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[Illustration]
GEORG KAISER
VON MORGENS
BIS MITTERNACHTS
STÜCK IN ZWEI TEILEN
1930
GUSTAV KIEPENHEUER VERLAG
BERLIN
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. Den
Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt. Verkauf und
Verleihung dieses Exemplars, sowie das Ausschreiben der Rollen
verboten. Das Aufführungsrecht für alle Länder ist ausschließlich vom
Bühnenvertrieb Felix Bloch Erben, Berlin-Wilmersdorf, Nikolsburger
Platz Nr. 3 zu erwerben. Copyright 1916 by S. Fischer Verlag, Berlin.
Gedruckt bei Poeschel & Trepte, Leipzig.
PERSONEN
Kassierer
Mutter
Frau
Erste, zweite Tochter
Direktor
Gehilfe
Portier
Erster, zweiter Herr
Laufjunge
Dienstmädchen
Dame
Sohn
Hotelkellner
Jüdische Herren als Kampfrichter
Erste, zweite, dritte, vierte weibliche Maske
Herren im Frack
Kellner
Mädchen der Heilsarmee
Offiziere und Soldaten der Heilsarmee
Publikum einer Versammlung der Heilsarmee:
Kommis, Kokotte, Arbeiter usw.
Schutzmann
Die kleine Stadt W. und die große Stadt B.
ERSTER TEIL
Kleinbankkassenraum. Links Schalteranlage und Tür mit Aufschrift:
Direktor. In der Mitte Tür mit Schild: Zur Stahlkammer. Ausgangstür
rechts hinter Barriere. Daneben Rohrsofa und Tisch mit Wasserflasche
und Glas.
Im Schalter Kassierer und am Pult Gehilfe, schreibend. Im Rohrsofa
sitzt der fette Herr, prustet. Jemand geht rechts hinaus. Am Schalter
Laufjunge sieht ihm nach.
KASSIERER
klopft auf die Schalterplatte.
LAUFJUNGE
legt rasch seinen Zettel auf die wartende Hand.
KASSIERER
schreibt, holt Geld unter dem Schalter hervor, zählt sich in die Hand
-- dann auf das Zahlbrett.
LAUFJUNGE
rückt mit dem Zahlbrett auf die Seite und schüttet das Geld in einen
Leinenbeutel.
HERR
steht auf.
Dann sind wir Dicken an der Reihe.
Er holt einen prallen Lederbeutel aus dem Mantelinnern.
Dame kommt. Kostbarer Pelz, Geknister von Seide.
HERR
stutzt.
DAME
klinkt mit einigem Bemühen die Barriere auf, lächelt unwillkürlich
den Herrn an.
Endlich.
HERR
verzieht den Mund.
KASSIERER
klopft ungeduldig.
DAME
fragende Geste gegen den Herrn.
HERR
zurückstehend.
Wir Dicken immer zuletzt.
DAME
verneigt sich leicht, tritt an den Schalter.
KASSIERER
klopft.
DAME
öffnet ihre Handtasche, entnimmt ein Kuvert und legt es auf die Hand
des Kassierers.
Ich bitte dreitausend.
KASSIERER
dreht und wendet das Kuvert, schiebt es zurück.
DAME
begreift.
Pardon.
Sie zieht den Brief aus dem Umschlag und reicht ihn hin.
KASSIERER
wie vorher.
DAME
entfaltet noch das Papier.
Dreitausend bitte.
KASSIERER
überfliegt das Papier und legt es dem Gehilfen hin.
GEHILFE
steht auf und geht aus der Tür mit dem Schild: Direktor.
HERR
sich wieder im Rohrsofa niederlassend.
Bei mir dauert es länger. Bei uns Dicken dauert es immer etwas länger.
KASSIERER
beschäftigt sich mit Geldzählen.
DAME
Ich bitte: in Scheinen.
KASSIERER
verharrt gebückt.
DIREKTOR
jung, kugelrund -- mit dem Papier links heraus.
Wer ist --
Er verstummt der Dame gegenüber.
GEHILFE
schreibt wieder an seinem Pult.
HERR
laut.
Morgen, Direktor.
DIREKTOR
flüchtig dahin.
Geht's gut?
HERR
sich auf den Bauch klopfend.
Es kugelt sich, Direktor.
DIREKTOR
lacht kurz. Zur Dame.
Sie wollen bei uns abheben?
DAME
Dreitausend.
DIREKTOR
Ja drei -- dreitausend würde ich mit Vergnügen auszahlen --
DAME
Ist der Brief nicht in Ordnung?
DIREKTOR
süßlich, wichtig.
Der Brief geht in Ordnung. Über zwölftausend --
Buchstabierend.
Banko --
DAME
Meine Bank in Florenz versicherte mich --
DIREKTOR
Die Bank in Florenz hat Ihnen den Brief richtig ausgestellt.
DAME
Dann begreife ich nicht --
DIREKTOR
Sie haben in Florenz die Ausfertigung dieses Briefes beantragt --
DAME
Allerdings.
DIREKTOR
Zwölftausend -- und zahlbar an den Plätzen --
DAME
Die ich auf der Reise berühre.
DIREKTOR
Der Bank in Florenz haben Sie mehrere Unterschriften geben müssen --
DAME
Die an die im Brief bezeichneten Banken geschickt sind, um mich
auszuweisen.
DIREKTOR
Wir haben den Avis mit Ihrer Unterschrift nicht bekommen.
HERR
hustet; blinzelt den Direktor an.
DAME
Dann müßte ich mich gedulden, bis --
DIREKTOR
Irgendwas müssen wir doch in Händen haben!
EIN HERR
winterlich mit Fellmütze und Wollschal vermummt -- kommt, stellt sich
am Schalter auf. Er schießt wütende Blicke nach der Dame.
DAME
Darauf bin ich so wenig vorbereitet --
DIREKTOR
plump lachend.
Wir sind noch weniger vorbereitet, nämlich gar nicht!
DAME
Ich brauche so notwendig das Geld!
HERR
im Sofa lacht laut.
DIREKTOR
Ja, wer brauchte keins?
HERR
im Sofa wiehert.
DIREKTOR
sich ein Publikum machend.
Ich zum Beispiel --
zum Herrn am Schalter.
Sie haben wohl mehr Zeit als ich. Sie sehen doch, ich spreche mit der
Dame noch. -- Ja, gnädige Frau, wie haben Sie sich das gedacht? Soll
ich Ihnen auszahlen -- auf Ihre --
HERR
im Sofa kichert.
DAME
rasch.
Ich wohne im Elefant.
HERR
im Sofa prustet.
DIREKTOR
Ihre Adresse erfahre ich mit Vergnügen, gnädige Frau. Im Elefant
verkehre ich am Stammtisch.
DAME
Kann der Besitzer mich nicht legitimieren?
DIREKTOR
Kennt Sie der Wirt schon näher?
HERR
im Sofa amüsiert sich köstlich.
DAME
Ich habe mein Gepäck im Hotel.
DIREKTOR
Soll ich Koffer und Köfferchen auf seinen Inhalt untersuchen?
DAME
Ich bin in der fatalsten Situation.
DIREKTOR
Dann reichen wir uns die Hände: Sie sind nicht in der Lage -- ich bin
nicht in der Lage. Das ist die Lage.
Er gibt ihr das Papier zurück.
DAME
Was raten Sie mir nun zu tun?
DIREKTOR
Unser Städtchen ist doch ein nettes Nest -- der Elefant ein
renommiertes Haus -- die Gegend hat Umgegend -- Sie machen diese oder
jene angenehme Bekanntschaften -- und die Zeit geht hin -- mal Tag, mal
Nacht -- wie sich's macht.
DAME
Es kommt mir hier auf einige Tage nicht an.
DIREKTOR
Die Gesellschaft im Elefant wird sich freuen, etwas beizutragen.
DAME
Nur heute liegt es mir dringend an dreitausend!
DIREKTOR
zum Herrn im Sofa.
Bürgt jemand hier für eine Dame aus der Fremde auf dreitausend?
