aus kleinen Krebsen

bestehenden Tierschwärme (_Leptodora_ und _Bythotrephes_) für

Meeresformen erklärt, welche die Gewohnheit, im Süsswasser zu

leben, angenommen haben. Da sich für _Bythotrephes_ (Fig. 76 des

ersten Bandes) in einem kleinen ozeanischen Krebse (_Podon_) ein in

morphologischer Beziehung verwandtes Geschöpf nachweisen lässt, und

da _Leptodora_ (Fig. 75 in Band I) ihrer Organisation nach völlig

isoliert unter den Süsswasserkrustern dasteht, so mag Pavesis Ansicht

für diese beiden pelagischen Spezies zu Recht bestehen. Weshalb aber

die anderen Bewohner des freien Wassers unserer Binnenseen, deren

nahe Verwandtschaft mit den Uferspezies sofort in die Augen fällt,

gleichfalls mariner Herkunft sein sollen, dies ist schwer ersichtlich.

Noch unbegreiflicher aber ist Pavesis Schlussfolgerung, dass diejenigen

Seen, in denen sich eine pelagische Fauna konstatieren lässt, immer

wirkliche +Reliktenseen+, d. h. Überbleibsel einer vormaligen

Meeresbedeckung, sein sollen. Wäre diese Schlussweise zulässig, so

müsste auch der Bremer Stadtgraben (in welchem 1838 die vielberufene

_Leptodora hyalina_ von Dr. +Focke+ entdeckt wurde) mit zu den echten

Reliktenseen gezählt werden, was wohl Niemand im Ernste verlangen

wird. Und ebenso hätte man das Recht, manche mit Wasser angefüllte

Ziegelei-Ausschachtungen, weil in denselben einige pelagische

Rädertierspezies vorkommen, für abgesperrte Fjorde eines vorzeitlichen

Ozeans zu halten. Dies wäre aber einfach absurd. Prof. +Pavesi+ lässt

aus Liebe zu seiner Theorie der „Fauna relegata“ ganz ausser Acht,

dass die kleinen Süsswassertiere (oder deren Eier) durch wandernde

Sumpfvögel leicht von See zu See verschleppt werden, sodass sie, wie

durch +Imhof+ erwiesen ist, selbst bis in die hochgelegensten Alpenseen

hinauf verbreitet sind. Auf dem Wege solcher +passiven+ Wanderungen

-- wie man es nennt -- werden jene Organismen auch in die zahllosen

binnenländischen Tümpel und Seen übergeführt, ohne dass letztere zu

irgend einer Zeit mit dem Meere in direkter Verbindung gestanden haben.

Positive Beweise dafür, dass Schwimmvögel zur Verbreitung von kleinen

Wasserorganismen beitragen können, liegen mehrfach vor. +F. A. Forel+

wurde 1876 durch eine Beobachtung von +Alois Humbert+ in Genf zu

der Überzeugung gebracht, dass mindestens die kleinen Kruster auf

solche Weise gelegentlich verpflanzt werden. +Humbert+ hatte nämlich

Wintereier von +Cladoceren+ (Wasserflöhen) dem Gefieder von wilden

Enten und Tauchern anhängend gefunden. Diese einzige Wahrnehmung

warf mit einem Male Licht auf das sonst rätselhafte Vorhandensein

von zahlreichen Spezies niederer Organismen in völlig isolierten

Wasseransammlungen. In welcher Menge solche Wintereier am Schlusse

des Sommers vorkömmlich zu sein pflegen, darauf wirft eine Schilderung

Licht, die von Prof. +G. Asper+ und +J. Heuscher+ seinerzeit gegeben

worden ist[115]. „Als wir“ -- so heisst es in derselben -- „am 27.

Juli 1886 am oberen Ende des Fählensees (Schweiz) Steine umwenden

wollten, um die darunter sich aufhaltenden Tiere zu sammeln, trafen

wir den ganzen Ufersaum etwa einen halben Meter breit mit einer

dunklen Schicht bedeckt. Die ins Wasser eingetauchte Hand wurde

beim Herausziehen schwarz durch eine Unzahl kleiner Körperchen, die

hartnäckig anhafteten. Es waren die Ephippien (Eiersättel) einer

Daphnie, sehr wahrscheinlich solche von _D. longispina_. Sie waren im

Trockenen kaum von der Haut wegzubringen, lösten sich dagegen sehr

leicht ab, wenn man die Hand wieder ins Wasser tauchte. Die Körperchen

zeigten keine Adhäsion fürs Wasser, sie blieben trocken wie die Federn

der Schwimmvögel und flottierten an der Oberfläche. Der scharf über den

See streichende Wind hatte wohl einen bedeutenden Teil der zerstreuten

Eier an das obere Ufer getrieben. Die ungemein weite Verbreitung der

genannten Spezies kann uns hiernach nicht in Erstaunen setzen. Denn wie

viele Tausende von Eiern bleiben an den Füssen der Rinder hängen, die

hier und dann anderwärts zur Tränke gehen; wie leicht kleben sie an der

Brust jedes Vogels fest, der ins Wasser geht, oder auch an der Gemse,

die hier ihren Durst stillt.“

Was die _Cyclops_- oder _Diaptomus_-Arten betrifft (vergl. das IX.

Kapitel des ersten Bandes), die fast niemals in einer grösseren

Wasserlache fehlen, so scheint es, dass dieselben eine nahezu

vollständige Austrocknung vertragen können. +J. Vosseler+ bemerkt

darüber in einer älteren Publikation[116] folgendes: „Mehrere Male

waren einige meiner Fundorte trocken gelegt und bis zu einer Tiefe von

1–1½ Fuss kein feuchtes Erdreich mehr zu finden. Kaum stand jedoch

über dem trockenen Schlamm etwas Wasser, so war dies alsbald wieder

von Cyclopiden belebt“. Tiere von solcher Lebenszähigkeit werden also

sicherlich auch, wenn sie auf das Gefieder eines Vogels geraten,

einen weiten Transport durch die Luft auszuhalten vermögen. Übrigens

würden die den weiblichen Spaltfusskrebsen anhängenden Eier auch dann

entwickelungsfähig bleiben, wenn das Muttertier unterwegs zu Grunde

gehen sollte.

Neben den Vögeln spielen aber, wie Dr. +W. Migula+ gezeigt hat, auch

die Wasserkäfer eine bedeutsame Rolle bei der Verbreitung der kleinen

und zum Teil mikroskopischen Süsswasserorganismen. Der Genannte fand

nämlich, dass _Eudorina elegans_, _Pandorina morum_, _Scenedesmus

obtusus_ und sonstige Algen durch derartige Käfer verschleppt und in

andere Wasserbecken verpflanzt werden. +Migula+ fasst das Ergebnis

seiner Untersuchungen in folgendem Passus zusammen[117]: „Da die

Wasserkäfer (besonders des Nachts) ihren Aufenthalt häufig wechseln

und nachweisbar oft weit entfernte Gewässer aufsuchen, so vermitteln

sie gewiss in allen jenen Fällen die Verbreitung der Algen, wo es sich

um kleine Lachen und Tümpel handelt, die wohl für Wasserkäfer, aber

nicht für Wasservögel von Interesse sind. Das konstante Vorkommen

von Algen an den Körperteilen von Wasserkäfern lässt sogar darauf

schliessen, dass diesen bei dem Transport von Mitgliedern der niederen

Flora eine grössere Rolle zukommt, als den Wasservögeln oder der

strömenden Luft. In Wirklichkeit verhält es sich wahrscheinlich so,

dass die Luft kleinste und der Austrocknung widerstehende Formen

verbreitet, Wasservögel den Transport nach weit entfernten Gegenden

vermitteln und Wasserkäfer in ausgedehnter Weise für die Ausbreitung

einer Spezies innerhalb enger räumlicher Grenzen thätig sind“. Dass

mit den Algen zugleich auch eingekapselte Protozoen, Eier von kleinen

Würmern u. s. w. transportiert werden können, wird Niemand als etwas

Unwahrscheinliches betrachten.

