DAS DUELL

Vor der Stadt hatten die drei Reiter ihre Pferde angehalten und ließen sie

jetzt im Schritt dem bestimmten Ort zugehen; sie schwiegen eine Zeitlang,

und jeder schien seinen besondern Gedanken nachzuhängen. Emils Brust

erfüllte die Qual aller Zweifel an Ida. Es war ihm da einmal, als stehe

sie, wie er sie eben gesehen hatte, in blendend reiner Unschuld vor ihm und

flüsterte ihm mit sanfter Stimme Vorwürfe zu, daß er auch nur einen

Augenblick habe an ihr zweifeln können; dann kamen wieder alle Qualen der

Eifersucht über ihn; er wiederholte sich alles, was er zwischen ihr und

Sporeneck bemerkt hatte, und das Billett von gestern--"Nein! _Sie ist

schuldig_," rief er laut und unmutig. Gestern abend nämlich, als

Schulderoff sie verlassen hatte, war Brktzwisl gekommen und hatte einen

kleinen Zettel gebracht, der wahrscheinlich dem Rittmeister entfallen sein

müsse. Er war offen, Emil konnte sich nicht enthalten, einen Blick

hineinzuwerfen, und ward weiß wie die Wand. Schweigend reichte er

Ladenstein das Billett, und dieser las:

"Du mußt noch das Strumpfband haben, das Du mir letzthin mutwilligerweise

abgebunden hast; ich brauche es notwendig; ist Dir übrigens an einem

Zeichen Deiner Dame gelegen, so kannst Du etwas anderes haben. Willst Du

eine Busenschleife? Willst Du ein Schnürband von meinem Korsettchen?"

"Das ist freilich stark," hatte Ladenstein gesagt, nachdem er gelesen,

"kennst Du die Handschrift?"--"Von wem soll es sein als von ihr, die mich

um mein Lebensglück betrogen? Hätte ich den Wisch da um eine Stunde früher

gehabt, ich hätte den Rittmeister wahrhaftig nicht getadelt, daß er von

seinem zärtlichen Liebchen so ausdrucksvoll sprach!"

"Kennst du Idas Handschrift?" fragte der alte Herr noch einmal. "Es kommt

hiebei sehr viel darauf an, daß du sie genau kennst."

Emil mußte gestehen, daß er noch nichts von Idas Hand gesehen; es könne es

ja aber doch gar niemand anders geschrieben haben; denn die Adresse lautete

ja an Herrn von Sporeneck. Der alte Herr hatte den Kopf dazu geschüttelt

und gesagt, daß dieses Billett der ganzen Sache eine andere Wendung geben

könnte; jetzt sei er aber schon einmal gefordert, und darum könne vor

Ausgang des Duells nicht mehr davon gesprochen werden; nachher werde sich

vielleicht manches aufklären. Dieses Billett war nun auch auf dem Wege zum

Kampfplatz Emil in den Sinn gekommen und hatte ihm jenen lauten Ausruf:

"Sie ist dennoch schuldig," entlockt.

Der Alte reichte ihm die Hand hinüber und sagte freundlich ernst: "Urteile

nicht zu frühe! Du gehst einen gefährlichen Weg, nimm nicht die Schuld mit

dir, ungehört verdammt zu haben. Du bist der letzte Martiniz. Schlägt eine

Kugel hier unter den Wladimir, so ist es vorbei mit dir und dem

Heldenstamm, dessen Namen du trägst. Du schlägst dich für die Ehre einer

Dame; so lange du für sie kämpfst, darfst du nicht an ihrer Tugend

zweifeln, sonst ist deine Sache nicht gut. Denke dir: das Mädchen, so hold

und engelrein, wie du sie sahst, als wir zu Pferde stiegen, wie du ihr, von

ihrem heiligen Anblick übermannt, dein zärtliches Lebewohl zuriefst--und du

wirst freudiger streiten."