DAME
Das könnte ich wohl nicht annehmen. Darf ich bitten, mir sofort, wenn
die Bestätigung von Florenz eintrifft, telephonisch Mitteilung zu
machen. Ich bleibe im Elefant auf meinem Zimmer.
DIREKTOR
Persönlich -- wie gnädige Frau es wünschen!
DAME
Wie ich am raschesten benachrichtigt werde.
Sie schiebt das Papier in das Kuvert und steckt es in die Tasche.
Ich spreche am Nachmittag noch selbst vor.
DIREKTOR
Ich stehe zur Verfügung.
DAME
grüßt kurz, ab.
HERR
am Schalter rückt vor und knallt in der Faust einen zerknüllten
Zettel auf die Platte.
DIREKTOR
ohne davon Notiz zu nehmen, sieht belustigt nach dem Herrn im Sofa.
HERR
im Sofa zieht die Luft ein.
DIREKTOR
lacht.
Sämtliche Wohlgerüche Italiens -- aus der Parfümflasche.
HERR
im Sofa fächelt sich mit der flachen Hand.
DIREKTOR
Das macht heiß, was?
HERR
im Sofa, gießt sich Wasser in ein Glas.
Dreitausend ist ein bißchen hastig.
Er trinkt.
Dreihundert klappern auch nicht schlecht.
DIREKTOR
Vielleicht machen Sie billigere Offerte -- im Elefant, auf dem Zimmer?
HERR
im Sofa.
Für uns Dicke ist das nichts.
DIREKTOR
Wir sind mit unserm moralischen Bauch gesetzlich geschützt.
HERR
am Schalter knallt zum zweitenmal die Faust auf die Platte.
DIREKTOR
gleichmütig.
Was haben Sie denn?
Er glättet den Zettel und reicht ihn dem Kassierer hin.
LAUFJUNGE
hatte die Dame angegafft, dann die Sprechenden -- verfehlt die
Barriere und rennt gegen den Herrn im Sofa.
HERR
im Sofa nimmt ihm den Beutel weg.
Ja, mein Junge, das kostet was -- schöne Mädchen angaffen. Jetzt bist
du deinen Beutel los.
LAUFJUNGE
lacht ihn verlegen an.
HERR
Was machst du denn nun, wenn du nach Hause kommst?
LAUFJUNGE
lacht.
HERR
gibt ihm den Beutel wieder.
Merk' dir das für dein Leben. Du bist der erste nicht, dem die Augen
durchgehen -- und der ganze Mensch rollt nach.
LAUFJUNGE
ab.
KASSIERER
hat einige Münzen aufgezählt.
DIREKTOR
Solch einem Schlingel vertraut man nun Geld an.
HERR
im Sofa.
Dummheit straft sich selbst.
DIREKTOR
Daß ein Chef nicht den Blick dafür hat. So was brennt doch bei der
ersten Gelegenheit, die sich bietet, aus. Der geborene Defraudant.
Zum Herrn am Schalter.
Stimmt es nicht?
HERR
prüft jedes Geldstück.
DIREKTOR
Das ist ein Fünfundzwanzigpfennigstück. Das sind zusammen
fünfundvierzig Pfennig, mehr hatten Sie doch nicht zu verlangen?
HERR
steckt umständlich ein.
HERR
im Sofa.
Deponieren Sie doch Ihr Kapital in der Stahlkammer! -- Nun wollen wir
Dicken mal abladen.
HERR
am Schalter rechts ab.
DIREKTOR
Was bringen Sie uns denn?
HERR
legt den Lederbeutel auf die Platte und holt eine Brieftasche heraus.
Soll man kein Vertrauen zu Ihnen kriegen mit Ihrer feinen Kundschaft?
Er reicht ihm die Hand.
DIREKTOR
Jedenfalls sind wir für schöne Augen in Geschäftssachen unempfänglich.
HERR
sein Geld aufzählend.
Wie alt war sie? Taxe.
DIREKTOR
Ohne Schminke habe ich sie noch nicht gesehen.
HERR
Was will die denn hier?
DIREKTOR
Das werden wir ja heute abend im Elefant hören.
HERR
Wer käme denn da in Betracht?
DIREKTOR
In Betracht könnten wir schließlich alle noch kommen!
HERR
Wozu braucht sie denn hier dreitausend Mark?
DIREKTOR
Sie muß sie wohl brauchen.
HERR
Ich wünsche ihr den besten Erfolg.
DIREKTOR
Womit?
HERR
Daß sie ihre Dreitausend kapert.
DIREKTOR
Von mir?
HERR
Von wem ist ja nebensächlich.
DIREKTOR
Ich bin neugierig, wann die Nachricht von der Bank in Florenz kommt.
HERR
Ob sie kommt!
DIREKTOR
Ob sie kommt -- darauf bin ich allerdings noch gespannter!
HERR
Wir können ja sammeln und ihr aus der Verlegenheit helfen.
DIREKTOR
Auf Ähnliches wird es wohl abgesehen sein.
HERR
Wem erzählen Sie das?
DIREKTOR
lacht.
Haben Sie in der Lotterie gewonnen?
HERR
zum Kassierer.
Nehmen Sie mir mal ab.
zum Direktor.
Ob wir draußen unser Geld haben oder bei Ihnen verzinsen -- richten Sie
mal ein Konto für den Bauverein ein.
DIREKTOR
scharf zum Gehilfen.
Konto für Bauverein.
HERR
Es kommt noch mehr.
DIREKTOR
Immer herein, meine Herrschaften. Wir können gerade gebrauchen.
HERR
Also: sechzigtausend -- fünfzig Mille Papier -- zehn Mille Gold.
KASSIERER
zählt.
DIREKTOR
nach einer Pause.
Sonst geht's noch gut?
HERR
zum Kassierer.
Jawohl, der Schein ist geflickt.
DIREKTOR
Wir nehmen ihn selbstverständlich. Wir werden ihn wieder los. Ich
reserviere ihn für unsere Kundin aus Florenz. Sie trug ja auch
Schönheitspflästerchen.
HERR
Es stecken aber tausend Mark dahinter.
DIREKTOR
Liebhaberwert.
HERR
unbändig lachend.
Liebhaberwert -- das ist kolossal.
DIREKTOR
unter Tränen.
Liebhaberwert --
Er gibt ihm die Quittung des Kassierers.
Ihre Quittung.
Erstickend.
Sechzig -- tau -- --
HERR
nimmt, liest sie, ebenso.
Sechzig -- tau -- --
DIREKTOR
Liebhaber --
HERR
Lieb -- --
Sie reichen sich die Hände.
DIREKTOR
Wir sehen uns heute abend.
HERR
nickend.
Liebhaber --
Er knöpft seinen Mantel, kopfschüttelnd ab.
DIREKTOR
steht noch, wischt sich die Tränen hinter dem Kneifer. Dann links
hinein.
KASSIERER
bündelt die zuletzt erhaltenen Scheine und rollt die Münzen.
DIREKTOR
kommt zurück.
Diese Dame aus Florenz -- die aus Florenz kommen will -- ist Ihnen
schon einmal eine Erscheinung wie diese vorm Schalter aufgetaucht?
Pelz -- parfümiert. Das riecht nachträglich, man zieht mit der Luft
Abenteuer ein! -- -- Das ist die große Aufmachung. Italien, das wirkt
verblüffend -- märchenhaft. Riviera -- Mentone -- Bordighera -- Nizza
-- Monte Carlo! Ja, wo Orangen blühen, da blüht auch der Schwindel. Von
Schwindel ist da unten kein Quadratmeter Erdboden frei. Dort wird der
Raubzug arrangiert. Die Gesellschaft verstreut sich in alle Winde.
Nach den kleineren Plätzen -- abseits der großen Heerstraße -- schlägt
man sich am liebsten. Dann schäumend in Pelz und Seide. Weiber! Das
sind die modernen Sirenen. Singsang vom blauen Süden -- o bella Napoli.
Verfänglicher Augenaufschlag -- und man ist geplündert bis auf das
Netzhemd. Bis auf die nackte Haut -- die nackte, nackte Haut!