Auf die ebenfalls weit verbreiteten +Wassermilben+ (Hydrachniden)

scheint der Modus einer Überführung derselben von einem Gewässer

zum andern überhaupt nicht anwendbar zu sein, weil diese Tiere für

das Trockenwerden sehr empfindlich sind und ausserhalb des Wassers

schnell zu Grunde gehen. Um so dringlicher erhebt sich hiernach die

Frage, auf welche Weise diese spinnenartigen Wesen in die grossen

und kleinen Seebecken hineingelangen, wo wir sie vorfinden. Über

diesen Punkt hat uns unlängst der französische Naturforscher +Th.

Barrois+[118] aufgeklärt. Derselbe entdeckte nämlich, dass es nicht die

erwachsenen Individuen, sondern die durch einen dicken Chitinpanzer

geschützten Puppen der Wassermilben seien, welche der passiven

Wanderung unterworfen werden, insofern sich dieselben an den Leibern

verschiedener Wasserwanzen (_Nepa_, _Notonecta_) festheften und so von

diesen fliegenden Insekten auf weite Entfernungen hin transportiert

werden. +Barrois+ zeigte durch das Experiment, dass Wasserwanzen

viele Stunden auf dem Trockenen ausdauern können, ohne dass die

Entwickelungsfähigkeit jener Puppen darunter leidet. Letztere werden

also auch dann ungefährdet bleiben, wenn die Wasserwanzen, ihrer

Gewohnheit folgend, während der Nacht von einem Teiche zum anderen

fliegen. Auf solche Art gelangen nun zahlreiche zum Ausschlüpfen reife

Larven von Hydrachniden an weit entfernte Wohnplätze und verbleiben

dort für immer, nachdem sie die Puppenhülle gesprengt und verlassen

haben. Ihr weiteres Wachstum vollzieht sich in dem einen Gewässer so

gut wie in dem anderen, und daher kommt es, dass wir selten in einem

Graben oder Tümpel vergeblich nach Hydrachniden suchen.

Andere überall vorkommende Tiere, wie z. B. die kleinen

+Süsswasser-Oligochäten+ (_Nais_, _Chaetogaster_ etc.), sind mit

zahlreichen Büscheln von Hakenborsten ausgerüstet, und dies führt auf

den Gedanken, dass sie durch diese Borsten in der Vornahme passiver

Wanderungen stark begünstigt werden. Manche +Turbellarien+ besitzen,

wie wir früher sahen, sogenannte „Klebzellen“ in der Nähe des hinteren

Körperendes, und höchst wahrscheinlich dienen dieselben gelegentlich

ebenfalls dazu, ihren Besitzern eine Luftreise zu ermöglichen.

Jene Zellen sind einer so energischen Thätigkeit fähig, dass man

die betreffenden Strudelwürmer oft eher zerreissen, als von ihrer

Befestigungsstelle loslösen kann.

Eine ganz vorzügliche Geeignetheit zur Ausführung passiver Wanderungen

müssen wir übrigens auch bei vielen Spezies von +Wasserschnecken+ und

+Muscheln+ voraussetzen, denn diese Mollusken sind selbst noch in

manchen Gebirgsseen anzutreffen. Fand doch +A. Brandt+ selbst in dem

1904 m hohen Goktschai (Armenien) Limnäen, _Planorbis carinatus_ und

Pisidien vor. Das _Pisidium fossarinum_ konstatierte +A. Wierzejsky+

in 21 Seen der Hohen Tatra, und einer Notiz +Imhofs+ zufolge ist die

nämliche Muschel sogar noch auf dem Splügen zu finden.

Nach einer wertvollen Beobachtung +Darwins+ scheint hauptsächlich den

ganz jungen Schnecken das Vermögen zu weiten Wanderungen beizuwohnen,

wie sich aus folgender Stelle des Kapitels über geographische

Verbreitung in der „Entstehung der Arten“ ergiebt. +Darwin+ sagt dort:

„Wenn eine Ente sich plötzlich aus einem mit Wasserlinsen bedeckten

Teiche erhebt, so bleiben oft einige dieser kleinen Pflanzen auf

ihrem Rücken hängen, und es ist mir vorgekommen, dass, wenn ich

einige Wasserlinsen aus einem Aquarium ins andere versetzte, ich

ganz absichtslos das letztere mit Süsswassermollusken des ersteren

bevölkerte. Doch ist ein anderer Umstand vielleicht noch wirksamer.

Ich hängte einen Entenfuss in einem Aquarium auf, wo viele Eier von

Wasserschnecken auszukriechen im Begriffe waren, und fand, dass

bald eine grosse Menge der äusserst kleinen Schnecken an dem Fusse

umherkrochen und sich so fest an demselben anklebten, dass sie kaum

abgeschabt werden konnten, obwohl sie in einem etwas vorgerückten

Alter freiwillig davon abgefallen wären. Diese frisch ausgeschlüpften

Mollusken lebten an dem Entenfusse in feuchter Luft 12–20 Stunden lang,

und während dieser Zeit kann eine Ente oder ein Reiher mindestens

600–700 englische Meilen weit fliegen, um sich dann in einem Sumpfe

oder Bache niederzulassen“.

Im Anschluss an diese Mitteilung berichtet +Darwin+ noch über den

merkwürdigen Fall, wo ein Wasserkäfer (_Dytiscus_) mit einer ihm

anhaftenden Napfschnecke (_Ancylus_) gefangen wurde. Über andere,

nicht weniger interessante Vorkommnisse, welche speziell die passiven

Wanderungen von Muscheln betreffen, berichtet +Charles Darwin+ in einem

Aufsatze der „Nature“ vom Jahre 1882.

Die kosmopolitische Verbreitung vieler Protozoen, hauptsächlich

diejenige der +Difflugien+ und +Arcellen+ (die fast nirgends fehlen,

wo etwas Feuchtigkeit vorhanden ist), geschieht vorwiegend durch den

Wind, wenn er über die Böden ausgetrockneter Tümpel hinfegt. Doch

wird es auch vorkommen, dass manche Spezies mit den Schlammklümpchen,

die an den Schwimmfüssen wilder Enten u. s. w. hängen bleiben, einen

Ortswechsel erfahren. Besondere Anpassungen scheinen bei diesen

niederen Organismen sehr selten nachweisbar zu sein.

