Um alles!

MASKE

führt seine Hand an ihrem Bein herab.

Ich kann nicht.

KASSIERER

springt auf.

Ein Holzbein!!

Er faßt den Sektkühler und stülpt ihn ihr über.

Es soll Knospen treiben, ich begieße es!

MASKE

Jetzt sollen Sie was erleben!

KASSIERER

Ich will ja was erleben!

MASKE

Warten Sie hier!

Ab.

KASSIERER

legt einen Schein auf den Tisch, nimmt Umhang und Stock, beeilt ab.

Herren im Frack kommen.

EIN HERR

Wo ist der Kerl?

EIN HERR

Den Kumpan wollen wir uns näher ansehen.

EIN HERR

Uns erst die Mädchen ausspannen --

EIN HERR

Mit Sekt und Kaviar auftrumpfen --

EIN HERR

Hinterher beschimpfen --

EIN HERR

Das Bürschchen werden wir uns kaufen --

EIN HERR

Wo steckt er?

EIN HERR

Abgeräumt!

EIN HERR

Ausgebrannt!

EIN HERR

Der Kavalier hat Lunte gerochen.

EIN HERR

den Schein entdeckend.

Ein Tausender.

EIN HERR

Donnerkeil.

EIN HERR

Draht muß er haben.

EIN HERR

Ist das die Zeche?

EIN HERR

Ach was, durchgegangen ist er. Den Bräunling machen wir unsichtbar.

Er steckt ihn ein.

EIN HERR

Das ist die Entschädigung.

EIN HERR

Die Mädchen hat er uns ausgespannt.

EIN HERR

Laßt doch die Weiber sitzen.

EIN HERR

Die sind ja doch besoffen.

EIN HERR

Die bedrecken uns bloß unsere Fräcke.

EIN HERR

Wir ziehen in ein Bordell und pachten den Bums drei Tage.

MEHRERE HERREN

Bravo. Los. Verduften wir. Achtung, der Kellner kommt.

KELLNER

mit vollbesetztem Servierbrett; vorm Tisch bestürzt.

EIN HERR

Suchen Sie jemanden?

EIN HERR

Servieren Sie ihm doch unter dem Tisch weiter.

Gelächter.

KELLNER

ausbrechend.

Der Sekt -- das Souper -- das reservierte Zimmer -- nichts ist bezahlt.

Vier Flaschen Pommery -- zwei Portionen Kaviar -- zwei Extramenus --

ich muß für alles aufkommen. Ich habe Frau und Kinder. Ich bin seit

vier Monaten ohne Stellung gewesen. Ich hatte mir eine schwache Lunge

zugezogen. Sie können mich doch nicht unglücklich machen, meine Herren?

EIN HERR

Was geht uns denn Ihre Lunge an? Frau und Kinder haben wir alle. Was

wollen Sie denn von uns? Sind wir Ihnen denn etwa durch die Lappen

gebrannt? Was denn?

EIN HERR

Was ist denn das überhaupt für ein Lokal? Wo sind wir denn hier? Das

ist ja eine hundsgemeine Zechprellerbude. In solche Gesellschaft locken

Sie Gäste? Wir sind anständige Gäste, die bezahlen, was sie saufen.

Wie? Oder wie?

EIN HERR

der den Schlüssel in der Tür umgesteckt hatte.

Sehen Sie doch mal hinter sich. Da haben Sie unsere Zeche auch!

Er versetzt dem Kellner, der sich umgewandt hatte, einen Stoß in den

Rücken.

KELLNER

taumelt vornüber, fällt auf den Teppich.

HERREN

ab.

KELLNER

richtet sich auf, läuft zur Tür, findet sie verschlossen. Mit den

Fäusten auf das Holz schlagend.

Laßt mich heraus -- Ihr sollt nicht bezahlen -- ich springe ins Wasser!

