Man kann wohl sagen, das sei doch nicht der Mühe wert, sich so darüber
zu grämen; aber da ging nun die Pfarrerstochter tatsächlich vierzehn
Tage lang verzweifelt umher, weil sie nicht wußte, wie sie sich einen
Speziestaler verschaffen sollte.
Wenn sie doch nur ihren Vater, wie es ihre Absicht gewesen war, gleich
am Morgen nach der Hochzeit darum gebeten hätte! Aber da war sie von der
Stiefmutter für das, was sie zu dem Schmied gesagt hatte, als er aus der
Fuchsgrube herausgestiegen war, hart gescholten worden. Und nicht allein
für das, was sie gesagt hatte, sondern auch weil sie in so auffallender
Weise auf ihn zugeeilt war. Es habe ausgesehen, als wolle sie ihm an den
Hals fliegen. Wann würde sie es endlich lernen, sich wie ein anständiger
Mensch zu betragen und nicht wie ein zwölfjähriges Schulmädel?
Danach war ihr der Mut, um das Geld zu bitten, vollständig vergangen.
Sie hatte auch ihren Vater durchaus nicht allein sprechen können, und
wenn sie es der Stiefmutter gesagt hätte, so wäre damit nur ein neues
Unwetter über sie losgebrochen.
Jedenfalls war es höchst unangenehm, daß sie ihr Vorhaben aufgeschoben
hatte, denn am nächsten Tag konnte keine Rede mehr davon sein, mit dem
Geständnis herauszurücken.
Da erst hatte nämlich die Stiefmutter erfahren, daß die Braut und der
Bräutigam mit der Hochzeitsgesellschaft von Loby im Pfarrhaus gewesen
waren. Das hatte die Stiefmutter aufs höchste erregt, und sie wäre
sicher noch aufgebrachter geworden, wenn sie erfahren hätte, wie
verschwenderisch Maja Lisa gewesen war. Einen ganzen Speziestaler zu
verschenken, unerhört!
Aber je länger die Pfarrerstochter die Aussprache über den entlehnten
Taler hinausschob, desto schwerer wurde es ihr, Vater und Mutter zu
bekennen, wieviel Geld sie schuldig war. Und schließlich mußte sie sich
selbst sagen, sie werde wohl niemals den Mut haben, um das Geld zu
bitten. Nein, es blieb ihr nichts übrig, als sich den Taler woanders her
zu verschaffen.
Sie sann und sann, dachte darüber nach, wenn sie an ihrer Näharbeit saß,
und grübelte darüber, wenn sie bei Nacht in ihrem Bette lag. Denn soviel
war sicher und gewiß, der Schmied mußte bezahlt werden. Diese Schmach
hätte sie nicht ertragen können, daß sie dem Mann, der ihr so gutherzig
zu Hilfe gekommen war, das Seine nicht wiedergegeben hätte.
Wenn sie doch nur zu Anna Brogren hätte reisen können! Aber daran war ja
gar nicht zu denken. Nie und nimmer würde die Stiefmutter sie zu jemand
reisen lassen, der sie liebhatte.
Aber an wen sonst konnte sie sich denn wenden? Großmutter war ebenso arm
wie sie selbst und hatte nichts, als was sie von Vater erhielt. Und Ulla
Moreus hatte wohl überhaupt noch niemals einen Speziestaler in ihrer
Hand gehabt.
Ach, sie war wahrhaftig in großer Verlegenheit! Sie konnte doch wirklich
auch nicht zum nächsten besten hingehen und zu ihm sagen, sie habe den
Mut nicht, Vater und Mutter um einen Speziestaler zu bitten.
Als sie nun am allerratlosesten war, fiel ihr ein, daß noch eine
Schwester ihrer Mutter lebte, und daß diese ihr wohl helfen könnte. Aber
ach, sie konnte fast das Lachen nicht unterdrücken, als sie sich
ausmalte, welche Miene die Tante aufsetzen würde, wenn sie ankäme und um
Geld bitten wollte!
Und die Tante hätte auch allen Grund, stutzig zu werden, denn die Nichte
war der Tante fremder als irgendein anderer Mensch auf der Welt. Ein
großer, weiter, unübersteiglicher Abgrund gähnte zwischen ihr und Maja
Lisa.