Doch ist mir gelegentlich eine _Difflugia_ im Riesengebirge zu Gesicht

gekommen, welche im Umkreise der weiten Wölbung ihres Gehäuses acht

stachelartige Fortsätze besitzt, von denen jeder noch eine gekrümmte

Spitze trägt, die sich wie eine winzige Kralle ausnimmt. Jedes

Exemplar der von mir in nassen Moospolstern (_Sphagnum_) gesammelten

Difflugien (siehe Band I, Fig. 16) zeigt konstant die geschilderte

Eigentümlichkeit, während sie im übrigen fast ganz mit der von

+Leidy+[119] beschriebenen _Difflugia corona_ übereinstimmt. Ich

erblicke in der Riesengebirgs-_Difflugia_ ein interessantes Beispiel

dafür, dass auch bei Protozoen gelegentlich spezialisierte Haftorgane

zur Ausbildung gelangen, die offenbar dazu dienen können, passive

Wanderungen zu erleichtern. --

Nach allen vorausgegangenen Ausführungen und Erörterungen bietet also

das Auftreten von marinen Tierformen im Süsswasser gar keine Gewähr

dafür, dass diese Wesen an Ort und Stelle selbst den Anpassungsprozess

von dem einen Medium ans andere vollzogen haben. Vielmehr ist es, wie

einige der mitgeteilten Thatsachen zeigen, in den weitaus meisten

Fällen als das Wahrscheinlichere zu betrachten, dass jene Spezies von

marinem Habitus durch aktive oder passive Einwanderung in die jetzt

von ihnen bewohnten Binnenseen gelangt sind. Nur wenn in überzeugender

Weise durch den +geologischen+ Befund erhärtet werden kann, dass

die bezüglichen Seen wirkliche (aber im Laufe der Zeit ausgesüsste)

Meeresabschnitte sind, kann von der Existenz einer eigentlichen

Reliktenfauna in ihnen die Rede sein. Von den mehr als hundert Seen,

in denen Tiere von marinem Charakter gefunden worden sind, leisten nur

sehr wenige der obigen Bedingung Genüge. Echte Reliktenseen aber sind

z. B. zahlreiche Wasserbecken des mittlern und südlichen Schweden.

Litteratur.

[111] =J. v. Kennel=, Biologische und faunistische Notizen aus

Trinidad. Arbeiten aus dem Zool.-anatom. Institut in Würzburg, 1883.

[112] =R. Credner=, Die Reliktenseen. Petermanns Mitteilungen 1887.

[113] Vergl. =G. Duplessis-Gouret=, Essay sur la faune profonde des

Lacs de la Suisse, 1885.

[114] Vergl. =Fr. Zschokke=, Die Tierwelt der Hochseen. Verhandl. der

Deutschen Zoolog. Gesellschaft auf der 1. Jahresversammlung von 1891.

[115] =G. Asper= und =J. Heuscher=, Zur Naturgeschichte der Alpenseen.

Jahresbericht der St. Gallisch. Naturw. Gesellschaft, 1885–86.

[116] =J. Vosseler=, Die freilebenden Copepoden Württembergs etc., 1886.

[117] Vergl. =W. Migula=, Die Verbreitungsweise der Algen. Biolog.

Zentralblatt, 8. Bd., No. 17, 1888.

[118] =Th. Barrois=, Note sur la dispersion des Hydrachnides. Revue

biologique du Nord de la France. T. I. 1888–89.

[119] =Leidy=, Freshwater Rhizopoda of North-America, 1879.

[120] =E. Korschelt=, Die Entwickelung von Dreyssena polymorpha.

Sitzungsber. der Gesellsch. naturf. Freunde in Berlin, Jahrg. 1891.

Über die wissenschaftlichen Aufgaben biologischer Süsswasser-Stationen.

Von Dr. =Otto Zacharias= in Plön (Holstein).

Auch ausserhalb der Fachkreise dürfte es ziemlich allgemein bekannt

sein, dass ich vor einigen Jahren (1888) die Errichtung einer

besonderen Anstalt zum Zwecke eingehender Untersuchungen über die Tier-

und Pflanzenwelt des Süsswassers angeregt und in ihrer Notwendigkeit

begründet habe. Es geschah dies durch einen Aufsatz in No. 269 des

„Zoologischen Anzeigers“. Seitdem sind drei Jahre verflossen und in der

wissenschaftlichen sowohl wie in der Tagespresse ist der betreffende

Vorschlag vielfach erörtert worden. Namhafte Zoologen und Botaniker

zollten meinem Plane sogleich Beifall und bestärkten mich in meinem

Vorhaben; andere, nicht minder ausgezeichnete Forscher nahmen aber

das Projekt mit Zurückhaltung auf. Dies ist der gewöhnliche Gang

der Dinge, sobald es sich um eine Neuerung handelt. Meistenteils

werden in einem solchen Falle auch noch absprechende Stimmen laut;

diese Regel bestätigte sich jedoch meinen Bestrebungen gegenüber

nicht. Im Gegenteil gesellte sich zu den beistimmenden Kundgebungen

alsbald noch der weitere günstige Umstand, dass wohlhabende Fach-

und Privatleute das Projekt in freigebigster Weise durch Geldspenden

förderten. Hierdurch und durch das wahrhaft liberale Entgegenkommen

des Bürgermeisters[CXVII] und der Stadtgemeinde von Plön ist es mir

schliesslich gelungen, meine Pläne zu verwirklichen, und gegenwärtig

erhebt sich am Nordufer des Grossen Plöner Sees -- in unmittelbarster

Wassernähe -- ein stattliches, villenähnliches Gebäude, welches

eine hinlängliche Anzahl von Räumlichkeiten umfasst, in denen

wissenschaftliche Untersuchungen mit derselben Bequemlichkeit

vorgenommen werden können wie in den biologischen Laboratorien

kleinerer Universitäten.

[CXVII] Joh. Kinder.

Von Seiten der Preussischen Staatsregierung wurde dem neubegründeten

Institute in der Folge auch eine finanzielle Beihilfe (zunächst auf

fünf Jahre) zu teil, sodass ein recht glücklicher Anfang für das

lediglich durch Privat-Initiative ins Werk gesetzte Unternehmen zu

verzeichnen gewesen ist.

Der Studien-Aufenthalt in dieser ersten „Biologischen

Süsswasser-Station“ ist Jedem gestattet, der die zum selbständigen

Arbeiten erforderlichen Vorkenntnisse mitbringt. Insbesondere

freilich sind die fünf vorhandenen Arbeitsplätze für Naturforscher

von Fach bestimmt, welche am Grossen Plöner See zoologische,

pflanzenphysiologische oder auf das Fischereiwesen bezügliche

Beobachtungen anstellen wollen. Für alle diese Zwecke sind in der

Station die geeigneten Hilfsmittel (Fahrzeuge, Fanggerätschaften,

Mikroskope, Reagentien und Aquarien) vorhanden.

Wer davon unterrichtet ist, mit welch interessanten Lebensformen

uns die letztjährigen Durchforschungen unserer heimatlichen Tümpel,

Teiche und Seen bekannt gemacht haben, der wird die Nachricht von der

Begründung einer Dauerstation zur näheren Untersuchung jener Organismen

mit aufrichtiger Genugthuung begrüssen. Die Umgebung von Plön ist in

vorzüglicher Weise für diesen Zweck geeignet, insofern das Thal des

Schwentine-Flusses, in welchem das freundliche Städtchen gelegen ist,

fast lediglich aus einer Aneinanderreihung von Wasserbecken besteht,

von denen die kleinsten so gross sind wie unsere ansehnlichsten

mitteldeutschen Seen. Hier ist also ein weites Feld für faunistische

und biologische Forschungen eröffnet, d. h. für Studien, welche die

Feststellung der verschiedenen Tier- und Pflanzenorganismen des

Süsswassers und die Ermittelung von deren Existenzbedingungen zum Ziel

haben.

