München und Leipzig
R. Piper & Co., Verlag
Von diesem Buche wurden fünfzig Exemplare auf echtem holländischem Bütten
abgezogen, in Ganzpergament gebunden und vom Verfasser eigenhändig signiert
und numeriert. Preis des Exemplars zehn Mark.
Mnais
Soll ich herabsteigen? Würdest du sehr erschrecken, wenn ich's täte? Ja,
horch, ich bin's, zu der du im geheimen betest, wenn wie jetzt der Mond um
mein Gebüsch herflimmert. Du meinst, ich wüßte nicht um dich, armer Knabe,
und nennst mich deine tote Nymphe. Ich bin keine Göttin und nicht tot,
Mnais bin ich, eine Sikulerin, seit langer, schlimmlanger Zeit in Marmor
gefesselt, einst aber meiner süßen Glieder froh und der Sonne, die
Goldreifen um sie bog, und des Quells, der sie kühl und hart machte, und
des Schattens, der die ausgestreckten mit den Abbildern kleiner Blätter
sprenkelte. Hirtin war ich; und am Grunde des Tales, unter Farnen saß ich,
und meine Hand drückte die Euter des geduldigen Mutterschafes in den
irdenen Krug aus. Nun ward es Abend; klagend riefen die Hirten von den
Kuppen der Berge einander zu; und ich trieb, den Milchkrug hoch auf meinen
blonden Flechten, die Herde heim. Sie umdrängten meine Füße; die Leiber der
alten schaukelten wollig; die jungen erhoben blökend ihre hellen Mäuler zu
mir; und ich war mitten in einem Getrippel wie von vielen Regentropfen, und
in einem warmen, befreundeten Duft. Den Wanderern bot ich einen Trunk aus
meinem Kruge. Der gab mir eine Münze dafür und jener ein Stück Maiskuchen.
Ein Hirte aber, Krupas, der nach Böcken riecht und dem ihr Fell um die
Knöchel zottelt, griff in mein Gewand. Ich riß mich los, wie schon oft, und
sprang über den Steg. Warum aber schüttelte diesmal mich Zorn? Ich reckte
über meine Herde hinweg, denn sie versperrte ihm den Weg, die Hände nach
dem Begehrlichen und rief ihm Schmähungen zu. Er lachte, und gekränkt
drehte ich ihm den Rücken. Am Rande des Olivenfeldes aber hielt ich den Fuß
an und bedachte, daß der Krug, mein schöner, rotgebrannter, mit der
fliegenden Nike, mir vom Kopf gestürzt und zerbrochen war. Hin fiel ich da
und schrie Wehe und verwünschte, die Arme zum Himmel erhoben, den
Verderber. Ach! nicht hat ihn, wie ich's erflehte, der Blitz hingestreckt,
und sicher war er von einer neidischen Gottheit abgesandt -- denn mit dem
Zerbrechen des Kruges begann die Strafe meines harten Geschickes.
Zwischen den sanften Ölbäumen stürzte ich die Erdstufen hinan und klagte es
den guten Gottheiten der Bäume, wieviel ich verloren habe. Auch meinen
Schafen jammerte ich's vor. Der Krug, den der Vater aus Syrakus mitbrachte!
Die Mutter wird mich schlagen, sie wird mich verfluchen! Da trat aus ihrer
Hütte, unter dem weißen, unbekannten Baum hervor, Rhus, die Hexe, und rief:
»Ei, hole dir einen neuen beim Timander!«
Schreiend floh ich; naht ihr doch niemand ohne Bangen; kein Bursche der
Gegend, mag sie immerhin eine schöne Frau sein, tritt in ihren Dienst, aus
Furcht, daß sie ihn verzaubere; und niemals auch bleibt ein fremder Knecht
ihr lange im Hause. Eines Tages fehlt er, und statt seiner ist ein Esel da
oder ein Bock, den vorher niemand gesehen hatte. Sie aber rief mir nach:
»Zum Timander geh', dem Künstler, droben in der Villa des Faustus!«
Warum mußte ich gehen? Groß war die Furcht vor der Mutter. Die Herde
schickte ich heim und am Bergabhang durchschritt ich die Obelisken des
Römers. Zwischen den steilen Cypressen eilte über die steinernen Treppen
das Wasser, schwemmte Nymphen mit, von Tritonen verfolgt, und bespritzte
die grünen Faune, die im Schatten lachten. »Wo ist Timander?« rief ich, und
»Timander!« antwortete hinter den düster glänzenden Laubmauern eine Dryade.
