Oft habe ich versucht, mir meine früheste Kindheit ins Gedächtnis
zurückzurufen, doch reicht meine Erinnerung nur bis zu meinem fünften
Lebensjahr und ist auch da schon teilweise ausgelöscht. Mit voller
Klarheit aber steht noch ein Sonntagvormittag im Winter desselben Jahres
vor mir, als ich, an Scharlach erkrankt, auf dem Kanapee in der
Wohnstube lag; es war dies der einzige Raum, der geheizt wurde.
Der Großvater war in seinem geblumten Samtgilet, dem braunen Rock mit
den silbernen Knöpfen und dem blauen, faltigen Tuchmantel in die Kirche
vorausgegangen, während die Großmutter in dem schönen Kleide, das bald
bläulich, bald rötlich schillerte, noch vor mir stand und mich ansah,
wobei sie immer wieder das schwarze seidene Kopftuch zurechtrückte.
Neben der Tür aber stand in Hemdsärmeln der alte Hausl und wollte eben
den Sonntagsrock vom Nagel nehmen, als sich die Großmutter umdrehte und
zu ihm sagte: »Geh, Hausl, bleib du heunt dahoam und gib aufs Kind
Obacht und tus Haus hüten; i möcht aa amal wieda in d' Kirch geh'.«
Darauf ließ der Hausl seinen Rock hängen und zog wieder seinen blauen,
gestrickten Janker an, und die Großmutter ging zu dem Wandschränklein,
das in die Mauer eingelassen war, nahm daraus das Weihbrunnkrügl und
wollte gehen. In der Tür aber wandte sie sich noch einmal um und sagte
zu mir: »Also, daß d' schö liegn bleibst, Dirnei; i bet scho für di, daß
d' wieda g'sund wirst.«
Als sie fort war, ging der alte Hausl in seine Kammer, sich zu rasieren.
Da fiel mir ein, ich könnte wieder einmal zu unserer Nachbarin, der
alten Sailergroßmutter, gehen. Geschwind stand ich auf und lief hinaus
in den Schnee und vor ihr Haus. Ich fand aber die Tür zugesperrt und
niemanden daheim; denn sie waren alle in der Kirche. Und da ich nun
lange im Hemd und dem roten Flanellunterröckl barfuß im Schnee gestanden
war und vergebens gewartet hatte, schlich ich wieder heim; denn es war
bitter kalt. Als der Hausl mich kommen sah, machte er ein ganz
entsetztes Gesicht und kopfschüttelnd nahm er mich auf den Arm und legte
mich wieder nieder. Alsbald fiel ich in ein heftiges Fieber und soll
darauf viele Wochen krank gelegen sein, und man hat geglaubt, daß ich
sterben müßte. Aber der Großvater hat mich gepflegt, und so bin ich
wieder gesund geworden.
Der Großvater nämlich verstand sich auf alles, und wo man im Dorf eine
Hilfe brauchte, da wurde er geholt. Er war Schreiner, Maurer, Maler,
Zimmermann und Kuhdoktor, und manchmal hat er auch dem Totengräber
ausgeholfen. Und weil er so überall zur Hand war, hieß man ihn den
Handschuster, und der Name wurde der Hausname und ich war die
Handschusterleni.
Der Großvater war bartlos und groß und gerade gewachsen und hatte trotz
der mannigfachen schweren Arbeit schlanke schöne Hände. Die hab ich in
späterer Zeit oft betrachtet, wenn er am Abend auf der Hausbank saß und
über irgend etwas nachdachte.
Er war überhaupt anders als die Leute im Dorfe; denn er sprach wenig,
ging nicht ins Wirtshaus und war bei keiner Wahl, wie er auch sonst
allem öffentlichen Wesen fern blieb. Statt dessen erzählte man, daß er
oft im Verborgenen geholfen habe; und wo einem Armen das Haus abgebrannt
war, da habe er beim Aufbau mit zugegriffen, ohne lang nach dem Lohn zu
fragen.
Damals, im Frühjahr nach meiner Krankheit, war es nun mein größtes
Vergnügen, mit ihm auf dem Wagen, vor den unser Ochs gespannt war, aufs
Feld hinauszufahren. Von den Äckern, die auf den Höhen rings um das Dorf
lagen, konnte man die fernen Berge sehen, und der Großvater sagte mir
von dem höchsten, daß es der Wendelstein sei.