[Illustration: Fig. 51. Die Biologische Station zu Plön.]

Im Hinblick auf den Reichtum an Lebewesen, welchen das Meer in seinem

Schosse birgt, waren Viele von der Ansicht beherrscht, dass es

sich wohl erst gar nicht verlohne, Zeit und Kraft an die Gewässer

des Binnenlandes zu verschwenden. So wurde die Süsswassertierwelt

allmählich zum Aschenbrödel der wissenschaftlichen Zoologie degradiert,

und wer sich wirklich noch damit abgab, lief Gefahr, von seinen für das

Salzwasser schwärmenden Fachgenossen als ein nicht ganz ebenbürtiges

Mitglied der Forschergilde betrachtet zu werden. Glücklicherweise

giebt es aber zu jeder Zeit Leute, die den Mut haben, allgemeinen

Vorurteilen zu trotzen, und so hat auch die Süsswasserfauna in den

jüngstverflossenen zwei Jahrzehnten ihre Freunde und Bearbeiter

gefunden. Männer wie +F. A. Forel+, +G. Asper+ und +E. Imhof+ in der

Schweiz, +P. Pavesi+ in Italien, +A. Fritsch+, +B. Hellich+ und +W.

Vavra+ in Österreich, +O. Nordquist+ in Finnland, +Jules Richard+

und +Jules de Guerne+ in Frankreich (zahlreicher anderer nicht zu

gedenken) haben mit bewundernswerter Unermüdlichkeit dem Studium der

Wassertierwelt obgelegen und Erfolge erzielt, deren wissenschaftliche

Bedeutung von Niemand mehr übersehen oder in Abrede gestellt werden

kann. Ich selbst habe während des Zeitraumes von 1884 bis 1889

die Fauna der nord- und mitteldeutschen Seen, sowie diejenige der

Eifelmaare durch eingehende Untersuchungen festgestellt. Durch

eben diese Forschungen sind wir mit vielen neuen Arten von kleinen

Krebstieren (Entomostraken) bekannt geworden, haben den Reichtum

unserer Gewässer an schwimmenden und schlammbewohnenden Würmern, an

Schnecken, Muscheln, Moostieren und einzelligen Lebewesen (Protozoen

und niederen Algen) kennen gelernt, sind in die bunte Gesellschaft

der Wassermilben und Wasserkerbtiere eingedrungen, deren Gewimmel

hauptsächlich die seichtere Uferzone belebt -- kurz, wir haben einen

umfassenden Überblick über die mannigfaltige Bewohnerschaft unserer

binnenländischen Seebecken erlangt, die bisher nur Fische und „Gewürm“

(als deren Nahrung) zu enthalten schienen. Unsere vermehrte Kenntnis

erstreckt sich aber nicht nur auf die einzelnen Gattungen und Arten

der äusserlich unscheinbaren Wasserfauna, sondern auch mit auf die

Art und Weise, wie jede Spezies ihren besonderen Lebensverhältnissen

angepasst ist, wie sie sich ernährt und ihren Platz im Kampfe ums

Dasein behauptet, was für Mittel ihr zur räumlichen Ausbreitung

verliehen sind und welcher Zusammenhang zwischen der Bevölkerung des

Seegrundes und derjenigen der oberflächlichen Wasserschichten (bezw.

der Uferzone) besteht. Aber mit Gewinnung dieser Einsicht sind wieder

zahlreiche neue Probleme aufgetaucht, welche sich auf die Ursachen

der Veränderlichkeit, die Wirkung der Isolierung, den mutmasslichen

Einfluss des „äusseren Mediums“ u. dergl. beziehen, sodass es niemals

an Arbeit für zahlreiche Forscher auf diesem Gebiete fehlen kann.

Der Hauptvorteil eines dicht am Seeufer gelegenen und mit

allen Einrichtungen der modernen Forschungstechnik versehenen

Stationsgebäudes besteht augenscheinlich darin, dass man auf solche

Weise in den Stand gesetzt wird, alle Chancen des Wetters und der

Beleuchtungsverhältnisse beim Einsammeln der Untersuchungsobjekte

wahrzunehmen, und dass sich einem in beständiger Wassernähe die

Möglichkeit zu zahlreichen Beobachtungen darbietet, welche auf nur

gelegentlichen Ausflügen an dieses oder jenes Wasserbecken -- aus

Mangel an Zeit und Ruhe -- überhaupt nicht gemacht werden können.

Ich denke da in erster Linie an die Erforschung der Zusammensetzung der

sogenannten pelagischen Süsswasserfauna (des Limnoplanktons) in den

verschiedenen Jahreszeiten, und an die sehr wünschenswerte Klarstellung

der Beziehungen dieser merkwürdigen Tiergesellschaften zu den übrigen

Bewohnern des betreffendes Sees, besonders auch ihr Verhältnis zu

den Fischen, von denen einige, wie man glaubt, vorwiegend in ihrer

Ernährung auf gewisse pelagisch lebende, d. h. beständig im freien

Wasser sich aufhaltende Krebstiere angewiesen sind. Im Grossen Plöner

See besteht jene _Fauna pelagica_ nach meinen Ermittelungen (von 1886

und 1891) aus folgenden Spezies:

_Crustacea_:

_Leptodora hyalina_ Lilljeb.

_Daphnella brachyura_ Liév.

_Hyalodaphnia cucullata_ Sars., _var. apicata_ Kurz.

_Bosmina coregom_ Baird.

_Bosmina cornuta_ Jur.

_Cyclops simplex_ Pogg.

_Diaptomus gracilis_ Sars.

_Rotatoria_:

_Asplanchna helvetica_ Imhof

_Anuraea longispina_ Kellic.

_Anuraea cochlearis_ Gosse

_Polyarthra platyptera_ Ehrb.

Dazwischen kommt auch noch in grossen Mengen ein zur

Flagellaten-Gattung _Dinobryon_ gehöriges Wesen (vergl. Fig. 35 im

ersten Bande dieses Werkes) und das ebenfalls zu den Geisselträgern

gehörige _Ceratium hirundinella_ vor. Ein feines Schwebnetz aus

Müllergaze, mit dem wir vom Boote aus bloss zehn Minuten lang die

oberflächlichen Wasserschichten der Seenmitte abfischen, enthält nach

Ablauf dieser kurzen Zeit einen förmlichen Brei auf seinem Grunde,

welcher lediglich aus den soeben namhaft gemachten Krebs-, Rädertier-

und Flagellaten-Spezies besteht.

Die nähere Erforschung der Lebens- und Ernährungsweise dieser

pelagischen Tiere, welche in staunenswert grosser Individuenzahl unsere

Binnenseen bevölkern, wäre -- wie schon betont -- eine sicher zu

wichtigen Aufschlüssen führende Arbeit, welche von einer biologischen

Süsswasserstation in Angriff genommen werden könnte. Freilich würden

zur Bewältigung einer solchen Aufgabe keineswegs nur Wochen und Monate,

sondern zweifellos mehrere Jahre erforderlich sein. Was wir bis jetzt

über die Biologie jener rastlos schwimmenden Wesen wissen, ist durch

die verschiedensten Forscher bei Gelegenheit von Ferienreisen, in

Sommerfrischen u. s. w., wodurch die Betreffenden zufällig in die Nähe

grösserer Süsswasseransammlungen gelangten, festgestellt worden. Hin

und wieder (ich erinnere nur an die ausgezeichneten Forschungen Prof.