Ich suchte, und ich verlor mich in den langen dunklen Lauben, wo überall
Bilder der Gartengötter mich erschreckten und verspotteten. Der Ausgang
endlich brannte, ja, ihn umstanden rote Flammen, und in wilder Angst
wendete ich den Fuß. Wie aber auch das Ende des nächsten Blätterganges rot
beleckt war, wollte ich laufend hindurch, und laufend und in meinem Herzen
betend, gelangte ich auf eine Wiese, die ganz voll rosigen Himmels hing.
Steinbilder lagen umgestürzt im Grase, und tönerne Krüge und -- ihr Götter!
-- der da glich ganz dem meinen! Nimmst du ihn, Mnais? Nimmst ihn und
schleichst zurück? Ich spähte umher: Da entdeckte ich zwischen den Büschen
ein niedriges Haus und im Dunkel der Tür einen Jüngling, der mich ansah.
Meine Arme sanken herab, die lieben Knie zitterten mir.
Er trat auf die Schwelle; Timander war's; und er sagte lächelnd:
»Nimm dir den Krug, da du ihn dir ja wünschest, und geh nur!«
Ich bückte mich nach dem Kruge; aber anstatt zu gehen, fragte ich:
»Was tust du? Du bist Timander? Und dies ist dein Haus?«
Er lächelte noch; oder war's der rosige Himmel auf seinem Gesicht? ja,
vielleicht war sein Lächeln der Himmel selbst. Und er antwortete:
»Ich suche in dieser Tonerde den Gott.«
Rasch beugte ich mich darüber.
»Drücke deine Hand hinein,« sagte er, und dann:
»Nun wird eine Göttin deine Hand bekommen, und vielleicht werden große
Herren sie mit den Lippen berühren.«
Da ich ihn nur ansah:
»Freut dich's? Was du für Augen hast! Wild und wirr von Freiheit, wie die
Augen einer Waldfrau, die hier eingebrochen wäre. Gewiß bist du eine? So
neugierig stehst du da und so scheu! Rasch muß ich dich festhalten und dir
deinen warmen Abdruck rauben!«
Dabei spähte er in mein Kleid, und ich merkte mit Schrecken, daß sich's vom
Laufen verschoben hatte.
»O laß!« sagte er, und bewegte gleichmütig die Hand, wandte sich, ging
pfeifend hinein und holte ein Brett und Lehm. Beim Kneten sah er her und
weg, her und weg, aber sein Auge war so streng und allein, als sähe es gar
nicht mich, als wäre mein Gesicht, das er doch abbildete, nicht Mnais'
Gesicht. Mir ward es seltsam kalt.
»Laß dein Kleid fallen!« sagte er zwischen den Zähnen, und als ich
erschreckt zauderte, stampfte er mit dem Fuß. Da warf ich, bevor ich's
bedacht hatte, alles von mir. Ich fühlte, wie mir das Blut zu den Augen
stieg, wagte nicht, die Hände davor zu heben und mußte lassen, daß Tränen
kamen. »Was wird er denken!« Aber er sah es gar nicht.
Plötzlich seufzte er tief auf, seine Hände beruhigten sich; lächelnd strich
er sich die Locken aus der Stirn.
»Hüte dich, Mnais,« sagte er, »daß nicht das Auge eines Gottes auf dich
fällt, wenn du nach dem Bade ruhest und schläfst.«
Und da ich erstaunte:
»Denn die Nymphe, die ihn liebt, würde neidisch werden und sich an dir
rächen.«
»So schön findest du mich?« fragte ich und meinte, er müsse mein Herz
pochen sehen. Er betrachtete aber das, was er gemacht hatte. Auf einmal
ward mir der Atem schwer.
»Dich selbst,« sagte ich, »werden gewiß Göttinnen besuchen?« Und ich spähte
in sein Haus, nach dem Herd und der Bank. Er warf irgend etwas mit der
Schulter weg.
»Ich verschmähe sie. Nur Athene: sie, vielleicht, habe ich schon auf meiner
Schwelle erblickt. Aber sie war -- beruhige dich! -- hart und schwer
bekleidet, und die geraden Falten um sie her schaukelten nicht einmal.«
»Liebst du denn ein sterbliches Mädchen?« fragte ich und lachte.
»Ich liebe nur meinen Herrn.«
»Wie? Ein Sklave wärest du?«
»Du meinst wohl, ich wünschte mir's anders? Ein Künstler bin ich, geehrt
und gut bezahlt. Was habt ihr Freien? Ihr frohndet dennoch meinem Herrn, --
der mich nährt und liebt. . . . Da bist du, Crassus!« rief er. »Freund!«
Und er und der Jüngling, der aus der Laube trat, breiteten beide die Arme
aus. Der andere war ein Brauner, Hagerer, mit einem Lorbeerkranz über der
Stirn. Er zeigte auf mich.