Er trommelt mit seinem Bleistift dem Kassierer den Rücken.
Ich zweifle keinen Augenblick, daß die Bank in Florenz, die den Brief
ausgestellt hat, so wenig von dem Brief etwas weiß -- wie der Papst den
Mond bewohnt. Das Ganze ist Schwindel, von langer Hand vorbereitet.
Und seine Urheber sitzen nicht in Florenz, sondern Monte Carlo! Das
kommt zuerst in Frage. Verlassen Sie sich drauf. Wir haben hier eine
jener Existenzen gesehen, die im Sumpf des Spielpalastes gedeihen.
Und ich gebe mein zweites Wort darauf, daß wir sie nicht wiedersehen.
Der erste Versuch ist mißglückt, die Person wird sich vor dem zweiten
hüten! -- Wenn ich auch meine Späße mache -- dabei bin ich scharfäugig.
Wir vom Bankgeschäft! -- Ich hätte eigentlich unserm Polizeileutnant
Werde einen Wink geben sollen! -- Es geht mich ja weiter nichts an.
Schließlich ist die Bank zu Stillschweigen verpflichtet.
An der Tür.
Verfolgen Sie mal in den auswärtigen Zeitungen: wenn Sie von einer
Hochstaplerin lesen, die hinter Schloß und Riegel sichergesetzt ist,
dann wollen wir uns wieder sprechen. Dann werden Sie mir recht geben.
Dann werden wir von unserer Freundin aus Florenz mehr hören -- als wir
heute oder morgen hier wieder von ihrem Pelz zu sehen bekommen!
Ab.
KASSIERER
siegelt Rollen.
PORTIER
mit Briefen von rechts, sie dem Gehilfen reichend.
Eine Quittung für eine Einschreibesendung bekomme ich wieder.
GEHILFE
stempelt den Zettel, gibt ihn an den Portier.
PORTIER
stellt noch Glas und Wasserflasche auf dem Tisch zurecht. Ab.
GEHILFE
trägt die Briefe in das Direktorzimmer -- kommt wieder.
DAME
kehrt zurück; rasch an den Schalter.
Ach Pardon.
KASSIERER
streckt die flache Hand hin.
DAME
stärker.
Pardon.
KASSIERER
klopft.
DAME
Ich möchte den Herrn Direktor nicht nochmal stören.
KASSIERER
klopft.
DAME
in Verzweiflung lächelnd.
Hören Sie bitte, ist das nicht möglich: ich hinterlasse der Bank
den Brief über den ganzen Betrag und empfange einen Vorschuß von
dreitausend?
KASSIERER
klopft ungeduldig.
DAME
Ich bin eventuell bereit, meine Brillanten als Unterpfand
auszuhändigen. Die Steine wird Ihnen jeder Juwelier in der Stadt
abschätzen.
Sie streift einen Handschuh ab und nestelt am Armband.
DIENSTMÄDCHEN
rasch von rechts, setzt sich ins Rohrsofa und sucht, alles
auswühlend, im Marktkorb.
DAME
hat sich schwach erschreckend umgedreht: sich aufstützend sinkt ihre
Hand auf die Hand des Kassierers.
KASSIERER
dreht sich über die Hand in seiner Hand. Jetzt ranken seine
Brillenscheiben am Handgelenk aufwärts.
DIENSTMÄDCHEN
findet aufatmend den Schein.
DAME
nickt hin.
DIENSTMÄDCHEN
ordnet im Korb.
DAME
sich dem Kassierer zuwendend -- trifft in sein Gesicht.
KASSIERER
lächelt.
DAME
zieht ihre Hand zurück.
Ich will die Bank nicht zu Leistungen veranlassen, die sie nicht
verantworten kann.
Sie legt das Armband an, müht sich an der Schließe. Dem Kassierer den
Arm hinstreckend.
Würden Sie die Freundlichkeit haben -- ich bin nicht geschickt genug
mit einer Hand nur.
KASSIERER
Büsche des Bartes wogen -- Brille sinkt in blühende Höhlen eröffneter
Augen.
DAME
zum Dienstmädchen.
Sie helfen mir, Fräulein.
DIENSTMÄDCHEN
tut es.
DAME
Noch die Sicherheitskette.
Mit einem kleinen Schrei.
Sie stechen ja in mein offenes Fleisch. So hält es. Vielen Dank,
Fräulein.
Sie grüßt noch den Kassierer. Ab.
DIENSTMÄDCHEN
am Schalter, legt ihren Schein hin.
KASSIERER
greift ihn in wehenden Händen. Lange sucht er unter der Platte. Dann
zahlt er aus.
DIENSTMÄDCHEN
sieht das aufgezählte Geld an; dann zum Kassierer.
Das bekomme ich doch nicht?
KASSIERER
schreibt.
GEHILFE
wird aufmerksam.
DIENSTMÄDCHEN
zum Gehilfen.
Es ist doch mehr.
GEHILFE
sieht zum Kassierer.
KASSIERER
streicht einen Teil wieder ein.
DIENSTMÄDCHEN
Immer noch zuviel!
KASSIERER
schreibt.
DIENSTMÄDCHEN
steckt kopfschüttelnd das Geld in den Korb. Ab.
KASSIERER
durch Heiserkeit sträubt sich der Laut herauf.
Holen Sie -- Glas Wasser!
GEHILFE
geht aus dem Schalter zum Tisch.
KASSIERER
Das ist abgestanden. Frisches -- von der Leitung.
GEHILFE
geht mit dem Glas in die Stahlkammer.
KASSIERER
behende nach einem Klingelknopf -- drückt.
PORTIER
kommt.
KASSIERER
Holen Sie frisches Wasser.
PORTIER
Ich darf nicht von der Tür draußen weg.
KASSIERER
Für mich. Das ist Jauche. Ich will Wasser von der Leitung.
PORTIER
mit der Wasserflasche in die Stahlkammer.
KASSIERER
stopft mit schnellen Griffen die zuletzt gehäuften Scheine und
Geldrollen in seine Taschen. Dann nimmt er den Mantel vom Haken,
wirft ihn über den Arm. Noch den Hut. Er verläßt den Schalter -- und
geht rechts ab.
DIREKTOR
in einen Brief vertieft links herein.
Da ist ja die Bestätigung von Florenz eingetroffen!
GEHILFE
mit dem Glas Wasser aus der Stahlkammer.
PORTIER
mit der Wasserflasche aus der Stahlkammer.
DIREKTOR
bei ihrem Anblick.
Zum Donnerwetter, was heißt denn das?
Hotelschreibzimmer. Hinten Glastür. Links Schreibtisch mit
Telefonapparat. Rechts Sofa, Sessel mit Tisch mit Zeitschriften usw.
DAME
schreibt.
SOHN
in Hut und Mantel kommt -- im Arm großen flachen Gegenstand in ein
Tuch gehüllt.
DAME
überrascht.
Du hast es?
SOHN
Unten sitzt der Weinhändler. Der schnurrige Kopf beargwöhnt mich, ich
brenne ihm aus.
DAME
Am Morgen war er doch froh, es loszuwerden.
SOHN
Jetzt wittert er wohl allerhand.
DAME
Du wirst ihn aufmerksam gemacht haben.
SOHN
Ich habe mich ein bißchen gefreut.
DAME
Das muß Blinde sehend machen!
SOHN
Sie sollen auch die Augen aufreißen. Aber beruhige Dich, Mama, der
Preis ist derselbe wie am Morgen.
DAME
Wartet der Weinhändler?
SOHN
Den lassen wir warten.
DAME
Ich muß dir leider mitteilen --
SOHN
küßt sie.
Also Stille. Feierliche Stille. Du blickst erst hin, wenn ich dich dazu
auffordere.
Er wirft Hut und Mantel ab, stellt das Bild auf einen Sessel und
lüftet das Tuch.
DAME
Noch nicht?
SOHN
sehr leise.
Mama.
DAME
dreht sich im Stuhl um.
SOHN
kommt zu ihr, legt seinen Arm um ihre Schultern.
Nun?
