Da meinte er, ich hätte vielleicht Hunger und schmeichelte: »Hast halt
no nix G'scheits z'essn g'habt, gel! Aber jatz wer'n ma glei g'holfn
habn, wart nur, Weiberl! Jatz tuast amal z'erscht was essn, na trinkst a
paar Glaserl Wei, und na werst sehgn, wia dir da d'Fröhlichkeit und
d'Liab kimmt!«
Ich gab ihm nur ein halblautes »Hm hm« zur Antwort und lehnte mich mit
geschlossenen Augen in meinen Sitz zurück. Der Benno aber glaubte, ich
wollte mich an ihn schmiegen und drückte mich stürmisch an sich.
Da hielt der Wagen. Wir waren bei den Eltern, und der Brettlhupfer stand
schon mit den Kranzljungfern am Wagenschlag.
Beim Aussteigen sah ich, daß es leicht zu schneien begonnen hatte, was
etliche von den vielen Neugierigen, die Spalier standen, zu dem Ausruf
veranlaßte: »So viel Schnee und Regen, so viel Glück und Segen! Natürli,
dö Großkopfatn habn allweil no's meiste Glück aa, an Goldhaufa habn s'
ja a so scho!«
Die Kinder der Nachbarschaft drängten sich um mich und schrien: »Schenkn
S' uns was, Frau Leni! Bitt schö, schenkn S' uns was!«
Da schickte ich eine der Kranzljungfern hinein zum Vater und ließ mir
für drei Mark Zehnerln geben, die ich dann unter die Kleinen verteilte.
Inzwischen war die Festmusik, für die der alte Knoflinger, seines
Zeichens ein Schuhmacher, mit noch sieben Genossen sorgte, vor die Tür
getreten und empfing uns mit dreimaligem Tusch, und unter den festlichen
Klängen des Pariser Einzugsmarsches zogen wir in die Gaststube ein.
Voran ging Meister Knoflinger mit der Geige und hinter ihm sein
fünfzehnjähriger Sohn Eusebius, der die zweite spielte. Ihnen folgten
zwei Flöten und zwei Klarinetten, darauf der weißköpfige Hundshändler
Schniepp mit weithinschallendem Bandoneonspiel, und den Schluß bildete
der alte, bucklige Baßgeigenmichel, ein gewesener Kaminkehrer.
So zogen wir hinein und nahmen an der schön gezierten Tafel Platz. Mit
allen Geladenen waren unser siebenundzwanzig an derselben zum Mahl. Auch
andere Gäste waren so viel erschienen, daß die Stube sie kaum fassen
konnte, und immer kamen noch neue hinzu und wollten Platz haben.
Während des Essens spielte die Musik lauter feierliche, vaterländische
Weisen; doch als der letzte Gang verzehrt war und nur noch einzelne
Tellerchen mit Kuchen auf dem Tische standen, da vertauschten die beiden
Flötisten ihre zarttönenden Instrumente mit ein paar Trompeten, und der
Baßgeigenmichel holte einen blanken Bombardon aus dem schwarzen
Ledersack, und nicht lange darauf ertönte ein zünftiger Landler.
Das war das Zeichen zum Beginn des Tanzes, und als gleich darauf ein
Ziehrerscher Walzer erklang, stand der Hochzeiter auf und tanzte mit mir
ein paarmal auf dem winzigen Flecklein, das ausgeräumt und mit
geschabten Kerzen bestreut worden war. Wir tanzten nicht gut zusammen,
da der Benno in seinen neuen Stiefeln auf dem Wachs immer rutschte und
weil, wie er zu seiner Entschuldigung sagte, ihm die Landler besser ins
Geblüt gingen, wie die schleifenden Walzer.
Indessen kamen immer noch mehr Leute herbei und schon füllte sich die
Schenke und die Küche mit Gästen, worüber die Eltern nicht gar erfreut
waren, da sie sich so kaum umdrehen konnten vor Arbeit. Und als am Abend
die Handwerks- und Geschäftsleute Feierabend hatten, kamen sie auch noch
und wollten dabei sein.
Da bat ich den Vater, er möge auf den Tanzplatz etliche kleine Tische
stellen, daß sich die Gäste setzen könnten; wir hätten nun genug
getanzt. Er war sehr froh darüber, und bald waren auch die drei Tische,
die er nebst fünfzehn Stühlen herbeischaffen ließ, voll besetzt.
Als es nun mit dem Tanzen aus war, begannen alle die, welche Geschenke
gebracht hatten, ihre Reden, Widmungen und Glückwünsche.
Da kam zuerst der Vorstand der Tischgesellschaft Eichenlaub: er sagte
viel schöne Worte und überreichte uns einen großen, gerahmten Stahlstich
»Andreas Hofers letzter Gang«. Darauf folgte eine launige Ansprache des
Vorstandes der Arbeitsscheuen, und er ließ eine reiche Waschgarnitur
hereinbringen. Ich nahm sie dankend in Empfang und wollte sie zu dem
Bild auf das breite Fensterbrett stellen; da sah ich, daß überall, in
der Waschschüssel sowohl als auch im Krug und Nachtgeschirr Spiegel
angebracht waren, was mich in nicht geringe Verlegenheit setzte. Ein
kleines Mägdlein, als Rotkäppchen gekleidet, entriß mich daraus und
sagte sein Verslein mit viel Pathos und lebhafter Bewegung der Arme. Und
zum Schluß reichte es mir sein Körblein, dem der neugierige Hochzeiter
zur großen Belustigung der Anwesenden eine Säuglingsflasche und allerlei
Wickelzeug, mit blauen Bändlein verziert, entnahm. Ganz unten lag ein
silbernes Schepperl mit einem Zettelchen daran: Für unsern Liebling.
Rasch entriß ich ihm die Dinge und warf sie wieder in das Körblein,
während es ringsum launige und anzügliche Bemerkungen regnete.
Da erhob sich ein Bräumeister der Löwenbrauerei, von der die Eltern das
Bier hatten, beglückwünschte uns in einer kurzen, stotternden Ansprache
und überreichte uns im Auftrage der Brauerei einen großen Lederkasten
mit feinem Silberzeug.
Ihm folgten noch viele, und es war schon zehn Uhr, als das Schenken ein
Ende nahm, und die Musiker waren froh, endlich mit ihrem Tusch- und
Hochblasen fertig zu sein, und mit viel Behagen verzehrten sie das
Freimahl, das ihnen gespendet worden.