»Sie hat,« erklärte ihm Timander, »einen Krug von mir gekauft und mir ihr
Bild dafür gelassen.« Dann gingen sie beide begierig um das Bild herum,
eine lange Weile; und ich stand und dachte beklommen, wie ich entkomme. Wie
in einen Brand war ich einst auf diese Wiese gestürzt; und nun war der
Himmel erloschen und die Luft so matt.
»Dürstet dich nicht, Freund?« sagte Timander. »Mir hat die Arbeit Durst
gemacht. Nimm, Mnais, deinen Krug, geh' hinein und mische uns Wein!«
Ich brachte ihnen den Trunk; mir war's, wie wenn die Mutter mich hart
gescholten hätte. Demütig blieb ich stehen.
»Sieh doch,« sagte sein Freund, »sie hat eine Flöte am Halse hängen: eine
Hirtenflöte. Befiehl ihr doch, daß sie uns ein Lied spielt.«
»Spiele,« sagte gleichgiltig Timander und streckte sich aus. Ich spielte,
indeß sie plauderten und sich kühlten, bis sie im Eifer ihres Lachens
einander die Arme um die Schultern legten: da schlich ich mich, immer noch
spielend, in die Laube und, kaum ihren Blicken entrückt, rannte ich, von
Angst brennend, durch den Garten, aus dem die Götter fort waren, und
hinaus, hinweg, wo irgend ein Versteck wäre.
In einem Felsspalt nächtigte ich, denn nicht wollte ich der Mutter meine
Augen zeigen, und vor Tag stieg ich in den Quell Argenos und bat ihn, er
solle mich schön machen, schöner als Bilder, schöner als Timanders Freunde.
Er lachte, Argenos, hell, wie er immer lacht. Mit seinem Spiegel tröstete
er mich. Und wie ich in die Villa des Faustus zurückkehrte, standen die
lieben Götter alle wieder da. In den hohen Hecken schwebte die Morgenröte;
tausend zwitschernde Stimmen regten sich darin, und ein seliger Tau fiel.
Das Gras küßte mir die Füße. »Ich will ihm die Füße küssen,« dachte ich,
»und ihn so aus dem Schlafe wecken.« Nun fand ich die Wiese, nun lugte ich
ins Haus. Wie? Leer war's. Bangend betrat ich's, zauderte, strich mit dem
Finger über ein Stück Ton, das von seiner Hand die Rundung hatte, legte die
Wange auf seine Bank. Da schreckte lautes Gähnen mich auf. Timander kam
über die Wiese. Er schwankte, blickte fahl, und die Rosen zerblätterten in
seinem zerzausten Gelock.
»Was willst du?« fragte er mit schwerer Zunge.
Und da ich erschreckt verharrte: »Es gibt keinen Krug mehr. Hast du ihn
wieder zerbrochen? Aber ich brauche dich nicht: das da ist fertig.«
Er zeigte nach meinem Bild.
»Geh!«
Und er warf sich auf die Bank. Schon hörte ich ihn im Schlaf atmen, kehrte
zurück und neigte mich über ihn. Welch süße Brust! Wie Eros' Finger die
kleinen Schatten weich eingesenkt hatte in die Wange das schönen Jünglings,
unter seine Augen! Aber sein Mund erschreckte mich: er war wie von einem
satten Tier. Feucht war er in den Winkeln, feucht von Küssen! Ich tastete
über seine Haut, und die Spuren von Küssen traten heraus, auf der Stirn,
auf der Schulter: überall. Ich schluchzte, schüttelte mich und sah: sah all
mein Mißgeschick. »Du Verlorener!« klagte ich.
»Mögest du sterben! Dein Grab werden sie Mnais lassen. Du aber gehörst
ihnen!«
Wieder floh ich; und im Tal, wo sonst meine Schafe weideten und nun die
harte Sonne mit sich allein war, rang ich die Hände. »Was ist aus dir
geworden, Mnais? Verloren bist du! Er hat dich krank gemacht und will dich
nicht heilen. Ohne ihn aber stirbst du. Nicht lange mehr soll dein Leib
duften und blühn. Deine Haut wird welken, deine Glieder abmagern, und
unfruchtbar und Göttern und Menschen zur Unlust, schleichst du dahin. Dem
Unglück gebar dich die Mutter!« Und da ein Adler nach Beute kreiste: »O,
nimm diese! Sie sind unnütz!« rief ich, reckte mich auf einem Stein und bot
ihm, in die Luft hinauf, meine beiden Brüste.