Nicht etwa, daß sie in Feindschaft miteinander gelebt hätten! Nein,
nein! Aber die Tante war in ihren jungen Jahren hingegangen und hatte
einen reichen Bauernsohn geheiratet, der es gewagt hatte, um sie zu
freien. Nach dem, was Maja Lisa darüber gehört hatte, waren die beiden
indes keineswegs aus Liebe ein Paar geworden. Er war ein hochmütiger
Mensch gewesen und hatte gedacht, es wäre großartig, wenn er eine
Pfarrerstochter zur Frau bekäme, und sie hatte gerade herausgesagt, sie
wolle lieber in einem reichen Bauernhof herrschen, als daheim sitzen
und auf einen armen Hilfspfarrer warten.
Seit die Tante auf den Bauernhof gezogen war, hatte sie sich freiwillig
von ihrer ganzen Verwandtschaft entfernt gehalten. Sie wollte ganz und
gar nichts mehr von ihrem früheren Leben wissen, und ganz besonders
paßte sie auf, daß ihr niemand von Lövdala nahe kam.
Sie wohnte nicht so sehr weit entfernt, sondern noch im Broer
Kirchspiel, kam aber niemals ins Pfarrhaus. Dafür fuhr entweder der
Pfarrer oder die Großmutter oder Maja Lisa jedes Jahr einmal nach
Svansskog und stattete ihr einen Besuch ab.
Ach, ach, Maja Lisa mußte gestehen, daß sie über diese Besuche auf dem
Bauernhofe nie besonders erfreut gewesen war! Die Tante war im Lauf der
Jahre eine echte und rechte Bauernfrau geworden; aber das war es nicht,
was Maja Lisa die Besuche bei ihr verleidete, sondern eher das
eigentümliche Benehmen der Tante, wenn sie von Lövdala Besuch bekam. Sie
ging ihnen nicht auf die Freitreppe hinaus entgegen, um sie zu begrüßen;
und wenn die Gäste ins Haus traten, konnte sie die Bemerkung, sie
machten sich wirklich zuviel Mühe, indem sie auf einem Bauernhof zu
Besuch kämen, nie unterdrücken. Aber gleich nachher konnte sie ihnen
vorrechnen, wie lange es her war, seit sie zum letztenmal dagewesen
waren; doch sie sagte dies alles durchaus nicht in freundlicher Weise,
sondern so, daß die Gäste sich ganz unglücklich fühlten und nicht
wußten, ob sie recht getan hatten, zu kommen, oder ob sie besser zu
Hause geblieben wären.
Aber war es nicht zu dumm von Maja Lisa! Eines Morgens, als sie mit
Vater und Mutter am Frühstückstisch saß, ließ sie ganz zufällig ein paar
Worte über die Tante auf Svansskog fallen und sagte, man dürfe sie doch
wohl nicht ganz vergessen.
Der Vater sah sofort von seinem Teller Grütze auf. Die Pfarrerstochter,
die eine Bauernfrau geworden war, hatte ihm von jeher leid getan, und er
war sehr darauf aus, sie immer wieder wissen zu lassen, daß sie in ihrer
alten Heimat nicht vergessen war. Jetzt überlegte er, wann zum
letztenmal jemand auf Svansskog gewesen war. Ja, es sei wohl schon eine
gute Weile her, meinte er, und sie müßten eigentlich wieder hinfahren
und einen Besuch dort machen.
Die Stiefmutter schwieg, weil sie von der Bauernfamilie nicht viel
wußte, und so mußte Maja Lisa antworten, daß seit letzte Weihnachten
niemand mehr auf Svansskog gewesen sei. Und sie wagte sogar
hinzuzufügen, Tante würde sich gewiß am meisten freuen, wenn Vater und
Mutter selbst hinkämen.
Aber so leichten Kaufs kam Maja Lisa nicht weg, das merkte sie bald:
Vater lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sah nicht sehr erfreut aus,
und er dachte wohl, auch die Verwandtenliebe habe ihre Grenzen.
Schließlich erklärte er, ihn habe die Tante oft genug gesehen, er
brauche nicht nach Svansskog zu fahren, um sich zu zeigen. Aber die
Mutter und Maja Lisa könnten noch am heutigen Tag hinfahren; es passe
auch ganz ausgezeichnet, da sowohl der lange Bengt als der Rappe frei
seien.