Mein Schwiegervater hatte ein Schwein und ein Kalb gestiftet, das als
Braten, Suppe und Ragout an die Arbeiter unserer Fabriken sowie an die
Musiker verteilt wurde. Mein Vater schenkte ihnen dazu einen Hektoliter
Bier, und so gab es an diesem Tag viel Lust und Freud und manchen Dank
und warmen Glückwunsch.
Gegen halb elf Uhr wurde ich in die Küche gerufen, und als ich hinaus
kam, stand ein Bruder meines Schwiegervaters, der Jörg Hasler, welcher
eigens zur Hochzeit von Augsburg hergefahren war, da und bedeutete mir,
es sei nun Zeit, daß ich entführt werde. Die Mutter meinte, er solle
mich zu meinem Onkel, der etliche Straßen weiter eine gute Wirtschaft
habe, führen, sie lasse gleich einen Wagen holen.
Fast auf allen bürgerlichen, altbayerischen Hochzeiten herrscht noch die
Sitte des Brautausführens: Der Hochzeiter soll gut achthaben auf seine
Braut. Wird sie ihm dennoch von ihren Freunden entführt, so muß er mit
seinen Freunden sie suchen gehen und zur Strafe für seine Unachtsamkeit
alles bezahlen, was die andern mit der Braut inzwischen verzehrt haben.
Also fuhren wir fort, und meine Verwandten, vor allem der Onkel, hatten
große Freude, als wir kamen. Der Vetter Hasler bestellte sofort
Champagner, und wir waren sehr lustig; denn die Frau Bas spielte recht
gut auf der Zither, während der Onkel sie auf der Gitarre begleitete. Da
nur wenige Gäste in der Wirtsstube waren, gab es viel Platz, und die
Dienstboten räumten Stühle und Tische beiseite, damit wir, wenn man sich
gefunden hätte, gut tanzen könnten. Auch streuten sie Federweiß auf den
Boden und tanzten etliche Male, damit er glatt wurde.
Mit einem Male ertönte draußen auf der Straße lautes Juchzen und Musik,
und herein kam der Bräutigam, die Beiständer, die Kranzljungfern und
viele der Gäste, und es begann nun ein ausgelassenes Treiben, während
der Bräutigam mich mit hellem Juchschrei begrüßte und mit mir tanzte.
Wir blieben noch etwa eine Stunde dort und machten uns dann wieder auf
den Weg zu den Eltern. Der Onkel sperrte seine Wirtschaft zu und
begleitete uns mit allen seinen Leuten und blieb bis zum Morgen auf der
Hochzeit.
Inzwischen waren immer noch mehr Gäste gekommen und der Andrang so groß
geworden, daß die Leute in dem großen Hausgang Tische und Stühle
aufstellten und etliche sogar auf der Stiege sich niederließen. Es war
fürchterlich heiß und ein solcher Lärm im Lokal, daß ich es kaum mehr
aushielt. Ich trank in die Hitze viel Champagner und nickte nur
mechanisch denen zu, die kamen, mich zu begrüßen und zu beglückwünschen.
Dabei ward mir immer elender zumut und mit einem Male drehte sich alles
vor meinen Augen, und ich fiel unter den Stuhl. Man brachte mich hinaus
in den Hof, wo ich alles, was man mir zu Hilfe reichen wollte, von mir
warf: ein Glas mit Magenbitter, eine Tasse voll schwarzen Kaffees und
ein Stück Zucker mit Hofmannstropfen. Dann entledigte ich mich noch
alles dessen, was meinem Magen zu viel schien und verlangte schließlich
unter furchtbarem Weinen ins Bett.
Also führte meine Schwiegermutter mich wieder in die Gaststube und sagte
meinem Gatten, der mit großem Rausch und starker Rührung dasaß und
tränenden Auges auf das horchte, was sein Vater ihm eben mit viel Eifer
erzählte, daß ich nach Hause möchte.
»Ja, Herrgott, i bin ja verheirat!« rief der Benno da aus. »Was, hoam
möcht mei Weiberl? Geh, Muatter, führ's derweil naus in d'Küch, daß ihr
d'Zirngiblmuatta was Warms oziagt. I laß derweil an Wagn holn.«
Ich packte nun meine Hochzeitsgeschenke alle auf einen Haufen zusammen
und deckte etliche Tischtücher darüber. Dann nahm ich alle Blumen, die
man mir am Morgen gegeben hatte und sagte den Verwandten und Bekannten
Dank für ihr Kommen und verabschiedete mich von allen.
Als ich nun gehen wollte, erhob sich ein furchtbarer Lärm, und man
wollte mich mit Gewalt zurückhalten, doch machte ich ein so jämmerliches
Gesicht, daß die Gäste glaubten, ich sei ernstlich krank, und sie ließen
mich ziehen. Mein Gatte war, noch ehe jemand etwas ahnte, fortgegangen
und holte selbst einen Wagen; denn nicht weit von unserer Wirtschaft
pflegten immer etliche Fiaker zu stehen.
Meine Mutter war den ganzen Tag keinen Augenblick zur Ruhe gekommen,
doch schien sie heiter und guter Laune zu sein, und als ich nun Gute
Nacht und Pfüat Gott sagte, erwiderte sie lachend: »So, gehst scho! I
wünsch dir halt an guatn Ei'stand und a g'ruhsame Nacht! Feier dein
goldnen Tag recht schö und laß di bald wieder sehgn!«
Ich dankte ihr nochmals, und auf einmal überkam mich eine große
Sehnsucht nach ihrer Liebe; ich fiel ihr um den Hals, drückte meinen
Kopf an ihre Brust und weinte. Da zog sie langsam meine Arme von ihrem
Hals, schob mich sanft von sich und sagte: »Geh, sei do g'scheit, Leni!
Du machst ja dei ganz Gwand voll Fettn! Jatz brauchst do nimma nach mir
z'jammern, hast do an Mann!«
Die Frau Hasler war gerührt dabei gestanden, als sie aber sah, daß meine
Mutter mich weggeschoben hatte, faßte sie plötzlich meinen Arm, zog mich
an sich und sagte: »Hast scho no a Muatter aa, Leni; und wenn was is,
komm nur zu mir. Dei Muatter hat so allweil so viel z'tuan!«
Meine Mutter merkte den Hieb gar nicht und meinte, zu mir gewendet:
»Sigst, wia's dei Schwiegermuatta guat mit dir moant! Da war manche
froh, wenn s' so oane dawischn tät!«
Derweilen kam der Benno mit dem Wagen, und nach nochmaligem,
umständlichen Abschied von meinen Eltern, besonders von meinem
Stiefvater, der mir noch ein Goldstück zusteckte und mir viel Glück
wünschte, fuhren wir drei fort.
