Der Fähnrich

Die neue Pfarrfrau auf Lövdala hatte die Gewohnheit, durch alle Leute

Botensendungen und kleine Aufträge besorgen zu lassen. Wenn irgend

jemand am Pfarrhaus vorüberkam, einerlei ob Bauer oder Herr, stets stand

die Pfarrfrau auf der Küchentreppe und winkte und rief, bis er anhielt.

Dann mußte Maja Lisa oder die Kleine eiligst auf die Straße hinauslaufen

und die Vorüberfahrenden bitten, doch so freundlich zu sein, ein Pfund

Butter mitzunehmen, das Frau Raclitz dem Hauptmann auf Berga verkaufen

wollte, oder einen Weberkamm, den sie von der alten Frau Moreus entlehnt

hatte.

Bisweilen gab sie ihnen sogar Sachen mit, die schwer und groß und

umständlich zu besorgen waren, und bald waren die Leute in steter Angst,

wenn ihr Weg sie an Lövdala vorbeiführte. Es war ihnen unangenehm, der

Pfarrfrau ihre Bitte abzuschlagen, aber ganz unmöglich war es,

vorbeizukommen, ohne daß sie einen sah.

Nun, jedenfalls hatte sie ein ganz besonderes Talent, die Leute dazu zu

bringen, Besorgungen für sie zu machen.

Ja selbst ein solcher Tunichtgut wie der schöne Örneclou mußte ihr

notgedrungen einmal einen Gefallen tun.

Es sah indes zuerst nicht danach aus, als sollte zwischen dem Fähnrich

und der Pfarrfrau große Freundschaft entstehen, als er in der letzten

Januarwoche auf Lövdala eintraf. Er pflegte immer um diese Zeit zu

kommen und dann acht bis vierzehn Tage zu bleiben. Aber gleich bei

seiner Ankunft sagte die Pfarrfrau, sie werde es schon so einrichten,

daß dieser Tagedieb nicht alt auf dem Hofe werde. Er war gerade in die

strengen Arbeitstage nach den vielen Weihnachtsfestlichkeiten

hineingekommen, und jetzt wollte sie keinen Gast im Hause haben, den man

bedienen mußte.

Und dann mußte man ja nicht Örneclou allein aufnehmen, sondern auch noch

sein Pferd; denn so arm er auch war, mit einem eigenen Pferd kam er doch

angefahren. Und das Pferd mußte sein Futter und seine Wartung haben,

gerade wie sein Herr.

Die Pfarrfrau tat alles, was sie konnte, um es Örneclou recht

ungemütlich zu machen. Zum ersten ließ sie das Zimmermädchen den

schweren Reisesack, worin er seine Brennscheren und Perücken verwahrte,

in das geringere Gastzimmer tragen. Örneclou war gewöhnt, in dem guten

Gastzimmer zu wohnen, wo es eine Feuerstelle und ein Himmelbett mit

feinen Daunenkissen und Federpolstern gab; aber er hatte niemals so

befriedigt ausgesehen, wenn er dort eingetreten war, als jetzt, wo er

nur in das geringere geführt wurde.

Ei, hier habe er von jeher schlafen wollen! sagte er. Dies sei ja das

Zimmer, das man im Pfarrhaus das »Nachtquartier« nenne, weil jeder

beliebige Mensch, der daherkomme und um ein Nachtlager bitte, darin

aufgenommen werde. Hier könne er fast sicher sein, in später Nacht noch

Gesellschaft zu bekommen, er schlafe ohnedies schlecht, da brauche er

jemand, mit dem er sich unterhalten könne. Und in dem großen Himmelbett

im Gastzimmer sei es immer gleich so dumpfig, da liege er viel lieber

hier in der schmalen Bettstelle auf Stroh.

Das allerbeste sei aber doch, daß weder Feuerstelle noch Ofen vorhanden

sei, sondern daß das Zimmer seine Wärme von dem großen Kamin bekomme,

der von der Küche heraufführe und beinahe die halbe Stube einnehme. Wie

schön: kein Rauch und kein Ruß, nur eine gleichmäßige, behagliche Wärme

den ganzen Tag hindurch!

Und eine solide, prächtige Einrichtung habe er hier auch mit dem

unangestrichenen Tisch und den ungepolsterten Stühlen. Da könne er

durchaus nichts verderben, wenn er seine Perücke brenne oder sich den

Schnurrbart färbe.

