HOCHZEIT.

Und endlich war der schöne Tag gekommen.

Was nur halbwegs laufen konnte, war heute in Freilingen auf den Beinen, und

der polnische Graf und Fräulein Ida von Sanden waren in aller Mund. Vor der

Kirchtüre schlugen und drängten sich die Leute als wie vor einem

Bäckerladen in der Hungersnot. Alle Stühle in der Kirche waren besetzt, und

von Minute zu Minute wuchs der Andrang.

Aber zum Hauptportal, den Gang hinauf bis an den Altar durfte kein Mensch,

das hatte sich ein Mann ausgewirkt, der heute stille, aber tief an dem

Glück des Brautpaares teilnahm; dieser Mann war der Küster. Er hätte viel

darum gegeben, wenn er der versammelten Menge hätte sagen dürfen: "Sehet,

der Herr Bräutigam, es war just nicht ganz recht richtig mit ihm; er hatte

allerhand Affären mit Herrn Urian, der ihn allnächtlich hieher in die

Münsterkirche trieb; da herein konnte er aber nicht; und ich, der Küster

von Freilingen, habe ihm allnächtlich zu seiner Freistatt verholfen, war

auch dabei, wie das Wunderkind, das jetzt seine Braut ist, ihn erlöset hat

von dem Übel, das mir, nebenbei gesagt, alle Tage einen harten Taler

einbrachte; habe ich es nicht gleich damals zu dem alten Polacken gesagt,

daß die beiden Liebesleutchen noch einmal in meine Kirche und vor meinen

Altar kommen würden?"

So hätte er gerne zu den Freilingern gesprochen; es juckte ihn und wollte

ihm beinahe das Herz abdrücken, daß er sich nicht also in seiner Glorie

zeigen durfte; aber--er tat sich doch auch wieder nicht wenig darauf zugut,

daß er, was nicht jeder kann, so gut das Maul halten könne. Aber seine

Attention hatte er dem Pärchen bewiesen, daß es eine Freude war. Vom Portal

bis zum Altar waren Blumen gestreut, er hatte es sich etwas kosten lassen

und keine kleine Hatz deswegen mit seiner Liebsten gehabt; aber diesmal

hatte er doch durchgedrungen und seinen eigenen Willen gehabt.

Jetzt kam Gerassel die Straße herauf; dem alten Küster schlug das Herz,

jetzt--ja, sie mußten es sein,--der große Glaswagen des Präsidenten fuhr

vor; darin saßen der Präsident und Emil. "Ach, der schöne Offizier!"

schrien die Freilinger und machten lange Hälse. "Wie prächtig, wie

wunderhübsch!" flüsterten die Mädchen, denen das Herz unter dem Mieder

lauter pochte; aber man konnte auch nichts Schöneres sehen.

Er hatte die Staatsuniform angelegt; sie schloß sich um den herrlichen,

schlanken, heldenkräftigen Körper, wie wenn er damit geboren worden wäre;

das sonst so bleiche, ernste Gesicht war heut leicht gerötet und

verherrlicht durch einen Schimmer von holder Freundlichkeit; sein stolzes,

glänzendes Auge durchlief den Kreis, es traf den Küster, der in einem fort

Bückling über Bückling machte; gerührt und freundlich reichte er ihm die

Hand und stellte sich neben ihn unter das Portal.

Jetzt rasselte es wieder die Straße herauf. Ein Wagen, noch glänzender,

geschmackvoller als der erste; er gehörte zu der neuen Remise des Grafen

und war heute von Blauenstein hereingefahren worden. Der alte Brktzwisl,

der in höchster Gala mit noch einem Kameraden hintendrauf stand, sprang ab,

riß die Glastüre auf, schlug klirrend den Tritt herab--jetzt regt sich kein

Atem mehr in der ganzen großen Menge; jedes Auge erwartungsvoll auf die

geöffnete Türe geheftet. Der alte Graf, angetan mit all seinen Orden, der

Hofrat mit dem himmlischen Ehrenzeichen der Freundschaft auf dem Gesichte,

stiegen aus und postierten sich an den Schlag. Jetzt wurden ein Paar

glacierte Handschuhe sichtbar, jetzt ein Füßchen, es war nicht möglich,

etwas Kleineres, Niedlicheres zu sehen als die winzigen weißseidenen

Schuhe--jetzt--ein Lockenköpfchen, ein Paar selig glänzende Augen, ein Paar

überpurpurte Wangen, ein lächelnder Mund--hübsch stand das Bräutchen

zwischen den alten Herren. Ein Kleid von schwerem, weißem Seidenzeug

schlang sich um den jugendlich-frischen Körper; wie darüber hingehaucht war

ein Oberkleid vom feinsten Spitzengrund, ein Geschenk des Oheims, und mit

der reichen Blondengarnierung, in welche es endigte, mit der

Diamantenschnalle und dem aus Venezianerketten geflochtenen Gürtel, welcher

den wunderniedlichen Blusenleib zusammenhielt, wenigstens seine achttausend

Taler wert, und die Bracelets mit den großen Steinen und das Diadem, um das

sich der Myrtenkranz schlang! Nein, wer sich auch nur ein wenig auf Steine

verstand, dem mußte hier der Mund wässern; aber war nicht alles dies im

Grund unbedeutende Fasson, um den herrlichsten Edelstein, das Wunderkind

selbst, einzufassen?

Sie traten in die Kirche; das in Seligkeit schwimmende Bräutchen vergaß

nicht, im Vorübergehen dem Küster einen recht freundlichen Gruß zuzuwinken,

daß ihn die Menge ehrfurchtsvoll angaffte und nicht begreifen konnte, wie

der alte Schnapsbruder zu so hoher Bekanntschaft gelangt sei. Ernster und

ernster wurden die Züge Idas, als sie sich dem wohlbekannten Altar näherte.

Ihr Auge begegnete dem Auge Emils, des Grafen und des Hofrats, die mit

Blicken des Dankes und der Rührung an ihr hingen. Hier war ja ihr

Siegesplatz, wo das mutige Mädchen mit hingebender Liebe gegen den bösen

Feind der Schwermut und des Trübsinnes gekämpft und gesiegt hatte.

Mühsam rang sie nach Fassung, die Freude, daß sich alles so schön gefügt

hatte, wurde zur heiligen Rührung in ihr; noch einmal durchflog sie die

Erinnerung an den ersten Blick des Grafen bis hieher zu dieser Stätte, und

ihr Auge wurde feucht von Entzücken. Als aber die Trauung begann, als der

würdige Diener der Kirche, dem man das Geheimnis anvertraut hatte, in einer

kurzen, aber gehaltvollen Rede von den wunderbaren Fügungen Gottes sprach,

der oft aus Tausenden sein Werkzeug zur Beglückung vieler wähle, da

strömten ihre Tränen über. "Ja," dachte sie bei sich selbst, "es ist

erfüllt, was damals ahnungsvoll meine Seele füllte: _der Zug des Herzens

ist Gottes, ist des Schicksals Stimme_." Und viele Tränen flossen; denn

auch die Augen derer, die einst den Jammer des edlen Jünglings gesehen

hatten, gingen über.

Wie ein Engel Gottes kam sie dem alten Oheim vor, als sie am Altar ihre

Hand in die seines Neffen legte, wie ein Engel, der mit freundlichem Blick,

mit treuer Hand den Menschen aus der dunkeln Irre des Lebens zu einem

schönen, lichten Ziele führte.

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Der Mann im Mond Oder der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme, nebst der Kontrovers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond · 第 62 / 76 题