Im Frühjahr des sechsten Jahres nach Katerina Lwownas Verheiratung gab
es auf der Ismajlowschen Mühle ein Unglück: das Hochwasser hatte den
Damm durchbrochen. Die Mühle hatte gerade viel Arbeit, und der Schaden
war sehr groß: das Wasser kam unter den Lauftrog des leeren Gerinnes und
ließ sich nicht wieder einfangen. Sinowij Borissowitsch trieb die Leute
aus der ganzen Umgegend zusammen und überwachte Tag und Nacht die
Arbeiten; die Geschäfte in der Stadt versah der Alte, und Katerina
Lwowna war tagelang allein zu Hause. Als sie ohne Mann geblieben war,
fühlte sie anfangs noch größere Langweile; dieser Zustand gefiel ihr
aber mit der Zeit nicht schlecht; sie konnte freier aufatmen. Sie hatte
ihn ja niemals geliebt, nun hatte sie wenigstens einen Aufseher weniger.
Einmal saß sie in ihrem Mezzanin am Fenster, gähnte, dachte an nichts
Bestimmtes und schämte sich zuletzt, immer so zu gähnen. Draußen war
aber der herrlichste Tag: warm, heiter, lustig, und durch das grüne
Holzgitter des Gartens waren flinke Vöglein zu sehen, die von Zweig zu
Zweig hüpften.
-- Warum gähne ich so? -- fragte sich Katerina Lwowna. -- Ich will
einmal aufstehen und in den Hof oder in den Garten gehen. --
Sie warf sich einen alten Pelzumhang um und ging hinaus.
Unten auf dem Hofe ist es so hell, die Luft ist so erfrischend, und auf
der Galerie bei den Speichern schallt lustiges Gelächter.
»Was freut ihr euch so?« fragte Katerina Lwowna die Angestellten des
Schwiegervaters.
»Wir haben eben ein lebendes Schwein gewogen,« antwortete ihr der alte
Verwalter.
»Was für ein Schwein?«
»Das Schwein Aksinja, das den Sohn Wassilij geboren und uns zur Taufe
nicht eingeladen hat,« berichtete ihr frech und lustig ein Bursche mit
kühnem, hübschem Gesicht, pechschwarzen Locken und einem kaum
sprossenden Bärtchen.
Aus dem Mehlkübel, der am Wagbalken angehängt war, sah in diesem
Augenblick das dicke rotbackige Gesicht der Köchin Aksinja heraus.
»Verdammte Teufel!« fluchte die Köchin, indem sie nach dem eisernen
Wagbalken griff und sich Mühe gab, aus dem hin- und herpendelnden Kübel
herauszukriechen.
»Acht Pud wiegt sie vor dem Essen, und wenn sie zu Mittag ein Fuder Heu
gefressen hat, so langen die Gewichte nicht!« erklärte der gleiche
hübsche Bursche. Mit diesen Worten drehte er den Kübel um und warf die
Köchin auf die in der Ecke geschichteten Säcke.
Die Köchin fluchte noch immer, eigentlich mehr im Scherz, und zupfte
sich das Kleid zurecht.
»Nun, und wieviel wiege ich?« fragte Katerina Lwowna. Sie stieg auf das
Brett und hielt sich an den Stricken fest.
»Drei Pud sieben Pfund,« antwortete der hübsche Bursche Ssergej, nachdem
er die Gewichte nachgezählt hatte. »Ein Wunder!«
»Was wunderst du dich so?«
»Daß Sie über drei Pud wiegen, Katerina Lwowna. Ich glaube, daß ich Sie
den ganzen Tag auf den Armen herumtragen könnte, ohne dabei müde zu
werden. Ich würde es sogar für das größte Vergnügen ansehen.«
»Bin ich denn etwa kein Mensch? Würdest wohl müde werden!« erwiderte
leicht errötend Katerina Lwowna, die solche Reden nicht mehr gewohnt war
und plötzlich das Verlangen fühlte, lustig zu plaudern und zu scherzen.