In dieser Weise fuhr er fort, solange sich das Zimmermädchen in der

Stube befand. Welches Gesicht er aber machte, als sie gegangen war, das

kann niemand wissen. Es war ein kalter Tag, und es war gewiß nicht sehr

warm in dem ungeheizten Zimmer, während er sich umzog und sich fein

machte. Aber seine Wangen schimmerten im schönsten Rosenrot, und seine

Augenbrauen waren prächtig gemalt, als er zum Mittagessen herunterkam;

kein Mensch konnte sehen, daß er das Kunstwerk mit vor Kälte steifen

Fingern hatte ausführen müssen.

Die Pfarrfrau wußte eines recht gut: es gab keinen größeren

Feinschmecker als Örneclou. Nicht genug damit, daß er immer etwas Gutes

essen wollte, nein, er legte auch großen Wert darauf, das Essen in einem

schönen Zimmer einzunehmen und es auf feinem Damast und blankem Silber

zu bekommen.

In früheren Zeiten, darüber hegte die Pfarrfrau durchaus keinen Zweifel,

war während seiner Anwesenheit im Saal gegessen worden, und man hatte

ihm aufgetischt, was das Haus vermochte; aber jetzt, wo sie seinem

Besuch so bald ein Ende machen wollte, deckte sie in der Küchenkammer

auf richtige Werktagsweise und bot ihm nichts als Blutklöße und

Kohlsuppe an.

Örneclou war in seiner allerliebenswürdigsten Laune und sagte dem

Pfarrer eine Schmeichelei um die andere darüber, daß er so klug gewesen

sei, sich wieder zu verheiraten. Wenn man bedenke, wie gut es der alte

Propst in Sjöskoga, der so viele Jahre lang Witwer gewesen war, hätte

haben können! Als er, der Fähnrich, ihn zum letztenmal besuchte, sei im

Eßzimmer der Boden nicht gefegt gewesen, und sie hatten in einem der

Schlafzimmer essen müssen. Kein einziges reines Tischtuch habe es

gegeben, sondern alle voller Flecken, und die Mägde seien zu faul

gewesen, jeden Tag zu kochen; die Kohlsuppe vom Sonntag sei jeden Tag

wieder aufmarschiert, und sie hätten noch froh sein müssen, wenn sie

recht lange reichte.

Da habe es sich sein alter Freund und Bruder auf Lövdala ganz anders gut

eingerichtet. Eine so tüchtige Hausfrau, wie seine Gattin, könnte man

weit suchen. Überall habe man ihm ihr Lob gesungen, und er sei mit

großen Erwartungen aller der Leckerbissen, die er diesmal zu schmecken

bekommen werde, hergereist. Und außerdem, wie gut sei es doch für Maja

Lisa, daß sie nun lernen könne, wie ein Tisch gedeckt und wie die

Speisen angerichtet und aufgetragen werden sollten, und zwar von jemand,

der so gut wisse, wie es in feinen Häusern zugehe.

Der schöne Örneclou hatte ein besonderes Talent, Bosheiten zu sagen, und

sie trafen meist auch ins Schwarze; aber Anna Maria Raclitz gehörte

nicht zu denen, die sich ein paar Stichelreden zu Herzen nahmen, sondern

sie sagte mit ihrer rauhen Stimme:

Wenn es dem Herrn Fähnrich bei diesem Witwer nicht gefallen habe, dann

hätte er ja leicht abreisen können.

Da merkte Örneclou, daß er, wenn er nicht eine andere Taktik einschlug,

weder im Saal speisen noch in dem guten Gastzimmer schlafen durfte.

Am liebsten wäre er gleich wieder abgereist; aber da war noch etwas

anderes im Spiel! Ein Frauenzimmer wollte ihn verjagen, das war doch

merkwürdig! In seinem ganzen Leben war ihm das noch nicht vorgekommen,

und darein konnte er sich nun und nimmer finden!

Er war allerdings bald mitten in den Vierzigern, aber doch immer noch

ein schöner Mann, dem bis jetzt kein weibliches Wesen hatte widerstehen

können.

Und der Fähnrich blieb da. Ein paar Stunden saß er mit dem Pfarrer am

Brettspiel, und als dieser in der Dämmerung hinausging, um mit dem

langen Bengt etwas Landwirtschaftliches zu besprechen, ging der

Fähnrich in den Saal und unterhielt sich mit der Pfarrfrau.

Frau Raclitz saß kerzengerade auf einem Stuhl am Fenster und benützte

das letzte Restchen Tageslicht, ein paar Strümpfe fertig zu stopfen.

