Randers.
8.
(Tagebuchblätter.)
Dass Beethoven das Meer nicht kennen gelernt hat. Sein Atem ist wie der
des Ozeans. Dieser grosszügige Wellengang seiner Melodie. Der hätte uns
eine Ozeansymphonie schenken müssen.
Dass alle unsere Grössten dem Meer so fremd waren! Goethe, Schiller,
Beethoven.
Byron, der kannte das Meer!
Und Böcklin kennt es!
* * * * *
Wie organisch die Phantasiegebilde Böcklins sind, sehe ich an Thoma,
diesem lieben, stillen, deutschen Meister. Dem gelingen seine Bockfüsser
nicht immer, Menschen mit Ziegenbeinen. Aber ein Böcklinscher Faun, der
ist echt.
* * * * *
Ich sehe die Natur böcklinisch, d.h. in vielen guten Augenblicken. Das
macht, Böcklin ist so wahr wie die Natur selbst, er hat sie erfasst, hat
sie in ihren Muttertiefen belauscht. Die Natur ist böcklinisch. Nie
erinnert sie mich an Klinger, so gross der ist, so sehr ich ihn verehre.
Aber Böcklin liebe ich. Und es ist nicht nur das Meer, die Nähe des
Meeres. Neulich auf der Dorfstrasse, die dunklen Lindenwipfeln gegen den
Abendhimmel--Farbe, Stimmung, Musik: alles Böcklin. Oder die kleinen
schwarzen Steine, die aus den Watten herausgucken, wenn die Flut leise
heranspült, eine Möwe ruhte sich auf dem grössten Stein: Klinger
zeichnet so was auch, ganz köstlich. Aber die Natur erinnert mich nie
an ihn. Das macht, er ist viel zu sehr Klinger.
Böcklin: Monolog! Klinger: Dialog!
Bei dem einen redet nur die Natur, dem Zauberstab des grossen Künstlers
gehorsam. Beim andern wird eine Unterhaltung draus, ein Zwiegespräch.
Der Künstler hat geistreiche Antworten, Einwände, auch mal einen Witz.
Er ist nicht--rein. Wohlverstanden!
* * * * *
Welcher Blödsinn: Moderne Kunst! Echte Kunst steht über allen Zeiten,
ist _immer_ und _nie_ modern.
* * * * *
Nordsee.
Ein frischer Nordnordwest mit wilden Rufen,
Er packt das Meer und zerrt es an den Mähnen.
Da schirrt es sich; da stampft's von tausend Hufen,
Viel tausend Rosse blecken mit den Zähnen;
und lauter klatscht von seinen Wolkenstufen
Der Gott hernieder seine Peitschensträhnen;
Drauf seh, als Sporn und Stacheln Eile schufen,
Den Griesbart greinend ich hintüberlehnen.
* * * * *
Non est.
In dieser grenzenlosen Einsamkeit
Blüht neu in mir ein reineres Gefühl,
Und aus dem Zwang der innern Qual befreit,
Lausch ich der Wellen plätscherndem Gespühl;
Und vor mir fliegt ein weisses Mädchenkleid,
Es drängt der Locken wirrendes Gewühl,
Und wie das Sternenlicht im Schaum versprüht,
Seh ich ein Augenpaar, das mir erglüht.
* * * * *
Ob Gerdsen sich noch mit dem Roman quält? Mir ist diese ganze Idee mit
dem Roman schon albern geworden. Er soll sich nicht weiter bemühen, oder
es deichseln, wie er will. Wenn er seinen Helden (sic!) mit der Komtesse
Bruckner kopuliert, werden es ihm die Leserinnen danken und der Verleger
auch.
* * * * *
Moiken. Aber nein!
Moiken hat so was dummes, so was--sachliches. Ein Stück Mensch. Isst,
trinkt, schläft und ist da. Sag ich komm! kommt sie, geh! so geht sie.
Daran könnte sich eigentlich der Mann genügen lassen. Aber da hapert's.
Der "Nichts als Mann", ja! Aber wenn man sich Blockhäuser baut, Blumen
in ein leeres Zimmer stellt und Verse macht--ist man da eigentlich noch
Mann?
* * * * *
Ein Kork, der den tiefen Drang in sich spürt, sich zu ersäufen! Ich kann
mich selbst manchmal nur ironisch nehmen. Diese verdammte Neigung über
sich selbst zu grübeln. Nicht Neigung, sondern Zwang, Verhängnis!
* * * * *
Des Leuchtturmwärters Frau mit ihrem Heimweh. Sie verbittert ihm die
Einsamkeit, die ihm Lebensbedürfnis ist. Er war früher Musiker bei der
Matrosenkapelle. Ein Sonderling, verrückt! Natürlich! Ich aber verstehe
ihn. Die Frau versteh ich freilich auch. Er wird ihr eines Tags
nachgeben und seinen Posten quittieren, wieder unter die Leute gehen. Es
ist immer die Frau, die den Mann sich nicht ausleben lässt, so oder so.
Sie tut mir übrigens leid.
* * * * *
Die Musik, vor allem die nordische, kann einen so weit bringen,
Leuchtturmwächter zu werden. Musik, diese Allerweltssprache, die jeder
versteht; sie sollte also verbinden, ausgleichen. Mich aber isoliert
sie. Ein Beethovensches Adagio isoliert mich, führt mich ganz auf mich
selbst zurück. Ich möchte nach jeder Musik, die mich völlig ergriffen
hat, in die Einsamkeit.
* * * * *
Das Schauspiel der intelligenten, geistvollen Schriftsteller, die gerne
Dichter sein wollen. Aber das ist ihnen versagt. So ein reines einfaches
Gemüt, das an intellektuellem Besitz nicht den zehnten Teil in die
Wagschale zu werfen hat, findet Töne, die einen den ganzen Geistreichtum
der andren vergessen lassen, als etwas von dieser Welt. Jene Töne aber
stammen aus einer Welt, für deren Seligkeiten alle Päpste und Könige
dieser Welt ihre Kronen und Throne geben würden.