In unserer Wohnung angekommen, gab es sogleich eine kleine
Auseinandersetzung der Frau Hasler mit ihrem Sohn; denn während er alle
Lichter anzündete, die er fand, schürte sie rasch den Ofen des
Wohnzimmers an und begann dann mir den Schleier und Kranz abzunehmen.
Sie war fast damit fertig und ich mittlerweile auf dem Stuhl beinah
eingeschlafen, während sie mit halblauter Stimme mir allerhand
freundliche, gütige Worte sagte, als mein Mann dazukam und rief: »Was
fallt dir denn ei, Muatta! Dös is mei Arbat, mei Frau ausz'ziagn!«
»Schrei net so grob, du Wüaster! Dei alte Muatta werd wohl so viel Ehr
wert sei, daß s' ihrana Schwiegertochter beim Ausziagn helfn derf!«
»Naa, sag i, dös leid i net!« schrie da der Benno und entriß ihr den
Brautkranz, den sie mir eben vom Kopf genommen hatte. »I ziag mei Frau
scho selber aus, und überhaupts hast du jatz nix mehr z'tuan da herobn;
i brauch di nimma!«
Da begann die alte Frau bitter zu weinen über die Grobheit ihres Sohnes
und sank fassungslos auf einen Sessel. Ich empfand tiefes Mitleid mit
ihr und nahm ihren Kopf in meine Hände und sagte: »Sei do stad,
Muatterl! Der Benno moant's net a so; der hat halt heunt an Rausch!«
Aber sie war nicht zu trösten: »Wie werd's dir geh, arms Kind, bei dem
Rüapel!« rief sie aus und sprang dann plötzlich auf und stellte sich mit
funkelnden Augen vor meinen Gatten: »Dös sag i dir; daß d'ma s' schonst,
dei Frau; sonst, bei Gott, is g'fehlt, wannst es machst wia ...!«
Mitten im Satz brach sie ab und trat zur Seite, doch hatte das Ganze
einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, und ich ging nochmals zu ihr hin
und sagte: »Muatterl, reg di net auf! Mach mir mein Rock auf, und
nachher tuast schlaffa geh. I komm morgn früah scho nunter zu dir, gel!«
Dann gab ich ihr noch einen Kuß, und nachdem sie mir das Kleid geöffnet
hatte, ging sie, ohne dem Benno noch eine gute Nacht zu wünschen.
Ich zog mich schnell vollends aus und schlüpfte, während mein Mann
überall herumlief und sich an unserm Eigentum erfreute, ins Bett.
Und ich war schon eingeschlafen, als er kam, und am andern Morgen, als
ich aufstand, war ich nicht mehr das frische, sorglose Mädchen, und der
Spiegel zeigte mir ein müdes, fremdes Gesicht.
So hatte ich denn den ersten Schritt in das Leben getan, das mir noch so
übel geraten sollte.
Den Tag nach der Hochzeit nennt man bei uns gemeiniglich den »goldenen«,
wie überhaupt die erste Zeit der Ehe gar viel belobt und besungen wird.
Ein jedes Mädchen kennt die Flitterwochen und manche Braut träumt von
der Zeit des Honigmonds.
So lebte auch ich in der Erwartung einer goldenen Zeit und hoffte von
einem Tag zum andern auf den Beginn derselben; und als es inzwischen
Weihnachten geworden war, da begann ich mich zu bedenken, warum nicht
auch in meiner Ehe Flitterwochen gewesen waren. Und ich ging zu einer
alten Frau, die für Geld den Leuten ihre Zukunft und ihr Schicksal aus
Karten und Planeten prophezeite; doch als die mir weiter keine Erklärung
gab, als daß ich immer noch im Honigmonde lebe, da wußte ich, daß auch
diese Zeit ganz anders sei, als ich geglaubt; wie denn vieles in meinem
Leben anders kam, als ich es erhofft.
Ich konnte nicht begreifen, warum man diese Wochen als Flitterwochen
besingt; ich sah nichts Herrliches und kein Glück darin, der
nimmersatten Willkür und den schrankenlosen Wünschen des Gatten zu
dienen, jeden Morgen mit umränderten Augen meinen müden Leib zu erheben
und nicht einmal wenigstens die eine Befriedigung zu haben, sich Mutter
zu fühlen.
So erkrankte denn mein Gemüt, und es währte nicht lange, da empfand ich
tiefe Angst vor der Fortsetzung dieser Ehe, und die Zärtlichkeiten
meines Mannes verursachten mir körperlichen Schmerz; dazu litt ich an
quälendem Herzweh und hatte nur noch den einen brennenden Wunsch: ein
Kind.
Dieses Verlangen allein bewog mich immer wieder, zu gehorchen, mich
hinzugeben, zu leiden und zu schweigen.
Nun erst erkannte ich, daß es nicht die rechte Liebe war, die mich mit
Benno verband. Wohl war ich ihm dankbar für das, was mir die erste Zeit
hindurch als Leidenschaft und Liebe erschien. Dazu kam die Hoffnung, daß
bald Stille auf den Sturm eintrete und mit der angenehmen Ruhe der
Gemüter auch das Glück zu mir käme. Auch hatte ich viel religiöses
Empfinden und hielt es mit den Gattenpflichten im Gefühl meiner
erhabenen Berufung zur Mutterschaft genau.
Nun aber drang Zweifel um Zweifel an dieser Berufung auf mich ein, und
ich begann mir einzureden, daß meine Heirat nicht von Gott gewollt und
gesegnet sei. Und ich suchte durch ein frommes Leben den Himmel zu
versöhnen und hielt neuntägige Andachten zur Mutter Gottes und verlobte
mich zu unserer lieben Frau von Birkenstein, wenn sie mir die Gnade
erwirkte, daß ich Mutter würde.
Besonders am Feste Mariä Lichtmeß betete ich mit großer Andacht und
empfing auch die Sakramente in der Meinung, daß Gott mir meinen
Herzenswunsch erfülle.
Mein Vertrauen auf die Hilfe Gottes war um so größer, als ich schon
etliche Tage vor Lichtmeß infolge eines eingetretenen natürlichen
Zustandes nach langem Bitten bei meinem Gatten erreicht hatte, daß er
mir für kurze Zeit die Ruhe und Schonung gewährte, deren ich mich weder
vordem noch nachher jemals erfreuen konnte.