Während er nun pflügte oder säete, brockte ich Blumen und betrachtete
sie und die Welt dahinter durch bunte Scherben, die ich vor dem Hause
des Glasers aufgelesen hatte; oder ich lief mit dem Sturm über die
Wiesen und suchte ihn zu überschreien.
Abends auf dem Rückweg setzte mich dann der Großvater rittlings auf den
Ochsen, und so sah ich schon von weitem die bläulichen Rauchwölklein
über unserem Dache, die uns anzeigten, daß die Abendsuppe schon auf dem
Feuer stand.
Waren wir daheim angekommen, so sprang ich rasch in die Küche, steckte,
wenn die Großmutter in der Speis war, die Nase in alle Hafen und Tiegel,
zu sehen, was es Gutes gäbe, und lief dann hinter dem Großvater drein,
der vom Hausflöz durch den Stall in die Scheune ging, dort die
Ackergeräte verwahrte und hierauf in dem Schuppen Holz für den Herd
herrichtete. Ich tummelte mich derweilen in der Tenne, die wie der Stall
und Schuppen an das kleine, freundlich mit bläulicher Farbe getünchte
Wohnhaus angebaut war und mit ihm unter einem Dache stand, das sauber
mit Holzschindeln eingedeckt und mit Felsblöcken beschwert war. Rings um
das Häuschen zog sich ein saftiger Grasgrund, und von den Fenstern der
Wohnstube, an denen reichblühende Geranien und Menschenleben standen,
sah man im Sommer ein zierliches Gemüsegärtlein, dessen Beete mit
feurigen Nelken, Dahlien, fliegenden Herzlein und buschigen
Rosensträuchern eingefaßt waren. Am Eingang des Gärtleins stand ein
großer Rosmarinstrauch, den der Großvater bei seiner Heirat selbst
gepflanzt hatte.
Von der Tenne nun schlüpfte ich des öftern in den Hühnerstall und
durchsuchte ihn nach Eiern. Besonders als Ostern nicht mehr fern war,
trieb es mich immer wieder dahin; denn um diese Zeit gab es unter uns
ein großes Vergnügen, das Oarscheiben. Da zogen alle Kinder des Dorfes
zu den großen Bauernhöfen, und dort wurden wir bewirtet und bekamen
G'selchts, Osterbrot und bunte Eier. Diese aber wurden nicht gegessen,
sondern zum Oarscheiben aufgehoben. Dabei teilten wir uns in zwei
Parteien, und die einen standen hüben, die anderen drüben; dazwischen
aber waren in schräger Lage zwei Rechen aneinander gelegt, und auf
dieser Bahn ließen wir unsere Eier hinunterrollen. Die Partei nun, auf
deren Seite das Ei fiel, hatte es gewonnen, und wo am Schluß die meisten
Eier lagen, war der Sieg. Freilich begann dann oft erst der eigentliche
Kampf, und die Eier, die zuvor gerollt waren, flogen jetzt.
Während aber die andern sich noch rauften, sammelte ich, ohne mich
besonders sichtbar zu machen, mit flinker Hand die also zu Waffen
gebrauchten Eier und lief alsdann mit meinem vollen Schürzlein heim, wo
ich dem Großvater die Beute vor die Füße kugeln ließ.
Da gab's dann andern Tags ein gutes Gericht, den Oarsülot, zu dessen
Bereitung ich schon am frühen Morgen mit der Großmutter den
wildwachsenden Feldsalat von einer nahen Anhöhe brocken mußte, während
der Großvater derweil daheim die Eier fein zerhackt und zerrührt hatte,
was er alle Ostern selber tat, da keins ihm dies Geschäft recht machen
konnte.
Auch sonst war er oft in der Küche draußen und half der Großmutter Rüben
schälen oder Semmeln schneiden für die Alltagskost, die Knödel; denn
diese durften keinen Tag fehlen. Auch am Sonntag kamen sie, freilich
viel größer und schwärzer, als Leberknödel auf den Tisch.
