ACHTZEHNTES KAPITEL.

Beschreibung des Festes. Satan lernt drei merkwürdige Subjekte kennen.

Ich teile hier einen Abschnitt aus meinen Memoiren mit, welcher zwar

nicht mich selbst betrifft, den ich mir aber aufzeichnete, weil er mir

sehr interessant war und vielleicht auch andern nicht ohne einiges

Interesse sein möchte. Er führt die Aufschrift: „D e r F e s t t a g

i m F e g e f e u e r" und kam durch folgende Veranlassung zu diesem

Titel. Es ist auf der Erde bei allen großen Herren und Potentaten

Sitte, ihre Freude und ihre Trauer recht laut und deutlich zu begehen.

Wenn ein aus fürstlichem Blute stammender Leib dem Staube

wiedergegeben wird, haben die Küster im Lande schwere Arbeit; denn man

läutet viele Tage lang alle Glocken. Wird eine Prinzessin oder gar ein

Stammhalter geboren, so verkündet schrecklicher Kanonendonner diese

Nachricht. Landesväterliche oder landesmütterliche Geburtstage werden

mit allem möglichen Glanz begangen. Die Bürgermilizen rücken aus, die

Honoratioren halten einen Schmaus, abends ist Ball oder doch

wenigstens in den Landstädtchen _bière dansante_. Kurz, alles

lebt _in dulci jubilo_ an solchen Tagen.

Um nun meiner guten G r o ß m u t t e r eine Ehre zu erweisen, hielt

ich es auch schon seit mehreren Jahrhunderten so. Im Fegefeuer, wo sie

sich gewöhnlich aufhält, ist immer an diesem Tage allgemeine

Seelenfreiheit. Die Seelen bekommen diesen Tag über den Körper, den

sie auf der Oberwelt hatten, ihre Kleider, ihre Gewohnheiten, ihre

Sitten. Was von Adel da ist, muß Deputationen zum Handkuß der Alten

schicken (_in pleno_ können sie nicht vorgelassen werden, weil

sonst die Prozession einige Tage lang dauerte). Ehemalige

Hofmarschälle, Kammerherren usw. haben den großen Dienst und schätzen

es sich zur Ehre, die Honneurs zu machen, die Festlichkeiten zu

leiten, die Touren bei den Bällen, welche abends gegeben werden, zu

arrangieren usw.

Ich erfülle durch diese Festlichkeiten einen doppelten Zweck. Einmal

fühlt sich _chère Grande-Mama_ ungemein geschmeichelt durch diese

Aufmerksamkeit, zweitens gelte ich unter den Seelen für einen honetten

Mann, der ihnen auch ein Vergnügen gönnt, drittens macht dieser

einzige Tag, in Freude und alten Gewohnheiten zugebracht, daß die

Seelen sich nachher um so unglücklicher fühlen, was ganz zu dem Zweck

einer solchen Anstalt, wie das Fegefeuer ist, paßt.

An einem solchen Festtag gehe ich dann verkleidet durch die Menge.

Manchmal erkennt man mich zwar, ein tausendstimmiges „Vivat der Herr

Teufel! _Vive le diable_!" erfreut dann mein landesväterliches

Herz; doch weiß ich wohl, daß es nicht weniger erzwungen ist als ein

H u r r a auf der Oberwelt; denn sie glauben, ich drücke sie noch mehr,

wenn sie n i c h t schreien.

In meinem Inkognito besuche ich dann die verschiedenen Gruppen.

_Tout comme chez vous_, meine Herren, nur etwas grotesker;

Kaffeegesellschaften, Tee von allen Sorten, diplomatische,

militärische, theologische, staatswirtschaftliche, medizinische Klubs

finden sich, wie durch natürlichen Instinkt zusammen, machen sich

einen guten Tag und führen ergötzliche Gespräche, die, wenn ich sie

mitteilen wollte, auf manches Ereignis neuerer und älterer Zeit ein

hübsches Licht werfen würden.

Einst trat ich in einen Saal des _Café de Londres_ (denn,

nebenbei gesagt, es ist an diesem Tage alles auf großem Fuß und höchst

elegant eingerichtet); ich traf dort nur drei junge Männer, die aber

durch ihr Äußeres gleich meine Neugierde erweckten und mir, wenn sie

ins Gespräch miteinander kommen sollten, nicht wenig Unterhaltung zu

versprechen schienen. Ich verwandelte daher meinen Anzug in das Kostüm

eines flinken Kellners und stellte mich in den Saal, um die

Herrschaften zu bedienen.

Zwei dieser jungen Leute beschäftigten sich mit einer Partie Billard.

