Als das Dessert aufgetragen wurde, entschlüpfte, unbemerkt von den
bechampagnerten Gästen, die junge Frau. Sie warf den schweren Hochzeitstaat
ab und erwählte unter der reichen Garderobe ein allerliebstes
Reisekleidchen; denn nach der Tafel sollte gleich eingesessen und ein wenig
in die Welt hinausgefahren werden; so wollte es der alte Graf.
Sie erschrak selbst, als sie in den Spiegel sah, nein, so
wundergrazienhübsch hatte sie noch nie ausgesehen; das Überröckchen schloß
so eng und passend, das Reisehäubchen, die hervorquellenden Löckchen gaben
dem Köpfchen einen wundervollen Reiz. Die Bäckchen waren so rosig, die
Äuglein glänzten so hell und klar im Widerschein ihres bräutlichen Glückes,
kleine, kleine Schelmchen saßen in ben Grübchen der Wangen und schienen
allerlei wunderbare Geheimnisse zu flüstern von Sehnsucht und Erwartung;
das Mäulchen so spitzig wie zum Küssen zeigte immer wieder die Perlen, die
hinter dem Purpur verborgen waren.
Die sechs Kammerjungfern, Lisette, Babette, Trinette, Philette, Minette,
und wie sie alle hießen, schlugen vor Verwunderung über ihre
wunderniedliche gnädige Frau die Hände zusammen. "Diese herrliche,
jugendliche Frische! Dieser Alabasterbusen, der alle Nestel des
Korsettchens zu zersprengen droht!" sagte Minette. "Diese weißen Arme!"
flüsterte Philette. "Diese Füßchen," dachte Trinette weiter, "diese Wäd--"
"Der Herr Graf wird ganz selig sein," wisperte Lisette der Babette zu, doch
nicht so leise, daß es den Ohren der jungen Gräfin entging. Sie wollte tun,
als hätte sie nichts gemerkt, aber ward feuerflammrot von der Stirne bis
herab in das Halstuch, und als vollends Babette, die das schneeweiße
Nachtzeug in die Vache packte, mit einer höchst naiven Frage in die Quere
kam, da hielt sie es nicht mehr aus; ganz dunkel überpurpurt entschlüpfte
sie den sechs dienstbaren Geistern und lief wie ein gescheuchtes Reh in den
Speisesaal.
Allgemeiner Jubel empfing die holde Reisende. Alles war darin
einverstanden, daß ihr diese Tracht noch besser stehe als der Brautstaat;
kein Wunder! es war ja das Pilgerkleid, in welchem sie ins gelobte Land der
Ehe reiste.
"Warum bist du nur so über und über rot?" fragte Emil sein holdes Weibchen,
indem er sie näher an seine Seite zog. "Hat dir jemand etwas getan?"
Sie wollte lange nicht heraus. "Die Babette," flüsterte sie endlich und
errötete von neuem, "die Babette hatte so dumm gefragt."
"Nun, was denn?" fragte der neugierige Herr Gemahl. Aber da stockte es
wieder; zehnmal setzte sie an; sie wollte gerne eine Lüge erfinden; aber
das schickte sich denn doch nicht am Hochzeittag, und doch--es ging nicht;
er mußte bitten, flehen, drohen, betteln sogar; endlich, nachdem er hatte
versprechen müssen, die Augen recht fest zuzumachen, flüsterte sie ihm ins
Ohr: "Sie hat mein Nachtzeug eingepackt, und da hat sie gefragt, ob sie das
deinige auch dazu packen soll." Selig schloß der Graf sein Engelsweibchen
in die Arme; er wollte antworten, aber seine Antwort verhallte im Geräusch
der aufbrechenden Gäste.
Die Wagen waren vorgefahren, man verabschiedete sich. Der Graf nahm sein
Idchen um den Leib und trug sie schnell hinab in den Wagen; denn dort
beschloß er, ihr zu antworten.
Auf dem Balkon drängten sich die Gäste, die Champagnergläser in den Händen;
sie riefen, vermischt mit den neuen Untertanen des Grafen, ein
tausendstimmiges Vivat in den Wagen hinab. Ida drückte ihr Köpfchen an die
Brust des Geliebten. Er winkte, die Pferde zogen an, und dahin fuhr Emil
und seine glückliche Ida.
* * * * *