* * * * *
Dichter und Propheten, ihnen ist der Himmel offen.
* * * * *
Schaffenslust und Schaffensqualen. Ja, aber so aus dem Vollen schaffen
können, diese göttliche Freude, diese fröhliche Göttlichkeit, wiegt das
nicht alle Qualen auf? Aber dagegen die Qualen der Halben, die nur ein
versprengter Tropfen des heiligen Öls traf. Wollen, wollen und nicht
können. Glühen, aber es wollen keine Flammen werden.
* * * * *
Das denk ich mir die grösste Vaterfreude: einen Sohn haben, in dem das,
was in einem glühte, Flamme ward. In dem hellen leuchtenden Tag seine
Nächte und Träume wiedererkennen, seine gebärenden, schmerzlichen
Nächte.
* * * * *
Wenn ich von Fides träume, ist es immer dieselbe Situation. Wir gehen
zusammen durch ein reifes Kornfeld. Der Himmel glüht in einem sanften
Abendrot. Wir sprechen nicht, gehen nur stumm nebeneinander, bis sie
allmählich wie ein Schatten vor mir entschwebt, nach der Seite hin
wegrückt. Wie die Entfernung wächst, ihre Gestalt undeutlicher wird,
wächst eine seltsame Angst in mir; ich will ihr zurufen, aber die Stimme
versagt. Schon drei- oder viermal hatte ich diesen Traum. Nur einmal
vermischte sie sich mit Moikens Bild, und ich trank ihre Küsse von
Moikens Lippen.
9.
Im Rantumer Krug waren Gäste eingekehrt. Moiken hatte alle Hände voll zu
tun, als auch Randers nach einer langen Dünenwanderung etwas ermüdet
eintrat. Im Gastzimmer sassen ein paar Männer von Rantum beim
Kaffeepunsch; im Hinterzimmer, der guten Stube mit den weichen
Polstermöbeln, sass eine Dame vor einem Teller mit Spiegeleiern.
Randersens erster Gedanke war: Spiegeleier? Sieh, darauf hättest du auch
Appetit.
Aber dann nahm ihn natürlich die Dame ganz in Anspruch. Eine Fremde? Um
diese Zeit?
Er stand ein paar Sekunden unschlüssig in der Tür, zwischen den beiden
Zimmern. Er sah sich nach den Kaffeepunschtrinkern um.
Das war ja Jens Petersen Dirks.
"Tag, Herr Dirks!"
Er sagte das so laut, dass die Dame, die nach einem flüchtigen Blick auf
ihn ihre ganze Aufmerksamkeit wieder den Eiern zugewandt hatte, ihn
verwundert ansah.
Moiken kam aus der Küche mit einem Teller voll Butterbrot für die
Rantumer.
"Sagen Sie mal, kann man Spiegeleier bekommen?" fragte er, lauter als
notwendig war.
Er ging händereibend auf sie zu und trat auf, als ob er kalte Füsse
hätte.
Er setzte sich an einen freien Tisch, stand aber gleich wieder auf.
"Wollen Sie mir's da hineinbringen, Moiken?"
Er ging ins andere Zimmer.
"Gnädiges Fräulein erlauben?"
Er schnarrte wie ein Leutnant, machte zwei kurze schnelle Verbeugungen
und liess sich an einem Nebentisch nieder.
Die Dame sagte nichts, warf nur einen kurzen, forschenden Blick zu ihm
hinüber.
"Warm heute draussen, gnädiges Fräulein."
Es klang beinah hastig.
Sie hatte gerad ein Stückchen Brot in den Mund geschoben und konnte
nicht gleich antworten, als Moiken hereintrat und ihm etwas ins Ohr
sagte.
Randers sprang sofort auf.
"Ach, ich bitte um Entschuldigung. Das wusste ich nicht," schnarrte er.
"Bitte sehr, ich habe kein Recht, Sie hier zu vertreiben," sagte die
Fremde.
Aber Randers zog sich mit einer Verbeugung ins andere Zimmer zurück.
"Wer ist denn das?" fragte er Moiken.
Moiken setzte sich einen Augenblick ihm gegenüber.
Sie zuckte mit den Achseln.
"Von Wenningstedt. Sie sagte, ob wir nicht ein Zimmer hätten, wo sie
allein essen könnte."
"Schon lange hier?"
"Halbe Stunde vielleicht."
"Will sie noch weiter?"
Moiken wusste das nicht.
Randers ass seine Eier und horchte auf jedes Geräusch im Nebenzimmer.
Jetzt legte sie die Gabel hin. Jetzt klirrte etwas an ihr Glas. Sie
schenkte sich ein.--
Ich habe nicht das Recht, Sie zu vertreiben. Eine Stimme hatte das
Frauenzimmer. Er war ein Narr, dass er nicht geblieben war.
Wenn er sich den Ton ihrer Worte zurückrief, so schien ihm etwas von
einer versteckten Aufforderung zum Bleiben darin zu liegen.
Er winkte Moiken heran.
"Wo wohnt sie in Wenningstedt?"
Moiken wusste von nichts.
"Können Sie nicht mal fragen?"
Moiken antwortete nicht darauf.
Randers begann eine laute Unterhaltung mit den Rantumern. Sie schrieen
sich an, als sässen sie weit getrennt.
Nach fünf Minuten wurde vom andern Zimmer aus die Tür zugemacht. Die
Rantumer achteten nicht darauf, aber Randers lief rot an. Es war ihm die
ganze Zeit schon selbst aufgefallen, wie laut er sich benahm, aber ein
gewisser Trotz, oder war es Nervosität, hatte ihn dabei beharren lassen.
Jetzt ärgerte er sich. Was wird sie von dir denken?
Aber dann lächelte er.