Ich markierte ihnen und betrachtete mir indes den dritten. Er war

nachlässig in einen geräumigen Fauteuil zurückgelehnt, seine Beine

ruhten auf einem vor ihm stehenden kleineren Stuhl, seine linke Hand

spielte nachlässig mit einer Reitgerte, sein rechter Arm unterstützte

das Kinn. Ein schöner Kopf!

Das Gesicht länglich und sehr bleich. Die Stirne hoch und frei, von

hellbraunen, wohlfrisierten Haaren umgeben, die Nase gebogen und

spitzig, wie aus weißem Wachs geformt, die Lippen dünn und angenehm

gezogen, das Auge blau und hell, aber gewöhnlich kalt und ohne alles

Interesse langsam über die Gegenstände hingleitend. Dies alles und ein

feiner Hut, enger oben als unten, nachlässig auf ein Ohr gedrückt,

ließen mich einen Engländer vermuten. Sein sehr feines, blendend

weißes Leinenzeug, die gewählte, überaus einfache Kleidung konnte nur

einem Gentleman, und zwar aus den höchsten Ständen, gehören. Ich sah

in meiner Liste nach und fand, es sei Lord Robert Fotherhill. Er

winkte, indem ich ihn so betrachtete, mit den Augen, weil es ihm

wahrscheinlich zu unbequem war, zu rufen. Ich eilte zu ihm und stellte

auf seinen Befehl ein großes Glas Rum, eine Havannazigarre und eine

brennende Wachskerze vor ihn hin.

Die beiden anderen Herren hatten indes ihr Spiel beendigt und nahten

sich dem Tische, an welchem der Engländer saß; ich warf schnell einen

Blick in meine Liste und erfuhr, der eine sei ein junger Franzose,

Marquis de Lasulot, der andere ein Baron von Garnmacher, ein

Deutscher.

Der Franzose war ein kleines, untersetztes, gewandtes Männchen. Sein

schwarzes Haar und der dickgelockte, schwarze Backenbart standen sehr

hübsch zu einem etwas verbrannten Teint, hochroten Wangen und

beweglichen, freundlichen schwarzen Augen; um die vollen Lippen und

das wohlgenährte Kinn zog sich jenes schöne, unnachahmliche Blau,

welches den Damen so wohl gefallen soll und in England und Deutschland

bei weitem seltener als in südlichen Ländern gefunden wird, weil hier

der Bartwuchs dunkler, dichter und auch früher zu sein pflegt als

dort.

Offenbar ein Incroyable von der Chaussee d'Antin! Das elegante

Negligé, wie es bis auf die geringste Kleinigkeit hinaus der

eigensinnige Geschmack der Pariser vor vier Monaten (so lange mochte

der junge Herr bereits verstorben sein) haben wollte. Von dem mit

zierlicher Nachlässigkeit umgebundenen ostindischen Halstuch, dem

kleinen blaßroten Schal mit einer Nadel _à la Duc de Berry_

zusammengehalten, bis hinab auf die Gamaschen, die man damals seit

drei Tagen nach innen zuknöpfte, bis auf die Schuhe, die, um als

modisch zu gelten, an den Spitzen nach der großen Zehe sich hinneigen

und ganz ohne Absatz sein mußten, ich sage, bis auf jene

Kleinigkeiten, die einem Uneingeweihten geringfügig und miserabel,

einem, der in die Mysterien hinlänglich eingeführt ist, wichtig und

unumgänglich notwendig erscheinen, war er gewissenhaft und nach den

neuesten Geschmack für den Morgen angezogen.

Er schien soeben erst seinem Jean die Zügel seines Kabrioletts in die

Hand gedrückt, die Peitsche von geglättetem Fischbein kaum in die Ecke

des Wagens gelehnt zu haben und jetzt in mein Café hereingeflogen zu

sein, mehr um gesehen zu werden, als zu sehen, mehr um zu schwatzen,

als zu hören.

Er lorgnettierte flüchtig den Gentleman im Fauteuil, schien sich an

dem ungemeinen Rumglas und dem Rauchapparat, den jener vor sich hatte,

ein wenig zu entsetzen, schmiegte sich aber nichtsdestoweniger an die

Seite Seiner Lordschaft und fing an zu sprechen:

„Werden Sie heute abend den Ball besuchen, mein Herr, den uns

_Monseigneur le diable_ gibt? Werden viele Damen dort sein, mein

Herr? Ich frage, ich bitte Sie, weil ich wenig Bekanntschaft hier

habe.

„Mein Herr darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten, um uns

beide hinzuführen? Es ist ein ganz honettes Ding, dieser Wagen, habe

ich die Ehre, Sie zu versichern, mein Herr; er hat mich bei Latonnier

vor vier Monaten achtzehnhundert Franken gekostet. Mein Herr, Sie

brauchen keinen Bedienten mitzunehmen, wenn ich die Ehre haben sollte,

Sie zu begleiten; mein Jean ist ein Wunderkerl von einem Bedienten."

