Man hätte glauben sollen, das Haus des Präsidenten sei ein großer
Vogelbauer geworden, in welchem Nachtigallen, Kanarienvögel, Stärchen
und alle Gattungen gefiederter Bewohner wären. Es hüpfte etwas Treppe
auf, Treppe ab; ein süßes Stimmchen hörte man bald in gehaltenen,
wehmütigen Tönen singen, bald in fröhlichen, scherzenden Rouladen
jauchzen und jodeln wie die Kanarienhähnchen, bald zwitschern und
plaudern wie Stärchen; aber Hähnchen, Nachtigallen und Stärchen, sie
alle waren in _einer_ Person, Idchen, das vor Freude, vor
Sehnsucht, vor Langeweile und Geschäftigkeit Treppe auf- und abflog,
mit allen Menschen anband, alle auslachte, alle begrüßte und neckte,
allen zugleich befahl und schalt.
Graf Martiniz hatte dem Vater eine Karte und den Empfehlungsbrief des
Staatssekretärs geschickt; der alte Herr war mit beidem zu ihr
gekommen und hatte sie förmlich um Rat gefragt, was nun zu beginnen
sei: nach seiner Ansicht,--wenigstens war es vor zwanzig Jahren noch
so,--mußte man den Fremden zum Mittagessen bitten, zwei Tage nachher
zum Tee, nach zwei Tagen wieder zum Nachtessen, und vor seiner
Abreise mußte ihm ein kleiner Hausball gegeben werden.
Das selige Mädchen drückte die Augen zu und biß die
_Purpurlippen_ zusammen, um ihre Freude nicht zu verraten; nach
ihrer Ansicht--und das war endlich doch die vernünftigste--sollte man
ihn auf Mittag zu einer Suppe laden, nachmittags setzte er sich dann
zu ihr ans Klavier, abends trank er mit ihr Tee, und dann konnte ja
ein kleiner Hausball mit einem Souper den seligsten Tag ihres Lebens
schließen; doch nein; sie nahm sich zusammen und erklärte ihm, wie
sie das in der Residenz ganz anders gelernt habe.
"Es würde dem guten Grafen ein wenig kleinstädtisch vorkommen,
wollten wir ihn gleich von vornherein zum Mittagessen einladen. Wir
müssen einen Bedienten hinüberschicken und ihm sagen lassen, daß wir
ihn zur Teestunde erwarten, da wird er dann nicht fehlen; wir bitten
Direktors Pauline und Fräulein Sorben, den Hofrat, meinetwegen einen
oder den andern Ihrer jungen Räte dazu. Ich mache die Honneurs beim
Tee, und um neun Uhr marschieren die Herrschaften wieder ab. Dem
Grafen sagen Sie, Sie wünschen ihn öfter bei uns zu sehen und
namentlich um die Teestunde. Ist er einigemal dagewesen, so bittet
man ihn, einmal beim Nachtessen zu bleiben; nachher koche und backe
ich eines Tages recht flott und anständig, Sie, lieber Papa, geben
ihm morgens nur so en passant einen Besuch heim und lassen fallen,
ob er nicht einmal, etwa heute, eine Suppe mit uns essen wolle; es
wäre unartig, es auszuschlagen. Die Idee mit dem Hausball ist
recht hübsch, übrigens darf nur _er_ allein merken, daß es _ihm_
zu Ehren geschieht; wir würden uns lächerlich machen, wollten wir den
Leuten sagen, daß wir dem Grafen Martiniz einen Ball geben; es kann
ja heißen, Papa gebe mir einen Einstand in sein Haus."