Was liegt dir daran? Wer ist sie? Hatte sie ein graues Kleid an oder ein
braunes? Hatte sie eigentlich einen Hut auf? Du weisst gar nichts von
ihr, nicht einmal ob sie hübsche Augen hat. Nur die Tatsache, dass sie
Dame ist, eine Fremde, etwas in einem Sinne also Geheimnisvolles,
genügt, dich so aufzuregen.
"Moiken, soll ich eine Zigarre haben," schrie er von seinem Sitze aus in
die Küche hinein, deren Tür Moiken immer offen liess.
"Ja, gleich, nehmen Sie man," klang es zurück.
Er ging an das Büffet, nahm eine Zigarre aus dem Kistchen, von den
leichten; er brauchte drei Streichhölzchen, bis sie endlich brannte.
Die Rantumer erhoben sich geräuschvoll und gingen.
Gott sei Dank! Nun war er allein. Ob sie auch bald gehen würde? Das
wollte er abwarten, auf jeden Fall, und wenn er eine Stunde warten
sollte.
Auf einmal hatte er einen Einfall. Er ging mit der brennenden Zigarre
ins Nebenzimmer.
"Gnädiges Fräulein gestatten?"
Sie war ein klein wenig verwirrt in die Höhe gefahren. Vielleicht hatte
sie geruht; in der Sofaecke? Gelesen? Geschlummert?
Sie hatte grosse dunkle Augen und war blond.
Das sah Randers flüchtig, als er an die grosse Wandkarte vom alten Sylt,
die hier aufgehängt war, herantrat. Er tat, als suche er etwas auf der
Karte, während hinter ihm mit dem Zeitungsblatt geknittert wurde;
ungeduldig, nervös, wie es ihm schien.
Er hatte Zeit. Aber er konnte doch nicht eine Viertelstunde vor der
Karte stehen bleiben.
"Die Unterhaltung wurde Ihnen wohl zu lärmend, gnädiges Fräulein," sagte
er, sich umwendend. "Die Leute sind es hier nicht anders gewohnt. Man
spricht sehr laut hier."
"Ja, das merkte ich schon."
"Gnädiges Fräulein sind schon lange auf der Insel?"
"Seit ein paar Tagen."
"Gnädiges Fräulein gestatten?"
Er zog einen Stuhl heran.
Sie sagte nicht ja und nicht nein, und er setzte sich.
"Sie wohnen in Westerland?"
"Westerland? Nein."
Sie war verdammt einsilbig, und ihre Blicke gingen wiederholt nach der
Tür. Jetzt schlug sie gar mit der Gabel laut ans Glas.
"Sie befehlen?"
Er sprang auf. Aber Moiken trat schon ein.
"Was bin ich schuldig?" fragte die Fremde.
Randers war taktvoll genug, sich wieder an die Wandkarte
zurückzuziehen.
Er war blutrot und ärgerte sich.
Er war gehörig abgeblitzt.
Was jetzt?
Er musste bleiben, bis sie ging. Er konnte doch nicht jetzt aus dem
Zimmer gehen. Er setzte sich an den Nebentisch und sah in die Zeitung.
Die Fremde hatte sich erhoben und liess sich von Moiken den Regenmantel
umlegen.
"Famose Figur," dachte Randers, über die Zeitung hinwegsehend.
"Donnerwetter! Und diese stolze Anmut, diese Sicherheit."
Moiken, die ihm gerade bis an die Schulter reichte, reichte der Fremden
eben bis an die Nasenspitze.
Randers stand auf.
Mit diesem königlichen Wuchs musste er sich messen.
Er ging hart hinter ihr vorbei ans Fenster. Sie war fast so gross wie
er. Ein ganz leichter Blumenduft ging von ihr aus. War es Veilchen oder
Maiblume?
Ihr Haar, im Nacken leicht gekräuselt, war ganz goldig, da gerade die
Sonne drauf fiel.
Draussen auf dem Holzhaufen im Hof spielten ein paar junge Kätzchen.
Immer lag das weisse nach kurzem Kampfe auf dem Rücken. Das gefleckte
kugelte es mit einem Schlag seines kleinen Pfötchens in den Sand. Dem
konnte Randers sonst lange zusehen. Auch jetzt amüsierten ihn die
Kätzchen, trotzdem er mit seinen Gedanken nur bei der schönen Fremden
war, deren Regenmantel hinter seinem Rücken rauschte.
Als die Fremde ging, mit einer stummen, kaum merklichen Neigung des
Kopfes, folgte er ihr nicht gleich vor die Tür. Er sah ihr einen
Augenblick aus dem Fenster des Gastzimmers nach, wie sie langsam den
Wiesenweg an die Watten herunterging und rechts um das Haus hin
verschwand.
Dann erst trat er vor die Haustüre, ging denselben Weg, blieb stehen,
sah ihr nach, kehrte langsam wieder um und schlug den Weg in die Dünen
ein.
10.
Randers ging am Aussenstrand.
Ob sie nach der Bake will? Dann triffst du sie.
Oder auch nicht.
Eigentlich hätte er ihr nachgehen sollen. Sie hatte doch nicht allein
das Recht, an der Wattenseite zu gehen.
Warum war er ihr nicht nachgegangen? Er war doch sonst nicht änglichst
in solchen Sachen. Warum gerade jetzt?
Er kletterte zweimal auf die Dünen hinauf und hielt Rundschau. Aber
keine Spur von einer Dame. Ein paar Dünenschafe jagte er auf, das war
alles.
Du bist ein Narr!
Vielleicht ist sie längst wieder auf dem Rückweg.
Aber er lief doch bis Hörnum Odde, ganz bis an die äusserste Spitze. Er
war tatsächlich schon im Laufen. Der glatte Strandsand bot während der
Ebbe dem Fussgänger keine Schwierigkeit. Aber Randers wurde doch warm.
Er nahm seine Mütze ab und sah dabei, dass sie schon recht schmutzig
war; sie war so schön weiss gewesen, leuchtend.
"Das geht doch nicht," sagte er laut. Er setzte die Mütze wieder auf,
schob sie ganz in den Nacken und stapfte weiter.
