Am andern Morgen sehr früh stand der Hofrat schon vor des Präsidenten
Haus und zog die Glocke. Er mußte ja sein holdes Idchen fragen, wie
es zum erstenmal wieder in Freilingen geschlafen habe. Nebenbei hatte
er so viel zu fragen, so viel mitzuteilen, daß er nicht wußte, wo ihm
der Kopf stand. Nur soviel war ihm klar, als er den hellpolierten
Handgriff der Glocke in der Hand hielt, daß er um keinen Preis von
dem interessanten Herrn von gestern zuerst sprechen werde; sie soll
mir daran, sagte er, sie soll mir beichten. Er tat sich auf seinen
Witz nicht wenig zugut und lächelte noch still vor sich hin, als er
die breite Treppe hinanstieg.
Der Präsident sei schon in die Session gefahren, gaben ihm die
Bedienten auf seine Anfrage zur Antwort, aber gnädiges Fräulein nehme
ihn vielleicht an, obwohl ihre Toilette noch nicht fertig sei.
Man meldete ihn; er wurde sogleich vorgelassen. In ihrem kleinen,
aufs geschmackvollste dekorierten Boudoir saß Ida auf einer Estrade
am Fenster, das Lockenköpfchen in die Hand gestützt. War es doch, als
sei das Mädchen in dieser Nacht noch tausendmal schöner geworden! Der
Hofrat bekam ordentlich Ehrfurcht vor ihrer Schönheit; es lag so viel
Schmachtendes in ihrem Auge, so viel ernste Sanftmut auf dem lieben
Gesichtchen, das ihn begrüßte, daß er gar nicht wußte, woher dies
alles das Wunderkind gestohlen hatte.
Er sagte ihr auch, wie schön er sie finde; sie aber lachte ihm
geradezu ins Gesicht; sie finde, daß sie weit bleicher aussehe als
sonst, der Ball könne einesteils daran schuld sein, sagte sie; dazu
komme, daß sie heute nacht so dumm geträumt habe und alle Augenblicke
aufgewacht sei. Sie wollte bei dieser Behauptung recht ernst
aussehen; aber das kleine Schelmchen flog ihr doch beinahe unmerklich
um den Mund, als wüßte es, was dem hübschen Engelskind geträumt habe.
Der Hofrat sprach vom gestrigen Ball, von Herren und Damen, von allen
möglichen Schönen; aber er hätte sich lieber die Zunge abgebissen,
ehe er von Martiniz zuerst angefangen hätte, obgleich er wohl sah,
daß Ida darauf warte.
Er sah sich daher, als alle Tänze und Touren bekrittelt waren und das
Gespräch zu stocken drohte, im Zimmer umher. "Nein," sagte er, "wie
wunderschön Ihnen Papa das Boudoir da dekorieren ließ, die bronzierte
Lampe am gewölbten Plafond, die freundliche Tapete! Wie werden sich
Ihre Besucher erfreuen, wenn man sich nicht mehr um den Rang auf dem
Sofa streiten darf! denn jener von hellbraunem Kasimir, der sich an
drei Wänden hinzieht, den eleganten Teetisch von Zedernholz in der
Mitte, kann ja eine ganze Legion von Dämchen in sich aufnehmen. Der
französische Kamin mit dem deckenhohen Spiegel scheint aber nicht
sehr warm geben zu wollen; doch Hoffart muß schon auch ein wenig
Schmerz leiden. Die geschmackvolle Etagere dort haben Sie gewiß
selbst erst aus der Residenz geschickt; denn hier wüßte ich niemand,
der solche Arbeit lieferte."
Das ging ja dem alten Herrn aus dem Mund wie Wasser; schade nur, daß
er den tauben Wänden predigte; denn Ida schaute stillverklärt durch
die Scheiben und hatte weder Augen noch Ohren für ihren alten Freund.