Örneclou machte nun einen Versuch, die Festung zu stürmen. Er sagte, er

fühle, daß er alt werde, aber mit den Jahren sei er doch allmählich

klüger geworden. Die jungen Mädchen seien alle miteinander unbeständig

und flatterhaft. Er wolle nun mit diesem Schmetterlingsgegaukel

aufhören, und deshalb möchte er die Frau Base fragen -- er hoffe doch,

er dürfe als alter Freund Base zu ihr sagen --, ob sie wohl eine etwas

ältere Dame kenne, ja natürlich zu alt sollte sie auch nicht sein, aber

doch einige zwanzig, die gesetzt und häuslich wäre und sich um so einen

armen Kerl, wie er einer sei, annehmen würde?

Die Pfarrfrau saß unbeweglich da. In dem trüben Dämmerlicht war nicht zu

erkennen, was für ein Gesicht sie machte. Aber Örneclou glaubte doch zu

bemerken, daß sich ihre schmalen Lippen ein wenig verzogen. Sollte sie

sich am Ende über ihn lustig machen?

Ei, das war ja eine ganz gefährliche Person, die Lyselius da geheiratet

hatte! Örneclou wußte doch bestimmt, wenn man eine ältere Dame für sich

einnehmen wollte, gab es kein sichereres Mittel, als daß man sie für

seine Heiratspläne zu interessieren suchte.

Noch nie in seinem Leben hatte Örneclou mit einem Frauenzimmer von

anderem gesprochen als von Liebe und Heirat. Es fiel ihm absolut nichts

anderes ein, wovon er mit ihnen reden könnte. Deshalb fing er nun noch

einmal von derselben Sache an, nur daß er jetzt gerade das Gegenteil von

dem sagte, was er vorher vorgebracht hatte.

»Ich sehe schon,« fuhr er fort, »Ihr, liebe Frau Base, habt so viel von

mir gehört, daß Ihr nicht glaubt, ich werde mit einer Gattin zufrieden

sein, die nicht schön und auch nicht mehr ganz jung wäre.

Aber das dürft Ihr mir doch zutrauen, daß ich möchte, sie solle neben

diesen anderen guten Qualitäten auch klug und verständig sein. Und ich

denke, Maja Lisa Lyselius wäre jetzt, seit sie unter der Leitung der

Frau Base steht ...«

Hier hielt Örneclou vorsichtigerweise inne, um herauszubringen, ob er

weitergehen dürfe, oder ob er etwas Ungeschicktes gesagt habe. Die

Dämmerung senkte sich immer tiefer herab, und es fiel ihm immer

schwerer, die Gesichtszüge der ungeselligen Person, die da vor ihm saß,

zu unterscheiden.

Aber eigentlich sah es aus, als ob die Pfarrfrau verstohlen lächelte.

»Ich weiß wohl, Maja Lisa soll natürlich einen Pfarrer heiraten und hier

auf Lövdala wohnen und regieren«, fuhr Örneclou fort. »Und dafür spricht

ja auch vieles. Lyselius wird ihr schon einen frischen, prächtigen Mann

aussuchen, der mehr versteht, als auf einer Kanzel zu stehen, und der

die Landwirtschaft ebensogut betreiben kann wie er selbst. So einer wie

ich würde alle Augenblicke seine Schwiegermutter um Hilfe bitten

müssen, und das würde ihr wohl beschwerlich sein.

Ihr, Frau Base, möchtet wohl am liebsten, wenn Ihr Witwe werdet -- und

es ist ja betrüblich, in Parenthese gesagt, wie Lyselius im letzten Jahr

abgenommen hat --, wie Frau Beata Spaak ruhig in Eurem Stübchen sitzen

und Euch um nichts mehr kümmern.«

Die Pfarrfrau saß noch wie vorher bolzgerade da und zog die Nadel heraus

und hinein. Aber jetzt wendete sie sich dem Fenster zu, um besser zu

sehen, und da sah Örneclou, daß sie tatsächlich lachte.

Nun fing er an zu glauben, sie sei gegen jeden Angriff gefeit. Er stand

auf, um in sein Zimmer hinaufzugehen und seine Perücken zu locken oder

seine Busenkrause zu tollen, was er meistens tat, wenn er schlechter

Laune war.

Doch jetzt wendete sich die Pfarrfrau an ihn und stellte ihm auch eine

Frage.

»Da Ihr, Herr Fähnrich, überall herumkommt, kennt Ihr wohl auch diesen

Liljecrona, der Pfarrer in Finnerud ist?«

Der Fähnrich erschrak. Was er vorhin vom Heiraten gesagt hatte, schien

doch Eindruck auf sie gemacht zu haben. Vielleicht war Liljecrona als

Schwiegersohn ausersehen, und jetzt hatten am Ende seine Worte den

Gedanken in ihr erweckt, er sei nicht so ganz geeignet dazu.