Etliche Wochen später fühlte ich denn auch wirklich allerlei Anzeichen,
die mir Gewißheit darüber boten, daß Gott mir meinen Wunsch erfüllt
habe.
Von diesem Augenblick an begann ich meinen Gatten zu liebkosen und ihm
alles zu gewähren. Ich kochte ihm seine Leibgerichte, fertigte ihm
allerlei Dinge, von denen ich meinte, daß sie ihn freuen würden, und
suchte auf alle Weise ihm unser Heim lieb und wert zu machen.
Er aber hatte es anders im Kopf und wollte nun alle Welt das zu
erwartende Glück sehen und bereden lassen und empfand stets die größte
Freude, wenn in Wirtshäusern und Bräukellern irgend ein Geschäftsfreund
oder Zechkumpan mit schamloser Deutlichkeit auf meinen Zustand hinwies.
Herausfordernd stellte er mich mitten in den Kreis solcher Gesellen und
hatte kein Ohr für meine lauten Bitten und Klagen.
Schon zu Zeiten meiner Kindheit und Jugend war mir das Wirtshauswesen
oft zu einer schier unerträglichen Last geworden; darum war es nicht
verwunderlich, daß ich jetzt, zumal in diesem mir wunderbar und fast
heilig vorkommenden Zustande, viel lieber daheim in der gemütlichen
Stube geblieben wäre, um in Stille und ruhiger Beschaulichkeit die
Ankunft des Kindes vorzubereiten. Nun kam es aber fast täglich zu den
gröbsten Auseinandersetzungen; denn der Benno fand seine größte Freude
und liebste Unterhaltung bei Bier und Wein und wurde darin auch von
seinen Eltern ehrlich unterstützt, die meinten, ein Ehemann müsse unter
allen Umständen der Herr im Haus bleiben, was auch komme.
So war es Pfingsten geworden, und ich begann seit etlichen Tagen auf ein
geheimnisvolles Etwas in mir zu horchen. Oft saß ich ganz still und
hielt den Atem an, um es zu spüren und in innerster Seele zu hören.
Und eines Tages, es war um Johanni, vertraute ich es meinem Gatten an,
indem Tränen der Freude mir in die Augen traten.
Da sprang er auf, riß mich in der Stube herum und rief: »Was sagst,
Weibi, rührn tuat si der Bua scho! Ja, Herrgott, dös muaß aber g'feiert
wer'n! Ziag di o, na führ i di in Löw'nbräukeller! Ja, Herrgott, wer'n
dö schaugn am Stammtisch!«
»Geh, bleib do dahoam, Benno,« meinte ich und fuhr fort: »Schau, dahoam
is so was vui schöner und g'müatlicher z'feiern! I hätt di so gern für
mi alloa ghabt und geh gar net gern furt. Geh, bleib dahoam!«
Aber, wie immer, so kam es auch dieses Mal: erst ging es ans Bitten,
dann ans Streiten, und am End mußte ich, wenn ich nicht einer
Mißhandlung gewärtig sein wollte, zu allem ja sagen, mich ankleiden und
mitgehen.
Am Stammtisch saßen schon die Freunde: etliche Sergeanten des Regiments,
bei dem der Benno gedient hatte, und die er sich durch manchen bezahlten
Rausch wohl gewogen gemacht hatte; ferner ein paar Buchhalter seines
Geschäfts und etliche Leute, von denen man nicht recht wußte, wovon sie
lebten und wessen Geld sie verjubelten.
In diese Gemeinde nun schleppte mich mein Gatte und rief, als wir an den
Tisch getreten waren: »Servus, meine Freund! Heunt leidt's an Rausch,
heunt hat der Bua sein erschten Hupfa g'macht!«
Einer der Sergeanten hatte sich bei unserm Kommen erhoben und war zu uns
getreten. Und während die andern nun in ihrer gewöhnlichen Art die
Anrede meines Mannes belachten, faßte er mich mit der Linken an der
Schulter; mit der Rechten aber fuhr er über meinen Leib und meinte:
»Schau, schau! Schö dick werd's scho, d'Haslerin! Hat's enk denn scho
gar so pressiert, daß im erscht'n Jahr no d'Kindstaaf sei muaß?«
Ich stand wie mit Blut übergossen, und die Stimme versagte mir, dem
frechen Schwätzer zu antworten. Tränen rannen mir über die Wangen, und
ich bat den Benno um die Hausschlüssel, daß ich heim könne, da ich krank
sei.
»So, so, krank is mei g'schmerzte Frau Gemahlin! Bleib nur schö da; dös
werd scho wieder vergeh bei der Musi!«
Und fest drückte er mich auf einen Stuhl und begann dann eifrig zu
schwatzen und zu trinken; und obschon etliche gemeint hatten, sie
wollten mich nachhause bringen, ließ er dies nicht geschehen, sondern
sagte: »Dö soll dableibn! So vui muaß ma aushaltn könna! Was taten denn
andere Weiber, dö wo arbatn müssn ums Tagloh'!«
Erst lange nach Mitternacht kamen wir heim, nachdem mein Mann mich noch
in ein Kaffeehaus und danach zum Wein geführt und auch die andern dazu
eingeladen hatte.
Von da ab unterwarf ich mich seinem Willen, ohne zu bitten, und hoffte,
daß alles ein Ende hätte, wenn erst das Kind geboren wäre.
So kam der Herbst, und meine Zeit rückte immer näher. Meine
Schwiegereltern waren zwar längst nicht mehr lieb zu mir, doch ließen
sie es mir an nichts fehlen und fragten oft nach meinen Wünschen oder
Gelüsten; denn sie hofften auf einen Buben, der dem Geschlecht der
Haslerischen einmal Ehre machen würde.
Da war es einmal, daß ich in ihrer Wohnstube saß und an einem
Kinderhemdlein nähte, während die Mutter eine alte Truhe mit buntem
Kinderzeug durchwühlte und allerlei Jöpplein und Windeln daraus
hervorzog und vor mich hinlegte. Ich aber blickte sehnsüchtig und
verlangend nach dem Schreibtisch, wo eine Anzahl schöner Äpfel in eine
Reihe geordnet lagen; doch getraute ich mir nicht, von der
Schwiegermutter einen zu erbitten, da sie schon dem Benno, als er einen
nehmen wollte, mit strengen Worten sein Tun verwiesen hatte; denn sie
war nicht freigebig.