Lokal der Heilsarmee -- zur Tiefe gestreckt, abgefangen von gelbem

Vorhang mit aufgenähtem schwarzen Kreuz, groß, um einen Menschen

aufzunehmen. Auf dem Podium rechts Bußbank -- links die Posaunen und

Kesselpauken.

Dicht besetzte Bankreihen.

Über allem Kronleuchter mit Gewirr von Drähten für elektrische Lampen.

Vorn Saaltür.

Musik der Posaunen und Kesselpauken.

Aus einer Ecke Händeklatschen und Gelächter.

SOLDAT

Mädchen -- geht dahin und setzt sich zu dem Lärmmacher -- einem

Kommis -- nimmt seine Hände und flüstert auf ihn ein.

JEMAND

aus der andern Ecke.

Immer dicht an.

SOLDAT

Mädchen -- geht zu diesem, einem jugendlichen Arbeiter.

ARBEITER

Was wollen Sie denn?

SOLDAT

sieht ihn kopfschüttelnd ernst an.

Gelächter.

OFFIZIER

Frau -- oben auftretend.

Ich habe euch eine Frage vorzulegen.

Einige zischen zur Ruhe.

ANDERE

belustigt.

Lauter reden. Nicht reden. Musik. Pauke. Posaunenengel.

EINER

Anfangen.

ANDERER

Aufhören.

OFFIZIER

Warum sitzt ihr auf den Bänken unten?

EINER

Warum nicht?

OFFIZIER

Ihr füllt sie bis auf den letzten Platz. Einer stößt gegen den andern.

Trotzdem ist eine Bank leer.

EINER

Nichts zu machen.

OFFIZIER

Warum bleibt ihr unten, wo ihr euch drängen und drücken müßt? Ist

es nicht widerwärtig, so im Gedränge zu sitzen? Wer kennt seinen

Nachbar? Ihr reibt die Knie an ihm -- und vielleicht ist jener krank.

Ihr seht in sein Gesicht -- und vielleicht wohnen hinter seiner Stirn

mörderische Gedanken. Ich weiß es, es sind viele Kranke und Verbrecher

in diesem Saal. Kranke und Verbrecher kommen herein und sitzen neben

allen. Darum warne ich euch! Hütet euch vor eurem Nachbar in den

Bänken. Die Bänke da unten tragen Kranke und Verbrecher!

EINER

Meinen Sie mir oder mich?

OFFIZIER

Ich weiß es und rate euch: trennt euch von eurem Nachbar, so lautet die

Mahnung. Krankheit und Verbrechen sind allgemein in dieser asphaltenen

Stadt. Wer von euch ist ohne Aussatz? Eure Haut kann weiß und glatt

sein, aber eure Blicke verkünden euch. Ihr habt die Augen nicht, um zu

sehen -- eure Augen sind offen, euch zu verraten. Ihr verratet euch

selbst. Ihr seid schon nicht mehr frei von der großen Seuche. Die

Ansteckung ist stark. Ihr habt zu lange in schlimmer Nachbarschaft

gesessen. Darum, wenn ihr nicht sein wollt wie euer Nachbar in dieser

asphaltenen Stadt, tretet aus den Bänken. Es ist die letzte Mahnung.

Tut Buße. Tut Buße. Kommt herauf, kommt auf die Bußbank. Kommt auf die

Bußbank. Kommt auf die Bußbank!

Die Posaunen und Kesselpauken setzen ein.

MÄDCHEN

führt Kassierer herein.

KASSIERER

im Ballanzug erregt einige Aufmerksamkeit.

MÄDCHEN

weist Kassierer Platz an, setzt sich zu ihm und gibt ihm Erklärungen.

KASSIERER

sieht sich amüsiert um.

Musik hört auf.

Spöttisches lautes Bravoklatschen.

OFFIZIER

wieder oben auftretend.

Laßt euch von unserm Kameraden erzählen, wie er den Weg zur Bußbank

fand.