DAME
Das ist allerdings nicht für eine Weinstube!
SOHN
Es hing auch gegen die Wand gedreht. Auf die Rückseite hatte der Mann
seine Photographie gepappt.
DAME
Hast du die mitgekauft?
SOHN
lacht.
Wie findest du es?
DAME
Ich finde es -- sehr naiv.
SOHN
Köstlich -- nicht wahr? Für einen Cranach fabelhaft.
DAME
Willst du es als Bild so hochschätzen?
SOHN
Als Bild selbstverständlich! Aber daneben das Merkwürdige der
Darstellung. Für Cranach -- und für die Behandlung des Gegenstandes
in der gesamten Kunst überhaupt. Wo findest du das? Pitti -- Uffizien
-- die Vatikanischen? Der Louvre ist ja ganz schwach darin. Wir
haben hier zweifellos die erste und einzige erotische Figuration des
ersten Menschenpaares. Hier liegt noch der Apfel im Gras -- aus dem
unsäglichen Laubgrün lugt die Schlange -- der Vorgang spielt sich also
im Paradies selbst ab und nicht nach der Verstoßung. Das ist der
wirkliche Sündenfall! -- Ein Unikum. Cranach hat ja Dutzend Adam und
Eva gemalt -- steif -- mit dem Zweige in der Mitte -- und vor allem
die zwei getrennt. Es heißt da: sie erkannten sich. Hier jubelt zum
erstenmal die selige Menschheitsverkündung auf: sie liebten sich!
Hier zeigt sich ein deutscher Meister als Erotiker von südlichster,
allersüdlichster Emphatik!
Vor dem Bild.
Dabei diese Beherrschtheit noch in der Ekstase. Diese Linie des
männlichen Armes, die die weibliche Hüfte überschneidet. Die
Horizontale der unten gelagerten Schenkel und die Schräge des andern
Schenkelpaares. Das ermüdet das Auge keinen Moment. Das erzeugt Liebe
im Hinsehen -- der Fleischton leistet natürlich die wertvollste Hilfe.
Geht es dir nicht ebenso?
DAME
Du bist wie dein Bild naiv.
SOHN
Was meinst du damit?
DAME
Ich bitte dich, das Bild im Hotel in deinem Zimmer zu verbergen.
SOHN
Zu Hause wird es ja erst mächtig auf mich wirken. Florenz und
dieser Cranach. Der Abschluß meines Buches wird natürlich weit
hinausgeschoben. Das muß verarbeitet sein. Das muß aus eigenem Fleisch
und Blut zurückströmen, sonst versündigt sich der Kunsthistoriker.
Augenblicklich fühle ich mich ziemlich erschlagen. -- Auf der ersten
Station dieser Reise das Bild zu finden!
DAME
Du vermutetest es doch mit Sicherheit.
SOHN
Aber vor dem Ereignis steht man doch geblendet. Ist es nicht zum
Verrücktwerden? Mama, ich bin ein Glücksmensch!
DAME
Du ziehst die Resultate aus deinen eingehenden Studien.
SOHN
Und ohne deine Hilfe? Ohne deine Güte?
DAME
Ich finde mein Glück mit dir darin.
SOHN
Du übst endlose Nachsicht mit mir. Ich reiße dich aus deinem schönen,
ruhigen Leben in Fiesole. Du bist Italienerin, ich hetze dich durch
Deutschland mitten im Winter. Du übernachtest im Schlafwagen -- Hotels
zweiter, dritter Güte -- schlägst dich mit allerhand Leuten herum --
DAME
Das habe ich allerdings reichlich gekostet!
SOHN
Ich verspreche dir, mich zu beeilen. Ich bin ja selbst ungeduldig, den
Schatz in Sicherheit zu bringen. Um drei reisen wir. Willst du mir die
Dreitausend geben?
DAME
Ich habe sie nicht.
SOHN
Der Besitzer des Bildes ist im Hotel.
DAME
Die Bank konnte sie mir nicht auszahlen. Von Florenz muß sich die
Benachrichtigung verzögert haben.
SOHN
Ich habe die Bezahlung zugesagt.
DAME
Dann mußt du ihm das Bild wieder ausliefern, bis die Bank Auftrag
erhält.
SOHN
Läßt sich das nicht beschleunigen?
DAME
Ich habe hier ein Telegramm aufgesetzt, daß ich jetzt besorgen lasse.
Wir sind ja schnell gereist --
KELLNER
klopft an.
DAME
Bitte.
KELLNER
Ein Herr von der Bank wünscht gnädige Frau zu sprechen.
DAME
zum Sohn.
Da wird mir das Geld schon ins Hotel geschickt.
Zum Kellner.
Ich bitte.
KELLNER
ab.
SOHN
Du rufst mich, wenn du mir das Geld geben kannst. Ich lasse den Mann
nicht gern wieder aus dem Hotel gehen.
DAME
Ich telephoniere dir.
SOHN
Ich sitze unten.
Ab.
DAME
schließt die Schreibmappe.
Kellner und Kassierer erscheinen hinter der Glastür. Kassierer
überholt den Kellner, öffnet; Kellner kehrt um, ab.
KASSIERER
noch Mantel überm Arm -- tritt ein.
DAME
zeigt nach einem Sessel und setzt sich ins Sofa.
KASSIERER
den Mantel bei sich, auf dem Sessel.
DAME
Bei der Bank ist --
KASSIERER
sieht das Bild.
DAME
Dies Bild steht in enger Beziehung zu meinem Besuch auf der Bank.
KASSIERER
Sie?
DAME
Entdecken Sie Ähnlichkeiten?
KASSIERER
lächelnd.
Am Handgelenk!
DAME
Sind Sie Kenner?
KASSIERER
Ich wünsche -- mehr kennenzulernen!
DAME
Interessieren Sie diese Bilder?
KASSIERER
Ich bin im Bilde!
DAME
Finden sich noch Stücke bei Besitzern in der Stadt? Sie würden mir
einen Dienst erweisen. Das ist mir ja wichtiger -- so wichtig wie das
Geld!
KASSIERER
Geld habe ich.
DAME
Am Ende wird die Summe nicht genügen, über die ich meinen Brief
ausstellen ließ.
KASSIERER
packt die Scheine und Rollen aus.
Das ist genug!
DAME
Ich kann nur zwölftausend erheben.
KASSIERER
Sechzigtausend!
DAME
Auf welche Weise?
KASSIERER
Meine Angelegenheit.
DAME
Wie soll ich --?
KASSIERER
Wir reisen.
DAME
Wohin?
KASSIERER
Über die Grenze. Packen Sie Ihren Koffer -- wenn Sie einen haben. Sie
reisen vom Bahnhof ab -- ich laufe bis zur nächsten Station zu Fuß und
steige zu. Wir logieren zum ersten Male -- -- Kursbuch?
Er findet es auf dem Tische.
DAME
Bringen Sie mir denn von der Bank über dreitausend?
KASSIERER
beschäftigt.
Ich habe sechzigtausend eingesteckt. Fünfzigtausend in Scheinen --
zehntausend in Gold.
DAME
Davon gehören mir --?
KASSIERER
bricht eine Rolle auf und zählt fachmännisch die Stücke in eine Hand
vor, dann auf den Tisch hin.
Nehmen Sie. Stecken Sie fort. Wir könnten belauscht sein. Die Tür hat
Glasscheiben. Fünfhundert in Gold.
DAME
Fünfhundert?
KASSIERER
Später mehr. Wenn wir in Sicherheit sind. Hier dürfen wir nichts sehen
lassen. Vorwärts. Einkassiert. Für Zärtlichkeiten ist diese Stunde
nicht geeignet, sie dreht rasend ihre Speichen, in denen jeder Arm
zermalmt wird, der eingreift!
Er springt auf.
DAME
Ich brauche dreitausend.
KASSIERER
Wenn sie die Polizei in Ihrer Tasche findet, sind Sie hinter Schloß und
Riegel gesetzt!
DAME
Was geht es die Polizei an?