Papa Präsident war alles zufrieden, nur wollte ihm die neue Sitte,
daß man sich stelle, als sei alles Natur, was doch nur immer wieder
die alte Kunst ist, nicht recht einleuchten. Er hatte ihr die
Schlüssel des Hauses und alle Gewalt im Boden und Keller übergeben,
und das Mädchen rumorte jetzt als tätige Hausfrau in dem großen
Gebäude umher, als sollte sie zwanzig Wagen voll Gäste empfangen. Sie
sollte ihn sehen, sie sollte ihn sprechen, er mußte, wenn er nur
halbwegs so artig war, als er aussah, jetzt alle Wochen wenigstens
viermal herüberkommen--Nein, es war nicht zu sagen, wie himmlisch
selig das Mädchen war! Um zehn Uhr hatte es angefangen zu tollen und
zu rumoren, und schon um zwölf Uhr war das Teezimmer bereitet, wie es
heute abend sein mußte. Erschöpft von den Haushaltungsgeschäften,
warf sie sich in ein Sofa; sie machte die Augen zu, um sich den Abend
schon recht selig zu träumen, sie besann sich, wie man ihm den Abend
recht schön mache, daß er recht oft wiederkomme, sie suchte ihre
beste Musik zusammen, um ihn zu erheitern und die Schwermut von
seiner Stirne zu bannen, so--o, es mußte einen herrlichen Abend
geben; da fiel ihr auf einmal die Gräf in Aarstein ein, und alle
Freude, aller Jubel war wieder hinweggeflogen; Träne auf Träne stahl
sich aus dem Auge, sie klagte alle Menschen an und war auf sich, auf
die Welt bitterböse. Aber Berner, der nachmittags nur im Flug ein
wenig bei ihr einsprach, verscheuchte diese Wolken. Er war zwar
zu vorsichtig, um ihr den tiefen Eindruck zu schildern, den sie
auf den geliebten Fremden gemacht hatte; aber das sagte er mit
triumphierender Miene, daß sie vor der Aarstein nicht bange haben
solle; er habe gute, köstliche Nachrichten, die dies vollkommen
bestätigen. Weg war er, ehe sie ihn noch recht fragen konnte, und sie
hatte doch so viel, so unendlich viel zu fragen. Er hatte ihr nur von
der Aarstein gesprochen und wollte sich nichts weiter merken lassen,
der gute Hofrat! Aber wo ist ein Mädchen, das die Flamme der ersten,
reinen Liebe im Herzen trägt, wo ist ein solches Engelskind, das
nicht in ein paar Stunden die größten Fortschritte in der Kunst zu
schließen und zu berechnen gemacht hätte? Man sprach so viel von
magnetisierten Schläferinnen und Clairvoyantes, man schrieb viele
gelehrte Bücher über solche seltene Erscheinungen, und wie gewöhnlich
ließ man, was am nächsten lag, unbeachtet! Das sind ja die
eigentlichen Clairvoyantes, die Mädchen mit der ersten, kaum
erkannten Sehnsucht in der Brust; wohl haben sie die Augen
niedergeschlagen, aber dennoch sehen sie weiter als unsereiner mit
der schärfsten Brille; die Liebe hat sie magnetisiert, hat ihnen das
Auge des Geistes geöffnet, daß sie in den Herzen lesen. So auch Ida;
sie merkte dem Hofrat wohl an, daß er mehr wisse, als er sagen wolle;
mit der Gräfin war es nichts, aber ebensogut mußte er wissen, daß es
auch mit keiner andern etwas sei, sonst hätte er nicht so vergnügt,
nicht so schelmisch gelächelt. Er wußte,--das sah die neue
Clairvoyante jetzt hell und klar,--er mußte sogar wissen, daß
Martiniz _sie_--
O! wer das Mädchen jetzt gesehen hätte, wie es das Köpfchen in die
Ecke des Sofas barg, wie alles Blut nach dem vom süßen Schauer der
ersten Liebe bebenden Herzen hinauf und hinab wogte, wie der
jungfräuliche Busen zitterte und hüpfte, wie ein nie gekanntes Gefühl
wie eine Mitternachtssonne in den Nächten des Nordpols im Tiefsten
ihres Innern mit ihren zuckenden, blitzenden Strahlen aufging!
Wahrlich, es liegt eine rührende Zaubermacht in einem solchen
Gesichtchen voll stiller Seligkeit, es ist der Lichtpunkt des
jungfräulichen Lebens, zu dem sie einen kurzen Weg hinauf, von
welchem sie lange, oft traurige Stufen hinabsteigt!
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