SOLDAT

jüngerer Mann -- tritt auf.

EINER

So siehst du aus.

Gelächter.

SOLDAT

Ich will euch berichten von meiner Sünde. Ich führte ein Leben, ohne

an meine Seele zu denken. Ich dachte nur an den Leib. Ich stellte

ihn gleichsam vor die Seele auf und machte den Leib immer stärker

und breiter davor. Die Seele war ganz verdeckt dahinter. Ich suchte

mit meinem Leib den Ruhm und wußte nicht, daß ich nur den Schatten

höher reckte, in dem die Seele verdorrte. Meine Sünde war der Sport.

Ich übte ihn ohne eine Stunde der Besinnung. Ich war eitel auf die

Schnelligkeit meiner Füße in den Pedalen, auf die Kraft meiner Arme an

der Lenkstange. Ich vergaß alles, wenn die Zuschauer um mich jubelten.

Ich verdoppelte meine Anstrengung und wurde in allen Kämpfen, die mit

dem Leib geführt werden, erster Sieger. Mein Name prangte an allen

Plakaten, auf Bretterzäunen, auf Millionen bunter Zettel. Ich wurde

Weltchampion. Endlich mahnte mich meine Seele. Sie verlor die Geduld.

Bei einem Wettkampf stürzte ich. Ich verletzte mich nur leicht. Die

Seele wollte mir Zeit zur Umkehr lassen. Die Seele ließ mir noch Kraft

zu einem Ausweg. Ich ging von den Bänken im Saal herauf zur Bußbank. Da

hatte meine Seele Ruhe, zu mir zu sprechen. Und was sie mir erzählt,

das kann ich hier nicht berichten. Es ist zu wunderschön und meine

Worte sind zu schwach, das zu schildern. Ihr müßt selbst heraufkommen

und es in euch hören.

Er tritt beiseite.

EINER

lacht unflätig.

MEHRERE

zischen zur Ruhe.

MÄDCHEN

leise zum Kassierer.

Hörst du ihn?

KASSIERER

Stören Sie mich nicht.

OFFIZIER

Ihr habt die Erzählung unseres Kameraden gehört. Klingt sie nicht

verlockend! Kann man etwas Schöneres gewinnen als seine Seele? Und es

geht ganz leicht, denn sie ist ja in euch. Ihr müßt ihr nur einmal

Ruhe gönnen. Sie will einmal still bei euch sitzen. Auf dieser Bank

sitzt sie am liebsten. Es ist gewiß einer unter euch, der sündigte,

wie unser Kamerad getan. Dem will unser Kamerad helfen. Dem hat er den

Weg eröffnet. Nun komm. Komm zur Bußbank. Komm zur Bußbank. Komm zur

Bußbank!

Es herrscht Stille.

EINER

kräftiger, junger Mann, einen Arm im Verband, steht in einer Saalecke

auf, durchquert verlegen lächelnd den Saal und ersteigt das Podium.

EINER

unflätige Zote.

ANDERE

entrüstet.

Wer ist der Flegel?

DER RUFER

steht auf, strebt beschämt zur Tür.

EINER

Das ist der Lümmel.

SOLDAT

Mädchen -- eilt zu ihm und führt ihn auf seinen Platz zurück.

EINER

Nicht so zart anfassen.

MEHRERE

Bravo!

JENER

auf dem Podium, anfangs unbeholfen.

Die asphaltene Stadt hat eine Halle errichtet. In der Sporthalle bin

ich gefahren. Ich bin Radfahrer. Ich fahre das Sechstagerennen mit. In

der zweiten Nacht bin ich von einem andern Fahrer angefahren. Ich brach

den Arm. Ich mußte ausscheiden. Das Rennen rast weiter -- ich habe

Ruhe. Ich kann mich auf alles in Ruhe besinnen. Ich habe mein Leben

lang ohne Besinnen gefahren. Ich will mich auf alles besinnen -- auf

alles.

