So lange er da war, war es dem Grafen und Ida ziemlich leicht zu Mut; zwar
prickelte es beiden ein wenig ängstlich im Herzen; denn das Wiedersehen
nach einem so wichtigen Moment, wie die gestrige Mitternacht war, führt
immer eine kleine, unabweisbare Verlegenheit mit sich; man ist nicht
sicher, den Ton gleich wiederzufinden, in welchem man sich verlassen hat.
Denn das ist keinem Zweifel unterworfen, daß man, wie in jedem Gespräch, so
auch in dem Flüstern der angehenden Liebe, abends wärmer ist und in einer
Viertelstunde weiter kommt als den Morgen nachher, wo schon der Verstand
mehr mit der Phantasie über die Haushaltung rechnet. Daher war es Martiniz
auf den ersten Augenblick des Alleinseins mit Ida bange; er war so traulich
von ihr geschieden, er hätte ihr gestern abend alles, alles sagen können,
wovon sein Herz so voll war--und jetzt, jetzt hatte er wieder allen Mut
verloren. Er hatte mit den ersten Damen von vier großen Reichen gescherzt
und gelacht, ohne sich von den imposantesten Schönen verblüffen zu lassen,
--wo war sein Mut, seine Gewandtheit diesem Mädchen gegenüber? Es war aber
auch unmöglich, bei dem Engelskind die Fassung zu behalten;--erfreute der
herrliche Tannenwuchs, das Ungezwungene, Graziöse der Haltung das Auge, war
man beinahe geblendet von dem Lilienschnee der Haut, von der jungfräulichen
Pracht des Alabasterbusens, war man entzückt von dem Rosensamt der
blühenden Wangen, von den zum Kuß geöffneten Korallenlippen, war man
wunderbar bewegt von dem lieblichen Kontrast, den ihre brand-brand-brand-
raben-raben-kohlen-tinten-schwarzen Ringellöckchen und orientalisch
geschweiften Brauen mit den Cyanenaugen machten, war man hingerissen von
dem Zauberlächeln, das die Grübchen in den Wangen, die Perlen hinter dem
schöngeformten Mund zeigte, hätte man hinfliegen mögen, die zarte Taille
mit dem einen Arm zu umfangen, mit dem andern das Amorettenköpfchen recht
fest Mund auf Mund zu drücken--o! so durfte sie ja nur das Auge
aufschlagen, durfte nur jenen Blick voll jungfräulicher Hoheit auf den
sündigen Menschen und seine Begierden herabblicken lassen, so schlich man
sich so duchs und geschmiegt hinter die Grenzbarrieren der Bescheidenheit
zurück, als haben einen zehn Paßvisitatoren und zwanzig; Gendarmen dahinter
zurückgedonnerwettert.
Das ist der Zauber reiner Jungfräulichkeit. Man sage, was man will, von
Verdorbenheit der Sitten und daß kein reputierliches Frauenzimmer mehr
allein auch nur eine Meile weit reisen könne! An den Männern liegt es
wahrhaftig nicht, sondern an jenen selbst, die ohne den Schutz- und
Geleitsbrief jungfräulicher Reinheit in Blick und Mienen hinausgehen. Der
Graf war kein solcher Geck wie viele unserer heutigen jungen Herren, welche
glauben, jedes Herz, das sie lorgnettieren, müsse auch unwillkürlich von
ihrer interessanten Erscheinung hingerissen sein. Nein, seinem scharfen
Auge war es nicht entgangen, wie Ida diese saubern Herren, als sie sich mit
ihrer dreisten, handgreiflichen Unverschämtheit an sie drängten, hatte
ablaufen lassen; wenn auch ihm keine solche Zurechtweisung bevorstand, wenn
er sich auch schmeicheln durfte, von diesem Phönix von Mädchen vor allen
ausgezeichnet worden zu sein, wenn er sich auch eines höheren Wertes bewußt
war, wer stand ihm dafür, daß nicht dieses Mädchen, das gewiß auf ihre
Freundschaft einen hohen Wert legte, sich tief beleidigt fühlen werde, wenn
er zärtlichere Gefühle äußerte? Wer stand ihm dafür--zwar der Hofrat hatte
es ihm zu dutzend Malen mit den fürchterlichsten Eiden geschworen, daß es
nicht so sei; aber was wußte der Hofrat von den Heimlichkeiten eines tiefen
Mädchenherzens?--Wer stand ihm dafür, daß sie nicht schon einen anderen,
würdigeren lie--
Nein, er konnte den Gedanken nicht ertragen; die ganze Nacht hatte es ihn
gepeinigt; die guten Betten, über welche er jenen Morgen der Frau
Mondwirtin viel Schönes gesagt hatte, waren hart und schneidend wie die
Latten, auf welche er sonst seine ungezogensten Ulanen geschickt hatte; die
Kopfkissen--Jakob's Stein muß ein Eiderdunenpfühl dagegen gewesen sein;
denn er konnte ja darauf schlafen und sogar eine Himmelsleiter träumen, die
ihn in den Himmel--es peinigte ihn den ganzen Morgen und Vormittag, bis er
endlich den Riesenentschluß faßte, sich _Gewißheit_ zu verschaffen.