Der Sand ward tiefer, und Randers musste "storchen", dabei schlenkerte
er mit seinen langen Armen, als wäre er besonders unternehmungslustig.
Er dachte aber nur, ob er sich nicht heute Nachmittag schon in
Westerland eine neue Mütze kaufen solle. Ja, das wollte er!
Der Entschluss schien ihn zu beruhigen. Er schlenkerte nicht mehr so
heftig mit den Armen. Und dann begann er zu singen.
"Winterstürme wichen dem Wonnemond."
Als er nach Rantum zurückkehrte, hörte er, die Dame sei nach einer
halben Stunde wieder vorbei gekommen, in die Dünen hineingegangen und
wäre wahrscheinlich am Strand nach Wenningstedt zurückgegangen.
Randers lächelte kaum merklich. Dumm, dachte er. Aber er war doch nicht
so sehr ärgerlich. Nur etwas müde war er geworden und beschloss
infolgedessen, die Mütze erst morgen zu kaufen.
Er betrachtete die alte noch einmal, zeigte sie Moiken und meinte:
"Was sagen Sie zu der Mütze?"
Moiken wusste nicht, was er wollte.
"Ist sie nicht schon recht schmutzig?" fragte er.
"Die ist noch lange gut," meinte Moiken.
Randers setzte die Mütze auf, zog das Sturmband unters Kinn und trat vor
den kleinen Wandspiegel. Er drehte den Kopf wie ein eitles Frauenzimmer.
"Ach nee," sagte er, "das geht nicht!"
Er warf die Mütze auf den Tisch und setzte sich vor die Suppe, die
Moiken ihm aufgetragen hatte. Er ass in der Regel im Krug zu Mittag.
Moiken setzte sich zu ihm. Sie roch nach Kaffeepunsch, den ihr ein Gast
gespendet hatte.
Randers war heute empfindlich, mochte diesen Kaffeepunschatem nicht. Ihr
breites, gutes Gesicht mit den vollen, sinnlichen Lippen kam ihm
gewöhnlicher als sonst vor:
"Willst du dich nicht 'n bisschen schlafen legen?" fragte er.
Er duzte sie oft.
"Schlafen?" fragte sie verwundert.
"Du hast ja Punsch getrunken."
Sie lachte laut auf.
"Ach, das tut mir nichts."
"Du trinkst wohl oft mal so einen heimlichen?"
"Sie glauben auch wohl."
"Na, na!"
"Aber was ich sage!"
Sie war wirklich entrüstet.
Er lachte gutmütig.
"Lass gut sein. Ich scherz ja nur."
Nach dem Essen konnte er sich nicht enthalten, ihr rundes Gesicht, das
wirklich ein wenig glühte, zwischen beide Hände zu nehmen.
Sie wehrte sich, aber es half ihr nichts, ihr Kopf sass wie zwischen dem
Schraubstock.
"Wie 'n Backofen," sagte er und bog ihr den widerstrebenden Kopf nach
hinten.
"Jetzt bekommst du einen Kuss, Moiken," sagte er.
Aber es wurden zwei.
11.
Ausleben, nicht absterben!
Randers kaufte beim Gärtner in Westerland ein paar rote Astern und
stellte sie wieder oben hinauf, ins Fremdenzimmer. Er lächelte dabei,
ein wenig spöttisch:
"Ob sie wohl kommen wird?"
Aber es ward aus dem Lächeln doch zuletzt ein befriedigtes Schmunzeln.
Es war ja auch auf seinem Programm. Das Bauer war fertig, den Vogel
musste er noch fangen. Aber einen Wildvogel. Ein verstecktes Dünennest,
und der Sturm darüber hin. Und ab und zu ein Ausflug zu zweien.
Auf seinen einsamen Wanderungen durch die Dünenwildnis ging sie neben
ihm, das Weib seiner Sehnsucht. Im Sand des umschäumten Strandes lag sie
an seiner Seite, und ihre Gedanken waren seine Gedanken. Und wenn er
sich abends müde in das Dunkel seines Blockhauses hineintappte, und dann
die Lampe aufflammte, ward er wieder munter in der Stille dieser vier
einsamen Wände, die ihm mit der Eindringlichkeit stummen Fragens immer
auf das eine zurückwiesen: Wo bleibt sie?
War es denn wirklich nur Freiheitsdrang, Einsamkeitsliebe, was ihn in
die Wildnis getrieben hatte? War es nicht vielleicht eine besondere Art
Verrücktheit von Erotomanie, die ihn dieses ganze Phantasiegebäude von
Dünen- und Blockhausromantik um das "Weib" hatte aufbauen lassen, das
Weib, wie er es träumte, und wie es nicht da war auf dieser Welt?
12.
Der Himmel war wolkenlos, nur am Horizont war eine leichte, milchige
Trübung. Das Meer war stahlblau und nur schwach bewegt. Es war völlige
Windstille. Ruhig, in breiten, schaumlosen Wellen hob sich die Flut.
Erst dicht vor dem Strand setzten die Wellen ihre weissen Mützen auf,
ohne die sie ihm nie einen Besuch machten.
Es war gegen Mittag, Randers lag auf der Terrasse des roten Kliffs und
war ärgerlich, trotz der schönen neuen weissen Mütze. Etwas auch gerade
infolge dieser Mütze. Er log sich nie auf die Dauer etwas vor, gestand
sich mit der Zeit alle seine Schwächen ein. Er wusste auch jetzt ganz
gut, dass er ohne jene spiegeleieressende Fremde noch heute mit der
alten schmutzigen Mütze herumliefe.
Und nun hatte er wieder dieser Fremden wegen einen weiten Weg vergeblich
gemacht.
Nein, das konnte er nicht sagen. Ganz vergeblich nicht. Er hatte in
Wenningstedt erfahren, wo sie wohnte, wie sie hiess, woher sie war, und
wohin sie heute morgen gegangen war.
