7. DIE VERLOBUNG.

Dieses kleine Börsengemetzel entschied über das Schicksal des Seufzers

aus Dessau. In den zwei nächsten Tagen wirkte er durch die große Menge

Metalliques, die er in Händen hatte, mächtig auf den Gang bei

Geschäfte, und als einige Tage nachher Herr von Rothschild

Privatmitteilungen aus Wien erhielt, wodurch seine Nachrichten

vollkommen bestätigt werden, da drängte sich alles um den

hoffnungsvollen, spekulativen Jüngling, um den genialen Kopf, der auf

unglaubliche Weise die Umstände habe berechnen können.

Seine Zurückgezogenheit zuvor galt nun für tiefes Studium der Politik,

seine Schüchternheit, sein geckenhaftes Stöhnen und Seufzen für

Tiefsinn, und jedes Haus hätte ihm freudig eine Tochter gegeben, um

mit diesem sublimen Kopf sich näher zu verbinden. Da aber die

Polygamie in Frankfurt derzeit noch nicht förmlich sanktioniert ist

und das Herz des Dessauers an Rebekka hing, so schlug er mit großer

Tapferkeit alle Stürme ab, die aus den Verschanzungen in der Zeile,

aus den Trancheen der Million, selbst aus den Salons bei neuen Mainzer

Straße mit glühenden Liebesblicken und Stückseufzern auf ihn gemacht

wurden.

Der alte Herr Simon, konnte sich auch der Dessauer in Hinsicht auf Geld

und Glücksgüter ihm nicht gleichstellen, rechnete es sich dennoch zur

besonderen Ehre, einen so erleuchteten Schwiegersohn zu bekommen. Ja,

er sah es als eine glückliche Spekulation an, ihn durch Rebekka gefangen

zu haben. Er sah ihn als eine prophetische Spekulationsmaschine an,

die ihn in kurzer Zeit zum reichsten Manne Europas machen mußte;

denn, wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich kaufte oder

verkaufte, glaubte er nie fehlen zu können.

Fräulein Rebekka ging ohne vieles Sträuben in die Bedingungen ein, die

ihr der Zärtliche auferlegte; da er eine gewisse Abneigung verspürte,

ein Jude zu werden, so hielt er es für notwendig, daß sie sich taufen

lasse. Sie nahm schon folgenden Tages insgeheim Unterricht bei dem

Herrn Pastor Stein und gab dafür auf einige Zeit ihre Klavierstunden

auf, wobei, wie sie behauptete, noch etwas Erkleckliches profitiert

würde, da sie dem Klaviermeister einen Taler für die Stunde hatte

bezahlen müssen. Sie selbst legte dafür dem Dessauer die Bedingung

auf, daß er sich für einige hundert Gulden in den Adelsstand erheben

lassen und in dem „jöttlichen Frankfort" leben müsse.

Er ging darauf freudig ein und überließ mir dieses diplomatische

Geschäft. Um nun auch von mir zu reden, so traf pünktlich ein, was ich

vorausgesehen hatte. Der Seufzer beschwichtigte fürs erste sein

Gewissen, das ihm allerlei vorwerfen mochte, z. B. daß das ganze

Geschäft unehrlich und nicht ohne Hilfe des Teufels habe zustande

kommen können. Sobald er mit dieser Beschwichtigung fertig war, war

auch seine Dankbarkeit verschwunden. Weil ihn alles als den sublimsten

Kopf, den scharfsinnigsten Denker pries, glaubte er ohne Zaudern

selbst daran, wurde aufgeblasen, sah mich über die Achsel an und

erinnerte sich meiner sehr gütig als eines Menschen, mit welchem er im

Weißen Schwan einigemal zu Mittag gespeist habe.