Das Wasser, in dem die Knödel, die neben ihrer Schmackhaftigkeit auch
noch den Vorzug der Billigkeit hatten, gesotten wurden, wurde bei uns
nie weggeschüttet, sondern in einer großen bemalten Schüssel
aufgetragen. Dazu stellte die Großmutter ein Pfännlein mit heißem
Schmalz und braunen Zwiebeln und im Sommer auch ein Schüsselchen voll
Schnittlauch. Der Großvater langte dann den von der Mutter
selbstgebackenen Brotlaib, der mittels unseres großen Hausschlüssels
ringsum mit einem Kranz von ringförmigen Eindrücken verziert war, aus
dem Wandschränklein und begann langsam und bedächtig Schnittlein um
Schnittlein in die Brüh zu schneiden. Danach goß er die Schmelz darüber,
würzte gut mit Salz und Pfeffer und rührte mit seinem Löffel etliche
Male um. Alsdann sagte er: »So Muatta, jatz ko'st betn.«
Fleisch kam bei uns nur zu ganz besonderen Gelegenheiten auf den Tisch,
und selbst am Sonntag genügten meinen Großeltern die Leberknödel mit dem
Tauch, einem Gemüse von Dotschen, Rüben oder Kohlraben. Nur der
Großvater erhielt als Feiertagsmahl ein Stück gesottenes Rindsfett, das
er gesalzen und gepfeffert nur mit einem Stücklein Brote aß.
An Ostern aber ließen sich's die Großeltern nicht nehmen, ein
ordentliches Stück Geselchtes und dazu noch einen Tiegel voll von unserm
selbstgemachten Kraut aufzustellen, nebst einem Körblein Eier, die samt
dem mit viel Zyperben und Weinbeerln gebackenen Osterbrot schon in der
Früh des Ostertags vom Großvater zur Weih' getragen wurden.
Auch sonst gab's allerlei Vergnügungen und Kurzweil für die Großen und
die Kleinen, und es war auch um die Osterzeit, daß die Kinder, die
ungefähr in meinem Alter waren, anfingen, etwas Heimliches untereinander
zu treiben. Der Schlosserflorian und die Ropferzenzi hatten im Stall bei
der Wagnerin die Zicklein angeschaut, und hierbei hatte der Florian der
Zenzi, die vor ihm hockte, unter den Rock gesehen und hatte ihr darauf
auch etwas gewiesen. Dabei überraschte sie die Wagnerin, und alsbald
wußte es das ganze Dorf. Die Kinder aber, die fünf- und sechsjährigen,
hatten nichts anderes zu tun, als dies sofort nachzuahmen, und alsbald
saßen auf den Heuböden oder hinter der Planke vom Huberwirt die Pärlein
im Gras und betrachteten einander.
Diese Vorfälle wurden nun von einem alten, frommen Fräulein dem Herrn
Pfarrer hinterbracht, der dann am darauffolgenden Sonntag von der Kanzel
herab wetterte über die Zuchtlosigkeit der Eltern, die nicht acht gehabt
hätten auf das Heiligste der Kinder, auf ihre Unschuld. Viele von den
Eltern hatten es aber in der Sorge um das Ihre übersehen, manche wohl
auch übersehen wollen.
Mit dem beginnenden Sommer fingen wir an, zu fischen. Da suchte man sich
einen Stecken; daran wurde eine alte Gabel gebunden und mit ihr nach den
Dollen oder Mühlkoppen, die sich im Bach unter Steinen, Scherben oder
alten Häfen verborgen hielten, gestochen. Mit dem Stecken wurde der
Stein zur Seite geschoben, und wenn der Fisch hervorschoß, wurde er
angespießt. Ich war nun so geschickt, daß ich sie auch mit der Hand
fangen konnte. Da nahm ich den Rock auf, stieg in den Bach hinein,
bückte mich, tauchte vorsichtig den rechten Arm ins Wasser und näherte
mich mit der Hand dem Fisch, bis er zwischen meinen Fingern stand; dann
griff ich rasch zu. Gegen Abend trugen wir dann in einem alten Hafen den
ganzen Fang heim. War die Großmutter im Stall, so schlug ich in der
Küche die Fische mit einem Stein auf den Kopf, nahm heimlich Schmalz aus
der Speisekammer und warf die Fische, nachdem ich noch schnell Salz,
Mehl und ein paar Eier darangetan, in eine Pfanne. Die gebratenen Dollen
brachte ich dann hinaus vors Haus, wo die anderen Kinder im Gras saßen
und warteten. Unter dem Essen wurde nun erst die Schwimmblase und was
sonst noch im Innern des Fisches war, mit dem Finger herausgeholt.
Einmal freilich wäre ich beim Fischen beinah ertrunken, und das kam so:
Da hat die Großmutter mit unserer Nachbarin, der alten Sailerin, die
sehr schwerhörig war, Wasch g'schwoabt, d. i. Wäsche im Bach gespült.