Dieser sah sich um, sah das Hinstarren des Mädchens, folgte ihrem
Auge und--drüben in der ersten Etage des ehrsamen Gasthofes
"Zum goldenen _Mond_" hatten sich die rot und weißen Gardinen
aufgetan, und im geöffneten Fenster stand--nein, er machte es gerade
zu, als der Hofrat hinsah, und ließ die Gardine wieder herab; das
selige Kind drehte jetzt das Köpfchen, und ihr Blick begegnete dem
lauernden Auge des Hofrats. Die Flammenröte schlug ihr ins Gesicht,
als sie sich so verraten sah; aber dennoch sagte Trotzköpfchen kein
Wort, sondern arbeitete eifrig an einer Zentifolie. Nun, dachte der
Alte, wenn du es durchaus nicht anders haben willst,--auf den Zahn
muß ich dir einmal fühlen, also sei's!
"Sie haben brave Nachbarschaft, Ida," sagte er, "da können Sie Ihre
astronomischen Beobachtungen nach den Glutsternen des Herrn von
Martiniz recht kommode anstellen; ich habe zu Haus einen guten
Dolland, er steht zu Diensten, wenn Sie etwa--"
"Wie Sie nur so bös sein können, Berner!" klagte das verschämte
Mädchen. "Wahrhaftig, ich habe bis auf diesen Augenblick gar nicht
gewußt, daß er nur im Mond logiert; und daß ich gestern diesen Mann
schon wegen seines Äußeren gehaltvoller gefunden habe als unsere
jungen Herren hier, um die ich nun einmal kein Flöckchen Seide gebe,
--ist das denn ein so schweres Verbrechen, daß man es noch am andern
Tage büßen muß? Ist es denn so arg, wenn man Mitleiden hat mit einem
Menschen, der so unglücklich scheint?"
"Nun, da bringen Sie mich just auf den rechten Punkt," sagte der
Hofrat; "daß der junge Herr im Mond drüben gestern nacht in der
Münsterkirche war, habe ich Ihnen gesagt; aber was er dort tat, das
wissen Sie nicht,--und was bekomme ich, wenn ich es sage?"
"Nun, was wird er viel dort getan haben?" antwortete Ida, vergeblich
bemüht, ihre Neugierde zu bekämpfen. "Er hat sich wahrscheinlich die
Kirche zeigen lassen, wie die Fremden auf der Durchreise immer tun?"
"Durchreise? Als ob ich nicht wüßte, daß Herr von Martiniz die drei
Zimmer Ihnen gegenüber auf vier Wochen gemietet hat--"
"Auf vier Wochen?" rief Ida freudig aus, erschrak aber im nämlichen
Augenblick über die laute Äußerung ihrer Freude. "Vier Wochen?"--
setzte sie gefaßter hinzu. "Wie freut mich das für die gute
Mondwirtin! Sie muß immer Schelte hören von ihrem Mann, daß ihre
_Table d'hôte_ nicht so gut sei wie im _Hôtel de Saxe_, und
kein Mensch bleibe recht lange; da hat sie nun doch einen Beweis für
sich."
"Die arme Mondwirtin," spottete der Hofrat, "die gute Seele! Muß sie
jetzt auch noch zur Entschuldigung dienen, wenn man seine Freude
nicht recht verbergen kann! Und, um aufs vorige zurückzukommen, Sie
glauben also, der Mann im Monde da drüben habe sich als
durchreisender Fremder unsern Münster zeigen lassen und dazu die
glückliche Stunde nachts von zwölf bis ein Uhr gewählt, habe den
Küster mit seiner Laterne alles beleuchten lassen, nur um die
Finsternis desto deutlicher zu sehen?"
Der kleine Schalk lachte verstohlen auf seine Arbeit hin und ließ den
Hofrat immer fortfahren--
"Heute in aller Früh war ich beim Küster, dem ich vorzeiten einmal
einen Prozeß geführt und ein Kind aus der Taufe gehoben hatte; gewiß,
ohne diese Empfehlung wäre ich bei dem Alten nicht durchgedrungen.
'Gevatter!' sagte ich zu ihm, 'Er kann mir wohl sagen, was der
Fremde, der Ihn gestern nacht noch besuchte, im Münster getan hat.'
Der Mann wollte im Anfang von gar nichts wissen; ich rief aber meinen
alten Balthasar,--Sie kennen ihn ja, wie geschickt er ist, alles
aufzuspüren,--diesen rief ich her und konfrontierte beide; der
Balthasar hatte den Bedienten des Fremden in des Küsters Haus gehen
und beide bald darauf mit dem Fremden im Münster verschwinden sehen.