KASSIERER
Sie erfüllten den Kassenraum. An Sie hakt sich der Verdacht, und unsere
Verkettung liegt zutage.
DAME
Ich betrat den Kassenraum --
KASSIERER
Unverfroren.
DAME
Ich forderte --
KASSIERER
Sie versuchten.
DAME
Ich suchte --
KASSIERER
-- die Bank zu prellen, als Sie Ihren gefälschten Brief präsentierten.
DAME
aus ihrer Handtasche den Brief nehmend.
Dieser Brief ist nicht echt?
KASSIERER
So unecht wie Ihre Brillanten.
DAME
Ich bot meine Wertsachen als Pfand an. Warum sind meine Pretiosen
Imitationen?
KASSIERER
Damen Ihres Schlages blenden nur.
DAME
Von welchem Schlage bin ich denn? Schwarzhaarig -- mein Teint ist
dunkel. Ich bin südlicher Schlag. Toskana.
KASSIERER
Monte Carlo!
DAME
lächelt.
Nein, Florenz!
KASSIERER
sein Blick stürzt auf Hut und Mantel des Sohnes.
Komme ich zu spät?
DAME
Zu spät?
KASSIERER
Wo ist er? Ich werde mit ihm verhandeln. Er wird mit sich handeln
lassen. Ich habe Mittel. Wieviel soll ich ihm bieten? Wie hoch
veranschlagen Sie die Entschädigung? Wieviel stopfe ich ihm in die
Tasche? Ich steigere bis zu fünfzehntausend! -- Schläft er? Rekelt er
sich im Bett? Wo ist Euer Zimmer? Zwanzigtausend -- fünftausend mehr
für unverzögerten Abstand!
Er rafft Hut und Mantel vom Sessel.
Ich bringe ihm seine Sachen.
DAME
verwundert.
Der Herr sitzt im Vestibül.
KASSIERER
Das ist zu gefährlich. Es ist belebt unten. Rufen Sie ihn herauf.
Ich setze ihn hier matt. Klingeln Sie. Der Kellner soll fliegen.
Zwanzigtausend -- in Scheinen!
Er zählt auf.
DAME
Kann mein Sohn mich legitimieren?
KASSIERER
prallt zurück.
Ihr -- -- Sohn?!
DAME
Ich reise mit ihm. Ich begleite ihn auf einer Studienreise, die uns
von Florenz nach Deutschland führt. Mein Sohn sucht Material für sein
kunsthistorisches Werk.
KASSIERER
starrt sie an.
-- -- Sohn?!
DAME
Ist das so ungeheuerlich?
KASSIERER
wirr.
Dies -- -- Bild?!
DAME
Ist sein glücklicher Fund. Mit dreitausend bezahlt es mein Sohn. Das
sind die von mir sehnlich gewünschten Dreitausend. Ein Weingroßhändler
-- den Sie ja kennen werden, wenn Sie seinen Namen hören -- überläßt es
ihm zu diesem Preis.
KASSIERER
-- -- Pelz -- -- Seide -- -- es schillerte und knisterte -- -- die Luft
wogte von allen Parfümen!
DAME
Es ist Winter. Ich trage nach meinen Begriffen keine besondere Kleidung.
KASSIERER
Der falsche Brief?!
DAME
Ich bin im Begriff, an meine Bank zu depeschieren!
KASSIERER
Ihr Handgelenk nackt -- -- um das ich die Kette ranken sollte?!
DAME
Die linke Hand allein ist ungeschickt.
KASSIERER
dumpf.
Ich habe -- -- das Geld eingesteckt -- -- -- --
DAME
belustigt.
Sind Sie und die Polizei nun zufrieden? Mein Sohn ist wissenschaftlich
nicht unbekannt.
KASSIERER
Jetzt -- -- in diesem Moment werde ich vermißt. Ich hatte Wasser für
mich bestellt, um den Gehilfen zu entfernen -- zweimal Wasser, um die
Tür vom Portier zu entblößen. Die Noten und Rollen sind verschwunden.
Ich habe defraudiert! -- -- Ich darf mich nicht in den Straßen --
auf dem Markt sehen lassen. Ich darf den Bahnhof nicht betreten. Die
Polizei ist auf den Beinen. Sechzigtausend! -- -- Ich muß übers Feld --
quer durch den Schnee, bevor die Gendarmen alarmiert sind!
DAME
entsetzt.
Schweigen Sie doch!
KASSIERER
Ich habe alles Geld eingesteckt -- -- Sie erfüllten den Kassenraum --
-- Sie schillerten und knisterten -- -- Sie senkten Ihre nackte Hand
in meine -- -- Sie rochen heiß -- -- Ihr Mund roch -- --
DAME
Ich bin eine Dame!
KASSIERER
stier.
Jetzt müssen Sie doch -- --!!
DAME
sich bezwingend.
Sind Sie verheiratet?
Auf seine schwingende Geste.
Ich meine, das gilt sehr viel. Wenn ich es nicht überhaupt als einen
Scherz auffassen soll. Sie haben sich zu einer unüberlegten Handlung
hinreißen lassen. Sie reparieren den Schaden. Sie kehren in Ihren
Schalter zurück und schützen ein momentanes Unwohlsein vor. Sie haben
den vollen Betrag noch bei sich?
KASSIERER
Ich habe mich an der Kasse vergriffen --
DAME
schroff.
Das interessiert mich dann nicht weiter.
KASSIERER
Ich habe die Bank geplündert --
DAME
Sie belästigen mich, mein Herr.
KASSIERER
Jetzt müssen Sie -- --
DAME
Was ich müßte --
KASSIERER
Jetzt müssen Sie doch!!
DAME
Lächerlich.
KASSIERER
Ich habe geraubt, gestohlen. Ich habe mich ausgeliefert -- ich habe
meine Existenz vernichtet -- alle Brücken sind gesprengt -- ich bin ein
Dieb -- Räuber -- --
Über den Tisch geworfen.
Jetzt müssen Sie doch -- -- jetzt müssen Sie doch!!!
DAME
Ich werde Ihnen meinen Sohn rufen, vielleicht -- --
KASSIERER
verändert, agil.
Jemanden rufen? Allerweltsleute rufen? Alarm schlagen? Großartig! --
Dumm. Plump. Mich fangen sie nicht ein. In die Falle trete ich nicht.
Ich habe meinen Witz, meine Herrschaften. Euer Witz tappt hinterher --
ich immer zehn Kilometer voraus. Rühren Sie sich nicht. Stillgesessen,
bis ich --
Er steckt das Geld ein, drückt den Hut ins Gesicht, preßt den Mantel
auf die Brust.
Bis ich --
Behende geräuschlos durch die Glastür ab.
DAME
steht verwirrt.
SOHN
kommt.
Der Herr von der Bank ging aus dem Hotel. Du bist erregt, Mama. Ist das
Geld --
DAME
Die Unterhaltung hat mich angestrengt. Geldsachen, Jungchen. Du weißt,
es reizt mich immer etwas.
SOHN
Sind Schwierigkeiten entstanden, die die Auszahlung wieder aufhalten?
DAME
Ich müßte es dir vielleicht doch sagen --
SOHN
Muß ich das Bild zurückgeben?
DAME
An das Bild denke ich nicht.
SOHN
Das geht uns doch am meisten an.
DAME
Ich glaube, ich muß sogleich eine Anzeige erstatten.
SOHN
Was für eine Anzeige?
DAME
Die Depesche besorge. Ich muß unter allen Umständen von meiner Bank
eine Bestätigung in Händen haben.
SOHN
Genügt dein Bankbrief nicht?
DAME
Nein. Nicht ganz. Geh nach dem Telegraphenamt. Ich möchte den Portier
nicht mit der offenen Depesche schicken.
SOHN
Und wann kommt nun das Geld?
Das Telephon schrillt.
DAME
Da werde ich schon angerufen.
Am Apparat.
Ist eingetroffen. Ich soll selbst abheben. Gern. Aber bitte, Herr
Direktor. Ich bin gar nicht aufgebracht. Florenz ist weit. Ja, die Post
in Italien. Wie? Warum? Wie? Ja, warum? Ach so -- via Berlin, das
ist allerdings ein großer Umweg. -- Mit keinem Gedanken. Danke, Herr
Direktor. In zehn Minuten. Adieu.