Da wurde der Besuch nun beim Kaffeetisch ausgemacht. Ach, Maja Lisa
hätte sich am liebsten die Zunge ausgebissen! Warum hatte sie von
Svansskog angefangen? Wie schrecklich, mit der Mutter zwei Stunden lang
in ein und demselben Schlitten fahren zu müssen!
Aber nach dem Frühstück ging Mutter mit Vater ins Studierzimmer, und als
sie wieder herauskam, war alles umgestoßen. Mutter sagte, es genüge
vollständig, wenn Maja Lisa allein nach Svansskog gehe. Man könne ihr
zwar wohl anmerken, daß sie keine große Lust dazu habe, aber es sei
nützlich für die Jugend, wenn sie das tun müsse, was ihr zuwider sei.
Auch könne sie nicht fahren, sondern müsse zu Fuß gehen, weil sie selbst
heute den langen Bengt in der Küche beim Talghacken nicht entbehren
könne; er werde aber am nächsten Tage kommen und Maja Lisa abholen.
Nicht mit einer Miene wagte die Pfarrerstochter zu zeigen, ob ihr diese
Nachricht angenehm oder widerwärtig war. Aber in ihrem Herzen mußte sie
sich sagen, wenn der Besuch auf Svansskog nun doch einmal nicht zu
umgehen sei, sei es ihr immerhin noch lieber, wenn sie allein hingehen
dürfe, anstatt mit der Mutter fahren zu müssen.
Da sie nun aber solange fortbleiben sollte, fragte sie, ob die Kleine
dann nicht ab und zu bei Großmutter einsehen dürfe, um zu fragen, ob sie
etwas brauche.
Aber die Stiefmutter konnte wohl nichts beistimmen, was Maja Lisa auch
immer vorschlagen mochte. Sie befahl nun sofort, die Kleine solle mit
nach Svansskog gehen; Maja Lisa werde doch wohl nicht denken, sie wisse
so wenig, was sich schicke, daß sie Maja Lisa den weiten Weg allein
gehen lassen würde. Und sie brauche sich auch wegen der Großmutter
durchaus nicht zu beunruhigen, es seien wirklich Frauenzimmer genug auf
dem Hofe, die nach ihr sehen könnten.
Jawohl, die Stiefmutter setzte ihren Willen durch, und schon nach einer
Stunde waren die beiden, die Pfarrerstochter und die Kleine, unterwegs.
In der Allee, und solange man ihnen von Lövdala aus nachsehen konnte,
gingen sie sehr ruhig und sittsam; aber bald kamen sie in ein
Tannengehölz, wo vom Pfarrhaus niemand mehr einen Schein von ihnen
entdecken konnte.
Ja, so viel ist sicher, die Pfarrerstochter hatte diesen Ausflug nach
Svansskog für etwas recht Langweiliges und Unnötiges gehalten; aber nun
war das herrlichste Winterwetter, das man sich nur denken konnte. Und
vor ihr ging es den Hügel hinab, einen langen steilen Weg. Und sie war
frei und vergnügt wie seit Monaten nicht mehr, es war ihr, als sei sie
einem engen Käfig entflohen. Und die junge Siebzehnjährige ergriff die
Hand der kleinen Dreizehnjährigen, und dann liefen beide mit langen
Sprüngen davon, bis sie in die große Schneewehe am Fuße des Hügels
hineingerieten, und da lagen sie und lachten aus vollem Halse.
Als sie in Svansskog ankamen, war es erst ein Uhr mittags. Sie hatten
auch recht Glück gehabt und nur die Hälfte des Weges zu Fuß gehen
müssen; denn schon von Broby an ließ sie ein Knecht von Svansskog
aufsitzen, der einen Fremden gefahren hatte und mit dem leeren
Schlitten heimkehrte.
Svansskog war zugleich Nachtherberge, obgleich sie lange nicht so
besucht war wie die auf Broby, wo die Leute beständig kamen und gingen.
Nach Svansskog, das ganz im Norden des Kirchspiels lag, kam höchstens
ein Reisender am Tag, und oft konnte gewiß eine ganze Woche vergehen,
ohne daß jemand einen Wagen verlangte.