Und vor allem--sie hatte auf unbestimmte Zeit Wohnung genommen und
durchblicken lassen, dass sich ihr Aufenthalt möglicherweise bis Mai
oder gar Juni verlängern könne. Sie wolle nach ihrem Gefallen leben und
frei sein. Daher war sie vor der Saison gekommen. Auf vier Wochen hatte
sie erst einmal fest gemietet.
So viel Grund hatte Randers, zufrieden zu sein, aber der eine Umstand,
dass er ihr nach Kämpen, bis zum Leuchtturm, nachgelaufen war und sie
wieder verfehlt hatte, stimmte ihn augenblicklich ärgerlich. Die Insel
war doch verdammt gross, wenn es galt, jemand "zufällig" zu treffen. Es
könnte ganz gut ein Vierteljahr vergehen, während dessen sie immer
zwischen den Dünen hinter einander herliefen, um einander herum, nur
durch einen Sandhügel getrennt, ohne sich zu treffen. Beide störten
vielleicht dieselbe Schafherde aus ihrer Verdauungsruhe. Der Hase, den
er aufscheuchte, jagte ihr vielleicht hinter der nächsten Düne einen
Schrecken ein. Ja, das war alles möglich.
Der Gedanke machte ihn ganz nervös. Er würde sie nie treffen, wenn er
nicht heute in Wenningstedt bliebe, in ihrem Hotel übernachtete und sich
ihr morgen beim Frühstückskaffee vorstellte.
Fräulein Lorenzen aus Tönning. Randers war in Tönning bekannt. Da war
der reiche Weinhändler Lorenzen. Aber der hatte nur verheiratete
Töchter. Vielleicht eine Nichte von ihm. Der Weinhändler hatte einen
Bruder in Hamburg, einen Reeder.
Randers war geneigt, die Dame für Fräulein Lorenzen aus Hamburg zu
halten. Jedenfalls reiche Reederstochter, Senatorstochter.
Patrizierblut. Alter Hanseatenadel.
Randers lag in der Sonne und ärgerte sich. Er lag auf dem Rücken, die
Mütze übers Gesicht gezogen, so dass er nur eben unter dem Schirm auf
den rötlich flammenden Sand blinzeln konnte. Alle Augenblicke nahm er
eine Handvoll Sand und warf sie über den Rand der Terrasse in die Luft.
Dann wälzte er sich auf die Seite, liess den feinen blitzenden Sand
durch die hohle Rechte auf den Rücken der linken Hand rieseln, mit
unendlicher Ausdauer und finsteren Mienen. Plötzlich nahm er ganze
Hände voll Sand und warf sie über die Terrasse in die Tiefe, immer mehr,
immer schneller, der grosse Junge, der er war.
13.
Randers hatte im Hotel zu Mittag gegessen und schlürfte seinen Kaffee
auf der Veranda, als er hinter sich im Speisesaal ihre Stimme hörte. Sie
beklagte sich beim Wirt halb ärgerlich, halb belustigt, dass sie sich
umkleiden müsse. Irgend jemand hätte sie vom rotem Kliff herab mit Sand
förmlich überschüttet.
Randers war betrübt, entsetzt. Er unterdrückte einen Fluch.
Er horchte, aber er verstand nichts weiter. Gut. Sie ging wenigstens.
Er wollte den Wirt rufen und zahlen. Aber der würde ihm natürlich die
grosse Neuigkeit erzählen. Fräulein Lorenzen mit Sand bombardiert! Was
sollte er dazu sagen, für ein Gesicht machen? Er würde sich verraten,
sie erführe es, und es wäre aus, alles aus! Adieu!
Er schwang sich über die niedere Brüstung der Veranda und lief in die
Heide hinaus.
14.
Randers hatte nach Wenningstedt wollen. Er musste die Sache mit dem Wirt
ordnen. So davon zu laufen, ohne zu zahlen. Aber Randers konnte an
diesem Nachmittag nicht nach Wenningstedt. Der Nebel wollte es nicht,
der leichte, ziehende Nebel, der sich ganz plötzlich erhoben hatte! Der
Himmel war noch klar, aber Strand, Watten, See, alles war in diesem
weisslichen Nebelmeer ertrunken.
Dumm! sagte Randers laut.
Ob er in den Krug ginge? Dahin fände er auch durch den Nebel.
Am Ende war es ein ganz netter Schreib- und Leseabend. Er könnte auch zu
Hause bleiben. Die neuen Maeterlincks lagen noch unaufgeschnitten da und
der letzte d'Annunzio, "Triumph des Todes."
Er warf einen Blick in den Roman, schlug achtlos eine Seite auf:
"Sein Herz schwoll vor verworrener Sehnsucht nach physischer Kraft, nach
siegreicher Gesundheit, nach einem Leben voll fast wilden Genusses, nach
einfacher unverbildeter Liebe, nach der grossen, ursprünglichen
Freiheit. Er empfand wie ein augenblickliches Bedürfnis, die alte Hülle,
die ihn bedrückte, zu zerbrechen und ihr als ein gänzlich neuer Mensch
zu entsteigen, frei von allen Nebeln, die ihn betrübt, von allen
Gebrechen, die ihn behindert hatten. Er hatte die verführerische Vision
eines zukünftigen Daseins, in dem er, erlöst von allen verhängnisvollen
Eigenschaften, von aller äusseren Tyrannei, von jedem traurigen Irrtum,
die Dinge sah, als ob er sie zum erstenmale sähe und vor sich das ganze
weite Weltall hatte, offen wie ein menschliches Angesicht. Konnte denn
das Wunder nicht von diesem jungen Weibe kommen, das an dem Steintisch
unter der stillen Eiche das neue Brot gebrochen und mit ihm geteilt
hatte? konnte es denn nicht an diesem Tage beginnen, das neue Leben?"
Das hielt ihn.
Randers steckte die Lampe an. Er wollte lesen.
Das neue Leben von diesem Weibe?
Er wollte gerade die Fensterläden schliessen als es draussen klopfte.