Zum Sohn.
Erledigt, Junge. Meine Depesche ist überflüssig geworden.
Sie zerreißt das Formular.
Du hast dein Bild. Dein Weinhändler begleitet uns. Er nimmt auf der
Bank den Betrag in Empfang. Verpacke deinen Schatz. Von der Bank fahren
wir zum Bahnhof.
Telephonierend, während Sohn das Bild verhüllt.
Ich bitte um die Rechnung. Zimmer vierzehn und sechzehn. Sehr eilig.
Bitte.
Verschneites Feld mit Baum mit tiefreichender Astwirrnis.
Blauschattende Sonne.
KASSIERER
kommt, rückwärts gehend. Er schaufelt mit den Händen seine Spur zu.
Sich aufrichtend.
Solch ein Mensch ist doch ein Wunderwerk. Der Mechanismus klappt in
Scharnieren -- lautlos. Plötzlich sind Fähigkeiten ermittelt und mit
Schwung tätig. Wie gebärden sich meine Hände? Wo haben sie Schnee
geschippt? Jetzt wuchten sie die Massen, daß die Flocken stäuben.
Überdies ist meine Spur über das Schneefeld wirkungsvoll verwischt.
Erzielt ist ein undurchsichtiges Inkognito!
Er streift die erweichten Manschetten ab.
Nässe und Frost begünstigen scharfe Erkältungen. Unversehens bricht
Fieber aus und beeinflußt die Entschlüsse. Man verliert die Kontrolle
über seine Handlungen, und aufs Krankenbett geworfen, ist man geliefert!
Er knöpft die Knöpfe heraus und schleudert die Manschetten weg.
Ausgedient. Da liegt. Ihr werdet in der Wäsche fehlen. Das Lamento
plärrt durch die Küche: ein Paar Manschetten fehlt. Katastrophe im
Waschkessel. Weltuntergang!
Er sammelt die Manschetten wieder auf und stopft sie in die
Manteltaschen.
Toll: da arbeitet mein Witz schon wieder. Mit unfehlbarer Sicherheit.
Ich quäle mich mit dem zerstampften Schnee ab und verrate mich mit
zwei leichtsinnig verschleuderten Wäschestücken. Meist ist es eine
Kleinigkeit -- ein Versehen -- eine Flüchtigkeit, die den Täter
feststellt. Hopla!
Er sucht sich einen bequemen Sitz in einer Astgabel.
Ich bin doch neugierig. Meine Spannung ist gewaltig geschwollen. Ich
habe Grund, mich auf die wichtigsten Entdeckungen gefaßt zu machen.
Im Fluge gewonnene Erfahrungen stehen mir zur Seite. Am Morgen noch
erprobter Beamter. Man vertraut mir runde Vermögen an, der Bauverein
deponiert Riesensummen. Mittags ein durchtriebener Halunke. Mit
allen Wassern gewaschen. Die Technik der Flucht bis in die Details
durchgebildet. Das Ding gedreht und hin. Fabelhafte Leistung. Und der
Tag erst zur Hälfte bezwungen!
Er stützt das Kinn auf die Faustrücken.
Ich bin bereit, jedem Vorfall eine offene Brust zu bieten. Ich besitze
untrügliche Zeichen, keinem Anspruch die Antwort schuldig zu bleiben.
Ich bin auf dem Marsche -- Umkehr findet nicht statt. Ich marschiere
-- also ohne viel Federlesen heraus mit den Trümpfen. Ich habe
sechzigtausend auf die Karte gesetzt -- und erwarte den Trumpf. Ich
spiele zu hoch, um zu verlieren. Keine Flausen -- aufgedeckt und heda!
Verstanden?
Er lacht ein krächzendes Gelächter.
Jetzt müssen Sie, schöne Dame. Ihr Stichwort, seidene Dame. Bringen
Sie es doch, schillernde Dame, Sie lassen ja die Szene unter den
Tisch fallen. Dummes Luder. Und sowas spielt Komödie. Kommt euren
natürlichen Verpflichtungen nach, zeugt Kinder -- und belästigt
nicht die Souffleuse! Verzeihung, Sie haben ja einen Sohn. Sie sind
vollständig legitimiert. Ich liquidiere meine Verdächtigungen. Leben
Sie wohl und grüßen Sie den Direktor. Seine Kalbsaugen werden Sie mit
einem eklen Schleim bestreichen, aber machen Sie sich nichts draus.
Der Mann ist um sechzigtausend geprellt, der Bauverein wird ihm das
Dach neu beschindeln. Das klappert erbärmlich. Ich entbinde Sie aller
Verpflichtungen gegen mich, Sie sind entlassen, Sie können gehen.
-- Halt! Nehmen Sie meinen Dank auf den Weg -- in die Eisenbahn! --
Was? Keine Ursache? -- Ich denke, bedeutende! Nicht der Rede wert? --
Sie scherzen, Ihr Schuldner! Wieso? -- Ich verdanke Ihnen das Leben!
-- Um Himmels willen! -- Ich übertreibe! Mich haben Sie, knisternd,
aufgelockert. Ein Sprung hinter Sie drein stellt mich in den Brennpunkt
unerhörter Geschehnisse. Und mit der Fracht in der Brusttasche zahle
ich alle Begünstigungen bar!
Mit einer nachlässigen Geste.
Verduften Sie jetzt, Sie sind bereits überboten und können bei
beschränkten Mitteln -- ziehen Sie sich Ihren Sohn zu Gemüte -- auf
keinen Zuschlag hoffen!
Er holt das Banknotenbündel aus der Tasche und klatscht es auf die
Hand.
Ich zahle bar! Der Betrag ist flüssig gemacht -- Regulierung läuft dem
Angebot voraus. Vorwärts, was bietet sich?
Er sieht in das Feld.
Schnee. Schnee. Sonne. Stille.
Er schüttelt den Kopf und steckt das Geld ein.
Es wäre eine schamlose Übervorteilung -- mit dieser Summe blauen Schnee
zu bezahlen. Ich mache das Geschäft nicht. Ich trete vor dem Abschluß
zurück. Keine reelle Sache!
Die Arme aufwerfend.
Ich muß bezahlen!! -- -- Ich habe das Geld bar!! -- -- Wo ist Ware, die
man mit dem vollen Einsatz kauft?! Mit sechzigtausend -- und dem ganzen
Käufer mit Haut und Knochen?! -- --
Schreiend.
Ihr müßt mir doch liefern -- -- ihr müßt doch Wert und Gegenwert in
Einklang bringen!!!!
Sonne von Wolken verfinstert. Er steigt aus der Gabel.
Die Erde kreißt -- Frühlingsstürme. Es macht sich, es macht sich.
Ich wußte, daß ich nicht umsonst gerufen habe. Die Aufforderung war
dringend. Das Chaos ist beleidigt, es will sich nicht vor meiner
eingreifenden Tat am Vormittag blamieren. Ich wußte es ja, man darf in
solchen Fällen nicht locker lassen. Hart auf den Leib rücken -- und
das Mäntelchen vom Leib, dann zeigt sich was! -- Vor wem lüfte ich denn
so höflich meinen Hut?
Sein Hut ist ihm entrissen. Der Orkan hat den Schnee von den Zweigen
gepeitscht: Reste in der Krone haften und bauen ein menschliches
Gerippe mit grinsenden Kiefern auf. Eine Knochenhand hält den Hut.
Hast du die ganze Zeit hinter mir gesessen und mich belauscht?
