Ich blickte durch das Wagenfenster und sagte nur: »I bin net aufglegt!«

Da meinte er, ich hätte vielleicht Hunger und schmeichelte: »Hast halt

no nix G'scheits z'essn g'habt, gel! Aber jatz wer'n ma glei g'holfn

habn, wart nur, Weiberl! Jatz tuast amal z'erscht was essn, na trinkst a

paar Glaserl Wei, und na werst sehgn, wia dir da d'Fröhlichkeit und

d'Liab kimmt!«

Ich gab ihm nur ein halblautes »Hm hm« zur Antwort und lehnte mich mit

geschlossenen Augen in meinen Sitz zurück. Der Benno aber glaubte, ich

wollte mich an ihn schmiegen und drückte mich stürmisch an sich.

Da hielt der Wagen. Wir waren bei den Eltern, und der Brettlhupfer stand

schon mit den Kranzljungfern am Wagenschlag.

Beim Aussteigen sah ich, daß es leicht zu schneien begonnen hatte, was

etliche von den vielen Neugierigen, die Spalier standen, zu dem Ausruf

veranlaßte: »So viel Schnee und Regen, so viel Glück und Segen! Natürli,

dö Großkopfatn habn allweil no's meiste Glück aa, an Goldhaufa habn s'

ja a so scho!«

Die Kinder der Nachbarschaft drängten sich um mich und schrien: »Schenkn

S' uns was, Frau Leni! Bitt schö, schenkn S' uns was!«

Da schickte ich eine der Kranzljungfern hinein zum Vater und ließ mir

für drei Mark Zehnerln geben, die ich dann unter die Kleinen verteilte.

Inzwischen war die Festmusik, für die der alte Knoflinger, seines

Zeichens ein Schuhmacher, mit noch sieben Genossen sorgte, vor die Tür

getreten und empfing uns mit dreimaligem Tusch, und unter den festlichen

Klängen des Pariser Einzugsmarsches zogen wir in die Gaststube ein.

Voran ging Meister Knoflinger mit der Geige und hinter ihm sein

fünfzehnjähriger Sohn Eusebius, der die zweite spielte. Ihnen folgten

zwei Flöten und zwei Klarinetten, darauf der weißköpfige Hundshändler

Schniepp mit weithinschallendem Bandoneonspiel, und den Schluß bildete

der alte, bucklige Baßgeigenmichel, ein gewesener Kaminkehrer.

So zogen wir hinein und nahmen an der schön gezierten Tafel Platz. Mit

allen Geladenen waren unser siebenundzwanzig an derselben zum Mahl. Auch

andere Gäste waren so viel erschienen, daß die Stube sie kaum fassen

konnte, und immer kamen noch neue hinzu und wollten Platz haben.

Während des Essens spielte die Musik lauter feierliche, vaterländische

Weisen; doch als der letzte Gang verzehrt war und nur noch einzelne

Tellerchen mit Kuchen auf dem Tische standen, da vertauschten die beiden

Flötisten ihre zarttönenden Instrumente mit ein paar Trompeten, und der

Baßgeigenmichel holte einen blanken Bombardon aus dem schwarzen

Ledersack, und nicht lange darauf ertönte ein zünftiger Landler.

Das war das Zeichen zum Beginn des Tanzes, und als gleich darauf ein

Ziehrerscher Walzer erklang, stand der Hochzeiter auf und tanzte mit mir

ein paarmal auf dem winzigen Flecklein, das ausgeräumt und mit

geschabten Kerzen bestreut worden war. Wir tanzten nicht gut zusammen,

da der Benno in seinen neuen Stiefeln auf dem Wachs immer rutschte und

weil, wie er zu seiner Entschuldigung sagte, ihm die Landler besser ins

Geblüt gingen, wie die schleifenden Walzer.

Indessen kamen immer noch mehr Leute herbei und schon füllte sich die

Schenke und die Küche mit Gästen, worüber die Eltern nicht gar erfreut

waren, da sie sich so kaum umdrehen konnten vor Arbeit. Und als am Abend

die Handwerks- und Geschäftsleute Feierabend hatten, kamen sie auch noch

und wollten dabei sein.

Da bat ich den Vater, er möge auf den Tanzplatz etliche kleine Tische

stellen, daß sich die Gäste setzen könnten; wir hätten nun genug

getanzt. Er war sehr froh darüber, und bald waren auch die drei Tische,

die er nebst fünfzehn Stühlen herbeischaffen ließ, voll besetzt.

Als es nun mit dem Tanzen aus war, begannen alle die, welche Geschenke

gebracht hatten, ihre Reden, Widmungen und Glückwünsche.

Da kam zuerst der Vorstand der Tischgesellschaft Eichenlaub: er sagte

viel schöne Worte und überreichte uns einen großen, gerahmten Stahlstich

»Andreas Hofers letzter Gang«. Darauf folgte eine launige Ansprache des

Vorstandes der Arbeitsscheuen, und er ließ eine reiche Waschgarnitur

hereinbringen. Ich nahm sie dankend in Empfang und wollte sie zu dem

Bild auf das breite Fensterbrett stellen; da sah ich, daß überall, in

der Waschschüssel sowohl als auch im Krug und Nachtgeschirr Spiegel

angebracht waren, was mich in nicht geringe Verlegenheit setzte. Ein

kleines Mägdlein, als Rotkäppchen gekleidet, entriß mich daraus und

sagte sein Verslein mit viel Pathos und lebhafter Bewegung der Arme. Und

zum Schluß reichte es mir sein Körblein, dem der neugierige Hochzeiter

zur großen Belustigung der Anwesenden eine Säuglingsflasche und allerlei

Wickelzeug, mit blauen Bändlein verziert, entnahm. Ganz unten lag ein

silbernes Schepperl mit einem Zettelchen daran: Für unsern Liebling.

Rasch entriß ich ihm die Dinge und warf sie wieder in das Körblein,

während es ringsum launige und anzügliche Bemerkungen regnete.

Da erhob sich ein Bräumeister der Löwenbrauerei, von der die Eltern das

Bier hatten, beglückwünschte uns in einer kurzen, stotternden Ansprache

und überreichte uns im Auftrage der Brauerei einen großen Lederkasten

mit feinem Silberzeug.

Ihm folgten noch viele, und es war schon zehn Uhr, als das Schenken ein

Ende nahm, und die Musiker waren froh, endlich mit ihrem Tusch- und

Hochblasen fertig zu sein, und mit viel Behagen verzehrten sie das

Freimahl, das ihnen gespendet worden.