+Aug. Weismanns+ über Daphniden) sind solchen Gelegenheitsstudien die

schönsten und weittragendsten Resultate zu verdanken gewesen. Aber eben

darum, weil sich solche Untersuchungen schon öfters als im hohen Grade

lohnend erwiesen haben, erscheint es geboten, dieselben fortzusetzen

und sie so zu organisieren, dass wertvolle Ergebnisse nicht bloss vom

Zufall abhängen, sondern vielmehr mit einiger Sicherheit erwartet

werden können.

Eine andere Frage vom allgemeinsten wissenschaftlichen Interesse wäre

die nach der +Winterfauna+ unserer Landseen, d. h. eine Ermittelung

derjenigen Tiere, welche während der Kältemonate unter der Eisdecke

im Wasser ausdauern und weiter leben, während andere beim Eintritt

der niedrigen Temperatur hinsterben, nachdem sie den Fortbestand

ihrer Art durch die Produktion und Ablage von +Dauer-Eiern+ (vergl.

Bd. I S. 367) gesichert haben. Dass verschiedene Infusorienspezies,

Spaltfusskrebschen und mancherlei Würmer in unseren Teichen während

des Winters zu finden sind, weiss man schon seit längerer Zeit; aber

auf diese wenigen Thatsachen beschränkt sich gegenwärtig unsere

Kenntnis, sodass es angezeigt wäre, sich einmal näher darüber zu

unterrichten, welche Tiere (bezw. niedere Pflanzen) es denn sind, deren

Lebensfunktionen unter der Einwirkung von Kälte so gut wie gar keine

Beeinträchtigung erfahren. Diese Aufgabe könnte gleichfalls auf das

Programm einer nahe am Seeufer befindlichen Station gesetzt werden, und

sie wird wohl auch einer solchen reserviert bleiben, da es vollkommen

unthunlich ist, derartige Untersuchungen ausserhalb des Bereichs einer

den Forscher sowohl wie das von ihm aufgefischte Material vor Frost

schützenden Unterkunft vorzunehmen.

Ein reiches und anziehendes Arbeitsgebiet für den in unmittelbarer

Seenähe stationierten Zoologen würde selbstredend auch die Beobachtung

der Wasserinsekten und der Larvenzustände von solchen Landkerbtieren

sein, welche ihre Eier ins Wasser ablegen. Es ist nicht zu bezweifeln,

dass Studien dieser Art, wenn sie auf eine grössere Anzahl

verschiedener Objekte ausgedehnt werden, interessante Aufschlüsse in

allgemein biologischer Hinsicht zu liefern im stande sind. Ich erinnere

hier nur an die schöne Untersuchung, welche Dr. +E. Schmidt-Schwedt+

unlängst (1887) über Atmung der Larven und Puppen des Schilfkäfers

(_Donacia crassipes_) veröffentlicht hat[121], und an die auf den

Gehäusebau der Phryganiden-Larven (vergl. diesen Band S. 94 und ff.)

bezüglichen Beobachtungen der bekannten Naturforscherin Fräul. +Marie

v. Chauvin+.

Ein nicht minder grosses Interesse würde die Erforschung jener

eigentümlichen Fortpflanzungsverhältnisse darbieten, welche bei einigen

unserer verbreitetsten Süsswasserturbellarien (_Stenostoma leucops_,

_Microstoma lineare_) abwechselnd in der Form von geschlechtlicher

und ungeschlechtlicher Vermehrung auftreten. Man weiss zwar, dass zu

Beginn der kalten Jahreszeit die letztere an die Stelle der ersteren

tritt, aber man ist noch sehr wenig darüber informiert, durch welche

histologischen Vorgänge es zu einer Hervorbildung männlicher und

weiblicher Zeugungsorgane in den bis dahin geschlechtslos gewesenen

Würmern kommt, die sich nur auf dem Wege der Querteilung (vergl. Bd. I,

S. 259) fortpflanzten. Dasselbe Problem liegt auch in betreff gewisser

Anneliden, z. B. beim gemeinen Wasserschlängelchen (_Nais_) vor, und

es wäre im hohen Grade wertvoll, über den Modus der geschlechtlichen

Differenzierung in beiden Würmergruppen genauere Angaben zu erhalten.

Dass wir solche noch vermissen, liegt an der Schwierigkeit der

Materialbeschaffung. Befindet man sich nicht in nächster Nachbarschaft

eines Sees oder grösseren Teiches, so ist es ganz unmöglich, den

rechten Moment wahrzunehmen, um die genannten Tiere in den geeigneten

Stadien einzusammeln.

In solchen und ähnlichen Fällen hängt der Fortschritt unseres Wissens

im wesentlichen nur von der rechtzeitigen und bequemen Erlangung

der Beobachtungsobjekte ab. Und das ist der Hauptpunkt, welchen ich

bei Motivierung der Notwendigkeit von permanenten Stationen für die

Erforschung der Süsswasser-Lebewelt nicht oft genug betonen kann.

Faunistische Exkursionen in irgend einer Seengegend sind ganz gewiss

für die Erweiterung unserer Kenntnis der Wasserfauna von Wert; aber

wer eine derartige ambulante Forschungsthätigkeit längere Zeit

hindurch betrieben hat, wird wissen, dass man dabei eigentlich

niemals zur Ruhe kommt. Man schwelgt bei solchen Ausflügen häufig in

einer herzerquickenden Fülle von Material, hat aber unterwegs höchst

selten so viel Zeit, um sich der Bearbeitung desselben mit der

erforderlichen Musse zu widmen. Infolgedessen konserviert man möglichst

zahlreiche Objekte und kehrt mit einer grossen Menge von Gläschen

nach Hause zurück. Hier findet nun erst die eingehende Besichtigung

der verschiedenen Funde statt, wobei man aber in der Regel die wenig

erfreuliche Wahrnehmung macht, dass man von der einen Materialsorte

viel zu viel, von der anderen aber leider lange nicht genug angesammelt

hat. Wäre man an Ort und Stelle in der Lage gewesen, umfassendere

Studien vorzunehmen, so würde bei demselben Zeit- und Kraftaufwande

ein belangreicheres Resultat zu verzeichnen gewesen sein. Auch diese

Erfahrung, mit der ich gewiss nicht ganz allein stehe, spricht klar

für die Nützlichkeit von Dauerstationen, wenn es sich um das Studium

unserer Süsswasserfauna handelt. Dasselbe gilt natürlich auch im

Hinblick auf die lakustrische Pflanzenwelt.

Dass indessen auch faunistische Exkursionen, wenn sie mit Eifer und

Gründlichkeit ausgeführt werden, nach verschiedenen Richtungen hin

Neues zutagefördern können, dafür legt eine unlängst publizierte

Arbeit von Prof. +M. Braun+ („Die Turbellarien Livlands“, 1885)

beredtes Zeugnis ab. Ebenso liefert die bekannte Abhandlung Dr.

