Dieses kleine Börsengemetzel entschied über das Schicksal des Seufzers
aus Dessau. In den zwei nächsten Tagen wirkte er durch die große Menge
Metalliques, die er in Händen hatte, mächtig auf den Gang bei
Geschäfte, und als einige Tage nachher Herr von Rothschild
Privatmitteilungen aus Wien erhielt, wodurch seine Nachrichten
vollkommen bestätigt werden, da drängte sich alles um den
hoffnungsvollen, spekulativen Jüngling, um den genialen Kopf, der auf
unglaubliche Weise die Umstände habe berechnen können.
Seine Zurückgezogenheit zuvor galt nun für tiefes Studium der Politik,
seine Schüchternheit, sein geckenhaftes Stöhnen und Seufzen für
Tiefsinn, und jedes Haus hätte ihm freudig eine Tochter gegeben, um
mit diesem sublimen Kopf sich näher zu verbinden. Da aber die
Polygamie in Frankfurt derzeit noch nicht förmlich sanktioniert ist
und das Herz des Dessauers an Rebekka hing, so schlug er mit großer
Tapferkeit alle Stürme ab, die aus den Verschanzungen in der Zeile,
aus den Trancheen der Million, selbst aus den Salons bei neuen Mainzer
Straße mit glühenden Liebesblicken und Stückseufzern auf ihn gemacht
wurden.
Der alte Herr Simon, konnte sich auch der Dessauer in Hinsicht auf Geld
und Glücksgüter ihm nicht gleichstellen, rechnete es sich dennoch zur
besonderen Ehre, einen so erleuchteten Schwiegersohn zu bekommen. Ja,
er sah es als eine glückliche Spekulation an, ihn durch Rebekka gefangen
zu haben. Er sah ihn als eine prophetische Spekulationsmaschine an,
die ihn in kurzer Zeit zum reichsten Manne Europas machen mußte;
denn, wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich kaufte oder
verkaufte, glaubte er nie fehlen zu können.
Fräulein Rebekka ging ohne vieles Sträuben in die Bedingungen ein, die
ihr der Zärtliche auferlegte; da er eine gewisse Abneigung verspürte,
ein Jude zu werden, so hielt er es für notwendig, daß sie sich taufen
lasse. Sie nahm schon folgenden Tages insgeheim Unterricht bei dem
Herrn Pastor Stein und gab dafür auf einige Zeit ihre Klavierstunden
auf, wobei, wie sie behauptete, noch etwas Erkleckliches profitiert
würde, da sie dem Klaviermeister einen Taler für die Stunde hatte
bezahlen müssen. Sie selbst legte dafür dem Dessauer die Bedingung
auf, daß er sich für einige hundert Gulden in den Adelsstand erheben
lassen und in dem jöttlichen Frankfort" leben müsse.
Er ging darauf freudig ein und überließ mir dieses diplomatische
Geschäft. Um nun auch von mir zu reden, so traf pünktlich ein, was ich
vorausgesehen hatte. Der Seufzer beschwichtigte fürs erste sein
Gewissen, das ihm allerlei vorwerfen mochte, z. B. daß das ganze
Geschäft unehrlich und nicht ohne Hilfe des Teufels habe zustande
kommen können. Sobald er mit dieser Beschwichtigung fertig war, war
auch seine Dankbarkeit verschwunden. Weil ihn alles als den sublimsten
Kopf, den scharfsinnigsten Denker pries, glaubte er ohne Zaudern
selbst daran, wurde aufgeblasen, sah mich über die Achsel an und
erinnerte sich meiner sehr gütig als eines Menschen, mit welchem er im
Weißen Schwan einigemal zu Mittag gespeist habe.
Was mich übrigens am meisten freute, war, daß er die Strafe seines
Undankes in sich und seinen Verhältnissen trug. Es war vorauszusehen,
daß seine prophetische Kraft, sein spekulativer Geist sich nicht lange
halten konnten. Mißglückten nur erst einige Spekulationen, die er, auf
sein blindes Glück und seinen noch blinderen Verstand trauend,
unternahm, verlor er erst einmal fünfzig= oder hunderttausend und zog
seinen Schwiegerpapa in gleiche Verluste, so fing die Hölle für ihn
schon auf Erden an.
Rebeckchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte sie mit dem
neuen Glauben auch einen neuen Menschen anziehen. War sie erst
Gnädige Frau von Zwerner", so war zu erwarten, daß die Liebesintrigen
sich häufen würden; junge wohlriechende Diplomaten, alte Sünder, wie
Graf Rebs, fremde Majors mit glänzenden Uniformen waren dann
willkommen in ihrer Loge und zu Hause, und der Dessauer hatte das
Vergnügen, zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel Rebekka sich
gestalten zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres Eheherrn
nachläßt und damit zugleich sein Vermögen, wenn man das glänzende
Hotel in der Zeile, die Loge im ersten Rang, die Equipage und die
hungernden Liebhaber samt der köstlichen Tafel aufgeben, wenn man nach
Dessau ziehen muß in den alten Laden des Hauses Zwerner und Komp.,
wenn die gnädige Frau herabsinkt aus ihrem geadelten Himmel und zur
ehrlichen Kaufmannsfrau wird, wenn man den Gemahl statt mit Papieren,
wie es nobel ist und groß, mit Ellenwaren und Bändern, ganz klein und
unnobel handeln sieht! Welche Perspektive!!
Doch am vierten Pfingstfeiertag 1826 dachte man noch nicht an
dergleichen im Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Da war
ein Hin= und Herrennen, ein Laufen, ein Kochen und Backen; es wurde
ungemein viel Gänseschmalz verbraucht, um koscheres Backwerk zu
verfertigen; ein Hammel wurde geschächt", um köstliche Ragouts zu
bereiten.
Der geneigte Leser errät wohl, was vorging in dem gesegneten Hause?
Nämlich nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares.
Die halbe Stadt war geladen und kam. Hatte denn der alte Simon nicht
treffliche alte Weine? Speiste man bei ihm, das Gänsefett abgerechnet,
nicht trefflich? Hatte er nicht die schönsten jüdischen und
christlichen Fräulein zusammengebeten, um die Gesellschaft zu
unterhalten durch geistreiche Spiele und herrlichen Gesang?
Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur das
brachte ihn einigermaßen in Verlegenheit, daß nicht weniger als
zwanzig Frauen und Fräulein zugegen waren, mit denen er schon in
zärtlichen Verhältnissen gestanden hatte. Er half sich durch
ausdrucksvolle Liebesblicke, die er allenthalben umherwarf, wie auch
durch die eigene Behendigkeit seiner Beinchen, auf welchen er überall
umherhüpfte und jeder Dame zuflüsterte, sie allein sei es eigentlich,
die sein zartes Herz gefesselt. Die übergroße Anstrengung, zwanzig auf
einmal zu lieben, da er es sonst nur auf fünf gebracht hatte, richtete
ihn aber dergestalt zugrunde, daß er endlich elendiglich zusammensank
und in seinem Wagen nach Hause gebracht werden mußte.
Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm und bewies sich nach
Herrn Simons Begriffen sehr gesittet und anständig; denn als er am
Abend, nachdem alle sich entfernt hatten, mit seiner Tochter Rebekka
das Silber ordnete und zählte, riefen sie einmütig und vergnügt:
Gott's Wunder! Gott's Wunder! Was war das für noble Gesellschaft, für
gesittete Leute! Es fehlt auch nicht e i n Kaffeelöffelchen; kein
Dessertmesserchen oder Zuckerklämmerchen ist uns abhanden gekommen!
Gott's Wunder!"
* * * * *