Stark.

Auf meine Sünden will ich mich auf der Bußbank besinnen!

Vom Soldat hingeführt, sinkt er auf die Bank. Soldat bleibt eng neben

ihm.

OFFIZIER

Eine Seele ist gewonnen!

Posaunen und Pauken schallen.

Auch die im Saale verteilten Soldaten haben sich erhoben und jubeln,

die Arme ausbreitend.

Musik hört auf.

MÄDCHEN

zum Kassierer.

Siehst du ihn?

KASSIERER

Das Sechstagerennen.

MÄDCHEN

Was flüsterst du?

KASSIERER

Meine Sache. Meine Sache.

MÄDCHEN

Bist du bereit?

KASSIERER

Schweigen Sie doch.

OFFIZIER

auftretend.

Jetzt will euch dieser Kamerad berichten.

EINER

zischt.

VIELE

Ruhe!

SOLDAT

Mädchen -- auftretend.

Wessen Sünde ist meine Sünde? Ich will euch von mir ohne Scham

erzählen. Ich hatte ein Elternhaus, in dem es wüst und gemein zuging.

Der Mann -- er war mein Vater nicht -- trank. Meine Mutter gab sich

feinen Herren hin. Ich erhielt von meiner Mutter Geld, soviel ich haben

wollte. Von dem Manne Schläge, soviel ich nicht haben wollte.

Gelächter.

Niemand paßte mir auf und ich mir am wenigsten. So wurde ich eine

Verlorene. Denn ich wußte damals nicht, daß die wüsten Zustände zu

Hause nur dazu bestimmt waren, daß ich besser auf meine Seele achten

sollte und mich ganz ihr widmen. Ich erfuhr es in einer Nacht. Ich

hatte einen Herrn bei mir und er verlangte, daß wir mein Zimmer dunkel

machten. Ich drehte das Licht aus, obwohl ich es nicht so gewöhnt

war. Später, als wir zusammen waren, verstand ich seine Forderung.

Denn ich fühlte nur den Rumpf eines Mannes bei mir, an dem die Beine

abgeschnitten waren. Das sollte ich vorher nicht sehen. Er hatte

Holzbeine, die er sich heimlich abgeschnallt hatte. Da faßte mich das

Entsetzen und ließ mich nicht wieder los. Meinen Leib haßte ich -- nur

meine Seele konnte ich noch lieben. Nun liebe ich nur noch meine Seele.

Sie ist so vollkommen, daß sie das Schönste ist, was ich weiß. Ich weiß

zuviel von ihr, daß ich es nicht alles sagen kann. Wenn ihr eure Seele

fragt, da wird sie euch alles -- alles sagen.

Sie tritt beiseite. -- Stille im Saal.

OFFIZIER

auftretend.

Ihr habt die Erzählung dieses Kameraden gehört. Seine Seele bot sich

ihm an. Er wies sie nicht ab. Nun erzählt er von ihr mit frohem Munde.

Bietet sich nicht einem zwischen euch jetzt seine Seele? Laß sie doch

zu dir. Laß sie reden und erzählen, auf dieser Bank ist sie ungestört.

Komm zur Bußbank. Komm zur Bußbank!

In den Bänken Bewegung, man sieht sich um.

KOKOTTE

ältlich, ganz vorne, beginnt noch unten in den Saal zu reden.

Was denken Sie von mir, meine Herren und Damen? Ich bin hier nur

untergetreten, weil ich mich auf der Straße müde gelaufen hatte. Ich

geniere mich gar nicht. Ich kenne dies Lokal gar nicht. Ich bin das

erstemal hier. Ich bin rein per Zufall anwesend.

Nun oben.

Aber Sie irren sich darin, meine Herren und Damen, wenn Sie glauben

sollten, daß ich mir das ein zweites Mal hätte sagen lassen sollen.