»Olle Liljecrona!« sagte er. »Gewiß kenne ich ihn. Ich bin sogar

wiederholt bei ihm in Finnmarken gewesen. Das ist wirklich ein

prächtiger Mensch, der alles versteht. Er hat ja sogar die Männer und

Weiber da droben in allen möglichen nützlichen Beschäftigungen

unterrichtet.«

»Ich möchte sehr gerne wissen, ob er nicht ein Auge auf unsere Maja Lisa

geworfen hat,« fuhr die Pfarrfrau ganz offenherzig fort, »und man hört

ja auch nichts als Gutes über ihn.«

Sie tat nur mütterlich interessiert; aber Örneclou meinte doch aus ihrem

Tone etwas herauszuhören, das darauf deutete, daß sie nichts dagegen

hätte, wenn sie irgendeine Klatscherei über den Freier erfahren könnte.

»Ach, Ihr, Frau Base, seid doch wohl verständig genug, Nachsicht mit der

Jugend zu haben«, sagte Örneclou. »Man muß bedenken, wie einsam er es da

droben unter den Finnen hat. Ich selbst bin immer der letzte, der in

solchen Fällen einen Stein aufhebt. Aber leugnen läßt es sich allerdings

nicht, daß Liljecrona seit Jahren ein Verhältnis in Finnerud hat. Doch

kann das sehr leicht in Ordnung gebracht werden, ohne daß Maja Lisa auch

nur das geringste davon erfährt.«

Die Dunkelheit hatte die Pfarrfrau endlich gezwungen, das Stopfen

aufzugeben. Aber sie zündete deshalb kein Licht an, sondern griff nach

einem Strickzeug, an dem sie, auch ohne die Augen zu gebrauchen,

weiterarbeiten konnte. Die Nadeln bewegten sich still und gleichmäßig,

aber als der junge Örneclou sagte, der Pfarrer habe ein Verhältnis, da

klirrten sie in ihren Händen.

Und die Stimme der Pfarrfrau klang auch ganz verändert, als sie

entgegnete:

»Was sagt Ihr da, Fähnrich? Es ist doch wohl nicht möglich, daß ein

Pfarrer ... Wie kann der Bischof ...«

»Ach, Frau Base, Ihr wißt nicht, wie entlegen Finnerud ist. Und ich

glaube sicher, daß außer mir niemand irgend etwas von der Sache weiß,

nicht einmal seine nächsten Verwandten. Ich selbst bin auch nur durch

einen reinen Zufall der Sache auf die Spur gekommen. Auch habe ich

selbstverständlich gegen jedermann darüber geschwiegen und hätte auch

jetzt nichts gesagt, wenn ich es nicht für meine Pflicht hielte, einer

zärtlichen, fürsorglichen Mutter meine Bedenken mitzuteilen.«

Wieder klirrten die Stricknadeln heftig gegeneinander, und die Pfarrfrau

sagte: »Es ist vielleicht gar nicht wahr. Heutigestags werden alle

Menschen verleumdet.«

Örneclou räusperte sich, und dann begann er:

»Ihr zwingt mich, Euch mehr zu verraten, als ich möchte. Aber wie

gesagt, ich halte es für meine Pflicht, der Frau Base einen klaren

Einblick in die Sache zu geben. Ich versichere Euch, bis zu meinem

letzten Besuch vor Weihnachten hatte ich keine Ahnung, wie es bei

Liljecrona bestellt war. Er war nicht daheim, als ich ankam, aber seine

Haushälterin empfing mich aufs beste und bat mich, die Heimkehr des

Hausherrn abzuwarten. Na, es dauerte recht lange, bis er kam, und

unterdessen ließ ich mich mit der Frau in ein Gespräch ein. Wißt Ihr,

sie ist in ihrer Art eine vortreffliche Person. Nicht von finnischer

Herkunft, sondern aus dem Schwedengau, wie sie da droben sagen, und

wirklich überraschend tüchtig. Voller Bewunderung habe ich den

unermüdlichen Eifer gesehen, mit dem sie dem armen Liljecrona das Leben

in dem Finnendorf erträglich gemacht hat.

Nun, wir sitzen also beisammen und reden von dem und jenem. Nicht wahr,

Ihr versteht, sie kommt nicht von besseren Leuten, ist eigentlich nur

ein Bauernmädchen, aber doch recht verständig in allem, was sie sagt.