+K. Ecksteins+ über die Rädertiere der Umgebung von Giessen eine

schlagende Bestätigung für die beherzigenswerte Mahnung: „Sieh, das

Gute liegt so nah’ ....“ Auch durch meine eigenen Arbeiten über

die niedere Fauna einheimischer Seebecken und Teiche hoffe ich den

Beweis erbracht zu haben, dass in unseren süssen Gewässern noch

mancherlei Neues zu entdecken ist. Ich brauche in diesem Bezug nur

an die schon erwähnte Auffindung einer den Monotiden nahestehenden

Turbellarie in den Hochseen des Riesengebirges zu erinnern, deren

Anwesenheit später in verschiedenen schweizerischen Seen und neuerdings

(1890) durch Prof. +Fr. Zschokke+ auch im See von Partnun (auf der

Rhätikonbergkette) nachgewiesen wurde. Von nicht geringerem Interesse

war die Entdeckung mehrerer Vertreter der ausserordentlich merkwürdigen

Turbellarien-Gattung _Bothrioplana_, welche sich ebenfalls als

Folge der von mir unternommenen Ausflüge an die Riesengebirgsteiche

ergab. Hierzu kommt noch die Erbeutung mehrerer neuer Kruster- und

Hydrachniden-Arten in den nord- und mitteldeutschen Wasserbecken bei

Gelegenheit meiner Studienreisen in den Jahren 1885 und 1886. Besonders

weise ich aber auch auf den von Dr. +W. Weltner+ erst kürzlich

konstatierten und bisher gar nicht vermuteten Reichtum der Spree an

Spongillen (vergl. Bd. I, 6. Kapitel) hin und auf die umfassenden

Ermittelungen +W. Vavras+ über die Verbreitung der Ostracoden

(Muschelkrebse) in Böhmen[122].

Solche Exkursionen werden auch fernerhin nicht zu entbehren sein,

namentlich wenn es sich um +vergleichende+ Untersuchungen über die

Fauna verschiedener Landseen handelt. Für Studien dieser Art kann

dann eine permanente biologische Süsswasserstation, welche in einem

seenreichen Gebiet gelegen ist, ein recht fruchtbarer Mittelpunkt

werden. Man wird von einem solchen Zentrum aus vielleicht auch die

Frage nach den äusseren physikalischen Ursachen der Veränderlichkeit

mancher Organismengruppen in Angriff nehmen können, und möglicherweise

mit der Zeit nachzuweisen im stande sein, warum der eine See in dieser,

der andere in jener Weise auf die Gestalt der in ihm lebenden Wesen

abändernd einwirkt. Augenblicklich wissen wir über die Faktoren,

welche hier in Betracht kommen, so gut wie nichts. Und doch ist der

Einfluss der jedesmaligen Lokalität auf manche Organismengruppen mit

ausreichender Sicherheit erwiesen. +Clessin+ hat diese Thatsache schon

vor einem Jahrzehnt für die Mollusken festgestellt, und er nimmt

zur Erklärung derselben „die Anpassung an gegebene Verhältnisse“ in

Anspruch. Es wird nicht überflüssig sein, in den Zusammenhang dieses

Kapitels eine Stelle einzuschalten, die der Leser bereits auf S. 138

dieses Bandes vorgefunden hat. Sie ist aber besonders dazu geeignet,

das, was wir hier besprochen, zu illustrieren. +Clessin+ fasst das

Resultat seiner reichen Erfahrung in folgenden Zeilen zusammen: „Wer

die Wassermollusken längere Zeit im Freien beobachtet, wird sehr

bald zu der Überzeugung kommen, dass fast jeder einzelne Fundort

eigenartige, mehr oder weniger ausgeprägte Abweichungen vom Typus der

bezüglichen Art erzeugt, und dass es geradezu zu den allergrössten

Seltenheiten gehört, zwei ziemlich übereinstimmende Formen an

verschiedenen Fundorten zu konstatieren. Ja sogar der nämliche Fundort

erzeugt bei geänderten Verhältnissen andere Varietäten, und oft genug

finden sich verschiedene Formen einer und derselben Art an sich

berührenden Stellen desselben Gewässers, wenn die Beschaffenheit des

Grundes, die Strömung des Wassers, die Bewachsung u. s. w. sich ändert.

So kommen in den grossen Seen der Voralpen Schnecken und Muscheln mit

ausgeprägtem Seecharakter und solche, welche nicht oder kaum von jenen

zu unterscheiden sind, die in Sümpfen leben, neben einander vor, und

zwar jenachdem die bezüglichen Wohnplätze bei seichtem Wasser und

mangelnder Bewachsung der vollen Wirkung des Wellenschlags ausgesetzt

sind, oder die Ufer in sumpfige Stellen übergehen“.

+J. Vosseler+ hat auf den gleichen Einfluss der chemischen und

physikalischen Unterschiede unserer Gewässer auf den Habitus, die

Färbung und Gliedmassengrösse bei spaltfüssigen Krebsen hingewiesen.

So existiert z. B. in den Maaren der Eifel ein Copepode, der

augenscheinlich dem _Cyclops agilis_ Koch nahesteht, aber kürzere

Antennen, schwächer entwickelte Mundteile, längere Schwimmbeine und

eine sehr gestreckte Schwanzgabel besitzt. +Vosseler+ hat diesen von

mir aufgefundenen Krebs näher untersucht und ihn seines beschränkten

Vorkommens wegen _Cyclops maarensis_ genannt. Höchstwahrscheinlich

ist diese neue Spezies in den Maaren selbst entstanden und stellt

eine interessante Lokalform dar, welche für ihre Bildung den _Cyclops

agilis_ als Ausgangsform gehabt hat.

Im Müskendorfer See bei Konitz in Westpreussen fand ich 1886 zahllose

Exemplare einer merkwürdigen Varietät der _Hyalodaphnia cucullata_,

deren Kopfteil sichelartig gekrümmt und ventralwärts stark herabgebogen

ist. Diese Form (_var. nov. procurva_ Poppe) kommt lediglich in dem

genannten See vor[123] und ist anderwärts bis jetzt nicht aufgefunden

worden. Manche Abweichungen geringern Grades vom Typus der Art sind für

gewisse Fundorte überhaupt charakteristisch.

So variiert beispielsweise die bekannte Dinoflagellaten-Spezies

_Ceratium hirundinella_ O. Fr. M. von einem See zum andern hinsichtlich

der Panzerbreite und der Hörnerlänge. Wahrnehmungen hierüber habe

ich hauptsächlich bei meiner Durchforschung der westpreussischen

Seen gemacht. Um dieselbe Zeit etwa konstatierte Prof. +G. Asper+

ähnliche Gestaltungsdifferenzen zwischen den Ceratien des Thalalpsees

und denen des Züricher Sees, wovon er in seiner Abhandlung über die

Naturgeschichte der Alpenseen berichtet[124].

Das pelagische Rädertier _Anuraea longispina_, welches eine sehr weite

Verbreitung besitzt, variiert nicht bloss hinsichtlich der Mächtigkeit

seiner langen (nadelförmigen) Panzerfortsätze, sondern auch in der Form

des Körperquerschnittes, der gewöhnlich ein Kreissegment darstellt,

häufig aber auch vollkommen dreieckig ist. In Westpreussen zeigten oft

sogar benachbarte Seen langdornige Anuräen, die in der angegebenen

Weise von einander verschieden waren. Nach +Asper+ ist ein nicht minder

verbreitetes Rotatorium, _Anuraea aculeata_, ebenfalls bedeutender

Variation unterworfen, welche sich aber vorzugsweise nur auf die

Felderung und Skulptur des Panzers erstreckt. Ähnliche Abweichungen

hat +Imhof+ bei _Anuraea cochlearis_ Gosse angetroffen und die

weitgehendsten davon mit besonderen Speziesnamen (_A. intermedia_ und

_A. tuberosa_) bezeichnet.