Ich danke für diese Zumutung. Wenn Sie mich hier sehen -- bitte --

Sie können mich von oben bis unten betrachten, wie es Ihnen beliebt

-- mustern Sie mich bitte mit Ihren Blicken eingehend, ich vergebe

mir damit nicht das geringste. Ich geniere mich gar nicht. Sie werden

diesen Anblick nicht das zweitemal in dieser Weise genießen können.

Sie werden sich bitter täuschen, wenn Sie glauben, mir auch meine Seele

abkaufen zu können. Die habe ich noch niemals verkauft. Man hätte mir

viel bieten können, aber meine Seele war mir denn doch nicht feil. Ich

danke Ihnen, meine verehrten Herrschaften, für alle Komplimente. Sie

werden mich auf der Straße nicht mehr treffen. Ich habe nicht eine

Minute frei für Sie, meine Seele läßt mir keine Ruhe mehr. Ich danke

bestens, meine Herrschaften, ich geniere mich gar nicht, aber nein.

Sie hat den Hut heruntergenommen. Jener Soldat geleitet sie zur

Bußbank.

OFFIZIER

Eine Seele ist gewonnen!

Pauken und Posaunen. Jubel der Soldaten.

MÄDCHEN

zum Kassierer.

Hörst du alles?

KASSIERER

Meine Sache. Meine Sache.

MÄDCHEN

Was summst du vor dich hin?

KASSIERER

Das Holzbein.

MÄDCHEN

Bist du bereit?

KASSIERER

Noch nicht. Noch nicht.

EINER

in Saalmitte stehend.

Was ist meine Sünde? Ich will meine Sünde hören.

OFFIZIER

auftretend.

Unser Kamerad will euch erzählen.

EINIGE

erregt.

Hinsetzen. Stille. Erzählen.

SOLDAT

älterer Mann.

Laßt euch von mir berichten. Es ist eine alltägliche Geschichte,

weiter nichts. Darum wurde sie meine Sünde. Ich hatte eine gemütliche

Wohnung, eine zutrauliche Familie, eine bequeme Beschäftigung -- es

ging immer alltäglich bei mir zu. Wenn ich abends zwischen den Meinen

am Tisch unter der Lampe saß und meine Pfeife schmauchte, dann war

ich zufrieden. Ich wünschte niemals eine Veränderung in meinem Leben.

Dennoch kam sie. Den Anstoß dazu weiß ich nicht mehr -- oder ich

wußte ihn nie. Die Seele tut sich auch ohne besondere Erschütterung

kund. Sie kennt ihre Stunde und benutzt sie. Ich konnte jedenfalls

nicht ihre Mahnung überhören. Meine Trägheit wehrte sich im Anbeginn

wohl gegen sie, aber sie war mächtiger. Das fühlte ich mehr und mehr.

Die Seele allein konnte mir dauernde Zufriedenheit schaffen. Und auf

Zufriedenheit war ich ja mein Lebtag bedacht. Jetzt finde ich sie nicht

mehr am Tisch mit der Lampe und mit der langen Pfeife im Munde, sondern

allein auf der Bußbank. Das ist meine ganz alltägliche Geschichte.

Er tritt beiseite.

OFFIZIER

auftretend.

Unser Kamerad hat euch -- --

EINER

schon kommend.

Meine Sünde!

Oben.

Ich bin Familienvater. Ich habe zwei Töchter. Ich habe meine Frau. Ich

habe meine Mutter noch. Wir wohnen alle in drei Stuben. Es ist ganz

gemütlich bei uns. Meine Töchter -- eine spielt Klavier -- eine stickt.

Meine Frau kocht. Meine Mutter begießt die Blumentöpfe hinterm Fenster.

Es ist urgemütlich bei uns. Es ist die Gemütlichkeit selbst. Es ist

herrlich bei uns -- großartig -- vorbildlich -- praktisch -- musterhaft

-- --

Verändert.