Wir haben indes noch nicht viele Worte gewechselt, als ich merke, daß

sie etwas bedrückt. Ich spreche ihr freundlich zu -- Ihr wißt, ich

verstehe mich ein wenig auf Frauenzimmer --, sie faßt Vertrauen zu mir.

Da fragt sie mich geradeheraus, ob ich meine, daß Liljecrona das große

Pastorat bekommen werde. Er hätte ihr versprochen, ja schon vor acht

Jahren, als er zuerst da hinaufkam, sie zu heiraten, sobald er eine

bessere Stelle erhalte. Nun aber habe sie große Angst, weil dieses

Sjöskoga gar so großartig sei. Wenn jetzt nur Liljecrona nicht denke,

sie sei zur Pröpstin nicht fein genug.

Ihr versteht, sie war ganz verzweifelt. Ich gab mir alle Mühe, sie zu

beruhigen, so gut ich konnte, und versprach ihr auch, Liljecrona

betreffs seiner Pläne auf den Zahn zu fühlen. Am nächsten Tag sagte ich

Liljecrona geradeheraus, daß ich das Verhältnis durchschaut hätte, und

fragte ihn, warum er denn eigentlich die Verbindung nicht rechtskräftig

mache. Da sagte er ganz offen, dazu sei er zu arm. Wenn er seine Magd,

wie er sich ausdrückte, heirate, dann werde sie ja die Frau, und dann

müsse er sich zu ihrer Bedienung eine andere Magd halten. 'Denn dessen

kannst du versichert sein,' sagte er, 'dann melkt sie keine Kühe mehr

und hilft auch Pekka nicht mehr auf dem Acker. Selbstverständlich werde

ich sie heiraten, sobald ich die Mittel dazu habe.' Ich erwiderte: wenn

er nun nach Sjöskoga komme ... 'Ach, Sjöskoga,' versetzte er, 'das will

ich gar nicht haben. Ich habe im Sinn, zurückzutreten.'«

Örneclou schwieg. Er konnte die Pfarrfrau in der Dunkelheit kaum noch

unterscheiden und hörte auch die Stricknadeln nicht mehr klirren. Es

wurde ihm beinahe unheimlich zumut. Vielleicht hatte er sich hier, wenn

auch nicht ein Verbrechen, doch immerhin eine sehr große

Unvorsichtigkeit zuschulden kommen lassen.

»Jetzt habe ich der Frau Base alles gesagt, was ich weiß«, begann er

wieder. »Und ich möchte Euch bitten, Euch nicht allzu viele Gedanken

darüber zu machen. Es gibt jedenfalls im ganzen Sprengel keinen

ausgezeichneteren jungen Geistlichen als Liljecrona. Bedenket, was das

heißen will, sich in dem Maße für arme Finnenbauern aufzuopfern! Mit

seinen Gaben volle elf Jahre in einer Armut zu leben, wie er es getan

hat! Ich möchte sagen, er ist ein Held, gerade wie der Korsikaner, von

dem man in jetziger Zeit so viel Wesens macht.«

Das Schweigen dauerte weiter, und dem Fähnrich wurde es immer

unbehaglicher zumut. Schon fing er wieder an, Liljecronas Lob zu singen,

als die Pfarrfrau von ihrem Platz aufstand und mit einer Stimme, die

einen ganz anderen Klang hatte, als während des vorausgegangenen

Gesprächs, sagte:

»Ich höre Lyselius kommen. Geht nun zu ihm hinein, Örneclou, und

unterhaltet Euch mit ihm, anstatt hier bei mir in der Dunkelheit zu

sitzen. Er freut sich sicher auf ein Plauderstündchen unter vier Augen

mit einem so guten alten Freund, wie Ihr seid.«

Und von da an war die Pfarrfrau wie ein umgewendeter Handschuh. Örneclou

durfte im Saal essen, er durfte im besten Gastzimmer schlafen, und es

wurden ihm so gute Gerichte aufgetischt, wie bisher nicht einmal der

Pfarrer bekommen hatte.

Örneclou war indes gar nicht sosehr überrascht. Er wußte ja von alters

her, daß ihm kein Frauenzimmer widerstehen konnte, wenn er sich so viele

Mühe gab, wie er bei der alten Raclitz aufgewendet hatte. Aber so ganz

verständlich war ihm die Sache doch nicht, und es war immer noch etwas

Sonderbares daran, bis er sich schließlich herausgeklügelt hatte, daß

sie sich sicherlich seinen Antrag überlegt und nun die Absicht hatte,

ihn zum Schwiegersohn zu erwählen.