Bist du ein Abgesandter der Polizei? Nicht in diesem lächerlich
beschränkten Sinne. Umfassend: Polizei des Daseins? -- Bist du die
erschöpfende Antwort auf meine nachdrückliche Befragung? Willst du
mit deiner einigermaßen reichlich durchlöcherten Existenz andeuten:
das abschließende Ergebnis -- deine Abgebranntheit? -- Das ist etwas
dürftig. Sehr dürftig. Nämlich nichts! -- Ich lehne die Auskunft
als nicht lückenlos ab. Ich danke für die Bedienung. Schließen Sie
Ihren Laden mit alten Knochen. Ich bin nicht der erste beste, der
sich beschwatzen läßt! -- Der Vorgang wäre ja ungeheuer einfach. Sie
entheben der weiteren Verwickelungen. Aber ich schätze Komplikationen
höher. Leben Sie wohl -- wenn Sie das in Ihrer Verfassung können! --
Ich habe noch einiges zu erledigen. Wenn man unterwegs ist, kann man
nicht in jede Haustür eintreten. Auch auf die freundlichste Einladung
nicht. Ich sehe bis zum Abend noch eine ganze Menge Verpflichtungen
vor mir. Sie können unmöglich die erste sein. Vielleicht die letzte.
Aber auch dann nur notgedrungen. Vergnügen macht es mir nicht. Aber,
wie gesagt, notgedrungen -- darüber läßt sich reden. Rufen Sie mich
gegen Mitternacht nochmals an. Wechselnde Telephonnummer beim Amt zu
erfragen! -- Verzeihung, ich rede dich mit Sie an. Wir stehen doch wohl
auf du und du. Die Verwandtschaft bezeugt sich innigst. Ich glaube
sogar, du steckst in mir drin. Also winde dich aus dem Astwerk los,
das dich von allen Seiten durchsticht, und rutsche in mich hinein. Ich
hinterlasse in meiner zweideutigen Lage nicht gern Spuren. Vorher gib
mir meinen Hut wieder!
Er nimmt den Hut vom Ast, den der Sturm ihm jetzt entgegenbiegt --
verbeugt sich.
Ich sehe, wir haben bis zu einem annehmbaren Grade eine Verständigung
erzielt. Das ist ein Anfang, der Vertrauen einflößt und im Wirbel
kommender großartiger Ereignisse den nötigen Rückhalt schafft. Ich weiß
das unbedingt zu würdigen. Mit vorzüglicher Hochachtung -- --
Donner rollt. Ein letzter Windstoß fegt auch das Gebilde aus dem
Baum. Sonne bricht durch. Es ist hell wie zu Anfang.
Ich sagte doch gleich, daß die Erscheinung nur vorübergehend war!
Er drückt den Hut in die Stirn, schlägt den Mantelkragen hoch und
trabt durch den stäubenden Schnee weg.
ZWEITER TEIL
Stube bei Kassierer. Fenster mit abgeblühten Geranien. Zwei Türen
hinten, Tür rechts. Tisch und Stühle. Klavier.
Mutter sitzt am Fenster. Erste Tochter stickt am Tisch. Zweite
Tochter übt die Tannhäuserouvertüre. Frau geht durch die Tür rechts
hinten ein und aus.
MUTTER
Was spielst du jetzt?
ERSTE TOCHTER
Es ist doch die Tannhäuserouvertüre.
MUTTER
Die Weiße Dame ist auch sehr schön.
ERSTE TOCHTER
Die hat sie diese Woche nickt abonniert.
FRAU
kommt.
Es ist Zeit, daß ich die Koteletts brate.
ERSTE TOCHTER
Lange noch nicht, Mutter.
FRAU
Nein, es ist noch nicht Zeit, daß ich die Koteletts brate.
Ab.
MUTTER
Was stickst du jetzt?
ERSTE TOCHTER
Die Langetten.
FRAU
kommt zur Mutter.
Wir haben heute Koteletts.
MUTTER
Bratest du sie jetzt?
FRAU
Es hat noch Zeit. Es ist ja noch nicht Mittag.
ERSTE TOCHTER
Es ist ja noch lange nicht Mittag.
FRAU
Nein, es ist noch lange nicht Mittag.
MUTTER
Wenn er kommt, ist es Mittag.
FRAU
Er kommt noch nicht.
ERSTE TOCHTER
Wenn Vater kommt, ist es Mittag.
FRAU
Ja.
Ab.
ZWEITE TOCHTER
aufhörend, lauschend.
Vater?
ERSTE TOCHTER
ebenso.
Vater?
FRAU
kommt.
Mein Mann?
MUTTER
Mein Sohn?
ZWEITE TOCHTER
öffnet rechts.
Vater!
ERSTE TOCHTER
ist aufgestanden.
Vater!
FRAU
Der Mann!
MUTTER
Der Sohn!
KASSIERER
tritt rechts ein, hängt Hut und Mantel auf.
FRAU
Woher kommst du?
KASSIERER
Vom Friedhof.
MUTTER
Ist jemand plötzlich gestorben?
KASSIERER
klopft ihr auf den Rücken.
Man kann wohl plötzlich sterben, aber nicht plötzlich begraben werden.
FRAU
Woher kommst du?
KASSIERER
Aus dem Grabe. Ich habe meine Stirn durch Schollen gebohrt. Hier hängt
noch Eis. Es hat besondere Anstrengungen gekostet, um durchzukommen.
Ganz besondere Anstrengungen. Ich habe mir die Finger etwas beschmutzt.
Man muß lange Finger machen, um hinauszugreifen. Man liegt tief
gebettet. So ein Leben lang schaufelt mächtig. Berge sind auf einen
getürmt. Schutt, Müll -- es ist ein riesiger Abladeplatz. Die
Gestorbenen liegen ihre drei Meter abgezählt unter der Oberfläche --
die Lebenden verschüttet es immer tiefer.
FRAU
Du bist eingefroren -- oben und unten.
KASSIERER
Aufgetaut! Von Stürmen -- frühlinghaft -- geschüttelt. Es rauschte und
brauste -- ich sage dir, es hieb mir das Fleisch herunter, und mein
Gebein saß nackt. Knochen -- gebleicht in Minuten. Schädelstätte!
Zuletzt schmolz mich die Sonne wieder zusammen. Dermaßen von Grund auf
geschah die Erneuerung. Da habt ihr mich.
MUTTER
Du bist im Freien gewesen?
KASSIERER
In scheußlichen Verliesen, Mutter! Unter abgrundsteilen Türmen bodenlos
verhaftet. Klirrende Ketten betäubten das Gehör. Von Finsternis meine
Augen ausgestochen!
FRAU
Die Bank ist geschlossen. Der Direktor hat mit euch getrunken. Es ist
ein freudiges Ereignis in seiner Familie?
KASSIERER
Er hat eine neue Mätresse auf dem Korn. Italienerin -- Pelz -- Seide
-- wo die Orangen blühen. Handgelenke wie geschliffen. Schwarzhaarig
-- der Teint ist dunkel. Brillanten. Echt -- alles echt. Tos -- Tos --
der Schluß klingt wie Kanaan. Hol' einen Atlas. Tos -- Kanaan. Gibt
es das? Ist es eine Insel? Ein Gebirge? Ein Sumpf? Die Geographie
kann über alles Auskunft geben! Aber er wird sich schneiden. Glatt
abfallen -- abgebürstet werden wie ein Flocken. Da liegt er -- zappelt
auf dem Teppich -- Beine kerzengerade in die Luft -- das kugelfette
Direktorchen!
FRAU
Die Bank hat nicht geschlossen?
KASSIERER
Niemals, Frau. Die Kerker schließen sich niemals. Der Zuzug hat kein
Ende. Die ewige Wallfahrt ist unbegrenzt. Wie Hammelherden hopsen sie
hinein -- in die Fleischbank. Das Gewühl ist dicht. Kein Entrinnen --
oder mit keckem Satz über den Rücken!
MUTTER
Dein Mantel ist auf dem Rücken zerrissen.
KASSIERER
Betrachtet meinen Hut. Ein Landstreicher!
ZWEITE TOCHTER
Das Futter ist zerfetzt.
KASSIERER
Greift in die Taschen -- rechts -- links!
ERSTE TOCHTER
zieht eine Manschette hervor.
ZWEITE TOCHTER
ebenso.
KASSIERER
Befund?
BEIDE TÖCHTER
Deine Manschetten.