Hier auf Svansskog war alles unverändert. Weder die Tante noch eine
ihrer Mägde erschien, um der Pfarrerstochter und der Kleinen aus dem
Schlitten herauszuhelfen.
Ach, ach! es wurde Maja Lisa so bang zumute, die Angst schnürte ihr die
Brust so zusammen, daß das Herz fast keinen Raum mehr zum Klopfen hatte.
Unterwegs war sie hoffnungsvoller gewesen; aber als sie jetzt aus dem
Schlitten stieg, hatte sie das bestimmte Gefühl, daß die Tante ihr nicht
helfen werde.
Svansskog war ein großes Gebäude mit dem Eingang mitten auf der
Langseite und nicht in der einen Ecke, wie das sonst bei den
Bauernhäusern der Fall war. Vor der Haustür war auch eine kleine
überdeckte Freitreppe mit einer Veranda, die zwar nicht ganz so groß war
wie die auf Lövdala, aber ihr sonst durchaus ähnlich sah und auch ganz
dasselbe Dach und ganz dieselbe Art von Pfeilern hatte.
Ja, es war wirklich sonderbar! Nun war die Pfarrerstochter schon sooft
hier gewesen, aber noch nie war ihr diese Veranda mit der Freitreppe
davor aufgefallen. Sie mußte erst ein Weilchen stehenbleiben, um sie zu
betrachten. Ja, und auch noch anderes fiel ihr auf. Das Wohnhaus war
alt, aber es war zu der Tante Zeiten renoviert und verändert worden, und
da hatte sicher die Kinderheimat als Muster gedient. Es waren hier
ebenso viele und ebenso große Glasscheiben in den Fenstern wie dort, und
die halbrunden Bodenfensterchen hätte man ganz gut von dem einen Dach
aufs andere hinübersetzen können, ohne daß jemand einen Unterschied
gemerkt hätte.
Da war es Maja Lisa gleich ein wenig leichter ums Herz. Vielleicht war
es schließlich doch keine so große Dummheit, daß sie hierhergekommen
war! Vielleicht war die ursprüngliche Pfarrerstochter doch nicht so ganz
verschwunden, wie sie sich selbst und anderen weismachen wollte!
Der Flur war hier kleiner als auf Lövdala. Wie dort fanden sich auch
hier halbrunde Eckschränke, die Wände waren auch grau angestrichen und
mit schwarzen und weißen Ölfarbenpunkten übersät. Das Treppenhaus hatte
grobe Balkenwände gerade wie daheim, und die Bodentreppe führte
gefährlich steil aufwärts mit kleinen schmalen Stufen. Hier konnte man
sicher ebensogut wie auf Lövdala das Geländer hinabrutschen, ohne mit
den Füßen nachhelfen zu müssen.
Dem Eingang gegenüber, in der Mitte des Flurs, war eine Tür, die in ein
großes Zimmer führte, das stets für die Reisenden bereitstand. Dort traf
man niemals jemand von der Familie; aber die Pfarrerstochter drehte
doch den Schlüssel um und warf einen Blick hinein. Ja, es war ganz so,
wie sie erwartet hatte. Stühle aus gelbem Birkenholz und ein weißer
Klapptisch, genau wie in dem Saal auf Lövdala, nicht einmal die große
Kalla fehlte an dem einen Fenster.
Eines jedoch war verschieden. Wohl waren auch hier blaue Bodenläufer,
aber die hatten nicht dasselbe Muster wie daheim. Als Maja Lisa jedoch
darüber nachdachte, fiel ihr ein, daß das nicht der Fehler der Tante
war; sie hatte nach den alten Bodenläufern gewoben, die in ihrer Jugend
auf Lövdala gewesen waren; dort aber hatte man das karierte Muster
verändert.
Die Pfarrerstochter schloß die Türe wieder zu und blieb dann noch einen
Augenblick im Flur stehen. Die Tränen waren ihr in die Augen getreten;
aber sie dachte, die Tante werde sicher keine Freude an irgendeiner Art
von Empfindsamkeit haben, und so wollte sie mit einem ruhigen,
fröhlichen Gesicht bei ihr eintreten.