Je länger ich nun hinsah, desto mehr gelüstete es mich nach einem der
Äpfel, und endlich kam mir ein guter Gedanke. Ich stand auf und ging
hinaus in das Holzlager zum Schwiegervater, der eben einen uralten
Wiegenkorb mit himmelblauer Farbe strich.
»Vater!« rief ich.
»Was isch' denn?« antwortete er, ohne aufzusehen.
»I möcht was!«
»Was willsch' denn?«
»Was Runds.«
»Ja was! Eppe gar 'n Taler?« Und gespannt blickte er von seiner Arbeit
auf mich.
»Naa, Vater, a Kugel is!«
»A Kugel? -- a Kugel? -- Mädla, sell ka i mir it denka! Da muaßt m'r
scho helfa roata!«
Lachend nahm ich ihn bei der Hand und führte ihn hinein und vor den
Schreibtisch.
»Ja da schau her!« rief der Alte jetzt und nahm einen der Apfel, »dias
isch also die Kugel! Na die sollsch' haba!«
Schon wollte er mir den Apfel geben; da fiel ihm die Mutter in den Arm:
»Was, grad von dö schönsten oan!«
Aber ungeachtet dieses Widerspruchs gab er mir ihn doch und meinte: »Laß
dir'n nur guat schmecka! 's isch viel g'scheiter e g'schenkter großer,
als e g'stohlener kloiner! Wia leicht könnt's Kindle 's Stehla lerna
scho im Mutterleib!«
Da gab sich die alte Frau zufrieden, und ich verzehrte den Apfel mit
großem Behagen.
Etliche Tage später kaufte der Haslervater einen Korb voll Trauben und
schenkte sie mir, indem er sagte: »Dia muaßt alle essa, daß d' e saubers
Kindle kriagsch'!«
Der Oktober ging seinem Ende zu, und ich richtete alles her, dessen man
zum Empfang eines Kindleins bedarf, und stellte die gemalte und von der
Haslermutter mit geblumten Vorhängen geschmückte Wiege in die
Schlafstube und rückte die Ehebetten auseinander.
Am Allerheiligentag schon in aller Früh ziehen die Soldaten unter
klingendem Spiel in die Kirche, das Namensfest unseres Regenten zu
feiern, und aus allen Fenstern fahren die Köpfe, und ein jedes freut
sich der Musik.
Als damals in der Früh die Böller krachten und die Soldaten sich
rüsteten zum Fest, da rief ich dem Benno, der noch schlief, aus meinem
Bette zu: »Benno, geh hol ma d' Frau Notacker, i glaab, es werd was.«
Erschreckt fuhr mein Gatte aus dem Bett und in die Hosen; in der Eile
aber brachte er das vordere Teil nach hinten, und ich mußte über den
komischen Anblick trotz meiner Schmerzen herzlich lachen.
Unter vielen Ängsten, und nachdem er alles Erdenkliche angestellt hatte,
seinen Hut verloren und sein Rad im Haus der Hebamme hatte stehen
lassen, brachte er endlich die schon sehnlich Erwartete.
Geschäftig packte sie ihre große Tasche aus, bei welcher Arbeit ich ihr
ängstlich zusah; denn ich konnte es immer noch nicht glauben, daß das
Kind ohne jede Beihilfe von Messer oder Schere, ohne Leibaufschneiden
hervorkommen könne.
Nachdem sie ihre Sachen geordnet und mein Bett zurechtgemacht hatte,
sagte sie: »So, Herr Hasler, jatz lassn S' an etlichs Paar Bratwürscht
holn und a Flaschn Rotwei; d'Frau Hasler braucht a Kraft!«
Eilig lief der Benno, das Befohlene zu holen, und inzwischen kamen die
Haslerischen und fragten, wie weit es noch wäre.
»A paar Stund no,« erwiderte die Hebamme und fügte lachend bei: »Was
leidt's denn, wenn i an Bubn hol?«
»Sell kriagn ma na scho, Frauli!« antwortete der Vater, und die Mutter
meinte: »D'Hauptsach is, daß alls guat geht, ebbas werd's scho sei!«
Um Mittag bemächtigte sich meiner eine große Unruhe, so daß ich aufstand
und mich etwas ankleidete. Dann ging ich ans Fenster und sah hinab auf
die vielen Menschen, die zur Parade gingen. Deutlich hörte ich das
Wirbeln der Trommeln und hoffte, das Militär bei uns vorbeiziehen zu
sehen, weshalb ich das Fenster öffnete, während mein Gatte sich lebhaft
mit der Frau Notacker unterhielt.
Da fühlte ich plötzlich ein starkes Anstemmen des Kindes, und zugleich
hatte ich das Gefühl, als müsse ich zerspringen.
»Frau Notacker, i moan, jatz ...« mehr brachte ich nicht mehr heraus.
Drunten zog die Regimentsmusik vorbei mit Pauken und Trompeten, und
Kinder jubelten und pfiffen; da mischte sich ein kreischendes Stimmlein
in die Klänge des Militärmarsches -- ich hatte einen Buben.
Nun herrschte Lust und Freud im Hause und ward die Taufe mit großem Pomp
gefeiert und gab man dem Buben nach seinem Großvater die Namen Johannes
Magnus.
* * * * *
Ich eile nun, zum Ende zu kommen; denn die letzten meiner Erinnerungen
sind so traurig und peinlich, daß es der Leser mir nicht übel vermerken
möge, wenn ich gewisse Zeitpunkte überspringe und in gedrängter Form die
letzten Schicksale erzähle.
Diese Ehe war so unglücklich, daß ich noch jetzt mich bedenke, ob nicht
wirklich der Fluch, den meine Mutter mir am Hochzeitsmorgen zum Geleit
mitgab, mit also furchtbarer Macht seine Wirkung während meiner ganzen
Ehe übte, und ob nicht doch jene Klosterfrau, als sie mich warnte,
wieder in die Welt zurückzukehren, von Gott begnadet war, das Schicksal
vorauszusehen, welches mich heraußen erwartete.
Und, seltsam, gerade einige Tage nach der Geburt meines ersten Kindes
traf ein Brief von ihr ein, in dem sie mir die Versicherung gab, meiner
niemals im Gebete zu vergessen, und mich ermahnte, auch im tiefsten Leid
und Unglück nicht zu verzagen, denn Gottes Hand möchte vielleicht mich
strafen, daß ich damals nicht mein Leben ihm geopfert.
