»Und was ist aus dem Menschen geworden?« fragte voll Grauen der Mann im
Hemde.
»Ich habe sein Fleisch gefressen und seine Gebeine, die Erde ist kleiner
geworden um das Stück, das sein Leib groß war,« sagte der weiße Rabe.
»Ja, ja,« flüsterte der schwarze, »sein Sarg ist leer, er hat das Grab
betrogen.«
-- -- Das hörte der Mann, und sein Haar sträubte sich, er zerriß sein
Hemd über der Brust und lief hin zu dem weißen Vogel, der auf dem Kreuze
saß: »Brüte mein Herz, brüte mein Herz! Mein Herz ist voll Sehnsucht --
-- --!«
Doch der schwarze Rabe warf ihn mit den Schwingen zur Erde und setzte
sich schwer auf ihn -- -- die Luft roch nach sterbenden Blumen -- --
»Daß Euer Liebden nur nicht irren: Gier und nicht Sehnsucht schläft in
Euer Liebden Herz! Ja, das möchte mancher gerne probieren vor dem Kre--
-- --,« listig blinzelte er zur Mauer hin, »-- vor dem Kre-- -- --?«
»-- -- --pieren!« pfiff die Rabenschar, entzückt, daß sie schon wieder
dran kam.
-- Die Hitze seines Leibes ist fremdartig und erregend wie das Fieber,
fühlte der Mann, dann zerflatterte sein Bewußtsein.
Als er nach langem Schlaf erwachte, da stand der Mond gerade im Zenit
und starrte ihm ins Gesicht.
Der Glanz hatte die Schatten getrunken und troff an den Steinen herab
von allen Seiten.
Die schwarzen Raben waren fortgeflogen.
Noch hatte der Mann ihr hämisches Gekrächz in den Ohren und verdrossen
stieg er über die Mauer in sein Bett.
Schon stand da auch im schwarzen Rock der Herr Medizinalrat, faßte
seinen Puls, schloß die Augen hinter der goldenen Brille und babbelte
lang und unhörbar mit der Unterlippe. Suchte dann umständlich in seinem
Taschenbuch und schrieb auf einen Zettel heraus:
#Rp:
Cort. chin. reg. rud. tus 3beta
coque c. suff. quant. vini rubri, per horam j
ad colat 3viij
cum hac inf. herb. abs. 3j
postea solve
acet. lix 3j
tunc adde
syr. cort. aur 3beta
M. d. ad
vitr. s.#
3 mal täglich ein Eßlöffel.
Und als er damit fertig war, schritt er mit Weihe zur Türe, sah noch
einmal zurück und sagte geheimnisvoll, den Zeigefinger würdig erhoben:
»Gögön das Fübör, gögön das Fübör.«