Mein Schwiegervater hatte ein Schwein und ein Kalb gestiftet, das als

Braten, Suppe und Ragout an die Arbeiter unserer Fabriken sowie an die

Musiker verteilt wurde. Mein Vater schenkte ihnen dazu einen Hektoliter

Bier, und so gab es an diesem Tag viel Lust und Freud und manchen Dank

und warmen Glückwunsch.

Gegen halb elf Uhr wurde ich in die Küche gerufen, und als ich hinaus

kam, stand ein Bruder meines Schwiegervaters, der Jörg Hasler, welcher

eigens zur Hochzeit von Augsburg hergefahren war, da und bedeutete mir,

es sei nun Zeit, daß ich entführt werde. Die Mutter meinte, er solle

mich zu meinem Onkel, der etliche Straßen weiter eine gute Wirtschaft

habe, führen, sie lasse gleich einen Wagen holen.

Fast auf allen bürgerlichen, altbayerischen Hochzeiten herrscht noch die

Sitte des Brautausführens: Der Hochzeiter soll gut achthaben auf seine

Braut. Wird sie ihm dennoch von ihren Freunden entführt, so muß er mit

seinen Freunden sie suchen gehen und zur Strafe für seine Unachtsamkeit

alles bezahlen, was die andern mit der Braut inzwischen verzehrt haben.

Also fuhren wir fort, und meine Verwandten, vor allem der Onkel, hatten

große Freude, als wir kamen. Der Vetter Hasler bestellte sofort

Champagner, und wir waren sehr lustig; denn die Frau Bas spielte recht

gut auf der Zither, während der Onkel sie auf der Gitarre begleitete. Da

nur wenige Gäste in der Wirtsstube waren, gab es viel Platz, und die

Dienstboten räumten Stühle und Tische beiseite, damit wir, wenn man sich

gefunden hätte, gut tanzen könnten. Auch streuten sie Federweiß auf den

Boden und tanzten etliche Male, damit er glatt wurde.

Mit einem Male ertönte draußen auf der Straße lautes Juchzen und Musik,

und herein kam der Bräutigam, die Beiständer, die Kranzljungfern und

viele der Gäste, und es begann nun ein ausgelassenes Treiben, während

der Bräutigam mich mit hellem Juchschrei begrüßte und mit mir tanzte.

Wir blieben noch etwa eine Stunde dort und machten uns dann wieder auf

den Weg zu den Eltern. Der Onkel sperrte seine Wirtschaft zu und

begleitete uns mit allen seinen Leuten und blieb bis zum Morgen auf der

Hochzeit.

Inzwischen waren immer noch mehr Gäste gekommen und der Andrang so groß

geworden, daß die Leute in dem großen Hausgang Tische und Stühle

aufstellten und etliche sogar auf der Stiege sich niederließen. Es war

fürchterlich heiß und ein solcher Lärm im Lokal, daß ich es kaum mehr

aushielt. Ich trank in die Hitze viel Champagner und nickte nur

mechanisch denen zu, die kamen, mich zu begrüßen und zu beglückwünschen.

Dabei ward mir immer elender zumut und mit einem Male drehte sich alles

vor meinen Augen, und ich fiel unter den Stuhl. Man brachte mich hinaus

in den Hof, wo ich alles, was man mir zu Hilfe reichen wollte, von mir

warf: ein Glas mit Magenbitter, eine Tasse voll schwarzen Kaffees und

ein Stück Zucker mit Hofmannstropfen. Dann entledigte ich mich noch

alles dessen, was meinem Magen zu viel schien und verlangte schließlich

unter furchtbarem Weinen ins Bett.

Also führte meine Schwiegermutter mich wieder in die Gaststube und sagte

meinem Gatten, der mit großem Rausch und starker Rührung dasaß und

tränenden Auges auf das horchte, was sein Vater ihm eben mit viel Eifer

erzählte, daß ich nach Hause möchte.

»Ja, Herrgott, i bin ja verheirat!« rief der Benno da aus. »Was, hoam

möcht mei Weiberl? Geh, Muatter, führ's derweil naus in d'Küch, daß ihr

d'Zirngiblmuatta was Warms oziagt. I laß derweil an Wagn holn.«

Ich packte nun meine Hochzeitsgeschenke alle auf einen Haufen zusammen

und deckte etliche Tischtücher darüber. Dann nahm ich alle Blumen, die

man mir am Morgen gegeben hatte und sagte den Verwandten und Bekannten

Dank für ihr Kommen und verabschiedete mich von allen.

Als ich nun gehen wollte, erhob sich ein furchtbarer Lärm, und man

wollte mich mit Gewalt zurückhalten, doch machte ich ein so jämmerliches

Gesicht, daß die Gäste glaubten, ich sei ernstlich krank, und sie ließen

mich ziehen. Mein Gatte war, noch ehe jemand etwas ahnte, fortgegangen

und holte selbst einen Wagen; denn nicht weit von unserer Wirtschaft

pflegten immer etliche Fiaker zu stehen.

Meine Mutter war den ganzen Tag keinen Augenblick zur Ruhe gekommen,

doch schien sie heiter und guter Laune zu sein, und als ich nun Gute

Nacht und Pfüat Gott sagte, erwiderte sie lachend: »So, gehst scho! I

wünsch dir halt an guatn Ei'stand und a g'ruhsame Nacht! Feier dein

goldnen Tag recht schö und laß di bald wieder sehgn!«

Ich dankte ihr nochmals, und auf einmal überkam mich eine große

Sehnsucht nach ihrer Liebe; ich fiel ihr um den Hals, drückte meinen

Kopf an ihre Brust und weinte. Da zog sie langsam meine Arme von ihrem

Hals, schob mich sanft von sich und sagte: »Geh, sei do g'scheit, Leni!

Du machst ja dei ganz Gwand voll Fettn! Jatz brauchst do nimma nach mir

z'jammern, hast do an Mann!«

Die Frau Hasler war gerührt dabei gestanden, als sie aber sah, daß meine

Mutter mich weggeschoben hatte, faßte sie plötzlich meinen Arm, zog mich

an sich und sagte: »Hast scho no a Muatter aa, Leni; und wenn was is,

komm nur zu mir. Dei Muatter hat so allweil so viel z'tuan!«

Meine Mutter merkte den Hieb gar nicht und meinte, zu mir gewendet:

»Sigst, wia's dei Schwiegermuatta guat mit dir moant! Da war manche

froh, wenn s' so oane dawischn tät!«

Derweilen kam der Benno mit dem Wagen, und nach nochmaligem,

umständlichen Abschied von meinen Eltern, besonders von meinem

Stiefvater, der mir noch ein Goldstück zusteckte und mir viel Glück

wünschte, fuhren wir drei fort.