So ging es im Galopp über die Zunge des Incroyable. Seine Lordschaft

schien sich übrigens nicht sehr daran zu erbauen. Er sah bei den

ersten Worten den Franzosen starr an, richtete dann den Kopf ein wenig

auf, um seine rechte Hand freizumachen, ergriff mit dieser--die erste

Bewegung seit einer halben Stunde--das Kelchglas, nippte einige Züge

Rum, rauchte behaglich seine Zigarre an, legte den Kopf wieder auf die

rechte Hand und schien dem Franzosen mehr mit dem Auge als mit dem Ohr

zuzuhören und auch auf diese Art antworten zu wollen; denn er

erwiderte auch nicht eine Silbe auf die Einladung des redseligen

Franzosen und schien, wie sein Landsmann Shakespeare sagt,

„Der Zähne doppelt Gatter"

vor seine Sprachorgane gelegt zu haben.

Der Deutsche hatte sich während dieses Gespräches dem Tische genähert,

eine höfliche Verbeugung gemacht und einen Stuhl dem Lord gegenüber

genommen. Man erlaube mir, auch ihn ein wenig zu betrachten. Es war,

was man in Deutschland einen g e w i c h s t e n j u n g e n M a n n

zu nennen pflegt, ein Stutzer; er hatte blonde, in die Höhe strebende

Haare, an die etwas niedere Stirn schloß sich ein allerliebstes

Stumpfnäschen, über den Mund hing ein Stutzbärtchen, dessen Enden

hinaufgewirbelt waren, seine Miene war gutmütig, das Auge hatte einen

Ausdruck von Klugheit, der, wie gut angebrachtes Licht auf einem

grobschattierten Holzschnitt, keinen übeln Effekt hervorbrachte.

Seine Kleidung wie seine Sitten schien er von verschiedenen Nationen

entlehnt zu haben. Sein Rock mit vielen Knöpfen und Schnüren war

polnischen Ursprungs; er war auf russische Weise auf der Brust vier

Zoll hoch wattiert, schloß sich spannend über den Hüften und formierte

die Taille so schlank, als die einer hübschen Altenburgerin; er hatte

ferner enge Reithosen an, weil er aber nicht selbst ritt, so waren

solche nur aus dünnem Nanking verfertigt; aus eben diesem Grunde

mochten auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem wohltönenden,

Aufmerksamkeit erregenden Gang als zum Antreiben eines Pferdes dienen.

Ein feiner italienischer Strohhut vollendete das gewählte Kostüm.

Ich sehe es einem gleich bei der Art, wie er den Stuhl nimmt und sich

niedersetzt, an, ob er viel in Zirkeln lebte, wo auch die kleinste

Bewegung von den Gesetzen des Anstandes und der feinen Sitte geleitet

wird; der Stutzer setzte sich passabel, doch bei weitem nicht mit

jener feinen Leichtigkeit wie der Franzose, und der Engländer zeigte

selbst in seiner nachlässigen, halb sitzenden, halb liegenden Stellung

mehr Würde als jener, der sich so gut aufrecht hielt, als es nur immer

ein Tanzmeister lehren kann.

Diese Bemerkungen, zu welchen ich vielleicht bei weitem mehr Worte

verwendet habe, als es dem Leser dieser Memoiren nötig scheinen

möchte, machte ich in einem Augenblicke; denn man denke sich nicht,

daß der junge Deutsche mir so lange gesessen, bis ich ihn gehörig

abkonterfeit hatte.

Der Marquis wandte sich sogleich an seinen neuen Nachbar. „Mein Gott,

Herr von Garnmacher," sagte er „ich möchte verzweifeln; der englische

Herr da scheint mich nicht zu verstehen, und ich bin seiner Sprache zu

wenig mächtig, um die Konversation mit gehöriger Lebhaftigkeit zu

führen; denn ich bitte Sie, mein Herr, gibt es etwas Langweiligeres,

als wenn drei schöne junge Leute beieinander sitzen und keiner den

andern versteht?"

„Auf Ehre, Sie haben recht," antwortete der Stutzer in besserem

Französisch, als ich ihm zugetraut hätte; „man kann sich zur Not

denken, daß ein Türke mit einem Spanier Billard spielt; aber ich sehe

nicht ab, wie wir unter diesen Umständen mit dem Herrn plaudern

können."

„_J'ai bien compris, Messieurs,_" sagte der Lord ganz ruhig

neben seiner Zigarre vorbei, und nahm wieder einigen Rum zu sich.