_Leptodora hyalina_, der pelagische Krebs par excellence, zeigt an

seinen verschiedenen Fundorten nicht bloss Verschiedenheiten der

Körperlänge, sondern auch solche, welche die Grösse des Auges, die

Entwickelung des ersten Paares der Schwimmfüsse und die Geräumigkeit

des Brutraumes betreffen. Die gleichen Wahrnehmungen habe ich an

_Polyphemus pediculus_, einem Kruster der Uferzone, gemacht, der in

klaren und kühlen Bergseen grösser und farbenprächtiger zu werden

scheint, als in den seichteren Gewässern der Ebene.

Nach Anführung dieser Beispiele, welche noch durch Beobachtungen

von +A. Wierzejski+ über die Unbeständigkeit der Artcharaktere bei

_Spongilla lacustris_ vervollständigt werden könnten[125], wird es

einleuchten, dass auch die Süsswasserfauna Stoff zur Diskussion des

Speziesproblems zu liefern im stande ist. Durch eine vergleichende

Untersuchung bestimmter Mitglieder der Wassertierwelt aus verschiedenen

Seen dürfte sich im Laufe der Zeit etwas Genaueres über die Richtung

der Abweichungen und über deren Betrag bei einzelnen Arten ergeben.

Schliesslich möchte ich aber auch einen ganz +praktischen+

Gesichtspunkt geltend machen, welcher die Errichtung von ständigen

Beobachtungsstationen in der Nähe von grösseren Süsswasserseen

wünschenswert erscheinen lässt. Dies ist nämlich unsere noch sehr

ungenügende Einsicht in die Ernährungs- und sonstigen Lebensbedingungen

der +Fische+. Auf diesem Felde ist noch sehr viel zu thun, um für

die Bewirtschaftung unserer Seen und Teiche rationelle Grundlagen

zu schaffen. Ein guter Anfang dazu ist von dem österreichischen

Fischzüchter +Josef Susta+ in Wittingau gemacht worden durch dessen

bekannte Untersuchungen über die Ernährung des Karpfens[126]. Aber

nicht bloss die Umstände, welche das Gedeihen der Fische begünstigen,

sondern auch deren natürliche Feinde und die Ursachen solcher

Krankheiten, welche gelegentlich eine Massensterblichkeit unter

denselben hervorrufen -- alles dies ist der näheren Erforschung

wert und würdig. Aber die zahlreichen Fragen und Probleme, die wir

im Vorstehenden als zum Programm der Thätigkeit einer Biologischen

Süsswasserstation gehörig bezeichnet haben, sind unmöglich von einem

einzigen Forscher zu bewältigen, sondern es müssen sich mehrere zu

diesem Zwecke verbünden, und es bedarf hinsichtlich mancher Aufgaben

längerer Zeiträume (oft vieler Jahre), um sie in befriedigender Weise

zu lösen. Hierüber macht man sich in Laienkreisen häufig recht falsche

Vorstellungen, und ich nehme deshalb in diesem Werke, welches seiner

Tendenz nach für weitere Kreise bestimmt ist, Gelegenheit, allzu

sanguinischen Hoffnungen vorzubeugen.

Das Plöner Stationsgebäude liegt, wie schon erwähnt, unmittelbar am

Grossen Plöner See und die umgebende Naturszenerie ist so beschaffen,

dass ein Zeitungsberichterstatter[CXVIII] davon gesagt hat:

[CXVIII] Berliner Tageblatt 1891 No. 154.

„Ein König könnte sich keinen herrlicheren Fleck der Erde auswählen,

wenn er, der Welthändel müde, glückliche Tage im Vollgenusse

eines grandiosen Landschaftsbildes verleben wollte“. Für die hier

vorzunehmenden Forschungen ist die „herrliche“ Lage selbstverständlich

ganz gleichgültig, aber der See ist durch seine Grösse (50

_qkm_ = 20000 preussische Morgen) und durch seinen Organismenreichtum

besonders dazu geeignet, ein Arbeitsfeld für zoologische und

pflanzenphysiologische Untersuchungen zu bilden. Dazu kommt noch

die Nachbarschaft anderer grosser Wasserbecken (Kleiner Plöner See,

Trammersee, Behlersee, Dieksee, Kellersee, Grosser und Kleiner Eutiner

See, Ukeleisee u. s. w.), sodass hierdurch zugleich die denkbar

günstigste Gelegenheit zur Vornahme von faunistischen Ausflügen gegeben

ist. Den Verkehr auf den einzelnen Seen vermitteln grosse Segel- und

Ruderboote. Der Biologischen Station steht ausserdem noch die Benutzung

eines Petroleum-Schraubenbootes[CXIX] zur Verfügung, welches eine

ansehnliche Fahrgeschwindigkeit (10–15 _km_ pro Stunde) besitzt.

[CXIX] Daimlers Patent (geliefert von der Firma Meyer u. Remmers in

Hamburg).

Das Stationshaus ist ein zweistöckiges Gebäude, welches ausser den

erforderlichen Arbeitsräumen (Laboratorium, Experimentierzimmer

und Bibliothek) auch die Wohnung für den Direktor enthält. Im

Erdgeschoss sind die Aquarien untergebracht, welche durch eine

Röhrenleitung mit fliessendem Wasser aus dem See gespeist werden

können. Der Mikroskopiersaal hat dreiflügelige grosse Fenster

und die Arbeitstische sind mit vorzüglichen Instrumenten aus der

Optischen Werkstätte von +C. Zeiss+ in Jena ausgerüstet. Bei aller

Bescheidenheit ihrer Einrichtung besitzt die Plöner Station, wie man

sieht, doch Alles, was zur Ausführung von mikroskopisch-anatomischen

und entwickelungsgeschichtlichen Arbeiten erforderlich ist. Mehr

ist nicht versprochen worden und zu einer luxuriösern Ausstattung

wären auch die Mittel nicht vorhanden gewesen. Vom 1. April 1892 ab

werden die Arbeitsplätze in der Biologischen Station zu Plön für

süsswasserfreundliche Zoologen und Botaniker[127] benutzbar sein.

