(lachend):
Wenn das wahr wäre, müßte man ihr verzeihn.
Mäurer:
Durchaus nicht. Ich hätschele keine Gespenster.
Lucie:
Wenn ich dir nun aber sage, Ottfried: ich weiß nicht, wieso mir hier
alles gespenstisch ist; das Meer am Tage, das ununterbrochene Wuchten
und Brausen der Brandung die ganze Nacht! Die Sterne, die Milchstraße
ist mir gespenstig! Und ich freue mich, daß alles hier so gespenstig
ist! Deshalb lieg ich auch hier an der Mauer so gerne.
Mäurer:
Ich kann dir eine andre Empfindung zugeben, die den meisten Menschen
abhanden gekommen ist: das klare Gefühl, das sich hier ununterbrochen
meldet, daß hinter dieser sichtbaren Welt eine andre verborgen ist. Nahe
mitunter, bis zum Anklopfen. Dieses Gefühl soll dir, wenn du das meinst,
erlaubt sein, Schusterchen. Im übrigen aber bin ich für dich
verantwortlich, und ich habe eigentlich, als ich dich mit hierher nahm,
nicht den Gedanken gehabt, dich in trübe Vorstellungskreise
zurückzuverwickeln.
Lucie:
Du meinst, daß mir das Träumen von Mutter was Trübes ist?
Mäurer:
Mit offenen Augen soll man nicht träumen; am hellichten Tage träumt man
nicht. Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, daß alle diese Gespenster
Blut trinken. Und das auf die Dauer auszuhalten, haben wir alle nicht
Blut genug.
Lucie:
Du irrst dich, wenn du meinst, daß mir der eigentümliche Zustand, dem
ich so gern hier nachhänge, schädlich ist. Er wirkt angenehm; er ist mir
wohltätig. Es ist ungefähr so, als wenn jemand durch eine Tür in
unbekannte Räumlichkeiten gegangen ist, und während die Tür sich öffnet
und schließt, folgt man ihm mit dem Blick und der Seele ein Stück ins
Unbekannte hinein.
Mäurer:
Ich weiß, wie sehr dieser Zustand verlockend ist ... dieser
Zwischenzustand, könnte man sagen, wo das Schemenhafte sich überall ins
reale Leben mischt; wo man mit einem Fuß auf der Erde steht und mit dem
andern im Übersinnlichen. Und doch schaudert der Mensch vor dem Eindruck
von Todesfällen und den damit verknüpften aufwühlenden Folgezuständen
ganz vernünftigerweise zurück.
Lucie:
Es ist mir heiter, es ist mir nicht aufwühlend. Ich wiege mich einfach
in dem bestimmten Bewußtsein, daß ich mit Mutter verbunden bin. -- Es hat
außerdem alles um mich etwas eigentümlich Interimistisches. Ich weiß
nicht, ich glaube nicht, daß das alles: das Rauschen, das Licht, das
Lerchengetriller endgültig ist.