In unserer Wohnung angekommen, gab es sogleich eine kleine

Auseinandersetzung der Frau Hasler mit ihrem Sohn; denn während er alle

Lichter anzündete, die er fand, schürte sie rasch den Ofen des

Wohnzimmers an und begann dann mir den Schleier und Kranz abzunehmen.

Sie war fast damit fertig und ich mittlerweile auf dem Stuhl beinah

eingeschlafen, während sie mit halblauter Stimme mir allerhand

freundliche, gütige Worte sagte, als mein Mann dazukam und rief: »Was

fallt dir denn ei, Muatta! Dös is mei Arbat, mei Frau ausz'ziagn!«

»Schrei net so grob, du Wüaster! Dei alte Muatta werd wohl so viel Ehr

wert sei, daß s' ihrana Schwiegertochter beim Ausziagn helfn derf!«

»Naa, sag i, dös leid i net!« schrie da der Benno und entriß ihr den

Brautkranz, den sie mir eben vom Kopf genommen hatte. »I ziag mei Frau

scho selber aus, und überhaupts hast du jatz nix mehr z'tuan da herobn;

i brauch di nimma!«

Da begann die alte Frau bitter zu weinen über die Grobheit ihres Sohnes

und sank fassungslos auf einen Sessel. Ich empfand tiefes Mitleid mit

ihr und nahm ihren Kopf in meine Hände und sagte: »Sei do stad,

Muatterl! Der Benno moant's net a so; der hat halt heunt an Rausch!«

Aber sie war nicht zu trösten: »Wie werd's dir geh, arms Kind, bei dem

Rüapel!« rief sie aus und sprang dann plötzlich auf und stellte sich mit

funkelnden Augen vor meinen Gatten: »Dös sag i dir; daß d'ma s' schonst,

dei Frau; sonst, bei Gott, is g'fehlt, wannst es machst wia ...!«

Mitten im Satz brach sie ab und trat zur Seite, doch hatte das Ganze

einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, und ich ging nochmals zu ihr hin

und sagte: »Muatterl, reg di net auf! Mach mir mein Rock auf, und

nachher tuast schlaffa geh. I komm morgn früah scho nunter zu dir, gel!«

Dann gab ich ihr noch einen Kuß, und nachdem sie mir das Kleid geöffnet

hatte, ging sie, ohne dem Benno noch eine gute Nacht zu wünschen.

Ich zog mich schnell vollends aus und schlüpfte, während mein Mann

überall herumlief und sich an unserm Eigentum erfreute, ins Bett.

Und ich war schon eingeschlafen, als er kam, und am andern Morgen, als

ich aufstand, war ich nicht mehr das frische, sorglose Mädchen, und der

Spiegel zeigte mir ein müdes, fremdes Gesicht.

So hatte ich denn den ersten Schritt in das Leben getan, das mir noch so

übel geraten sollte.

Den Tag nach der Hochzeit nennt man bei uns gemeiniglich den »goldenen«,

wie überhaupt die erste Zeit der Ehe gar viel belobt und besungen wird.

Ein jedes Mädchen kennt die Flitterwochen und manche Braut träumt von

der Zeit des Honigmonds.

So lebte auch ich in der Erwartung einer goldenen Zeit und hoffte von

einem Tag zum andern auf den Beginn derselben; und als es inzwischen

Weihnachten geworden war, da begann ich mich zu bedenken, warum nicht

auch in meiner Ehe Flitterwochen gewesen waren. Und ich ging zu einer

alten Frau, die für Geld den Leuten ihre Zukunft und ihr Schicksal aus

Karten und Planeten prophezeite; doch als die mir weiter keine Erklärung

gab, als daß ich immer noch im Honigmonde lebe, da wußte ich, daß auch

diese Zeit ganz anders sei, als ich geglaubt; wie denn vieles in meinem

Leben anders kam, als ich es erhofft.

Ich konnte nicht begreifen, warum man diese Wochen als Flitterwochen

besingt; ich sah nichts Herrliches und kein Glück darin, der

nimmersatten Willkür und den schrankenlosen Wünschen des Gatten zu

dienen, jeden Morgen mit umränderten Augen meinen müden Leib zu erheben

und nicht einmal wenigstens die eine Befriedigung zu haben, sich Mutter

zu fühlen.

So erkrankte denn mein Gemüt, und es währte nicht lange, da empfand ich

tiefe Angst vor der Fortsetzung dieser Ehe, und die Zärtlichkeiten

meines Mannes verursachten mir körperlichen Schmerz; dazu litt ich an

quälendem Herzweh und hatte nur noch den einen brennenden Wunsch: ein

Kind.

Dieses Verlangen allein bewog mich immer wieder, zu gehorchen, mich

hinzugeben, zu leiden und zu schweigen.

Nun erst erkannte ich, daß es nicht die rechte Liebe war, die mich mit

Benno verband. Wohl war ich ihm dankbar für das, was mir die erste Zeit

hindurch als Leidenschaft und Liebe erschien. Dazu kam die Hoffnung, daß

bald Stille auf den Sturm eintrete und mit der angenehmen Ruhe der

Gemüter auch das Glück zu mir käme. Auch hatte ich viel religiöses

Empfinden und hielt es mit den Gattenpflichten im Gefühl meiner

erhabenen Berufung zur Mutterschaft genau.

Nun aber drang Zweifel um Zweifel an dieser Berufung auf mich ein, und

ich begann mir einzureden, daß meine Heirat nicht von Gott gewollt und

gesegnet sei. Und ich suchte durch ein frommes Leben den Himmel zu

versöhnen und hielt neuntägige Andachten zur Mutter Gottes und verlobte

mich zu unserer lieben Frau von Birkenstein, wenn sie mir die Gnade

erwirkte, daß ich Mutter würde.

Besonders am Feste Mariä Lichtmeß betete ich mit großer Andacht und

empfing auch die Sakramente in der Meinung, daß Gott mir meinen

Herzenswunsch erfülle.

Mein Vertrauen auf die Hilfe Gottes war um so größer, als ich schon

etliche Tage vor Lichtmeß infolge eines eingetretenen natürlichen

Zustandes nach langem Bitten bei meinem Gatten erreicht hatte, daß er

mir für kurze Zeit die Ruhe und Schonung gewährte, deren ich mich weder

vordem noch nachher jemals erfreuen konnte.