Der wackelige Türgriff klirrte, und die Tür knarrte, als würde sie
zögernd geöffnet.
Randers trat mit der Lampe in der Hand auf den Flur hinaus und sah
erstaunt in das ebenso erstaunte Gesicht Fräulein Lorenzens.
"Verzeihen Sie," sagte sie, "ich sah hier plötzlich ein Licht
aufleuchten. Man sieht keine Hand vor Augen draussen. Ich finde mich
nicht zurecht."
"Sie sind dicht vor Rantum," sagte er, immer noch verwirrt.
Sie lachte.
"Höchst erfreulich. Aber ich sehe es nicht."
Sie war seiner Einladung ins Zimmer gefolgt. Sie war ganz durchnässt vom
Nebel, und er sah an ihrem Kleid Spuren von feuchtem Sand. Sie musste
gefallen sein.
"Sie entschuldigen diesen Aufzug," sagte sie, "ich bin wohl sechsmal
gestolpert."
"Sie haben sich doch nicht verletzt?"
Sie besah ihre Hände, die ohne Handschuhe waren.
"Ein paar Schrammen," lachte sie.
"Ich hole Ihnen Wasser. Darf ich Ihnen irgend etwas geben? Sie können in
dem Nebel nicht weiter."
"O danke, bemühen Sie sich nicht. Wenn ich nur bis Rantum komme."
"Es klärt sich gewiss noch auf. Aber ich bringe Sie noch hin."
"Wenn es sich noch aufklärt, und Sie erlauben, dass ich verweile?"
Sie liess sich auf dem angebotenen Sofaplatz nieder.
Er sah, dass sie verwundert war, eine solche Behausung hier zu treffen.
"Mein Blockhaus," sagte er.
"Das ist ja märchenhaft. Sie wohnen hier?"
"Seit dem Herbst."
"Das muss köstlich sein."
"Wenn man Einsamkeit liebt."
Sie sah ihn forschend an. Er wurde rot unter diesen Blicken. Seine Sünde
vom roten Kliff fiel ihm plötzlich ein.
"Ich bin auch hierhergekommen, um die Einsamkeit zu suchen," sagte sie,
"ich habe sie ja auch in Wenningstedt, jetzt noch, so lange keine
Badegäste kommen."
"Ja, die Badegäste!"
"Aber dies ist wirklich beneidenswert. Und Sie werden länger hier
hausen?"
"So lange es mir gefällt."
"Und ganz allein?"
Er zuckte die Achseln.
"Was soll man machen? Die schönste Einsamkeit ist freilich die zu
zweien."
"Meinen Sie?"
Er lächelte etwas verlegen.
"Einsamkeit will sprechen," sagte er.
Sie hatte gedankenlos mit dem Roman gespielt und warf jetzt einen
flüchtigen Blick auf den Titel.
"Mögen Sie den?" fragte sie.
"Sie nicht?"
"Nein. Er quält mich. Er füttert einem zu Tode. Zu masslos. Man schenkt
eine Rose, einen Strauss, aber man schüttet einem nicht einen Waschkorb
voll Rosen über den Kopf, wenn man nicht die Absicht hat, einen
angenehm zu ersticken."
Er lachte.
"Sie haben nicht unrecht."
Sie wurde wieder unruhig, sah nach der Uhr und warf einen Blick nach dem
Fenster.
"Wie soll ich nach Wenningstedt kommen, wenn der Nebel nicht nachlässt?"
"Übernachten Sie in Rantum."
"Kann man denn das?"
"Gewiss!"
Er stiess den Laden auf. Sie sahen beide ins Graue; ein dicker,
undurchdringlicher Nebel.
"Er ist stärker geworden," sagte er.
Sie schwieg und sah ratlos in die graue Dunstmasse.
"Es ist nicht weit bis Rantum?"
"Eine halbe Stunde. Freilich, in diesem Nebel geht's nicht so schnell."
"Entsetzlich!"
Es kam aus tiefstem Herzen, aber sie lachte doch dabei.
"Wollen Sie durchaus nach Rantum, bringe ich sie hin," sagte er, "aber
wenn ich Ihnen dienen darf, ich habe oben ein freies Zimmer, ein
Fremdenzimmer, ganz komfortable."
Er war ganz rot.
"Aber nein," rief sie ungläubig aus.
"Aber doch! Es hat's noch niemand benutzt. Wenn Sie ihm die die Weihe
geben wollen. Es ist alles vorhanden, dessen Sie bedürfen könnten,
wenigstens für eine Nacht."
Sie wurde etwas verlegen. Aber dann sagte sie nach kurzem Besinnen "ja".
"Welch ein Abenteuer!"
"Eine Nacht in Nebelheim," scherzte er.
15.
(Tagebuchblätter.)
Der Strandvogt, dieser Hüne, scheint mir ein wenig unter dem Pantoffel
seiner Frau zu stehen. Wenigstens überlässt er ihr das Regiment. Die
schwerfällige Kraft räumt der rührigen, feineren Intelligenz freiwillig
das Feld. Aber sie muss ihn zu nehmen wissen und ihn sanft leiten. Bei
einem ernsten Zusammenstoss zieht sie trotz allem den kürzeren, denn
seinen Kopf hat er auch und nicht nur die Fäuste ihn durchzusetzen.
Eigentlich ein sehr glückliches Verhältnis.
* * * * *
War das ein Sturm gestern Abend. Der Schwede mit seiner Schieferladung
sitzt da gut. Ordentlich eingerammt in den Sand! Muss doch mal wieder
nachsehen, was noch zusammenhält von dem Kasten. Wie die Säcke rutschten
die Kerle an dem Rettungstau durch die Brandung. Der eine hatte sich
alle Finger bis auf die Knochen durchgeschnitten. Der Schiffsjunge war
halb tot. Armer Bengel! Es war seine erste Reise von Muttern weg.