Er gab dies zu, bat mich aber, nicht weiter in ihn zu dringen, weil
es ein furchtbares Geheimnis sei, das er nicht verraten dürfe. So
neugierig ich war, stellte ich mich doch ganz ruhig, bedauerte, daß
er nichts sagen dürfe, weil es ihm sonst eine Bouteille Alten (seine
schwache Seite) eingetragen hätte; da gab er weich und erzählte--"
"Nun, fahren Sie doch fort!" sagte Ida ungeduldig, "Sie wissen von
früher her, daß ich für mein Leben gerne Geschichten höre, namentlich
geheimnisvolle, die bei Nacht in einer Kirche spielen."
"So, so? Man hört gerne Geschichten von interessanten,
geheimnisvollen Leuten? Nun ja, hören Sie weiter! Der Küster, der für
seine Mühe einen harten Taler bekam, führte gestern nacht einen
Herrn, der bleich wie der Tod, aber so vornehm wie ein Prinz
ausgesehen haben soll, in den Münster. Dort habe sich der Fremde auf
die Altarstufen gesetzt und in voller Herzensangst gebetet. Dann sei
ein Sturm gekommen, wie er fast noch nie einen gehört; er habe an den
Fenstern gerüttelt und geschüttelt und die Scheiben in die Kirche
hereingeschlagen; der Herr aber habe wunderliche Reden geführt, als
reite der Teufel draußen um die Kirche und wolle ihn holen.
"Der Küster glaubt auch daran wie ans Evangelium und weint wie ein
Kind um den bleichen jungen Mann, der schon so früh in die Hölle
fahren solle. Dabei verspricht er aber ganz getrost, wenn der Herr
alle Nacht bei ihm einkehre und sich in den Schutz seines Münsters
begebe, solle ihm vom Bösen kein Haar gekrümmt werden. Sehen Sie, das
ist die Geschichte; da werde jetzt einer klug daraus! Was halten Sie
davon?"
In ängstlicher Spannung hatte Ida zugehört; in hellem Wasser
schwammen ihr die großen blauen Augen, die volle schöne Schwanenbrust
hob sich unter der durchsichtigen Chemisette, als wolle sie einen
Berg von sich abwälzen; die Stimme versagte ihr; sie konnte nicht
gleich antworten.
"O Gott!" rief sie, "was ich geahnt, scheint wahr zu sein: der arme
Mensch ist gewiß wahnsinnig; denn an die törichte Konjektur des
Küsters werden Sie doch nicht glauben?"
"Nein, gewiß glaube ich an solche Torheiten nicht; aber auch was Sie
sagen, scheint mir unwahrscheinlich; sein Auge ist nicht das eines
Irren, sein Betragen ist geordnet, artig, wenn auch verschlossen."
"Aber haben Sie nicht bemerkt," unterbrach ihn Ida, "nicht bemerkt,
wie unruhig er wurde, wie sein Auge rollte, als es elf Uhr schlug?
Gewiß hat es eine ganz eigene Bewandtnis mit dieser Stunde, und
irgend eine Gewissenslast treibt ihn wohl um diese Zeit, Schutz in
dem Heiligtum zu suchen, das jedem, der mühselig und beladen kömmt,
offen steht."
"Ihr Frauen habt in solchen Sachen oft einen ganz eigenen Takt,"
antwortete der Hofrat, "und sehet oft weiter als wir; doch will ich
auch hier bald auf der Spur sein; denn mich peinigt alles, was ich
nur halb weiß, und mein Idchen weiß mir vielleicht auch Dank, wenn
ich mit dem Herrn Nachbar Bleichwangioso aufs reine komme; das
greifen wir so an: Der Mondwirt ist mein spezieller Freund, weil ich
gewöhnlich abends mein Schöppchen bei ihm trinke und mir seit zehn
Jahren das Essen von ihm holen lasse. Ich speise nun die nächsten
paar Tage an seiner Tafel, und er muß mein Kuvert neben das seines
bleichen Gastes setzen lassen; bekannt will ich bald mit ihm sein,
und habe ich ihn nur einmal auf einem freundschaftlichen Fuß, so will
ich den alten Diener aufs Korn fassen. Natürlich holt man weit aus
und fällt nicht mit der Türe ins Haus; aber ich habe schon mehr
solche Käuze ausgeholt, es ist nicht der erste."
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