Etliche Wochen später fühlte ich denn auch wirklich allerlei Anzeichen,

die mir Gewißheit darüber boten, daß Gott mir meinen Wunsch erfüllt

habe.

Von diesem Augenblick an begann ich meinen Gatten zu liebkosen und ihm

alles zu gewähren. Ich kochte ihm seine Leibgerichte, fertigte ihm

allerlei Dinge, von denen ich meinte, daß sie ihn freuen würden, und

suchte auf alle Weise ihm unser Heim lieb und wert zu machen.

Er aber hatte es anders im Kopf und wollte nun alle Welt das zu

erwartende Glück sehen und bereden lassen und empfand stets die größte

Freude, wenn in Wirtshäusern und Bräukellern irgend ein Geschäftsfreund

oder Zechkumpan mit schamloser Deutlichkeit auf meinen Zustand hinwies.

Herausfordernd stellte er mich mitten in den Kreis solcher Gesellen und

hatte kein Ohr für meine lauten Bitten und Klagen.

Schon zu Zeiten meiner Kindheit und Jugend war mir das Wirtshauswesen

oft zu einer schier unerträglichen Last geworden; darum war es nicht

verwunderlich, daß ich jetzt, zumal in diesem mir wunderbar und fast

heilig vorkommenden Zustande, viel lieber daheim in der gemütlichen

Stube geblieben wäre, um in Stille und ruhiger Beschaulichkeit die

Ankunft des Kindes vorzubereiten. Nun kam es aber fast täglich zu den

gröbsten Auseinandersetzungen; denn der Benno fand seine größte Freude

und liebste Unterhaltung bei Bier und Wein und wurde darin auch von

seinen Eltern ehrlich unterstützt, die meinten, ein Ehemann müsse unter

allen Umständen der Herr im Haus bleiben, was auch komme.

So war es Pfingsten geworden, und ich begann seit etlichen Tagen auf ein

geheimnisvolles Etwas in mir zu horchen. Oft saß ich ganz still und

hielt den Atem an, um es zu spüren und in innerster Seele zu hören.

Und eines Tages, es war um Johanni, vertraute ich es meinem Gatten an,

indem Tränen der Freude mir in die Augen traten.

Da sprang er auf, riß mich in der Stube herum und rief: »Was sagst,

Weibi, rührn tuat si der Bua scho! Ja, Herrgott, dös muaß aber g'feiert

wer'n! Ziag di o, na führ i di in Löw'nbräukeller! Ja, Herrgott, wer'n

dö schaugn am Stammtisch!«

»Geh, bleib do dahoam, Benno,« meinte ich und fuhr fort: »Schau, dahoam

is so was vui schöner und g'müatlicher z'feiern! I hätt di so gern für

mi alloa ghabt und geh gar net gern furt. Geh, bleib dahoam!«

Aber, wie immer, so kam es auch dieses Mal: erst ging es ans Bitten,

dann ans Streiten, und am End mußte ich, wenn ich nicht einer

Mißhandlung gewärtig sein wollte, zu allem ja sagen, mich ankleiden und

mitgehen.

Am Stammtisch saßen schon die Freunde: etliche Sergeanten des Regiments,

bei dem der Benno gedient hatte, und die er sich durch manchen bezahlten

Rausch wohl gewogen gemacht hatte; ferner ein paar Buchhalter seines

Geschäfts und etliche Leute, von denen man nicht recht wußte, wovon sie

lebten und wessen Geld sie verjubelten.

In diese Gemeinde nun schleppte mich mein Gatte und rief, als wir an den

Tisch getreten waren: »Servus, meine Freund! Heunt leidt's an Rausch,

heunt hat der Bua sein erschten Hupfa g'macht!«

Einer der Sergeanten hatte sich bei unserm Kommen erhoben und war zu uns

getreten. Und während die andern nun in ihrer gewöhnlichen Art die

Anrede meines Mannes belachten, faßte er mich mit der Linken an der

Schulter; mit der Rechten aber fuhr er über meinen Leib und meinte:

»Schau, schau! Schö dick werd's scho, d'Haslerin! Hat's enk denn scho

gar so pressiert, daß im erscht'n Jahr no d'Kindstaaf sei muaß?«

Ich stand wie mit Blut übergossen, und die Stimme versagte mir, dem

frechen Schwätzer zu antworten. Tränen rannen mir über die Wangen, und

ich bat den Benno um die Hausschlüssel, daß ich heim könne, da ich krank

sei.

»So, so, krank is mei g'schmerzte Frau Gemahlin! Bleib nur schö da; dös

werd scho wieder vergeh bei der Musi!«

Und fest drückte er mich auf einen Stuhl und begann dann eifrig zu

schwatzen und zu trinken; und obschon etliche gemeint hatten, sie

wollten mich nachhause bringen, ließ er dies nicht geschehen, sondern

sagte: »Dö soll dableibn! So vui muaß ma aushaltn könna! Was taten denn

andere Weiber, dö wo arbatn müssn ums Tagloh'!«

Erst lange nach Mitternacht kamen wir heim, nachdem mein Mann mich noch

in ein Kaffeehaus und danach zum Wein geführt und auch die andern dazu

eingeladen hatte.

Von da ab unterwarf ich mich seinem Willen, ohne zu bitten, und hoffte,

daß alles ein Ende hätte, wenn erst das Kind geboren wäre.

So kam der Herbst, und meine Zeit rückte immer näher. Meine

Schwiegereltern waren zwar längst nicht mehr lieb zu mir, doch ließen

sie es mir an nichts fehlen und fragten oft nach meinen Wünschen oder

Gelüsten; denn sie hofften auf einen Buben, der dem Geschlecht der

Haslerischen einmal Ehre machen würde.

Da war es einmal, daß ich in ihrer Wohnstube saß und an einem

Kinderhemdlein nähte, während die Mutter eine alte Truhe mit buntem

Kinderzeug durchwühlte und allerlei Jöpplein und Windeln daraus

hervorzog und vor mich hinlegte. Ich aber blickte sehnsüchtig und

verlangend nach dem Schreibtisch, wo eine Anzahl schöner Äpfel in eine

Reihe geordnet lagen; doch getraute ich mir nicht, von der

Schwiegermutter einen zu erbitten, da sie schon dem Benno, als er einen

nehmen wollte, mit strengen Worten sein Tun verwiesen hatte; denn sie

war nicht freigebig.