Hirten erspähten mich, stiegen herab und umkreisten mich, spotteten und
boten sich mir zur Liebe an. Krupas war unter ihnen der Dreisteste. Nackt
über seinen Fellen und meckernd beugte er sich herüber und wollte mir das
Kleid fortziehen. Heute aber erschreckte mich nicht sein Bocksgeruch: ich
nahm nur meine Flöte an die Lippen und ging, ohne ihrer aller zu achten,
spielend aus dem Tal. Ich weiß nicht, was ich spielte; mir selbst war's
unbekannt; und doch flog ich darin fort, als entführte ein Gott mich in
seinem Mantel: mich, die nicht mehr Mnais war, und die Häuser und Wege und
Geschöpfe, die ich kannte, lägen klein dort unten -- und auch das Herz, das
mein gewesen war, dort unten . . . Als ich mich umsah, stand ich im Dorf,
und um mich her waren alle Nachbarn. Auch die Mutter erblickte ich und
wunderte mich, daß sie mich nicht schmähe, sondern lächle, als machte ich
ihr Scheu. Es murmelten aber Stimmen:
»Mnais ist wohl einem Gotte begegnet. Laßt sie allein.«
Sie wichen zurück. Als Krupas vorbeikam, sah ich seine Stirn so voller
Falten, wie wenn sich im Tempel der innerste Vorhang bewegt.
Da stieg ich, immer spielend, zum Vorgebirge hinauf, wo der Himmelsrand
lang und hell ist zwischen zwei singenden Pinien und Pan auf das Meer hinab
lacht.
»Du lachst, Pan,« sagte ich, »Mit dir lacht das Meer und die Erde; und ihr
habt wohl recht, denn zu vielem Guten taugt alles Geschaffene. Nur Mnais
ist glücklos und schlecht. Lache ihrer und nimm ihre Flöte.« Ich hängte sie
ihm um, bekränzte ihn frisch und ging.
Über den blauen Wäldern begann, als es Abend ward, das weiße Haus des
Faustus zu glänzen. Immer mußte ich hinaufsehen, und alle Wege führten ihm
entgegen. Nun unterschied ich Säulen und nun Rosengewinde. Wie ich aber am
Gartentor ankam, war auch die letzte der hohen Marmortreppen von Laub
verschlungen. Umsonst suchte ich sie wieder, am Ende aller Lauben, von den
Schultern der Brunnenreiher, aus den Kronen der Bäume, die ich bestieg.
Entrückt ist er, liegt den Freunden im Arm und weiß nichts von Mnais. In
einem Dickicht schlief ich ein, obwohl aus dem Finstern mich Augen
anfunkelten; erwachte beim Grauen und horchte: aber nur Ratten pfiffen
zwischen nassem Gestein. Er kam nicht! Er kam nicht in der Nacht, nicht am
Morgen und bis zum Abend nicht. »Sie haben ihn mir geraubt für immer!« Aber
im Dunkeln fand ich ihn neben einer Steinbank hingestreckt; Füchse berochen
ihn; -- und ich kniete nieder, legte seinen Kopf mir in den Schoß und
behütete, den Fledermäusen wehrend seinen Schlaf.
So trieb ich's; im Dämmern erst kam ich; und nur dem Schlafenden, nur dem
trunken Heimtastenden näherte ich mich. Einst sah ich ihn, der unter dem
Handrücken hervorblinzelte, und um ihn her auf der mondblauen Wiese war ein
Ring tanzender Nymphen, deren harte kleine Vogelstimmen ihn neckten und
lockten. Das Herz entsank mir. Aber ungestüm brachte Zorn es mir zurück und
ich stürzte vor. Da entflohen die Nackten mit Gekreisch, und bewußtlos sank
Timander an diese Brust.
Eines Abends dann: nichts ahnend trete ich auf die Lichtung vor sein Haus,
da steht er mit vielen Freunden, alle stumm, und hoch auf dem Gerüst, hell
und schön, ich selbst: ja wirklich, die Form der Mnais, halb aus dem Marmor
getreten. Schon hatte ein Ach mich verraten und sie holten mich
Erschrockene herbei.
»Willst du einen Krug?« fragte Timander mich, »du hast mir Glück gebracht.
Die Freunde loben dein Bild und verlangen es von mir in Stein. Ich
gehorche. Gehorche auch du und lege dein Kleid ab.«
»Vor uns allen?« sagte Crassus. »Man sieht, Timander, daß dir die Frauen
mit nichts gefällig sein können als mit ihrem Umriß. Was sie sonst etwa
noch zu verschenken haben, gönnst du jedem.«
Ich aber, meiner Schande mir bewußt, streifte mit einer Begeisterung, die
mir schwindlich machte, das Leinen von meinen Gliedern . . . So stand ich
und bot mich preis. »So will ich stehen bleiben,« dachte ich; »will mich
nie mehr rühren. Mnais lebt nur noch in der Hand des Timander, die an ihrem
Nacken feilt und dabei ihre Brust umspannt.« Ja, ich fühlte in meinem
Fleisch den Druck, die Wärme, den Schlag seiner Hand, die den Marmor
bearbeitete. Noch oft geschah mir's so, und jedesmal war ich nachher an
allen Gliedern wund durch seinen Hammer und glücklich: von einem
aufzehrenden, bösen Glück, nach dessen Heilung ich weinte, Tage und Nächte
mit Tränen vollweinte, deren er nicht achtete.