Was mich übrigens am meisten freute, war, daß er die Strafe seines

Undankes in sich und seinen Verhältnissen trug. Es war vorauszusehen,

daß seine prophetische Kraft, sein spekulativer Geist sich nicht lange

halten konnten. Mißglückten nur erst einige Spekulationen, die er, auf

sein blindes Glück und seinen noch blinderen Verstand trauend,

unternahm, verlor er erst einmal fünfzig= oder hunderttausend und zog

seinen Schwiegerpapa in gleiche Verluste, so fing die Hölle für ihn

schon auf Erden an.

Rebeckchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte sie mit dem

neuen Glauben auch einen neuen Menschen anziehen. War sie erst

„Gnädige Frau von Zwerner", so war zu erwarten, daß die Liebesintrigen

sich häufen würden; junge wohlriechende Diplomaten, alte Sünder, wie

Graf Rebs, fremde Majors mit glänzenden Uniformen waren dann

willkommen in ihrer Loge und zu Hause, und der Dessauer hatte das

Vergnügen, zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel Rebekka sich

gestalten zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres Eheherrn

nachläßt und damit zugleich sein Vermögen, wenn man das glänzende

Hotel in der Zeile, die Loge im ersten Rang, die Equipage und die

hungernden Liebhaber samt der köstlichen Tafel aufgeben, wenn man nach

Dessau ziehen muß in den alten Laden des Hauses Zwerner und Komp.,

wenn die gnädige Frau herabsinkt aus ihrem geadelten Himmel und zur

ehrlichen Kaufmannsfrau wird, wenn man den Gemahl statt mit Papieren,

wie es nobel ist und groß, mit Ellenwaren und Bändern, ganz klein und

unnobel handeln sieht! Welche Perspektive!!

Doch am vierten Pfingstfeiertag 1826 dachte man noch nicht an

dergleichen im Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Da war

ein Hin= und Herrennen, ein Laufen, ein Kochen und Backen; es wurde

ungemein viel Gänseschmalz verbraucht, um koscheres Backwerk zu

verfertigen; ein Hammel wurde „geschächt", um köstliche Ragouts zu

bereiten.

Der geneigte Leser errät wohl, was vorging in dem gesegneten Hause?

Nämlich nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares.

Die halbe Stadt war geladen und kam. Hatte denn der alte Simon nicht

treffliche alte Weine? Speiste man bei ihm, das Gänsefett abgerechnet,

nicht trefflich? Hatte er nicht die schönsten jüdischen und

christlichen Fräulein zusammengebeten, um die Gesellschaft zu

unterhalten durch geistreiche Spiele und herrlichen Gesang?

Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur das

brachte ihn einigermaßen in Verlegenheit, daß nicht weniger als

zwanzig Frauen und Fräulein zugegen waren, mit denen er schon in

zärtlichen Verhältnissen gestanden hatte. Er half sich durch

ausdrucksvolle Liebesblicke, die er allenthalben umherwarf, wie auch

durch die eigene Behendigkeit seiner Beinchen, auf welchen er überall

umherhüpfte und jeder Dame zuflüsterte, sie allein sei es eigentlich,

die sein zartes Herz gefesselt. Die übergroße Anstrengung, zwanzig auf

einmal zu lieben, da er es sonst nur auf fünf gebracht hatte, richtete

ihn aber dergestalt zugrunde, daß er endlich elendiglich zusammensank

und in seinem Wagen nach Hause gebracht werden mußte.

Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm und bewies sich nach

Herrn Simons Begriffen sehr gesittet und anständig; denn als er am

Abend, nachdem alle sich entfernt hatten, mit seiner Tochter Rebekka

das Silber ordnete und zählte, riefen sie einmütig und vergnügt:

„Gott's Wunder! Gott's Wunder! Was war das für noble Gesellschaft, für

gesittete Leute! Es fehlt auch nicht e i n Kaffeelöffelchen; kein

Dessertmesserchen oder Zuckerklämmerchen ist uns abhanden gekommen!

Gott's Wunder!"

* * * * *

Mitteilungen aus den Memoiren des Satan · 第 44 / 51 题