KASSIERER
Ohne Knöpfe. Die Knöpfe habe ich hier. Triumph der Kaltblütigkeit! --
-- Paletot -- Hut -- ja, es geht ohne Fetzen nicht ab, wenn man über
die Rücken setzt. Sie fassen nach einem -- sie krallen Nägel ein!
Hürden und Schranken -- Ordnung muß herrschen. Gleichheit für alle.
Aber ein tüchtiger Sprung -- nicht gefackelt -- und du bist aus dem
Pferch -- aus dem Göpelwerk. Ein Gewaltstreich, und hier stehe ich!
Hinter mir nichts -- und vor mir?
Er sieht sich im Zimmer um.
FRAU
starrt ihn an.
MUTTER
halblaut.
Er ist krank.
FRAU
mit raschem Entschluß zur Tür rechts.
KASSIERER
hält sie auf. Zu einer Tochter.
Hol' meine Jacke.
Tochter links hinten hinein, mit verschnürter Samtjacke zurück. Er
zieht sie an.
Meine Pantoffeln.
Die andere Tochter bringt sie.
Mein Käppchen.
Tochter kommt mit gestickter Kappe.
Meine Pfeife.
MUTTER
Du sollst nicht rauchen, wenn du schon --
FRAU
beschwichtigt sie hastig.
-- Soll ich dir anstecken?
KASSIERER
fertig häuslich gekleidet -- nimmt am Tisch eine bequeme Haltung an.
Steck' an.
FRAU
immer sorgenvoll eifrig um ihn bemüht.
Zieht sie?
KASSIERER
mit der Pfeife beschäftigt.
Ich werde sie zur gründlichen Reinigung schicken müssen. Im Rohr sind
wahrscheinlich Ansammlungen von unverbrauchten Tabakresten. Der Zug
ist nicht frei von inneren Widerständen. Ich muß mehr, als eigentlich
notwendig sein sollte, ziehen.
FRAU
Soll ich sie gleich forttragen?
KASSIERER
Nein, geblieben.
Mächtige Rauchwolken ausstoßend.
Annehmbar.
Zur zweiten Tochter.
Spiel'.
ZWEITE TOCHTER
auf das Zeichen der Frau setzt sich ans Klavier und spielt.
KASSIERER
Was ist das für ein Stück?
ZWEITE TOCHTER
atemlos.
Wagner.
KASSIERER
nickt zustimmend. Zur ersten Tochter.
Nähst -- flickst -- stopfst Du?
ERSTE TOCHTER
sich rasch hinsetzend.
Ich sticke Langetten.
KASSIERER
Praktisch. -- Und Mutterchen, Du?
MUTTER
von der allgemeinen Angst angesteckt.
Ich nickte ein bißchen vor mich hin.
KASSIERER
Friedvoll.
MUTTER
Ja, mein Leben ist Frieden geworden.
KASSIERER
zur Frau.
Du?
FRAU
Ich will die Koteletts braten.
KASSIERER
nickt.
Die Küche.
FRAU
Ich brate dir deins jetzt.
KASSIERER
wie vorher.
Die Küche.
FRAU
ab.
KASSIERER
zur ersten Tochter.
Sperre die Türen auf.
ERSTE TOCHTER
stößt die Türen hinten zurück: rechts ist in der Küche die Frau am
Herd beschäftigt, links die Schlafkammer mit den beiden Betten.
FRAU
in der Tür.
Ist dir sehr warm?
Wieder am Herd.
KASSIERER
herumblickend.
Alte Mutter am Fenster. Töchter am Tisch stickend -- Wagner spielend.
Frau die Küche besorgend. Von vier Wänden umbaut -- Familienleben.
Hübsche Gemütlichkeit des Zusammenseins. Mutter -- Sohn -- Kind
versammelt sind. Vertraulicher Zauber. Er spinnt ein. Stube mit Tisch
und Hängelampe. Klavier rechts. Kachelofen. Küche, tägliche Nahrung.
Morgens Kaffee, mittags Koteletts. Schlafkammer -- Betten, hinein
-- hinaus. Vertraulicher Zauber. Zuletzt -- auf dem Rücken -- steif
und weiß. Der Tisch wird hier an die Wand gerückt -- ein gelber Sarg
streckt sich schräg, Beschläge abschraubbar -- um die Lampe etwas Flor
-- ein Jahr wird nicht das Klavier gespielt -- -- --
ZWEITE TOCHTER
hört auf und läuft schluchzend in die Küche.
FRAU
auf der Schwelle, fliegend.
Sie übt noch an dem neuen Stück.
MUTTER
Warum abonniert sie nicht auf die Weiße Dame?
KASSIERER
verlöscht die Pfeife. Er beginnt sich wieder umzukleiden.
FRAU
Gehst du in die Bank? Du hattest einen Geschäftsweg?
KASSIERER
In die Bank -- Geschäftsweg -- nein.
FRAU
Wohin willst du jetzt?
KASSIERER
Schwerste Frage, Frau. Ich bin von wehenden Bäumen niedergeklettert,
um eine Antwort aufzusuchen. Hier sprach ich zuerst vor. Es war doch
selbstverständlich. Es ist ja alles wunderschön -- unstreitbare Vorzüge
verkleinere ich nicht, aber vor letzten Prüfungen besteht es nicht.
Hier liegt es nicht -- damit ist der Weg angezeigt. Ich erhalte ein
klares Nein.
Er hat seinen früheren Anzug vollendet.
FRAU
zerrissen.
Mann, wie entstellt siehst du aus?
KASSIERER
Landstreicher. Ich sagte es ja. Scheltet nicht! Besser ein
verwahrloster Wanderer auf der Straße -- als Straßen leer von Wanderern!
FRAU
Wir essen jetzt zu Mittag.
KASSIERER
Koteletts, ich rieche sie.
MUTTER
Vor dem Mittagessen willst du --?
KASSIERER
Ein voller Magen macht schläfrig.
MUTTER
fuchtelt plötzlich mit den Armen durch die Luft, fällt zurück.
ERSTE TOCHTER
Die Großmutter --
ZWEITE TOCHTER
aus der Küche.
Großmutter --
Beide sinken an ihren Knien nieder.
FRAU
steht steif.
KASSIERER
tritt zum Sessel.
Daran stirbt sie, weil einer einmal vor dem Mittagessen weggeht.
Er betrachtet die Tote.
Schmerz? Trübsal? Tränengüsse, verschwemmend? Sind die Bande so eng
geknüpft -- daß, wenn sie zerrissen, im geballten Leid es sich erfüllt?
Mutter -- Sohn?
Er holt die Scheine aus der Tasche und wägt sie auf der Hand --
schüttelt den Kopf und steckt sie wieder ein.
Keine vollständige Lähmung im Schmerz -- kein Erfülltsein bis in die
Augen. Augen trocken -- Gedanken arbeiten weiter. Ich muß mich eilen,
wenn ich zu gültigen Resultaten vorstoßen will!
Er legt sein abgegriffenes Portemonnaie auf den Tisch.
Sorgt. Es ist ehrlich erworbenes Gehalt. Die Erklärung kann von
Wichtigkeit werden. Sorgt.
Er geht rechts hinaus.
FRAU
steht unbeweglich.
DIREKTOR
durch die offene Tür rechts.
Ist Ihr Mann zu Hause? -- Ist Ihr Mann hierher gekommen? -- Ich habe
Ihnen leider die betrübende Mitteilung zu machen, daß er sich an der
Kasse vergriffen hat. Wir haben seine Verfehlung schon seit einigen
Stunden entdeckt. Es handelt sich um die Summe von sechzigtausend Mark,
die der Bauverein deponierte. Die Anzeige habe ich in der Hoffnung noch
zurückgehalten, daß er sich besinnen würde. -- Dies ist mein letzter
Versuch. Ich bin persönlich gekommen. -- Ihr Mann ist nicht hier
gewesen?
Er sieht sich um, gewahrt Jacke, Pfeife usw., alle offenen Türen.
Dem Anschein nach --
Seine Blicke haften auf der Gruppe am Fenster, nickt.