SIEBZEHNTES KAPITEL.

Der Besuch.

Bei diesem allen bleibt Faust ein erhabenes Gedicht und G o e t h e

einer der ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich daher nicht

wundern, daß ich ein großes Verlangen in mir fühlte, diesen Mann

einmal zu sehen. Ich hätte ihm einen unerwarteten Besuch machen

können; ja, wenn ich oft recht ärgerlich über mein Zerrbild war, stand

ich auf dem Sprung, ihm einmal im Kostüm des Mephistopheles

nächtlicherweile zu erscheinen, um ihm einigen Schrecken in die

Glieder zu jagen; aber eine gewisse Gutmütigkeit, die man zuweilen an

mir gefunden hat, hielt mich immer wieder ab, dem alten Mann eine

schlaflose Nacht zu machen.

Ich entschloß mich daher, als _Doctor legens_, ein ehrsamer Titel

auf Reisen, ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in Weimar an. Es

ist mit berühmten Leuten wie mit einem fremden Tiere. Kommt ein

ehrlicher Pächter mit seiner Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt,

so ist sein erstes, daß er in der Schenke den Hausknecht fragt: „Wann

kann man den Löwen sehen, Bursche?" „Mein Herr," antwortet der

Gefragte, „die Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben, der

Löwe aber ist am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leibe hat;

daher rate ich, um jene Zeit hinzugehen."

Gerade so erging es mir in Weimar. Ich fuhr von Jena aus mit einem

jungen Amerikaner hinüber. Auch in sein Vaterland war des Dichters

Ruhm schon längst gedrungen, und er machte auf der großen Tour durch

Europa dem berühmten Manne zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig

Meilen. In dem Gasthof, wo wir abgestiegen waren, fragten wir

sogleich, um welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen könnten?

Wir waren in Reisekleidern, die besonders bei meinem Gefährten etwas

unscheinbar geworden waren. Der Wirt musterte uns daher mit

mißtrauischen Blicken und fragte, ehe er noch unsere Frage

beantwortete, ob wir auch Fräcke bei uns hätten.

Wir waren glücklicherweise beide damit versehen, und unser Wirt

versprach, uns sogleich anmelden zu lassen. „Sie werden wahrscheinlich

nach dem Diner, um fünf Uhr, angenommen werden. Um diese Zeit sind

Seine Exzellenz am besten ja sprechen. Zweifle auch gar nicht, daß Sie

angenommen werden, denn wenn man, wie der Herr hier, eigens deswegen

aus Amerika nach Weimar kommt, wäre es doch unbarmherzig, einen

ungesehen wieder fortzuschicken."

Dieser Patriotismus ging wahrhaftig sehr weit. Doch wir ließen den

guten Mann in dem Glauben, der junge Philadelphier komme _recta_

nach Weimar und gehe von da wieder heim. Übrigens hatte er richtig

prophezeit: _Doctor legens_ Supfer, wie ich mich nannte, und

Forthill aus Amerika waren auf fünf Uhr bestellt.

Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter

wohnt sehr schön. Eine sanfte, geschmackvolle, mit Statuen dekorierte

Treppe führt zu ihm. Eine tiefe, geheimnisvolle Stille lag auf dem

Hausgang, den wir betraten. Schweigend führte uns der Diener in das

Besuchszimmer. Behagliche Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit,

verbunden mit Würde, zeichneten dieses Zimmer aus. Mein junger

Gefährte betrachtete staunend diese Wände, diese Bilder, diese

Meubles. So hatte er sich wohl das S t ü b c h e n d e s D i c h t e

r s nicht vorgestellt. Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien

auch die Angst vor der Größe des Erwarteten zu steigen. Alle Nüancen

von Rot wechselten auf seinem angenehmen Gesicht. Sein Herz pochte

hörbar, sein Auge war starr an die Türe geheftet, durch welche der

Gefeierte eintreten mußte.

Ich hatte indes Muße genug, über den großen Mann nachzudenken. Wieviel

weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen

Gaben des Geistes als der zufällige Glanz der Geburt.

Der Sohn eines unscheinbaren Bürgers von Frankfurt hat hier die

höchste Stufe erreicht, die dem Menschen nach dem gewöhnlichen Laufe

der Dinge offen steht. Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen.

Geschäftsmänner vom Fach haben vom bescheidenen Plätzchen an der Türe

alle Sitze ihrer Kollegien durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der

zunächst am Throne steht, sie in seine Arme aufnahm. Mancher hat sich

auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkämpft--Goethe hat sich seine

eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm keiner voranging, ihm noch

keiner gefolgt ist. Er hat bewiesen, daß der Mensch k a n n, was er

will. Denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie,

von einem Geiste, der sein Zeitalter gebildet, es stufenweise zu dem

Höheren geführt habe--das Zeitalter hat i h n gebildet.

Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben „Werther" in dem

lieben Deutschland machte. Die Lotten schienen wie durch einen

Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen. Die Zahl der Werther war

Legion. Aber was war hierin Goethes Verdienst? Hatte es wirklich nur

daran gefehlt, daß er das Hörnchen an den Mund setzte, und bei dem

ersten Ton, den er angab, mußten Pfaffe und Laie, Nönnchen und Dämchen

in wunderlichen Kapriolen ihren Sankt-Veitstanz beginnen? Wie heißt

dieses große schöpferische Geheimnis? A l l e s z u r r e c h t e n

Z e i t. Der „Siegwart" hatte die harten Herzen abgetaut und sie für

allen möglichen Jammer, für Mondschein und Gräber empfänglich gemacht,

da kommt Goethe--

Die Türe ging auf,--er kam.

Dreimal bückten wir uns tief--und wagten es dann, an ihm hinauf zu

blinzeln. Ein schöner, stattlicher Greis! Augen so klar und helle wie

die eines Jünglings, die Stirn voll Hoheit, der Mund voll Würde und

Anmut. Er war angetan mit einem feinen, schwarzen Kleid, und aus

seiner Brust glänzte ein schöner Stern.--Doch er ließ uns nicht lange

Zeit zu solchen Betrachtungen. Mit der feinen Wendung eines

Weltmannes, der täglich so viele Bewunderer bei sich sieht, lud er uns

zum Sitzen ein.

Was war ich doch für ein Esel gewesen, in dieser so gewöhnlichen Maske

zu ihm zu gehen! _Doctores legentes_ mochte er schon viele

Hunderte gesehen haben. Amerikaner, die, wie unser Wirt meinte, ihm

zulieb auf die See gingen, gewiß wenige. Daher kam es auch, daß er

sich meist mit meinem Gefährten unterhielt. Hätte ich mich doch für

einen gelehrten Irokesen oder einen schönen Geist vom Mississippi

ausgegeben! Hätte ich ihm nicht Wunderdinge erzählen können, wie sein

Ruhm bis jenseits des Ohio gedrungen, wie man in den Cabanen von

Louisiana über ihn und seinen „Wilhelm Meister" sich unterhalte?--So

wurden mir einige unbedeutende Floskeln zuteil, und mein glücklicherer

Gefährte durfte den großen Mann unterhalten.

Wie falsch sind aber oft die Begriffe, die man sich von der

Unterhaltung mit einem großen Manne macht! Ist er als witziger Kopf

bekannt, so wähnt man, wenn man ihn zum erstenmal besucht, einer Art

von Elektrisiermaschine zu nahen. Man schmeichelt ihm, man glaubt, er

müsse dann Witzfunken von sich strahlen, wie die schwarzen Katzen,

wenn man ihnen bei Nacht den Rücken streichelt. Ist er ein

Romandichter, so spitzt man sich auf eine interessante Novelle, die

der Berühmte zur Unterhaltung nur geschwind aus dem Ärmel schütteln

werde. Ist er gar ein Dramatiker, so teilt er uns vielleicht

freundschaftlich den Plan zu einem neuen Trauerspiel mit, den wir dann

ganz warm unsern Bekannten wieder vorsetzen können. Ist er nun gar ein

umfassender Kopf wie Goethe, einer, der so zu sagen in allen Sätteln

gerecht ist--wie interessant, wie belehrend muß die Unterhaltung

werden! Wie sehr muß man sich aber auch zusammennehmen, um ihm zu

genügen!

Der Amerikaner dachte auch so, ehe er neben Goethe saß. Sein Ich fuhr,

wie das des guten Walt, ehe er zum Flitte kam [Fußnote: Jean Pauls

Flegeljahre], ängstlich oben in allen vier Gehirnkammern und darauf

unten in beiden Herzkammern wie eine Maus umher, um darin ein

schmackhaftes Ideenkörnchen aufzutreiben, das er ihm zutragen und

vorlegen könnte zum Imbiß. Er blickte angstvoll auf die Lippen des

Dichters, damit ihm kein Wörtchen entfalle, wie der Kandidat auf den

strengen Examinator; er knickte seinen Hut zusammen und zerpflückte

einen glacierten Handschuh in kleine Stücke. Aber welcher Zentnerstein

mochte ihm vom Herz fallen, als der Dichter aus seinen Höhen zu ihm

herabstieg und mit ihm sprach wie Hans und Kunz in der Kneipe. Er

sprach nämlich mit ihm vom guten Wetter in Amerika, und indem er über

das Verhältnis der Winde zu der Luft, der Dünste des wasserreichen

Amerikas zu denen in unserem alten Europa sich verbreitete, zeigte er

uns, daß das All der Wissenschaft in ihm aufgegangen sei; denn er war

nicht nur lyrischer und epischer Dichter, Romanist und Novellist,

Lustspiel= und Trauerspieldichter, Biograph (sein eigener) und

Übersetzer--nein, er war auch sogar Meteorolog!

