II

Im Frühjahr des sechsten Jahres nach Katerina Lwownas Verheiratung gab

es auf der Ismajlowschen Mühle ein Unglück: das Hochwasser hatte den

Damm durchbrochen. Die Mühle hatte gerade viel Arbeit, und der Schaden

war sehr groß: das Wasser kam unter den Lauftrog des leeren Gerinnes und

ließ sich nicht wieder einfangen. Sinowij Borissowitsch trieb die Leute

aus der ganzen Umgegend zusammen und überwachte Tag und Nacht die

Arbeiten; die Geschäfte in der Stadt versah der Alte, und Katerina

Lwowna war tagelang allein zu Hause. Als sie ohne Mann geblieben war,

fühlte sie anfangs noch größere Langweile; dieser Zustand gefiel ihr

aber mit der Zeit nicht schlecht; sie konnte freier aufatmen. Sie hatte

ihn ja niemals geliebt, nun hatte sie wenigstens einen Aufseher weniger.

Einmal saß sie in ihrem Mezzanin am Fenster, gähnte, dachte an nichts

Bestimmtes und schämte sich zuletzt, immer so zu gähnen. Draußen war

aber der herrlichste Tag: warm, heiter, lustig, und durch das grüne

Holzgitter des Gartens waren flinke Vöglein zu sehen, die von Zweig zu

Zweig hüpften.

-- Warum gähne ich so? -- fragte sich Katerina Lwowna. -- Ich will

einmal aufstehen und in den Hof oder in den Garten gehen. --

Sie warf sich einen alten Pelzumhang um und ging hinaus.

Unten auf dem Hofe ist es so hell, die Luft ist so erfrischend, und auf

der Galerie bei den Speichern schallt lustiges Gelächter.

»Was freut ihr euch so?« fragte Katerina Lwowna die Angestellten des

Schwiegervaters.

»Wir haben eben ein lebendes Schwein gewogen,« antwortete ihr der alte

Verwalter.

»Was für ein Schwein?«

»Das Schwein Aksinja, das den Sohn Wassilij geboren und uns zur Taufe

nicht eingeladen hat,« berichtete ihr frech und lustig ein Bursche mit

kühnem, hübschem Gesicht, pechschwarzen Locken und einem kaum

sprossenden Bärtchen.

Aus dem Mehlkübel, der am Wagbalken angehängt war, sah in diesem

Augenblick das dicke rotbackige Gesicht der Köchin Aksinja heraus.

»Verdammte Teufel!« fluchte die Köchin, indem sie nach dem eisernen

Wagbalken griff und sich Mühe gab, aus dem hin- und herpendelnden Kübel

herauszukriechen.

»Acht Pud wiegt sie vor dem Essen, und wenn sie zu Mittag ein Fuder Heu

gefressen hat, so langen die Gewichte nicht!« erklärte der gleiche

hübsche Bursche. Mit diesen Worten drehte er den Kübel um und warf die

Köchin auf die in der Ecke geschichteten Säcke.

Die Köchin fluchte noch immer, eigentlich mehr im Scherz, und zupfte

sich das Kleid zurecht.

»Nun, und wieviel wiege ich?« fragte Katerina Lwowna. Sie stieg auf das

Brett und hielt sich an den Stricken fest.

»Drei Pud sieben Pfund,« antwortete der hübsche Bursche Ssergej, nachdem

er die Gewichte nachgezählt hatte. »Ein Wunder!«

»Was wunderst du dich so?«

»Daß Sie über drei Pud wiegen, Katerina Lwowna. Ich glaube, daß ich Sie

den ganzen Tag auf den Armen herumtragen könnte, ohne dabei müde zu

werden. Ich würde es sogar für das größte Vergnügen ansehen.«

»Bin ich denn etwa kein Mensch? Würdest wohl müde werden!« erwiderte

leicht errötend Katerina Lwowna, die solche Reden nicht mehr gewohnt war

und plötzlich das Verlangen fühlte, lustig zu plaudern und zu scherzen.