Später einmal, als ich ihr die Geburt eines Mädchens berichtete, bat sie
mich, es recht gut zu erziehen; denn, meinte sie, vielleicht bringt es
einmal dem Herrn das Opfer, das ich ihm ehemals verweigert.
* * * * *
Ich war in den letzten Wochen vor der Niederkunft im Gesicht recht alt
und fleckig geworden und mußte daher manches bittere Wort vom Benno
hören. Nun aber blühte ich sichtbar auf, und schon nach drei Wochen war
ich wieder so verjüngt, daß mein Gatte aufs neue in heftiger
Leidenschaft entbrannte und allen Vorstellungen zum Trotz mit Gewalt
jene Schranke niedertrat, die eine weise Natur einer jeglichen Mutter,
sogar den Tieren aufrichtet. Vergeblich wies ich ihm den Kleinen, wenn
er sich an meiner Brust sättigte und flehte: »Geh, nimm do dein' Buam
net sei Nahrung! Laß mi do in Fried! Schau, i bin no krank!«
Aber seine Sinne begehrten, und da mußte der Verstand schweigen. So kam
es, daß ich nach wenig Monaten aufs neue Mutterhoffnungen fühlte.
Bald begann ich zu kränkeln, und mit der Gesundheit schwand mein guter
Humor, und ich wurde zur gealterten Frau, die vom Leben nichts mehr
hofft.
Unsere Häuslichkeit bot weder Frieden noch Behagen; der Benno sah wohl,
was er getan, hatte aber doch kein Einsehen. Am Tage gab es Streit, und
am Abend suchte er alles Trübe und Mißliche in Leidenschaft zu
ersticken.
Meine Schwiegereltern beklagten sich bitter über diese Zustände und
schoben die Schuld auf meine Nachgiebigkeit und meinen Leichtsinn. Darob
ward ich recht erbittert und mied sie von nun an.
Meine Eltern hatten schon bald nach meiner Heirat sich mit den
Haslerischen verfeindet, und ich durfte deshalb längst nicht mehr zu
ihnen gehen, wenn ich nicht eines Auftritts mit Benno gewärtig sein
wollte. Nun aber war das Verlangen nach der Mutter so stark in mir, daß
ich alles vergaß und mich aufmachte und zu ihr ging.
Als ich sie in der Küche begrüßte, fragte sie nach kurzem »'ß Gott«, was
ich wolle. Da berichtete ich ihr schluchzend mein Unglück und bat sie um
Trost.
»So, war i jatz guat gnua zum trösten! Dös g'schieht dir grad recht,
wenn's dir schlecht geht; du hättst es aushaltn könna dahoam! Was geht
mi dei Elend o! Geh zu dö Haslerischen, dös san jatz deine Leut! Mach
nur, daß d' ma weiter kommst!«
Da sagte ich nichts mehr und ging, und begab mich zu fremden Leuten,
ihnen mein Leid zu klagen. Wie wohl taten mir da die Worte des Beileids
und des Trostes, obgleich ich wußte, daß sie nicht von Herzen kamen, und
ich nachher in allen Milch- und Kramerläden durchgehechelt und
ausgerichtet wurde.
Mein Gatte hatte sich in der letzten Zeit immer mehr dem Trunk ergeben
und kam oft nächtelang nicht nach Hause, um dann bei dem geringsten
Anlaß zu wüten und mich zu mißhandeln.
Um Weihnachten dieses Jahres fühlte ich, daß meine Stunde da sei, und
ging daher zu meiner Schwiegermutter und bat sie, den Buben, der schon
seit Wochen an schwerem Keuchhusten krank lag, etliche Tage in Pflege zu
nehmen. Sie versprach es gerne und war auch sonst freundlich, wofür ich
ihr von Herzen dankte.
Am ersten Weihnachtstag kam ein junger, verlebt aussehender Mensch und
begehrte den Benno. Ich rief ihn hinaus, und er erkannte in dem Fremden
einen Schulkameraden und Freund, der inzwischen in Hamburg Kaffeehändler
und ein reicher Mann geworden war. Hocherfreut lud er ihn ein, und
nachdem er mir noch befohlen, ein festliches Essen zu bereiten, ging er
mit dem Besuch zum Frühschoppen.
Ich hatte zum Glück allerlei Vorrat und richtete ein gutes Mahl.
Schon während des Kochens hatten leichte Wehen mir das Nahen meiner
Stunde angezeigt; nun aber wurden sie stärker, und ich begann mich recht
zu ängstigen, da es schon zwei Uhr war und mein Mann mit dem Besuch noch
immer nicht kam. Ich lief zu einer Nachbarin und bat, sie möge mir die
Frau Notacker holen. Bis diese kam, richtete ich die Schlafstube und
wollte den Buben zu seiner Großmutter tragen, doch schlief er, und ich
ließ ihn liegen.
Gegen fünf Uhr erschien die Hebamme und meinte, es sei noch zu früh; vor
dem nächsten Tag könne man nicht auf das Kind rechnen. Sie ging also
wieder mit dem Bemerken, sie sehe gegen neun Uhr abends noch einmal
vorbei.
Kurz nach sechs Uhr kam der Benno allein heim und verlangte sogleich mit
groben Worten zu essen. Ich machte ihm Vorwürfe, daß er mich umsonst mit
dem Kochen noch so geplagt hätte, und daß meine Zeit da sei und ich
niemand hätte, der mir beistehe. Mit rohen Schimpfworten verbat er sich
mein Gejammer und verlangte Wein, obschon er stark betrunken war. Ich
gab ihm eine Flasche; denn ich fürchtete ihn sehr in solchen
Rauschzuständen. Dann ging ich in die Schlafstube, wo der Kleine eben
wieder zu husten begann. Ich hob ihn auf und wickelte ihn frisch ein,
wobei mein Körper von heftigen Wehen erschüttert wurde. Da bekam der
arme Bub einen der furchtbaren Anfälle, und ich glaubte, er müsse
ersticken; doch ging es vorüber, und ermattet lag er nun in meinem Arm.
Ich bettete ihn wieder in die Wiege und ging hinaus zum Benno, ihm über
das Kind zu berichten. Er hörte teilnahmslos zu und sagte dann kurz: »I
geh auf d'Nacht no furt!«
Ich erwiderte nichts und wollte den Tisch abräumen, während er ein
Päcklein unzüchtiger Photographien aus der Tasche zog und betrachtete.
Plötzlich suchte er mich in erwachendem Begehren zu sich auf das Sofa zu
ziehen. Unsanft stieß ich ihn von mir weg und verwies ihm seine
Unvernunft.