Je länger ich nun hinsah, desto mehr gelüstete es mich nach einem der

Äpfel, und endlich kam mir ein guter Gedanke. Ich stand auf und ging

hinaus in das Holzlager zum Schwiegervater, der eben einen uralten

Wiegenkorb mit himmelblauer Farbe strich.

»Vater!« rief ich.

»Was isch' denn?« antwortete er, ohne aufzusehen.

»I möcht was!«

»Was willsch' denn?«

»Was Runds.«

»Ja was! Eppe gar 'n Taler?« Und gespannt blickte er von seiner Arbeit

auf mich.

»Naa, Vater, a Kugel is!«

»A Kugel? -- a Kugel? -- Mädla, sell ka i mir it denka! Da muaßt m'r

scho helfa roata!«

Lachend nahm ich ihn bei der Hand und führte ihn hinein und vor den

Schreibtisch.

»Ja da schau her!« rief der Alte jetzt und nahm einen der Apfel, »dias

isch also die Kugel! Na die sollsch' haba!«

Schon wollte er mir den Apfel geben; da fiel ihm die Mutter in den Arm:

»Was, grad von dö schönsten oan!«

Aber ungeachtet dieses Widerspruchs gab er mir ihn doch und meinte: »Laß

dir'n nur guat schmecka! 's isch viel g'scheiter e g'schenkter großer,

als e g'stohlener kloiner! Wia leicht könnt's Kindle 's Stehla lerna

scho im Mutterleib!«

Da gab sich die alte Frau zufrieden, und ich verzehrte den Apfel mit

großem Behagen.

Etliche Tage später kaufte der Haslervater einen Korb voll Trauben und

schenkte sie mir, indem er sagte: »Dia muaßt alle essa, daß d' e saubers

Kindle kriagsch'!«

Der Oktober ging seinem Ende zu, und ich richtete alles her, dessen man

zum Empfang eines Kindleins bedarf, und stellte die gemalte und von der

Haslermutter mit geblumten Vorhängen geschmückte Wiege in die

Schlafstube und rückte die Ehebetten auseinander.

Am Allerheiligentag schon in aller Früh ziehen die Soldaten unter

klingendem Spiel in die Kirche, das Namensfest unseres Regenten zu

feiern, und aus allen Fenstern fahren die Köpfe, und ein jedes freut

sich der Musik.

Als damals in der Früh die Böller krachten und die Soldaten sich

rüsteten zum Fest, da rief ich dem Benno, der noch schlief, aus meinem

Bette zu: »Benno, geh hol ma d' Frau Notacker, i glaab, es werd was.«

Erschreckt fuhr mein Gatte aus dem Bett und in die Hosen; in der Eile

aber brachte er das vordere Teil nach hinten, und ich mußte über den

komischen Anblick trotz meiner Schmerzen herzlich lachen.

Unter vielen Ängsten, und nachdem er alles Erdenkliche angestellt hatte,

seinen Hut verloren und sein Rad im Haus der Hebamme hatte stehen

lassen, brachte er endlich die schon sehnlich Erwartete.

Geschäftig packte sie ihre große Tasche aus, bei welcher Arbeit ich ihr

ängstlich zusah; denn ich konnte es immer noch nicht glauben, daß das

Kind ohne jede Beihilfe von Messer oder Schere, ohne Leibaufschneiden

hervorkommen könne.

Nachdem sie ihre Sachen geordnet und mein Bett zurechtgemacht hatte,

sagte sie: »So, Herr Hasler, jatz lassn S' an etlichs Paar Bratwürscht

holn und a Flaschn Rotwei; d'Frau Hasler braucht a Kraft!«

Eilig lief der Benno, das Befohlene zu holen, und inzwischen kamen die

Haslerischen und fragten, wie weit es noch wäre.

»A paar Stund no,« erwiderte die Hebamme und fügte lachend bei: »Was

leidt's denn, wenn i an Bubn hol?«

»Sell kriagn ma na scho, Frauli!« antwortete der Vater, und die Mutter

meinte: »D'Hauptsach is, daß alls guat geht, ebbas werd's scho sei!«

Um Mittag bemächtigte sich meiner eine große Unruhe, so daß ich aufstand

und mich etwas ankleidete. Dann ging ich ans Fenster und sah hinab auf

die vielen Menschen, die zur Parade gingen. Deutlich hörte ich das

Wirbeln der Trommeln und hoffte, das Militär bei uns vorbeiziehen zu

sehen, weshalb ich das Fenster öffnete, während mein Gatte sich lebhaft

mit der Frau Notacker unterhielt.

Da fühlte ich plötzlich ein starkes Anstemmen des Kindes, und zugleich

hatte ich das Gefühl, als müsse ich zerspringen.

»Frau Notacker, i moan, jatz ...« mehr brachte ich nicht mehr heraus.

Drunten zog die Regimentsmusik vorbei mit Pauken und Trompeten, und

Kinder jubelten und pfiffen; da mischte sich ein kreischendes Stimmlein

in die Klänge des Militärmarsches -- ich hatte einen Buben.

Nun herrschte Lust und Freud im Hause und ward die Taufe mit großem Pomp

gefeiert und gab man dem Buben nach seinem Großvater die Namen Johannes

Magnus.

* * * * *

Ich eile nun, zum Ende zu kommen; denn die letzten meiner Erinnerungen

sind so traurig und peinlich, daß es der Leser mir nicht übel vermerken

möge, wenn ich gewisse Zeitpunkte überspringe und in gedrängter Form die

letzten Schicksale erzähle.

Diese Ehe war so unglücklich, daß ich noch jetzt mich bedenke, ob nicht

wirklich der Fluch, den meine Mutter mir am Hochzeitsmorgen zum Geleit

mitgab, mit also furchtbarer Macht seine Wirkung während meiner ganzen

Ehe übte, und ob nicht doch jene Klosterfrau, als sie mich warnte,

wieder in die Welt zurückzukehren, von Gott begnadet war, das Schicksal

vorauszusehen, welches mich heraußen erwartete.

Und, seltsam, gerade einige Tage nach der Geburt meines ersten Kindes

traf ein Brief von ihr ein, in dem sie mir die Versicherung gab, meiner

niemals im Gebete zu vergessen, und mich ermahnte, auch im tiefsten Leid

und Unglück nicht zu verzagen, denn Gottes Hand möchte vielleicht mich

strafen, daß ich damals nicht mein Leben ihm geopfert.