Als sie beide mit dem schweren Zuber davongingen, rief mir die
Großmutter zu: »Lenei, daß d' fei du dahoam bleibst und ja net abi gehst
am Bach, net daß d' eini fallst und dasaufst.«
Ich aber nahm, dem Verbot zum Trotz, meinen Stecken mit der Gabel und
einen großen Hafen und schlich leise hinterdrein.
Die Großmutter und die Sailerin hatten sich auf die große Waschbank, die
in den Bach hineingebaut war, gekniet und wuschen und hörten bei dem
Rauschen des Wassers nicht, wie ich mich hinter ihrem Rücken auf die
Waschbank legte. Kaum hatte ich mit meinem Stecken einen Stein zur Seite
gerückt, als schon ein großer Dollen herausfuhr. Ich ziele und steche
mit der Gabel zu; aber die war nicht festgebunden und rutscht ab.
Inzwischen war der Fisch zur Seite geschnellt und blieb nahe dem Ufer
über dem Sand stehen. Mir schien die Stelle seicht genug, um ihn jetzt
mit der Hand fangen zu können. Ich stülpe also meinen Ärmel auf, strecke
den Arm aus und will den Fisch fassen, versinke aber mit der Hand tief
in den weichen Ufersand; dabei verliere ich das Gleichgewicht und stürze
in den Bach, jedoch so, daß die Füße noch auf der Waschbank blieben. Den
Kopf unter Wasser zerre und zapple ich so lange, bis ich die Füße
nachziehen konnte. Derweilen hatte mir aber das Wasser schon alle Kraft
genommen, und trieb mich nun unter der Waschbrücke hindurch grad unter
die Hände meiner Großmutter.
»Jess', Mariand Josef, insa Lenei!« schrie sie und ließ das Wäschestück
fahren, packte die alte Sailerin am Arm, schüttelte sie heftig und
schrie ihr ins Ohr: »He, Soalerin, hilf, insa Lenei datrinkt!«
Darauf zogen sie mich heraus und führten mich heim.
Als der Großvater mich sah, meinte er: »Aba Lenei, gel, jetz hast es;
wie leicht kunntst dasuffa sei!«
Der Hausl aber, der auf dem Kanapee saß, spottete: »Gel, bist in Bach
einig'falln, du Schliffi!«
Der Hausl, Balthasar Hauser, wie er eigentlich hieß, war im Übrigen mein
guter Freund. Im Dorf war er freilich wenig beliebt, weil er recht
barsch war und ein großer Geizhals. Ging er umher, so streckte er die
Arme weit hinter sich hinaus; denn er war schon ganz krumm und alt. Er
lebte bei den Großeltern im Austrag und bewohnte die an unsere Wohnstube
anstoßende Kammer. Darin hatte er aus der Mauer ein paar Ziegelsteine
herausgebrochen, das Loch ausgemauert und vor die Öffnung als Tür ein
dickes Brettlein gemacht, das in Scharnieren hing und an das der
Schlosser ein Schloß hatte anbringen müssen. In diesen Behälter tat er
sein Geld und seine Kostbarkeiten, schmierte das Türlein mit Kalk zu und
machte mit einem Farbstift einen winzigen Punkt an die Stelle, wo sich
das Schlüsselloch befand. So glaubte er seine Habe erst sicher vor den
Menschen, denn außer mir wußte niemand um diesen geheimen Ort. Wenn er
nun einige Pfennige brauchte, wie an den Sonntagen zum Bier, so ging er
in seine Kammer, zog die Vorhänge zu, kratzte mit einem Messer den Kalk
vom Schlüsselloch, und sobald er das Wenige, das er jeweils brauchte,
herausgenommen hatte, strich er alles wieder zu und machte einen neuen
Punkt. Das Häflein mit dem Kalk bewahrte er unter dem Bett auf, das
Nachtgeschirr darübergestürzt. Damit nun nicht etwa jemand diese Dinge
fände, putzte er selbst seine Kammer und machte sein Bett. Auch wusch er
selber seine Wäsche; denn er fürchtete, der Großmutter etwas zahlen zu
müssen; und zwar wusch er immer nur ein Stück, hängte es darauf in die
Sonne und setzte sich dazu, damit es ihm nicht etwa gestohlen wurde. Kam
ich an solchen Tagen und sagte: »Hausl, geh mit mir furt!«, so zeigte er
auf sein Sacktüchl und sagte: »Wart a bißl, bis mei Schneuztüchl trucka
is.«
Außer ihm waren bei meinen Großeltern noch Kostkinder im Hause, die die
Großmutter aufzog.