Na ja, Örneclou hatte sich nicht soviel bei dieser Freierei gedacht.

Aber warum nicht? Es wäre gar nicht so übel, wenn er Maja Lisa bekäme.

Und daß er sie bekommen konnte, war klar wie der Tag. Die

Schwiegermutter war außerordentlich freundlich gegen ihn und wußte gar

nicht, was sie ihm alles zulieb tun sollte.

Aber ehe er sich ernstlich band, wollte er doch noch eine Reise durch

Värmland machen und alle die guten alten Plätze aufsuchen, wo er seither

Gastfreundschaft genossen hatte. Wenn er einmal verheiratet war und Frau

und Hof hatte, mußte er natürlich daheim bleiben. Er konnte sich deshalb

auch diesmal gar nicht so lange in Lövdala aufhalten, wie er sonst zu

tun pflegte, sondern mußte abreisen, je früher desto besser. Natürlich

nur, um desto schneller wieder zurückzukehren.

Als er darum an einem der nächsten Morgen erklärte, er müsse abreisen,

sah er der Pfarrfrau und auch der Pfarrerstochter wohl an, wie leid es

ihnen tat. Sie wollten ihn zum Bleiben überreden, aber er war

unerschütterlich. Vor Abend müsse er ganz notwendig in Karlstadt sein.

Natürlich sagte er nicht geradeheraus, daß er nur abreise, um bald

wiederzukommen und der Herr auf dem Hofe zu werden; aber dies lag alles

unter der Decke. Die Pfarrfrau, die offenbar ein ganz ungewöhnliches

Frauenzimmer war, verstand sicher, was es bedeutete.

Und schon ehe er abgefahren war, fühlte er das Heimweh in sein Herz

hineinschleichen. Ja, hier würde er gewiß glücklich sein!

Als er eben dabei war, seinen Pelzmantel anzuziehen, trat die Pfarrfrau

zu ihm und fragte, ob er ihr wohl einen Gefallen tun würde. Die gnädige

Frau auf Lökene hätte einen Hahn bei ihr bestellt, und nun möchte sie

fragen, ob es ihm nicht zuviel sei, wenn sie ihm das Tier mitgebe? Wenn

er doch nach Karlstadt fahre, komme er ja direkt an Lökene vorbei.

Der Fähnrich willigte gleich mit Freuden ein. Zum ersten konnte er der

künftigen Schwiegermutter einen Gefallen tun. Und zum zweiten bekam er

dadurch Gelegenheit, sich in Lökene zu zeigen und sich dort an einer

Mahlzeit gütlich zu tun.

Aber als der Fähnrich einwilligte, wußte er natürlich nicht, daß der

Hahn, den er mitnehmen sollte, lebend war.

Und da der Fähnrich in einem erbärmlichen kleinen Schlitten fuhr, so

konnte er es nicht anders einrichten, als die Kiste mit dem Hahn auf den

Sitz zu stellen und sich selbst hinten auf den kleinen Bock zu setzen.

Aber er behielt bis zuletzt seine gute Miene bei. Es galt ja, der alten

Raclitz zu zeigen, daß sie keinen artigeren und nachgiebigeren

Schwiegersohn bekommen könnte.

Als der Fähnrich abfuhr, herrschte wunderschönes helles Januarwetter.

Die Sonne schien so warm wie sonst Ende März, und von Kälte war gar

keine Rede.

Örneclou hatte das Gefühl, als sei er seit seiner Ankunft am gestrigen

Tage ein ganz anderer Mensch geworden. Lövdala und Maja Lisa! Besitzen

und regieren! Ein eigenes Heim haben und seine Freunde bei sich sehen,

sooft er nur wollte! Das war etwas anderes, als das ganze Jahr hindurch

von Hof zu Hof zu reisen und nie sicher zu sein, wie man aufgenommen

wurde, wenn man an der Freitreppe eines Herrenhofs vorfuhr!

Der Weg war gut; es ging rasch vorwärts, und Örneclou war bald in Loby.

Hier kam ihm ein alter Bauer mit einem Heuwagen entgegen. Das war gewiß

Björn Hindriksson selbst.

»Dieser Björn Hindriksson ist sicher ein prächtiger Mensch«, sagte

Örneclou vor sich hin, indem er das Pferd anhielt, um ein paar Worte mit

ihm zu reden. Björn Hindriksson war ja der Nachbar von Lövdala, und

wenn Örneclou nun doch bald der Herr dort wurde, lohnte es sich, ihn zum

Freund zu haben.