»Gott behüte! Ich würde Sie bis nach dem glückseligen Arabien tragen,«

antwortete Ssergej auf ihre Bemerkung.

»Du redest Unsinn,« sagte der Bauer, der das Getreide aufschüttete. »Was

ist unsere Schwere? Ist es denn unser Körper, der was wiegt? Unser

Körper, mein Lieber, wiegt nicht, es ist nur unsere Kraft, die uns zur

Erde zieht, und nicht der Körper!«

»Als Mädchen hatte ich eine große Kraft,« sagte Katerina Lwowna, die

sich wieder nicht beherrschen konnte. »Mancher Mann konnte mich nicht

niederringen!«

»Erlauben Sie mal Ihr Händchen, wenn das wahr ist,« bat der hübsche

Bursche.

Katerina Lwowna errötete wieder, reichte ihm aber die Hand.

»Laß los, es tut weh!« schrie Katerina Lwowna auf, als Ssergej ihre Hand

in der seinigen zusammendrückte. Mit der freien Hand stieß sie ihn vor

die Brust.

Der Bursche ließ ihre Hand los und taumelte vor ihrem Stoß einige

Schritte zur Seite.

»Und das will ein Frauenzimmer sein!« wunderte sich der Bauer.

»Nein, nicht so! Wollen wir einmal richtig ringen?« sagte Ssergej, seine

Locken schüttelnd.

»Nun, versuch's,« antwortete Katerina Lwowna, immer lustiger werdend,

und hob die Ellenbogen.

Ssergej umschlang die junge Frau und drückte ihre pralle Brust an sein

rotes Hemd. Katerina Lwowna rührte nur die Schultern, Ssergej hatte sie

aber schon in die Höhe gehoben, hielt sie eine Weile in den Armen,

drückte sie zusammen und setzte sie zuletzt auf einen umgekehrten

Scheffel.

Katerina Lwowna hatte nicht einmal Zeit gehabt, ihre Kraft, mit der sie

so prahlte, zu zeigen. Über und über rot, zupfte sie den Pelzumhang, der

ihr von der Schulter geglitten war, zurecht und ging langsam aus dem

Speicher. Ssergej räusperte sich aber und rief:

»He, ihr Esel! Schüttet das Getreide auf, schont die Arme nicht! Wenn

was übrig bleibt, so ist's unser Verdienst!«

Er tat so, als hätte auf ihn der Ringkampf mit Katerina Lwowna nicht den

geringsten Eindruck gemacht.

»Dieser Ssergej ist ein verdammter Mädchenjäger!« berichtete die Köchin

Aksinja, ihrer Herrin nachgehend. »Alles an ihm ist gleich schön: der

Wuchs, das Gesicht, die Gestalt. Er kann jedes Frauenzimmer betören und

zur Sünde verführen. Dabei ist er ein untreuer, gemeiner Kerl!«

»Sag einmal, Aksinja,« sagte die junge Frau, vor der Köchin hergehend,

»lebt dein Kind noch?«

»Es lebt, Mütterchen, es lebt, was soll ihm geschehen? Wenn man ein Kind

nicht braucht, so ist es immer zählebig.«

»Wo hast du nur das Kind her?«

»Ach, man kriegt es leicht, wenn man unter Menschen lebt.«

»Ist dieser Bursche schon lange bei uns?«

»Welcher? Meinen Sie Ssergej?«

»Ja.«

»An die vier Wochen. Vorher war er bei den Kontschonows in Stellung,

wurde aber hinausgejagt.« Aksinja fuhr mit gedämpfter Stimme fort: »Man

sagt, er hätte dort mit der Hausfrau selbst angebandelt, darum hat ihn

auch der Herr hinausgejagt ... Er ist so furchtbar frech, der

Verruchte!«

Eine Teufelsaustreibung, und andere Geschichten · 第 40 / 74 题