Sie war eigentlich nicht meine rechte Großmutter, sondern nur die
Schwester derselben. Meine leibliche Großmutter habe ich nicht gekannt;
sie war schon lange tot. Von ihr hat mir die Großmutter im Winter, wenn
sie mit der alten Sailerin und der Huberwirtsmarie am Spinnrad saß, viel
erzählt. Sie sei eine sehr böse Frau gewesen, im ganzen Ort gefürchtet,
und alle Leute seien froh gewesen, als sie endlich mit achtunddreißig
Jahren gestorben sei. Sie hatte lange an Magen- und Leberkrebs gelitten;
darum hatte ihre Schwester schon bei ihren Lebzeiten das Hauswesen beim
Großvater geführt und die Kinder erzogen. Eigentlich aber war sie eine
Nähterin.
Als nun der Großvater Witwer war, wollte er die Schwägerin heiraten; da
sie aber in ihrer Jugend Mitglied und später Präfektin des weltlichen
dritten Ordens des heiligen Franziskus geworden war, mußte er deswegen
sich an den Papst wenden, der ihr unter der Bedingung Dispens erteilte,
daß sie mit ihrem Manne eine sogenannte Josephsehe führe, das heißt, die
gelobte Keuschheit bewahre. Daher kam es wohl auch, daß der Großvater
sie immer mit großer Achtung behandelte und ihr niemals ein böses Wort
gab. Nur einmal war eine Geschichte:
Von unsern Kühen gab eine, das Bräundl, zu wenig Milch. Da nahm sich der
Großvater vor, sie nach Holzkirchen auf den Markt zu führen und gegen
eine bessere umzutauschen. Obwohl nun die Großmutter dagegen war, hat er
sie doch fortgetrieben und dafür eine wunderschöne, schwarzfleckige Kuh
heimgebracht.
Als sie nun das erstemal von der Großmutter gemolken wurde, gab auch sie
nur ein paar Liter Milch. Da meinte man, es komme von der Anstrengung;
aber es wurde nicht besser. Als sie nach ungefähr einer Woche nicht mehr
als fünf Liter Milch gab, während wir sonst von unsern Kühen zehn bis
zwölf Liter hatten, ward die Großmutter sehr ärgerlich und fing an, mit
dem Großvater zu streiten und sagte: »Da hättst aa nix Bessers toa
könna, als wie dös Viech daher bringa; hättst halt's Bräundl g'haltn.
Bringst da so an Ranka daher, der oan's Fuada wegfrißt und für nix guat
is.«
Da wurde der Großvater zornig: »Sei stad! Was vastehst denn du, du
Rindviech! Dös ko i da Kuah net o'sehgn, daß koa Milli gibt bei so an
Trumm Euter. Na weis i's halt wieder furt in Gott'snam', daß d' an Ruah
gibst, alt's Rindviech.«
Darauf erwiderte die Großmutter nichts, sondern ging in die Kuchl
hinaus.
Als sie aber beim Nachtessen das Tischgebet sprach, fing sie plötzlich
beim Vaterunser an ganz laut zu schluchzen und lief hinaus. Da sprach
ich das Gebet zu Ende und sagte darauf zum Großvater: »Gel, jetz hast
es, weilst so grob bist. Warum greinst denn a so, wo's es net braucht!
Mei Großmuatta is brav, und balst es no amal schimpfst, nacha mag i di
nimma!«
Darauf sagte der Hausl, der auch mit uns aß: »Woaßt, Handschuasta, dös
sell muaß i selm sagn; da hast an schlechtn Tausch g'macht. Da hat d'
Handschuasterin scho recht, und i moan, dösmal warst du's Rindviech
g'wen.«
Diese Rede freute mich, und ich ließ das Essen stehen, lief zur
Großmutter in die Küche, setzte mich auf ihren Schoß und sagte:
»Großmuatterl, sei stad und woan nimma. Der Großvata is dir scho wieda
guat und der Hausl sagt's aa, daß der Großvata 's Rindviech is. Jatz
weist er d' Kuah wieder furt und kaaft dir a andere. Und i hab's eahm
scho g'sagt, er darf di nimma ausgreina.«
Da nahm sie mich um den Hals und sagte: »Du bist halt mei Brave, gel
Lenei.«
Darauf aß ich mit ihr draußen in der Küche zur Nacht, zog sie danach
wieder in die Stube und rief: »So Großvata, jatz is dir d' Großmuatta
wieda guat und woant nimma; jatz muaßt aba versprecha, daß d' es wieda
magst und nimma greinst.«