Aber zum Kuckuck! Was krähte ihm denn da in die Ohren, gerade als er

anhielt? Beinahe wäre er vor Schrecken von dem schmalen Kutschersitz

heruntergefallen. Den Hahn hatte er ja ganz und gar vergessen gehabt!

Örneclous Fingal machte keine Bewegung. Der war bei so vielem

dabeigewesen, daß ihn nichts mehr erschrecken konnte. Aber Björn

Hindrikssons Brauner war gegen Überraschungen nicht so abgehärtet. Er

ging durch, der Wagen fiel um, und die ganze Heulast lag in dem

Straßengraben.

Das war wahrlich nicht die richtige Art, eine freundliche Nachbarschaft

einzuweihen. In seinem Ärger knallte Örneclou seinem Fingal die Peitsche

um die Ohren, und sobald der Schlitten wieder in Gang kam, verstummte

der Hahn.

Wieder ging es rasch den Weg entlang, und wieder beschäftigten sich

Örneclous Gedanken mit Maja Lisa. Sie war schön, sie war erst siebzehn

Jahre alt, und halb Lövdala war ihr Eigentum! Ja, so einer wie er,

Örneclou, gehörte her, um noch ein so großes Glück zu gewinnen, jetzt,

wo er nicht mehr in seiner ersten Jugend stand!

Nun tauchte in der Ferne wieder etwas vor ihm auf. Diesmal ein Herr und

eine Dame zu Pferd. Das konnte wohl kaum jemand anders sein als die

Gräfin Dohna, die einen Ausritt machte.

Eine großartige Dame, diese Wittib auf Borg! Es war immer ein Vergnügen,

einer Reiterin zu begegnen, die so gut zu Pferd saß. Nur schade, daß sie

beständig diesen kleinen schwarzbraunen Emigranten mit sich führte, den

sie jetzt unter ihren Schutz genommen hatte.

Örneclou hielt an, stieg vom Bock herunter und nahm, die Mütze in der

Hand, eine bewundernde Stellung ein. Da krähte der Hahn. Die Gräfin zog

die Zügel an und sah sich verwundert um. Woher kam denn der

Hahnenschrei? Wie war es nur möglich, daß sich ein Hahn so weit von

jeglichem Hof entfernt hier auf der Landstraße befand?

Sie hätte vielleicht nichts gemerkt, wenn der Hahn nicht gleich noch

einmal gekräht hätte. Aber da begriff sie. Und da sie eine etwas

schadenfrohe Dame war, ließ sie sich mit Örneclou in ein Gespräch ein

und zwang ihn so, volle drei Minuten lang mitten auf der Landstraße zu

halten.

Und der Hahn krähte in einem fort, krähte zwischen jedem Wort, das sie

sagten.

Das mußte der schöne Örneclou aushalten! Der eleganteste Kavalier in

Värmland mußte es ertragen, daß sie ihn auf diese Weise zum Gespött

machte!

Die Gräfin saß ruhig auf ihrem Pferd, unterhielt sich mit ihm und tat,

als merkte sie gar nichts von dem Hahn. Sie schien absolut nicht zu

hören, daß jedes zweite Wort durch einen Hahnenschrei unverständlich

wurde.

Aber Örneclou stand wie auf Kohlen, und der Angstschweiß brach ihm auf

der Stirne aus. Schließlich konnte er es nicht länger aushalten. Er

warf sich auf den Bock und fuhr eiligst davon.

Da verstummte der Hahn, dafür aber hörte Örneclou sogleich der Gräfin

helles, perlendes Lachen hinter sich. Es verfolgte ihn bis an die

Dorfgrenze, es verfolgte ihn auf der ganzen Reise, ja es verfolgte ihn

sein ganzes Leben lang.

Am liebsten hätte er den Kistendeckel aufgemacht und den Hahn fliegen

lassen. Aber Örneclou dachte an Maja Lisa und an Lövdala, und so

beschloß er, der Versuchung zu widerstehen und auszuhalten. Bei der

Schwiegermutter durfte er beileibe nicht in Ungnade fallen! Und wenn er

jetzt nur erst an der Svartssjöer Kirche vorbei war, dann führte der Weg

durch eine einsame Waldgegend, da würde ihm sicher niemand mehr

begegnen.

Aber unglücklicherweise war das Wetter gar zu schön. Gerade an diesem

Tage wollten offenbar alle Menschen Ausflüge machen. Es dauerte gar

nicht lange, da kam dem Fähnrich sein Regimentschef entgegen. Örneclou

war ja längst nicht mehr im Dienst; aber trotzdem er seinen Abschied

hatte, setzte er seine Ehre darein, immer mit der Noblesse und der Würde

aufzutreten, die dem ansteht, der einstmals über das Feld der Ehre

geschritten ist.

