Bemerkungen über das Diabolische in der deutschen Literatur.
Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht erst durch
die Bibel unter die Menschen gekommen. Jede Religion hat ihre Dämonen
und bösen Geister,--natürlich weil die Menschen selbst von Anfang an
gesündigt haben und nach ihrem gewöhnlichen Anthropomorphismus das
Böse, das sie sahen, einem Geiste zuschrieben, dessen Geschäft es sei,
überall Unheil anzurichten."--So würde ich ungefähr sprechen, wenn
ich es bis zum Professor der Philosophie gebracht hätte und nun über
die I d e e e i n e s T e u f e l s mich breit machen müßte.
In meiner Stellung aber färbe ich über solche Demonstrationen, die
gewöhnlich darauf auslaufen, daß man mich mit zehnerlei Gründen hinweg
zu disputieren sucht; ich lache darüber und behaupte, die Menschen, so
dumm sie hie und da sein mögen, merken doch bald, wenn es nicht g a n
z g e h e u e r u m s i e h e r ist, und mögen sie mich nun Ariman
oder das böse Prinzip, Satan oder Herr Urian nennen, sie kennen mich
in allen Völkern und Sprachen. Es ist doch eine schöne Sache um das
_dicier hic est_," darum behagt mir auch die deutsche Literatur
so sehr. Haben sich nicht die größten Geister dieser Nation bemüht,
mich zu verherrlichen und, wenn ich's nicht schon wäre, mich ewig zu
machen?
In meiner _Dissertatio de rebus diabolicis_ sage ich unter anderem
hierüber folgendes: § 8. D i e I d e e, d a s m o r a l i s c h e
V e r d e r b e n i n e i n e r P e r s o n d a r z u s t e l l e n,
m u ß t e s i c h d a h e r d e n D i c h t e r n h a l b
a u f d r ä n g e n; diese waren, wie es in Deutschland meistens der
Fall war, philosophisch gebildet, doch war ihre Philosophie wie ihre
Moral von jener breiten, dicken Sorte, die nicht mit Leichtigkeit über
Gegenstände hinzugleiten weiß; daher kam es, daß auch die Gebilde
ihrer Phantasie jenes philosophische Blei an den Füßen trugen, das sie
nicht mit Gewandtheit auftreten ließ; sie stolperten auf die Bühne und
von der Bühne, machten sich breit in Philosophemen, die der Zehnte
nicht sogleich verstand, und drehten und wandten sich, als sollten sie
auf einer engen Brücke ohne Geländer in Reifröcken einander
ausweichen.
Daher kam es, daß auch die Teufel dieser Poeten gänzlich verzeichnet
waren. Betrachten wir z. B. Klingers Satan. Wie vielen Bombast hat
dieser arme Teufel zuerst in der Hölle und dann auf der Erde
herzuleiern!
Klingemanns Teufel! Glaubt man nicht, er habe ihn nur geschwind aus
dem Puppenspiel von der Straße geholt, ihm die Glieder ausgereckt, bis
er die rechte Größe hatte, und ihn dann in die Szene gesetzt? Man
begreift nicht, wie ein Mensch sich von einem solchen Ungetüm sollte
verführen lassen."
Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetüme, die hier
aufzuführen der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir von jeher viel
Spaß gemacht, und ich kam mir oft vor, wie der Policinello des
italienischen Lustspiels; ich war bei diesen Leuten eine stehende
Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, doch immer wieder die
Hörner herausstreckte, und unter welche man zu besserer Kenntnis ein
_Ecce homo_, sehet, das ist der Teufel, schrieb.
Doch auch dem Teufel muß man Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagt
ein altes Sprichwort, folglich muß der Teufel zur Revanche auch wieder
gerecht sein. Ein jeder gibt, wie er's kann," fuhr ich in der
Dissertation fort, und wie sich in jenen Poeten das moralische
Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen abspiegelte, so gaben
auch sie ihre Teufel. Daher kommt es, daß Herr Urian bei Klopstock
wieder bei weitem anders aussieht.
Jener Abadonna ist ein gefallener Engel, dem das höllische Feuer die
Flügel versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel und würdig
ausnehmen soll. Aber leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt;
mir wenigstens kommt dieser Klopstocksche Gottseibeiuns vor wie ein
Elegant, der, wegen Unarten aus den Salons verwiesen, sich in den
Tabagien und spießbürgerlichen Klubs nicht recht zu finden weiß und
darum unanständig jammert."
So ungefähr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus, und
ich gebe noch heute zu, daß die Auffassung wie jeder Idee, so auch der
des Teufels, sich nach den individuellen Ansichten des Dichters über
das Böse richten muß; dies alles aber entschuldigt keineswegs jenen
berühmten Mann, der kraft seines umfassenden Genies, nicht den engen
Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt,
sondern der Erde und künftigen Jahrhunderten angehören könnte, es
entschuldigt ihn nicht darin, daß er einen so schlechten Teufel zur
Welt gebracht hat.
