SECHZEHNTES KAPITEL.

Bemerkungen über das Diabolische in der deutschen Literatur.

„Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht erst durch

die Bibel unter die Menschen gekommen. Jede Religion hat ihre Dämonen

und bösen Geister,--natürlich weil die Menschen selbst von Anfang an

gesündigt haben und nach ihrem gewöhnlichen Anthropomorphismus das

Böse, das sie sahen, einem Geiste zuschrieben, dessen Geschäft es sei,

überall Unheil anzurichten."--So würde ich ungefähr sprechen, wenn

ich es bis zum Professor der Philosophie gebracht hätte und nun über

die I d e e e i n e s T e u f e l s mich breit machen müßte.

In meiner Stellung aber färbe ich über solche Demonstrationen, die

gewöhnlich darauf auslaufen, daß man mich mit zehnerlei Gründen hinweg

zu disputieren sucht; ich lache darüber und behaupte, die Menschen, so

dumm sie hie und da sein mögen, merken doch bald, wenn es nicht g a n

z g e h e u e r u m s i e h e r ist, und mögen sie mich nun Ariman

oder das böse Prinzip, Satan oder Herr Urian nennen, sie kennen mich

in allen Völkern und Sprachen. Es ist doch eine schöne Sache um das

„_dicier hic est_," darum behagt mir auch die deutsche Literatur

so sehr. Haben sich nicht die größten Geister dieser Nation bemüht,

mich zu verherrlichen und, wenn ich's nicht schon wäre, mich ewig zu

machen?

In meiner _Dissertatio de rebus diabolicis_ sage ich unter anderem

hierüber folgendes: „§ 8. D i e I d e e, d a s m o r a l i s c h e

V e r d e r b e n i n e i n e r P e r s o n d a r z u s t e l l e n,

m u ß t e s i c h d a h e r d e n D i c h t e r n h a l b

a u f d r ä n g e n; diese waren, wie es in Deutschland meistens der

Fall war, philosophisch gebildet, doch war ihre Philosophie wie ihre

Moral von jener breiten, dicken Sorte, die nicht mit Leichtigkeit über

Gegenstände hinzugleiten weiß; daher kam es, daß auch die Gebilde

ihrer Phantasie jenes philosophische Blei an den Füßen trugen, das sie

nicht mit Gewandtheit auftreten ließ; sie stolperten auf die Bühne und

von der Bühne, machten sich breit in Philosophemen, die der Zehnte

nicht sogleich verstand, und drehten und wandten sich, als sollten sie

auf einer engen Brücke ohne Geländer in Reifröcken einander

ausweichen.

Daher kam es, daß auch die Teufel dieser Poeten gänzlich verzeichnet

waren. Betrachten wir z. B. Klingers Satan. Wie vielen Bombast hat

dieser arme Teufel zuerst in der Hölle und dann auf der Erde

herzuleiern!

Klingemanns Teufel! Glaubt man nicht, er habe ihn nur geschwind aus

dem Puppenspiel von der Straße geholt, ihm die Glieder ausgereckt, bis

er die rechte Größe hatte, und ihn dann in die Szene gesetzt? Man

begreift nicht, wie ein Mensch sich von einem solchen Ungetüm sollte

verführen lassen."

Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetüme, die hier

aufzuführen der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir von jeher viel

Spaß gemacht, und ich kam mir oft vor, wie der Policinello des

italienischen Lustspiels; ich war bei diesen Leuten eine stehende

Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, doch immer wieder die

Hörner herausstreckte, und unter welche man zu besserer Kenntnis ein

_Ecce homo_, sehet, das ist der Teufel, schrieb.

Doch auch dem Teufel muß man Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagt

ein altes Sprichwort, folglich muß der Teufel zur Revanche auch wieder

gerecht sein. „Ein jeder gibt, wie er's kann," fuhr ich in der

Dissertation fort, „und wie sich in jenen Poeten das moralische

Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen abspiegelte, so gaben

auch sie ihre Teufel. Daher kommt es, daß Herr Urian bei Klopstock

wieder bei weitem anders aussieht.

„Jener Abadonna ist ein gefallener Engel, dem das höllische Feuer die

Flügel versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel und würdig

ausnehmen soll. Aber leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt;

mir wenigstens kommt dieser Klopstocksche Gottseibeiuns vor wie ein

Elegant, der, wegen Unarten aus den Salons verwiesen, sich in den

Tabagien und spießbürgerlichen Klubs nicht recht zu finden weiß und

darum unanständig jammert."

So ungefähr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus, und

ich gebe noch heute zu, daß die Auffassung wie jeder Idee, so auch der

des Teufels, sich nach den individuellen Ansichten des Dichters über

das Böse richten muß; dies alles aber entschuldigt keineswegs jenen

berühmten Mann, der kraft seines umfassenden Genies, nicht den engen

Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt,

sondern der Erde und künftigen Jahrhunderten angehören könnte, es

entschuldigt ihn nicht darin, daß er einen so schlechten Teufel zur

Welt gebracht hat.