Später einmal, als ich ihr die Geburt eines Mädchens berichtete, bat sie

mich, es recht gut zu erziehen; denn, meinte sie, vielleicht bringt es

einmal dem Herrn das Opfer, das ich ihm ehemals verweigert.

* * * * *

Ich war in den letzten Wochen vor der Niederkunft im Gesicht recht alt

und fleckig geworden und mußte daher manches bittere Wort vom Benno

hören. Nun aber blühte ich sichtbar auf, und schon nach drei Wochen war

ich wieder so verjüngt, daß mein Gatte aufs neue in heftiger

Leidenschaft entbrannte und allen Vorstellungen zum Trotz mit Gewalt

jene Schranke niedertrat, die eine weise Natur einer jeglichen Mutter,

sogar den Tieren aufrichtet. Vergeblich wies ich ihm den Kleinen, wenn

er sich an meiner Brust sättigte und flehte: »Geh, nimm do dein' Buam

net sei Nahrung! Laß mi do in Fried! Schau, i bin no krank!«

Aber seine Sinne begehrten, und da mußte der Verstand schweigen. So kam

es, daß ich nach wenig Monaten aufs neue Mutterhoffnungen fühlte.

Bald begann ich zu kränkeln, und mit der Gesundheit schwand mein guter

Humor, und ich wurde zur gealterten Frau, die vom Leben nichts mehr

hofft.

Unsere Häuslichkeit bot weder Frieden noch Behagen; der Benno sah wohl,

was er getan, hatte aber doch kein Einsehen. Am Tage gab es Streit, und

am Abend suchte er alles Trübe und Mißliche in Leidenschaft zu

ersticken.

Meine Schwiegereltern beklagten sich bitter über diese Zustände und

schoben die Schuld auf meine Nachgiebigkeit und meinen Leichtsinn. Darob

ward ich recht erbittert und mied sie von nun an.

Meine Eltern hatten schon bald nach meiner Heirat sich mit den

Haslerischen verfeindet, und ich durfte deshalb längst nicht mehr zu

ihnen gehen, wenn ich nicht eines Auftritts mit Benno gewärtig sein

wollte. Nun aber war das Verlangen nach der Mutter so stark in mir, daß

ich alles vergaß und mich aufmachte und zu ihr ging.

Als ich sie in der Küche begrüßte, fragte sie nach kurzem »'ß Gott«, was

ich wolle. Da berichtete ich ihr schluchzend mein Unglück und bat sie um

Trost.

»So, war i jatz guat gnua zum trösten! Dös g'schieht dir grad recht,

wenn's dir schlecht geht; du hättst es aushaltn könna dahoam! Was geht

mi dei Elend o! Geh zu dö Haslerischen, dös san jatz deine Leut! Mach

nur, daß d' ma weiter kommst!«

Da sagte ich nichts mehr und ging, und begab mich zu fremden Leuten,

ihnen mein Leid zu klagen. Wie wohl taten mir da die Worte des Beileids

und des Trostes, obgleich ich wußte, daß sie nicht von Herzen kamen, und

ich nachher in allen Milch- und Kramerläden durchgehechelt und

ausgerichtet wurde.

Mein Gatte hatte sich in der letzten Zeit immer mehr dem Trunk ergeben

und kam oft nächtelang nicht nach Hause, um dann bei dem geringsten

Anlaß zu wüten und mich zu mißhandeln.

Um Weihnachten dieses Jahres fühlte ich, daß meine Stunde da sei, und

ging daher zu meiner Schwiegermutter und bat sie, den Buben, der schon

seit Wochen an schwerem Keuchhusten krank lag, etliche Tage in Pflege zu

nehmen. Sie versprach es gerne und war auch sonst freundlich, wofür ich

ihr von Herzen dankte.

Am ersten Weihnachtstag kam ein junger, verlebt aussehender Mensch und

begehrte den Benno. Ich rief ihn hinaus, und er erkannte in dem Fremden

einen Schulkameraden und Freund, der inzwischen in Hamburg Kaffeehändler

und ein reicher Mann geworden war. Hocherfreut lud er ihn ein, und

nachdem er mir noch befohlen, ein festliches Essen zu bereiten, ging er

mit dem Besuch zum Frühschoppen.

Ich hatte zum Glück allerlei Vorrat und richtete ein gutes Mahl.

Schon während des Kochens hatten leichte Wehen mir das Nahen meiner

Stunde angezeigt; nun aber wurden sie stärker, und ich begann mich recht

zu ängstigen, da es schon zwei Uhr war und mein Mann mit dem Besuch noch

immer nicht kam. Ich lief zu einer Nachbarin und bat, sie möge mir die

Frau Notacker holen. Bis diese kam, richtete ich die Schlafstube und

wollte den Buben zu seiner Großmutter tragen, doch schlief er, und ich

ließ ihn liegen.

Gegen fünf Uhr erschien die Hebamme und meinte, es sei noch zu früh; vor

dem nächsten Tag könne man nicht auf das Kind rechnen. Sie ging also

wieder mit dem Bemerken, sie sehe gegen neun Uhr abends noch einmal

vorbei.

Kurz nach sechs Uhr kam der Benno allein heim und verlangte sogleich mit

groben Worten zu essen. Ich machte ihm Vorwürfe, daß er mich umsonst mit

dem Kochen noch so geplagt hätte, und daß meine Zeit da sei und ich

niemand hätte, der mir beistehe. Mit rohen Schimpfworten verbat er sich

mein Gejammer und verlangte Wein, obschon er stark betrunken war. Ich

gab ihm eine Flasche; denn ich fürchtete ihn sehr in solchen

Rauschzuständen. Dann ging ich in die Schlafstube, wo der Kleine eben

wieder zu husten begann. Ich hob ihn auf und wickelte ihn frisch ein,

wobei mein Körper von heftigen Wehen erschüttert wurde. Da bekam der

arme Bub einen der furchtbaren Anfälle, und ich glaubte, er müsse

ersticken; doch ging es vorüber, und ermattet lag er nun in meinem Arm.

Ich bettete ihn wieder in die Wiege und ging hinaus zum Benno, ihm über

das Kind zu berichten. Er hörte teilnahmslos zu und sagte dann kurz: »I

geh auf d'Nacht no furt!«

Ich erwiderte nichts und wollte den Tisch abräumen, während er ein

Päcklein unzüchtiger Photographien aus der Tasche zog und betrachtete.

Plötzlich suchte er mich in erwachendem Begehren zu sich auf das Sofa zu

ziehen. Unsanft stieß ich ihn von mir weg und verwies ihm seine

Unvernunft.