Eine andere ward ihrer inne: Rhus, die Zauberin. Sie rief mich an, wie ich
vorüberkam. Ich wollte laufen, aber ich hörte:
»Du liebst den Timander!«
Und da mußte ich stehen bleiben.
»Ich wußte es,« sagte Rhus. »Als ich dich zu ihm schickte, war mir bekannt,
welches Geschick dir die Götter bestimmten. Willst du nun, daß er dich
liebt?«
Ich drehte mich nach ihr um; aber sehen konnte ich sie nicht, wegen der
hervorbrechenden Tränen.
»Dann geh' und bring' mir ein trächtiges Schaf.«
Ich holte es eilends. Als ich zurück war, lagen die Erdstufen mit den
Ölbäumen im Abendschatten. Die Pforte zu Rhus' Gärtchen war aus einem
einzigen Brett, das ächzte wie in einem bösen Traum; und ungewiß, wie
weiße, tote Augen, blickten die Beeren des unbekannten Baumes herüber: ja,
wie Augen von Erdrosselten. Das Haus, hoch und schmal, hatte als Rückwand
den Felsen, war grau wie er, und steingrau umarmte es der tückische Baum.
Ganz in Fels und Baum stak das Haus; aus dem Fenster sah der Ast, der zur
Tür hineinwuchs; und deutlich gewahrte ich, daß aus seinem bleichen,
schlaffen Laub ein Gesicht sich neigte, das alte Gesicht der steingrauen
Dryade.
»Rhus!« rief ich in Angst, aber sie kam nicht.
»Rhus!«
Da sprach ihre Stimme von oben aus dem Ast:
»Erhebe deine Hand!«
Ich tat es; meiner Hand schauderte, denn klebrig und kalt waren die weißen
Früchte, kalt auch und biegsam wie Schlangen die Blätter, und über meinem
Scheitel, im Laub, umspannte meine Hand ein Gefäß.
»Verschütte nichts!« sagte Rhus' Stimme.
Behutsam hob ich's herab; es war voll fast bis zum Rand, glänzte dunkel und
duftete herb.
»Gib es ihm zu trinken,« sagte Rhus' Stimme. »Er wird sterben, aber vorher
wird er dich lieben . . . Zittere nicht! Denn was du verschüttest, ist
Liebe, die du nie schmecken wirst . . . Sein Tod macht dir Angst? Du
stürbest lieber selbst? So stirb! Und dein Lohn soll sein, daß er dich
liebt, sein Leben lang nur dich, ob auch längst Mnais' Adern erstarrten und
in ihren lieben Augen kein Licht mehr wohnt.«
»Was wird geschehen?« fragte ich, und Kälte überzog mich. »Muß ich denn
wirklich den Tod erleiden?«
Rhus' Stimme erwiderte:
»Schweig' und folge! Wo nicht, verschütte immerhin den Saft! Die Erde
trinkt ihn und Timanders Liebe ist begraben.«
»Was soll ich tun, Rhus?«
»Steige hinab ins Haus, stütze den Kopf an die Wurzeln des Baumes und dann
trinke!«
Da setzte ich den Fuß an und ging Schritt vor Schritt dem Hause zu. Meine
beiden Hände waren um die Schale und meine Augen fest auf ihr, daß kein
Tropfen herausfalle; aber in meinen Ohren waren auf einmal lauter Stimmen,
von Tieren, von sanften Frauen, die aus den Ölbäumen herausgetreten waren.
»Mnais,« sagten ein Nachtvogel, der meine Wange streifte, und ein Zweig,
der mich an der Schulter berührte, »Mnais, verschütte den Saft und behalte
dein süßes Leben!«
Und mir zu Füßen flüsterte es:
»Ich bin nur ein kleines Gras und dein Fuß kann mich töten. Ist er aber an
mir vorbeigegangen, dann lebt noch immer Pans Atem in mir und glücklicher
bin ich dann als Mnais, die starb und von Timander geliebt wird.«
Ich aber verschloß meine Ohren und stieg, den purpurnen Himmel und die
warme Erde meidend, von der Schwelle ins Haus hinab, Stufe nach Stufe, in
mein Grab; und am Ende meiner erhobenen Arme, bedächtig, daß ich nicht
ausgleite, und sorgsam, daß kein Tropfen zu Boden falle, trug ich meinen
Tod vor mir her. Die Wurzeln des unbekannten Baumes waren schlüpfrig wie
Eis; und als ich ihnen rückwärts meinen Hals zubog, schlossen sie sich
darum wie Zangen. Ich erschrak, hatte Furcht, meine Hände möchten zittern,
und trank; trank und starb.