Ach, auch hier verfolgte sie ihr gewöhnliches Glück! Als sie die
Wohnstubentüre öffnete, sah sie, daß die Tante mitten in einer großen
Wäsche war. Auf dem Feuer brodelte ein mächtiger Waschkessel, und der
ganz mit Wäsche gefüllte Waschzuber, aus dem die Brühe langsam auf den
Boden heraussickerte, stand mitten in der Stube. Ach, nun war die Tante
gewiß noch übellauniger als sonst, wenn Gäste kamen! Es war viel Wasser
auf dem Boden verschüttet, und auf einer langen Bank lagen frisch
gewaschene, grobe Wäschestücke. Ja, Maja Lisa mußte zugeben, niemand
würde erfreut sein, wenn er in einem Zimmer, das in solcher Unordnung
war, Gäste empfangen müßte.
In diesem Zimmer erinnerte nichts an Lövdala, es war eine ganz
gewöhnliche Bauernstube. Maja Lisa hatte aber doch immer gedacht, es sei
ein schönes, ehrwürdiges Gemach, mit seinen großen deckenhohen
Schränken, dem gewaltigen Himmelbett und den langen, an den Wänden
festgemachten Bänken. Aber jetzt hatte die Wäsche alles Behagliche
verscheucht.
Die Tante stand mit dem Rücken gegen die Türe und rieb und knetete aus
Leibeskräften. Maja Lisa war oft erzählt worden, ihre Mutter und deren
Schwestern seien ebenso groß und schlank gewesen wie sie selbst, aber
die Tante war jetzt breit und untersetzt und sah durchaus nicht zart
aus. Sie trug einen schwarzen Friesrock und ein rotes Leibchen mit dem
dazugehörigen weißen Hemd. Die kurze weiße Schafpelzjacke, die auch zu
der Tracht gehörte, hatte sie während der Arbeit ausgezogen.
Die Tante wendete sich nicht der Türe zu, als Maja Lisa diese öffnete,
und sie sagte auch kein Wort. Ach, soviel war sicher, Maja Lisa wünschte
sich hundert Meilen weg!
Aber es half alles nichts, sie mußte zu der Tante hingehen und ihr die
Hand geben, um sie zu begrüßen.
Die Tante hatte beide Hände im Wasser drinnen. Sie zog die eine heraus,
und ohne sich erst die Mühe zu nehmen, sie abzutrocknen, legte sie den
Rücken ihrer Hand in die der Nichte.
»Also diesmal hat man dich schließlich geschickt«, sagte sie. »Die neue
Pfarrfrau ist wohl zu vornehm, um uns Bauersleuten einen Besuch zu
machen?«
Sie sagte wirklich nichts weiter als das und sprach auch nicht
unfreundlicher als sonst, aber Maja Lisa konnte diesmal wohl nicht so
geduldig sein, sondern brach in Tränen aus. Vielleicht nahm sie es sich
auch nur deshalb sosehr zu Herzen, weil sie doch auf einem Bittgang war,
und nun war es ihr, als könnte sie ihre Bitte niemals vorbringen.
Aber als sie die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte, war sie erst
recht unglücklich. Ach, ach, daß sie sich selbst auf diese Weise vor
dieser Tante, die doch kein Herz für sie hatte, preisgab! Ach, und nicht
ein paar Tränen drängten sich aus ihren Augen, die leicht weggewischt
werden konnten! O nein, in richtigen kleinen Bächlein liefen sie ihr die
Wangen herunter, und der Hals war ihr wie zugeschnürt, sie konnte kein
Wort herausbringen.
Ach, sie hatte bitterlich Mitleid mit sich selbst!
Jetzt weinte sie darüber, daß sie überhaupt weinte; und das weiß man ja,
wenn es erst so weit ist, dann kann man nicht mehr aufhören.
Am liebsten wäre sie auf und davon gegangen und geradeswegs wieder nach
Hause gelaufen. Sie ging auch bis an die Türe; aber als sie diese
erreicht hatte, versagten ihr die Knie. Dicht bei der Türe stand ein
niederes Bänkchen, auf dieses sank sie nieder, und da blieb sie sitzen.