In dem Augenblick hörte ich meinen Buben weinen und ging zu ihm an die

Wiege und beugte mich über das Bettlein, ihn mit leisen Worten zu

beruhigen.

Da fühle ich plötzlich von rückwärts wie eine eiserne Klammer einen Arm

um meinen Leib und fühle, wie der Benno mich fest in das Bettlein drückt

und sein Eherecht ausübt. Verzweifelt suche ich mich seiner zu erwehren,

und es gelingt mir wirklich für den Augenblick. Da packt ihn eine

rasende Wut, und unter den gröbsten Schmähungen zerrt er mich an den

Haaren herum, wirft mich zu Boden, tritt sein eigen Fleisch und Blut mit

Füßen und versucht, mich zu erwürgen.

Auf mein lautes Hilfegeschrei stürzen Leute aus den Nachbarswohnungen

herbei, man sprengt die Tür, und alle fallen über den sich wie besessen

Gebärdenden her.

Auch sein Vater kam, und es geschah nun etwas, was mich noch heute

erstaunt: Der alte Hasler faßte seinen Sohn vor all den Nachbarn am

Genick, setzte ihn auf einen Stuhl, gab ihm ein paar tüchtige Ohrfeigen

und stieß ihn sodann mit großer Gewalt zur Tür hinaus. Dies alles tat er

ohne ein Wort; dann aber kehrte er sich an die Anwesenden und fragte

grollend: »Hat no wer was verlora da herinne?« worauf sie alle

verschwanden.

Nun trat er zu mir; ich lehnte erschöpft an meinem Bett und bat um die

Hebamme. Ohne ein Wort ging er, und schon nach einer halben Stunde

brachte er sie mit.

In derselben Nacht gebar ich ein Mädchen und lag danach an die sechs

Wochen im Kindbettfieber.

Seit diesem Vorfall mußte sich mein Mann sein eheliches Recht stets

erzwingen; denn ich hatte alle Zuneigung zu ihm verloren und fürchtete

ihn sehr. Trotzdem wurde ich noch viermal Mutter während dieser Ehe.

* * * * *

Bald nach dem dritten Kinde begannen auch Wohlstand und Glück von uns zu

weichen. Mein Mann hatte durch seine Trunksucht alles das eingebüßt, was

man sonst an ihm schätzte; auch ließ er sich in seiner Stellung allerlei

zuschulden kommen und wurde schließlich entlassen. Seine Eltern waren

darüber so erbittert, daß sie uns aus dem Haus jagten.

Wir zogen also um, und der Benno übernahm selber ein Geschäft. Es ging

uns auch etliche Zeit wieder gut, und ich hatte Hoffnung, daß alles

wieder recht würde, obschon ich nun dauernd kränkelte, da die Geburten

meines vierten und fünften Kindes Totgeburten und sehr schwer gewesen

waren.

Nun war das sechste Kind auf dem Wege, und kurz vor Weihnachten kam ich

in die Wochen.

Mein Mann hatte um diese Zeit aufs neue ein wüstes Leben begonnen und

saß oft Tag und Nacht im Weinhaus. Kam er dann nach Hause, prügelte er

mich und die Kinder und zerschlug alles, was ihm gerade in die Hände

kam.

Am Tage nach der Geburt dieses Kindes kam gegen Abend ein Freund meines

Gatten und hatte mit ihm eine Unterredung, die sehr erregt schien; denn

der Besuch ging nach kurzem Wortwechsel ohne Gruß, und der Benno schlug

krachend hinter ihm die Türe zu. Ich rief ihn zu mir in die Schlafstube,

doch kam er nicht und ging bald darauf fort, ohne sich von mir zu

verabschieden.

Zwei Tage und eine Nacht blieb er weg und kam erst am heiligen Abend

gegen neun Uhr heim. Ich erschrak heftig bei seinem Anblick; seine

Kleider waren zerrissen und beschmutzt, sein Gesicht aufgedunsen und

verzerrt, die Haare hingen ihm wirr um den Kopf, und die stieren,

blutunterlaufenen Augen blickten gierig und lüstern nach mir.

Ich saß wie versteinert aufrecht in meinem Bett, als er mit dem

zärtlichen Gruß zu mir trat: »Servus, Weibi; du bist aber sauber! Geh,

laß mi eini zu dir!«

Bittend hob ich die Hände und sagte: »Was hast denn, Benno; woaßt denn

net, daß ma r a kloans Deanderl kriagt ham! Jatz konnst do net zu mir!

Gel, Benno, du verstehst mi scho!«

Aber er verstand mich nicht mehr. Rasch riß er seine Kleider ab und

wollte zu mir, indem er mir alle erdenklichen Genüsse versprach.

Flehend setzte ich ihm nochmals die Unvernunft seines Begehrens

auseinander, doch vergebens. Er fiel über mich her, und ich mußte alle

Kraft daran setzen, mich seiner zu erwehren. Endlich gelang es mir, aus

dem Bett zu entkommen, und eilig schlüpfte ich in meinen Unterrock und

lief aus dem Zimmer.

Da höre ich plötzlich meine Kinder aufkreischen. Ich eile in ihre

Schlafstube und sehe nun, wie der Benno mit gezücktem Stilet drinnen

herumtanzt und nach der Melodie des Schäfflertanzes vor sich hinsingt:

»Hi müaßt's sei! Daschtecha tua r i enk! Alle müaßt's heunt hi sei!«

Er sieht mich gar nicht, wie ich die Kinder aus ihren Bettlein reiße und

das Kleinste aus der Wiege; tanzend zertrümmert er alles, was im Zimmer

ist und singt dazu.

Also flüchteten wir uns barfuß und fast unbekleidet hinaus in den

Schnee, und weinend hingen sich die Kinder an mich. Zitternd wankte ich

vorwärts, und das Blut rann mir gleich einem Bächlein über die Füße und

zeigte die Spur meiner Schritte.

Freundliche Nachbarn nahmen uns auf und veranlaßten auf der

Polizeiwache, daß man den Wütenden bändigte und nach der psychiatrischen

Klinik verbrachte.

Ein schweres Fieber folgte auf diese Nacht, und ich kämpfte lange mit

dem Tod.