Und ich erwachte und sah zu meinen Füßen Timander. Über sein Gesicht, zu
mir erhoben, floß der Mond. Er floß auch auf Wiesen und Hecken und von der
Schwelle seines Hauses: lautlos und bleich. Timander dachte, lautlos:
»Nur dich lieb ich auf Erden! Was sind mir die Freunde! Ich möchte frei
sein, um mit dir mich zu verbergen.«
Und ich antwortete ihm mit meinen Gedanken:
»Ich habe dich lieb, Timander!«
Er dachte wieder und ich verstand ihn:
»Mnais ist verschwunden, Niemand hat sie gesehen. Ein Gott, sagt man, hat
sie entrückt. Ich kenne den Gott: er bewegt meinen Meißel. Ihre süße Seele
ist nun in meinem Werk: drum kann sie nicht mehr unter den Menschen
umhergehen.«
Da bemerkte ich, daß seine Hände meine Knie umfaßten und daß ich's gar
nicht fühlte; sah seinen Mund auf mich zukommen und empfand nicht seinen
Druck; und erkannte, daß ich steinern sei. In mir entstand ein Quell von
Tränen, deren keine einzige hinausdurfte, und unter den Tränen antworteten
ihm meine Gedanken:
»Es war gut, Timander, daß ich für dich starb.«
* * * * *
Soll ich herabsteigen? Zu dir, Knabe, der in jeder Nacht, trotz den
Wächtern, trotz den eisernen Stacheln sich über die Gartenmauer wagt, um im
Geheimem während der Mond um mein Gebüsch her flimmert, zu mir zu beten? Du
liebst mich, und mich liebte Timander. Glaube nicht, du seist der erste.
Wohl seufzte Mnais, solange sie ihrer süßen Glieder sich freute, umsonst
nach des Timander Herzen; seit sie aber als Stein verwittert, fiel ihr
seins zu und das anderer Männer und deins. Willst du davon hören? Du,
dessen im Monde schmachtendes Gesicht ein wenig dem des Timander gleicht?
Vielleicht kennen sich eure Seelen. Ich will dir erzählen, und es wird mir,
quäle ich dich ein wenig, scheinen, als quälte ich den Timander.
Kein treuerer Liebhaber hat einer Sterblichen gelebt. Er wachte zu meinen
Füßen und schlief im Grase, in das er mich bettete, auf meiner Brust. Nicht
ermüdete ihn die Kälte meiner harten Glieder; sondern tief in den
unbeweglichen erriet und fühlte er die Schauer von Mnais' wandelbarer
Seele: und doch war sie ihm einstmals nichts als eine scheu und neugierig
vorgeneigte Fremde gewesen, eben nur vom Wert der Tonerde, in die sie ihre
Hand drückte. Begreifst du's? Ich nicht. Nur eine mitleidige Lust machte
mir der Fall des Stolzen; und glücklicher liebte ich ihn, da ich seiner in
meinem Herzen ein wenig spotten, ihn ein wenig verachten durfte.
»Du starbst für mich?« fragte er und suchte in meinen erblichenen Augen.
»Sag' es mir, meine tote Nymphe!«
Aber ich verschloß mein Herz, damit es nicht denke:
»Es ist gut, Timander, daß ich für dich starb.«
Seine Freunde kamen, seine Herren, und wollten ihn zurückholen. Einst
überraschte Crassus ihn, wie er sein Gesicht an Mnais' Herzen geborgen
hatte, trat unhörbar im Grase herbei und schlug ihn. Timander fuhr herum.
»Vor dieser!« rief er schrill und fuchtelte.
»Sie sieht nicht;« und Crassus verhöhnte ihn für seine Liebe zum fühllosen
Stein. Dann umschlang er meinen Geliebten und bat. Timander setzte sich auf
meinen Sockel und schloß die Augen. Er widerstand wie eine Frau. Crassus
ward zornig, ging fort und drohte ihm mit Faustus dem Herrn. Der kam: ein
fetter Alter, auf zwei Sklaven gestützt, der laut atmete und übel roch. Er
zwinkerte dem Crassus zu und sagte, ich gefalle ihm, er wolle mich hinauf
nach dem Hause tragen lasen. Vergeblich warf Timander sich ihm zu Füßen.