Emil hörte nur mit halbem Ohr; seine ganze Aufmerksamkeit war auf den Platz

gerichtet, dem sie sich nahten. Sie bogen um die Ecke der Mauer des

Gottesackers. Sein Gegner war schon auf dem Platz; er nahm sein Roß

zusammen und sprengte majestätisch im kurzen Galopp an.

Sporeneck und sein Begleiter waren auf einem andern Weg herausgeritten und

hatten auf der Wiese den Grafen erwartet. Sie hatten ihre besten Uniformen

angezogen, alles gewichst und gebürstet, als ginge es zur Hochzeit; denn

sie wollten dem Grafen und seinem Begleiter durch Glanz und militärische

Würde imponieren. Wer beschreibt ihr Erstaunen, als sie den

strahlenblitzenden, in den schönsten Farben schimmernden Ulanen ansprengen

sahen? Sie trauten ihren Augen kaum, wie gewandt, wie flink das zivile

Gräfchen vom Sattel sprang, mit welchem Anstand er die Zügel seinem Diener

zuwarf, sich dann zu ihnen wandte und seine Honneurs machte. Die Diamanten

des Wladimir, der goldene, vom Vater ererbte Ehrensäbel glänzten im

Morgenrot; der ganze Mann hatte etwas Gewaltiges, Gebietendes, Königliches,

das sie beinahe mit Ehrfurcht bewunderten.

"Alle Teufel, wer hätte das gedacht?" flüsterte Sporeneck. "Hätte ich das

gewußt--weiß Gott, die Uniform der polnischen Garde, wo jeder Rittmeister

für einen Obersten in der Linie zieht! Nein, wenn ich gewußt hätte, daß er

Soldat ist, dann wäre es wohl etwas anderes gewesen."

"Und alle Wetter," fuhr ein anderer fort, "sieh nur den alten Graukopf, wie

der behängt ist, eins--zwei--drei--sieben Orden hat das Kerlchen und noch

obendrein einen Stern! Siehe, des Theresienkreuz--und weiß Gott, den

Kommandeur der Ehrenlegion! Das muß ein fixer Kerl sein."

Der alte bekreuzte und besternte Herr nahte sich Schulderoff, zog ganz

gelassen und kaltblütig eine reich mit Brillanten besetzte Uhr heraus.

"Herr Kamerad," sprach er, "wenn's gefällig ist!"

Dieser hatte sich von seinem Staunen kaum erholt. Er hatte die Äußerung des

Rittmeisters gehört, daß, wenn er gewußt hätte, daß der Graf Soldat wäre,

er die Sache vielleicht nicht so weit getrieben hätte. Er versuchte daher

noch einmal mit dem alten Herrn zu parlamentieren. Doch die Unterhandlungen

zerschlugen sich an dem harten Sinn des Grafen; man maß die Schritte ab,

man schüttete frisches Pulver auf die Pfannen--fertig!

Sporeneck hatte den ersten Schuß. "Nun, wenn es denn einmal sein muß,"

sagte er, drückte ab und--den Kalpak riß es dem Grafen von dem Kopf; mitten

durch war die Kugel gegangen; er stand unverletzt. Ein sonderbares Feuer

sprühte aus seinem Auge, als er jetzt die Pistole aufnahm. Es war ihm, als

stehe Antonios blutende Gestalt vor dem Rittmeister und wehre ihm ab;

zweimal setzte er an, zweimal ließ er das Pistol wieder sinken. Da rief der

Rittmeister mit bitterem Lachen: "Wird's bald, Herr Kamerad?" Und in

demselben Augenblicke krachte es; Sporeneck schwankte und fiel.

Er hatte genug; gerade unter der Brust hatte die Kugel durchgeschlagen. Der

Regimentsarzt der Dragoner machte ein bedenkliches Gesicht und gab wenig

Hoffnung. Man brachte ihn in die Wohnung eines der Offiziere, der vor der

Stadt wohnte. In tiefem Ernst, schweigend ritt der Graf und sein Begleiter

zur Stadt zurück.

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Der Mann im Mond Oder der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme, nebst der Kontrovers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond · 第 51 / 76 题