Es ist ekelhaft -- entsetzlich -- es stinkt da es ist armselig --

vollkommen durch und durch armselig mit dem Klavierspielen -- mit dem

Sticken -- mit dem Kochen -- mit dem Blumenbegießen --

ausbrechend.

Ich habe eine Seele! Ich habe eine Seele! Ich habe eine Seele. Ich habe

eine Seele!

Er taumelt zur Bußbank.

OFFIZIER

Eine Seele ist gewonnen!

Posaunen und Pauken.

Hoher Tumult im Saal.

VIELE

nach den Posaunen und Pauken aufrecht, auch auf den Bänken aufrecht.

Was ist meine Sünde? Was ist meine Sünde? Ich will meine Sünde wissen!

Ich will meine Sünde wissen!

OFFIZIER

auftretend.

Unser Kamerad will euch erzählen.

Tiefe Stille.

MÄDCHEN

Siehst du ihn?

KASSIERER

Meine Töchter. Meine Frau. Meine Mutter.

MÄDCHEN

Was murmelst und flüsterst du immer?

KASSIERER

Meine Sache. Meine Sache. Meine Sache.

MÄDCHEN

Bist du bereit?

KASSIERER

Noch nicht. Noch nicht. Noch nicht.

SOLDAT

in mittleren Jahren, auftretend.

Meiner Seele war es nicht leicht gemacht, zu triumphieren. Sie mußte

mich hart anfassen und rütteln. Schließlich gebrauchte sie das

schwerste Mittel. Sie schickte mich ins Gefängnis. Ich hatte in die

Kasse, die mir anvertraut war, gegriffen und einen großen Betrag

defraudiert. Ich wurde abgefaßt und verurteilt. Da hatte ich in der

Zelle Rast. Das hatte die Seele abgewartet. Und nun konnte sie endlich

frei zu mir sprechen. Ich mußte ihr zuhören. Es wurde die schönste Zeit

meines Lebens in der einsamen Zelle. Und als ich herauskam, wollte ich

nur noch mit meiner Seele verkehren. Ich suchte nach einem stillen

Platz für sie. Ich fand ihn auf der Bußbank und finde ihn täglich, wenn

ich eine schöne Stunde genießen will!

Er tritt beiseite.

OFFIZIER

auftretend.

Unser Kamerad hat euch von seinen schönen Stunden auf der Bußbank

erzählt. Wer ist zwischen euch, der sich aus dieser Sünde heraussehnt?

Wessen Sünde ist diese, von der er sich in Fröhlichkeit hier ausruht?

Hier ist Ruhe für ihn. Komm zur Bußbank!

ALLE

im Saal schreiend und winkend.

Das ist niemandes Sünde hier! Das ist niemandes Sünde hier! Ich will

meine Sünde hören!! Meine Sünde!! Meine Sünde!! Meine Sünde!!

MÄDCHEN

durchdringend.

Was rufst du?

KASSIERER

Die Kasse.

MÄDCHEN

ganz drängend.

Bist du bereit?

KASSIERER

Jetzt bin ich bereit!

MÄDCHEN

sich an ihn hängend.

Ich führe dich hin. Ich stehe dir bei. Ich stehe immer bei dir.

Ekstatisch in den Saal.

Eine Seele will laut werden. Ich habe diese Seele gesucht. Ich habe

diese Seele gesucht.

Lärm ebbt. Ruhe surrt.

KASSIERER

oben, Mädchen an ihm.

Ich bin seit diesem Vormittag auf der Suche. Ich hatte Anstoß

bekommen, auf die Suche zu gehen. Es war ein allgemeiner Aufbruch ohne

mögliche Rückkehr -- Abbruch aller Brücken. So war ich auf dem Marsche

seit dem Vormittag. Ich will euch mit den Stationen nicht aufhalten, an

denen ich mich nicht aufhielt. Sie lohnten alle meinen entscheidenden

Aufbruch nicht. Ich marschierte rüstig weiter -- prüfenden Blicks,

tastender Finger, wählenden Kopfs. Ich ging an allem vorüber. Station

hinter Station versank hinter meinem wandernden Rücken. Dies war es

nicht, das war es nicht, das nächste nicht, das vierte -- fünfte

nicht! Was ist es? Was ist es nun, das diesen vollen Einsatz lohnt?