In dem Augenblick hörte ich meinen Buben weinen und ging zu ihm an die
Wiege und beugte mich über das Bettlein, ihn mit leisen Worten zu
beruhigen.
Da fühle ich plötzlich von rückwärts wie eine eiserne Klammer einen Arm
um meinen Leib und fühle, wie der Benno mich fest in das Bettlein drückt
und sein Eherecht ausübt. Verzweifelt suche ich mich seiner zu erwehren,
und es gelingt mir wirklich für den Augenblick. Da packt ihn eine
rasende Wut, und unter den gröbsten Schmähungen zerrt er mich an den
Haaren herum, wirft mich zu Boden, tritt sein eigen Fleisch und Blut mit
Füßen und versucht, mich zu erwürgen.
Auf mein lautes Hilfegeschrei stürzen Leute aus den Nachbarswohnungen
herbei, man sprengt die Tür, und alle fallen über den sich wie besessen
Gebärdenden her.
Auch sein Vater kam, und es geschah nun etwas, was mich noch heute
erstaunt: Der alte Hasler faßte seinen Sohn vor all den Nachbarn am
Genick, setzte ihn auf einen Stuhl, gab ihm ein paar tüchtige Ohrfeigen
und stieß ihn sodann mit großer Gewalt zur Tür hinaus. Dies alles tat er
ohne ein Wort; dann aber kehrte er sich an die Anwesenden und fragte
grollend: »Hat no wer was verlora da herinne?« worauf sie alle
verschwanden.
Nun trat er zu mir; ich lehnte erschöpft an meinem Bett und bat um die
Hebamme. Ohne ein Wort ging er, und schon nach einer halben Stunde
brachte er sie mit.
In derselben Nacht gebar ich ein Mädchen und lag danach an die sechs
Wochen im Kindbettfieber.
Seit diesem Vorfall mußte sich mein Mann sein eheliches Recht stets
erzwingen; denn ich hatte alle Zuneigung zu ihm verloren und fürchtete
ihn sehr. Trotzdem wurde ich noch viermal Mutter während dieser Ehe.
* * * * *
Bald nach dem dritten Kinde begannen auch Wohlstand und Glück von uns zu
weichen. Mein Mann hatte durch seine Trunksucht alles das eingebüßt, was
man sonst an ihm schätzte; auch ließ er sich in seiner Stellung allerlei
zuschulden kommen und wurde schließlich entlassen. Seine Eltern waren
darüber so erbittert, daß sie uns aus dem Haus jagten.
Wir zogen also um, und der Benno übernahm selber ein Geschäft. Es ging
uns auch etliche Zeit wieder gut, und ich hatte Hoffnung, daß alles
wieder recht würde, obschon ich nun dauernd kränkelte, da die Geburten
meines vierten und fünften Kindes Totgeburten und sehr schwer gewesen
waren.
Nun war das sechste Kind auf dem Wege, und kurz vor Weihnachten kam ich
in die Wochen.
Mein Mann hatte um diese Zeit aufs neue ein wüstes Leben begonnen und
saß oft Tag und Nacht im Weinhaus. Kam er dann nach Hause, prügelte er
mich und die Kinder und zerschlug alles, was ihm gerade in die Hände
kam.
Am Tage nach der Geburt dieses Kindes kam gegen Abend ein Freund meines
Gatten und hatte mit ihm eine Unterredung, die sehr erregt schien; denn
der Besuch ging nach kurzem Wortwechsel ohne Gruß, und der Benno schlug
krachend hinter ihm die Türe zu. Ich rief ihn zu mir in die Schlafstube,
doch kam er nicht und ging bald darauf fort, ohne sich von mir zu
verabschieden.
Zwei Tage und eine Nacht blieb er weg und kam erst am heiligen Abend
gegen neun Uhr heim. Ich erschrak heftig bei seinem Anblick; seine
Kleider waren zerrissen und beschmutzt, sein Gesicht aufgedunsen und
verzerrt, die Haare hingen ihm wirr um den Kopf, und die stieren,
blutunterlaufenen Augen blickten gierig und lüstern nach mir.
Ich saß wie versteinert aufrecht in meinem Bett, als er mit dem
zärtlichen Gruß zu mir trat: »Servus, Weibi; du bist aber sauber! Geh,
laß mi eini zu dir!«
Bittend hob ich die Hände und sagte: »Was hast denn, Benno; woaßt denn
net, daß ma r a kloans Deanderl kriagt ham! Jatz konnst do net zu mir!
Gel, Benno, du verstehst mi scho!«
Aber er verstand mich nicht mehr. Rasch riß er seine Kleider ab und
wollte zu mir, indem er mir alle erdenklichen Genüsse versprach.
Flehend setzte ich ihm nochmals die Unvernunft seines Begehrens
auseinander, doch vergebens. Er fiel über mich her, und ich mußte alle
Kraft daran setzen, mich seiner zu erwehren. Endlich gelang es mir, aus
dem Bett zu entkommen, und eilig schlüpfte ich in meinen Unterrock und
lief aus dem Zimmer.
Da höre ich plötzlich meine Kinder aufkreischen. Ich eile in ihre
Schlafstube und sehe nun, wie der Benno mit gezücktem Stilet drinnen
herumtanzt und nach der Melodie des Schäfflertanzes vor sich hinsingt:
»Hi müaßt's sei! Daschtecha tua r i enk! Alle müaßt's heunt hi sei!«
Er sieht mich gar nicht, wie ich die Kinder aus ihren Bettlein reiße und
das Kleinste aus der Wiege; tanzend zertrümmert er alles, was im Zimmer
ist und singt dazu.
Also flüchteten wir uns barfuß und fast unbekleidet hinaus in den
Schnee, und weinend hingen sich die Kinder an mich. Zitternd wankte ich
vorwärts, und das Blut rann mir gleich einem Bächlein über die Füße und
zeigte die Spur meiner Schritte.
Freundliche Nachbarn nahmen uns auf und veranlaßten auf der
Polizeiwache, daß man den Wütenden bändigte und nach der psychiatrischen
Klinik verbrachte.
Ein schweres Fieber folgte auf diese Nacht, und ich kämpfte lange mit
dem Tod.