Der G o e t h e s c h e M e p h i s t o p h e l e s ist eigentlich

nichts anderes, als jener gehörnte und geschwänzte Popanz des Volkes.

Den Schweif hat er aufgerollt und in die Hosen gesteckt, für die

Bocksfüße hat er elegante Stiefel angezogen, die Hörner hat er unter

dem Barett verborgen--siehe da den Teufel des großen Dichters! Man

wird mir einwenden: „Das gerade ist ja die große Kunst des Mannes, daß

er tausend Fäden zu spinnen weiß, durch die er seine kühnen Gedanken,

seine hohen, überschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die

Volkspoesie knüpft."--„Halt, Freund! Ist es eines Mannes, der, wie

sie sagen, so hoch über seinem Gegenstand steht und sich nie von ihm

beherrschen läßt, ist es eines solchen Dichters würdig, daß er sich in

diese Fesseln der Popularität schmiegt? Sollte nicht der königliche

Adler dieses Volk bei seinem populären Schopf fassen und mit sich in

seine Sonnenhöhe tragen?"

„Verzeihe, Wertester," erhalte ich zur Antwort, „du vergissest, daß

unter diesem Volke mancher eine Perücke trägt; würde ein solcher nicht

in Gefahr sein, daß ihm der Zopf breche und er aus halber Höhe wieder

zur Erde stürze? Siehe! der Meister hat dies besser bedacht; er hat

aus jenen tausend Fäden, von welchen ich dir sagte, eine Strickleiter,

geflochten, auf welcher seine Jünger säuberlich und ohne Gefahr zu ihm

hinaufklimmen. Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche,

gleich Noah schwebt er mit ihnen über der Sündflut jetziger Zeit und

schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der

kleinen Poeten strömt."

„Ein wässeriges Bild!" entgegne ich, „und zugleich eine Sottise.

Befand sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen? Und will

der Meister warten, bis die Flut sich verlaufe und dann seine

Stierlein und seine Eselein, seine Pfauen und Kamele Paar und Paar auf

die Erde spazieren lassen?

„Will er vielleicht, wie jener Patriarch, die Erfindung des Weines

sich zuschreiben, sich ein Patent darüber ausstellen lassen und über

seine Schenke schreiben: ‚Hier allein ist Echter zu haben,' wie Maria

Farina auf sein Kölnisches Wasser, so für alle Schäden gut ist?"

Aber, um wieder auf den Mephistopheles zu kommen, gerade dadurch, daß

er einen so überaus populären und gemeinen Teufel gab, hat Goethe

offenbar nichts für die Würde seines schönsten Gedichtes gewonnen. Er

wird zwar viele Leser herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende

werden ausrufen: „Wie herrlich! Das ist der Teufel, wie er leibt und

lebt." Um die übrigen Schönheiten des Gedichtes bekümmern sie sich

sehr wenig; sie sind vergnügt, daß es endlich einmal eine Figur in der

Literatur gibt, die ihrer Sphäre angemessen ist.

„Aber erkennst du denn nicht," wird man mir sagen, „erkennst du nicht

die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem Mephistopheles

liegt?"

Ironie? Und welche? Ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei als den

gemeinen Ritter von dem Pferdefuß, wie er in jeder Spinnstube

beschrieben wird. Man erlaube mir, dieses Bild noch näher zu

beleuchten. Ich werde nämlich vorgestellt als ein Geist, der

beschworen werden kann, der sich nach magischen Gesetzen richten muß:

„Gesteh' ich's nur, daß ich hinausspaziere,

Verbietet mir ein kleines Hindernis,

Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle;"

und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten,

„Bedarf ich eines Rattenzahns;"

daher befiehlt

„Der Herr der Ratten und der Mäuse,

Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse"

in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer die Kante, welche

ihn bannt, zu benagen. Auch kann ich nicht in das Studierzimmer

treten, ohne daß der Doktor Faust dreimal „Herein!" ruft. In andere

Zimmer, wie z. B. bei Frau Martha und in Gretchens Stübchen trete ich

ohne diese Erlaubnis. Doch den Schlüssel zu diesen sonderbaren

Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers:

„Gewöhnlich glaubt, der Mensch, wenn er nur Worte hört,

Es müsse sich dabei auch etwas denken lassen!"

Doch weiter.

Ich stehe auf einem ganz besonderen Fuß mit den Hexen. Die in der

Hexenküche hätte mich gewiß liebevoller empfangen; aber sie sah keinen

Pferdefuß, und um mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren,

mache ich eine unanständige Gebärde:

„Mein Freund, das lerne wohl verstehen,

Das ist die Art, mit Hexen umzugehen.

Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel besser

bekannt. Das Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum Doktor:

„Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?

Ich wünschte mir den allerderbsten Bock."

Mitteilungen aus den Memoiren des Satan · 第 26 / 51 题