Und dabei konnte sie sich so gut vorstellen, was die Tante über diese
Nichte dachte, die nur hereinkam, um gleich zu weinen, und sie mitten in
der Wäsche störte. Das heißt, die Tante sah gar nicht aus, als sei sie
sosehr aufgeregt. Sie hörte auf zu waschen, nahm sich aber ruhig Zeit,
noch eine Schöpfkelle heißes Wasser in den Zuber zu gießen, und sie
legte auch noch ein Scheit Holz aufs Feuer, ehe sie zu der weinenden
Nichte an der Türe trat.
»Du wirst doch keine Angst vor mir haben«, sagte sie; »ich bin
vielleicht gar nicht so schlimm, wie ich aussehe.«
Aber wenn die Tante gemeint hatte, sie werde die Pfarrerstochter mit
diesen Worten trösten und den Tränenstrom zum Versiegen bringen, dann
hatte sie sich verrechnet. Diese Tränen kamen aus einer so tiefen,
reichen Kummerquelle, die, nachdem sie nun einmal übergeflossen war,
stundenlang fortfließen mußte.
Auch jetzt noch konnte Maja Lisa kein Wort herausbringen, obgleich sie
sich sagte, der Tante werde die Geduld ausgehen, und sie dürfe ihre
Wäsche nicht zu lange im Stich lassen. Aber die Tante wußte sich zu
helfen, sie wendete sich einfach an die Kleine, die sich die ganze Zeit
dicht neben der Pfarrerstochter gehalten hatte und nun ganz erschrocken
sachte deren Hand streichelte.
»Vielleicht weißt du, warum Maja Lisa weint?« fragte sie. »Sie kann
sich's doch wohl nicht so zu Herzen genommen haben, daß ich nicht gleich
Zeit hatte, sie ordentlich zu begrüßen.«
Man konnte ihrer Stimme anhören, daß sie am liebsten darüber gelacht
hätte, und das mußte die Kleine verstanden haben, denn diese wurde
plötzlich ganz wütend.
»Soll sie nicht weinen, wenn Ihr Euch so gegen sie benehmt?« rief sie.
»Da kommt sie zur leiblichen Schwester ihrer Mutter, um sie um Hilfe zu
bitten, und dann sagt diese nicht ein einziges freundliches Wort zu
ihr.«
Maja Lisa legte der Kleinen eiligst die Hand auf den Mund; aber das half
nichts, denn die Kleine konnte es nicht ertragen, Mamsell Maja Lisa
weinen zu sehen, und nun war sie in der richtigen desperaten Laune,
gerade wie damals in dem Sturm.
Die Tante ließ sich nichts anmerken, ob sie über die Kleine ärgerlich
wurde, aber sie sprach jetzt in breiterem Bauerndialekt als vorher, und
was sie sagte, kam ängstlich und langsam heraus.
Womit sie wohl Maja Lisa helfen könnte? Maja Lisa gehe es doch wohl
ausgezeichnet auf Lövdala, und sie brauche sicherlich keine Hilfe von
einer armen Bauernfrau?
Etwas Besseres hätte sie nicht sagen können, um die Zunge der Kleinen
recht in Gang zu bringen.
»Ihr seid gewiß aus demselben Holz geschnitten wie Mamsell Maja Lisas
Stiefmutter«, sagte sie. »Im übrigen aber kann ich Euch etwas sagen; sie
ist hierhergekommen, Euch zu bitten, ihr einen ...«
Aber da packte die Pfarrerstochter die Kleine so fest beim Arm, daß
diese verstummte. Die Tante schien indes die Unterbrechung gar nicht zu
bemerken, sondern fuhr fort:
»Ist es denn wirklich so schwer für Maja Lisa, daß sie eine Stiefmutter
bekommen hat? Es heißt zwar, wer eine Stiefmutter bekommt, bekommt auch
einen Stiefvater, aber so ist es ihr doch sicher nicht gegangen. Sollte
es irgend etwas geben, das sie sich wünschte und nicht bekäme? Das ist
doch wohl unmöglich?«
Die Pfarrerstochter machte der Kleinen alle möglichen Zeichen; aber was
half das, wenn die Tante sie auf diese Weise reizte?