Als ich mich wieder besser fühlte, nahm ich mit vielem Dank Abschied von

den guten Leuten und begab mich wieder in meine Wohnung. Hier erwartete

mich neuer Schreck: die Möbel waren alle mit dem Siegel des Gerichtes

versehen und gepfändet. Etliche Briefe, die ich im Kasten fand, klärten

mich auf. Der Benno hatte, ohne daß ich es wußte, sein volles Vermögen

und dazu mein ganzes Heiratsgut einem Freund, der Baumeister war,

geliehen, und dieser war bankerott geworden. Er hatte anscheinend schon

davon gewußt und war vielleicht auch durch den Verlust dieser

fünfzigtausend Mark um seinen Verstand gekommen. Nun hatten unsere

Lieferanten und auch der Hausherr zu Neujahr keine Bezahlung mehr

erlangt, weshalb sie, da sie auch keine Antwort auf ihre Mahnungen

erhielten, endlich zur Pfändung schritten. Die Hausverwalterin hatte die

Schlüssel meiner Wohnung an jenem Abend von einem Schutzmann erhalten

und öffnete, als der Gerichtsvollzieher kam.

Nur weniges verblieb mir; zum Glück hatte man mir einen kleinen Schrank

mit Kinderwäsche gelassen, in dem auch meine Schmucksachen verwahrt

lagen. Nun konnte ich wenigstens so viel Geld dafür bekommen, daß ich

die Kinder bei fremden Leuten in Pflege zu geben und mir ein kleines

Stüblein zu halten vermochte. Das Ringlein meines Vaters aber opferte

ich im Herzogspital der Mutter Gottes.

Dies war in der Zeit des Faschings; auch der Schäfflertanz traf auf

dieses Jahr und füllte die Taschen der Tänzer.

Um diese Zeit ging ich zu meiner Mutter und klagte ihr meine große Not

und bat sie um einiges Geld, damit ich mir etliche Möbelstücke wieder

auslösen könnte; denn der Hausherr hatte sich Verschiedenes behalten,

indem er mir versprach, er wolle mir das gegen Bezahlung meiner

Zinsschuld von sechzig Mark wiedergeben.

Wortlos hörte die Mutter mir zu. Als ich geendet, sagte sie: »I kann dir

net helfa! I hab selber no Schuldn beim Bräu. Geh zu dö Haslerischen, dö

san reicher wia i. Übrigens freuts mi, daß si mei Wunsch erfüllt hat;

recht schlecht soll's dir geh, weil's du's net aushalten hast könna

dahoam!«

Dann rief sie den Vater aus der Schenke und sagte: »Gel Josef, mir

können ihr nix gebn, weil ma selber nix habn wia Schuldn!« worauf der

Vater sich erst räusperte, dann halblaut wiederholte: »Naa, nix könna ma

toa, mir habn selber Schuldn!«

Traurig ging ich nun zu meinen Schwiegereltern. Diese versprachen mir,

für den Buben zu sorgen. Mehr konnten auch sie nicht helfen, da sie, wie

ich jetzt erst erfuhr, dem Benno während des letzten Jahres etliche

tausend Mark gegeben hatten, die er, ohne mir davon zu sagen, vertan

hatte.

Also begann ich am andern Tag mir Arbeit zu suchen. Ich las auch die

Zeitung; da fiel mein Blick auf eine Notiz über den Schäfflertanz, und

ich entnahm ihr, daß derselbe am 20. Februar auch vor dem Hause des

Gastwirts Zirngibl aufgeführt würde.

Trotz der großen Bitterkeit, die in mir aufstieg, als ich an die Kosten

eines solchen Tanzes, die zum mindesten an die hundert Mark betragen,

dachte, konnte ich es doch nicht unterlassen, mich andern Tags unter die

Menge der Zuschauer zu mischen.

Da sah ich, wie sie alle, der Vater, die Mutter, die Stiefbrüder und

auch das Gesinde, an den Fenstern standen und mit vergnügten Mienen und

strahlendem Lächeln für die Hochrufe dankten und die Mutter eine Hand

voll Silberstücke in die Mütze des Meisters warf, während sie den Tag

vorher ihr Kind hungern sah, ohne zu helfen.

Ich suchte also Arbeit und fand auch solche; doch nicht lange dauerte

es, da konnte mein geschwächter Körper dieselbe nicht mehr leisten, da

ich, um den Kindern das ihre geben zu können, oft hungern mußte. Am End

war ich erschöpft und mußte meine Stellung aufgeben.

Nach kurzer Zeit war auch der Rest meines Geldes verbraucht; und da ich

das Kostgeld für meine Kinder nicht mehr aufbringen konnte, setzte man

sie mir eines Tages im Winter vor die Tür.

Da fand sich ein Baumeister, der mir in seinem Neubau umsonst Wohnung

bot.

Ich band meine Habe samt den Kindern auf einen Karren und zog dahin. Ein

alter, brotloser Mann, dem ich früher Gutes getan hatte, half mir dabei.

Das Haus war noch ganz neu, und das Wasser lief an den Wänden herab; wir

schliefen auf dem Boden und bedeckten uns mit alten Tüchern und krochen

zusammen, damit wir nicht gar zu sehr froren.

Einige leichtere Schreibarbeiten schützten uns vor dem Verhungern,

wenngleich unser tägliches Mahl in nichts weiter bestand, als in einem

Liter abgerahmter Milch und einem Suppenwürfel, aus dem ich nebst einem

Ei und etwas Brot eine Suppe für die Kinder bereitete. Ich selber aß

fast nichts mehr und war so elend und krank, daß ich mehr kroch als

ging.

Eines Tages erfuhren wir, daß mein Gatte in der Kreisirrenanstalt

untergebracht worden sei, da eine Geisteskrankheit ihm dauernd das Licht

des Verstandes genommen hatte.

Nach einem Monate solch jammervollen Lebens war auch die Gesundheit

meiner Kinder dahin. Hustend und weinend hingen sie an mir, während

Fieberschauer mich schüttelten.

Oft war die Versuchung in mir aufgestiegen, dem Leben ein Ende zu

machen; oft hatte ich am Abend den Hahn der Gasleitung zwischen den

Fingern; doch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ließ mich das nicht

vollbringen, was die Verzweiflung mir eingab.

Mitleidige Menschen machten endlich den Armenrat des Bezirks auf mein

Elend aufmerksam, worauf die Gemeinde für uns sorgte, indem sie die

Kinder einer Anstalt übergab, während ich im Krankenhaus Erlösung aus

aller Trübsal erhoffte.

Doch das Leben hielt mich fest und suchte mir zu zeigen, daß ich nicht

das sei, wofür ich mich so oft gehalten, eine Überflüssige.

Erinnerungen einer Überflüssigen · 第 14 / 17 题