-- -- Dieser Saal! Von Klängen durchbraust -- von Bänken bestellt.

Dieser Saal! Von diesen Bänken steigt es auf -- dröhnt Erfüllung. Von

Schlacken befreit lobt sie sich hoch hinauf -- ausgeschmolzen aus

diesen glühenden zwei Tiegeln: Bekenntnis und Buße! Da steht es wie ein

glänzender Turm -- fest und hell: Bekenntnis und Buße! Ihr schreit sie,

euch will ich meine Geschichte erzählen.

MÄDCHEN

Sprich. Ich stehe bei dir. Ich stehe immer bei dir!

KASSIERER

Ich bin seit diesem Morgen unterwegs. Ich bekenne: ich habe mich an

der Kasse vergriffen, die mir anvertraut war. Ich bin Bankkassierer.

Eine große runde Summe: sechzigtausend! Ich flüchtete damit in die

asphaltene Stadt. Jetzt werde ich jedenfalls verfolgt -- eine Belohnung

ist wohl auf meine Festnahme gesetzt. Ich verberge mich nicht mehr, ich

bekenne. Mit keinem Geld aus allen Bankkassen der Welt kann man sich

irgendwas von Wert kaufen. Man kauft immer weniger, als man bezahlt.

Und je mehr man bezahlt, um so geringer wird die Ware. Das Geld

verschlechtert den Wert. Das Geld verhüllt das Echte -- das Geld ist

der armseligste Schwindel unter allem Betrug!

Er holt es aus den Fracktaschen.

Dieser Saal ist der brennende Ofen, den eure Verachtung für alles

Armselige heizt. Euch werfe ich es hin, ihr zerstampft es im Augenblick

unter euren Sohlen. Da ist etwas von dem Schwindel aus der Welt

geschafft. Ich gehe durch eure Bänke und stelle mich dem nächsten

Schutzmann: ich suche nach dem Bekenntnis die Buße! So wird es

vollkommen!

Er schleudert aus Glacéhänden Scheine und Geldstücke in den Saal.

Die Scheine flattern noch auf die Verdutzten im Saal nieder, die

Stücke rollen unter sie. Dann ist heißer Kampf um das Geld entbrannt.

In ein kämpfendes Knäuel ist die Versammlung verstrickt. Vom Podium

stürzen die Soldaten von ihren Musikinstrumenten in den Saal, die

Bänke werden umgestoßen, heisere Rufe schwirren, Fäuste klatschen

auf Leiber. Schließlich wälzt sich der verkrampfte Haufe zur Tür und

rollt hinaus.

MÄDCHEN

das am Kampfe nicht mit teilgenommen hatte, steht allein inmitten der

umgeworfenen Bänke.

KASSIERER

sieht lächelnd das Mädchen an.

Du stehst bei mir -- du stehst immer bei mir!

Er bemerkt die verlassenen Pauken, nimmt zwei Schlägel.

Weiter.

Kurzer Wirbel.

Von Station zu Station.

Einzelne Paukenschläge nach Satzgruppen.

Menschenscharen dahinten. Gewimmel verronnen. Ausgebreitete Leere. Raum

geschaffen. Raum. Raum!

Wirbel.

Ein Mädchen steht da. Aus verlaufenen Fluten -- aufrecht -- verharrend!

Wirbel.

Mädchen und Mann. Uralte Gärten aufgeschlossen. Entwölkter Himmel.

Stimme aus Baumwipfelstille. Wohlgefallen.

Wirbel.