»Ich will dich freilassen,« sagte Faustus. »Aber dein Werk gehört mir.«
Als er fort war, fragte Timander mich:
»Soll ich dich zerschlagen?«
»Tu's, Lieber,« sagte ich. Er aber:
»Faustus würde befehlen, mich mit Ruten zu peitschen.«
Und er ließ es. Ihr Zärtlichen duldet wohl nicht gern Schmerz? Ei sieh! Ihr
möchtet, daß man für euch stürbe, zum zweitenmal stürbe; aber die
Rutenstreiche, die es euch kosten würde, reuen euch!
So stand ich nun, auf der Seite, wo das ruhelose Meer sie bespült, am
Gipfel der weißen Treppen, umschwankt von Rosenketten, umwirbelt von
Weihrauch und umdunstet von Wein, von Gewürzen und gesalbten Knabenleibern.
Aglaë, eine Flötenspielerin, die ich Lebende gekannt und wegen ihrer
Feilheit beschimpft hatte, lehnte sich an mich, an diesen jungfräulichen
Leib, und ließ sich von Trunkenen küssen. Nur wenn am fahlen Morgen alle im
Schlafe röchelten, konnte Timander, ein Freigelassener, der die Freiheit
fürchtete, über sie fort bis vor meine Knie kriechen. Eine Dirne riß ihn
um, dem die Lider sanken; -- und über dem üblen Atem jeder sterbenden Orgie
verharrte Mnais, den windigen Morgen auf ihren spiegelnden Hüften, hoch und
allein.
Noch immer sah ich meine Glieder rein und glatt; und jene welkten,
verschwanden, wechselten. Timander war nicht wie sie und nicht wie ich. Alt
war er und jung zugleich. Ihm hingen nun graue Strähnen im blonden Haar,
und sein müdes Gesicht war das eines Knaben, der zu lange gewacht hat. Er
konnte noch schmollen, lispeln, schelmische Streiche ausdenken; und die
Fremden, Neuen verachteten ihn dafür. Nur Mnais verstand ihn. Einst kam ein
Mächtiger, dem Bewaffnete voranschritten; und Timander stürzte aufgeregt
herbei.
»Crassus, du bist's?« -- atemlos vor Glück.
»Auch du noch da?« sagte kalt der Mächtige. Keinen Lorbeerkranz mehr trug
er; aber in seinen verwitternden Falten, im Winken seines Fingers selbst
war der Ruhm. Timander ließ die Arme sinken.
»Du bist gewichtig geworden, Crassus,« sagte er, schüchtern spottend, »und
nicht jünger. Altern wir denn wirklich? Diese hier« -- und er zeigte auf
mich -- »bleibt doch dieselbe!«
»Noch immer der Narr,« erwiderte Crassus, »der Spieler!«
Timander aber:
»Spielt nicht auch ihr? Ich habe nie verstanden, wie ihr euch ernst nehmen
konntet! Weißt du wohl noch, als ich einmal zu euch gesprochen habe wie ein
Tribun, weil ihr einen unschuldigen Sklaven gekreuzigt hattet? Ihr wolltet
mir zürnen. Ich hoffe, du zürnst mir nicht mehr. Ist nicht alles nur Ton,
worin wir spielend nach Göttern suchen?'«
Crassus blickte auf mich. Dann nickte er dem Timander zu.
»Eins gelang dir. Treibe es in deiner Art und lebe wohl!«
Er sprach zu ihm gnädig und mit Ungeduld, wie zu einer Frau, die man nicht
mehr begehrt; und er wandte sich weg.
Ich aber, die den Timander alt und verlasen sah, gedachte in meinem Herzen
meiner verlorenen, warmen und süßen Glieder, die von der Sonne in Gold
gebogen, vom Quell kühl und hart gemacht, vom Schatten mit den Abbildern
kleiner Blätter gesprenkelt wurden; und erschauerte in neuer Angst, weil
sie so lange schon vermodert waren im Hause der Rhus, und bald nun auch
Timander in Staub fallen sollte. »Armer!« dachte ich. »Besser in Stein
gekerkert fortdauern, als mit dem Fleisch das süße Leben lassen müssen!«
Timander aber nahm das Kinn aus der Hand, steckte sie in die Brustfalten
seines Kleides und trat vor mich hin.
»Dennoch,« sagte er, aufgerichtet, »bin ich's, der dich machte!«
Auf seltene Art aber starb er und schöner als die meisten. Denn als
Barbaren uns überfielen, die anderen alle in verzweifelter Gier, die Neigen
des letzten Festes noch im Hals, durch Schwerter dahinsanken wie sonst
durch Kelche, und um mich her Blut dampfte statt Wollust: da lehnte sich
mit ausgebreiteten Armen an Mnais, die ein Wilder bedrohte, Timander -- und
ließ sich durchbohren und vergoß sein Blut über Mnais Timander. Bist du
zurückgekehrt, Timander? Stehst vor meinem Gebüsch, um das der Mond
flimmert? Lange erwarte ich dich. Timander, ich habe dich lieb, und es war
gut, daß ich für dich starb!