„Ist's möglich, Mylord?" rief der Franzose vergnügt, „das ist sehr

gut, daß wir uns verstehen können! Markör, bringen Sie mir

Zuckerwasser! O, das ist vortrefflich, daß wir uns verstehen, welch

schöne Sache ist es doch um die Mitteilung, selbst an einem Ort wie

dieser hier."

„Wahrhaftig, Sie haben recht, Bester," gab der Deutsche zu; „aber

wollen wir nicht zusammen ein wenig umherschlendern, um die schöne

Welt zu mustern? Ich nenne Ihnen schöne Damen von Berlin, Wien, von

allen möglichen Städten meines Vaterlandes, die ich bereist habe; ich

hatte oben große Bekanntschaften und Konnexionen und darf hoffen, an

diesem verfl------Ort manche zu treffen, die ich zu kennen das Glück

hatte; Mylord nennt uns die Schönen von London, und Sie, teuerster

Marquis, können uns hier Paris im kleinen zeigen."

„Gott soll mich behüten," entgegnete eifrig der Franzose, indem er

nach der Uhr sah; „jetzt, um diese frühe Stunde wollen Sie die schöne

Welt mustern? Meinen Sie, mein Herr, ich habe in diesem _détestable

purgatoire_ so sehr allen guten Ton verlernt, daß ich jetzt auf die

Promenade gehen sollte?"

„Nun, nun," antwortete der Stutzer, „ich meine nur, im Fall wir nichts

Besseres zu tun wüßten. Sind wir denn nicht hier wie die drei Männer

im Feuerofen? Sollen wir wohl ein Loblied singen wie jene? Doch, wenn

es Ihnen gefällig ist, mein Herr, uns einen Zeitvertreib

vorzuschlagen, so bleibe ich gerne hier."

„Mein Gott," entgegnete der Incroyable; „ist dies nicht ein so

anständiges Café als Sie in ganz Deutschland keines haben? Und fehlt

es uns an Unterhaltung? Können wir nicht plaudern, soviel wir wollen?

Sagen Sie selbst, Mylord, ist es nicht ein gutes Haus, kann man diesen

Salon besser wünschen? Nein! _Monsieur le diable_ hat Geschmack

in solchen Dingen, das muß man ihm lassen."

„_Une confortable maison_!" murmelte Mylord und winkte dem

Franzosen Beifall zu. „_Et ce salon confortable_!"

„Gute Tafel, mein Herr?" fragte der Marquis, „nun, die wird auch da

sein; ich denke mir, man speist wohl nach der Karte? Aber, meine

Herren, was sagen Sie dazu, wenn wir uns zur Unterhaltung gegenseitig

etwas aus unserem Leben erzählen wollten? Ich höre so gerne

interessante Abenteuer, und Baron Garnmacher hat deren wohl so viele

erlebt als Mylord?"

„_Goddam_! das war ein vernünftiger Einfall, mein Herr," sagte

der Engländer, indem er mit der Reitgerte auf den Tisch schlug, die

Füße von dem Stuhl herabzog und sich mit vieler Würde in dem Fauteuil

zurecht setzte; „noch ein Glas Rum, Markör!"

„Ich stimme bei," rief der Deutsche, „und mache Ihnen über Ihren

glücklichen Gedanken mein Kompliment, Herr von Lasulot.--Eine Flasche

Rheinwein, Kellner!--Wer soll beginnen zu erzählen?"

„Ich denke, wir lassen dies das Los entscheiden," antwortete Lord

Fotherhill, „Und ich wette fünf Pfund, der Marquis muß beginnen."

„Angenommen, mein Herr," sagte mit angenehmem Lächeln der Franzose;

„machen Sie die Lose, Herr Baron, und lassen Sie uns ziehen, Nummer

Zwei soll beginnen."

Baron Garnmacher stand auf und machte die Lose zurecht, ließ ziehen,

und die zweite Nummer fiel auf ihn selbst.

Ich sah den Franzosen dem Lord einen bedeutenden Wink zuwerfen, indem

er das linke Auge zugedrückt, mit dem rechten auf den Deutschen

hinüberdeutete; ich übersetzte mir diesen Wink so: „Geben Sie einmal

acht, Mylord, was wohl unser ehrlicher Deutscher vorbringen mag. Denn

wir beide sind schon durch den Rang unsrer Nationen weit über ihn

erhaben."

Baron von Garnmacher schien aber den Wink nicht zu beachten; mit

großer Selbstgefälligkeit trank er ein Glas seines Rheinweins, wischte

in der Eile den Stutzbart mit dem Rockärmel ab und begann.

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Mitteilungen aus den Memoiren des Satan · 第 30 / 51 题