Da muss man den Strandvogt sehen. Ruhig, umsichtig, den stärksten Sturm
mit der Gewalt seiner Lungen überbrüllend. Es ist doch etwas herrliches
um die physische Manneskraft, wenn sie mit Mut und Unerschrockenheit
verbunden ist. Nur kein Athletenkram, keine Krafthuberei. Der stärkste
Mann der Welt! Preisochse!
* * * * *
Die See geht noch immer hoch. Aber es ist ein prächtiger, himmelblauer
Tag. Die See gleisst. Ganz köstlicher Anblick, diese gleissende See, ein
flüssiges Metall. Von Hörnum Odde aus die Brandung gesehen, weit hinten
in der See, wie sie über die Sandbank schäumt.
Böcklinsche Meerweiber natürlich darin, weisse Leiber, in der Sonne
leuchtend, triefende Arme, Gelächter, wie wenn Wellen über Muscheln
spielen. An den feuchten Haaren reissen sie sich einander zurück, balgen
sich, toll ausgelassen.
O hinein, hinein unter diese brandenden Leiber, ein tollender Triton,
urfrische Sinnesfreude.
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Famoses Weib. Muss doch aufspüren, wo sie sich eingenistet hat. Diese
Figur, diese imponierende Zurückhaltung. Einfach abgewimmelt. Nach allen
Regeln.
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Ganzen Tag auf der Suche. Bin ich in Hörnum, sitzt sie natürlich in
List. Muss sie direkt in Wenningstedt abwarten.
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Fräulein Lorenzen aus Tönning. Sie will bleiben, so lange es ihr
gefällt, will Einsamkeit. Fräulein Lorenzen aus Tönning, ich suche Sie,
wir gehören zusammen.
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Natürlich, so muss es sein. Sie sitzt da unten, und ich bombardiere sie
nichtsahnend mit Sand. Und diese alberne Flucht aus dem Hotel, wie ein
Dieb übern Zaun.--
Ich schlafe nicht, ich wache nicht, ich träume nur, und nur von ihr. Es
ist auch zu einsam hier, man muss etwas haben, was einen beschäftigt,
einen ausfüllt. Der Mensch muss immer hinter etwas her sein, soll er
das Leben ertragen, hinter einem Weib, einem Ideal, einem Orden, einem
Lotteriegewinn.
* * * * *
Wenn man so im Dünensand liegt, der Wind geht über einen weg, und um
einen herum rieselt's, rieselt's, rieselt's so ganz sachte, alle die
tausend feinen Körnchen in Bewegung. Und man liegt und liegt und denkt
nichts, als dass man so liegt und nichts denkt, und dass der Himmel so
blau ist, und dass das die Brandung ist, was so monoton ins Ohr schlägt.
Und plötzlich fängt der Magen an zu knurren, will nicht länger so
liegen, hat Hunger. Aber man hält's eine Weile aus, man liegt gerade so
schön, und dann steht man endlich doch auf, weil der Hunger gar zu gross
wird--das ist eine sehr gesunde Art, den Tag hinzubringen.
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Da bauen sie Buhnen ins Meer, das ganze Jahr hindurch flicken sie daran
herum. Immer der Reihe nach wieder von vorn an. Der blanke Hans schlägt
die Zähne hinein, hat immer Hunger. Da schieben sie ihm so eine Buhne in
den Rachen, da, knabbere dran. Inzwischen schwemmt's an, weht's an, der
Strandhafer hält's fest, das Land wächst, die Dünen wachsen, und der
Hans knurrt dazu. Knurr nur. Hilft dir nichts. Aber dann wird er mal
wild, brüllt, springt ans Land, fuchtelt mit den Armen, und sein langer
weisser Bart weht über den Dünenkamm.
Trutz blanker Hans!
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Also doch! klopft bei mir an, mein Gast. Ich wälze mich schlaflos, steh
auf, wandere umher, horche hinauf. Und oben schläft Fräulein Helga
Lorenzen aus Tönning. Und draussen kichern die Sterne, ein richtiges
Kichern.
Bis neun Uhr hielt der Nebel an, der gesegnete Nebel. Da war's zu spät
für Wenningstedt. Gott sei Dank!
Sie machte den Abendtee, kochte den Morgenkaffee, und war so ganz
unbefangen. Diese schönen Hände. Helle Holstenaugen, klar und klug. Aber
manchmal zittert's so eigen darin, als wollte was aus der Tiefe der
Seele aufsteigen.
Also nicht Tönning, sondern aus Bremen. Nur Verwandte in Tönning. Reiche
Zigarrenfabrikantentochter aus Bremen. Heirat mit einem schneidigen
Assessor aus dem Weg gegangen. Gouvernante, Schauspielerin, jetzt
berufslos. Sie muss also Geld haben. Gage erspart. Übrigens ist sie
mündig und wird über Vermögen zu verfügen haben. Gefällt mir ausnehmend,
dieser Bruch mit der Tabaksfamilie. Dem Assessor davongegangen. Auf
eigenen Füssen, Ibsenweib.
* * * * *
Fräulein Helga gesehen. Wir sehen uns jetzt täglich. Ist das ein
Mädchen! Sie hat Vermögen und will vorläufig "ohne Engagement" leben;
Freiheit, die auch ich meine. Reisen, Einsamkeit, Reisen. Nächstes Jahr
will sie nach Schottland. Wenn sie will, geh ich mit.
16.
Randers sass auf dem Schwedenwrack, und Helga lag zu seinen Füssen im
Sand. Überall lagen die Scherben der gestrandeten Schieferplatten umher.
Helga hatte mit einem Stückchen Muschelkalk Randers Profil auf ein
grösseres Schieferstück mehr gekratzt als gezeichnet.
"Getroffen?"
Sie hielt's ihm hin, und er beugte sich zu ihr hinab.
Er lachte.
"Aber nein!"
Sie lachte mit und schleuderte den Schieferscherben mit kräftigem Wurf
nach den Wellen. Er kam freilich nur halb hin.
"Warum zeichnen Sie garnicht mehr?" fragte er. "Sie haben mir Ihr
Skizzenbuch noch nicht wieder gezeigt."