Als ich mich wieder besser fühlte, nahm ich mit vielem Dank Abschied von
den guten Leuten und begab mich wieder in meine Wohnung. Hier erwartete
mich neuer Schreck: die Möbel waren alle mit dem Siegel des Gerichtes
versehen und gepfändet. Etliche Briefe, die ich im Kasten fand, klärten
mich auf. Der Benno hatte, ohne daß ich es wußte, sein volles Vermögen
und dazu mein ganzes Heiratsgut einem Freund, der Baumeister war,
geliehen, und dieser war bankerott geworden. Er hatte anscheinend schon
davon gewußt und war vielleicht auch durch den Verlust dieser
fünfzigtausend Mark um seinen Verstand gekommen. Nun hatten unsere
Lieferanten und auch der Hausherr zu Neujahr keine Bezahlung mehr
erlangt, weshalb sie, da sie auch keine Antwort auf ihre Mahnungen
erhielten, endlich zur Pfändung schritten. Die Hausverwalterin hatte die
Schlüssel meiner Wohnung an jenem Abend von einem Schutzmann erhalten
und öffnete, als der Gerichtsvollzieher kam.
Nur weniges verblieb mir; zum Glück hatte man mir einen kleinen Schrank
mit Kinderwäsche gelassen, in dem auch meine Schmucksachen verwahrt
lagen. Nun konnte ich wenigstens so viel Geld dafür bekommen, daß ich
die Kinder bei fremden Leuten in Pflege zu geben und mir ein kleines
Stüblein zu halten vermochte. Das Ringlein meines Vaters aber opferte
ich im Herzogspital der Mutter Gottes.
Dies war in der Zeit des Faschings; auch der Schäfflertanz traf auf
dieses Jahr und füllte die Taschen der Tänzer.
Um diese Zeit ging ich zu meiner Mutter und klagte ihr meine große Not
und bat sie um einiges Geld, damit ich mir etliche Möbelstücke wieder
auslösen könnte; denn der Hausherr hatte sich Verschiedenes behalten,
indem er mir versprach, er wolle mir das gegen Bezahlung meiner
Zinsschuld von sechzig Mark wiedergeben.
Wortlos hörte die Mutter mir zu. Als ich geendet, sagte sie: »I kann dir
net helfa! I hab selber no Schuldn beim Bräu. Geh zu dö Haslerischen, dö
san reicher wia i. Übrigens freuts mi, daß si mei Wunsch erfüllt hat;
recht schlecht soll's dir geh, weil's du's net aushalten hast könna
dahoam!«
Dann rief sie den Vater aus der Schenke und sagte: »Gel Josef, mir
können ihr nix gebn, weil ma selber nix habn wia Schuldn!« worauf der
Vater sich erst räusperte, dann halblaut wiederholte: »Naa, nix könna ma
toa, mir habn selber Schuldn!«
Traurig ging ich nun zu meinen Schwiegereltern. Diese versprachen mir,
für den Buben zu sorgen. Mehr konnten auch sie nicht helfen, da sie, wie
ich jetzt erst erfuhr, dem Benno während des letzten Jahres etliche
tausend Mark gegeben hatten, die er, ohne mir davon zu sagen, vertan
hatte.
Also begann ich am andern Tag mir Arbeit zu suchen. Ich las auch die
Zeitung; da fiel mein Blick auf eine Notiz über den Schäfflertanz, und
ich entnahm ihr, daß derselbe am 20. Februar auch vor dem Hause des
Gastwirts Zirngibl aufgeführt würde.
Trotz der großen Bitterkeit, die in mir aufstieg, als ich an die Kosten
eines solchen Tanzes, die zum mindesten an die hundert Mark betragen,
dachte, konnte ich es doch nicht unterlassen, mich andern Tags unter die
Menge der Zuschauer zu mischen.
Da sah ich, wie sie alle, der Vater, die Mutter, die Stiefbrüder und
auch das Gesinde, an den Fenstern standen und mit vergnügten Mienen und
strahlendem Lächeln für die Hochrufe dankten und die Mutter eine Hand
voll Silberstücke in die Mütze des Meisters warf, während sie den Tag
vorher ihr Kind hungern sah, ohne zu helfen.
Ich suchte also Arbeit und fand auch solche; doch nicht lange dauerte
es, da konnte mein geschwächter Körper dieselbe nicht mehr leisten, da
ich, um den Kindern das ihre geben zu können, oft hungern mußte. Am End
war ich erschöpft und mußte meine Stellung aufgeben.
Nach kurzer Zeit war auch der Rest meines Geldes verbraucht; und da ich
das Kostgeld für meine Kinder nicht mehr aufbringen konnte, setzte man
sie mir eines Tages im Winter vor die Tür.
Da fand sich ein Baumeister, der mir in seinem Neubau umsonst Wohnung
bot.
Ich band meine Habe samt den Kindern auf einen Karren und zog dahin. Ein
alter, brotloser Mann, dem ich früher Gutes getan hatte, half mir dabei.
Das Haus war noch ganz neu, und das Wasser lief an den Wänden herab; wir
schliefen auf dem Boden und bedeckten uns mit alten Tüchern und krochen
zusammen, damit wir nicht gar zu sehr froren.
Einige leichtere Schreibarbeiten schützten uns vor dem Verhungern,
wenngleich unser tägliches Mahl in nichts weiter bestand, als in einem
Liter abgerahmter Milch und einem Suppenwürfel, aus dem ich nebst einem
Ei und etwas Brot eine Suppe für die Kinder bereitete. Ich selber aß
fast nichts mehr und war so elend und krank, daß ich mehr kroch als
ging.
Eines Tages erfuhren wir, daß mein Gatte in der Kreisirrenanstalt
untergebracht worden sei, da eine Geisteskrankheit ihm dauernd das Licht
des Verstandes genommen hatte.
Nach einem Monate solch jammervollen Lebens war auch die Gesundheit
meiner Kinder dahin. Hustend und weinend hingen sie an mir, während
Fieberschauer mich schüttelten.
Oft war die Versuchung in mir aufgestiegen, dem Leben ein Ende zu
machen; oft hatte ich am Abend den Hahn der Gasleitung zwischen den
Fingern; doch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ließ mich das nicht
vollbringen, was die Verzweiflung mir eingab.
Mitleidige Menschen machten endlich den Armenrat des Bezirks auf mein
Elend aufmerksam, worauf die Gemeinde für uns sorgte, indem sie die
Kinder einer Anstalt übergab, während ich im Krankenhaus Erlösung aus
aller Trübsal erhoffte.
Doch das Leben hielt mich fest und suchte mir zu zeigen, daß ich nicht
das sei, wofür ich mich so oft gehalten, eine Überflüssige.