Nicht lieblich waren, seit du mir entschwandest, meine Tage. Ich ward übers
Meer gefahren und trauerte in einer Ebene unter den Resten von meines Herrn
Reichtümern, versank, indes ich meinen Bauch verwittern und meine Hüften
rauh und grün werden sah, Zoll um Zoll in Gras und Sand. Ein Mensch in
einer braunen Toga, mit einem Strick um den Leib, zog mich hervor, und als
er viele seinesgleichen herbeigeholt hatte, betrachteten sie mich mit
gierigem Haß, schmähten und steinigten mich. Dann berieten sie, zerrten
mich in eine Stadt unter viel Volk, hängten mich in Ketten auf und lasen
mir mein Urteil von Pergamenten. Die Zauberin Diana nannten sie mich. Der
mich hervorgezogen hatte, ein abgezehrter Junger, war der Vergiftetste, in
seiner Bosheit Häßlichste. Er zerbrach meinen Arm. Des Nachts aber, in die
einsame Grube, wohinein sie mich geworfen hatten, brachte er mir meinen Arm
zurück, küßte mich und legte sich, mit den Zähnen klappernd, zu mir . . .
Aber jenes Volk behauptete, ich sei sein Unglück, und es trug mich auf das
Gebiet seiner Nachbarn und scharrte mich darin ein.
Wie lange wohl meine lieben Augen begraben geblieben sind? Als wieder die
Erde von ihnen abfiel, erblickte ich sehr bunte, laute Menschen, und ihr
Herr, Einer im goldenen Brustpanzer mit einer schreienden Medusa darauf,
umarmte mich und rief lärmend, er wolle sich mir vermählen. Wo wir
vorbeikamen, waren Altäre erbaut, kniete Volk und schwangen erzene Klänge
durch die Luft. In einem Saal, beim Mahl, wo es nach ganzen Schweinen
stank, die vergoldet waren, dachte ich der weißen Säulen des Faustus,
zwischen denen einst Weihrauchkreise zu mir aufstiegen, und des gemessenen
Crassus und des anmutigen Timander -- und Verachtung entrückte mich diesen,
die mich lieben wollten.
Sie starben; und andere führten die Nymphe, die Diana, die Waldfrau oder
Aphrodite in ihre Galerien, ihre Gärten, maßen sie durch Gläser, zeichneten
sie, verkauften sie und schwärmten sie an; -- und immer war's doch nur
Mnais, eine Hirtin, die scheu und demütig sich über die Hand des Timander
beugt, des Jünglings, den sie lieben wird.
* * * * *
Soll ich herabsteigen? Würdest du sehr erschrecken, wenn ich's täte? Ach,
der Mond verrinnt; schon bespült er nur noch den Rand der runden Steinbank
um mich her, und meiner Nische und des Gebüsches, das von Morgenluft zu
rascheln beginnt. Gähnend würde der Wächter nahen, würde uns überraschen
und dich fangen, Knabe. Drum flieh, eh' es Tag ist, damit du zur Nacht
wiederkommen kannst. Mnais erwartet dich. O, sie fürchtet nicht, daß du
ausbleibst. Von der Art des Timander bist du, und nicht wird ein Mädchen,
das noch seiner warmen Glieder sich freut, dich mir wegnehmen. Deiner toten
Nymphe gehörst du. Laß immerhin deinen liebenden Atem meine kalten Glieder
bestreichen. . . . Aber du hörst mich wohl nicht mehr? Erstirbt schon, da
die Vögel erwachen, meine Stimme? Schon zweifelst du wohl, daß ich's war,
die so lange zu dir sprach? Aber ich war's, Mnais, eine sizilische Hirtin,
die den Timander liebte, die er liebte, und die von vielen geliebt ward.
Hörst du? Aglaë, die Flötenspielerin, spottete einst, als wir, noch
unerwachsen, unserer Väter Schafe hüteten, meiner zu schmalen Glieder,
meines langen Halse. Längst ist sie bei den Schatten; Mnais aber liebst du,
Knabe. Soll ich herabsteigen? Nein, flieh, lebe wohl, setze behutsam die
Sohlen auf den Kies; -- und eilst du an der schrägen Wiese vorbei, auf der
in den geröteten Himmel Pegasus die Flügel breitet, dann hüte dich, ihm zu
nahe zu kommen, damit er dich nicht ergreift und mit sich reißt. Denn dies
ist die Stunde, da er auffliegt.