Wer darf sich rühmen, so tief in das geheimnisvolle Reich des Wissens

eingedrungen zu sein? Wer kann von sich sagen, daß er mit jedem seine

Sprache, d. h. nicht seinen vaterländischen Dialekt, sondern das, was

ihm gerade geläufig und wert sein möchte, sprechen könne! Ich glaube,

wenn ich mich als reisender Koch bei ihm aufgeführt hätte, er hätte

sich mit mir in gelehrte Diskussionen über die geheimnisvolle

Komposition einer Gänseleberpastete eingelassen oder nach einer

Sekundenuhr berechnet, wie lange man ein Beefsteak auf jeder Seite

schmoren müsse.

Also über das schöne Wetter in Amerika sprachen wir, und siehe--das

Armesündergesicht des Amerikaners hellte sich auf, die Schleusen

seiner Beredsamkeit öffneten sich--er beschrieb den feinen, weichen

Regen von Kanada, er ließ die Frühlingsstürme von New York brausen und

pries die Regenschirmfabrik in der Franklinstraße zu Philadelphia. Es

war mir am Ende, als wäre ich gar nicht bei Goethe, sondern in einem

Wirtshause unter guten alten Gesellen, und es würde bei einer Flasche

Bier über das Wetter gesprochen, so menschlich, so kordial war unser

Diskurs; aber das ist ja gerade das große Geheimnis der Konversation,

daß man sich angewöhnt--nicht gut zu s p r e c h e n, sondern gut zu h

ö r e n. Wenn man dem weniger Gebildeten Zeit und Raum gibt zu

sprechen, wenn man dabei ein Gesicht macht, als lausche man aufmerksam

auf seine Honigworte, so wird er nachher mit Enthusiasmus verkünden,

daß man sich bei dem und dem köstlich unterhalte.

Dies wußte der vielerfahrene Dichter, und statt uns von seinem

Reichtum ein Scherflein abzugeben, zog er es vor, mit uns

Witterungsbeobachtungen anzustellen.

Nachdem wir ihn hinlänglich ennuyiert haben mochten, gab er das

Zeichen zum Aufstehen, die Stühle wurden gerückt, die Hüte genommen

und wir schickten uns an, unsere Abschiedskomplimente zu machen. Der

gute Mann ahnte nicht, daß er den Teufel zitiere, als er großmütig

wünschte, mich auch ferner bei sich zu sehen, ich sagte ihm zu und

werde es seiner Zeit schon noch halten; denn wahrhaftig, ich habe

seinen Mephistopheles noch nicht hinuntergeschluckt. Noch einen--zwei

Bücklinge, wir gingen.

Stumm und noch ganz stupid vor Bewunderung folgte mir der Amerikaner

nach dem Gasthof; die Röte des lebhaften Diskurses lag noch auf seiner

Wange, zuweilen schlich ein beifälliges Lächeln um seinen Mund, er

schien höchst zufrieden mit dem Besuch.

Auf unserem Zimmer angekommen, warf er sich heroisch auf einen Stuhl

und ließ zwei Flaschen Champagner auftragen. Der Kork fuhr mit einem

Freudenschuß an die Decke, der Amerikaner füllte zwei Gläser, bot mir

das eine und stieß an auf das Wohl jenes großen Dichters.

„Ist es nicht etwas Erfreuliches," sagte er, „zu finden, so

hocherhabene Männer seien wie unsereiner? War mir doch angst und bange

vor einem Genie, das dreißig Bände geschrieben; ich darf gestehen, bei

dem Sturm, der uns auf offener See erfaßte, war mir nicht so bange.

Und wie herablassend war er, wie vernünftig hat er mit uns diskuriert,

welche Freude hatte er an mir, wie ich aus dem neuen Lande kam!" Er

schenkte sich dabei fleißig ein und trank auf seine und des Dichters

Gesundheit, und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein benebelt,

sank er endlich mit dem Entschluß, Amerikas Goethe zu werden, dem

Schlaf in die Arme.

Ich aber setzte mich zu dem Rest der Bouteillen. Dieser Wein ist von

allen Getränken der Erde der, welcher mir am meisten behagt, sein

leichter, flüchtiger Geist, der so wenig irdische Schwere mit sich

führt, macht ihn würdig, von Geistern, wenn sie in menschlichen

Körpern die Erde besuchen, gekostet zu werden.

Ich mußte lächeln, wenn ich auf den seligen Schläfer blickte; wie

leicht ist es doch für einen großen Menschen, die andern Menschen

glücklich zu machen; er darf sich nur stellen, als wären sie ihm so

ziemlich gleich, und sie kommen beinahe vom Verstand.

Dies war mein Besuch bei Goethe, und wahrhaftig, ich bereute nicht,

bei ihm gewesen zu sein, denn

„Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern

Und hüte mich, mit ihm zu brechen,

Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,

So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen."

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Mitteilungen aus den Memoiren des Satan · 第 28 / 51 题