»Oh, Ihr könntet recht wohl selbst sehen, wie es ihr geht,« fuhr die
Kleine fort, »wenn Ihr nur die Augen aufmachen wolltet. Sie ist ja nicht
besser angezogen als ich und ist nur noch Haut und Knochen. Es heißt
freilich, Blut sei dicker als Wasser, aber das ist bei Euch wohl nicht
so? Euch ist es einerlei, ob die Stiefmutter sie zu Tode plagt.«
All dies war sehr peinlich für die Pfarrerstochter. Es war schon schlimm
genug, daß sie ihrer Tränen nicht Herr werden konnte; aber daß die Tante
alles mögliche aus der Kleinen herauslockte, war noch viel schlimmer.
Wer konnte wissen, wie die Tante es aufnahm! Vielleicht nährte sie einen
geheimen Groll gegen die Tochter ihrer Schwester in ihrem Herzen und
freute sich nur, wenn sie das alles zu wissen bekam.
Nein, Maja Lisa konnte es nicht länger aushalten! Deshalb stand sie auf
und tastete nach der Türe. Aber als sie die Klinke aufmachen wollte, war
irgend etwas daran nicht in Ordnung, Maja Lisa konnte sie nicht gleich
aufbringen, sondern zog und rüttelte -- und sank plötzlich zusammen --
und fiel zu Boden -- --
Als sie wieder zu sich kam, lag sie in dem Zimmer mit den blau
karierten Bodenläufern im Bett. Sie ruhte auf so weichen Kissen und so
feinen Laken, wie sich auf Lövdala kaum welche fanden. Neben dem Bett
stand ein Tisch und auf dem Tisch ein Kaffeebrett und auf dem Brett eine
Schale, die mit einem Tuch zugedeckt war.
Ja, Maja Lisa verspürte ein wenig Hunger, und rasch nahm sie das Tuch
von der Schale. Aber nichts Eßbares lag darunter, nichts als ein großer,
glänzender, prächtiger Speziestaler!
Zuerst konnte sie nicht begreifen, wie alles zusammenhing. Aber dann
ging ihr ein Licht auf. Die Tante hatte natürlich die Wahrheit aus der
Kleinen herausgelockt! Ach, Maja Lisa fühlte sich so gerührt und
beglückt, daß sie wieder weinen mußte, und nachdem sie eine Weile
geweint hatte, schlief sie ein.
Sie schlief ununterbrochen, bis die Wanduhr in der Wohnstube drei Uhr
schlug. Als sie jetzt aufschaute, war der Speziestaler verschwunden;
aber dafür stand eine Menge guter Sachen zum Essen neben ihrem Bett.
Zuerst erschrak sie ein wenig, weil das Geldstück verschwunden war; aber
dann dachte sie, sie sei jetzt sicher in guten Händen. Damit beruhigte
sie sich, und dann aß sie.
Als sie sich satt gegessen hatte, wurde sie über diese Beweise von Güte
wieder so gerührt, daß sie abermals weinen mußte, und während sie noch
weinte, schlief sie aufs neue ein.
Als sie das nächste Mal erwachte, war es dunkler Abend. Im Ofen
flackerte ein lustiges Feuer; die Tante aber stand vor ihrem Bett und
betrachtete sie.
Das erste, was sie sagte, war, Maja Lisa solle entschuldigen, aber sie
habe sich die Freiheit genommen, den Speziestaler dem Manne zu schicken,
von dem er entlehnt worden sei. Es sei jetzt am Abend ein Wagen nach
Henriksberg geschickt worden, und da habe sie dem Knecht den Taler
gegeben mit dem Auftrag, sich zu erkundigen, welcher von den Schmieden
um Weihnachten das Heu in Loby gekauft habe. Diesem solle er das
Geldstück mit einem Gruß von der Pfarrerstochter übergeben. Sie habe es
so fürs beste gehalten; denn Maja Lisa hätte wahrscheinlich von Svartsjö
aus nicht so leicht einen Boten nach Henriksberg schicken können.
Abermals war die Pfarrerstochter tiefgerührt, sie konnte kaum antworten.