Mit Genugthuung übermittele ich am Schlusse dieses Kapitels dem

Leserkreise unseres Buches die Nachricht, dass der bekannte und

verdienstvolle österreichische Zoolog, Prof. +Anton Fritsch+ in

Prag, neuerdings gleichfalls eine stabile Station für Erforschung

der Süsswasserfauna ins Leben gerufen hat. Dieselbe hat ihren Stand

am Unterpocernitzer Teiche bei Bechovic in Böhmen. Es ist ein

festgebautes, hübsches Häuschen, welches ausser einem Arbeitszimmer von

12 _qm_ Fläche noch einen kleinen Wohnraum von 6 _qm_ enthält. Dieses

Forscherheim hat ein Privatmann, +Béla+ Freiherr +v. Derschenyi+, im

Interesse der durch +Fritsch+ so tüchtig geförderten Kenntnis der

Wassertierwelt Böhmens auf eigene Kosten erbauen lassen. Überdies

benutzt der Prager Forscher (schon seit Juni 1888) zu seinen Studien

noch eine ortswechselnde Station in Gestalt eines zusammenlegbaren

hölzernen Häuschens, welches in 2½ Stunden aufgestellt und in 1½

Stunden wieder abgebrochen werden kann[128]. Diese „fliegende Station“

steht jetzt am Gatterschlager Teich bei Neuhaus, und hier ist

besonders der Assistent des Prof. Fritsch, Herr +W. Vavra+, während

des verflossenen Jahres thätig gewesen. Unter Anderem wurde in diesem

Teiche unlängst ein neuer zu den Cytheriden gehöriger Muschelkrebs

entdeckt, der vorläufig den Namen _Limnicythere stationis_ erhalten

hat. Es ist der kleinste bisher bekannte Vertreter seiner Gattung.

An die Errichtung solcher eigens dem Studium der Tier- und Pflanzenwelt

des Süsswassers gewidmeter Forschungstationen ist merkwürdigerweise

erst in allerneuester Zeit gedacht worden, obgleich dieselben Gründe,

welche für die Anlage mariner Stationen zum Zwecke biologischer Studien

sprechen, sich auch für lakustrische Observatorien ins Feld führen

lassen. Das Weitere wird nun die Erfahrung und der Erfolg lehren.

Da, wo etwas Neues ins Werk gesetzt wird, tauchen stets auch einige

Pessimisten auf, welche Erwägungen darüber anstellen, ob es sich wohl

auch verlohnen werde, die süssen Gewässer in der von +Fritsch+ und mir

inaugurierten Weise zu durchforschen. Besonders giebt es unter den

Praktikern, d. h. unter den Fischzüchtern und Fischerei-Interessenten,

Leute, welche in erster Linie die Frage des „Verlohnens“ auf der

Zunge haben, ohne manchmal auch nur einen blassen Schimmer von den

Aufgaben zu haben, welche durch die Thätigkeit einer Süsswasserstation

in Angriff genommen werden sollen. Derartigen Leuten empfehle ich

folgenden Ausspruch Prof. +Anton Fritschs+ zur Beherzigung: „+Eine

genaue Kenntnis dessen, was der Teich in seinem Wasser beherbergt, ist

die Grundbedingung für dessen rationelle Bewirtschaftung+“. Es ist zu

hoffen, dass die Richtigkeit dieses Satzes in immer weiteren Kreisen

zur Anerkennung gelange, und dass auch von massgebender Seite das

Streben der Naturforscher gebührende Würdigung und Unterstützung finde.

Litteratur.

[121] Berl. Entomolog. Zeitschrift, 31. Bd., 1887, S. 325–334.

[122] Vergl. =Wenzel Vávra=, Monographie der Ostracoden Böhmens. Archiv

d. naturwiss. Landesdurchforschung von Böhmen, 8. Bd., No. 3.

[123] Eine Beschreibung der Müskendorfer Hyalodaphnia hat Poppe

geliefert in: =O. Zacharias=, Zur Kenntnis der pelagischen und

littoralen Fauna norddeutscher Seen. Zeitschr. f. wiss. Zoologie, 45.

Bd., 2, 1887.

[124] =G. Asper= und =J. Heuscher=, Zur Naturgeschichte etc. Jahresber.

der St. Gallischen Gesellschaft, 1885–86.

[125] =A. Wierzejski=, Beitrag zur Kenntnis der Süsswasserschwämme.

Verhandl. d. k. k. zool.-botan. Gesellsch. in Wien, 1888.

[126] =J. Susta=, Die Ernährung des Karpfens und seiner Teichgenossen.

Mit 2 Tafeln. 1888.

[127] Vergl. =F. Ludwig=, Die botanischen Aufgaben der von O. Zacharias

geplanten lakustrischen Station. Biolog. Zentralbl., 9. Bd., No. 13,

1889.

[128] =Anton Fritsch=, Die Stationen zur Durchforschung der

Süsswasserfauna. Wiener Landwirtschaftl. Zeitung, 1891.

Das Tierleben auf Flussinseln und am Ufer der Flüsse und Seen.

Von =Fr. Borcherding= in Vegesack.

Wie im Wasser selbst, so regt sich auch an den Ufern unserer Flüsse,

Weiher und Seen ein mannigfaltiges Tierleben, auf welches am Schlusse

dieses Werkes noch ein musternder Blick geworfen werden soll. Auf

zahlreichen faunistischen Ausflügen hat der Verfasser dieses Kapitels

Gelegenheit gehabt, die bunte Gesellschaft der in der Nähe des Wassers

und in demselben sich aufhaltenden Säugetiere, Vögel, Reptilien,

Amphibien, Fische, Mollusken und Insekten zu beobachten und den

eigentümlichen Reiz zu empfinden, den das Leben und Treiben dieser

verschiedenartigen Wesen auf den Freund der Natur ausübt.

Wie schön und fast nur einer poetisch angehauchten Schilderung

zugänglich ist das einsame, waldumgürtete oder von Schilf umkränzte

Ufer eines grossen, breit dahinfliessenden Stromes, oder der ebenso

geschmückte Saum eines im Sonnenschein glitzernden Sees. Wie

vielseitig, buntfarbig und anregend ist das Bild, welches sich hier

an einem herrlichen Frühlingsmorgen oder an einem warmen Sommerabend

unseren Augen darbietet. Überall regt sich vielgestaltiges Leben.

Schreiten wir bei einbrechender Dämmerung über eine Flussinsel

oder fahren wir mit einem Boote geräuschlos am Ufer entlang, so

können wir häufig mehrere Fledermaus-Arten beobachten, und zwar

meistenteils die +langohrige Fledermaus+, _Plecotus auritus_ Geoffr.,

die +frühfliegende Fledermaus+, _Vespertilio noctula_ K. u. Bl., und

die +Teichfledermaus+, _Vespertilio dasycneme_ Boie. Unermüdlich

schwirren diese fluggewandten Tierchen unter dem Schutze der Dunkelheit

durch die Luft, um ihren stets regen Appetit mit den erbeuteten

Fliegen, Mücken, Käfern und Nachtfaltern zu befriedigen. Eine gleich

erfolgreiche Insektenvertilgung üben ausser den Fledermäusen wohl nur

noch +Maulwürfe+, _Talpa europaea_ L., und die +Wasserspitzmäuse+,

_Crossopus fodiens_, aus.

Einzeln erscheint an den Seen und Flüssen auch der +Fuchs+, _Canis

vulpes_ L., um sich nach einem leckern Entenbraten umzusehen. Es ist

höchst anziehend, den Meister Reineke unbeobachtet auf seinen Jagdzügen

belauschen zu können. Mit eingezogenen Beinen, mehr über den Boden

und durchs Rohr wegkriechend als gehend, die Rute vornehm hinter sich

herschleppend, dieselbe nur dann und wann bald etwas rechts, bald etwas

links bewegend, schleicht er sich durchs Gras und Gebüsch unvermerkt

der Stelle zu, von wo der Entenruf herübertönt, aber immer gegen

den Wind, denn er weiss nur zu gut, wie unangenehm den Enten seine

Witterung ist.

Die Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers. Zweiter Band. · 第 59 / 60 题