Der G o e t h e s c h e M e p h i s t o p h e l e s ist eigentlich
nichts anderes, als jener gehörnte und geschwänzte Popanz des Volkes.
Den Schweif hat er aufgerollt und in die Hosen gesteckt, für die
Bocksfüße hat er elegante Stiefel angezogen, die Hörner hat er unter
dem Barett verborgen--siehe da den Teufel des großen Dichters! Man
wird mir einwenden: Das gerade ist ja die große Kunst des Mannes, daß
er tausend Fäden zu spinnen weiß, durch die er seine kühnen Gedanken,
seine hohen, überschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die
Volkspoesie knüpft."--Halt, Freund! Ist es eines Mannes, der, wie
sie sagen, so hoch über seinem Gegenstand steht und sich nie von ihm
beherrschen läßt, ist es eines solchen Dichters würdig, daß er sich in
diese Fesseln der Popularität schmiegt? Sollte nicht der königliche
Adler dieses Volk bei seinem populären Schopf fassen und mit sich in
seine Sonnenhöhe tragen?"
Verzeihe, Wertester," erhalte ich zur Antwort, du vergissest, daß
unter diesem Volke mancher eine Perücke trägt; würde ein solcher nicht
in Gefahr sein, daß ihm der Zopf breche und er aus halber Höhe wieder
zur Erde stürze? Siehe! der Meister hat dies besser bedacht; er hat
aus jenen tausend Fäden, von welchen ich dir sagte, eine Strickleiter,
geflochten, auf welcher seine Jünger säuberlich und ohne Gefahr zu ihm
hinaufklimmen. Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche,
gleich Noah schwebt er mit ihnen über der Sündflut jetziger Zeit und
schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der
kleinen Poeten strömt."
Ein wässeriges Bild!" entgegne ich, und zugleich eine Sottise.
Befand sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen? Und will
der Meister warten, bis die Flut sich verlaufe und dann seine
Stierlein und seine Eselein, seine Pfauen und Kamele Paar und Paar auf
die Erde spazieren lassen?
Will er vielleicht, wie jener Patriarch, die Erfindung des Weines
sich zuschreiben, sich ein Patent darüber ausstellen lassen und über
seine Schenke schreiben: Hier allein ist Echter zu haben,' wie Maria
Farina auf sein Kölnisches Wasser, so für alle Schäden gut ist?"
Aber, um wieder auf den Mephistopheles zu kommen, gerade dadurch, daß
er einen so überaus populären und gemeinen Teufel gab, hat Goethe
offenbar nichts für die Würde seines schönsten Gedichtes gewonnen. Er
wird zwar viele Leser herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende
werden ausrufen: Wie herrlich! Das ist der Teufel, wie er leibt und
lebt." Um die übrigen Schönheiten des Gedichtes bekümmern sie sich
sehr wenig; sie sind vergnügt, daß es endlich einmal eine Figur in der
Literatur gibt, die ihrer Sphäre angemessen ist.
Aber erkennst du denn nicht," wird man mir sagen, erkennst du nicht
die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem Mephistopheles
liegt?"
Ironie? Und welche? Ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei als den
gemeinen Ritter von dem Pferdefuß, wie er in jeder Spinnstube
beschrieben wird. Man erlaube mir, dieses Bild noch näher zu
beleuchten. Ich werde nämlich vorgestellt als ein Geist, der
beschworen werden kann, der sich nach magischen Gesetzen richten muß:
Gesteh' ich's nur, daß ich hinausspaziere,
Verbietet mir ein kleines Hindernis,
Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle;"
und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten,
Bedarf ich eines Rattenzahns;"
daher befiehlt
Der Herr der Ratten und der Mäuse,
Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse"
in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer die Kante, welche
ihn bannt, zu benagen. Auch kann ich nicht in das Studierzimmer
treten, ohne daß der Doktor Faust dreimal Herein!" ruft. In andere
Zimmer, wie z. B. bei Frau Martha und in Gretchens Stübchen trete ich
ohne diese Erlaubnis. Doch den Schlüssel zu diesen sonderbaren
Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers:
Gewöhnlich glaubt, der Mensch, wenn er nur Worte hört,
Es müsse sich dabei auch etwas denken lassen!"
Doch weiter.
Ich stehe auf einem ganz besonderen Fuß mit den Hexen. Die in der
Hexenküche hätte mich gewiß liebevoller empfangen; aber sie sah keinen
Pferdefuß, und um mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren,
mache ich eine unanständige Gebärde:
Mein Freund, das lerne wohl verstehen,
Das ist die Art, mit Hexen umzugehen.
Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel besser
bekannt. Das Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum Doktor:
Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?
Ich wünschte mir den allerderbsten Bock."