Aber die Tante ließ es nicht wieder zum Weinen bei ihr kommen, sondern
fing nun an, sie über Lövdala auszufragen. Sie erwähnte die Stiefmutter
oder irgend etwas anderes Unangenehmes gar nicht, sondern fragte nur
nach Sachen, die Maja Lisa keinen Kummer machten. Wie es der Großmutter
gehe? Ob ihre Stube im Brauhaus noch immer so blitzblank sei? Wie es bei
der alten Bengta im Gesindehaus aussehe. Wohl noch ebenso schmutzig wie
früher? Ob das Käuzchen noch auf dem Boden hause? Ob die Drossel noch in
dem Tannenwipfel über dem Ruhestein sitze und an den Frühlingsabenden so
herrlich zwitschere? Ob es auch in den letzten Jahren noch Maiblumen in
dem Birkengehölz hinter dem Obstgarten gegeben habe? Ob das alte, auf
Pfosten errichtete Vorratshaus noch stehe? Und ob das neue Pfarrhaus,
das Maja Lisas Vater hatte bauen lassen, ganz so wie das alte sei? Und
ob in dem alten düsteren Schafstall auch jetzt noch Schafe seien?
Voller Verwunderung hörte die Pfarrerstochter zu. Nach allem fragte die
Tante, nichts, nichts vergaß sie.
Zum Schluß sprach sie auch noch ein wenig von sich selbst.
»Siehst du, Maja Lisa, in der ersten Zeit nach meiner Verheiratung ging
ich heim nach Lövdala, sooft ich nur konnte. Ich sah wohl, daß das den
Leuten hier auf Svansskog nicht angenehm war; aber ich ging trotzdem,
denn ich hatte Heimweh, und im Anfang war ich gar nicht glücklich hier.
Es war nicht so leicht für mich, das kann ich dir sagen. Ich hatte hier
eine Schwiegermutter, die gerade so gegen mich war, wie deine
Stiefmutter gegen dich ist. Und noch ein anderer war auch sehr streng
und hart. Wir waren damals keine so guten Freunde, wie wir später
geworden sind, und das, das war das Schlimmste für mich.
Aber dann wurde mir eines klar: Sooft ich wieder nach Lövdala ging,
wurde mir die Rückkehr immer schwerer. Und schließlich konnte ich nicht
mehr anders, ich mußte mit mir selbst ins Gericht gehen und mich fragen,
wie ich es eigentlich haben wollte. Diesen Ort hier hatte ich mir zur
Heimat erwählt, und hier mußte ich leben, und da war es doch wohl dumm,
wenn ich mein Leben mit dem Heimweh nach dem, was ich verlassen hatte,
vertrödelte. Da faßte ich meinen Entschluß: Nie wieder wollte ich nach
Lövdala gehen, und nichts mehr wollte ich mit den Leuten auf Lövdala zu
tun haben, ganz und gar wollte ich vom Alten wegkommen. Und das war das
Richtige für mich. Von da an wurde ich selbst ruhiger; und als die
anderen begriffen, daß ich ihnen im Ernst angehören wollte, änderten sie
ihr Benehmen gegen mich; sie beobachteten mich scharf, wenn ihr mich
besuchtet, aber sie sahen und verstanden, daß ich mir alle Mühe gab,
mich auch gegen euch fremd zu stellen.
Ja, ich hatte eine dicke, feste Mauer zwischen mir und euch aufgerichtet
und meinte, nichts auf der Welt könnte sie je wieder einreißen. Aber das
hatte ich allerdings nicht mit in Rechnung genommen, daß jemals eine
Pfarrerstochter von Lövdala, ebenso klein und zart wie ich in ihrem
Alter auch gewesen war, zu mir kommen und mich um Hilfe bitten würde.
Siehst du, da war es zu Ende mit aller meiner Kraft.
Aber glaube ja nicht, ich werde deshalb irgendwelche Unannehmlichkeiten
hier haben. Weißt du, was ich vorhin, als du schliefst, getan habe? Oh,
da zog ich meinen Mann am Ärmel, nahm ihn mit hierher an die Türe und
ließ ihn durch einen Spalt einen Blick auf dich hineinwerfen. Und dann
erzählte ich ihm, wie alles zusammenhing, und fragte ihn, ob er etwas
dagegen hätte, wenn ich dir helfe. Aber nun sollst du hören, was er
darauf sagte.
Das sagte er: 'Die, die da drinnen liegt, sieht ganz genau so aus, wie
du selbst ausgesehen hast, als du zuerst zu mir kamst; und das sage ich
dir, wer der da drinnen nicht hilft und beisteht, der bekommt es mit mir
zu tun.'«