Mädchen und Mann -- ewige Beständigkeit. Mädchen und Mann -- Fülle im

Leeren. Mädchen und Mann -- vollendeter Anfang. Mädchen und Mann --

Keim und Krone. Mädchen und Mann -- Sinn und Ziel und Zweck.

Paukenschlag nach Paukenschlag, nun beschließt ein endloser Wirbel.

MÄDCHEN

zieht sich nach der Tür zurück, verschwindet.

KASSIERER

verklingender Wirbel.

MÄDCHEN

reißt die Tür auf. Zum Schutzmann, nach Kassierer weisend.

Da ist er. Ich habe ihn Ihnen gezeigt. Ich habe die Belohnung verdient!

KASSIERER

aus erhobenen Händen die Schlägel fallen lassend.

Hier stehe ich. Oben stehe ich. Zwei sind zuviel. Der Raum faßt nur

einen. Einsamkeit ist Raum. Raum ist Einsamkeit. Kälte ist Sonne. Sonne

ist Kälte. Fiebernd blutet der Leib. Fiebernd friert der Leib. Felder

öde. Eis im Wachsen. Wer entrinnt? Wo ist der Ausgang?

SCHUTZMANN

Hat der Saal andere Türen?

MÄDCHEN

Nein.

KASSIERER

wühlt in seiner Tasche.

SCHUTZMANN

Er faßt in die Tasche. Drehen Sie das Licht aus. Wir bieten ihm ein

Ziel.

MÄDCHEN

tut es.

Bis auf eine Lampe verlöscht der Kronleuchter. Die Lampe beleuchtet

nun die hellen Drähte der Krone derart, daß sie ein menschliches

Gerippe zu bilden scheinen.

KASSIERER

linke Hand in der Brusttasche vergrabend, mit der rechten eine

Posaune ergreifend und gegen den Kronleuchter blasend.

Entdeckt!

Posaunenstoß.

In schneelastenden Zweigen verlacht -- jetzt im Drahtgewirr des

Kronleuchters bewillkommt!

Posaunenstöße.

Ich melde dir meine Ankunft!

Posaunenstoß.

Ich habe den Weg hinter mir. In steilen Kurven steigend keuche ich

herauf. Ich habe meine Kräfte gebraucht. Ich habe mich nicht geschont!

Posaunenstoß.

Ich habe es mir schwer gemacht und hätte es so leicht haben können --

oben im Schneebaum, als wir auf _einem_ Ast saßen. Du hättest mir ein

wenig dringlicher zureden sollen. Ein Fünkchen Erleuchtung hätte mir

geholfen und mir die Strapazen erspart. Es gehört ja so lächerlich

wenig Verstand dazu!

Posaunenstoß.

Warum stieg ich nieder? Warum lief ich den Weg? Wohin laufe ich noch?

Posaunenstöße.

Zuerst sitzt er da -- knochennackt! Zuletzt sitzt er da --

knochennackt! Von morgens bis mitternachts rase ich im Kreise -- nun

zeigt sein fingerhergewinktes Zeichen den Ausweg -- -- wohin?!!

Er zerschießt die Antwort in seine Hemdbrust. Die Posaune stirbt mit

dünner werdendem Ton an seinem Mund hin.

SCHUTZMANN

Drehen Sie das Licht wieder an.

MÄDCHEN

tut es.

Im selben Augenblick explodieren knallend alle Lampen.

KASSIERER

ist mit ausgebreiteten Armen gegen das aufgenähte Kreuz des Vorhangs

gesunken. Sein Ächzen hüstelt wie ein Ecce -- sein Hauchen surrt wie

ein Homo.

SCHUTZMANN

Es ist ein Kurzschluß in der Leitung.

Es ist ganz dunkel.

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| Anmerkungen zur Transkription |

| |

| Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |

| Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |

| |

| S. 127 "worüber" in "vorüber" geändert. |

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Von morgens bis mitternachts · 第 3 / 3 段