Noch auf der Treppe hatte er Löwenmut, er stieg die Stufen hinan, als wären
es die schiefen Seiten einer feindlichen Batterie; noch so lange der Papa
dabeisaß, flüsterte er sich zu, daß er mehr Mut besitze, als er gedacht
habe; ihr Blick schien ihm heute besonders glänzend, schien ihn selbst
aufzumuntern; aber nein, es war ja nur das gewöhnliche freundschaftliche
Wohlwollen; er wünschte den Papa zum Henker oder in seine Kanzlei, und doch
hätte er ihn, als er ging, beim Frackzipfel nehmen und festhalten mögen;
jetzt Mut!--Aber es schnürte ihm die Kehle zusammen, er konnte nicht
anfangen, alles schien ihm zu gemein, zu trivial für diese Stunde--
"Warum so still und trübe, Martiniz?" fragte Ida, als der Graf immer noch
keine Worte finden konnte. "Sie sind doch wohl nicht krank?" Wie wohl tat
ihm diese Teilnahme!--Das Gespräch war eingeleitet, und dennoch konnte er
nicht weiter. Da fiel ihm auf einmal ein Gedanke ein--er beschloß ihn
auszuführen; er nahm noch einmal das Thema von vorhin auf und ging die
Landsitze, die ihm angeboten worden waren, einzeln durch; auf allen war
Idchen bekannt, und wie unendlich hübsch stand es dem Mädchen, wenn sie von
der Landökonomie so kunterbunt plapperte, wie ihr das Schnäbelchen
gewachsen war. Es war ihm, als säße er schon mit ihr abends vor der Türe
seines Schlößchens, die Kinderchen alle um ihn her im Gras, wie es auf
seines Vaters Schloß gehalten wurde, und neben ihm, neben ihm Ida als
züchtiges, hübsches, allerliebstes Frauchen; und wie sie dann--nein, es war
zu hübsch, wenn er es sich so vorstellte,--wenn sie dann sorglich die
Kinder hineinschickte--und selbst aufstand--und ihn bei der Hand nahm--und
die andere Hand ihm auf die Stirne legte--und, ja--und dann sagte:
Männchen, es macht hier unten schon etwas kalt, wollen wir nicht zu Bet--
"Da sitze ich schon ein gutes Halbviertelstündchen," unterbrach Ida mit
fröhlichem Lachen sein Selbstgespräch, "und sehe Ihnen zu, wie Sie so gar
nachdenklich sind, als wollten Sie die Quadratur des Zirkels ausklügeln; wo
haben Sie nur Ihre Gedanken? Gewiß saßen Sie schon auf irgend einem Landgut
und sannen nach, wie lustig Sie sich dort die Tage vertreiben wollen."
"Ach," antwortete Emil, "so lustig wird es wohl dort nicht werden, wenn man
so allein, so ganz allein auf der Erde ist."
"Nun, das kömmt ja nur auf Sie an, Sie können sich die Einöde froh machen,
können Freunde zu sich bitten--"
"Freunde?" fragte Martiniz mit sonderbarem Ausdruck der Stimme. "Es ist
wohl etwas Gutes um Freunde; aber sie kommen und gehen, und das Herz
verlangt nach etwas Bleibendem."--
"Wer bedenkt," antwortete Ida mit gerührtem Blick auf den jungen Mann, "wer
bedenkt, wie viel Sie schon verloren haben, wird Sie um diese Ansicht nicht
schelten; Sie haben recht, es ist nichts Bleibendes auf der Erde."
So hatte aber der Graf auch wieder nicht gemeint. "Nein," sagte er, "es
hieße dem Leben seinen schönsten Reiz ablügen, wollte man dies so streng
behaupten. Etwas ist, was dem Mann in jedem Wechsel bleibt. Ihnen darf ich
es sagen, was ich meine, Ihnen, die in dem ersten Augenblick dem
Unglücklichen ihre zarte Teilnahme schenkte, die durch die zarten Bande der
Gastfreundschaft mein Herz wieder für die edlen Freuden der Geselligkeit
öffnete, die, wenn alle Menschen mich verkannten oder über mein Unglück
spotteten, mir treue Teilnahme und reichen Trost gewährte, die mir aus
gläubiger, frommer Freundschaft selbst in jene Schreckensstunde, die mich
von den Menschen verbannte, nachfolgte, die den Fluch von mir nahm, der
mich von Land zu Land rastlos fortscheuchte, dir, du reines, holdes, ewig
heiteres Engelskind, darf ich sagen, was mir fehlt, du hast mir ja immer
geholfen, mir fehlt--sei du es mir--ein liebes Weib--"
Mit steigendem Erstaunen war Ida der Rede Emils gefolgt--ihr Auge hing an
seinen Lippen, ihre Hand zitterte in der seinigen; denn sie meinte nicht
anders, als ein neues, noch furchtbareres Geheimnis zu vernehmen. Mit einem
Schrei der Überraschung, der Freude, der Verlegenheit flog sie daher vom
Stuhle auf, als er endete. "Herr Graf--Marti--" stammelte sie in steigender
Verlegenheit, ihr Gesicht brannte in den hohen Gluten bräutlicher Scham.
"Mein Mädchen, meine Ida!" flüsterte Martiniz und zog sie zu sich herab in
seine Arme; er nannte sie mit den süßesten Schmeichelnamen. "O laß mir noch
_einen_ Glauben, noch _eine_ Hoffnung, laß mir noch _einen_ Trost, den
deiner Liebe!"--"Mein Emil!" hauchte sie aus den süßen Lippen hervor--und
der Graf preßte sie in stürmischem Entzücken an die Brust; wollte eben den
ersten, heiligen Kuß reiner Lie--
Da schmetterten Posthörner die Straße herab; ein schwerer Reisewagen
rasselte dröhnend über das Pflaster und hielt vor des Präsidenten Haus;
aufgeschreckt wie ein Reh flog Ida aus des Grafen Armen und riß das Fenster
auf; aber erbleichend trat sie zurück.--"Mein Gott im Himmel!" rief sie,
"es ist die Gräfin Aarstein."--Die Saat des Bösen reift schnell.
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