Aber in demselben Augenblick, wo Örneclou sich zu einem strammen Gruß

aufrichtete, krähte der Hahn.

Nein, das konnte einen Menschen doch wirklich in Verzweiflung bringen!

Die eine unglückliche Begegnung folgte der andern auf dem Fuß nach.

Nichts als Unglück auf dem ganzen Wege!

Schließlich, weit draußen auf den Sundgårdsbergen, begegnete er dem

neuen Gutsbesitzer von Björne, Melchior Sinclaire.

Das war das einzige, was noch gefehlt hatte! Das war das schlimmste von

allem! Die Leute hatten Sinclaire den Spitznamen »der Gockelhahn«

gegeben, weil er so hochmütig und laut und immer zum Streiten und Raufen

bereit war.

Sinclaire kannte seinen Spitznamen und war durchaus nicht entzückt

davon. In seiner Gegenwart wagte man kaum noch Worte wie Hühner und Eier

in den Mund zu nehmen.

In dieser seiner Not beschloß nun Örneclou, bei Sinclaire nicht

anzuhalten, um ihn zu begrüßen, sondern so schnell, wie Fingal zu laufen

vermochte, an ihm vorüberzufahren.

Aber es fiel schlimm aus, wie er es auch machte. Der Gutsherr kam eben

aus Karlstadt zurück, wo er sich ein neues Schlittengeläute gekauft

hatte, und dieses klingelte nun so prachtvoll, daß der Hahn doppelt

ausgelassen wurde und im Vorbeifahren gerade recht laut krähte.

Örneclou richtete sich auf, um Fingal mit der Peitsche zu erreichen, und

versetzte ihm einen scharfen Schlag über die Lenden. Jetzt galt es, so

rasch wie möglich weiterzukommen.

Aber es sollte ihm nicht so leicht fallen, sich aus der Schlinge zu

ziehen. Melchior Sinclaire wurde wütend. Bis jetzt hatte er die vor

Örneclou stehende Kiste mit dem Hahn noch gar nicht zu Gesicht bekommen,

aber Örneclou hatte er sofort erkannt, und er glaubte, der Fähnrich

habe im Vorbeifahren wie ein Hahn gekräht, um ihn zu ärgern.

Rasch drehte er sein Pferd um und jagte nun hinter Örneclou drein, um

ihm eine Lektion zuteil werden zu lassen.

Der Fähnrich hörte ihn hinter sich und dachte, es wäre wohl am besten,

wenn er ihm die Sache erklärte. Da krähte der Hahn abermals so laut, daß

es im Walde widerhallte. Und der große Gutsherr, der meinte, es sei der

Fähnrich, wurde so rasend, daß er wie ein wildes Tier brüllte. Da wagte

es Örneclou nicht mehr, auf ihn zu warten, sondern er fuhr eiligst

davon.

Nun ging es ein paar Minuten lang in wilder Jagd über die Sundgårdsberge

hin. Aber der Gutsherr hatte einen flotten Traber, Örneclous Fingal

dagegen war alt und verbraucht, und so war es selbstverständlich, daß er

bald eingeholt wurde. Als Örneclou sich umschaute, sah er den Gutsherrn

mit hocherhobenem Peitschenstiel, der nun bald auf ihn, den armen

Örneclou, niedersausen würde.

Da sagte Örneclou seinen Hoffnungen auf Maja Lisa und Lövdala Lebewohl.

Er beugte sich vor, ergriff die Kiste mit dem Hahn und schleuderte sie

Melchior Sinclaire mitten in den Weg.

Auf diese Weise entkam er. Sonst hätte ihn der große Gutsherr sicherlich

totgeschlagen; denn wenn er zornig war, gehörte er nicht zu denen, die

sich auf Erklärungen einlassen und Gründe anhören.

Als der Fähnrich das Ilberger Gasthaus erreichte, war er vollständig

erschöpft, und er dachte, von dieser Fahrt werde er sich wohl nie wieder

ganz erholen.

Er lebte danach noch viele Jahre; aber so alt er auch wurde, fluchte er

immer wie ein Wachtmeister, wenn er auf dieses Ereignis zu sprechen kam.

Auf Lövdala ließ er sich nie wieder sehen. Denn dies war das

widerwärtigste Abenteuer, das er je in seinem Leben zu bestehen gehabt

hatte, und er konnte es nicht ertragen, daran erinnert zu werden.

Liljecronas Heimat · 第 19 / 28 题