"Ich bin dieser Dilettanterei satt. Was soll ich hier zeichnen? Das
Meer? Man schämt sich hier seiner Unzulänglichkeiten mehr als anderswo."
"Es ist so," sagte Randers und dachte an die Verse, die er gestern
gemacht hatte und die er gerne vorgelesen hätte. Jetzt verging ihm der
Mut dazu.
"Wollen Sie nie wieder zum Theater zurück?" fragte er.
"Nein, es ist nicht mein Beruf."
"Sollten Sie sich nicht täuschen? Ihre Hedda Gabler gestern--"
"Die habe ich gespielt, mich ganz hineingespielt, und so las ich sie
Ihnen gestern überzeugend. Die liegt mir auch, Ibsen überhaupt. Aber
sehen Sie, es treibt mich nicht, hält mich nicht. Ich habe mir selbst
den Beweis geben wollen, dass ich etwas könne, etwas war es auch Trotz
gegen meine Familie. Aber ich habe kein Theaterblut. Und der Kunst muss
man ganz gehören, mit allen Fasern, wenn man ihr dienen und sich nicht
dabei verlieren will."
Er schwieg einen Augenblick.
"Aber Sie sind doch eine Künstlernatur," sagte er dann.
"Weil ich eine Seele habe?"
"Sie haben doch auch Talent."
"Ja, ein paar Talente. Ich singe, schauspielere. Und weil ich eine
lebendige Seele habe, kommt auch etwas dabei heraus. Andere würden
zufrieden damit sein und sich ein bescheidenes Häuschen mit allerlei
Ruhmesflitter daraus aufbauen. Ich aber will kein Häuschen, ich will ein
Haus mit einem stolzen Turm darauf. Und dazu reicht's nicht."
"Sie sind zu bescheiden."
"Ich kenne mich und richte mich ein.--Und dann hab ich's ja nicht
nötig," setzte sie leiser hinzu.
"Aber Naturen wie Sie müssen doch einen Beruf haben, eine Aufgabe!"
"Das sagen Sie?"
Es klang wie Spott.
Er errötete.
"Ach ich. Ich bin verfehlt, verpfuscht."
"Und wer trägt die Schuld?"
"Ich selbst natürlich."
Sie sagte nichts und malte mit der Hand Kreise in den Sand.
"Etwas natürlich auch die Verhältnisse," setzte er hinzu.
"Die muss man meistern."
"Das geht nicht immer."
"Man muss wissen, was man will und was man kann.
"Und wenn man was will, was man nicht kann?"
"Das ist ja ein grosses Unglück."
"Man kann nichts dafür."
"Na--"
Sie brach kurz ab.
"Sie meinen doch?" fragte er.
"Ja, mit der Zeit muss man doch zur Erkenntnis kommen. Einsehen, was man
ist, wer man ist. Und dann heisst's, seinen Pflock einschlagen, so, hier
wirkst du, hier ist dein Land."
"Wenn aber diese Erkenntnis zu spät kommt?"
"Was nennen Sie zu spät?"
"Nun, so in meinen Jahren."
"Freilich, im Greisenalter."
Sie lachte spöttisch, und er stimmte herzlich ein.
"Also zur Erkenntnis sind Sie doch schon gekommen?" sagte sie etwas
boshaft.
"Dass ich nicht kann, was ich möchte? Ja."
"Was möchten Sie denn?"
Er besann sich einen Augenblick und sagte dann wie im Scherz:
"Heiraten."
Sie lachte laut auf.
"Und warum können Sie es nicht?"
"Weil ich keine Frau finde."
"Die Ihrer wert ist?"
"Die zu mir passt."
"Und, wie muss dies begnadete Wesen geschaffen sein?"
"Ja wenn ich das nur wüsste."
17.
Randers an Gerdsen.
Lieber Freund, wie steht's mit unserm Roman? Für heute nur diese
Anfrage. Ein neues Kapitel fängt an!!
18.
Gerd Gerdsen an Randers.
Lassen Sie endlich von sich hören? Ihr Schweigen war mir rätselhaft.
Also wieder im Netz? Ich glaube, Sie leben ein wenig unserm Roman
zuliebe und stürzen sich deswegen in Unkosten. Wie soll ich Ärmster das
alles bewältigen! Kaum glaube ich, Sie gefasst zu haben, verwandeln Sie
sich proteusartig; oder vielmehr lassen sich verwandeln von irgend einer
Circe. Oder sind Sie konsequent in der Entwickelung? Ist es die
Künstlerin, die Ihnen nach der Aristokratin noch fehlte? Nur dann würde
ich mir weitere Materialien erbitten.
Ich hatte mir schon vorgenommen, Sie im November zu besuchen,
"studienhalber". Sie sollten mir wenigstens die Stelle zeigen, wo Sie
Ihr Blockhaus bauen würden, und ich wollte wenigstens die aufgebrachten
Wellen sehen, die zuletzt ihre Leiche dem erschütterten Leser vor die
Füsse werfen sollen. Eine Blockhausgefährtin aus Fleisch und Bein zu
sehen, darauf hatte ich schon Verzicht geleistet. Und nun ist sie doch
Wirklichkeit geworden.
Lassen Sie mich jetzt aber auch mehr hören. Der Roman stockt. Ich
brauche Dampf. Lassen Sie mich im Stich, muss ich's auf meine Weise
deichseln. Und ob Sie dann zufrieden sein werden?
Kraus genug wird das Ding. Mehr Materialien zu einem Lebensbild als
Roman. Aber Warum muss es denn gerade ein Roman sein? Es wird ein buntes
Buch, und wir wollen zufrieden sein, wenn der Leser gestehen muss, dass
er schon schlechtere Bücher gelesen hat. In Zukunft bin ich übrigens
vorsichtiger in der Wahl meiner Modelle. Ihr Fall wäre etwas für das
Genie eines Cervantes oder für die Psychologie eines Dostojewsky.