»Gott behüte! Ich würde Sie bis nach dem glückseligen Arabien tragen,«
antwortete Ssergej auf ihre Bemerkung.
»Du redest Unsinn,« sagte der Bauer, der das Getreide aufschüttete. »Was
ist unsere Schwere? Ist es denn unser Körper, der was wiegt? Unser
Körper, mein Lieber, wiegt nicht, es ist nur unsere Kraft, die uns zur
Erde zieht, und nicht der Körper!«
»Als Mädchen hatte ich eine große Kraft,« sagte Katerina Lwowna, die
sich wieder nicht beherrschen konnte. »Mancher Mann konnte mich nicht
niederringen!«
»Erlauben Sie mal Ihr Händchen, wenn das wahr ist,« bat der hübsche
Bursche.
Katerina Lwowna errötete wieder, reichte ihm aber die Hand.
»Laß los, es tut weh!« schrie Katerina Lwowna auf, als Ssergej ihre Hand
in der seinigen zusammendrückte. Mit der freien Hand stieß sie ihn vor
die Brust.
Der Bursche ließ ihre Hand los und taumelte vor ihrem Stoß einige
Schritte zur Seite.
»Und das will ein Frauenzimmer sein!« wunderte sich der Bauer.
»Nein, nicht so! Wollen wir einmal richtig ringen?« sagte Ssergej, seine
Locken schüttelnd.
»Nun, versuch's,« antwortete Katerina Lwowna, immer lustiger werdend,
und hob die Ellenbogen.
Ssergej umschlang die junge Frau und drückte ihre pralle Brust an sein
rotes Hemd. Katerina Lwowna rührte nur die Schultern, Ssergej hatte sie
aber schon in die Höhe gehoben, hielt sie eine Weile in den Armen,
drückte sie zusammen und setzte sie zuletzt auf einen umgekehrten
Scheffel.
Katerina Lwowna hatte nicht einmal Zeit gehabt, ihre Kraft, mit der sie
so prahlte, zu zeigen. Über und über rot, zupfte sie den Pelzumhang, der
ihr von der Schulter geglitten war, zurecht und ging langsam aus dem
Speicher. Ssergej räusperte sich aber und rief:
»He, ihr Esel! Schüttet das Getreide auf, schont die Arme nicht! Wenn
was übrig bleibt, so ist's unser Verdienst!«
Er tat so, als hätte auf ihn der Ringkampf mit Katerina Lwowna nicht den
geringsten Eindruck gemacht.
»Dieser Ssergej ist ein verdammter Mädchenjäger!« berichtete die Köchin
Aksinja, ihrer Herrin nachgehend. »Alles an ihm ist gleich schön: der
Wuchs, das Gesicht, die Gestalt. Er kann jedes Frauenzimmer betören und
zur Sünde verführen. Dabei ist er ein untreuer, gemeiner Kerl!«
»Sag einmal, Aksinja,« sagte die junge Frau, vor der Köchin hergehend,
»lebt dein Kind noch?«
»Es lebt, Mütterchen, es lebt, was soll ihm geschehen? Wenn man ein Kind
nicht braucht, so ist es immer zählebig.«
»Wo hast du nur das Kind her?«
»Ach, man kriegt es leicht, wenn man unter Menschen lebt.«
»Ist dieser Bursche schon lange bei uns?«
»Welcher? Meinen Sie Ssergej?«
»Ja.«
»An die vier Wochen. Vorher war er bei den Kontschonows in Stellung,
wurde aber hinausgejagt.« Aksinja fuhr mit gedämpfter Stimme fort: »Man
sagt, er hätte dort mit der Hausfrau selbst angebandelt, darum hat ihn
auch der Herr hinausgejagt ... Er ist so furchtbar frech, der
Verruchte!«